Komm, Herr Knigge, sei unser Gast!

So langsam wird es peinlich. Kaum sind die vier Mittagstischkinder eingetroffen, legen unsere Kinder ihr übelstes Verhalten an den Tag. Eigentlich sollte der Mittagstisch ja dazu da sein, dass Kinder, deren Eltern nicht zu Hause sind, in aller Ruhe eine vollwertige Mahlzeit geniessen können. Bei uns müssen sie hoffen, dass sie bei all dem Chaos der Reality-Soap überhaupt noch einen Bissen runter bekommen. Zumindest eines der Kinder traut uns bereits von Anfang an nicht so recht. Wo sie ihren selbstgebastelten Korb versorgen könne, will sie von mir wissen. „Ich möchte nicht, dass er dreckig wird“, erklärt sie mir. Nun, eigentlich könnte es mir ja egal sein, was sie von mir und meinen Haushaltskünsten hält. Doch da meine eigenen Kinder noch ein paar Jahre vom Pubertieren entfernt sind, lasse ich mich durch einen herablassenden Teenager-Blick noch ziemlich aus dem Konzept bringen.

Nachdem alle Gäste ihre Sachen vendittisicher zwischengelagert haben, wollen wir essen. Zeit, dass das Prinzchen loslegt. Zuerst quengelt er, dann klammert er sich mit aller Kraft an den vollen Teller, den ich einem Kind reichen will. Schliesslich brüllt er los, weil ich den Teller seiner Gewalt entwunden habe. Und zwar brüllt er so laut, dass ich meine eigenen Erklärungen, weshalb das Prinzchen plötzlich so wild sei, nicht mehr verstehe. Schnell ab ins Bett mit dem Kind, sonst fühlen sich unsere Gäste nicht wohl.

Doch kehrt jetzt Ruhe ein? Mitnichten. Karlsson angelt sich sämtlichen Mozzarella aus der Insalata Caprese, verschmiert dabei den ganzen Tisch mit Salatsauce, schaukelt auf seinem Stuhl vor und zurück und schnauzt mich an, als wäre er plötzlich mitten in der Pubertät angekommen. Nach zwanzigmaligem Zurechtweisen gibt er endlich Ruhe und gibt damit die Bühne frei für Luise. Diese stochert lustlos in ihrem Essen herum, streut haufenweise Reiskörner über den frischgeputzten Boden und rennt mit der Gabel in der Hand davon, als ich sie auffordere, ihren Teller leer zu essen. Vor lauter Zurechtweisen und Ermahnen komme ich kaum zum Essen, geschweige denn zu einer vernünftigen Unterhaltung mit den Gästen. Diese sitzen betreten da und schauen hin und wieder verstohlen auf die Uhr, um herauszufinden, wann sie dieses Irrenhaus endlich verlassen können.

Die Zeit ist schon fast um, da setzt der Zoowärter der Sache  das Sahnehäubchen auf. Kaum hat er sein riesiges Mokka-Cornet fertig in sich hineingestopft, erbricht er sein gesamtes  Mittagessen und die Hälfte des Frühstücks auf den Fussboden. Entsetzt starren die Gäste auf das würgende Kind und als der Kleine seinen Magen vollständig  entleert hat, machen sich alle vier mit fadenscheinigen Begründungen frühzeitig aus dem Staub. Sollte die Schönenwerder Geburtenrate in acht bis zwölf  Jahren plötzlich auf null absacken, übernehme ich die volle Verantwortung dafür.

Sobald die  Tür hinter den Gästen ins Schloss gefallen ist, sitzen vier lammfromme Venditti-Kinder am Tisch und schauen mich an, als könnten sie kein Wässerchen trüben. Ich glaube, Gespenster zu sehen. Wohin sind die Rabauken von vorhin verschwunden? Und wer sind die vier Engel, die mich ganz erstaunt anschauen, als ich ihnen erkläre, ein solches Verhalten  könne ich beim nächsten Mittagstisch nicht mehr dulden? „Aber was hast du denn Mama? Wir sind doch ganz lieb!“

Ach und übrigens: Der FeuerwehrRitterRömerPirat verhielt sich die ganze Zeit über erstaunlich ruhig. Er wartete, bis die grossen Geschwister gegangen und die kleinen Geschwister am Schlafen waren, bevor er den Wohnzimmerboden mit frischem Aprikosenmus beschmierte.

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