Wie schaffen die das bloss?

Eiagentlich hatte ich mir ja den heutigen Feiertag etwas anders vorgestellt. Zwar bin ich, – obschon ein gläubiger Mensch, – mit keiner Faser meines Wesens katholisch. Ausserdem muss ich jedes Jahr aufs Neue nachlesen, was an Fronleichnam eigentlich gefeiert wird, weil ich es immer wieder vergesse. Dennoch achte ich streng darauf, diesen Feiertag würdig zu begehen, zumindest was das Nichtstun betrifft. Was gibt es Schöneres, als die Ruhe im Garten zu geniessen, wenn alle meine katholischen Nachbarn zur obligaten Einkaufs-Prozession nach Aarau gepilgert sind und die, die zu Hause geblieben sind, den Rasen nicht mähen dürfen?

Doch ausgerechnet heute musste „Meiner“ trotz seines freien Nachmittags nochmals zur Arbeit fahren. Im Ostaargau scheren die sich eben einen Dreck um unsere Feiertage. Wenigstens nahm „Meiner“ die drei Grossen mit. Dann eben Fronleichnam mit den zwei Kleinen. Könnte ganz entspannend sein, dachte ich.

Entspannend? Habe ich denn schon vergessen, wie es ist, mit einem Baby und einem Zweijährigen allein zu sein? Ganz ohne die grossen Geschwister, die als zuverlässige Wachposten jeden Fehltritt des Zoowärters melden. Kaum ist „Meiner“ mit den drei Grossen weggefahren, geht es los. Zuerst einmal ist das Telefon dran. Der Zoowärter rennt damit durch die ganze Wohnung und drückt wahllos Knöpfe.  Mit dem vollen Breilöffel des Prinzchens bewaffnet, renne ich dem Zoowärter nach, doch schon bald muss ich aufgeben, denn das Prinzchen  schreit herzerweichend seinem Brei hinterher. Das Telefon finde ich erst Stunden später wieder, als es leise unter des Prinzchens Bettdecke schellt.

Schnell wird mir klar, dass heute nichts wird mit Faulenzen im Garten. Also Kinderzimmerräumen. Aber ich habe nicht mit dem Prinzchen gerechnet, der seit einigen Tagen schon ziemlich weit herumkommt. All die kleinen Gegenstände, die vor einer Woche noch keine Gefahr waren für ihn, sind heute eine lebensgefährliche Falle. Somit ist auch die Aufräumaktion schnell beendet. Zumindest die aussortierte Ware in den Keller zu transportieren sollte jedoch möglich sein. Denkste! Als ich wieder oben angekommen bin, hat der Zoowärter den Küchenboden mit einer klebrigen Mischung aus Teigwarenmehl und Putzwasser verziert. Also ab zum Säubern. Der Kleine möchte aber lieber weiter schmieren, kriegt einen Wutanfall und erbricht vor lauter Schreien das ganze Mittagessen auf den Fussboden. Schreiendes Kind duschen, Boden putzen, schreiendes Kind in saubere Kleider stecken, Prinzchen wickeln und dann erschöpft aufs Sofa sinken. Für genau dreissig Sekunden. Denn inzwischen hat der Zoowärter einen Schmetterling aus rosarotem Seidenpapier in die Finger gekriegt. Unglaublich, was für schöne Flecken dieser Schmetterling auf den unversiegelten Holzboden  zaubert, wenn er nass ist! Dies zumindest findet der Zoowärter.

Nach drei Stunden mit den beiden Kleinen bin ich mit den Nerven am Ende. Und so erschöpft, dass ich am liebsten gleich ins Bett sinken würde. Doch der Tag ist noch lange nicht zu Ende. Wie schaffen das die anderen Mütter, frage ich mich? Diejenigen, die keine grösseren Kinder haben, die lauthals schreien, sobald der Kleine im Begriff ist, eine Dummheit zu begehen? Hätte ich „nur“ zwei Kinder, ich wäre wohl schon längst durchgedreht…

Und noch eine Frage bleibt: Wo um Himmels Willen hat der Zoowärter die elektrischen Zahnbürsten versteckt?!

Mehr von Kutteln und Buchstaben. Und von Zahlen

Okay, ich geb’s zu. Es war eine masslose Übertreibung, zu behaupten, ich wüsste schon, wie man ein störrisches Kind dazu bringt, Kutteln zu essen (Siehe „Was soll ich getan haben?“). Ich habe keinen blassen Schimmer und ich will auch keinen haben. Denn würden meine Kinder Kutteln essen, wer müsste dann wohl die Scheusslichkeit kochen? Und gewissen Scheusslichkeiten muss man trotz aller Weltoffenheit den Zutritt zur Küche verwehren. Immerhin bin ich überzeugte Vegetarierin. Sollte ich also je meine Kinder beim Kuttelnessen erwischen, werden sie sofort enterbt. Was sie allerdings nicht davon abhalten wird. Zu erben gibt es bei mir ohnehin bloss ein paar Mikrofasertücher, einen Stapel Bücher und ein paar Blogeinträge, die meine Kinder doof finden werden.

Was mich zum Thema führt, über das ich eigentlich schreiben wollte. Ich zerbreche  mir nämlich seit Stunden den Kopf, weshalb ich mir darüber den Kopf zerbrechen muss, wie man kleine Kinder das Alphabet lehrt. Man könnte doch meinen, dass jemand, der jede freie Minute mit Lesen und Schreiben zubringt, das einfach so mit Links tut. Doch es scheint, dass man das, was einem einfach so in den Schoss gefallen ist, nicht weitergeben kann. Man hat sich ja nichts erarbeiten müssen und deshalb weiss man auch nicht, auf welchem Weg man es sich angeeignet hat. Hat man sich hingegen etwas mit viel Mühe erkämpfen müssen, verfügt man über eine ganze Menge von Tricks, wie man sich das Unverständliche doch noch halbwegs verständlich machen kann.

Vielleicht sollte ich Mathematiklehrerin werden. Nur könnte ich dann nicht garantieren, dass die Resultate auch stimmen

Warnung vor dem fremden Fötzel

Ich bin mit einer Wetterfahne verheiratet. Das weiss ich, seitdem ich heute Nachmittag diesen Leserbrief gelesen habe. Da schreibt einer, der sich als Schweizer „und zwar mit dem  Herzen und nicht bloss auf dem Papier“ bezeichnet, Doppelbürger seien Windfahnen. Ich weiss zwar nicht genau, was eine Windfahne sein soll. Bis anhin waren mir eher die „Wetterfahnen“ oder die „Fahnen im Wind“ bekannt. Doch einer, der schreibt, er könne seine Ahnengalerie bis ins Jahr 1689 zurückverfolgen, wird’s wohl besser wissen. Er ist ja auch kein Landesverräter wie ich, die ich der schnöden Liebe wegen einen Ausländer geheiratet und ihm dadurch die erleichterte  Einbürgerung ermöglicht habe.

„Doppelbürgern fehlen zwei ganz wichtige Eigenschaften“, schreibt er weiter. Nun, „Meiner“ hat in meinen Augen mehr als zwei Mängel, doch schauen wir mal, was ihm denn im Besonderen fehlen soll. Als Erstes nennt der Schreiber die „Entscheidungskraft für die Wahlheimat“. Ach so, darum trinkt also „Meiner“ lieber Latte Macchiato anstelle von Nescafe. Jetzt verstehe ich endlich. Und wegen der fehlenden Entscheidungskraft mangle es Doppelbürgern auch an Treue. Auf den ersten Blick fällt mir „Meiner“ nicht als besonders treulos auf. Aber wenn ich mir die Sache länger überlege, kommt mir in den Sinn, dass „Meiner“  ganz eindeutig Mühe hat damit, immer derselben Chipsmarke treu zu bleiben. Und das ehemals heiss geliebte Schoko-Mokka-Joghurt verschmäht er auch, seitdem die Migros die Rezeptur verändert hat.

Doppelbürger seien „in politischen Ämtern gar eine Gefahr für die erprobte und bewährte schweizerische Eigenart“, lese ich weiter. Himmel, wenn ich gewusst hätte, auf welche Gefahr ich mich da einlasse, hätte ich einen echten Schweizer, einen „mit dem Herzen“ geheiratet. Nun, jetzt ist es schon zu spät und da „Meiner“ und ich trotz seiner verräterischen Doppelbürgerseele sehr gut harmonieren, bleibt mir nur noch Eines: Mit allen Mitteln verhindern, dass er je ein politisches Amt ausübt. Wie könnte ich es verantworten, dass sich ein treuloser,  entscheidungsschwacher fremder Fötzel plötzlich in die Geschicke unseres Landes einmischen kann, bloss weil er sich dank meiner Hilfe den Roten Pass erschlichen hat?

Was mich an der ganzen Sache allerdings stutzig macht: Warum ist mir in all den Jahren, die ich mit „Meinem“ bereits verbracht habe, nie aufgefallen, mit welch übler Kreatur ich mein Leben teile? Vermutlich verbirgt sich irgendwo in meiner Ahnengalerie ein Doppelbürger. Denn wäre ich eine wahre Eidgenossin, wären mir die Treulosigkeit und Entscheidungsschwäche meines Gatten nicht bis heute verborgen geblieben.

Geschichtslektion

„Zwanzig Jahre ist das erst her!“, entfährt es mir bei der Zeitungslektüre, als ich auf einen Bericht über den Mauerfall stosse. Karlsson will wissen, wovon ich rede. Ich beginne zu erzählen, wie das damals war. Wie man uns Kindern von den bösen Russen erzählte, wie eine Familie im Dorf ihre Kinder im Luftschutzkeller übernachten liess, weil die Eltern Angst hatten vor einem Atomkrieg. Ich versuche, ihm zu erklären, warum der Kommunismus nicht funktionieren konnte und weshalb es nicht so einfach war, sich gegen das Regime zu wehren. Um ihm klarzumachen, dass es hier um Menschen ging, male ich ihm vor Augen, wie schlimm es gewesen sein muss, als die Mauer Familien für Jahre trennte.

Und dann erzähle ich Karlsson von  jenem unvergesslichen Moment, als ich als Fünfzehnjährige am Fernsehen die Bilder vom Mauerfall sah. Plötzlich ist sie wieder da, die Gänsehaut von damals. Das Staunen darüber, dass man plötzlich nach Prag reisen konnte und dass die Russen von einem Tag auf den anderen nicht mehr nur ein Volk von bösen Christenverfolgern waren. Ist doch Wahnsinn, denke ich, ich bin noch so jung und habe schon so viel Geschichte mitbekommen.

Karlsson hört sich mein Geschwätz an und betrachtet dabei eingehend das Bild vom Mauerfall in der Zeitung. Plötzlich fragt er mich: „Mama, warum ist das Bild in Farbe? Farbbilder gab es doch noch gar nicht, als du ein Kind warst.“ „Farbbilder gab es sehr wohl in meiner Kindheit. So alt bin ich noch nicht“, entrüste ich mich. „So alt siehst du aber aus“, gibt er zur Antwort. Und zum Unterstreichen, dass er nicht bloss frech sein will, sondern sich nur um mich sorgt, schiebt er noch nach: „Man sieht schon wieder deine grauen Haare. Du musst zum Coiffeur.“

Hat das Kind denn kein Gespür für grosse historische Momente?

Immer diese Schuhe!

Dass heute nichts mehr für die Ewigkeit hergestellt wird, ist auch mir klar. Aber länger als eine Stunde sollten neue Kindersandalen schon halten. Oder hänge ich hier einem altmodischen Ideal nach, das von unserer Wegwerfgesellschaft schon längst zu Tode getrampelt worden ist?

Als ob der Schuhkauf mit vier mittelgrossen bis kleinen Kindern und einem übermüdeten Baby nicht schon kompliziert genug wäre! Luise, die Barbie inzwischen auch bei der Schuhmode abgeschworen hat, findet nichts, dass feminin genug und trotzdem nicht kitschig ist. Der Zoowärter will nicht begreifen, weshalb er die wunderschönen Sandalen noch einmal ausziehen muss, damit man sie bezahlen kann. Karlsson findet einzig ein Paar Gummistiefel, das ihm zusagt. Und das bei 33 Grand Hitze. Der Einzige, der vor lauter Glück strahlt, ist der FeuerwehrRitterRömerPirat. Er hat Sandalen mit Totenköpfen drauf gefunden. Mama und Papa haben sogar ja gesagt dazu. Doch auch der FeuerwehrRitterRömerPirat strahlt nicht lange. Kaum haben wir das Geschäft verlassen, will er die neuen Schuhe anziehen. Doch er kommt keinen Schritt weit damit, schon reisst der Riemen. Nun ja, von „Made in China“ ist  wohl nicht viel mehr zu erwarten.

Also geht „Meiner“ mit den drei Kleinen zurück zum Umtauschen, während ich mit den Grossen ein anderes Schuhgeschäft aufsuche. Nach dem „Made in China“-Debakel bestehe ich natürlich auf Qualität. Jetzt wird Markenware gekauft. Schon bald darauf stehe ich, um 130 Franken ärmer, mit zwei überglücklichen Kindern vor dem Geschäft. Doch auch dieses Glück währt nicht lange. Kaum zu Hause angekommen, heult Karlsson, als hätte ihn jemand verprügelt. Der Riemen an seinen „Qualitätsschuhen“ ist gerissen. Karlsson ist untröstlich und ich muss ihm hoch und heilig versprechen, die Sache gleich heute früh in Ordnung bringen zu lassen.

Also zurück ins Schuhgeschäft. Dort habe ich die Freundlichkeit in  Person vor mir. „Ja?!“, raunzt mich die Verkäuferin an, nachdem sie in aller Seelenruhe drei Paar Kinderschuhe ausgepackt, begutachtet und wieder eingepackt hat. Ich schildere ihr mein Problem, worauf sie mir wortlos einen Zettel und einen Kugelschreiber über den Verkaufstisch schiebt. Was sie denn nun vorhabe, will ich wissen. „Na, die Schuhe zurücknehmen und ihnen das Geld zurückerstatten, was denn sonst?“ Ob es denn nicht möglich sei, den Schuh zu reparieren, frage ich. Immerhin ist bloss eine Naht von etwa einem Zentimeter Länge aufgerissen. „Nein, wir reparieren keine Schuhe. Die werfen wir weg und ein gleiches Paar kann ich nicht bestellen“, erklärt sie mir.

Aber Karlsson will genau diese Sandalen und keine anderen! Und ausserdem wäre es eine Schande, sie wegzuwerfen. Ich beginne der Verkäuferin zu erzählen, wie meine kleiner lieber Karlsson gestern Abend in Tränen aufgelöst war. Wie unglücklich er sein würde, wenn ich ohne seine wunderschönen Römersandalen nach Hause käme. Und siehe da,  die Frau hat ein Herz! Wenn ich ihr die Quittung des Schuhmachers bringe, werde sie mir den Betrag zurückerstatten, verspricht sie. 

Also weiter, zu Mister Minit. Zehn Minuten später ist der Schuh geflickt, das Schuhgeschäft erstattet mir die horrenden Reparaturkosten von 7 Franken 50 und Karlsson strahlt wieder. Zumindest bis der nächste Riemen reisst.

Ein Zettel? Was für ein Zettel?

Ob sie meinen Zettel nicht gesehen hätte, wollte ich von ihr wissen. „Welchen Zettel denn?“, fragte die Fünftklässlerin. „Da war kein Zettel“. Doch doch, ich hätte ihn um elf Uhr noch an die Tür des Kirchgemeindehauses gehängt. Darauf sei gestanden, der Mittagstisch finde heute bei Vendittis statt. „Nein, da war kein Zettel“, beharrt sie. Und sie ist ziemlich verstimmt. Ist ja auch verständlich. Musste sie doch bei dieser Hitze durch das halbe Dorf rennen, um herauszufinden, wo sie heute ihr Mittagessen bekommt.

Sie beharrt so lange auf ihrer Behauptung, da sei kein Zettel gewesen, dass ich schliesslich an mir selber zu zweifeln beginne. Ich erinnere mich zwar noch genau, wie ich, wiedermal barfuss, zum Kirchgemeindehaus gerannt war. Wie ich den Zoowärter und das Prinzchen volle zwei Minuten alleine zu Hause lassen musste und deswegen furchtbar nervös gewesen war.  Wie dann die beiden anderen Mittagstisch-Kinder zu uns gekommen waren und wissen wollten, wo denn die Fünftklässlerin sei. Ob sie wohl meinen Zettel nicht gesehen hätte?

Bilde ich mir das wirklich alles nur ein? Oder habe ich es hier mit einem jener Kinder zu tun, die nie und nimmer an sich selber zweifeln, auch wenn alle Fakten gegen ihre Darstellung sprechen? Wenn das Zweite der Fall ist, bleibt für mich nur eine Frage: Wie um alles in der Welt verhindert man, dass die eigenen Kinder auch so werden?

Back to Hermann…

Da wären wir wieder! Vier Tage ohne Kochen, Abwaschen, Aufräumen und du fühlst dich wie neugeboren. Die Kinder so beschäftigt mit dem Beobachten von Kaulquappen, dem Herumstrolchen mit Freunden und dem Knüpfen von Freundschaftsbändern, dass du sie erst spät abends wieder siehst, wenn du sie kaum wiedererkennst, weil sie so schmutzig sind. Stunden voller Gespräche mit Menschen, die aus dir völlig fremden Kulturen stammen. Zum Beispiel aus einem Einpersonenhaushalt, einer Studenten-WG oder einem Empty-Nest. Dann wieder Austausch mit Eltern, die Tagein Tagaus den gleichen Wahnsinn erleben wie du. Nach solchen Tagen fühlst du dich, als wärst du fünf Wochen weg gewesen.

Wenn du dann zu Hause die Wäscheberge vor dir siehst, bist du sicher, dass es ein halbes Jahr war. Wie hat sich das kleine bisschen Ersatzkleidung in einen solchen Haufen Wäsche verwandeln können? Wir haben doch fast gar nichts mitgenommen. Dazu brauchen dich der halb verdurstete Garten, der volle Geschirrspüler, die Rechnungen, fünf traurige Kinder, die noch nicht  nach Hause wollten. Und natürlich Hermann.

Nein, Hermann ist nicht unser neues Haustier. Auch nicht unser sechstes Kind. Hermann ist, wie alle echten Hausfrauen und Hausmänner wissen, der Sauerteig, der sich rascher vermehrt als wir Vendittis. Hermann ist ein ganz anständigerKerl, doch leider braucht er fast noch mehr Zuwendung als unser Prinzchen. Zärtliches Umrühren jeden Tag (bitte auf keinen Fall mit einer Metallkelle!) und üppiges Essen alle paar Tage (nur die erlesensten Zutaten!) damit aus ihm nach zehn Tagen ein luftiger Kuchen wird.

Eigentlich habe ich Hermann inzwischen ins Herz geschlossen. Aber muss er mich ausgerechnet heute so traurig anschauen? Als hätte er es kaum ausgehalten so ganz alleine zu Hause? So, als hätte er auch Kaulquappen fangen wollen? So, dass ich einfach gezwungen bin, ihn zu einem Kuchen zu verarbeiten? Ja, Hermann muss und deshalb bleibt alles andere vorerst einmal liegen.

Möchte noch jemand ein Stück Kuchen?

Prägendes Erlebnis

Karlssons erster Auftritt mit der Geige ist natürlich ein wichtiges Erlebnis. Und so ist es auch keine Frage, dass die ganze Familie, inklusive Grossmutter mütterlicherseits, dabeisein muss. Karlssons „George got out of bed too late“ dauert zwar nur knappe 30 Sekunden, doch natürlich ist Karlsson trotzdem prächtig nervös.

Dafür aber halten sich seine Geschwister erstaunlich ruhig. Der Zoowärter, ein bekennender Bach-Liebhaber („Findsch schön du dä musig!“) lässt das Programm ziemlich gelangweilt über sich ergehen. Den Auftritt des grossen Bruders nimmt er mit einem gewissen Stolz zur Kenntnis, doch der Rest interessiert ihn nicht. Plötzlich aber hält er es nicht mehr auf seinem Stuhl aus. Völlig ergriffen und mit offenem Mund steht er da, als ein Schwyzerörgeli-Trio „An den Ufern des Mexico Rivers“ spielt.

Es bleibt zu hoffen, dass durch dieses prägende Erlebnis des Zoowärters Musikgeschmack nicht für immer ruiniert ist.

Einer ist immer in der Opposition

Ein volles Jahr lang liess sich der FeuerwehrRitterRömerPirat zu nichts bewegen, was wir von ihm wollten. Das vormals lammfromme Büblein schaltete auf stur, egal, ob es darum ging, die Zähne zu putzen, sein Zimmer aufzuräumen oder einen Bissen von seinem Mittagessen zu probieren. Es half kein Flehen, kein Drohen, kein Dessert-Entzug. Der FeuerwehrRitterRömerPirat war in der Opposition. Von seiner Sturheit hätte die SVP noch so Manches lernen können.

Dann plötzlich, von einem Tag auf den anderen, war alles  anders. Die Mama forderte ihn auf, sich anzuziehen und machte sich innerlich bereit für den gewohnten Kampf. Doch einen Augenblick später stand ein fertig angezogener FeuerwehrRitterRömerPirat da und putzte sich unaufgefordert auch noch die Zähne. Kein Kampf, kein Streit, kein Flehen auf den Knien. Himmlisch!

Dieser Zustand währte genau zwei Tage, dann trat Luise in die Opposition. Ein falsches Wort, ein harmloses Nein und schon knallte sie die Türen und schrie, dass die Wände wackelten. Man wusste nie genau, wann der Vulkan wieder ausbrechen würde, zitterte innerlich vor der nächsten Katastrophe. Doch so langsam scheint sich Luise wieder etwas zu beruhigen.

Zeit, dass Karlsson mal wieder den Aufstand probt. Ausgerechnet Karlsson, der sich in den letzten Monaten zu einem wirklich vernünftigen Kind entwickelt hatte, mit dem man Konflikte ganz zivilisiert durch lange Gespräche lösen konnte. Plötzlich fliegen die Fetzen, weil die Lieblingshose noch nicht gewaschen ist. Die Mama wird angebrüllt, weil sie es wagt, ihn darauf aufmerksam zu machen, dass es Zeit sei, in die Schule zu gehen und die Schwester bekommt eins übergebraten, weil sie es wagt, ihn schräg anzusehen.

Der FeuerwehrRitterRömerPirat beobachtet die Anfälle seiner Geschwister mit totaler Gelassenheit. Wie können die nur so stur sein? Es ist doch viel einfacher, zu tun, was die Eltern von einem wollen. Er, der uns mit seiner Opposition bis vor Kurzem täglich unzählige Male auf die Palme trieb, scheint jetzt das Wörtchen „Nein“ aus seinem Wortschatz gestrichen zu haben.

Wenn das so weiter geht mit ihm, wird er mal ein erfolgreicher Politiker.

Kunst

Es ist sein bis anhin bestes Werk. Man sieht, dass er sich so richtig ins Zeug gelegt hat. Diese schwungvolle Eleganz des Piratenschiffes, der Ausguck hoch oben auf dem Masten und dann natürlich die beiden grimmig grinsenden Piraten. Dem Betrachter des Bildes läuft es kalt über den Rücken. Das soll dem FeuerwehrRitterRömerPiraten mal einer nachmachen. Und sein eifriger Schüler, der Zoowärter, hat für die passende Umrahmung gesorgt. Mit seinen grossflächigen abstrakten Mustern verleiht er dem realistischen Meisterwerk einen modernen Touch.

Wer möchte, darf das Bild gerne in unserem Wohnzimmer bewundern, denn der Transport in eine Galerie gestaltet sich etwas schwierig. Leider ist das Wek noch unverkäuflich, denn irgendwo müssen  wir auch noch sitzen. Die beiden Künstler haben nämlich instinktiv gespürt, dass nur eine ganz besondere Leinwand ihr Meisterwerk so richtig zur Geltung bringt: Das knallorange „Klippan“- Sofa, das vor einem halben Jahr bei uns eingezogen ist. Als wahre Künstler haben sie natürlich auch dafür gesorgt, dass ihr Werk unsterblich ist. Alle bisherigen Versuche von uns Kulturbanausen, es zu entfernen, sind fehlgeschlagen. Und so bleibt uns nichts anderes übrig, als mit dem Werk so richtig Kohle zu machen, damit wir bald ein neues „Klippan“ anschaffen können. Kennt vielleicht jemand einen gewieften Agenten, der uns bei der Vermarktung unserer beiden Nachwuchskünstler hilft?