Ich bin die Tante

Nun ja, eigentlich bin ich sie bereits seit dreiundzwanzig Jahren.

Zuerst war ich die Tante, die ihre Neffen und Nichten so „unglaublich süüüüüüüüüüüüss“ fand, dass sie auf dem Pausenhof Bilder von ihnen herumreichte und Klassenkameraden mit Geschichten über sonntägliche Spiele mit imaginären Füchslein langweilte.

Bald darauf war ich die Tante, die jederzeit bereit war zum Babysitten. Weil sie die Kleinen so abgöttisch liebte, aber auch, weil sie sich so ihr Taschengeld ein wenig aufbessern konnte.

Etwas später war ich die Tante mit dem coolen Freund, der immer so viel Spass hatte mit den Kleinen und der mitmachte bei der Aktion „Wir schenken den Kindern nicht Spielzeug, sondern Zeit“. Der coole Freund also, der in den Zoo mitkam, in den Zirkus, zum Picknick an die Aare und ins Kino.

Danach wurde ich die Tante, die heiratet und bei der die Neffen und Nichten die Ringe überreichen durften. Später dann die Tante mit dem „unglaublich süüüüüüüüüüüüüssen“ Baby.

Schneller als erwartet wurde ich zur Tante mit den vielen Kindern, die alle irgendwie gleich aussehen, die an der Familienweihnachtsfeier immer so viel Radau machen und die alles ausplaudern, wenn man mit vierzehn heimlich ein Bier von den Erwachsenen klaut.

Gleichzeitig wurde ich die Tante, die immer mal froh ist um einen Babysitter, die auch gerne bereit ist dazu, ein paar Franken springen zu lassen dafür.

Ich war wohl auch die Tante, die einem peinlich war, weil sie auf der Strasse einfach nicht so tun konnte, als kenne sie einen nicht, wenn man gerade mit Freunden so richtig einen durchgeben wollte. Das hat mir zwar keiner je bestätigt, aber ich fürchte, dass mir das nicht erspart blieb. Vermutlich war ich auch die Tante, die immer so blöde Fragen stellt, die meint, sie müsse sich cool geben, obschon sie es schon längst nicht mehr ist, die sentimental wird, wenn sie sieht, wie gross man schon geworden ist. Ein paar Mal war ich aber auch die Tante, die ein offenes Ohr hatte, wenn einfach alles schief lief zu Hause.

Jetzt bin ich also die Tante, die man der Freundin oder dem Freund vorstellt, ja, sogar die Tante, welche die Verliebten am Sonntagnachmittag mit einem Besuch beglücken. Und zum ersten Mal im Leben wird mir so richtig mulmig, wenn ich daran denke, dass ich die Tante bin. Was, wenn ich die Tante bin?

Ihr wisst schon, die Tante, die immer zum falschen Zeitpunkt anruft. Die Tante, die peinliche Geschichten auftischt, wenn der Partner zum ersten Mal am Familienweihnachtsfest aufkreuzt. Die Tante, die erwartet, dass man sie nicht vergisst, dass man sie einlädt, wenn man etwas zu feiern hat. Die Tante, die Scheusslichkeiten verschenkt, zur Hochzeit zum Beispiel, oder zur Geburt des ersten Kindes. Die Tante, die kein Ende mehr findet, wenn sie anfängt, von früher zu erzählen. Die Tante, über die man herzieht, wenn sie endlich, endlich nach Hause gegangen ist. Die Tante, die sich einmischt, wenn sie das Gefühl hat, Neffe mit Partnerin oder Nichte mit Partner würden die Eltern nicht respektieren. Die Tante, die man halt ab und zu besuchen muss, weil sie sonst eingeschnappt ist. Die Tante, die einen am Ende gar aus dem Testament streicht, weil sie sich übergangen fühlt. (Nicht, dass die Tante, von der hier die Rede ist, etwas zu vererben hätte.) Die Tante, die allzu freigiebig ist mit Ratschlägen aller Art. Die Tante eben, die einfach nur nervt.

Nun, ich gebe mir alle Mühe der Welt, nicht zu dieser Tante zu werden, ich tue mein Bestes, um die Tante zu sein, mit der man auch als Erwachsener noch gerne Zeit verbringt. Ich fürchte nur, dass aus diesem Bemühen ein „Trying too hard“ werden könnte und dann wäre ich am Ende eben doch die Tante.

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Wunschlos

Karlsson wünschte sich zu Weihnachten einen Kurzurlaub mit Mama oder Papa, weil sein Zimmer vor lauter Antiquitäten und Nippes aus allen Nähten platzt und somit kein Raum für neue Wünsche mehr da ist. (Wer von uns mitkommen wollte, durften wir wählen. „Ich will nicht selber entscheiden, sonst meint derjenige, der zu Hause bleibt, ich hätte ihn weniger lieb.“ Im Nachhinein gestand er mir allerdings, er sei froh, dass ich zu Hause geblieben sei.“Mit dir kommt man einfach nicht weit“, sagte er. „Du willst immer noch kurz ein Päuschen einlegen, weil dir die Füsse weh tun, oder weil du den Moment geniessen willst oder so.“)

Der Zoowärter weiss auch eine Woche vor seinem sechsten Geburtstag noch nicht, was er sich wünschen soll. Er, der sonst immer einen unerfüllten Wunsch auf Lager hat, scheint zum ersten Mal in seinem Leben vollkommen „ausgewünscht“ zu sein.

Luise verkündete neulich, auch sie hätte keine Ahnung, was sie sich zum Geburtstag wünschen solle. „Ich habe ja schon alles“, erklärte sie und es klang nicht im Geringsten nach „Ich sage das jetzt nur, damit Mama und Papa von meiner Vernunft beeindruckt sind.“

Der FeuerwehrRitterRömerPirat hat zwar grosse Wünsche, freut sich dann aber doch am meisten über die kleinen Dinge. Das Prinzchen ebenso.

Ich bin leicht verwirrt ob der plötzlichen Wunschlosigkeit unserer Kinder. So kannte ich sie bis anhin gar nicht. Ob dies mal wieder eine der berühmten Phasen ist, die sie ausnahmsweise mal alle gleichzeitig durchmachen? Sind sie auf irgend einem sonderbaren Trip, so wie ich damals, als ich mich standhaft weigerte, Hosen anzuziehen und dies zehn Jahre lang?

Besteht am Ende tatsächlich die Hoffnung, dass die heranwachsende Generation erkennt, wie sehr das Materielle überbewertet wird? Auch wenn ich wünschte, dies wäre der Grund für die plötzliche Bescheidenheit der fünf kleinen Vendittis, so wage ich doch nicht, dies zu glauben. Es ist ja wohl bloss ein Wunschtraum, dass „die heutige Jugend“ klüger und vernünftiger sein könnte als ihre Eltern. Oder vielleicht doch nicht?

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Ich hab‘ jetzt wieder Zeit…

… den Menüplan nicht nur zu erstellen, sondern auch tatsächlich zu kochen, was ich geplant habe, anstatt jeden Tag um fünf vor zwölf entnervt zu rufen: „Dann gibt’s halt schon wieder Pasta Pomodoro!“ Und wenn ich für das geplante Menü neunzig Minuten am Herd stehe, obschon im Rezept dreissig Minuten angegeben waren, dann kann ich mit Hundeblick und leisem Vorwurf in der Stimme klagen: „Für euch habe ich mich so lange abgerackert und jetzt wollt ihr nur Brot essen…Na ja, immerhin ist das Brot auch selbst gebacken.“

… die Zeitung und insbesondere die Diskussionen um das richtige Familienmodell genau durchzulesen. Weil ich die Vor- und Nachteile der verschiedenen Varianten aus dem eigenen Leben kenne, fühle ich mich dazu berechtigt, mich über jede einzelne einseitige Aussage von frisch gebackenen SVP-Müttern zur ausserfamiliären, innerfamiliären und überfamiliären Kinderbetreuung aufzuregen. Eigentlich müsste ich in die Familienpolitik einsteigen, aber dann müsste ich mich mit frisch gebackenen SVP-Müttern, die trotz ihrer Liebe zum Kind am politischen Mandat festhalten, herumschlagen und das wäre noch anstrengender, als mich mit dem Prinzchen darüber zu streiten, ob eine Hausfrau, die sich ein – ärztlich verordnetes -Mittagsschläfchen gönnt, als faul zu bezeichnen sei.

… den Vorratsschrank zu überwachen und darum weiss ich jetzt mit absoluter Sicherheit, wer der Schokoladendieb ist, bzw. wer die Schokoladendiebe sind. Der schlimmste Langfinger ist „Ich war’s ganz bestimmt nicht, Mama, ich schwör’s dir“, der zweitschlimmste ist „Ich esse ganz bestimmt nie etwas zwischen den Mahlzeiten, ich kann mir auch nicht erklären, warum die Hose schon wieder zu eng ist“ und der drittschlimmste ist „Ich mag gar keine Schokolade, also war ich es ganz bestimmt nicht“. Interessanterweise ist „Meiner“, den ich für den Schlimmsten gehalten hatte, kaum je beim Stehlen zu erwischen. Der kauft sich die Schokolade unterwegs uns lässt das leere Papier dann im Auto liegen.

… mich nicht nur darüber aufzuregen, dass die Französischlehrerin die Noten jedes einzelnen Schülers der Klasse vorliest, sondern auch in Erwägung zu ziehen, mit ihr das Gespräch zu suchen und zwar nicht, weil Luise zu den Schlechtesten gehört, sondern weil sie es so unglaublich unfair findet, dass die mit den meisten Fehlern vor allen blossgestellt werden. Ich würde mit meinem Gespräch also meinen kleinen Beitrag zu mehr Gerechtigkeit auf der Welt leisten, wenn ich die Lehrerin darauf aufmerksam machte, dass ihr Verhalten pädagogisch ziemlich fragwürdig ist.

… Arzttermine, Besuche, Karlssons Prüfungsdaten und schulfreie Nachmittage in mehrere Kalender einzutragen. Ja, ich kann mir inzwischen sogar einen Reminder schicken lassen, wann ich mit Kochen anfangen muss, damit die Zeit für das ausgewählte Rezept reicht. Blöd ist nur, dass meine Mutter jetzt den gleichen Reminder auf ihrem Gerät bekommt. Sie war einigermassen erstaunt, als sie um halb elf die Nachricht bekam, in einer halben Stunde müsse sie Maisbällchen mit Curry zubereiten. Aber ich habe ja Zeit, noch ein wenig am System zu feilen.

… neue Luftschlösser entstehen zu lassen, aber wenn ich dann spüre, wie ermüdend schon das Wenige ist, das ich im Moment leiste, dann denke ich, dass es noch eine ganze Weile dauern wird, ehe ich wieder mit etwas anderem als Luft bauen baue.

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Töchterchen träumt

Töchterchen hätte gerne einen Wohnwagen. Keinen von Lego-Friends, den hat sie schon. Zum Glück auch kein fahrtüchtiges Modell, mit dem man in den Süden fahren kann. Aber ein ausgedientes, heruntergekommenes Ding, das man in den Garten stellt, um in lauen Sommernächten drin zu übernachten. An sich keine schlechte Idee, aber wie stellt sie sich das denn vor?

Na, ganz einfach natürlich. Wozu gibt es denn Online-Auktionen? Dort bekommt man so ein Ding schon für einen Franken. „Weisst du“, sagt sie, „das ist ganz einfach. Man muss es nur irgendwie beim Verkäufer abholen, wir könnten ja das Auto vom Grossvater ausleihen, der hat ja so eine Kupplung. Und dann stellen wir es auf den Platz vor der Garage. Aber es muss eine Küche haben, damit man am Morgen Frühstück machen kann. Wie macht man das überhaupt mit dem Strom? Und das WC, funktioniert das dann richtig?“

Töchterchen gerät immer mehr in Fahrt, klingt, als sei sie bereits stolze Besitzerin des Gefährts, obschon ich noch nicht mal „Wir können uns das ja mal überlegen“ gesagt habe. Töchterchen überhört natürlich auch die Einwände von Brüderchen, der nicht will, dass der Garten zu einem Campingplatz verkommt. Töchterchen ist einfach nur Feuer und Flamme für ihre neueste Idee und darum bin ich von Herzen froh, dass sie mein Ricardo-Passwort nicht kennt, denn sonst würden wir schon morgen einen ausgedienten Wohnwagen unser Eigen nennen.

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Auf ins neue Leben!

Ja, ich bin dankbar, dass keines der Kinder über die Feiertage krank war. Keine fieberglänzenden Augen beim Auspacken der Geschenke, kein Erbrochenes unter dem Tannenbaum, keine Zwiebelwickel für schmerzende Ohren. Einfach nur fröhliche, überdrehte Kinder, die sich des Lebens und des gemütlichen Wohnzimmers freuten und das vierzehn Tage lang. So soll es sein, auch wenn es mir offen gestanden lieber gewesen wäre, die fünf hätten sich hin und wieder mal im Wald ausgetobt anstatt bei mir auf dem Sofa, wo ich mich mit Grippe, Zeitschriften und iPad dauerhaft niedergelassen hatte. 

„Morgen wird es wieder ruhiger und dann spielt es keine Rolle mehr, ob ich nun krank oder gesund bin, dann wird einfach geschrieben“, sagte ich gestern Abend hoffnungsfroh zu „Meinem“. Heute nämlich hätte mein neues Leben beginnen sollen, das war fest so eingeplant. Alle Kinder den ganzen Montag ausser Haus, sogar über Mittag, „Meiner“ zum ersten Mal seit Monaten wieder bei der Arbeit, ich ganz alleine zu Hause. Nur ich, mein neu ersteigertes Occasions-MacBook, die Schreibprojekte, die in den vergangenen Wochen den Weg zu mir gefunden haben und ein Überrest von Grippe. Besser kann ein neuer Lebensabschnitt nicht beginnen…

Aber eben, der Start in den neuen Lebensabschnitt wurde verschoben. Zoowärter hat sich heute krank gemeldet, liegt im Wohnzimmer auf dem Sofa und kann sich nicht entscheiden, ob er sich vor dem kleinen Drachen Kokosnuss fürchten soll oder ob er doch lieber das Hörbuch zu Ende hören will, weil es so spannend ist. Und ich kann mich nicht entscheiden, ob der Zoowärter wirklich krank ist, oder ob er von seinem gestrigen Einsatz als Sternsinger – die Protestantin in mir hat beinahe der Schlag getroffen, als er im Ministrantengewand vor der Haustüre stand – derart ausgelaugt ist, dass nicht mal die Aussicht auf ein Wiedersehen mit seinen Freunden ihn in den Kindergarten locken konnte.

Schreiben werde ich trotzdem. Oder ich werde es zumindest versuchen, sobald sich der Zoowärter entschieden hat, ob er jetzt vielleicht doch lieber „Das kleine Gespenst“ hören will.

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Glucke auf Friedensmission

Okay, ich liebe Königskuchen, aber das ganze Theater darum, wer die Krone bekommt, habe ich tüchtig satt. Noch einmal ein Jahr mit fünf Kuchen à sieben Brötchen mache ich nicht mit; dem Familienfrieden zuliebe alle tagelang mit süssen Weissbrötchen vollstopfen geht einfach nicht. Aber vier enttäuschte Gesichter – vielleicht gar fünf, falls einer von uns Eltern König wird – erträgt mein butterweiches Gluckenherz auch nicht. Weiss ich doch, wie unendlich schmerzhaft es ist, wenn immer ein anderer König wird. Bei mir hatte das gravierende Auswirkungen: Als ich mir im Alter von etwa zwölf Jahren endlich mal die Krone aufsetzen durfte, hielt ich mich für Napoleon – damals mein zu kurz geratenes Vorbild –  und setzte sämtliche Familienmitglieder als Könige meiner eroberten Ländereien ein. Muss mal meine Mutter fragen, ob sie die Liste, die ich damals erstellt habe, aufbewahrt hat.

Eine solche Liste werde ich morgen wieder vorbereiten, denn ich habe entschieden, dass bei uns am Sonntag sieben Könige gekrönt werden. Je nach Farbe der Hochzeitsmandel, die man im Kuchenstück findet, wird man dann eben König des Nordens, Königin des Amazonas oder so. Damit wir den Dreikönigstag für einmal in Frieden und Harmonie feiern können.

Nun ja, vielleicht muss ich mit Lebensmittelfarbe nachhelfen, für den Fall, dass der Zuckerguss der Mandel nicht genügend abfärbt und es plötzlich Streit gibt, wer nun über welches Gebiet herrschen darf. Ach ja, und dann muss ich „Meinen“ noch dazu bringen, sieben Kronen zu basteln, denn wenn ich das machen muss, werde ich diejenige sein, die sonntags mies drauf ist und Streit anfängt.

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Bereicherung

Prinzchen, Luise und „Meiner“ schaffen im Schulzimmer Ordnung, weil „Meiner“ am Montag wieder zur Arbeit geht, Teilzeit vorerst einmal, weil noch nicht klar ist, ob er schon fit genug ist für das volle Pensum. Die Kinder helfen beim Aufräumen und Einrichten. Als „Meiner“ findet, es sei jetzt Zeit, nach Hause zu gehen, meint das Prinzchen begeistert: „Ja, und dann räumen wir das Kinderzimmer auf!“ Was sie dann auch tun, bis „Meiner“ die Nase voll hat vom Aufräumen, worauf das Prinzchen eben ins Badezimmer weiterzieht, wo es nach dem Bad seiner grossen Geschwister so einiges wegzuräumen gibt.

Mal wieder starte ich das Jahr mit einer Magen-Darm-Seuche und mal wieder findet das Prinzchen, dies sei so was von daneben. (Ich übrigens auch, aber mich fragt ja keiner.) Weil es ihn langweilt, dass ich schon wieder im Bett liege, fängt er an, über mich zu springen, hin und zurück mit viel Anlauf, leider aber auch mit harten Landungen auf meinen ohnehin schon schmerzenden Bauch. Einige Male lasse ich ihn gewähren, irgendwann aber reicht es mir. „Prinzchen, du machst das ganz toll, aber könntest du jetzt bitte aufhören?“, flehe ich, aber offenbar kann unser Jüngster mich mit zittriger Stimme nicht ganz ernst nehmen. Er springt weiter. „Prinzchen, hörst du jetzt bitte sofort auf“, sage ich ein wenig lauter und bestimmter. Beleidigt zieht er sich unter seiner Decke zurück. „Gerade eben haben Luise und ich so toll das Badezimmer aufgeräumt und jetzt fängst du an, mit mir zu streiten!“, grummelt er. Nun ja, wenn er das streiten nennt…

Wenig später wäre eigentlich Schlafenszeit, aber das Prinzchen findet, seine Arbeit sei noch nicht getan. „Ich muss noch diese Abfallsäcke wegräumen und das Altpapier und dann sollte man den Vorratsschrank mal wieder aufräumen…“ Eifrig wetzt er durch die Wohnung, murrt über seine Familie, die einfach nicht ordentlich sein kann und lässt sich kaum bremsen. Erst als „Meiner“ verspricht, morgen würden sie dann den Rest der Unordnung im Kinderzimmer beseitigen, kann Prinzchen das Unerledigte sein lassen und sich zur Ruhe begeben.

Wüsste ich nicht, dass der Kleine gar nicht weiss, dass ein neues Jahr angefangen hat, würde ich denken, er hätte einen guten Vorsatz gefasst, der in zwei oder drei Tagen wieder verflogen ist. Weil er aber von Vorsätzen keinen Schimmer hat, ist stark davon auszugehen, dass hier allmählich ein Charakterzug sicht- und erlebbar wird. Ich bin mir nicht ganz sicher, ob dieser Charakterzug zu den Charakterzügen der übrigen Familienmitglieder passt, aber es ist spannend, mal auf vollkommen neue Weise bereichert zu werden.

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Ein Tag ganz nach euren Wünschen

Meine lieben Kinderlein

Heute Morgen waren wir zusammen im Naturama. Wir hatten sogar zwei eurer Lieblingscousins und eine eurer Lieblingstanten dabei. Wir sahen Dinoskelette, lebensechte Mammuts und bunte Fische, am Ausgang durftet ihr euer Taschengeld für pädagogisch wertvollen Krimskrams verschleudern. Danach gingen wir zwar nicht wie versprochen ins Hallenbad, dafür aber in einen jener verwerflichen Fast Food-Tempel, wo ihr euch mit Müll vollstopfen durftet. Schliesslich gab es Spiel und Spass bei den Cousins, Abendessen ohne Tischabräumen, warmen Kakao und für einige von euch sogar noch dreissig Minuten Lieblingsserie.

Ihr seht also, ich habe euch einen Tag geboten, wie ich ihn euch nie hatte bieten wollen. Nun ja, mal abgesehen von Museum, lieben Verwandten und warmem Kakao. Ich bin also sehr weit über meinen eigenen Schatten gesprungen, damit ihr nach Herzenslust auf meinen Erziehungsgrundsätzen herumtrampeln konntet. Nun bitte ich euch, für mich dasselbe zu tun und endlich Ruhe zu geben – auch wenn dies voll und ganz gegen eure Prinzipien ist -, damit ich endlich tun kann, was mir Spass macht: In den Keller gehen kann, um die Lichtschranke der Heizung zu reinigen. Die ist zu meiner Freude ausgerechnet jetzt hat ausgestiegen, wo sich euer Papa mit Karlsson eine Auszeit in Bern gönnt. Endlich darf ich auch mal ran!

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Versprochen ist versprochen

„Wenn ihr heute Abend brav ins Bett geht“, versprach ich unseren drei Jüngsten, „dann gehen wir morgen zusammen schwimmen und vielleicht auch noch ins Museum. Wir sind ja nur zu viert, dann können wir uns mal einen richtig schönen Tag machen. Aber ihr müsst mir versprechen, dass ihr früh Feierabend macht.“ Ob mir die drei überhaupt zuhörten? So wild, wie sie durch die Wohnung tanzten, einander piesackten und meine Aufforderungen, jetzt endlich ihre Butterbrote aufzuessen überhörten, machte ich mich auf einen anstrengenden Abend gefasst – und auf einen gemütlichen Tag morgen, ohne Hallenbad und Museum. Ich hätte ihnen getrost das Blaue vom Himmel herab versprechen können, so aufgedreht wie sie waren, würden sie mich bestimmt bis abends um elf auf Trab halten.

Da sieht man mal wieder, wie schlecht ich mich nach all den Jahren mit Kindern auskenne. Kaum war nämlich das Licht im Kinderzimmer gelöscht, wurden sie ruhig und nachdem das letzte Schlaflied verklungen war, lagen sie lammfromm in ihren Betten. „Na ja, das wird genau zehn Minuten lang gutgehen“, brummte ich, als ich mich in die Küche zurückzog. Tatsächlich kam nach zehn Minuten der Zoowärter raus. Er habe sich wehgetan, klagte er, aber anstatt wie üblich lauthals zu heulen und damit das Prinzchen aus dem Halbschlaf zu wecken, liess er sich mit wenigen Worten beruhigen. Einige Augenblicke später machte sich der FeuerwehrRitterRömerPirat bemerkbar. Er könne nicht schlafen, wenn die Zimmertüre offen stehe, ich sei einfach zu laut da draussen. Also schloss ich eben die Tür, damit er sich nicht mit anhören müsste, wie ich Rechnungsbeträge in den Computer eintippte. Das war es dann mit Tohuwabohu für heute Abend.

Okay, die drei haben also wirklich vor, morgen zu bekommen, was sie sich verdienen mussten. Zum Glück habe ich ihnen keinen Flug ins Weltall versprochen…

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Ein Märchen aus alten Zeiten

„Du hast mich früher jeweils fast in den Wahnsinn getrieben“, erzähle ich einer meiner Nichten an der Familienweihnachtsfeier. „Freitags habe ich jeweils dich und deine grosse Schwester gehütet und du wolltest nie schlafen. Einmal musste ich unbedingt einen Englischvortrag für den nächsten Tag schreiben…“ Ich stelle fest, dass meine Nichte mich leicht ungläubig anschaut, also erkläre ich ihr, dass man damals samstags noch Schule hatte. „Da sass ich also mit dir auf dem Schoss und versuchte, meinen Vortrag zu Papier zu bringen.“ Die verwirrende Tatsache, dass ich meine Notizen tatsächlich von Hand mit der Füllfeder schrieb, weil noch kaum einer Zugang zu einem PC hatte, lasse ich weg, denn was ich als nächstes sagen werde, wird verwirrend genug sein für sie: „Das Dumme war nur, dass ich in der Stadtbibliothek keine Literatur zum vorgesehenen Thema gefunden hatte, also wechselte ich kurzerhand das Thema und verfasste einen Vortrag über die Jüdische Religion. Du heulend auf meinem Schoss, ich heulend am Schreibtisch, das war ein Erlebnis…“ Meine Nichte zögert einen Augenblick und meint dann „Du hattest also noch kein Internet damals… Warum konntest du dann so kurzfristig das Thema wechseln?“

Ja, warum eigentlich? Ein Genie war ich nämlich nicht. Zum Teil lag es bestimmt daran, dass ich zufällig gerade die passende Literatur zur Hand hatte. Je länger ich mich aber in die damalige Situation versetze, umso deutlicher erinnere ich mich daran, dass ich zu jener Zeit eine ganze Bibliothek an Wissen abrufbereit im Kopf hatte, so dass ich einen Vortrag einfach so aus dem Ärmel schütteln konnte. Heute ist dieses Wissen nicht mehr ganz so präsent; ich habe ja Google. Leider?

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