Zurück an den Herd, aber schnell

Wildschweingulasch, Gâteau du Vully, Gelée aus den Scheinquitten, die so lange unbemerkt in unserem Garten wuchsen – sie hat mich wieder, die Kochleidenschaft. Es müssen nicht mal Dinge sein, die ich selber essen will, Hauptsache ich darf in den Töpfen rühren. Dass ich sie jemals verlieren könnte, diese Leidenschaft, das hätte ich nie erwartet. Natürlich, man hatte mich gewarnt, wie man mich vor so vielem warnte, als wir eine Familie gründeten. „Du wirst sehen, wenn die Kinder erst mal grösser sind, dann wird dir das Kochen um Hals raushängen. Immer nur noch Spaghetti, Milchreis und Fischstäbchen. Glaub mir, ich weiss, wovon ich rede.“

Und so kam es dann auch, irgendwie. Obschon die Kinder keine Schuld trifft an der vorübergehenden Misere. Die geben sich nämlich keineswegs zufrieden mit Spaghetti, Milchreis und Fischstäbchen. Oh ja, sie haben auch ihre Momente, in denen sie nicht wollen, was ich serviere, aber grundsätzlich sind sie Neuem gegenüber sehr aufgeschlossen und weder Exotischem noch Scharfem abgeneigt. Nein, das Problem lag bei mir. Mehr und mehr wurde mir die Kocherei zur lästigen Pflicht, die man eben auch noch irgendwann zwischen aufräumen, einkaufen, Kinder abholen, Büroarbeit und Windeln wechseln erledigen muss. Noch schlimmer war es mit dem Essen. Anstatt zu geniessen war da nur noch der Kampf, auch noch  etwas zwischen die Zähne zu bekommen, irgendwann zwischen dem Aufwischen des verschütteten Apfelsafts und dem Trennen der Streithähne, die mit den Gabeln aufeinander losgingen. Na ja, vielleicht lag’s eben doch auch ein wenig an den Kindern…

Jetzt aber ist die alte Leidenschaft wieder da, auch wenn es bei uns am Tisch noch längst nicht so gesittet zugeht, wie man sich dies als wahrer Geniesser wünschen mag. Ein paar Monate, während denen vorwiegend ein Au Pair am Herd stand, Tage, an denen „Meiner“ das Kochen übernimmt und dies so wunderbar, dass mir nur das Geniessen, nicht aber die Arbeit bleibt, einige Stresstage, an denen mehr als Brot, Käse und Obst nicht drinliegt und schon ist da wieder Raum für neue Ideen und für alte Rezepte, die schon so lange darauf warten, ausprobiert zu werden. Und dann ist da noch dieses Kochbuch, das ich zum Geburtstag bekommen habe mit all diesen köstlichen Herbstrezepten…

Ich will zurück an den Herd und zwar schnell! Aber nur an den Herd, der Rest des Haushalts kann mir weiterhin gestohlen bleiben.

Schräg

Der Nicht-Vegetarier schneidet voller Abscheu das Wildschweinfleisch in Stücke und behauptet allen Ernstes, so etwas könne er nicht essen, obschon er dies schon mehrmals mit Genuss getan hat.

Der Vegetarierin rührt mit Leidenschaft im Wildschwein-Gulasch. Allerdings erst, nachdem sie den anfänglichen Ekel überwunden hat.

Die Katze frisst den Käse. Der Kater spielt Klavier.

Das dritte Kind nimmt es schweigend hin, dass Mama und Papa vergessen, ihn zur Geburtstagsparty seinen Freundes zu bringen und als Mama ihn fragt, weshalb er sie denn nicht daran erinnert hätte, meint er „Ich hab‘ ja schon daran gedacht, aber warum hast du mir nicht gesagt, dass du es vergessen hast? Wenn ich gewusst hätte, dass du es vergessen hast, dann hätte ich dich daran erinnert.“

Die Tochter macht sich am Schienbein weh, weshalb sie nicht helfen kann, den Tisch abzuräumen. Dafür aber kann sie mit der Katze durch die Wohnung rasen. Dazu braucht man die Beine ja nicht. 

Der Jüngste will wissen, ob ein Töpfchen das Gleiche sei wie ein Katzenklo. Und ist enttäuscht, als die Mama erklärt, dass es da ziemlich viele Unterschiede gibt.

Der Älteste bügelt Mamas Kleid, Papas Hose und seine eigenen Hemden. Vollkommen freiwillig. Weil es „so schön ist, gebügelte Kleider zu tragen“.

Der Zweitjüngste heult aus Leibeskräften „Nein, ich bin nicht schlecht gelaunt. Ich bin ganz zufrieden!“

Mein Idol würde sagen „Die spinnen, die Vendittis.“

 

Von wegen nicht weit vom Stamm

Seit heute Nachmittag hängt an unserer Küchentüre ein Zettel mit der schönen Überschrift „Ordnung muss sein… Ordnung im Überblick“. Darunter ist fein säuberlich aufgeführt, wie die vier kleinen Vendittis, die dazu bereits fähig sein sollten, dafür sorgen können, dass mehr Ordnung herrscht. Keine Kleider auf den Fussboden schmeissen, die Schuhe ins Regal räumen, die Jacke an den richtigen Haken hängen und den Wäschekorb im Zimmer regelmässig leeren. Und damit keiner seine Pflichten so schnell vergisst, hängt das Blatt auch in jedem Kinderzimmer. 

Wer nun hofft, „Meiner“ und ich seien auch endlich auf den Zug derjenigen aufgesprungen, die mehr Disziplin in der Erziehung fordern, den muss ich leider enttäuschen. Das Regelwerk ist nämlich nicht auf unserem Mist gewachsen, sondern auf demjenigen der Kinder, allen voran Karlsson. Nun ja, die Forderungen sind eigentlich nicht neu, die haben „Meiner“ und ich immer mal wieder gepredigt, aber dass man bei uns zu Hause jetzt an jeder Ecke eine „Zimmerordnung“ – wie Karlsson das nennt – findet, das ist uns schon eher fremd, neigen wir beide doch eher zu spontan, unkompliziert und aus dem Bauch heraus, ich ein bisschen mehr als „Meiner“.

Aber so ist das halt mit der Jugend von heute, die will immer das Gegenteil von dem, was die Eltern für erstrebenswert halten. Das ist für mich eigentlich soweit okay und solange ich nicht die Einzige bin, die dafür sorgen muss, habe ich auch nichts gegen eine gewisse Ordnung einzuwenden. Ich fürchte mich einzig vor den Auswüchsen, welche die Reglementierwut mit sich bringen könnte. Ich ahne bereits, dass ich demnächst auf meinem Schreibtisch einen Zettel mit dem Titel „Ordnung muss sein… auch im Büro“ finden werde. Darauf wird wohl zu lesen sein: „Keine losen Blätter herumliegen lassen. Stifte und Radiergummis in einem Behälter versorgen. Bearbeitete Unterlagen in einem Ordner ablegen. Ein sinnvolles Ablagesystem für Pendenzen einrichten. Alte Notizzettel gehören ins Altpapier.“ Oder so ähnlich. 

Sollte ich diesen Zettel tatsächlich demnächst unter all den sich türmenden Papieren auf meinem Schreibtisch vorfinden, dann verlange ich einen Mutterschaftstest…

Besserwisserische dumme Kuh

Wann habe ich bloss damit angefangen, diese unglaublich ermutigenden Ratschläge von mir zu geben? Ich sage „Sieh zum, dass du vor der Geburt noch möglichst viel Schlaf kriegst. Du kannst nie wissen, wann du wieder die Gelegenheit zum Durchschlafen kriegst, wenn das Baby erst mal da ist.“ Ich sage auch „Geniess das letzte Jahr, in dem du noch kein Kind im Kindergarten hast. Das, was danach kommt, wird nicht lustig.“ Oder „Ja, in der Ersten und in der Zweiten geht’s ja noch, aber aber der dritten Klasse ziehen sie die Schrauben ganz gewaltig an. Einfach schrecklich, was sie von den armen Kindern fordern.“ 

Wenn ich mir so zuhöre, wie ich Müttern und Vätern, die jüngere Kinder haben als ich, den Mut nehme, dann könnte ich mich selbst ohrfeigen. Es kommt noch soweit, dass ich einer vom Schlafentzug geplagten Jungmutter, die mir ihr Herz ausschütten will, dieses elende „Kleine Kinder, kleine Sorgen – grosse Kinder grosse Sorgen“ an den Kopf werfe. Aber soweit soll es nicht kommen. Wie habe ich es damals gehasst, als ich vor lauter Schlafmanko auf dem Zahnfleisch ging und mir Mütter von grösseren Kindern das Gefühl vermittelten, ich sei bloss ein Jammerlappen, nicht stark genug für die Herausforderungen der Elternschaft. Schon damals wusste ich, was ich eigentlich auch heute noch weiss: Jedes Alter bringt seine eigenen Freuden, aber auch Herausforderungen und jede dieser Herausforderungen kann einen an die Grenzen der eigenen Kräfte treiben. Darum habe ich mir stets geschworen, nie eine besserwisserische dumme Kuh zu werden, die anderen Müttern und Vätern Angst macht vor dem, was noch auf sie wartet. 

Und heute bin ich in Gefahr, genau eine solche besserwisserische dumme Kuh zu werden, ja, vielleicht bin ich bereits eine geworden, oder zumindest ein besserwisserisches dummes Kalb, das auf dem besten Weg dazu ist, eine der grössten und dümmsten Kühe zu werden. Dabei habe ich doch gar keinen Grund dazu, abgelöscht oder frustriert zu sein. Ja, wir zanken uns immer mal wieder, manchmal ist es auch wirklich mühsam, die Kinder für die anstrengenderen Seiten des Lebens zu motivieren und die Momente, in denen ich die Kinder auf den Mond schiessen möchte, gibt es auch. Aber im Grunde genommen bin ich eine glückliche Mutter, die ganz gut damit klarkommt, dass im Familienleben nicht immer nur eitel Sonnenschein herrscht und auch wenn mich zuweilen die Angst vor den Teenager-Jahren beschleicht, eigentlich bin ich ganz gespannt darauf, wie sich die Beziehung zu unseren Kindern entwickelt, wenn sie gross werden. 

Warum also immer öfter diese doofen Aussagen, mit denen ich anderen Eltern den Mut nehme? Ich kann es mir nur damit erklären, dass sich in den vergangenen Monaten eine pessimistische Grundstimmung bei mir eingeschlichen hat, die in allen Bereichen zum Ausdruck kommt, auch dort, wo ich eigentlich eine positive Einstellung hätte. Und diese Haltung passt mir nicht. Ich will nicht eine jener verbitterten Frauen werden, die beim Neugeborenen nur die schmutzige Windel, beim Kleinkind nur den Trotzanfall, beim Teenager nur die Stimmungsschwankungen sehen. Ich will mich nicht damit zufrieden geben, nur noch zu Hause vor dem Fernseher zu vegetieren, bloss weil grössere Kinder nicht mehr bei jedem Vorschlag „Super Mama, tolle Idee!“ jubeln. Ich will, dass Leidenschaft und Begeisterungsfähigkeit wieder überwiegen, nicht Resignation und „Ich bin zu müde, um mit euch in den Wald zu gehen. Wir machen das vielleicht nächste Woche.“ 

Höchste Zeit für eine Verschnaufpause. Damit ich die Energie aufbringen kann, um diese besserwisserische, resignierte, dumme Kuh von hinnen zu jagen.

Wer macht hier die Sauerei?

Heute waren wir ganz spontan bei Nachbars zum Mittagessen eingeladen. Nachbars sind sehr nette Menschen und wir haben die Zeit bei ihnen sehr genossen. Die Leute haben nur einen einzigen Fehler: Ihre Wohnung ist aufgeräumt. Damit könnte ich ja halbwegs leben, das Dumme ist nur, dass Nachbars nicht nur eine aufgeräumte Wohnung haben, sondern auch vier Kinder. Und damit gerate ich in Erklärungsnot. Es kommt ja öfters vor, dass wir bei Menschen mit aufgeräumtem Zuhause zu Besuch sind, aber wenn „Meiner“ dann über unser Chaos jammert, dann kann ich sein Gejammer schnell abstellen. „Die haben ja erst ein Kind und das krabbelt noch nicht mal“, kann ich zum Beispiel als Argument anführen. Oder: „Kein Wunder, dass es bei denen aufgeräumt ist. Die haben ja auch schon erwachsene Kinder und sie ist nicht berufstätig.“ Oder: „Die sind beide voll berufstätig und die Kinder sind den ganzen Tag in der Krippe. Die sind so selten zu Hause, dass gar niemand Unordnung machen kann.“ Was aber hätte ich heute sagen sollen? Nachbars haben nur ein Kind weniger als, die meisten ihrer Kinder sind so alt wie unsere, die Eltern sind beide ähnlich beschäftigt wie wir und doch stapeln sich bei ihnen keine ungelesenen Zeitungen und halbfertige Wäscheberge. Für einmal hatte ich rein gar nichts anzubringen zur Verteidigung unserer alltäglichen Unordnung, der wir uns übrigens sehr wohl entgegenstemmen, auch wenn man kaum etwas sieht von unseren Anstrengungen.

Nun, auch wenn ich meiner eigenen Unordnung überdrüssig bin, ich hätte mich wohl damit abfinden können, dass es bei Nachbars ordentlicher aussieht als bei uns. Klar, auch mir gefällt es besser, wenn sich nicht alles stapelt,  aber wir sind nun mal nicht alle gleich. Dass Dumme ist nur, dass „Meiner“ sich von den aufgeräumten Zimmern sogleich hat inspirieren lassen. Kaum waren wir zu Hause, begann er, das Bücherregal auszumisten, Möbel zu verschieben und Vorträge zu halten, wie einfach es doch wäre, ein bisschen mehr Ordnung zu halten, wir hätten das ja jetzt mit eigenen Augen gesehen. Die Kinder, die sonst selten mit „Meinem“ einig gehen, wenn das Thema Ordnung zur Sprache kommt, pflichteten ihm artig bei. Und somit ist klar, wer an all der Unordnung Schuld ist: Ausgerechnet ich, die ich noch immer die Hauptverantwortung für den Haushalt innehabe. Oder innehätte, wenn ich mich denn nach all den Jahren relativ erfolglosen Haushaltens noch dazu aufraffen könnte, einen neuen Anlauf in Sachen Ordentlichkeit zu nehmen. 

Ich habe eine Weile lang darüber nachgedacht, wie ich mit dem neu erwachten Ordnungsfanatismus meiner Familie umgehen soll. Muss ich mich einfach wieder mehr anstrengen? Oder soll ich vollends resignieren, weil der Kampf ohnehin aussichtslos ist? Ich bin dann zu dem folgenden Schluss gelangt: Sie dürfen liebend gern mehr Ordnung haben, wenn sie das so sehr wünschen. Ich stehe ihnen nicht im Weg, ich verlange nur, dass sie sich aktiver daran beteiligen. Denn so sehr sie nach mehr Ordnung schreien, den grössten Teil der Sauerei mache nicht ich, sondern sie. Und der Postbote, der jeden Tag so viel Papier ins Haus bringt.

Versagermama

Versagermama verliert morgens um halb acht, nachdem ihre Tochter sie zum dritten Mal grundlos angekeift hat, zum ersten Mal den Nerv. Wäre sie nicht Versagermama, würde sie säuseln „Mein herzallerliebstes Töchterlein, es würde mir sehr viel bedeuten, wenn du aufhören würdest, in diesem Ton mit mir zu reden. Weisst du, der Mama macht das ganz tief im Herzen weh, wenn du so mit ihr sprichst.“ Aber sie ist Versagermama und darum brüllt sie: „Mein liebes Kind, ich hab‘ deinen giftigen Tonfall so langsam aber sicher satt. Immerhin bin ich der Mensch, der dich zuallererst geliebt hat und der dich immer lieben wird, also willst du wohl damit aufhören, mich als deinen Abfallkübel zu behandeln? Mir reicht es, immer mitansehen zu müssen, wie du mit allen anderen Menschen nett bist, während ich deinen ganzen Frust an den Kopf geworfen bekomme.“

Versagermama hat dienstags auch nur noch zwei oder drei gefleckte Bananen und ein paar verbeulte Nektarinen vorrätig, welche die Kinder für die Pause mitnehmen können. Sie hat es mal wieder nicht geschafft, rechtzeitig einen Zwischendurcheinkauf zu erledigen. Versagermama ist natürlich auch die Einzige, die morgens noch in Richtung Kindergarten unterwegs ist, während all die anderen Mütter und Au Pairs bereits wieder auf dem Heimweg sind. Und wenn sie endlich im Kindergarten ankommt, wird Versagermama gefragt, weshalb denn gestern niemand gekommen sei, um den kleinen Jungen abzuholen. Natürlich gibt es einen Grund dafür – die grossen Geschwister haben ihren kleinen Bruder vergessen -, aber Versagermama weiss sehr genau, dass nicht die Kinder die Schuld trifft, sondern sie ganz alleine, weil sie ihre grossen Kinder noch nicht soweit gebracht hat, ihren kleinen Bruder nie und nimmer zu vergessen. Im Laufe des Tages gibt es noch unzählige Gelegenheiten, bei welchen Versagermama ihr Unvermögen beweisen kann und es wundert keinen, dass sie diejenige ist, die am Kindergarten-Elternabend so spät erscheint, dass sie nur noch ausserhalb des Kreises einen Platz findet. Natürlich weiss sie auch, dass sie damit gemeint ist, wenn die Lehrerin voller Abscheu von Eltern redet, die doch tatsächlich manchmal die Bibliotheksbücher ihrer Kinder nicht mehr finden können und auch wenn Versagermama weiss, dass die Bibliotheksbücher  nur deswegen verschwinden, weil sie in der Masse der eigenen Kinderbücher untergehen, so steigt ihr dennoch die Schamesröte ins Gesicht. Wer will denn schon wissen, weshalb etwas nicht so läuft, wie man dies von einer braven, angepassten Schweizer Familie erwarten würde? 

Manchmal ist Versagermama ziemlich frustriert und tieftraurig über ihr ständiges Versagen. Sie wünschte sich, dass auch in ihrem Leben die Dinge so schön wohlgeordnet und überschaubar wären, sie überhäuft sich mit Selbstvorwürfen, denn eigentlich wüsste sie ja, dass sie einfach nur alles mit etwas mehr Ruhe angehen müsste, damit nicht immer und immer wieder das Chaos ausbricht. Manchmal fragt sie sich auch, weshalb der liebe Gott ihren Kindern eine solche Versagermama zugemutet hat, aber zum Glück meldet sich dann meist eine innere Stimme zu Wort, die sie wieder beruhigt. „Du magst in vielen Bereichen nicht so perfekt sein, wie du es dir wünschen magst und wie man es von dir erwarten mag“, sagt diese innere Stimme „aber zeige mir einen einzigen Menschen – mal abgesehen von „Deinem“ – , der diese Kinder ebenso liebt wie du. Solange du sie liebst und auch fähig bist, es ihnen immer aufs Neue zu zeigen, so lange hast du nicht total versagt.“

 

Der weise Venditti

Es gibt viele Wege, den Stress zum Schuljahresanfang zu meistern, oder es zumindest zu versuchen. Luise, zum Beispiel, fährt im Schnitt etwa 150 mal am Tag aus der Haut, währenddem Karlsson zwar in seiner Haut drin bleibt, diese aber derzeit so dünn ist, dass der leiseste Anflug von Kritik – „Karlsson, würdest du bitte deine Sandalen ins Regal stellen?“ – zu Streit führt. Der FeuerwehrRitterRömerPirat reagiert sich derweilen mit Wohnzimmerfussball ab und das Prinzchen liegt immer mal wieder mit fieberheissem Kopf auf seinem Bären, den er übrigens nur noch „mein Baby“ nennt und auf den ich mich beim Singen nicht mehr abstützen darf, weil das arme Baby sonst Schmerzen hat. Aber kommen wir zurück zum Thema. „Meiner“ und ich greifen in diesen Tagen auf unsere altbewährte Stressbewältigungs-Strategie: Wir streiten uns wegen jeder Kleinigkeit – „Ich hab‘ dir doch gesagt, dass ich den Mozzarella für den Auflauf gekauft habe, warum brauchst du ihn dann für die Pizza, die ich diese Woche gar nicht eingeplant habe?“ – und werfen einander gegenseitig vor „Wenn du nicht immer so lange arbeiten würdest, dann wäre es viel ruhiger…“  Wahrlich keine sehr reife Art, mit dem ganzen Stress fertig zu werden.

Da ist der Zoowärter bedeutend weiser als seine Eltern. Und dabei auch um einiges pflegeleichter als seine Geschwister. Während nämlich die anderen sechs Vendittis im roten Bereich drehen, kommt er mittags nach Hause, isst eine kleine Portion Vorgekochtes und eine grosse Portion Eis und danach zieht er sich in einen Winkel zurück, wo er den Rest des Tages verschläft. Egal wie laut und hektisch es im Hause zu und hergeht, der Zoowärter lässt sich durch nichts davon abhalten, den ganzen Stress aus sich herauszuschlafen. So war er bereits als Baby und so ist er heute noch. Ein wahrlich durch und durch weiser Mensch, unser Zoowärter. Ich wünschte, unser anderen Kinder wären mehr wie er, denn wären sie mehr wie er, dann könnten „Meiner“ und ich auch mehr sein wie er und dann würden wir all nur noch schnarchen, anstatt aus der Haut zu fahren, dünnhäutig zu sein, Wohnzimmerfussball zu spielen, zu fiebern oder zu streiten.

Sinnkrise abgewendet

Unser Planungswerk schreitet munter voran. Legten wir vergangenen Sonntag bloss fest, was wann getan werden muss und wer zu welchem Zeitpunkt überhaupt nichts tun muss/darf, so sind wir heute einen Schritt weiter gegangen: Wir haben zumindest auf dem Papier die ärgsten Stressfallen eliminiert. Jetzt wissen wir also nicht bloss, an welchen Tagen die Kinder bei der Wäsche helfen müssen und wann und bei welchen Lehrerinnen der erste Elternabend der diesjährigen Saison stattfindet, wir haben jetzt auch festgelegt, an welchen Tagen „Meiner“ das Prinzchen in die Krippe bringt und an welchen Abenden das Mittagessen vorgekocht werden muss. Damit ich morgens nicht mehr wie eine Furie mit Kindergarten- und Kleinkind durchs Dorf hetzen muss und sich mittags nicht mehr sieben hungrige und genervte Vendittis gegenseitig die wohlverdiente Pause verderben. Wenn das so weitergeht mit uns – und wenn wir es hinkriegen, die Pläne vom Papier in den Alltag zu übertragen – dann werden wir am Ende noch eine ganz gewöhnliche Grossfamilie, die ohne viel Drama ihren Alltag meistert. 

Eigentlich bin ich ja ganz froh, wenn wir das Chaos zumindest ansatzweise in den Griff kriegen. Und doch kam heute Abend, als ich den Dampfnudelteig für morgen Mittag knetete, eine leise Angst in mir hoch. „Entwickelst du dich jetzt allmählich zu einer jener Hausfrauen, die einmal im Monat drei oder vier Gerichte in riesigen Mengen vorkochen und dann einfrieren, damit sie nicht mehr zu oft in der Küche stehen müssen?“, fragte ich mein müdes Selbst, das sich eigentlich viel lieber mit der Zeitung aufs Sofa verzogen hätte. „Kommt es tatsächlich noch so weit, dass du, die du so gerne kochst und noch lieber isst, deine Familie und dich selber mit dem immer gleichen Futter abspeist, nur damit dein Alltag etwas beschaulicher wird?“ Ich war auf dem besten Weg, mich in eine uferlose Sinnkrise zu stürzen, die wohl darin geendet hätte, dass ich den wahnwitzigen Entschluss gefasst hätte, wieder Vollzeithausfrau zu werden. Zum Glück fiel mir gerade noch rechtzeitig ein, dass hausgemachte Dampfnudeln wohl kaum in die Kategorie der „im Handumdrehen zubereitet“-Rezepte gehören und dass ich somit weiterhin von mir behaupten darf, zwar eine miserable Hausfrau, dafür aber immerhin eine leidenschaftliche Köchin zu sein. 

Hinterhältig? Na und?

Ihr dürft mich getrost ein hinterhältiges Miststück schimpfen, ich schäme mich trotzdem nicht dafür, dass ich dem Prinzchen heute Abend heimlich Gute-Nacht-Tee in den Feierabend-Kakao gemischt habe. Nach zwei Wochen Prinzchen bis kurz vor Mitternacht liegen meine Nerven derart blank, dass ich meinen allerliebsten Jüngsten nach neun Uhr abends nur noch friedlich schlafend aushalten kann. Ich weiss, das klingt jetzt hart, aber ihr könnt mir glauben, dass man es am Ende eines sehr langen Tages nicht mehr besonders süss findet, wenn ein kleiner Mensch abends um halb elf die Vorratskammer plündert, den Küchenschrank ausräumt und mit der WC-Bürste hantiert, anstatt brav im Bett zu liegen, wie es sich für einen mehr oder weniger wohlerzogenen, übermüdeten beinahe-Dreijährigen gehört.

Darum also der Gute-Nacht-Tee, darum die ungewohnte Ruhe abends um halb zehn, darum auch die wunderbare Aussicht auf ein völlig ungehindertes Wäscheaufhängenfaltenwaschenküchesaubermacheneingangaufräumenfussbodenfegen. Wenn ich mich dabei nicht vollkommen ungeschickt anstelle, reicht die Zeit vielleicht noch für die ersten zehn Minuten des Films, den ich mir für heute Abend ausgeliehen habe.

Zuweilen muss man einfach hinterhältig sein, wenn man für die lieben Kleinen auch in ihren anstrengenden Lebensphasen noch genügend Nerven haben will.

(Frei)zeitmanagement

Meine erste Reaktion war ziemlich ablehnend, als „Meiner“ neulich vorschlug, dass wir jeweils am Sonntag die wichtigsten Aufgaben und Termine der Woche planen. Das Wichtigste, damit meinte er nicht alleine die unzähligen Elterngespräche, die er jeweils ausserhalb der Schulzeit führt oder die zahlreichen Termine, die ich ausserhalb der regulären Arbeitszeiten einplane, nein, er wollte auch Zeiten festlegen, wann wir mit den Kindern Wäsche falten und versorgen, wann wir uns mit unserem Kontostand und den zu bezahlenden Rechnungen befassen und – für mich am schwierigsten zu akzeptieren – wann jeder von uns ein paar Stunden ganz für sich alleine hat. „Warum um Himmels Willen willst du denn jetzt auch noch unseren Alltag durchplanen? Sind wir denn nicht bereits genug eingespannt mit Stundenplänen, ausserschulischen Aktivitäten der Kinder, Arztbesuchen und all dem elenden Kram?“, protestierte ich. Aber klar seien wir das, entgegnete „Meiner“ und genau darum wolle er unseren Alltag besser strukturieren denn „wenn wir immer und überall spontan sind, dann reagieren wir am Ende nur noch auf das, was an uns herangetragen wird und dann sind wir gefangen in unserer Spontaneität.“

Ich weiss nicht, ob mich der Inhalt seiner Aussage überzeugt hat, oder ob ich einfach nur baff war, dass der Mann, der allem theoretischen Geschwätz abgeneigt ist, mir auf einmal einen Sachverhalt so sec und unumstösslich darlegte, dass mir keine Gegenargumente einfielen. Gewöhnlich bin ich diejenige, die ihn mit knapp gehaltenen, aus meiner Sicht absolut logischen Argumenten derart nerve, dass er sich beeilt, mir Recht zu geben, bevor ich ihn mit einer einschläfernden Predigt über die Richtigkeit meiner Überlegungen langweile. Diesmal waren die Rollen vertauscht und mir blieb nichts anderes übrig, als bei dem Spiel mitzumachen, obschon mir nicht so ganz wohl war dabei. Wie bereits angetönt, hatte ich meine grössten Bedenken bei der Freizeit, die wir ab sofort fest einplanen sollten.

Warum ausgerechnet bei der Freizeit? Müsste denn eine fünffache Mama, die obendrein noch Teilzeit arbeitet, beim Gedanken an fest eingeplante Freizeit nicht glänzende Augen kriegen? Nun, das war einmal so, vor langer Zeit, als ich mir noch Illusionen machte. „Morgen Nachmittag nehme ich mir zwei Stunden frei und dann lege ich mich mit einem dicken Schmöker in die Badewanne, komme was wolle“, nahm ich mir jeweils vor. Natürlich kam tatsächlich, was wollte. Die Kinder kotzten, eine in Tränen aufgelöste Freundin brauchte Beistand, „Meiner“ wurde bei der Arbeit aufgehalten und verspätete sich, ich musste eine Stellvertretung übernehmen – damals unterrichtete ich noch -, ein Vertreter schneite herein und liess sich nicht abwimmeln oder vielleicht packte mich auch nur das schlechte Gewissen, weil ich mit einem Ohr mitbekam, wie „Meiner“ versuchte, allen Kindern gleichzeitig gerecht zu werden. Es blieb beim Träumen von Badewanne und Schmöker und die Realität des Alltags behielt mich weiterhin fest im Griff. Die ersten drei oder viermal, als mir so etwas passierte, war ich bitter enttäuscht, später dann nahm ich die resignierte Haltung ein, dass es eben kein Recht auf Freizeit und Erholung gibt, auch wenn in der Erklärung der Menschenrechte genau dies festgeschrieben ist. Mag ja sein, dass einem die Freizeit hin und wieder ganz unvermittelt in den Schoss fällt, aber planen lässt sie sich nicht, sagte ich mir. 

Ob das inzwischen anders ist? Ich bezweifle es, auch wenn ich heute Abend, als wir uns nun zum ersten Mal hinsetzten, um die wichtigsten Fixpunkte der kommenden Woche festzulegen, nichts dagegen unternahm, als „Meiner“ für den Mittwochnachmittag ein paar Stunden Zeit für mich ganz alleine einplante. Nun ja, ein wenig muckte ich natürlich schon auf, als er vorschlug, dass ich erst nach dem Abendessen wieder erscheinen sollte. „Das kann ich den armen Kindern doch nicht zumuten“, wehrte ich ab und so werde ich nun am Mittwoch um 19 Uhr wieder bei Mann und Kindern erwartet. „Meiner“ wollte sogar noch weiter gehen in der Planung und fragte, was ich denn vorhätte, ob ich lieber zu Hause bleiben und schreiben oder in den Wald gehen wolle, aber diese Frage beantwortete ich nicht. Wo bliebe denn die Spontaneität, wenn wir auch noch die geplante Freizeit verplanten? Obschon, wenn ich höre, wie das Prinzchen im Nebenzimmer vor sich hin fiebert und wenn Luise sehe, die gerade über Schwindel und Übelkeit klagend auf dem Fussboden liegt, dann scheint mir, dass meine „Freizeit“ von Mittwochnachmittag bereits bis auf die letzte Minute verplant ist.