Warum tun wir uns das bloss an? – Teil II

Wie nicht anders zu erwarten war, sind wir auch heute noch ohne Telefon. Weil die alte Telefongesellschaft, die uns am Freitag noch den sofortigen Rauswurf angekündigt hatte, es bis heute nicht geschafft hat, die Verbindung vollends zu kappen. Telefonieren können wir zwar schon längst nicht mehr, was aber noch lange nicht bedeutet, dass auch hinter den Kulissen alles so weit geregelt ist, dass uns die neue Gesellschaft wieder ans Netz anschliessen kann.

Also ein weiterer Tag mit „Ja, Luise, du darfst deine Freundin anrufen. Oh nein, Mist, wir haben ja gar kein Telefon. Wo hab ich bloss das Handy wieder hingelegt?“ und „Nein, Karlsson, du kannst den Vortragstext nicht in die Schule mailen, wir sind noch immer offline.“ Wieder hängt „Meiner“ in der Warteschlaufe fest, währenddem wir uns nebenbei über den Entwicklungsstand unserer Kinder unterhalten. Das klingt dann etwa so: „Findest du nicht auch, dass der FeuerwehrRitterRömerPirat – jawohl, ich bin noch dran, nein, haben wir nicht, okay, ich warte – in letzter Zeit viel hilfsbereiter geworden ist? Dafür hat Luise neulich – Wie? Die Leitung ist bei ihnen noch immer offen? Aber Sie haben doch gesagt… okay, zehn Minuten habe ich noch, dann muss ich weg – ein Riesentheater gemacht, bloss weil ich ihr – Jawohl. morgen Vormittag? Ja, dann bin ich zu Hause. Wie? Ich muss einen Elektriker organisieren? Gut, dann fragen Sie doch kurz nach. Ich warte derweilen – gesagt habe, dass sie mir den Geschirrspüler ausräumen – Okay, gut. Kein Elektriker. Sie melden sich wieder, wenn Sie mehr wissen. Ach so, die alte Nummer können wir nun doch behalten? Gut, geben Sie mir einfach Bescheid.“

Mühsam das Ganze, wenn auch nicht wirklich schlimm, denn zur Not geht’s auch ohne Festnetz und ADSL. Etwas besorgt war ich nur, weil die heute Abend „Meinem“ gesagt haben, dass sie wohl auch den mobilen Internetzugang abschalten müssen. Was, um Himmels Willen mache ich dann? Wobei, wozu sorgen? Die tun ja ohnehin nichts von dem, was sie ankünden.

Warum tun wir uns das bloss an?

Wir hätten es ja eigentlich wissen sollen: Ein Wechsel der Telefongesellschaft kommt nie gut. Gewagt haben wir es trotzdem. Und natürlich bereits am nächsten Tag bereut, denn anstatt wie vereinbart den Anschluss erst Ende Januar abzustellen, bekamen wir am Freitag Abend Bescheid, dass die Leitung ab 10 Uhr abends tot sein würde. „Meiner“, ganz der Alltagsheld, setzte sich zu später Stunde dafür ein, dass uns die neue Telefongesellschaft schon jetzt nimmt und nicht erst am ersten Februar. Er kämpfte wie ein Löwe, schlug sich mit Telefonistinnen herum, die „leider noch nicht so gut Schweizerdeutsch verstehen, also können Sie bitte Hochdeutsch reden“ und erreichte damit, dass man uns Gebühren erlässt und uns mit Sonderangeboten zu besänftigen sucht. Nun ja, das Ganze hat natürlich auch seinen Preis, denn unsere heissgeliebte Telefonnummer müssen wir aufgrund der Notfallübung leider abtreten.

Soweit so gut, aber dann schaffte es die alte Telefongesellschaft nicht, uns wie angedroht sofort rauszuschmeissen. Obschon man uns versichert hatte, dass dies nun unaufhaltbar sei. Die kriegen nicht einmal das auf die Reihe. Man gönnte uns eine Gnadenfrist von einer Woche, heute dann schmiss man uns raus. Und hängte uns nicht wieder an. Wir seien nicht berechtigt, diesen Anruf zu tätigen, teilte uns die Frau ab Band mit, wenn wir testen wollten, ob wir bereits wieder mit der Aussenwelt verbunden seien. Natürlich hatte man uns auch die Leitung zum Internet gekappt, aber iPad sei Dank existieren wir immerhin noch virtuell.

Morgen nun soll aber alles anders sein, hat man uns versprochen. Neuer Telefonanschluss, neue Internetverbindung, neues Modem, neues Fernsehprogramm. Nun, ich fürchte, „Meiner“ wird erneut kämpfen müssen. Aber wie hat dch neulich jemand treffend formuliert: „Wenn du sparen willst, dann musst du zuerst einmal leiden dafür.“

Kindergartenkrankheit

Früher oder später erkrankt wohl jedes Kind daran. Gewöhnlich im letzten Quartal des zweiten Kindergartenjahres, wenn das Kind sich reif für die Schule fühlt. Blass und zittrig sitzt das Kind dann am Frühstückstisch und klagt über Übelkeit, Bauch- und Kopfweh. „Mama, mir tut jeder Knochen weh. Du musst die Kindergärtnerin anrufen und ihr sagen, dass ich nicht komme“, klagt das Kind. „Bist du dir auch ganz sicher, dass du krank bist? Letzte Woche bist du durchs Haus geschwirrt wie eine wütende Wespe, kaum habe ich das Telefon aufgehängt.“ „Aber Mama, ich bin wirklich krank. Fühl mal meine Stirn. Ich glaube, ich habe Fieber.“ Mama fühlt und findet: „Ja, vielleicht hast du tatsächlich Fieber. Ich melde dich ab. Aber du versprichst mir, dass du den ganzen Tag im Bett bleibst, Tee trinkst und Bilderbücher anschaust.“ „Versprochen, Mama.Ruf jetzt endlich an.“ Mama ruft die Kindergärtnerin an – „Ich weiss auch nicht, was ihm fehlt. Ja, schon wieder krank. Vielleicht muss ich wirklich mal zum Arzt gehen mit ihm. Ja, ich mache mir auch allmählich Sorgen.“ – und noch ehe sie das Telefon aus der Hand gelegt hat, hüpft das Kind vom Sofa hoch und will spielen, die Grossmama besuchen, in die Ikea fahren, einen Spielkameraden einladen, basteln… „Mein liebes Kind, wenn man krank ist, kann man all dies nicht tun“, wehrt die Mama ab. „Aber Mama“, sagt das Kind und grinst. „Ich bin doch schon wieder gesund. Ich hatte doch einfach keine Lust, in dem Kindergarten zu gehen.“

Wie gesagt, die Kindergartenkrankheit ist nichts Neues für mich. Neu aber ist, dass sie beim Zoowärter bereits wenige Monate nach dem ersten Kindergartentag auftritt. Und zwar fast jede Woche. Was ziemlich anstrengend ist, denn ich mag nicht jeden Morgen diskutieren, mag ihn auch nicht immer und immer wieder bei der Grossmama parkieren, wenn ich zur Arbeit muss. Dumm ist nur, dass ich den Zoowärter so gut verstehen kann. Wenn ich nur montags etwas zum Zeigen hätte mitbringen dürfen, ich wäre auch nicht gerne in den Kindergarten gegangen.

 

Das alte Spiel

Geschwister bleiben Geschwister, auch wenn sie längst erwachsen sind. Man kommt zusammen als reife, lebenserfahrene Menschen, denen es nicht im Traum in den Sinn käme, einander als „blöde Kuh“ und „Stinkfuss“ zu beschimpfen. Man lacht zusammen über die unsäglichen Kämpfe, die man sich damals geliefert hat, man bewundert offen, worauf man früher neidisch war. Man geniesst es, mit Menschen zusammen zu sein, die einen schon kannten, bevor man war, was man heute ist.

Doch dann ein falsches Wort zum falschen Zeitpunkt und plötzlich mutiert die eine wieder zur Heulsuse, der andere zum Besserwisser, die Dritte zur Vermittlerin. Unvermittelt findet man sich in der alten Rolle wieder und man staunt, dass in den netten Erwachsenen Menschen, die man um nichts in der Welt missen möchte, noch immer ein kleiner Überrest von der blöden Kuh, vom Stinkfuss steckt. Für einen kurzen Moment spielt man wieder das gleiche Spiel wie vor Jahren, zuweilen steht man gar in Versuchung, zu testen, ob der rote Knopf von damals noch immer funktioniert, ob man es noch immer fertig bringt, den anderen mit einem kleinen, fiesen Trick zum Explodieren zu bringen.

Natürlich drückt man den roten Knopf nicht, auch wenn man ahnt, dass er noch immer am gleichen Ort sitzt. Man ist ja inzwischen erwachsen geworden und weiss, dass solche Kinderspiele sich leicht zu grösseren Konflikten auswachsen können, die sich nicht mehr so leicht lösen lassen, weil inzwischen Partner, Kinder, Häuser, Autos… dazugekommen sind. Deshalb tut man das, was man bereits als Kind getan hatte, diesmal einfach bevor es zur Explosion kommt und nicht erst danach: Man schluckt seinen Ärger hinunter, besinnt sich darauf, dass man die Geschwister trotz all ihrer Macken liebt und versöhnt sich wieder. Und hier zeigt sich zum ersten Mal, dass man doch nicht mehr Kind ist. Denn man sagt nicht mehr: „Du hast zwar angefangen, aber ich bin nicht mehr sauer auf dich“, sondern „Ich bin noch immer das gleiche Schaf wie damals. Ich hoffe, du nimmst mir das nicht übel.“

Ein wenig leiser, wenn’s geht

Kinderstimmen, etwas Schöneres gibt es kaum auf der Welt. Darin sind wir kinderlieben Menschen uns wohl einig. Und doch gibt es Momente, da würde ich lieber den entnervenden Ton einer Kreissäge hören anstatt das süße Geplapper eines Kindes. Zum Beispiel nachts um Viertel nach eins, wenn das Prinzchen neben unserem Bett steht und verkündet, er brauche eine frische Windel, er sei ganz nass. Eine Kinderstimme lässt sich natürlich nicht ignorieren, auch wenn man genau dies gerne tun und weiterschlafen möchte. Wenn sich dann beim Wickeln herausstellt, dass gerade mal drei Tröpfchen Urin in die Windel geflossen sind, dann wünscht man sich natürlich, man hätte sich dennoch für das Ignorieren entschieden, aber eben, welcher Unmensch ignoriert schon ein Kind, das gewickelt werden will?

Auch abends um halb zehn, wenn eigentlich alles schon längst schlafen sollte, zerren die feinen Stimmchen ganz gewaltig an meinen überreizten Nerven. So sehr, dass ich mich zuweilen geradezu anstrengen muss, den Inhalt des Gesagten überhaupt noch wahrzunehmen. Natürlich ist es herzerwärmend, wenn ein schlafloser Karlsson mir zu später Stunde anbietet, die Küche für mich aufzuräumen, weil ich mir heute bei einem Treppensturz ziemlich weh getan habe und deshalb die Aufräumerei nur unter Jammern und Stöhnen erledigen kann. Oh ja, sein Angebot ist unglaublich lieb, aber hätte er mir dieses nicht schriftlich unterbreiten können? Ich hätte es auch so mit Freuden angenommen.

Auch so ein Moment, in dem ich auf kindliches Geplapper verzichten könnte: „Meiner“ und ich möchten planen, wer wen zu welchem Zeitpunkt wohin karrt und wieder abholt. Eine unglaublich komplizierte Angelegenheit. So kompliziert, dass der süße Kang von „Mama, ich habe alle meine Hausafugaben schon fertig“ nur noch als Lärmbelästigung und nicht als die freudigste Nachricht des Tages wahrgenommen wird. Und auch wenn ich mir stets eine lebhafte Runde am Esstisch gewünscht habe, komme ich nicht umhin, hin und wieder zu brüllen: „Jetzt seid mal alle einen Augenblick lang still, man kann ja sein eigenes Kauen nicht mehr hören!“

Ziemlich kleingeistig von mir, wegen solcher Banalitäten ungeduldig zu werden, ich weiss. Im Gegenzug zeige ich mich aber bei Trotzen und Heulen erstaunlich tolerant. Denn dass die Kinder manchmal einfach nicht anders können, habe ich schon längst akzeptiert. Und ich nehme es ihnen nicht übel, auch wenn sie dabei meist ziemlich laut werden.

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Ferienbilanz

Bevor es morgen wieder losgeht mit Schule, Kindergarten und Jobs, ein kurzer Rückblick, ob wir auch wirklich alles getan haben, was wir uns vorgenommen hatten.

– Mindestens fünfmal ausschlafen (Ziel deutlich übertroffen)
– Nie nach Mitternacht zu Bett gehen (Ziel deutlich verfehlt)
– Zeit nicht verplanen (Ziel erreicht)
– Alle drei Etagen sauber aufräumen (Ziel beinahe erreicht. Hätte ich „Meinem“ etwas mehr unter die Arme gegriffen, wir hätten es geschafft.)
– Saunaelemente, die seit einem Jahr auf ihren Einsatz warten a) von der Garage in die Waschküche befördern, b) zu einer Saunakabine aufbauen und c) Sauna in Betrieb nehmen (Ziel a) erreicht, aber nur, weil mir eines Tages der Kragen geplatzt ist und ich die saumäßig schweren Dinger eigenhändig vor die Haustüre geschleppt habe, damit „Meiner“ gezwungen war, sie vor dem Regen in Sicherheit zu bringen. Ziel b) ebenfalls erreicht, bis auf das klitzekleine Detail, dass die Tür noch nicht aufgeht, weil der Waschtrog im Wege steht, Ziel c) verfehlt, aber immerhin in Sichtweite.)
– Das beschauliche Familienleben geniessen (Unter Berücksichtigung der Tatsache, dass Beschaulichkeit und Grossfamilie nicht so richtig zusammenpassen wollen, sind wir diesem Ziel dennoch erstaunlich nahe gekommen.)
– Das Haus nur verlassen, wenn es unbedingt sein muss (Ziel deutlich übertroffen)
– Klarheit in den grossen Fragen unseres Lebens erlangen (Ziel deutlich verfehlt. Wir haben jetzt noch ein paar Fragen mehr.)
– Möglichst wenig an SchuleKindergartenArbeits-Fragen denken (Ziel deutlich verfehlt, was aber nicht verwundert, hängen doch einige unserer grossen Fragen des Lebens genau damit zusammen.)
– „Meinem“ und den Kindern wieder näher kommen (Ziel erreicht, auch wenn die größere Nähe zu den Kindern die eine oder andere Reiberei erzeugt hat.)
– Viel schreiben (Ziel deutlich verfehlt)
– Schokolade, Weihachtsguetzli und andere süße Versuchungen so schnell als möglich aus dem Weg schaffen (Ziel erreicht, leider)
– Von einem stressfreieren Leben träumen (Ziel deutlich übertroffen)
– Daran denken, dass man mindestens bis zum 4. Januar den Leuten ein gutes neues Jahr wünschen sollte (Ziel zum ersten Mal überhaupt erreicht)

Nun ja, das eine oder andere Ziel haben wir verfehlt, aber im Grossen und Ganzen dürfen wir wohl ganz zufrieden sein mit unseren erfolgreichen Weihnachtsferien.

Was ist hier falsch?

Nach sehr vielen Jahren war ich gestern mal wieder zu Besuch auf der Zeitungsredaktion. Redaktion, das waren damals, als ich noch dazugehörte, muffelige Büros, knarrende Holzfussböden, stinkende Aschenbecher, erste Digitalkameras (sündhaft teuer und unhandlich, aber dennoch der letzte Schrei) und – absolut fortschrittlich – eine eigene E-Mail-Adresse für jeden Mitarbeiter. Redaktion heute, das ist…nun, ihr glaubt doch wohl nicht, dass ich mich jetzt lächerlich mache, indem ich etwas zu beschreiben suche, was mir vollkommen fremd geworden ist. Newsroom nennt sich das ja heute und ich würde mich dort etwa ebenso gut zurecht finden wie in einer Auto-Werkstatt oder in einem Space Shuttle.

Wie ich mich in dieser fremden Welt so umsah, erzählten mir meine ehemaligen Berufskollegen von all den Veränderungen, die ihre Arbeit in den vergangenen Jahren erfahren hat. Im Allgemeinen könne man sagen, ihr Beruf sei deutlich hektischer geworden, fassten sie zusammen. Was sie mir beschrieben klang tatsächlich nach deutlich mehr Hektik als damals. Nichts mehr mit endlosen Fachsimpeleien über die treffendste Redewendung und den perfekten Titel, wie mir scheint. Die Musse, die wir damals für die Schreiberei für unabdingbar hielten, scheint ganz und gar verschwunden zu sein. Und doch sah ich in diesem Newsroom deutlich mehr Musse, als ich sie aus meinem Arbeits- und Familienalltag kenne. Wann denn bitte sehr, fand ich mitten am Tag die Zeit, mir ein Skirennen anzusehen? Nicht, dass ich das möchte, aber ihr wisst schon, was ich meine.

Nein, sie haben kein beschauliches Berufsleben, die Journalisten von heute. Nachdenklich stimmt mich aber das Gefühl, das mich überkam, als ich mich im Newsroom umsah: Wie durchgeknallt muss man denn sein, wenn man beim Anblick arbeitender Menschen an eine Wellness-Oase denkt?

Es lohnt sich doch

Im „Spiegel“ haben sie ja neulich geschrieben, eine Beziehung – vor allem eine Beziehung, die durch Kinder bereichert wird – könne nur überleben, wenn das Paar immer mal wieder Zeiten zu zweit erlebe. Und weil ich jedes Wort glaube, das im „Spiegel“ steht, haben „Meiner“ und ich uns heute eben zu einem Saunatag zu zweit aufgerafft.

Nein, Spass beiseite. Dass wir Tage zu zweit brauchen, wussten wir auch vor dem Artikel im „Spiegel“, einem Artikel übrigens, der vor Binsenwahrheiten nur so strotzte. Unsere Tage zu zweit waren uns auch vorher schon heilig. Nun gut, zuerst mussten ein paar sehr anstrengende Familienjahre ins Land ziehen, bevor wir erkannten, dass sich die Zeit zu zweit nich aufschieben lässt auf den ersten Schultag des letzten Kindes. Seither aber sind wir ziemlich konsequent geblieben mit dem Erkämpfen von Freizeit, auch wenn unsere Kinder nicht so recht glauben mögen, dass „Meiner“ und ich auch ohne sie Spass haben können.

Dass wir zwei heute Spaß haben könnten, hätte ich mir vor zwei Wochen auch nicht so richtig vorstellen können, auch wenn der freie Tag bereits eingeplant war. Aber so, wie „Meiner“ und ich uns gegen Ende Jahr wegen jeder Kleinigkeit in die Wolle gerieten, hegte ich ernsthafte Zweifel daran, dass wir es acht Stunden ohne Streit aushalten würden. Ein schräger Blick und schon waren wir wieder in irgend einen unsinnigen Konflikt verwickelt. Nicht, dass wir dabei laut geworden wären. Ich schmiss ihm auch keinen Blumenkohl an den Kopf, wie ich das in den Anfängen unserer Beziehung einmal hemmungslos auf offener Strasse tat. Oh nein, diesmal war es viel schlimmer: Es herrschte kalter Krieg und keiner von uns beiden wusste, ob das nächste falsche Wort dazu führen würde, dass aus dem kalten ein heisser Krieg wird. Kalter Krieg, das bedeutet zum Beispiel, dass ich fein säuberlich die Grünabfälle vom Rest trenne und „Meiner“ kippt sie in einem unbeobachteten Moment in den gewöhnlichen Abfallsack. Oder „Meiner“ hört sich Jovanotti an, um sich die Putzerei erträglich zu gestalten und ich ziehe den Stecker des CD-Players, anstatt meinen Mann höflich zu bitten, doch bitte die Musik etwas leiser zu stellen, weil sie meine Kopfschmerzen stört. Wir tun das nicht mit dem erklärten Ziel, einander zu nerven, wir finden einfach, der andere setze mal wieder ganz falsche Prioritäten und müsse in die Schranken gewiesen werden. Eine Art von Geringschätzung, wenn auch eher subtil.

Warum diese Spannungen, mag man sich fragen. Weder er noch ich hatten nämlich etwas Schwerwiegendes getan, was unserer Beziehung hätte schaden können. Weder er noch ich hatten unsere Ehe satt. Es war schlicht und einfach der FamilienArbeitsVorweihnachtsHaushaltsDezemberbluesIchbrauchedringendferien-Alltag, der uns dazu trieb, nicht mehr zu spüren, wie sehr wir einander auch im vierzehnten Ehejahr noch lieben. Es war genau diese banale Wahrheit, die in jedem Eheratgeber und natürlich auch im oben erwähnten Artikel steht: Zuviel Alltag und zu wenig Feiern bekommt keiner Ehe gut. Und darum hatte der Entscheid, die Badetasche zu packen und die Kinder den Betreuerinnen anzuvertrauen tatsächlich etwas von „sich aufraffen“ an sich. Denn wer will schon mit einer nörgelnden Ehefrau (oder mit einem genervten Ehemann) eine entspannende Zeit verbringen?

Natürlich hat sich das Aufraffen gelohnt, denn so ganz ungestört vom Alltags-Theater, wenn die nörgelnde Ehefrau und der genervte Ehemann mal endlich die Klappe halten, sieht man plötzlich wieder, wie schön es doch eigentlich ist, jemanden zu haben, der das Ganze mit einem durchsteht.

Heldenhaft

Wäre ich nicht bereits mit ihm verheiratet, dann wäre heute der Tag, an dem ich ihm einen Heiratsantrag machen würde. Das Erste, was ich heute Morgen sah, als ich gegen neun Uhr die Augen aufschlug, war „Meiner“, der den abgeschmückten Tannenbaum aus dem Fenster beförderte. Als ich deutlich später endlich widerwillig das Bett verliess, dämmerte mir rasch einmal, dass der Tannenbaum erst der Anfang gewesen war und dass mein Herr Gemahl das allgemeine Chaos zum Kampf herausgefordert hatte. Da stand er mit Möbelpolitur und Staublappen und holte das Beste aus unseren alten Fensterbrettern heraus. Und so ganz beiläufig auch aus unseren Kindern: „Ich geh‘ mal nach oben und räume mein Zimmer auf“, verkündete Karlsson nach dem Mittagessen, das für einmal ganz gesittet in einem sehr aufgeräumten Esszimmer stattfand. „Luise und ich haben vorgestern Abend noch gespielt und jetzt sieht es ein wenig unordentlich aus“, erklärte unser Ältester, als ich ihn erstaunt ansah. Ich hatte dann aber keine Zeit mehr, mich länger um den Gesundheitszustand unseres Sohnes zu sorgen, denn am Nachmittag fegte die allgemeine Aufräumwut mit solcher Wucht durch unsere vier Wände, dass ich mich im Büro in Sicherheit brachte.

Als ich irgendwann spät abends wieder nach Hause kam, glaubte ich zuerst, ich hätte mich in der Adresse geirrt. Jedes Zimmer piekfein aufgeräumt, das Prinzchen und der Zoowärter im neuen gemeinsamen Schlafzimmer friedlich schlummernd, das Elternschlafzimmer dort, wo ich es immer gerne gehabt hätte und dazu noch in jedem erdenklichen Winkel Kerzen, Blumen, Schnickschnack – die Wohnung, die ich mir immer mal wieder erträume, die ich aber nie so hinkriege, wie „Meiner“ das mit Leichtigkeit und vor allem ohne schlechte Laune und Gemotze schafft. Ein wahrer Held, wenn ihr mich fragt. Ob ich ihn fragen soll, ob er mein Haushälter werden will?

Lucy kann’s

Ein wenig neidisch bin ich ja schon. Wenn ich nach dem Mittagessen sage: „Kinder, räumt bitte den Tisch ab, putzt euch die Zähne und dann machen wir alle eine Pause“, dann tut keiner nur den kleinsten Wank. Wenn aber Lucy mit breitem Amerikanischem Akzent sagt: „Kiddies, ic mochte, dass ihr jetst gleic die Tisch abraumt, die Säne burstet und dann machen wir alle eine kleine Break“, dann ist sofort alles auf den Beinen, um zu tun, was Lucy von ihnen erwartet. Klage ich: „Kinder, seid bitte etwas leiser. Ich habe so schreckliche Kopfschmerzen“,geht das Geschrei in der gleichen Lautstärke wie zuvor weiter. Wenn aber Lucy jammert „Ic habe so eine furchterliche Headache ic kann euer Gebrull nict mehr langer ertragen“, dann herrscht plotzlic, äähm, ich meine natürlich plötzlich, absolute Stille.

Noch erstaunlicher ist, welche Wirkung Lucy auf „Meinen“ hat. Er, der weder Gerlinde, noch Rosa Müller noch Maggie leiden kann, liegt Lucy zu Füßen. Ach so, ich muss vielleicht noch erklären, wer Gerlinde, Rosa Müller und Maggie sind. Die drei schauen regelmäßig bei uns vorbei. Gerlinde, die raubeinige Arbeitsimmigrantin aus Deutschland, beschimpft unsere Kinder bei jeder Gelegenheit als „kleine Rotznasen“, motzt über die Schweizer Küche und ist bei unseren Kindern dennoch erstaunlich beliebt. Rosa Müller lebt im nahen Altersheim und verirrt sich hin und wieder an unseren Mittagstisch, wo sie sich über ihre missratenen Kinder und die knausrige Heimleitung auslässt. Nichts ist ihr gut genug und doch betteln die Kinder immer und immer wieder: „Mama, wann kommt endlich Rosa wiedermal?“. Maggie, die erst seit Kurzem mit uns verkehrt, ist ein unausstehlicher Snob. Sie prahlt mit ihren Shopping-Exzessen und mit ihren Jet-Set-Bekannten. Durch und durch unsympathisch, aber auch sie äußerst beliebt bei den Kindern, nicht aber bei „Meinem“ und mir.

Gestern dann ist vollkommen aus dem Nichts Lucy aufgetaucht, stellt alle ihre Vorgängerinnen in den Schatten und erobert das Herz meiner Familie im Sturm. Und das alles nur, weil sie einen amerikanischen Akzent hat und so unglaublich fröhlich ist, dass man sie einfach gern haben muss. Lucy muss nur den Mund aufmachen, schon werden alle ganz freundlich und kooperativ, das Zusammensein am Mittagstisch wird plötzlich zur reinsten Freude. Sie schafft mit Links, was ich so oft vergeblich versuche.

Ich bin wirklich versucht, neidisch zu werden, aber wenn ich mir es recht überlege, muss ich mich wohl eher über mich selber ärgern. Hätte ich Lucy nämlich früher erfunden, unser Familienleben wäre schon längst viel friedlicher. Auf der anderen Seite wäre es auch furchtbar langweilig, immer nur die fröhliche Lucy zu sein, denn ein wenig kratzbürstige Gerlinde und ein wenig nörgelnde Rosa Müller steckt ja auch in mir drin. Nur woher Maggie, diese Nervensäge, kommt, kann ich mir beim besten Willen nicht erklären.