Es ist wieder diese Zeit im Jahr…

…in der unsere kleineren Kinder die Sommerkleider aus dem Schrank zerren und halb nackt aus dem Haus rennen würden, wenn wir sie nicht rechtzeitig erwischten.

…in der ich Stunden damit verbringe, das Internet nach dem perfekten Ferienhaus an perfekter Lage abzusuchen und weil es noch eine halbe Ewigkeit dauert, bis der Sommer da ist, bilde ich mir ein, wir könnten vielleicht zwischendurch doch noch ein paar Tage irgendwohin…Halt! Erst mal den Kontostand wieder ins Lot bringen!

…in der wir fast jedes Wochenende Gäste haben oder eingeladen sind, weil man im alten Jahr alles aufs neue verschoben hat.

…in der Luise fragt, ob wir nicht wieder einmal, eventuell, wenn wir Eltern nichts dagegen hätten, Skifahren gehen könnten. Und wenn wir antworten, wir wüssten es nicht, schnappt sie sich den neuesten Kleiderkatalog und zeigt uns, was sie in ihrer Sommergarderobe alles haben möchte.

…in der ich mindestens einmal wöchentlich träume, ich hätte den richtigen Zeitpunkt zum Ansäen von Setzlingen verpasst und stünde zum Frühlingsbeginn ohne Pflänzchen da.

…in der man sich einbildet, es dauere noch ewig, bis die Nichte heiratet, bis Markttag sei, bis der runde Geburtstag da sei… und auf einmal steht man wieder völlig unvorbereitet da, weil die Zeit mal wieder schneller war als die Einbildung.

…in der ich den Frühling kaum erwarten kann.

Jedes Jahr im Winter ist es wieder so, auch dann, wenn der Winter sich nicht wie ein Winter aufführt.

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Die können ja, wenn sie wollen

Prinzchen hat heute mit meiner Hilfe seine erste Wähe gebacken. Ein kleines Ding, gerade mal gross genug, um einen kleinen Kindermagen zwischendurch ruhig zu stellen. Natürlich gab es für alle zusammen noch eine Grosse. Wo kämen wir denn hin, wenn einer alleine den ganzen Genuss hätte? Oder jeder nur einen winzigen Bissen abbekäme? Die Grosse war im Nu weggeputzt, einzig Prinzchens Küchlein lag noch auf dem Tisch, als sich beim Zoowärter der Wunsch nach mehr Wähe regte.

Zoowärter beinahe schüchtern zum Prinzchen: „Gibst du mir einen Bissen von deiner Wähe ab?“
Prinzchen: „Nicht jetzt.“
Zoowärter, leicht eingeschnappt: „Hab ja nur gefragt…“
Prinzchen, fällt ihm ins Wort: „Nicht jetzt, habe ich gesagt. Aber wenn ich wieder hochkomme, darfst du sie haben.“
Zoowärter, verwundert: „Die ganze Wähe?“
Prinzchen: „Ja, die Ganze. Aber erst gehe ich jetzt noch ein wenig zu Grossmama. Ach was, iss sie doch jetzt…“

Eine Stunde später, das Prinzchen ist wieder da und die Wähe schon längst in Zoowärters Bauch.
Prinzchen: „Wo ist meine Wähe?“
Zoowärter schaut schuldbewusst zu Boden: „Die habe ich gegessen.“
Prinzchen: „Die Ganze?“
Zoowärter, beschämt aber auch leicht irritiert: „Du hast es doch gesagt…da habe ich eben gedacht…“
Prinzchen: „Kein Problem. Ich habe doch nur gefragt.“

Zum Glück war die Sache damit erledigt. Wenn das Prinzchen den Zoowärter auch noch gefragt hätte, ob ihm die Wähe geschmeckt hat, hätte ich es mit der Angst zu tun bekommen. Ich meine, das geht doch nicht, die Dinge so ganz ohne Tobsuchtanfälle und elterliche Intervention zu regeln.

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Einfach unersättlich, diese Majestäten

Okay, ich weiss, ich bin ein Feigling. Ich bringe es einfach nicht übers Herz, einem einzigen Familienmitglied die Krone für einen Tag zu gönnen. Jeder Aufwand ist mir recht, wenn ich mir damit den Anblick enttäuschter Kinderaugen ersparen kann. Schief geht es trotzdem jedes Jahr. Am heutigen Dreikönigstag lief das alljährliche Drama folgendermassen ab:

Sonntag, 5. Januar 2014, ca. 22:00 Uhr

Mama Venditti schiebt den fairsten Königskuchen aller Zeiten in den Ofen und legt fest, welcher Brötcheninhalt für welchen Titel steht:

  • Rosine = König Christian I. von Dänemark, Schweden und Norwegen
  • Erdnuss= Queen Elizabeth I.
  • Kaffeebohne = Lous XIV.
  • Roter Bonbon = König Carl XIV Johan von Schweden
  • Gelber Bonbon = King Arthur
  • Getrocknete Rose = Zarin Katharina die Grosse
  • Kandierte Früchte = Kaiser Karl der Grosse

Ja, ich weiss, ein echter Adelskenner würde in dieser Aufstellung schon einige Standesunterschiede ausfindig machen, aber wir wollen es mal nicht übertreiben, gekrönt ist gekrönt. Auf das Basteln von Kronen wird übrigens verzichtet, der Titel muss reichen. 

Sonntag, 5. Januar 2014, ca. 22:05 Uhr

Luise kommt verbotenerweise noch einmal aus dem Bett und lässt mich wissen, dass ein Dreikönigstag ohne  „richtigen“ Königskuchen auch kein „richtiger“ Dreikönigstag sei. Und ein „richtiger“ Königskuchen sei einer, der im Laden gekauft wird. Mama Venditti beschliesst, ihrer Tochter den Gefallen zu tun und einen zusätzlichen Kuchen zu kaufen, weil das arme Kind in der letzten Zeit doch immer wieder geklagt hat, man würde sie zu wenig ernst nehmen.

Montag, 6. Dezember, 07:05 Uhr

Queen Elizabeth I., in diesem Hause besser bekannt als Zoowärter, tauscht ihren Titel mit König Carl XIV. Johan, im Alltag Luise genannt. Nach diesem Tausch schauen beide gekrönten Häupter deutlich fröhlicher aus der Wäsche. Wenig später dankt König Christian I., manchmal auch Prinzchen genannt, freiwillig ab und bittet seinen Vater untertänigst, er möge ihm den Thron von King Arthur überlassen. Der Vater, in royalen Dingen vollkommen unbedarft, gewährt seinem Sohn diesen Wunsch und macht sich auf, um seinem ganz und gar bürgerlichen Broterwerb nachzugehen. Wie zu erwarten war, ist Louis XIV. mit seiner Rolle voll und ganz zufrieden, dafür widerstrebt es ihm, als FeuerwehrRitterRömerPirat in die Schule gehen zu müssen. Karl der Grosse ist leider krank und Katharina die Grosse zieht sich nach durchwachter Nacht noch einmal in ihr Schlafgemach zurück, nachdem sie in der Migros zwei „richtige“ Königskuchen mit Papierkronen erstanden hat. Ja, zwei, weil einer alleine nur sechs potentielle Königsbrötchen hat. Also doch Potential für Streit, weil nur zwei eine Krone haben können. 

Montag, 6. Dezember, 11:45 Uhr

King Arthur, vormals König Christian I, kommt freudenstrahlend vom Kindergarten nach Hause. Er, sein bester Freund und „so ein Mädchen“ haben einen König und damit auch eine Krone ergattert. Katharina die Grosse, von ihren Kindern noch immer als Mama angesprochen, atmet hörbar auf. Einer ist bereits gekrönt, also einer weniger, der enttäuscht werden kann. 

Montag, 6. Dezember, 12:35 Uhr

König Christian I., auch „Meiner“ genannt, darf sich eine Krone aufsetzen. Mist! Die hätte doch eines der Kinder bekommen sollen! Wer die zweite Krone bekommt, wird sich beim Zvieri zeigen.

Montag, 6. Dezember, 15:11 Uhr

Queen Elizabeth I. kommt verschwitzt und hungrig von einer freiwilligen Joggingrunde zurück – fragt mich bloss nicht, was in sie gefahren ist – und der Zufall belohnt sie für diesen Einsatz mit einer Krone. Weil sie von der sportlichen Betätigung so ausgehungert ist, verschlingt sie zu viel Königskuchen und muss deshalb in der Bäckerei Nachschub holen. Sonst reicht es nicht für alle zum Zvieri.

Montag, 6. Dezember, 15:30 Uhr

Queen Elizabeth I. kehrt mit zwei überteuerten Königskuchen aus der Bäckerei zurück. Die Augen von Louis XIV. glänzen hoffnungsfroh. Vielleicht wird er doch noch eine Krone bekommen.

Montag, 6. Dezember, 15:56 Uhr

Louis XIV. sitzt schluchzend am Tisch. Karl der Grosse und König Carl XIV. Johan haben sich die zwei letzten Kronen geschnappt. König Christian I., der ja ohnehin kein echter Royalist ist, bietet dem traurigen Sonnenkönig seine Krone an, doch dieser schlägt das Angebot aus, weil zu dieser Krone eine Königinnenfigur gehört. Katharina die Grosse, die übrigens auch auf eine Krone verzichten musste, bittet Queen Elizabeth I., sie möge doch bitte mit dem armen Sonnenkönig Erbarmen haben und ihm ihre Königsfigur überlassen. Im Gegenzug dürfe sie König Christians Königinnenfigur haben. Doch Queen Elizabeth I. zeigt sich unnachgiebig und so bleibt dem armen Sonnenkönig nichts anderes, als sich mit einem Säcklein Süssigkeiten aus der Bäckerei zu trösten, das er sich erst noch hinter Katharinas Rücken und mit dem eigenen Taschengeld kaufen musste. King Arthur findet das trotzdem vollkommen unfair und muss wegen lauten und andauernden Heulens auf sein Zimmer geschickt werden. 

Montag, 6. Dezember, 23:48 Uhr

Alle gekrönten Häupter haben sich zur Ruhe begeben. Alle? Nein, Zarin Katharina die Grosse ist noch wach und fragt sich, was sie nun wieder falsch gemacht hat, an welchem Punkt die Sache aus dem Ruder gelaufen ist, ob sie es wagen soll, den Dreikönigstag im Reiche Venditti um des lieben Frieden Willens abzuschaffen, oder ob sie damit riskiert, auf dem Schafott zu landen. 

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Ein Blick zurück

Alte Leidenschaften wiederentdeckt

Neue Freunde gewonnen

Alte Freundschaften vertieft

Träume verwirklicht

Einen Lebensabschnitt abgeschlossen

Einen Lebensabschnitt begonnen

Wunden geleckt

Neue Energie getankt

Ordnung geschaffen

Zurückerobert

Hinter mir gelassen

Zukunftsperspektiven skizziert

Gesät, gehätschelt und geerntet

Gezweifelt

Bereut

Ermöglicht bekommen, was ich schon lange wollte

Neues gelernt und Altes vertieft

Geschlafen – vielleicht auch einfach Überstunden abgebaut

Gerechnet und verrechnet

Meine Familie genervt und mich von ihnen nerven lassen

Notanker gespielt

Reich beschenkt worden

Mit dem Loslassen gekämpft

In ein und demselben Moment Wehmut und Freude gefühlt

Neue Leidenschaften gefunden

Dankbar

Von Herzen allen ein schönes, gesegnetes neues Jahr!

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Wunderbare faule Tage

Ausschlafen, bis man das Frühstück als Mittagessen durchgehen lassen kann.
So lange lesen, bis das Buch oder zumindest die spannende Passage zu Ende ist.
Sich in Zürich nicht durch die Massen stören lassen, sondern mit Karlsson in aller Ruhe die Geschenke aussuchen, die er sich nicht wünschen konnte, weil er noch gar nicht wusste, dass er grünen Kaviar und Schweizer Trüffel bekommen könnte.
Sich von Panettone, Orangen, Tonic Water und Gruyère ernähren, weil alles andere zu viel Arbeit macht.
Sich mit Mann, Kind und Katzen im Wohnzimmer fläzen und einen Familienfilm reinziehen.
Zwischendurch ein Kaffee oder einen Tee aus einer Tasse schlürfen, die noch niemand hat kaputt machen können, weil ich sie gerade erst bekommen habe.
Sich über unerwartete Geschenke freuen, zum Beispiel über edlen Tee und Maldon Salt, die wir im im Delikatessengeschäft geschenkt bekommen haben, bloss weil dort der Vater von Prinzchens bestem Freund arbeitet.
Immer wieder einen verträumten Blick auf den in diesem Jahr so wunderschön geratenen Weihnachtsbaum werfen.
Ab und zu einen Streit schlichten, aber damit muss man wohl leben.
Zeit haben für spontanen Besuch.
Kein Problem haben damit, wenn der Besuch dann doch nicht kommt. Dann fläzen wir eben weiter im Pyjama rum.

Seitdem unsere Kinder grösser sind, sind die Tage zwischen den Jahren wieder das, was sie früher mal waren: Wunderbare faule Tage.

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Die Prinzessin und der Manitoba-Weizen

Wir hatten erneut die Ehre, eine Küchenmaschine vermacht zu bekommen, eine Dame aus dem edlen Geschlecht der Kitchen Aid, von ihren ersten Besitzern getauft auf den Namen Princess Leia – von mir kann sie diesen Namen nicht haben, ich habe bis heute noch immer kein Star Wars gesehen. Unter anderem um diesem adligen Geschöpf in reinem Weiss ein standesgemässes Zuhause bieten zu können, eroberte ich mir meine Traumküche zurück. Die Prinzessin bekam dort einem Ehrenplatz auf der blitzblank polierten Arbeitsfläche. Ich glaube, sie fühlte sich auf Anhieb wohl dort und als ich meine Mehlvorräte aus der Mühle anschleppte, begann sie vor lauter Vorfreude zu glänzen. Sophie wurde aufs Altenteil geschickt, wo sie hin und wieder Weizen mahlen oder alle Schaltjahre Fleisch durch den Wolf drehen darf und Charlotte hat ihren Dienst in einer anderen Küche nicht weit von hier aufgenommen. Da mich nun die grosse Backwut packte, hatte die Prinzessin beste Aussichten auf ein glückliches Leben bei uns.

Dann aber geschah das Unglück: Herr Hadjiandreou, dessen Buch ich mir selbst zur Einweihung meiner Küche schenkte, erklärte mir, dass nicht das lange Kneten einen guten Teig macht, sondern die Ruhe zwischen zwei kurzen Knetvorgängen. Na ja, kneten ist vielleicht das falsche Wort, man müsste wohl eher von streicheln reden und das beherrsche ich eindeutig besser als die Prinzessin. So kam es, dass die Arme traurig dabei zusah, wie ich mich mit meinem Teig vergnügte und ihr kaum Beachtung schenkte. Gut, hin und wieder tätschelte ich sie liebevoll und versprach ihr, sie bald einmal ganz gross herauskommen zu lassen, doch die Prinzessin schniefte nur verdriesslich und schmiedete im Geheimen wohl Pläne, diesem trostlosen Ort zu entfliehen.

Doch dann, fast wie im richtigen Märchen, kam ein Retter daher, zwar nicht auf einem Schimmel, sondern in einem gelben Auto, das viele Pakete aus aller Welt geladen hatte. Manitoba-Weizen heisst der edle Herr und ich habe ihn eigens aus Deutschland herbeigerufen, weil mein Panettone beim ersten Versuch nicht richtig aufgehen wollte. Das Internet hat mir dann erklärt, dass der Teig eben nicht anders konnte, als eher flach zu bleiben, weil das Stärkegerüst nicht fest genug gewesen sei, darum müsse beim nächsten Mal der starke Kerl aus Manitoba her.

Zum Glück kam er gerade noch rechtzeitig vor Weihnachten an, damit der Teig über drei Tage werden kann und weil die ersten Schritte langes Kneten von Hand erforderten, wusste ich zugleich, dass ich den Richtigen gefunden hatte, um die Prinzessin wieder glücklich zu machen. Wer noch nie einen Teig mit einem Anteil von Manitoba-Weizen geknetet hat und auch keine Lust hat, dies je zu tun, kann sich diese Arbeit etwa so vorstellen: Drei Rollen von diesem klebrigen Einmeterkaugummi so lange kauen, bis er weich ist und danach gründlich von Hand durchkneten, etwa zehn Minuten lang. Glaubt mir, ich war von Herzen dankbar, als mir das Rezept bei Schritt 17318 endlich gestattete, die Prinzessin ranzulassen. Die Gute stürzte sich mit Freuden auf die Arbeit und bewies diesem Manitoba-Kerl, wer hier das Sagen hat.

Noch ist der Panettone nicht ganz fertig, doch der Teig zeigt mir, dass sich hier zwei gefunden haben, die zueinander gehören. Und wenn mir nicht irgendwann der Nachschub an Weizen ausgeht oder die Prinzessin den Geist aufgibt, werden sie zusammen noch viele Jahre lang glücklich herzige kleine Panettone, Ciabatte und Baguettes erzeugen.

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Frohe Weihnachten

Der Baum ist geschmückt – einen ganzen Tag zu früh, weil das Prinzchen und sein bester Freund keine Minute länger mehr warten konnten.

Der Teig, in dem der Schinken gar werden soll, steht im Kühlschrank.

Die frischen Nudeln liegen zum Trocknen im Gitter, die Morcheln zum Einweichen in der Milch.

Die Einzelteile der Bûche de Noël müssen nur noch zusammengefügt werden.

Die meisten Geschenke sind verteilt, es sind nur noch diejenigen für die Kinder einzupacken, obschon ich mir nicht sicher bin, ob sich das lohnt. Wenn ich nicht irre, haben sie ohnehin alles schon „zufälligerweise“ gesehen. 

Ein bisschen putzen noch, ein wenig kochen, mehr steht nicht mehr auf dem Programm. 

Was bleibt da noch zu tun? Euch allen mit einem meiner liebsten Weihnachtslieder ein frohes Weihnachtsfest zu wünschen. 

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Tochtertag

Natürlich war es wunderschön, Luises Traum zu erfüllen.

Mal wieder mit einem staunenden, glücklichen Schulmädchen unterwegs zu sein, anstatt mit einem vorpubertären, schlecht gelaunten Ding, das im Alltag immer öfter unsere süsse, blauäugige Tochter kidnappt und sich an ihrer Stelle an unseren Tisch setzt.

Zu erleben, dass ich nicht ganz so ängstlich bin, wie es manchmal den Anschein macht, und sie nicht ganz so mutig, wie man denken könnte.

Zu sagen: „Okay, für dich mache ich das, auch wenn mir ein wenig mulmig ist dabei.“ Und zu hören: „Wenn du mitkommst, dann traue ich mich, aber ohne dich mache ich es nicht.“

Zu merken, dass wir beide die gleichen Leute lächerlich finden. Zum Beispiel die Teenie-Tussi, die aller Welt ihre Schlittschuhkünste vorführt, die beste Freundin, die ziemlich wackelig auf den Kufen steht, mit gelungenen Pirouetten in den Schatten stellt und dann mit voller Wucht auf dem Hosenboden landet. Oder die Oma, die in Samichlaus-Mantel und Samichlaus-Mütze gekleidet mit ihrer Sippe zu Mittag isst und nicht ein einziges Mal ihr Gesicht zu einem Lächeln verzieht. 

Im Looping-Restaurant noch ein zweites Dessert zu bestellen, bloss weil es so viel Spass macht, dabei zuzusehen, wie das Essen an den Tisch gesaust kommt. 

Gemeinsam über die Macken von „Meinem“ zu witzeln und dann doch wieder zu überlegen, ob es ihm auf dem Riesenrad wohl gefallen würde, oder ob er im Café besser aufgehoben wäre. 

Nach dem ganzen Lichterzauber in der Dunkelheit nach Hause zu fahren, den halben Weg darüber zu reden, warum eine Ehe, die in Las Vegas geschlossen wurde, selten ein ganzes Leben lang hält und irgendwann ein sehr zufriedenes aber sehr müdes Kind neben sich sitzen zu haben, dem es nur mit Mühe gelingt, die Augen bis zum Schluss offen zu halten, damit es zu Hause noch dem Papa erzählen kann, wie unglaublich schön es war, diesen Traum erfüllt zu bekommen. 

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Glücksgefühle mit einer Note von Citrus und Kardamom

Vierundzwanzig Jahre lang habe ich experimentiert, habe ihn mal mit Rosinen gebacken, mal nur mit kandierten Früchten, fast immer hatte es auch Mandelstifte im Teig, ein paar Mal versuchte ich es mit Quarkteig, wenn ich welchen zur Hand hatte, durften sich die Früchte zuerst mit Rum vollsaugen, aber meistens verzichtete ich darauf, einzig die dicke Rolle Marzipan in der Mitte gehörte stets dazu, egal, von welchem Rezept ich mich inspirieren liess.

Keine Ahnung, wie viele Weihnachtsstollen ich seit meinem fünfzehnten Lebensjahr schon gebacken habe, aber es waren ziemlich viele. Zufrieden war ich nie mit dem Resultat. Auch nicht vollkommen unzufrieden, das nicht, aber er war eben nie  genau so, wie er meiner Meinung nach sein sollte: Krümelig aber nicht trocken, kompakt aber nicht schwer, butterzart aber nicht triefend vor lauter Fett. Mal roch er zu stark nach Hefe, mal war er staubtrocken, dann wieder wollte der Teig nicht richtig aufgehen. Mein Stollen war nie so schlecht, dass man ihn nicht gern gegessen hätte, aber er war auch nie so gut, wie er sein sollte. 

Jetzt endlich, nach all diesen Jahren, bin ich zum ersten Mal richtig zufrieden. Ach, was untertreibe ich da? Ich schwelge geradezu. Schon als mir dieser himmlische Duft von Kardamom und Citrus in die Nase stieg, ahnte ich es und als ich mir den ersten Bissen auf der Zunge zergehen liess wusste ich es mit Sicherheit: Ich habe mein Ziel erreicht, mein Weihnachtsstollen ist endlich so, wie ich ihn mir stets erträumt habe. So zart, so aromatisch, so krümelig – so weihnächtlich.

Zu verdanken habe ich dies nicht etwa meinem Talent, sondern Emanuel Hadjiandreou, der in seinem Buch Dinge lehrt, die ich so weder zu Hause noch in der Kochschule noch in irgend einem anderen Backbuch gelernt habe. Das Resultat überzeugt, nicht nur beim Stollen, sondern auch beim Sauerteig-Vollkornbrot oder bei den Croissants. Ziemlich sicher trägt auch das Mehl aus der Mühle das Seine zum Gelingen bei. Endlich ist Selbstgebackenes so, wie es sein sollte: Besser als das Gekaufte, damit sich der Aufwand auch wirklich lohnt. Wenn die Küche wieder sauber ist und das Gebäck seinen Duft verströmt, bin ich jedes Mal Neue erstaunt, wie glücklich mich solche Dinge machen. 

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Ihr Traum, der mal meiner war

Was sie denn nun machen wolle, fragten wir sie. Die Zeit dränge allmählich, ihr elfter Geburtstag stehe schon bald vor der Tür und darum solle sie sich endlich entscheiden, was sie denn Besonderes unternehmen wolle. Einen Tag mit Papa und einen mit Mama bekommen die Knöpfe geschenkt, wenn sie zehn werden und natürlich muss es etwas Grosses sein, denn die Gelegenheit kommt so bald nicht wieder. Luise überlegte lange. Monatelang. Dann wusste sie endlich, wohin sie wollte: In den Europa Park und zwar mit Mama. Erst wollte sie ja mit Papa gehen, weil der im Alltag mehr Witz versprüht, doch dann erlebte sie, wie er blass und blasser wurde, als wir ihn Kopenhagen zu einer Fahrt auf einer mittelmässigen Berg- und Talbahn überredeten. Und sie erlebte, wie Mama auf der gleichen Bahn vergnügt kreischte und dann war klar, wer mit ihr nach Rust fährt.

Ich will mich ja nicht beklagen. Immerhin war es vor dreissig Jahren mein grösster Traum, in den Europa Park zu fahren, doch daran war bei uns nicht zu denken. Nicht mal fragen musste ich, so etwas war einfach klar bei uns. Jetzt geht dieser Traum doch noch in Erfüllung, einfach mit etwas Verspätung. Gut, einmal war ich schon dort, als „Meiner“ und ich im achten Monat schwanger mit Karlsson eine Gruppe Teenager hin- und zurück karrten. Aber hochschwanger lassen die dich ja keinen Spass haben dort, also trieb ich mich den ganzen Tag lang auf diesen Kleinkinder-Attraktionen herum. Diesmal sollte dem Vergnügen nichts mehr im Wege stehen.

Nichts, ausser mein Alter, das mir keine allzu heftigen Berg- und Talfahrten mehr verzeiht. Und meine inzwischen etwas andere Sicht der Welt. Heute beeindruckt mich eher das Natürliche, die künstliche Welt eines Freizeitparks hat für mich ihren Reiz schon längst verloren.  Nein, von einem Tag im Europa Park träume ich schon längst nicht mehr, aber ich habe nicht vergessen, wie es war, aussichtslosen Träumen nachzuhängen. Luises Traum aber soll in Erfüllung gehen und ich werde mit grossem Vergnügen alles mitmachen, was ihr Freude bereitet. 

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