Komm, Herr Knigge, sei unser Gast!

So langsam wird es peinlich. Kaum sind die vier Mittagstischkinder eingetroffen, legen unsere Kinder ihr übelstes Verhalten an den Tag. Eigentlich sollte der Mittagstisch ja dazu da sein, dass Kinder, deren Eltern nicht zu Hause sind, in aller Ruhe eine vollwertige Mahlzeit geniessen können. Bei uns müssen sie hoffen, dass sie bei all dem Chaos der Reality-Soap überhaupt noch einen Bissen runter bekommen. Zumindest eines der Kinder traut uns bereits von Anfang an nicht so recht. Wo sie ihren selbstgebastelten Korb versorgen könne, will sie von mir wissen. „Ich möchte nicht, dass er dreckig wird“, erklärt sie mir. Nun, eigentlich könnte es mir ja egal sein, was sie von mir und meinen Haushaltskünsten hält. Doch da meine eigenen Kinder noch ein paar Jahre vom Pubertieren entfernt sind, lasse ich mich durch einen herablassenden Teenager-Blick noch ziemlich aus dem Konzept bringen.

Nachdem alle Gäste ihre Sachen vendittisicher zwischengelagert haben, wollen wir essen. Zeit, dass das Prinzchen loslegt. Zuerst quengelt er, dann klammert er sich mit aller Kraft an den vollen Teller, den ich einem Kind reichen will. Schliesslich brüllt er los, weil ich den Teller seiner Gewalt entwunden habe. Und zwar brüllt er so laut, dass ich meine eigenen Erklärungen, weshalb das Prinzchen plötzlich so wild sei, nicht mehr verstehe. Schnell ab ins Bett mit dem Kind, sonst fühlen sich unsere Gäste nicht wohl.

Doch kehrt jetzt Ruhe ein? Mitnichten. Karlsson angelt sich sämtlichen Mozzarella aus der Insalata Caprese, verschmiert dabei den ganzen Tisch mit Salatsauce, schaukelt auf seinem Stuhl vor und zurück und schnauzt mich an, als wäre er plötzlich mitten in der Pubertät angekommen. Nach zwanzigmaligem Zurechtweisen gibt er endlich Ruhe und gibt damit die Bühne frei für Luise. Diese stochert lustlos in ihrem Essen herum, streut haufenweise Reiskörner über den frischgeputzten Boden und rennt mit der Gabel in der Hand davon, als ich sie auffordere, ihren Teller leer zu essen. Vor lauter Zurechtweisen und Ermahnen komme ich kaum zum Essen, geschweige denn zu einer vernünftigen Unterhaltung mit den Gästen. Diese sitzen betreten da und schauen hin und wieder verstohlen auf die Uhr, um herauszufinden, wann sie dieses Irrenhaus endlich verlassen können.

Die Zeit ist schon fast um, da setzt der Zoowärter der Sache  das Sahnehäubchen auf. Kaum hat er sein riesiges Mokka-Cornet fertig in sich hineingestopft, erbricht er sein gesamtes  Mittagessen und die Hälfte des Frühstücks auf den Fussboden. Entsetzt starren die Gäste auf das würgende Kind und als der Kleine seinen Magen vollständig  entleert hat, machen sich alle vier mit fadenscheinigen Begründungen frühzeitig aus dem Staub. Sollte die Schönenwerder Geburtenrate in acht bis zwölf  Jahren plötzlich auf null absacken, übernehme ich die volle Verantwortung dafür.

Sobald die  Tür hinter den Gästen ins Schloss gefallen ist, sitzen vier lammfromme Venditti-Kinder am Tisch und schauen mich an, als könnten sie kein Wässerchen trüben. Ich glaube, Gespenster zu sehen. Wohin sind die Rabauken von vorhin verschwunden? Und wer sind die vier Engel, die mich ganz erstaunt anschauen, als ich ihnen erkläre, ein solches Verhalten  könne ich beim nächsten Mittagstisch nicht mehr dulden? „Aber was hast du denn Mama? Wir sind doch ganz lieb!“

Ach und übrigens: Der FeuerwehrRitterRömerPirat verhielt sich die ganze Zeit über erstaunlich ruhig. Er wartete, bis die grossen Geschwister gegangen und die kleinen Geschwister am Schlafen waren, bevor er den Wohnzimmerboden mit frischem Aprikosenmus beschmierte.

Turbulenzen

War das wieder ein Auftritt! Mit der gesamten Meute am Samstag ans Schulhausfest zu gehen, ist doch immer wieder ein Erlebnis. Anfangs langweilen sich die drei Grossen ein wenig, doch dann beschliessen sie, sich mit dem Bemalen von Fahnen die Zeit zu vertreiben. Während Luise und Karlsson mal schnell ein Haus hinkleckern, konzentriert sich der FeuerwehrRitterRömerPirat auf sein Segelschiff. Hingebungsvoll mischt er die Farben, trägt Schicht um Schicht auf den Stoff auf. Ein wirklich schönes Schiff entsteht.

So langsam beginnen sich Karlsson und Luise zu langweilen und wollen weiterziehen. Doch der FeuerwerRitterRömerPirat lässt sich nicht beirren, malt weiter und weiter. So langsam verwandelt sich das schöne Segelschiff in einen etwas weniger schönen braunen Fleck mit zwei Masten. Karlsson macht sich derweilen mit einem Freund aus dem Staub, Lusie quengelt, sie wolle sich jetzt ihr Gesicht schminken lassen. Also bleibt „Meiner“ beim Künstler, während ich Luise zum Schminken begleite. Als wir eine Viertelstunde später zurückkommen, ist der FeuerwehrRitterRömerPirat noch immer in sein Meisterwerk vertieft, die Fahne  dick mit brauner Farbe verschmiert. Und er will immer noch nicht weg! Erst die Aussicht auf einen Mohrenkopf, den er sich herbeischiessen kann, überzeugt ihn schliesslich davon, dass er den Pinsel doch zur Seite legen könnte. War aber auch Zeit. So langsam begann die Fahne auszusehen, als hätte sich jemand darauf erleichtert.

Nachdem sich alle die Gesichter mit Schokoköpfen beschmiert haben, will sich der Zoowärter nun  das Gesicht auch noch schminken lassen. Doch dem FeuerwehrRitterRömerPirat wird das Warten bald zu langweilig und deshalb beginnt er, das Prinzchen zu ärgern. Dieses zappelt mit den Beinchen, verliert seine Socken, was ein paar Grossmütter zu missbilligendem Kopfschütteln veranlasst. Schaut denn niemand, dass dieses Baby Socken an die Füsse bekommt? (Natürlich nicht. Ein echter Venditti geht barfuss!)

Endlich hat sich der Zoowärter in einen Tiger verwandelt. Zeit für einen Hot Dog. Aber wo ist Karlsson? Verschwunden und zwar im strömenden Regen. Mitfühlend wie ich bin, erstehe ich ihm dennoch einen Hot Dog, stopfe das vor Ketchup triefende Ding in meine Tasche (sonst sieht mich noch jemand damit!) und renne über den Pausenhof, um meinen armen nassen Karlsson zu suchen. Irgendwann wird mir die Sache zu nass und „Meiner“ hat das zweifelhafte Vergnügen, Karlssons Hot Dog zu verspeisen.

Weil der Zoowärter sein Tigergesicht mit Ketchup verschmiert hat, beschliessen wir aufzubrechen. In letzter Minute taucht Karlsson auf. Pudelnass und pappsatt. Seinen Hot Dog hat hat ihm die Familie seines Freundes spendiert. Währenddem wir Karlsson erleichtert in Empfang nehmen und noch ein wenig über Gott und die Welt und die Dorfpolitik plaudern, gönnen sich der FeuerwehrRitterRömerPirat und der Zoowärter ein Bad in der Pfütze. Ist ja  nicht weiter schlimm. Das hat Mama ja auch gemacht, als sie klein war. Als wir aber das nächste Mal hinsehen, liegt der Zoowärter bäuchlings in der Pfütze und trinkt. Hat das arme Kind denn keine Eltern, die ihm etwas zu Trinken spendieren?! Wie verzweifelt muss ein Kind sein, dass es aus einer Pfütze trinkt?

Jezt ist es endgültig Zeit, zu verschwinden. Sonst fordert man uns unauffällig dazu auf, nun endlich zu gehen.

Erklärungsnotstand

Was mache ich denn jetz bloss? Karlsson und der FeuerwehrRitterRömerPirat werden mich vierteilen, wenn ich ihnen gestehe, dass ich ohne die blaue Sammelkleberpackung aus der Migros nach Hause gekommen bin. Und das ist noch nicht das Schlimmste. Luise hat ihn nämlich schon, diesen scheusslichen Siegelsticker hat. Dabei ist ihr Sammelalbum noch gar nicht voll. Wenn nicht ein Wunder geschieht, wird dies die geschwisterlichen Beziehungen auf Jahre hinaus trüben.

Was nützen mir die fünffachen Cumulus-Punkte, die ich mir heute im Schweisse meines Angesichts inmitten von kaufwütigen Senioren erkämpft habe? Was nützt es mir da, dass ich zehn grüne Sammelpäckchen bekommen habe, dass ich den äusserst raren Zipfelfrosch in fünffacher Ausführung habe, dass ich sogar alle Lücken im Album des FeuerwehrRitterRömerPiraten geschlossen habe?  Wenn der Siegelsticker fehlt, hat alles Sammeln keinen Sinn mehr. Und die Verkäuferin konnte mir auch nicht weiterhelfen. Die nahm zwar bereitwillig das quengelnde Prinzchen auf den Schoss und scannte einhändig meinen ganzen Warenberg ein. Doch auf eine Frage, ob sie nicht noch blaue Stickerpäckchen  hätte, schüttelte sie nur bedauernd den Kopf und reichte mir das Prinzchen zurück.

Vielleicht tauche ich für ein paar Wochen ab. So lange, bis der schlimmste Zorn meiner beiden grossen Buben verraucht ist. Ihre Erleichterung, dass Mama wieder da ist, wird so gross sein, dass sie bei meiner Rückkehr keinen Gedanken mehr an den fehlenden Siegelsticker verschwenden werden.

Vielleicht aber warte ich auch mit Abtauchen, bis klar ist, ob die Migros nicht noch Siegelsticker nachdrucken lässt.

Bitte nicht loben

Jawohl, das meine ich ernst! Es ist doch einfach zum Heulen. Die Kinder legen ihr bestes Benehmen an den Tag, zeigen sich von ihrer besten Seite und du freust dich, dass du offenbar doch nicht alles falsch gemacht hast. Weil du solche Freude hast und du weisst, wie wichtig Lob für Kinder ist, sagst du ihnen, wie stolz du auf sie bist und wie toll du es findest, dass sie ihre Sache so gut machen. Du lobst was das Zeug hält. Und welche Schlussfolgerung ziehen die lieben Kinderlein daraus? Sie denken, sie hätten alles falsch gemacht, hätten sich daneben benommen, und sie glauben, dir zeigen zu müssen, dass sie auch anders können.

Heute war wiedermal so eine Situation. Die Nonna hat Lust in die Stadt zu gehen, also ziehen wir alle zusammen los. Ein kurzer Streifzug durch die Läden, ein etwas längerer über den Markt. Die Kinder benehmen sich tadellos, kaufen  sich mit dem von der Nonna spendierten Fünfliber Knoblauchwürste und hausgemachten Himbeersirup anstelle von Süssigkeiten. Zur Belohnung gibt’s ein Mittagessen im Migrosrestaurant. Auch hier führen sich die lieben Kleinen tadellos auf (zumindest, nachdem sie vor vollen Tellern sitzen). Einzig der etwa einjährige Bruuunò! vom Nebentisch nervt, beziehungweise seine Mutter, die ständig brüllt: „Bruuunò, vieni qui! Bruuunò, non gridare! Non toccare, Bruuunò! Prendi la macchinina, Bruuunò!“.

Eine ziemlich idyllische Mittagspause also. Bis diese alte Frau auftaucht. Wie das doch schön sei, diesen artigen Kindern beim Essen zuzuschauen! Und an die artigen Kinder gewandt: „Gelt, Kinderlein, ihr macht eurer Mama und eurem Papa weiterhin so viel Freude.“ Die artigen Kinder nicken brav, „Meiner“ und ich starren betreten zu Boden. Wir wissen genau, was jetzt folgen wird. Und tatsächlich: Kaum ist die Frau verschwunden, geht’s los. Der Zoowärter und der FeuerwehrRitterRömerPirat beginnen damit, die Stühle vom Nachbartisch mit grossem Krach über den Boden zu schieben. Luise stänkert lauthals, sie wolle jetzt endlich gehen. Karlsson motzt, die Oliven seien scheusslich. Ja sogar das Prinzchen macht mit und schmeisst beinahe den Servierwagen um. Bruuunò! vom Nebentisch wird plötzlich ganz still. Diese Kinder hier sind ja noch lauter als seine Mama!

Hätte die alte Frau doch bloss nichts gesagt! Sie hätte den Kindern doch wirklich nicht unter die Nase reiben müssen, dass sie von ihnen eigentlich ein anderes Verhalten erwartet hätte. Demnächst hängen wir unseren Kindern ein Schild um den Hals: „Bitte nicht loben!“. Wer unsere Kinder loben möchte, soll es uns ins Ohr flüstern. Oder uns unauffällig ein Post-it zustecken. Wir garantieren, dass wir das Lob an unsere Kinder weiterleiten werden. Spät abends werden wir ihnen erzählen, welch schöne Dinge die Leute über sie gesagt haben. Nach fast neun Jahren Elternschaft haben wir uns das Sprichwort „Man soll den Tag nicht vor dem Abend loben“ zu Herzen genommen. Gelobt wird erst, wenn die Kinder zu müde sind, um sich Dummheiten auszudenken (mal abgesehen vom kleinen Lob für Zwischendurch zum Überstehen des Tages). Dann aber ausgiebig. Das haben sie nämlich verdient.

Abschied

Heute war er also da, ihr letzter Arbeitstag bei uns. Gekündigt hatten wir ihr bereits vor ein paar Wochen und heute hiess es dann Abschied nehmen. Gegen Mittag packte ich ihre ihre sieben Sachen – nicht mal selber packen wollte das faule Ding – und dann war es vorbei. Kurz und schmerzlos: In den Abfallsack, den Sack zugeschnürt und dann war Barbie Geschichte.

Nicht dass sie mir fehlen wird. So richtig warm geworden sind wir nie miteinander. Ich ärgerte mich über sie, weil sie überall ihre Schuhe herumliegen liess und weil sie einen schlechten Einfluss auf Luise ausübte. Sie hatte ihre liebe Mühe mit mir, weil ich mit Äusserlichkeiten wenig am Hut und ausserdem noch ein paar Kilos zuviel auf den Knochen habe.

Dennoch tut der Abschied ein bisschen weh. Nie wieder wird mir ein kleines Mädchen in den Ohren liegen, mich auf Knien anflehen, damit ich ihr eine Barbie kaufe. Nie wieder werde ich dieses verzückte Lächeln sehen, wenn die heiss ersehnte Puppe endlich da ist. Natürlich, auch die Jungen haben grosse Wünsche, aber als Mutter kann man sich eher mit der Sehnsucht nach Barbie identifizieren, als mit dem Drang, jetzt auf der Stelle, eine Knarre aus Holz zu bekommen. Nie wieder werde ich erklären müssen, warum ich Barbie doof finde und weshalb meine alten Sascha-Puppen so viel schöner sind. Nie wieder Barbie; es sei denn, ich finde eines Tages Luises heiss ersehnte kleine Schwester auf der Türschwelle.

Noch kurz etwas ganz anderes: Herzlichen Dank für den Post-it-Nachschub! Ich fürchte, ich werde ihn brauchen können. 🙂

Post-it-Tage

Es ist mal wieder Post-it-Zeit. Jene wunderbare Zeit im Jahr, in der die ganze Wohnung vollgepflastert ist mit orangefarbenen Post-it-Notizen, damit man vor lauter ausserordentlichen Terminen das Alltagsgeschäft nicht vergisst. Schuljaresende. Mehr müsste man dazu eigentlich gar nicht sagen. Um aber jenen, die noch nicht in der Mühle des Schulsystems stecken, einen Vorgeschmack  darauf zu geben, was auf sie wartet, wollen wir hier ein wenig ins Detail gehen. Die anderen sind gebeten, hier nicht mehr weiterzulesen. Sonst bringen sie ihre eigenen Termine mit Vendittis Terminen durcheinander und geraten in Stress, weil sie meinen, sie müssten auch noch das Datum von Luises Kindergarten-Abschlussfeier im Kopf behalten.

Die Post-it-Tage beginnen spätestens Ende Mai. Es fängt ganz harmlos an mit des Zoowärters Besuchsmorgen in der Spielgruppe. Da die Spielgruppenleiterin Mutter ist, weiss sie eben ganz genau, dass man solche Termine am besten frühzeitig organisiert. Sonst begleiten  die gestressten mehrfachen Mütter plötzlich ihren Teenager zum Schnuppern in die Spielgruppe und schicken ihren Zweijährigen in die Schnupperlehre beim Elektriker.

Nach dem Schnuppermorgen geht es dann so richtig los. Musikschulkonzert für die Geigenschüler mit zusätzlichen Proben, damit es nicht zu langweilig wird, Musikschulkonzert für die Musikgrundschüler und die Geigenschüler, zusätzliche Geigenproben für die Theateraufführung, Kindergartenreise, Schulausflug, Kindergartenausflug (zweimal mit Wurstbräteln, einmal ohne, immer mit reichlich Zeckenspray), Schnuppermorgen im Kindergarten mit dem FeuerwehrRitterRömerPiraten, Schnuppermorgen bei den neuen Lehrerinnen für Karlsson und Luise (hier zählt nicht die physische Anwesenheit der Mama, sondern die moralische Unterstützung) Infoabend mit der Schulleitung, Elternabend, Abschiedsgeschenke-Basteln für die diversen Lehrerinnen (je nach Organisationstalent der Initiantin chaotisch oder perfekt gemanagt ), Einordnen der provisorischen Stundenpläne, Telefonlisten und Klassenlisten für das kommende Schuljahr (wobei man höllisch aufpassen muss, dass man nicht die Liste mit den Finalisten für den „Schnellsten Schönenwerder“ für die Telefonliste hält, was eine panische Suchaktion irgendwann im Herbst nach sich ziehen würde), Abschlussfeiern in Spielgruppe, Kindergarten und Schule, Schulhausfest, vorgezogene Geburtstagsparty für den FeuerwehrRitterRömerPiraten, Nervenzusammenbruch.

Nein, ganz so schlimm ist es natürlich nicht. Aber es ist auch nicht gerade hilfreich, dass „Meiner“ ebenfalls Teil des Schulsystems ist. Mit seinen Projektwochen, Stundenplansitzungen, Zirkusvorführungen und Elterngesprächen, die alle auch noch vor Schuljahresende stattfinden müssen, verbaut er mir so manchen Termin. Und plötzlich stehe ich da ohne Babysitter, wenn ich doch eigentlich mit Luise zum  Augenarzt müsste. Und Augenarzttermine hinterfragt man nicht. Die nimmt man, wie man sie bekommt und wäre es um elf Uhr abends. Ist aber auch zu dumm, dass Luise  ausgerechnet in der Post-it-Zeit ihr Auge verletzen musste. Karlsson hat letztes Jahr seinen geplatzten Blinddarm wenigstens auf die Sommerferien  verlegt. Aber Karlsson steckt ja auch schon länger im System. So lange, dass auch er damit beginnt, die Wände mit Post-its vollzupflastern.

Damit uns in diesem stetigen Alltagstrott des immer Gleichen nicht zu langweilig wird, haben wir uns für diesen Sommer einen ganz besonderen Kick ausgedacht. Wir erweitern unseren Wohnraum um ein Stockwerk. So können wir das unendliche Warten zwischen zwei Terminen mit dem Ausmisten der Zimmer und dem Packen von Schachteln verkürzen. Weshalb wir mehr Wohnraum brauchen? Nun, so langsam geht uns der Platz für die Post-its aus. Deshalb müssen wir an die Zukunft denken. Immerhin stehen wir ja erst am Anfang. Das Prinzchen, zum Beispiel, hat noch fast gar keine Termine.

Ach ja, und weil das alles doch ein bisschen langweilig ist, hat „Meiner“ neulich unseren Globi-Familienplaner (der einzige, der genügend Spalten hat, darum Globi) für ein paar Tage in den Malkeller verschleppt. Post-it- Tage ohne Unterstützung des Familienplaners, das Höchste der Gefühle!

Ist der Ruf erst ruiniert…

Schon von Weitem ist das Geschrei zu hören, als Lusie und ich vom Arztbesuch zurückkommen. Was ist denn mit Karlsson los? Ist er von der Leiter gefallen, hat er sich etwas gebrochen oder ist er gar in ein Auto gerannt? Panisch renne ich die Treppe hoch. Dort treffe ich einen schreienden Karlsson an, der mit weit aufgerissenen Augen auf seinen blutenden Fuss starrt. Mein kleiner Karlsson, der vor einem Jahr zwei Tage lang ohne zu Klagen mit einem geplatzten Blinddarm unterwegs war, brüllt sich die Seele aus dem Leib, weil er auf eine Scherbe getreten ist.

Das Gebrüll ist so laut, dass sogar Karlssons Tante, die zufällig am Haus vorbeigeht, in Panik die Treppe hochgestürmt kommt. Offen gestanden erstaunt es mich, dass nicht auch gleich die Polizei, das Sozialamt und die Kinderschutzgruppe auf der Matte stehen. So ein Geschrei kann doch nur ein Kind machen, das aufs Gröbste misshandelt wird, würde man denken.

Doch bei uns ist es umgekehrt: Karlsson misshandelt uns, tritt nach jedem, der seinen Fuss nur anschauen will und brüllt, dass einem die Ohren gellen. Zuerst gibt die Tante auf. Sie muss ja auch schon längst dafür sorgen, dass ihre Familie etwas zwischen die Zähne bekommt. Dann zieht sich Luise zurück, die bei diesem Lärm nicht mal verkünden kann, dass der Augenarzt mit dem Heilungsprozess ihres Auges ganz zufrieden ist. Schliesslich wissen „Meiner“ und ich uns nicht mehr anders zu helfen, als das störrische Kind zu zweit zu bändigen. Als der Glassplitter nach einem schweisstreibenden Kampf endlich draussen ist, heult der Zoowärter aus Angst, der FeuerwehrRitterRömerPirat vor Wut und das Prinzchen, weil er aus dem Schlaf gerissen worden ist. „Meiner“ und ich sind ebenfalls den Tränen nahe. Nur Karlsson sitzt schweissüberströmt aber vollkommen zufrieden auf dem Sofa. Eigentlich war die „Operation“  ja gar nicht so schlimm, findet er.

Fragt sich bloss, wie wir nach diesem Geschrei unseren guten Ruf in der Nachbarschaft wieder aufbauen können.

Widersprüche

Zugegeben, die Beiträge von gestern und vorgestern stehen schon ein bisschen im Widerspruch zueinander. Vorgestern zeige ich mit dem Finger auf Eltern, die ihren Kindern nichts beibringen und sie vor der Glotze vergammeln lassen. Gestern will ich meine Kinder mit Glotzen vom Schwimmen abhalten, nur weil ich zu faul bin, mich am Sonntagnachmittag zum Fleischmarkt, auch Schwimmbad genannt, zu begeben.

Das ist es doch genau, womit wir Eltern immer wieder zu kämpfen haben. Wir wollen unseren Kindern beibrizungen, alles mit Bedacht anzugehen und sich nicht hetzen zu lassen. Gleichzeitig treiben wir sie den ganzen Tag an. Beeil dich! Mach vorwärts! Wir kommen zu spät. Wir predigen unseren Kindern, dass jedes Lebewesen wertvoll ist. Ist der Küchenboden dann mit Maden übersät, kreischen wir wie Teenager und töten die Biester mit dem Wallholz. Wir moralisieren, dass es immer das Beste sei, die Wahrheit zu sagen und zwei Tage später ertappen uns die Kinder dabei, wie wir die Geschichte, wie der Badezimmerspiegel in die Brüche geganen ist, beschönigen.

An dieser Stelle kann ich ja zugeben, dass es ein Wutanfall war. Und zwar einer von mir. Ach ja,  die zerbrochene Haarbürste geht auch auf mein Konto. Und dass das letzte Tafelservice nur zwei Jahre gehalten hat, liegt auch zu einem grossen Teil an meinem aufbrausenden Temperament. Ich sag’s meinen Kindern ja immer wieder:  Wütendwerden ist okay, in der Wut Gegenstände zerstören ist nicht okay. Warum nur glauben sie mir nicht?

Drückeberger

Gewöhnlich sind es ja die Kinder, die eine Ausrede nach der anderen bringen, wenn wir etwas von ihnen wollen. Räumt bitte das Zimmer auf! Geht nicht. Luise hat nämlich plötzlich so einen Juckreiz am Ohr, Karlsson muss dringend noch etwas im Garten suchen und der FeuerwehrRitterRömerPirat ist am Verhungern, obschon wir vor fünf Minuten fertig gegessen haben. Passt mir mal schnell einer fünf Minuten auf das Prinzchen auf? Aber Mama, siehst du denn nicht, dass wir gerade so schön am Spielen sind? Wenn wir jetzt unterbrechen müssen, wissen wir nachher nicht mehr, wer welche Rolle spielt. Aber Pelati aus dem Keller holen könnt ihr mir? Wie bitte? Sind wir denn deine Sklaven?

Heute war es für einmal umgekehrt. Schon um die Mittagszeit begannen die Kinder zu quengeln, weil sie ins Freibad wollten. Ins Freibad bei diesem Wetter? Wissen unsere Kinder denn nicht, dass bei dieser Hitze alles, was zwei Beine hat, sich ins Schwimmbad aufmacht? Es ist ja nicht so, dass wir grundsätzlich etwas gegen Schwimmbäder hätten. Im Gegenteil. Ich sehne mich schon lange danach, mal wieder einen ganzen Kilometer am Stück zu schwimmen. Doch Schwimmbad mit fünf Kindern bedeutet, dass Karlsson vom Sprungbrett springen will, Luise ihre Taucherbrille ausprobieren will, der FeuerwehrRitterRömerPirat plötzlich Angst vor dem Wasser bekommt, der Zoowärter sich mit nasser Badewindel im Sandkasten paniert und das Prinzchen brüllt, weil er sich als Herbstkind in dieser Hitze nicht wohlfühlt.

Keine sonderlich verlockenden Aussichten für einen Sonntagnachmittag. Deshalb beginnen „Meiner“ und ich, nach Ausreden zu suchen. Am Anfang ist es ja noch einfach. Nachmittags um drei hat es einfach zu viele Leute im Schwimmbad, also vertrösten wir die Kinder auf später. Doch sie lassen nicht locker. „Wollt ihr denn nicht lieber den Film schauen, den ihr gestern in der Bibliothek ausgeliehen habt?“ Nein, wollen sie nicht. Und überhaupt, für wie blöd halten wir unsere Kinder? Predigen wir doch schon seit Jahren, bei schönem Wetter sitze man nicht vor der Glotze. Und jetzt sollen sie glauben, dass wir ihnen eine Stunde glotzen so ganz ohne Hintergedanken gewähren. Das Gejammer geht weiter und fast werden wir weich. Doch da ziehen Wolken am Himmel auf. „Schaut Kinder, gleich beginnt es zu regnen. Wir bleiben zu Hause.“ Schreckt sie das ab? Nicht im Geringsten. Die paar Regentropfen halten doch keinen kleinen Venditti vom Baden ab. Jetzt fällt uns keine Ausrede mehr ein, die Taschen werden gepackt. Sieg für die Kinder!

Beinahe. Plötzlich kommt Wind auf, es wird wirklich kühl. Laut zugeben wollen es die Kinder zwar nicht, doch die Lust aufs Baden ist ihnen vergangen. Dreimal raten, wer Schuld daran ist, dass das Wetter so plötzlich umgeschlagen hat…

Achtung, Gefahr!

„WARNUNG: Flasche nur unter Aufsicht geben. Nie Dauernuckeln. (Gebrauchsanweisung beachten)“.  „Die Zecken treiben wieder ihr Unwesen. Vergessen Sie bitte nicht, Ihr Kind mit Zeckenspray einzusprühen und nur mit langen Hosen in den Wald zu schicken.“ „Achtung! Verschluckbare Kleinteile. Nicht für Kinder unter drei Jahren geeignet.“

An jeder Ecke lauert die Gefahr. In den Babyflaschen, im hausgemachten Babybrei, im Verpackungsmaterial des fertig gekauften Babybreis, in der Spielzeugkiste, an der Sonne, in der Sonnencrème, im Unterholz, auf den Bäumen, einfach überall. Wer überhaupt noch den Mut hat, bei all den Warnungen ein Kind auf die Welt zu stellen, soll dieses bitte rund um die Uhr in Watte verpackt halten, damit ihm nichts passieren kann.

Als Folge von all diesen Warnungen haben wir Heerscharen von panischen Müttern. Solche, die Angst haben, ihr Kind in eine Spielgruppe mit Aussenspielplatz zu schicken, weil ihm dort etwas passieren könnte. Solche, die ihr Kind in die Schule chauffieren, damit es nicht entführt wird. Solche, die verhindern, dass ihr Kind je schwimmen lernt, weil es dabei ertrinken  könnte.  Solche, die das Kind keine Glace schlecken lassen, weil es sonst fettleibig werden könnte.

Dass das Kind nur darum fettleibig wird, weil es nicht mehr im Wald herumstrolchen und nicht Velofahren darf, kommt keiner überbesorgten Mama in den Sinn. Forscher vermuten ja jetzt, an der Zunahme der Fettleibigkeit sei Bisphenol A schuld. Und das findet sich ja in Babyflaschen und Verpackungsmaterialien von Lebensmitteln. Folglich geben wir den Kindern am besten gar nichts mehr zu essen. Parkieren wir sie doch vor dem Computer oder dem Fernseher. Dort sind sie geschützt vor sämtlichen Gefahren, die in der Natur und in der Nahrung lauern.

Das Parkieren vor dem Computer hat ausserdem einen sehr nützlichen Nebeneffekt: Die Kinder können üben, wie man sich in der von allen Gefahren befreiten Welt am besten durchschlägt. Das ist viel wichtiger als Schwimmenlernen und Velofahren. Du musst auf deinem Computer nur das richtige Spiel installierern und schon weiss dein Kind, wie es in Zukunft seinem Gegner, früher Klassenkamerad genannt, begegnen soll. Und sollte dein Kind je auf die Idee kommen, einen seiner Gegner auf dem Schulhof an einem Baum aufzuknüpfen, ist das auch nicht so schlimm. Solch harmlose Bubenstreiche gehören doch einfach zur Kindheit, nicht wahr?

Es gibt ja auch Pessimisten, die behaupten, die Kinder kämen bloss auf solche Ideen, weil sie in den Computerspielen und im Fernsehen mit so viel Gewalt konfrontiert würden. Wie abwegig! Was könnte an diesem harmlosen Vergnügen so schlimm sein? Ist doch das ideale Spielzeug: Keine verschluckbaren Kleinteile. Im gut abgedunkelten Kinderzimmer scheint auch  nicht die ach so gefährliche Sonne und es gibt keine Zecken. Und in den Chips, die das Kind dabei isst, hats bestimmt kein Bisphenol A. Erstaunlich, dass all die Generationen vor uns noch nicht draufgekommen sind, wo die Kinder am sichersten sind.

Und überhaupt: Was kann an einem zünftigen Computerspiel oder einem actiongeladenen Film so gefährlich sein? Papa enstpannt sich ja auch so wunderbar vom täglichen Hahnenkampf im Büro, wenn er am Bildschirm mal so richtig drauflossballern darf, oder zumindest dabei zusehen darf, wie es andere tun. „Meiner“ übrigens nicht. Aber der arbeitet ja nicht im Büro, sondern bemüht sich Tag für Tag darum, in der Schule die in Watte verpackten Kinder auszupacken und ihnen Schwimmen und Velofahren beizubrinen.