Lasst uns Eltern doch (nicht) in Ruhe!

Jetzt ist mir endlich klar, weshalb aus mir nichts Rechtes hat werden können. Als jüngstes von sieben Kindern sehr selten im Kontakt mit Kindern, die nicht meine Geschwister waren, keine Spielgruppen – erst recht keine Krippenerfahrung, fast ausschliesslich von meiner Mutter betreut, erst mit sechs in den Kindergarten und das auch nur ein Jahr lang. Das konnte ja nicht gut kommen. Eine „psychosoziale Versorgungslücke“ entsteht so offenbar, wie ich heute in einer Sonntagszeitung lese. Weil die Kinder hierzulande so viel später als in anderen Ländern dem Bildungssystem zugeführt werden und somit viel zu spät in Kontakt mit Fremdbetreuung, Erwachsenen ausserhalb ihrer Familie und anderen Kindern kommen. Dadurch entstünden Lücken „die während der ganzen Schulzeit nicht mehr aufgeholt werden“ könnten. Aha, darum also meine unterdurchschnittlichen Mathe-Ergebnisse. Fragt sich bloss, wie ich dann trotzdem die Matura geschafft habe…

Nun gibt es zum Glück wohlmeinende Menschen in der Schweiz, die diesen Missstand zu beheben gedenken, indem man Dreijährige an mindestens vier Halbtagen pro Woche auf den Kindergarten vorbereiten will. Das soll zwar freiwillig sein, zielt aber klar auch auf Kinder ab, die mit Geschwistern aufwachsen. Die Kleinen würden eben lieber mit den Kindern aus der Kita zusammensein als mit der kleinen Schwester. Was gut sein mag, denn die Kinder in der Kita muss man ja auch nicht Tag und Nacht ertragen, die kleine Schwester hingegen…Na ja, was weiss ich schon, ich hatte ja keine, ich war sie… Also ab in die Kita mit den Dreijährigen, damit wir „das EU-Bildungsniveau einholen“, wie es weiter in dem Artikel heisst.

Diese Haltung nervt. Als ob ein Kind nicht auch auf dem Spielplatz, im Wohnquartier oder beim Muki-Turnen den Umgang mit anderen Kindern lernen könnte. Als ob wir Eltern uns mit unserem Nachwuchs abschotten und keine Kontakte zur Aussenwelt pflegen würden. Als ob wir bei jedem Schritt unserer Kinder nur die Ergebnisse der nächsten Pisa-Studie vor Augen hätten. Als ob Mütter und Väter, Grosseltern und Tanten nicht auch sehr viel Wertvolles an die Kinder weiterzugeben hätten.

Mich nervt aber nicht alleine diese Sicht, sondern auch die reflexartige Ablehnung des Vorschlags auf der anderen Seite des politischen Spektrums. „Ich bin der Meinung, dass man Kinder bis zum obligatorischen Schulbeginn Kinder sein lassen soll“, tönt es aus dem bürgerlichen Lager sogleich zurück, gerade so, als würden die Kleinen in der Kita den Satz des Pythagoras und das Periodensystem der chemischen Elemente pauken. Gerade so, als gäbe es keine Familien, in denen den Kindern das Kindsein verwehrt bleibt, weil die Mama sie mit ihren psychischen Problemen belastet und der Papa säuft. Gerade so, als gäbe es keine Einwandererfamilien, die in ihrem eigenen Mikrokosmos leben, wodurch die Kinder tatsächlich den Anschluss verlieren, weil sie die Landessprache nicht beherrschen.

Ich wünschte mir, dass man endlich aufhörte, mit „entweder/oder“, „alle oder niemand“ zu argumentieren. Was für das eine Kind dringend nötig wäre, ist für das andere schlicht verschwendetes Geld, weil es das, was man ihm bieten will, in der eigenen Familie gratis bekommt. Wie habe ich sie doch satt, diese Politiker, die sich mit dem Thema eine ideologische Schlammschlacht liefern, um Wählerstimmen zu gewinnen. Wie sehr gehen mir jene Eltern auf die Nerven, die aufgrund ihrer eigenen – meist günstigen – familiären Situation darauf schliessen, dass es bei allen anderen doch auch reibungslos klappen sollte. Setzt euch doch endlich mal an einen Tisch und überlegt euch, wie man bestehende Problemen löst, ohne neue Zwänge für alle zu schaffen.

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Gelangweilt? Ich schon. Manchmal.

Viele glauben, als teilzeitberufstätige Mutter von fünf Kindern, Ehefrau und Ernährerin von zwei Katzen langweile man sich nie, aber glaubt mir, es gibt sie durchaus, diese Tage an denen man nichts mit sich anzufangen weiss. So ein Dienstag zu Hause mit den Kindern kann endlos sein. Zu tun gäbe es natürlich genug, das Problem ist aber, dass einen die Kinder gleichzeitig brauchen und nicht brauchen. Wie? Ihr versteht nicht, wie das gehen soll? Nun, ich versuche, mich zu erklären.

Der Vormittag stellt gewöhnlich kein Problem dar. Mit Prinzchen-Gesprächen, Küche aufräumen, Kolumne schreiben, Mittagessen vorbereiten und mit meiner Mutter quatschen vergehen die wenigen Stunden bis Mittag wie im Flug. Danach aber wird es schwieriger. Die Kinder, die nachmittags nicht zur Schule müssen, geben mir sehr deutlich zu verstehen, dass sie mich nach dem Zähneputzen nicht mehr brauchen. Gut, dann gönne ich mir doch mal eine Pause. Kaum ist die Zeitung ausgebreitet, der Kaffee gekocht, kommt der Zoowärter heulend angerannt und verlangt nach einem Pflaster. Kein Problem, da helfe ich doch gerne, doch kaum habe ich mich wieder an den Tisch gesetzt, wünscht der Zoowärter, einen Kindergartenfreund einzuladen. Nun ist ein Fünfjähriger natürlich nicht sonderlich gewandt im Vereinbaren von Terminen und so übernehme ich die Sache. In der Zwischenzeit hat der FeuerwehrRitterRömerPirat erkannt, dass die Zeitung bereit liegt und ich in Rufweite bin, um seine unzähligen Fragen zum Tagesgeschehen zu beantworten. Okay, ich habe verstanden. Die Kinder brauchen mich eben doch. Also breche ich meine Pause ab und beschliesse, die Zeit mit ihnen zu geniessen.

Doch was geschieht jetzt? Kaum widme ich den Knöpfen meine ungeteilte Aufmerksamkeit, wollen sie nichts mehr von mir wissen. Sie rauschen ab in den Garten und haben ihren Spass, ganz ohne mich. Na gut, dann räume ich jetzt eben die Küche auf. Und danach widme ich mich der Wäsche und schliesslich kümmere ich mich um die Rechnungen. Nun ja, das alles würde ich tun, wenn ich nicht plötzlich wieder von allen Seiten bestürmt würde, kaum habe ich mich dazu aufgerafft, etwas zu erledigen. Dann also doch Kinderhüten. Kein Problem, ich bin flexibel und was gibt es Schöneres, als an einem Frühlingstag mit den Kindern draussen zu sein? Ich kann ja noch ein wenig lesen, währenddem sie sich austoben. Wenn ich Glück habe, schaffe ich drei Sätze am Stück, meistens aber habe ich kein Glück und dann renne ich schon nach zwei oder drei Wörtern wieder ins Haus, um Bananen zu holen, weil plötzlich alle dem Hungertod nahe sind.

So pendle ich hin und her zwischen der fleissigen Hausfrau und der aufmerksamen Mutter, irgendwann kommen noch die Hausaufgaben dazu, bei denen ich erst zur Hilfe gerufen werde, nachdem man mir versichert hat, dass ich nicht gebraucht würde, weshalb ich mir eine WC-Pause gönnen dürfe. Kaum habe ich mich hingesetzt, der erste Schrei: „Mama! Ich komme da nicht draus. Die Lehrerin hat uns überhaupt nichts erklärt. Hilf mir, ich schaffe das nicht!“ Also doch keine WC-Pause.

Irgendwann gebe ich auf. Ich lasse die Arbeit liegen, weil ich ohnehin nirgendwo hinkomme, das Lesen lasse ich auch bleiben, weil es einfach keinen Spass macht, wenn man alle dreissig Sekunden unterbrochen wird und bei den Kindern dränge ich mich nicht weiter auf, da ich nur als Auffangnetz erwünscht bin, nicht aber als Spielkameradin. Ich positioniere mich so zentral wie möglich, damit ich für alle leicht verfügbar bin, warte auf das Ende des Nachmittags – und langweile mich.

Ach ja, manchmal schneit auch ganz unverhofft Besuch ins Haus, ich freue mich wie ein Kind auf eine Tasse Kaffee mit einer guten Freundin und kaum haben wir uns hingesetzt, bricht das Chaos aus, weil das nun wirklich nicht geht, dass ich meine Aufmerksamkeit, welche die Kinder verschmäht haben, dem Gast widme.

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Brisante Fragen

Es kommt nicht so sehr aufs Thema an, das Muster ist stets gleich: Das Prinzchen sagt etwas so, wie ein Dreijähriger die Dinge eben sagt, der Zoowärter, der ja so viel älter und  weiser ist, korrigiert den kleinen Bruder, der kleine Bruder nimmt die Korrektur nicht an, der grosse Bruder wird wütend, insistiert, wird noch wütender, weil der Kleine noch immer nicht klein beigibt, irgendwann fliegen die Fäuste und dann werde ich als Schiedsrichterin auf den Plan gerufen. Hier einige Beispiele:

Prinzchen: „Der liebe Gott ist herzig.“

Zoowärter: „Nein, der liebe Gott ist nicht herzig, der ist manchmal böse.“

Prinzchen: „Nein, er ist herzig.“

Zoowärter: „Ist er nicht.“

Prinzchen: „Ist er doch.“

Zoowärter: „Nein, ist er nicht, du blöde Kuh!“

Und schon artet die theologische Diskussion in einen handfesten Glaubenskrieg aus. Was ja in der Geschichte der Christenheit nicht zum ersten Mal vorkommt.

Man kann das Spiel aber auch mit weniger brisanten Themen spielen. Heisst es Megaphon oder Megalophon? Schmecken Erbsen gut oder nicht? Darf ein Kind, das noch nicht im Kindergarten ist, aus einem Glas trinken, oder ist der Becher Pflicht? Ist es im Frühling wärmer oder im Herbst? Ist Bob der Baumeister cool oder blöd?

Und das brisanteste Thema überhaupt: Auf welche Seite müssen die Henkel der Tasse schauen? Wer jetzt glaubt, dies sei ein klassischer Konflikt zwischen Links- und Rechtshänder, der irrt. Die zwei sind nämlich beide links.  Zumindest in einer Sache sind sie sich einig.

Hausfrauentest bestanden

Wie gestern bereits erwähnt,  steht „Meiner“ in Sachen Pflichtgefühl und Opferbereitschaft der durchschnittlichen Mutter und Hausfrau in nichts nach. Ich würde gar behaupten,  dass man ihn deutlich seltener bei Kaffee und Klatsch antrifft,  obschon auch die durchschnittliche Hausfrau und Mutter nicht allzu oft Zeit dafür findet. Den letzten Beweis,  dass „Meiner“ es durchaus mit uns aufnehmen kann,  hat er an diesem Wochenende erbracht. Was tut der gute Mann,  wenn er endlich einmal ein paar Tage für sich hat? Na,  was wohl? Er holt seine Magen-Darm-Grippe hervor,  die er sich eigens für diesen Moment aufgespart hat,  denn im Alltag hat man einfach zu wenig Zeit,  sie so richtig zu geniessen. Im Ländli aber,  wo sie dir am Morgen ein Buffet und zweimal am Tag ein mehrgängiges Menü servieren und wo du dich in die Wellness-Oase zurückziehen kannst,  wann immer dir der Sinn danach steht,  bietet eine kleine Grippe den perfekten Kontrast zu dieser gezwungenen „Lass es dir gut gehen“-Atmosphäre. Hier kann man zelebrieren,  was zu Hause immer zu kurz kommt. Am Montag wird er sich wieder kerngesund in den Trubel des Alltags stürzen können. Der Mann weiss eben,  was sich für Hausfrauen und -männer gehört.

 

Revanche

Er kümmert sich so viel um die Kinder wie ich, im Haushalt übernimmt er weit mehr als nur das Nötigste, jahrelang ist er nachts aufgestanden, er gibt sich grosse Mühe, bei jedem Elterngespräch in der Schule dabei zu sein und obendrein hält er mir den Rücken frei, damit ich neben Kindern und Beruf auch noch schreiben kann. Elf Jahre voller Einsatz ohne nennenswerte Unterbrüche. Klar, auch er hat hin und wieder seine kleinen Inseln im Alltag, gemeinsam haben wir uns schon öfters eine Auszeit gegönnt und die eine oder andere seiner vielen Weiterbildungen lässt sich bestimmt auch in der Rubrik „Freizeit & Erholung“ abbuchen. Aber zwei oder drei Tage ganz für sich alleine, so wie er sie mir seit einigen Jahren regelmässig ermöglicht, das hatte er noch nie. 

„Höchste Zeit also, ihn für ein paar Tage ins Ländli zu schicken“, dachte ich mir kurz vor Weihnachten und meldete ihn zu einem Männerwochenende an. „Das Wochenende findet ja erst im März statt und bis dahin werde ich bestimmt viel ausgeruhter und belastbarer sein als jetzt“, sprach ich mir Mut zu, ehe ich die Anmeldung abschickte. Ja, und jetzt ist er also dort und ich bin hier, genau gleich unausgeruht und dünnhäutig wie eh und je. Dennoch zweifle ich keinen Moment daran, dass es richtig war, „Meinem“ diese Auszeit zu schenken, auch wenn er natürlich findet, ich hätte das viel dringender nötig als er und er könne mir das doch nicht antun und es hätte doch auch gereicht, wenn ich ihm drei Minuten lang den Rücken massiert hätte und dann koste das Ganze ja auch noch Geld und das würde man doch besser für Nützliches ausgeben und nicht für ihn.

Mich dünkt, ich kenne diese Argumente von irgendwo und wenn ich mich recht erinnere, wurzeln sie in einem Gefühl von Hausfrauenfrust, oder in diesem Fall wohl eher Hausmännerfrust. Dagegen gibt’s nur eins: Ab ins Ländli und zwar schnell. Wehe, er geniesst seine freie Zeit dort nicht…

 

Tür auf!

Die ersten Augenblicke des Tages sind oft die entscheidenden. So, wie es angefangen hat, so geht es meist für den Rest des Tages weiter. Gestern Morgen, zum Beispiel, setzte „Meiner“ sich um sechs Uhr im Bett auf. Im gleichen Augenblick richtete sich Luise, die krankheitsbedingt in unserem Bett nächtigte und mich aufs Sofa vertrieben hatte, ebenfalls auf und – bitte verzeiht den Ausdruck – kotzte „Meinem“ den Rücken voll. Kann man es dem guten Mann verargen, dass er von da an zu nichts zu gebrauchen war, wegen jeder Kleinigkeit in die Luft ging und abends um neun auf dem Sofa einschlief? 

Ganz anders mein heutiger Start in den Tag: Die ganze Familie inklusive Katzen stand verzweifelt vor der verschlossenen Türe der Vorratskammer. „Der Andere“ – wer denn sonst? – hat es mal wieder geschafft, den Schlüssel drinnen zu lassen und die Tür zuzuknallen. Corn Flakes, Kakao, Katzenfutter – alles eingeschlossen und keiner schaffte es, die Türe zu öffnen. Keiner, ausser mir. Schlaftrunken ging ich auf die Tür zu, schnappte mir ein ganz gewöhnliches Messer, schob das Ding in den Türspalt und Sesam war geöffnet. Wer den Tag mit einer Heldentat beginnt, der kann wohl gar nicht anders, als voller Zuversicht weiterzugehen.

So war es dann auch: Alles lief runder als gewöhnlich und hätte ich nicht diesen dummen Fehler begangen, so wäre ich wohl für einmal ohne meine üblichen Schnitzer ausgekommen. Zu dumm nur, dass ich am späten Nachmittag aus lauter Gewohnheit die Tür der Vorratskammer zuschlug, als der Schlüssel noch immer drin war. Was ja nicht weiter schlimm gewesen wäre, wenn der Trick vom Morgen noch funktioniert hätte, aber das tat er nicht, so sehr ich mich auch abmühte. Nun gut, auch damit hätte ich leben können, wäre ich mit Gartenarbeit oder mit der Steuererklärung beschäftigt gewesen. Wie es der Zufall aber wollte, war ich gerade dabei, Luises Geburtstagstorte zu backen. Der Teig halb fertig, die Form eingefettet, der Ofen heiss und keine Chance, an Backpulver und Mehl heranzukommen. Was blieb mir da noch anderes übrig, als die heute sorgsam geschonten Nerven doch noch zu verlieren? 

Zum Glück gelang es „Meinem“ irgendwann doch noch, die Tür zu öffnen. Ich mag es ihm von Herzen gönnen, dass er der Retter der Geburtstagstorte ist. Nachdem Luise ihn gestern vor dem Frühstück mit Halbverdautem beglückt hat, hat er ein bisschen Heldenverehrung mehr als verdient.

Hört das denn gar nie auf?

Seit drei Wochen nun schon das gleiche Muster: Montag bis Freitag das übliche Karussell mit kranken Kindern, Arbeit, Haushalt und nahezu verpassten Terminen, am Samstag der aufrichtige Versuch, trotz Aufräumwut und anderen Pflichten das Familien- und Eheleben zu geniessen, am Sonntag von Käfern belagert im Bett oder auf dem Sofa. Am Montag dann wieder aufrappeln, denn Dinge liegen lassen geht nun mal nicht. Okay, ich sehe ja durchaus auch die positiven Seiten an dieser Routine. Immerhin schaffe ich es so, die Sonntagspresse von vorne bis hinten durchzuackern. Und meiner Linie bekommt es auch nicht schlecht, wenn ich kaum einen Bissen herunterkriege. Aber wenn der FeuerwehrRitterRömerPirat vom Kindergottesdienst nach Hause kommt und seine schlafende Mama an die Stirn tippt um herauszufinden, ob sie noch lebt, dann ist das für mich ein Zeichen, dass es jetzt endlich reicht mit diesen elenden Seuchen. Also, meine lieben Käferchen, sucht euch endlich ein anderes Opfer, vorzugsweise eines ausserhalb meines Familienkreises, denn wenn ihr während der Woche meine lieben Kinderlein oder „Meinen“ attackiert, dann kann ich mir den Platz auf dem Sofa für nächsten Sonntag heute schon reservieren.

Und sie lieben sich doch…

Oh ja, sie wissen, wie man sich streitet, unsere fünf. Ein schräger Blick, ein falsches Wort und schon fliegen die Fäuste, oder es fliessen die Tränen, je nach Temperament und Tagesform. Ziemlich nervenaufreibend das Ganze, vor allem, weil sich das Spiel Tag für Tag in unterschiedlicher Besetzung und in variierender Heftigkeit wiederholt. Doch dann gibt es diese Tage, die so ganz anders sind. Tage, an denen die fünf zusammenhalten wie Pech und Schwefel.

Zum Beispiel heute, als für Luise so ziemlich alles schief ging. Es begann am frühen Morgen damit, dass ihr heiss geliebter Wachtel-Hahn namens Waldemar Leopold seine vier Hennen verliess und das Weite suchte. Schuld daran war Karlsson, der das Türchen einen Augenblick zu lange offen gelassen hatte. An normalen Tagen hätte Luise versucht, ihrem grossen Bruder den Hals umzudrehen und er hätte die Schuld an der Flucht weit von sich gewiesen. Aber heute war kein normaler Tag und darum machten sich die zwei sofort auf die Suche nach dem flüchtigen Waldemar Leopold. Nun ist es leider so, dass es auf dieser Welt Erwachsene gibt, die der festen Überzeugung sind, dass freilaufende Kinder immer Böses im Schilde führen. Einem solchen Erwachsenen begegneten unsere Kinder bei der Suche. Luise, für die dieser Erwachsene nur unter dem Titel „der böse Mann“ läuft, suchte entsetzt das Weite, als sie ihn sah, Karlsson aber stellte sich ihm tapfer entgegen und erklärte, dass sie nur einen entlaufenen Wachtel-Hahn suchen würden. Es nützte nichts, der Mann machte die Kinder trotzdem zur Schnecke, was zur Folge hatte, dass nun auch der FeuerwehrRitterRömerPirat und der Zoowärter sich in die Suche einschalteten. Soll doch kein Erwachsener glauben, er könne die Jungs daran hindern, ihrer Schwester zu helfen…

Nun, die Suche war leider erfolglos, Waldemar Leopold blieb verschwunden und hätte sich kein Unfall ereignet, so wäre Luise wohl doch noch auf den Gedanken gekommen, Karlsson mit Vorwürfen zu überschütten. Aber es ist  hinlänglich bekannt, dass ein Unglück nicht gerne alleine bleibt und so war es eigentlich nicht erstaunlich, dass die Nachbarin nach dem Abendessen mit einer weinenden Luise, welcher das Blut über die linke Wange strömte, in der Küche stand. Das arme Kind hatte beim Velofahren nicht mehr bremsen können, ausgerechnet heute, wo sie keinen Helm trug. Luises Gehirn war erschüttert, ihre Brüder ebenso. Der FeuerwehrRitterRömerPirat griff sogleich zu Papier und Bleistift, um den Unfall bildlich festzuhalten, danach streichelte er seine weinende Schwester liebevoll und holte ihr ohne Murren alles, was sie von ihm brauchte. Der Zoowärter erinnerte sich indessen an das Bibelwort, dass man mit den Weinenden weinen solle und das Prinzchen berichtete ganz verstört dass „meine Schwester ganz fest blutet“. Am schlimmsten aber erwischte es Karlsson, der es kaum ertragen konnte, dass Luise, die er an gewöhnlichen Tagen so gerne piesackt, heute so viel einstecken musste. Wieder und wieder entschuldigte er sich unter Tränen für seine Unachtsamkeit, wieder und wieder beruhigte ihn Luise, die vor lauter Schmerzen kaum reden konnte. 

Als abends später als gewöhnlich endlich Ruhe eingekehrt war, hätte man eigentlich erwarten können, dass „Meiner“ und ich ziemlich geschafft wären. Waren wir auch, aber nicht ganz so schlimm wie sonst, denn wenn die fünf zusammenhalten ist das Leben eindeutig leichter, als wenn man alle drei Minuten den Schiedsrichter machen muss.

Was soll der Kleine bloss denken von uns?

Nach einer Woche, in der ich gut das Doppelte meiner vorgesehenen ausserhäuslichen Arbeitszeit geleistet habe, sieht unser Haushalt entsprechend aus. „Meiner“ hat sich zwar dem Chaos mutig entgegengestemmt, aber alleine hatte er keine Chance, dagegen anzukommen. Zumal Luises Wachteln am Dienstag vom Balkon in den Garten umgezogen sind, was in der ganzen Wohnung Spuren von Hanfstreu und Wachtelfutter hinterlassen hat, die dem Besen hartnäckig trotzen. Dass das Prinzchen gestern Abend aus einer Familienpackung WC-Papier ein Gefängnis aufgebaut hat, welches der Zoowärter wenig später respektlos dem Erdboden gleich machte, verpasste dem ohnehin schon überbordenden Chaos den letzten Schliff.

Eigentlich habe ich mich ja inzwischen damit abgefunden, dass man unserem Haushalt die fünf Kinder, die zwei Jobs, die Haustiere und die leidenschaftslose Hausfrau ansieht, doch auch für mich gibt es eine Schmerzgrenze. Dass diese erreicht ist, erkenne ich jeweils an meinen Schamgefühlen, wenn eines unserer Kinder morgens von einem Schulkameraden abgeholt wird. Heute Morgen war es mal wieder soweit: Da stand ein sechsjähriger Knirps in unserem von Pyjamas übersäten Flur und wartete darauf, bis der Zoowärter bereit war, mit ihm die Welt zu erobern. In der Küche stapelte sich das schmutzige Frühstücksgeschirr, im Esszimmer lagen noch immer die Trümmer des WC-Papier-Gefängnisses und auf dem Küchenboden verteilte sich eine Lache von Katzenmilch, weil der FeuerwehrRitterRömerPirat in der Eile den Trinknapf umgestossen hatte. Irgendwo in diesem heillosen Durcheinander versteckte sich eine zutiefst beschämte Mama Venditti – noch immer im Pyjama, die Haare ungekämmt – vor diesem kleinen Jungen, der ihren Sohn abholen wollte. „Was soll das Kind bloss denken von uns?“, schoss es mir durch den Kopf. „Der wird unseren Zoowärter nie mehr abholen wollen, weil es bei uns so schrecklich aussieht. Und wenn er heute nach Hause geht, wird er seiner Mama bestimmt erzählen, dass Vendittis Fenster ganz dringend geputzt werden müssen und dass bei denen endlich mal einer für Ordnung im Schuhregal sorgen müsste.“

Wie? Ihr haltet mich für paranoid, weil ich mich darum sorge, was ein Sechsjähriger von unserem Haushalt hält? Nun gut, die meisten Kindergartenkinder scheren sich wohl einen Dreck um den Dreck der anderen – und auch um den Dreck in ihrem eigenen Zuhause -, aber seitdem mal eine Fünfjährige mit vorwurfsvollem Unterton zu mir sagte „Meine Mama hat nie so eine Sauerei im Haus wie du“, bin ich leicht traumatisiert. Vor allem, weil ich damals erst zwei Kinder und im Vergleich zu heute eine perfekte Ordnung im Haus hatte. Meine Scham ist also nicht ganz unbegründet. Und sie führt dazu, dass ich ganz dringend etwas gegen das Durcheinander unternehmen will. Meiner Ansicht nach habe ich drei Möglichkeiten zur Auswahl:

  • Eine Vollzeit-Haushälterin anheuern, die sich im Rahmen eines humanitären Einsatzes unseres Haushalts annimmt
  • Die Schaufel holen und den ganzen Dreck aus dem Fenster schmeissen
  • Mit der ganzen Familie einen qualvollen Samstag lang aufräumen, putzen und polieren

Nun gut, es gäbe da noch Option Nummer 4: Eine Zuppa Inglese zubereiten, die ganze Familie in den Garten schleppen und mich am schönen Wetter freuen.

Quote of the day

„Mama, leg dir wieder ein iPad zu, dann sitzt du nicht mehr den ganzen Tag vor dem Computer.“

Mist! Und ich hatte mir so sehr vorgenommen, heute mal wieder die Bilderbuch-Mama zu sein, die mit ihren Kindern das schöne Wetter geniesst, Frühlingslieder singt, gemütlich ins Dorf spaziert um ein paar Kleinigkeiten zu erledigen und abends ein vollwertiges Abendessen auf den Tisch zaubert. Stattdessen ein ungeduldiges Nervenbündel, das unbedingt vor Feierabend dieses Projekt – ironischerweise etwas für Kinder, das draussen stattfinden soll – in groben Zügen planen will, danach noch einen Text schreiben muss und dann lieber in die Luft anstatt an die frische Luft geht. Nun gut, immerhin hat „Meiner“ das mit dem vollwertigen Abendessen hingekriegt und für ein paar Frühlingslieder vor dem Schlafengehen hat es auch noch gereicht.