Kann mir mal einer erklären…

…weshalb die Leute jetzt, wo es endlich Frühling geworden ist, nur darüber reden, dass es bestimmt bald wieder kalt sein wird?

…weshalb Deutsche Ärzte, die genau gleich freundlich und kompetent sind wie ihre Schweizer Kollegen, nie – aber auch wirklich gar nie – auf die Idee kommen, dem Patienten zu erklären, was läuft?

…weshalb die Keimlinge meiner Chioggia-Randen wunderbar gedeihen, die Keimlinge meiner goldenen Rande aber kläglich abserbeln, obschon sie gleich viel Wasser, Licht, Wärme und Zuneigung bekommen haben?

…weshalb unserer Kinder nach all den Jahren den Satz „Bitte lasst weder Joghurtbecher noch Schokoladenpapier draussen herumliegen, wenn ihr ein Picknick veranstaltet“ noch immer nicht verstehen?

…weshalb Filme, die ab 6 Jahren freigegeben sind, meist nicht mal für Erwachsene geeignet sind, weil der Inhalt so deprimierend ist?

…weshalb eine Zehnjährige besser als mancher Kinderbuchautor weiss, was ein gutes Kinderbuch ausmacht?

…weshalb Karlsson mir direkt ins Gesicht sagt, dass er meine Witze nicht lustig findet, wo er das doch eigentlich hinter meinem Rücken sagen müsste?

…weshalb die grössten Kinderfeinde ihre Sätze über Kinder stets mit „Ich habe nichts gegen Kinder…“ anfangen?

…weshalb alle zu lachen beginnen, wenn wir von der Schwan-Attacke erzählen?

…weshalb man böse Blicke und giftige Bemerkungen erntet, wenn man im Spitalflur hohe Absätze trägt?

…weshalb die Menschheit je so dumm war, zu glauben, mit der Erfindung einiger nützlicher Maschinen würde das Leben einfacher?

…weshalb der Drucker immer in der Formular-Hochsaison den Geist aufgibt?

DSC08244-small

 

Schadenersatz

Okay, es ist nicht nett, wenn die Leute mich während der Frühlingsferien unserer Kinder mit frühmorgendlichen Anrufen aus dem Bett schmeissen. Da aber die wenigsten wissen, was für ein Morgenmuffel ich bin, werde ich es niemandem verübeln dürfen, wenn er es dennoch tut. Immerhin geht die Mehrheit der Menschheit davon aus, eine fünffache Mutter sei jeden Tag vor dem ersten Hahnenschrei aus dem Bett, was vermutlich auch für die meisten fünf- und mehrfach-Mütter auf diesem Planeten zutrifft. Mir bleibt also nichts anderes übrig, als den Menschen, die auf meine Morgenmuffeligkeit keine Rücksicht nehmen, grossherzig zu verzeihen.

„Meiner“ aber, der nun seit mehr als 22 Jahren mit mir unterwegs und seit bald 15 Jahren mit mir verheiratet ist, der schon meine miesesten frühmorgendlichen Gefühlsausbrüche über sich ergehen lassen musste und der Tag für Tag miterlebt, wie schwer ich morgens aus dem Bett komme, soll gefälligst darauf verzichten, mich morgens um fünf vor acht aus dem Tiefschlaf zu reissen, weil er zu Hause etwas vergessen hat, was er in der Schule braucht. Und das an einem Tag, an dem ausnahmsweise mal keines der Kinder um halb sieben ins Zimmer gestürmt war mit der dringenden Nachricht, das Erdnussbutterglas sei leer und das nur, weil der grosse Bruder, dieser Gierhals, den letzten Rest alleine gegessen habe.

Gut, natürlich habe ich auch „Meinem“ inzwischen verziehen, dass er meinem Tiefschlaf ein vorzeitiges Ende bereitet hat. Musste ich ja, wo er mir als Entschuldigung dieses traumhafte, weiche Kissen geschenkt hat. Vielleicht sollte ich bei den anderen Leuten, die mich frühmorgens aus dem Bett klingeln, auch auf Schadenersatz bestehen. Dann hätte ich bald einen Haufen wunderschöner Kissen. Oder zumindest endlich Ruhe am Morgen, weil keiner mehr auf die Idee käme, mich anzurufen, ehe ich richtig wach bin.

20130410-005724.jpg

Frühlingsferien

07:15 Uhr: Prinzchen schreit, weil er nicht von „Meinem“ in die Krippe gebracht werden will. Anziehen muss ich ihn, weil „Meiner“ in den Augen des Prinzchens nicht die richtigen Qualifikationen dazu mitbringt.

07:20 Uhr: Der Zoowärter will sich noch einmal versichern, dass er wirklich Ferien hat und ausschlafen darf.

07:22: „Meiner“ fragt mich nach der Telefonnummer der Krippe, damit er melden kann, dass das Prinzchen heute erst später kommen wird.

07:55: Der erste Anruf des Tages für „Meinen“, der aber schon längst zur Arbeit gegangen ist.

07:58: Der zweite Anruf des Tages für „Meinen“, der noch immer nicht zu Hause ist.

08:05: Das Prinzchen haut zur Grossmama ab, ich pfeife ihn zurück.

08:07: Der Zoowärter beschliesst, dass er doch nicht ausschlafen will und verlangt Frühstück.

08:15: Ein eingeschriebener Brief mit schlechten Nachrichten.

08:30: Flucht in den Garten, angeblich, um die Kompostschüssel zu leeren, in Wirklichkeit aber, um die schlechte Nachricht im Zwiegespräch meinen Keimlingen zu verdauen.

08:45: Ich versuche, das Kind zu trösten, das von der schlechten Nachricht betroffen ist, bin aber wenig erfolgreich, weil ich selber gerade nicht an die Gerechtigkeit in dieser Welt glauben mag.

09:00: Das Prinzchen will noch immer nicht in die Krippe. Ich insistiere.

09:05: Anruf bei der Versicherung. „Wegen einer internen Weiterbildung sind wir erst ab 13 Uhr wieder erreichbar.“ Ausreden muss man haben…

09:10: Luise ist traurig, weil Kater Leone schon wieder nicht nach Hause gekommen ist.

09:20: Mit einem heulenden Prinzchen, der seinen riesigen Bären mit sich trägt, mache ich mich auf zur Krippe.

09:30: Das Prinzchen ist geblieben, wirkte sogar äusserst glücklich, als ich ging. Korrekturarbeiten am Küchentisch, währenddem Luise die Psychologin gibt, Karlsson die alte Italienische Immigrantin und Zoowärter und FeuerwehrRitterRömerPirat sich Spiegeleier zubereiten.

11:30: Streit unter Geschwistern und keiner hört auf mich.

12:30: Währenddem ich das Geschirr abwasche, überkommt mich die grosse Versuchung, diesen Tag als verloren abzuschreiben.

13:00: Zweite Flucht in den Garten, der Aprikosenbaum blüht und es haben sich gar zwei oder drei Bienen eingefunden, um sich mit mir daran zu freuen.

13:20: Die Dame bei der Versicherung ist nicht nur frisch weitergebildet, sondern auch ausserordentlich nett und verständnisvoll. Vielleicht ist dieser Tag doch nicht ganz so schlecht, wie ich eben noch gedacht hatte.

14:00 Uhr: Karlsson will an seinem Vortrag arbeiten und ich versuche ohne Erfolg, ihn davon abzuhalten. Kann dieses Kind denn nie Ferien machen?

14:30 Uhr: Luise möchte jetzt auch einen Vortrag schreiben, freiwillig, aus Spass an der Sache. „Kind, du hast Schulferien!“

14:55: Luise möchte Hilfe beim Schreiben des Vortrags. „Kind, glaub mir, du hast Schulferien. Und ich auch!“

15:00: Nachmittagsschlaf, die einzige Möglichkeit, dem Lerneifer der zwei Ältesten zu entrinnen.

IMG_6952

(Zu) selbständig

Es bringt durchaus auch Nachteile mit sich, wenn man die Kinder zur Selbständigkeit erzieht. Zum Beispiel, wenn Mama und Papa ein paar Minuten zu spät dran sind, um Luise von der Jungschar abzuholen und das Mädchen dann auf die Idee kommt, den Weg zu Fuss zurückzulegen. 4,6 Kilometer, teilweise entlang der Bahnschiene, teilweise am Waldrand, teilweise an der Hauptstrasse und das alles kurz vor der Dämmerung.

Solange es noch Wege gab, die wir absuchen konnten, blieb ich noch halbwegs ruhig. Besorgt ja, aber auch ziemlich gewiss, dass wir sie bald finden würden. Doch als alle Strecken abgefahren waren und Luise noch immer vermisst blieb, als es zu dämmern begann, als „Meiner“ schliesslich die Polizei anrief und beschreiben musste, wie sie aussieht, was sie trägt, wo sie sein könnte, da brannten alle Sicherungen durch, ich konnte nur noch heulen. Und mich auf die Jugendlichen verlassen, die den Jungscharnachmittag organisiert hatten und die nun innert kürzester Zeit einen Suchtrupp auf die Beine stellten und die es auch schafften, eine zutiefst besorgte Mama halbwegs zu beruhigen und zu trösten.

Tief in mir drinnen wusste ich zwar, dass Luise sich durchzuschlagen weiss, ich wusste, dass sie weiss, was man auf gar keinen Fall tun darf, doch irgendwann spricht nicht mehr die Vernunft, sondern nur noch die nackte Angst. Gott sei Dank musste ich nicht erfahren, wie ich reagiere, wenn ein polizeilicher Suchtrupp die Gegend nach meiner Tochter absucht, denn der erlösende Anruf von Karlsson, Luise sei wohlbehalten zu Hause angekommen, setzte der Aufregung nach 90 schlimmen Minuten ein abruptes und überglückliches Ende.

Ich bin dankbar, dass Luise selbständig genug ist, einen solchen Weg unbeschadet und ohne sich zu verlaufen zurückzulegen. Noch dankbarer bin ich aber, dass sie, als ihr dämmerte, was geschehen war, einsehen konnte, wie unsinnig es gewesen war, keine drei Minuten warten zu können, bis Mama und Papa zur Stelle waren, um sie abzuholen.

IMG_6854

Dann eben nächstes Jahr

Zuerst habe ich mir ja überlegt, ob wir dieses Jahr die Zeitumstellung einfach ignorieren sollen. Bloss weil alle anderen es machen, müssen wir nicht unbedingt auch dabei sein, dachte ich mir. Nun gut, die Lehrerinnen des FeuerwehrRitterRömerPiraten wären vielleicht nicht sonderlich erfreut, wenn er noch später zur Schule käme, aber ich bin ja auch nicht immer einverstanden mit dem, was in der Schule läuft, da kann man es uns doch nicht verargen, wenn wir auch mal unser eigenes Ding durchziehen. Okay, vermutlich würde auch unser Sozialleben etwas erschwert, aber da wir ohnehin fast immer spät dran sind, bliebe unsere Rebellion weitgehend unbemerkt. Vielleicht würden ja sogar jene, die dennoch von unserem Widerstand wüssten, sich uns anschliessen und wir gingen in die Geschichte ein als jene, die das Ende eines grossen Unsinns einläuteten.

Im Geiste sah ich uns schon in den Geschichtsbüchern verewigt, als mir einfiel, dass das Zusammentreffen von Zeitumstellung und Ostern mir wohl meinen einzigen glanzvollen Nicht-Auftritt in meiner langen Osterhasenkarriere bescheren würde. Über all die Jahre habe ich es nämlich noch nicht ein einziges Mal geschafft, von niemandem gesehen zu werden, als ich frühmorgens durch den Garten schlich. Immer war bereits eines der Kinder wach, immer beobachtete mich mindestens eines vom Fenster aus. Heute aber, als um halb acht die biologische Uhr unserer Kinder erst auf halb sieben stand, konnte ich von allen unbemerkt aus dem Haus schleichen, um mir auf der Suche nach geeigneten Verstecken beinahe die Füsse abzufrieren. Nicht mal Karlsson, der gewöhnlich lange vor mir wach ist, war um diese Zeit schon auf und so konnte ich für einmal alle glauben machen, der Osterhase habe die Sachen gebracht. Nun ja, zumindest alle, die noch daran glauben, dass es den Osterhasen wirklich gibt…

Ja, ich weiss, der Widerstand gegen die Zeitumstellung wäre heldenhafter gewesen, aber diese eine Chance auf einen erfolgreichen Osterhaseneinsatz konnte ich mir einfach nicht entgehen lassen. Verweigern können wir uns ja auch nächstes Jahr.

IMG_6618

Langweilig?

Die ganze Familie zieht sich den Baron Münchhausen rein. Nun ja, fast die ganze Familie, ich habe bei diesem Regenwetter alle Hände voll zu tun, muss dafür sorgen, dass Downton Abbey den ersten Weltkrieg halbwegs heil übersteht und kann mich nicht um den Lügenbaron kümmern. Irgendwann hat auch das Prinzchen keine Lust mehr auf ihn. „Dieser Film ist so langweilig“, klagt er. Der Zoowärter traut seinen Ohren nicht, glaubt, das Prinzchen müsse sich im Wort geirrt haben. „Prinzchen, dieser Film ist ganz und gar nicht langweilig“, erklärt er. „Langweilig bedeutet, dass jemand etwas mit dir spielen will, wozu du keine Lust hast. Dann ist einem langweilig, aber ganz bestimmt nicht bei diesem Film.“ 

IMG_6676susu

Zehn Jahre

Aber natürlich haben wir Luises Geburtstag gebührend gefeiert. Mit zuckersüsser Torte, Cupcakes für die Schulkameraden, vielen Geschenken und der Aussicht auf eine Pyjama-Party mit den allerbesten Freundinnen. Wir haben uns ins Zeug gelegt, wie immer, wenn eines unserer Kinder gefeiert wird, wir haben Lieblingsessen gekocht und den Alltag zum Festtag gemacht. Äusserlich war alles wie üblich, aber innerlich war zumindest bei mir nichts wie sonst. Zehn Jahre sind wir nun bereits unterwegs mit Luise und wenn ich bedenke, wie schnell diese zehn Jahre an mir vorbei gerast sind, dann wird mir Angst. Noch einmal so lange und sie wird wohl ausgeflogen sein.

Schon jetzt ist es machmal schwer, sie Kind bleiben zu lassen, nicht, weil sie einen riesigen Drang verspürte, erwachsen zu werden, sondern weil der Druck unter den Gleichaltrigen enorm ist. Cool sein sollte sie, „Germany’s next Topmodel“ müsste sie sich anschauen, um mitreden zu können, einen Freund sollte sie haben, bei Facebook & Co. müsste sie natürlich schon längst dabei sein. Luise lebt gut damit, dass sie all dies noch nicht haben kann, sie will es noch gar nicht. Dennoch schmerzt es, wenn ich mit meiner Tochter über Dinge reden muss, die mich mit fünfzehn beschäftigt hatten und von denen ich mit zehn noch keinen blassen Schimmer hatte. Es macht mich traurig, dass ihr die Kindheit fast entrissen wird und es sind weder die bösen Erwachsenen, die dies tun, noch die bösen pubertierenden Jungs, es sind die gleichaltrigen Mädchen, die das Gefühl haben, das Leben sei eine endlose Seifenoper, in der sie die Hauptrolle spielten. Mädchen, die jetzt schon glauben, es ginge im Leben nur darum, gut auszusehen und den richtigen Typen zu angeln.

Luise weiss ziemlich genau, was sie vom Leben will und zum Glück hat sie Freundinnen, die ähnlich ticken wie sie. Dennoch kommt bei mir zuweilen das Gefühl auf, wir müssten Luise mehr schützen als unsere Jungs. Nicht, weil sie schwächer wäre, sondern weil sie als Mädchen mit vier Brüdern wenig Möglichkeiten hatte, sich auf den Zickenkrieg vorzubereiten, der früher oder später ausbrechen wird. 

IMG_6406

Aber doch nicht tiefgekühlt!

Sollte in dieser grossen, weiten Welt der divergierenden Meinungen ein Kompost-Experte sein, der die Meinung vertritt, Kompost werde erst dann richtig gut, wenn er vor dem Einschichten in den Behälter tiefgefroren und wieder aufgetaut wird, dann ist er gebeten, seine Meinung für sich zu behalten. Ich lasse nicht zu, dass man in dieser Sache „Meinem“ das Wort redet, der meine Kompostschüssel für eines seiner Tiefkühl-Fotoexperimente an sich gerissen hat.

Da mache ich mich beim Kuchenbacken zum Gespött meiner Tochter, weil ich die Eierschalen zerkleinere, bevor sie in der Kompostschüssel landen, mit gestrengem Blick wache ich darüber, dass auch ganz bestimmt keine Fleischresten hineingeschmuggelt werden, ja, ich erwäge gar, einen familieninternen Informationsabend zu organisieren, damit auch ganz bestimmt keiner auf die Idee kommt, geplatzte Luftballons, einbeinige Playmobil-Figuren und missratene Prüfungen als Kompostiergut zu deklarieren.

Als ich aber heute – sehr – früh wiedermal Eierschalen zerkleinern wollte, war die Schüssel weg. Zuerst fürchtete ich ja, „Meiner“ hätte in einem Anflug von Ketzerei den ganzen Inhalt in den Abfallsack gekippt, aber er beruhigte mich, das Zeug ist noch da, einfach vorübergehend tiefgefroren. „Nur, bis ich die Zeit habe, ein paar Fotos zu schiessen, dann kannst du dein Zeugs wieder haben“, sagte er mit einem Blick, der wohl treuherzig hätte sein sollen, der in meinen Augen aber klar die Botschaft „Mein Tiefkühlwahn ist stärker als deine Kompostierwut“ vermittelte. Natürlich wollte er mir weis machen, der Kompost werde nach seiner Aktion noch viel besser, als wenn er auf konventionelle Weise behandelt werde und vermutlich hätte er, so er denn Zeit gehabt hätte, irgend einen fiktiven Experten aus irgendeinem Artikel, den er angeblich in der „NZZ am Sonntag“ gelesen hat, zitiert, der seine frevelhafte Tat rechtfertigt.

Sollte jemand unter meinen Lesern die gleiche Meinung vertreten wie „Meiner“, ist er ausdrücklich gebeten, dies für sich zu behalten. In Kompostfragen dulde ich keinen Widerspruch. Zumindest nicht bevor mein Projekt grandios gescheitert ist.

IMG_6307

Flucht ins Grüne

Jetzt haben wir also nicht bloss ein Gewächshaus,  sondern ein beheiztes Gewächshaus. Nein,  kein Strom,  kein Gas,  nichts dergleichen. Einfach nur eine alte Steinplatte,  zwei Friedhofskerzen und ein grosser Tontopf. Seitenlang hat sich der eine Gartenratgeber darüber ausgelassen,  dass Gewächshaus ohne Heizung schlicht nicht geht und ich stellte mich auf eine sehr frustrierende Erfahrung ein,  denn ein Energiefresser kommt mir nicht in den Garten. Zum Glück aber gibt es noch Menschen,  die sich mit den Dingen zu helfen wissen,  die ihnen der Alltag in den Weg stellt,  zum Glück schreiben diese Menschen ebenfalls Gartenratgeber und zum Glück hat eines dieser schlauen Bücher den Weg zu mir gefunden. Jetzt heizt also die improvisierte Heizung fröhlich und äusserst sparsam vor sich hin – ja,  ich habe mich um zehn Uhr noch einmal hinausgeschlichen,  um nachzusehen,  ob das auch wirklich funktioniert – und ich kann guten Gewissens meine frostempfindlichen Krautstiele keimen lassen. 

Karlsson findet ja,  ich würde das mit dem Gärtnern allmählich ein wenig übertreiben. Klar,  er findet es toll,  dass ich überhaupt etwas mache und nicht ständig hinter ihm her renne,  weil ich nichts mit meiner Zeit anzufangen weiss. Aber er ist der Meinung,  ich sei etwas allzu pingelig. Bloss,  weil ich ihm nicht erlaubte,  die Speiseblüten und den Sauerampfer wild durcheinander zu säen. Versteht er denn nicht,  dass es viel hübscher es aussehen wird,  wenn er es auf meine Art macht? Der FeuerwehrRitterRömerPirat ist da deutlich einsichtiger. Brav jätete er dort,  wo gejätet sein musste,  noch braver blieb er dabei,  als er schon längst wieder hätte aufhören dürfen. Es sieht ganz danach aus,  als hätte ich in ihm einen treuen Verbündeten gefunden,  worüber ich bei ihm besonders froh bin, ist er doch drinnen kaum ansprechbar,  weil seine Nase stets in einem Buch steckt. Nicht,  dass ich grundsätzlich etwas gegen seinen Lesehunger hätte,  doch hin und wieder würde ich mich ganz gerne mit ihm unterhalten,  aber das geht so schlecht,  wenn er stets in anderen Sphären schwebt. 

Es ist also nicht nur aus gesundheitlicher,  sondern auch aus pädagogischer Sicht durchaus angebracht,  so viel Zeit wie möglich draussen bei den Pflanzen zu verbringen. Nun ja,  ein gewisser Eskapismus steckt natürlich auch hinter meiner neu gefundenen Leidenschaft. Nach den langen Kleinkinderjahren und den drei Jahren mit viel Job und wenig Gesundheit wäre drinnen mal kräftig ausmisten angesagt. Altlasten zu beseitigen macht jedoch eindeutig weniger Spass,  als Neues wachsen zu lassen. Zumindest bei mir ist das der Fall. Ja,  ich weiss,  das ist wenig vorbildlich,  aber vielleicht gleicht sich das wieder aus,  indem ich meinen Kindern beibringe,  wie man so richtig schön pingelig ansät. 

DSC00182

Mama Venditti träumt von einem geordneten Leben

Hach, wie wäre es doch nett, endlich ein wohlgeordnetes Leben zu führen. Nein, nein, nicht piekfein und blitzblank, aber so, dass man wüsste, welches Ding wo seinen Platz hat. Hier das Schreiben und alles, was dazu gehört, dort die Koch-, Garten-, Back- und Kinderbücher, ein grosses Regal für das, was man aus lauter Freude am Lesen liest, ein Schrankfach für die Stricksachen, den ganzen Bastelkram, den ich am liebsten aus dem Fenster schmeissen möchte, an einem einzigen Ort, Bilder, Farben und Fotoprojekte, an denen „Meiner“ arbeitet sauber verstaut und dann natürlich Ordner für all die Papiere, die übers Jahr ins Haus flattern und die alle wieder zur Hand sein sollten, wenn die Steuererklärung ansteht. Wenn das mal erledigt wäre, könnte man mal die Kleiderschränke ausmisten, den Estrich, den Keller, die Küchen- und Wandschränke. Und dann hätte jedes Ding seinen eigenen Platz, man müsste nie wieder suchen und natürlich würde nie wieder etwas herumliegen, weil es so einfach wäre, alles am richtigen Ort zu verstauen. Dann könnte man sich daran machen, den Alltag zu strukturieren: Schreibtage, Gartenzeit, Einmachsaison, Bürostunden, Siesta, Familienzeit, Zeit für mich, Zeit für dich und Zeit für Freunde, Virensaison, Katzenzeit, Lernstunden, Arbeitszeit – alles schön geordnet und sauber in den Kalender eingetragen. Und wenn dann wirklich alles aufgegleist wäre, könnte man vielleicht sogar einmal die Fenster putzen.

Davon träumt Mama Venditti manchmal, aber dann fällt ihr ein, dass sie eine Sache ganz schrecklich vermissen würde, wäre ihr Leben so überschaubar und aufgeräumt, nämlich die Spontaneität, die es ihr erlaubt, alles stehen und liegen zu lassen, wenn das Leben mit einer neuen Herausforderung lockt. Wobei es durchaus auch herausfordernd sein könnte, mit dem Bagger aufzufahren und den ganzen Mist, der im Haus herumliegt, in die Mulde zu befördern…

IMG_6199