Luise befragt das Orakel

Die Verzweiflung ist gross. Es ist Samstagabend und Luise findet ihre Häschen nicht mehr. Einfach weg sind sie, die beiden halbzerfetzten Schmusetiere, die sie seit dem zarten Alter von drei Monaten nicht mehr aus der Hand gibt. Und dies ausgerechnet an einem Abend, wo ohnehin schon das grosse Elend mal wieder zugeschlagen hat.

Man muss wissen, dass sich Luise nichts sehnlicher wünscht, als eine Schwester. Und zwar eine eigene, eine, die "in Mamas Bauch gewachsen ist". Eine mit der Knospe, Bio-zertifiziert, sozusagen. Weil sie aber keine Schwester hat, braucht Lusie von Zeit zu Zeit einen Frauentag. Dann zieht sie alleine mit Mama und Babybruder durchs Land, quatscht mit der Mama über dies und das, trinkt "Kaffee", tauscht mit Mama ein paar Geheimnisse aus und betreibt ein bisschen Window Shopping und natürlich auch ein ganz kleines bisschen echtes Shopping. Wunderbare Tage. Bis der Abend kommt, die Brüder wieder da sind und Luise wieder von ganz Neuem bewusst wird, dass sie die Henne im Korb ist. Und dann geht das grosse Jammern los. Das einzige, was Luise dann noch trösten kann, sind ihre Häschen. Und die sind ausgerechnet an diesem Samstagabend weg.

Luise muss ungetröstet ins Bett, noch im Schlaf heult sie immer wieder voller Verzweiflung auf. Am frühen Morgen dann jagt sie aus dem Bett. Ihre Häschen sind noch immer nicht da, eine Schwester hat sie über Nacht auch nicht bekommen. Jetzt gibt's nur noch eins: Das Orakel befragen. Doch dieses liegt im Gitterbett und schläft tief und fest. Um diese Zeit befindet sich Linus mit der Schmusedecke noch im Land der Träume. Das Orakel muss geweckt werden und zwar mit der richtigen Frage. "Weisst du, wo meine Häschen sind?!" (Das Ausrufezeichen am Ende ist ganz wichtig. Lässt man es weg, schweigt das Orakel.)

Das Ausrufezeichen hat gewirkt, das Orakel spricht. "Send bem Mamami. Ond de David es verosse. David chomm!!" Dann ist es wieder still im Gitterbett. Um diese Zeit kann das Orakel auch nicht mehr preisgeben, als es gestern Abend im Trubel vor dem Einschlafen noch mitbekommen hat.

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