Die Grenze des guten Geschmacks

Ich halte mich für eine ziemlich tolerante Mutter. Will der FeuerwehrRitterRömerPirat Fussball spielen, dann soll er dem Fussballclub beitreten, obschon ich selber nicht allzu viel für Fussball übrig habe. Ihm zuliebe werde ich irgendwo in mir drinnen einen Funken Fussballbegeisterung aufspüren, damit mein Stolz über ein von ihm geschossenes Tor ebenso gross sein wird wie meine Begeisterung über einen gelungenen Geigenauftritt von Karlsson.

Will Luise Reitstunden nehmen, dann erkundige ich mich eben danach, wie viel Reitstunden kosten und falls wir ein bezahlbares Angebot finden, werde ich mich in ihre Welt eindenken, auch wenn mir der ganze „Das Glück der Erde liegt auf dem Rücken der Pferde“-Kram ziemlich suspekt ist. Vielleicht würde ich mich ihr zuliebe sogar selber mal aufs Pferd schwingen, einfach so, um herauszufinden, ob das wirklich so toll ist, wie alle sagen. Nun ja, vielleicht würde ich auch nicht, ich könnte ja runterfallen…

Begeistert sich der Zoowärter für Dinosaurier, dann bekommt er eben Dino-Bücher geschenkt, auch wenn ich ihm viel lieber das entzückende Buch mit den herzigen Jungtieren gekauft hätte. Ihm zuliebe versuche ich nachzuempfinden, was an Stegosaurus & Co. so unglaublich faszinierend sein soll. Okay, ich habe es noch nicht herausgefunden, aber ich arbeite dran.

Heissen des Prinzchens Helden Bob der Baumeister und Feuerwehrmann Sam, dann erzähle ich ihm eben Geschichten von Bauarbeitern und Feuerwehrmännern. Ja, ich erfinde für ihn sogar Schlaflieder, die von seinen Helden handeln, obschon ich im Erfinden von Liedern eine Niete bin und obschon ich auch bei Sohn Nummer vier keine allzu grosse Begeisterung für Feuerwehrmänner und Bauarbeiter verspüre. Hauptsache, mein Kind ist glücklich.

Was für diese vier Kinder gilt, gilt natürlich auch für Karlsson. Was immer ihn auch begeistert – Opern, antike Möbel, elegante Kleidung – ich unterstütze ihn nach Kräften in seinen Leidenschaften. Bis jetzt bin ich damit ganz gut gefahren, neuerdings aber strapaziert unser Ältester in bester Teenagermanier die Grenzen meiner Toleranz. Schallt aus seinem Zimmer Edith Piaf, dann bleibt auch mir nichts anderes als verständnisloses Kopfschütteln und die bange Frage „Kind, bist du auch ganz sicher, dass es dir gut geht?“

20120730-193121.jpg

Familientraditionen

Am Anfang war Rosa Müller. Eines Tages, als unsere damals noch kleinen Grossen den lieben langen Tag nörgelten, erschien sie einfach so, aus dem Nichts. Eine unzufriedene, kleinkarierte alte Frau, die in einem Altersheim lebt und nichts anderes tut, als sich zu beklagen. Mal ist sie unzufrieden, weil sie sich langweilt und Sekunden später klagt sie darüber, dass einfach zu viel Programm geboten wird im Altersheim. Schenken ihre Kinder ihr eine Schachtel Pralinen zu Weihnachten, dann ist sie eingeschnappt, weil sie nich mehr bekommen hat, fahren sie mit ihr nach Mallorca in die Ferien, dann schimpft sie, die hätten zu viel Geld ausgegeben für sie. So ist sie, die Rosa, stets unzufrieden, andauernd meckernd und einfach unausstehlich. Unsere Kinder lieben sie heiss und innig und so kommt es, dass sie immer mal wieder fragen: „Mama, kommt die Rosa?“ Wenn Mama in der Stimmung ist, dann kommt sie tatsächlich, die alte Schreckschraube.

Eines Tages, ich kann mich nicht mehr genau erinnern wann das war, gesellte sich Gerlinde zu Rosa. Gerlinde, die ebenso griesgrämige deutsche Immigrantin, ein paar Jahre jünger als Rosa, laut, stillos und kinderfeindlich. Ich kann mir beim besten Willen nicht erklären, weshalb sie dennoch regelmässig zu uns kommt, wo man bei uns doch andauernd mit den Kindern zu tun hat. Gerlinde und Rosa können sich nicht ausstehen und so muss ich stets auf der Hut sein, dass die eine nichts davon erfährt, wenn die andere da war. Wenn Gerlinde loslegt kann es schon mal vorkommen, dass dem Prinzchen Angst und Bang wird, so dass ihre Besuche meist nicht allzu lange dauern.

Ja, und dann wäre da noch Maggie, die eigentlich Margrit heisst, was unsere Kinder ihr immer wieder mit grosser Schadenfreude unter die Nase reiben. Maggie, die Verschwenderische, die mit ihrem Privatjet um die Welt düst und sich derzeit Gedanken macht, ob sie im Herbst vielleicht ein oder zwei bedürftige Kinder adoptieren soll. Vermutlich wird sie es tun, sie muss nur noch herausfinden, welches Herkunftsland derzeit gerade hip ist. Und natürlich muss sie noch irgendwo die perfekte Vollzeit-Nanny auftreiben, denn Maggie hat für Kinder noch weniger übrig als Gerlinde. Maggie ist ein durch und durch widerliches Trophy Wife, menschenverachtend und geltungssüchtig.

Gestern haben die drei Damen Gesellschaft bekommen. Ein dubioser Waffenhändler aus Afghanistan, der in eine schlimme Familienfehde verwickelt ist, tauchte plötzlich am Familientisch auf. Ein beängstigender Zeitgenosse, aber durchaus begabt im Fabulieren über seine zahllosen Abenteuer. Unsere Jungs hängen buchstäblich an seinen Lippen, wenn er erzählt. „Wann kommt er wieder?“, betteln der FeuerwehrRitterRömerPirat, der Zoowärter und das Prinzchen. Nur Karlsson bettelt nicht, der setzt sich hin und fängt an zu erzählen: „Geschter ich hane funde alte Gewehr, ist gute Gewehr…“

Und so setzt Karlsson eine Familientradition fort, die eines Tages, als unsere damals noch kleinen Grossen den lieben langen Tag nörgelten, wie aus dem Nichts über Karlssons Mama kam.

 

Fragen, die ich mir heute nicht beantworten konnte

– Was ist bloss mit der Jugend von heute los? Servierst du Würste, weil du denkst, Kinder hätten sowas gern, bleibst du darauf sitzen. Servierst du Gurken, dann prügeln sie sich um den letzten Bissen. Nun gut, ich kann das ja durchaus nachvollziehen, aber in meiner Generation wurde man frühestens nach dem hundertsten Besuch bei McDonald’s so vernünftig.

– Warum haben die Menschen jemals damit aufgehört, ihre eigene Butter zu machen? Was gibt es Schöneres, als nach einem heissen Tag kühle Butter zu kneten?

– Wo liegt die Grenze zwischen Fleiss und Talent und wie schafft man es als Eltern, die Sache so einzuschätzen, dass man später nicht mit Vorwürfen überhäuft wird? Ich meine Vorwürfe wie „Hätten meine Eltern erkannt, was in mir steckt, ich hätte es viel weiter bringen können.“ Oder aber: „Dieser ewige Druck, etwas sein zu müssen, was ich nicht bin, hat mich komplett fertiggemacht.“

– Wie verdreht ist man, wenn man das Gefühl hat, Scarlett Johansson als Annie in „The Nanny Diaries“ sei der einzige Mensch auf diesem Planeten, der einen versteht?

– Wie bringe ich es fertig, den Tag mit dem Prinzchen in Frieden abzuschliessen, wenn wir beide den richtigen Moment für seine Schlafenszeit verpasst haben?

– Wann ist endlich Feierabend?

– Spinne ich, spinnen alle anderen oder spinnen wir alle zusammen?

– Kann ich es mit meinem Gewissen vereinbaren, dass unsere drei über-sechsjährigen Kinder sich einen Film ansehen, der ab sechs Jahren freigegeben ist?

– Wo sind diese elenden Schrauben hingekommen?

– Was riecht hier so abscheulich?

– Schaffen es alle meine Tomaten, reif zu werden, oder wird der Sommer in einigen Tagen bereits wieder vorbei sein?

– Soll ich, oder soll ich nicht? Egal was. Meine Unentschlossenheit erstreckt sich in diesen Tagen auf sämtliche zu treffenden Entscheidungen.

Der perfekte Geburtstagskuchen

Damit das Rezept gelingt, müssen zuerst einmal die Grundvoraussetzungen stimmen. Am besten funktioniert es mit einem Kind, das mitten in den Sommerferien das Licht der Welt erblickt hat. Nur so hat man die Garantie, dass man beide Hände frei hat zum Backen. Sonst hält man ja immer in der einen Hand den Teigschaber, in der anderen das Telefon, oder den Stift, um eine Prüfung zu unterschreiben, oder eine von Fruchtfliegen umschwärmte Kindergartentasche, aus der man eine zerquetschte Banane herausfischen muss, ohne dabei das Eiweiss für den Kuchen zu verunreinigen.

Nun aber zum Rezept: Man nehme einen Samstag, an dem ausser Kuchen backen, Chutney einkochen, Fruchtfliegen vertreiben und Kinder nach einer Woche Ferienlager in Empfang nehmen nichts auf dem Programm steht. Dies vermengt man mit einer übermüdeten und deswegen sehr relaxten Mama Venditti, die alles um sich herum vergisst, wenn sie nur den perfekten Eischnee schlagen kann. Ein Papa Venditti, der für einmal nicht motzt, die Geburtstagsvorbereitungen seien vollkommen übertrieben, sondern stattdessen brav die Geschenke einpackt, verleiht dem Kuchen das gewisse Etwas. Eine Rezeptvariante sieht vor, dass man zum ersten Mal im Leben zur idealen Lebensmittelfarbe greift, welche das Marzipan nicht in eine klebrige, unappetitliche Schmiere, sondern in einen saftig grünen Fussballrasen verwandelt. Dies muss nicht unbedingt so sein, der Kuchen wäre auch mit der klebrigen, unappetitlichen Schmiere geniessbar, es trägt aber erheblich zu Mama Vendittis guter Laune bei, wenn beim Servieren nicht alles an Messer, Tortenschaufel und Fingern kleben bleibt. Glasiert wird das Ganze mit der Abwesenheit des Geburtstagskindes, denn ohne die gewöhnliche Überdosierung an „Liebstes Geburtstagskind, geh doch bitte endlich aus der Küche denn sonst ist die Überraschung im Eimer“ wird der Kuchen viel bekömmlicher.

So also bäckt man den perfekten Geburtstagskuchen. Schade, dass die Zutaten nur während der Sommerferien erhältlich sind und dass der FeuerwehrRitterRömerPirat das einzige Familienmitglied ist, das in weiser Voraussicht dann zur Welt gekommen ist, wenn der Alltag für einige Augenblicke innehält.

20120722-003608.jpg

Fünfminuten-Therapie nach einem saumässig schlechten Tag

1. Ein Kurzbesuch bei den Tomatenpflanzen. Staunen, wie sehr sie schon wieder gewachsen sind, drei kugelrunde Gelbe pflücken, daran riechen, mit dem Finger über die zarte Haut streichen und die Ernte mit dem Prinzchen – der bis vorgestern noch behauptet hatte, er möge keine Tomaten – und dem Zoowärter – der alles liebt, was wächst – geniessen.

2. Ein noch kürzerer Besuch bei den Zucchini. Beim Anblick der sonnengelben Blüten für einen Moment lang das trübe Wetter vergessen, ein wunderschönes Exemplar pflücken und dem Zoowärter versichern, dass er auch dieses Gemüse lieben wird.

3. Mit den zwei Jüngsten Eier essen, die gestern noch im Legenest lagen und einen Augenblick lang davon träumen, eigene Hühner im Garten zu haben.

4. Um Mitternacht mal schnell eine Mayonnaise für „Meinen“ anrühren. Einfach so, weil der Streit, den wir heute hatten, wieder verflogen ist und weil ich schon so lange nicht mehr mit Eigelb, Öl und Essig gezaubert habe. Den unvergleichlichen Geschmack im Gaumen geniessen und für einen Moment lang glauben, dass etwas, das so himmlisch schmeckt, gar nicht dick machen kann.

Okay, nach dieser Therapie ist nicht einfach alles wieder gut, aber immerhin sieht der Tag im Rückblick nicht mehr grau in grau aus.

Nähe

Je mehr Kinder man hat, umso schwieriger wird es wohl, im Alltag jedem gerecht zu werden. Wie schnell geschieht es doch, dass man das Anliegen des einen Kindes überhört, weil das andere so laut schreit. Wie oft sieht sich eines in eine Rolle hineingedrängt, weil die anderen es so haben wollen.

Wie oft werde ich im Alltag laut und merke nicht, wie sehr dies dem Zoowärter zu schaffen macht? Da unsere anderen Kinder ganz gut mit meinem Temperament klarzukommen scheinen, fällt mir kaum auf, dass der Zoowärter sich jeweils schnell zurückzieht, wenn ich mich im Ton verfehle. Jetzt aber, wo Karlsson, Luise und der FeuerwehrRitterRömerPirat nicht da sind, kann mir unser Zweitjüngster ganz offen sagen, wie sehr er darunter leidet, wenn man ihn anraunzt. Weil ich Zeit habe, ihm zuzuhören. Weil er nicht nach einem halben Satz schon wieder unterbrochen wird, sondern den Raum hat, auszureden. Wo Mama und Papa schon zuhören, kann man ihnen doch gleich noch erzählen, dass ihn mal einer im Kindergarten ausgelacht hat und dass ihn das traurig gemacht hat. Und dann noch ein paar andere Dinge, die ihn beschäftigen. Träume, Wünsche, Ängste, Lausbubenstreiche, die er sich mit dem Prinzchen ausgedacht hat…

Es sprudelt richtiggehend aus dem Jungen heraus und wir können nicht anders, als unsere Kleinfamilienzeit zu geniessen. Auch wenn die Grossen nicht nur uns Eltern, sondern auch den zwei Jüngsten allmählich fehlen. Woran ich das erkenne? Der Zoowärter sagt beim Einkauf nicht mehr alle zwei Sekunden „Mama, kaufst du mir das?“, sondern „Mama, das könnten wir doch dem FeuerwehrRitterRömerPiraten schenken.“ Und wenn ich nein sage, weint er fast so laut, als hätte er nichts bekommen.

(Schein)schwanger

„Hach, wäre es nicht wundervoll, mal wieder schwanger zu sein“, seufzte ich neulich, als ich ziemlich trübsinnig vor mich hinstarrte und verzweifelt nach etwas suchte, auf das ich mich freuen könnte. „Wie schön wäre es doch, endlich wieder auf etwas hinfiebern zu können, etwas Grossartiges vor sich zu haben, etwas mit Händen und Füssen zustande zubringen. Aber eine Schwangerschaft wird wohl kaum drinliegen, also mache ich in der Zwischenzeit ein paar Getreideriegel“, sagte ich zu mir selbst und fing an, Haferflocken, getrocknete Feigen und Gewürze zu mischen. Wie ich so am Herd stand und gedankenverloren in der Schüssel rührte, spürte ich auf einmal dieses altbekannte Flattern im Bauch. Irrte ich mich, oder kam da etwas in Bewegung?

„Grundgütiger, soll die jetzt wirklich noch ein Kind bekommen? Wo sie doch die fünf, die sie hat, nicht richtig erziehen kann“, mögt ihr jetzt sagen. Aber ich kann euch beruhigen, es ist kein Kind, das da heranwächst. Nein, es ist nur eine Idee, die allmählich Gestalt annimmt. Noch ist sie winzig klein und es lässt sich nicht sagen, ob sie die Hektik meines Alltags übersteht, oder ob sie sich wieder verflüchtigt, bevor sie sich richtig hat entwickeln können. Ob sie je das Licht der Welt erblicken wird, steht noch in den Sternen, ob ich fähig dazu bin, ihr das Laufen beizubringen, ist fraglich.

Vielleicht handelt es sich ja auch nur um eine Scheinschwangerschaft, aber immerhin gibt die Idee mir das gute Gefühl, dass da neben den ausgetretenen Pfaden noch neues Leben möglich ist.

Halt, nicht so schnell!

Jetzt sind sie also weg, die drei Grossen. Tagsüber fällt mir das kaum auf, denn auch an gewöhnlichen Tagen kommt es immer öfter vor, dass die grösseren Kinder ihre eigenen Wege gehen. Abends aber, wenn der Zoowärter und das Prinzchen schlafen und keiner mehr aus dem Bett kommt, weil er die Hausaufgaben vergessen hat, wenn oben niemand mehr Geige oder Querflöte übt, wenn wir uns vollkommen ungestört einen Film reinziehen können, dann löst die ungewohnte Stille gemischte Gefühle aus bei mir.

Einerseits ist es ganz nett, ausnahmsweise mal in ganz normaler Lautstärke reden zu können, weil man nicht eine ganze Kinderschar zu übertönen hat. Endlich kann auch der Zoowärter einmal zu Wort kommen, was er ungemein schätzt. Glaubt mir, das Kind produziert wahre Monstersätze, wenn es mal nicht andauernd von seinen grossen Geschwistern unterbrochen wird. Wir Eltern haben nicht nur die Ohren frei, sondern auch die Hände und so kommt es, dass der Zoowärter seit heute Nachmittag fast ohne Hilfe Fahrrad fährt. Das Prinzchen bekommt derweilen auf seine Fragen ganz ernsthafte Antworten anstelle der absurden Wahrheitsverdrehungen, welche Karlsson seinem leichtgläubigen kleinen Bruder so gerne auftischt.

Dies ist die eine Seite, die andere ist die leise Melancholie, die mich beschleicht, wenn ich daran denke, wie leer unser Haus in diesen Tagen ist. Es kommen Erinnerungen hoch an einen Sommer vor vielen Jahren, als ich eine ganze Woche lang Einzelkind war, weil alle grossen Geschwister in Ferienlagern oder mit Freunden unterwegs waren. Nun gut, ganz soweit sind wir noch nicht, aber wenn ich bedenke, dass der Zoowärter übernächstes Jahr auch schon mit ins Lager fahren kann, dann kann ich mir schon sehr lebhaft vorstellen, wie „Meiner“ und ich ganz alleine mit dem Prinzchen die Sommertage totschlagen werden. So, wie meine Eltern damals mit mir.

Es sind keine schlechten Erinnerungen, die ich an jene Sommertage habe, aber ein gewisses Unbehagen überkommt mich dennoch, wenn ich daran zurückdenke. Weil ich mich noch sehr genau daran erinnere, wie alt meine Eltern in meinen Augen damals waren. Und weil ich das Gefühl habe, zwischen jenen Sommertagen und dem Tag, an dem ich mein Elternhaus verliess, liege nicht viel mehr als ein Augenblick.

Die Sache mit dem Loslassen geht mir einfach viel zu schnell…

Vergeudeter Optimismus

Irgendwann, im Laufe des Nachmittags überkamen mich Zweifel, ob es eine gute Idee gewesen war, dass wir uns im Dezember Karten für La Bohème besorgt hatten. Nein, nicht nur für „Meinen“ und mich, für die ganze Familie. „Solange die Kinder noch nichts kosten und Familienausflügen nicht vollends abgeneigt sind, müssen wir das ausnützen“, sagten wir uns.

Als aber heute Nachmittag zuerst einmal düstere Gewitterwolken aufzogen, Luise, der Zoowärter und der FeuerwehrRitterRömerPirat sich alle drei Minuten in die Haare gerieten, das Prinzchen im Auto den Schlaf nicht fand und Karlsson einen vorpubertären Wutanfall hinlegte, da fragte ich mich, ob wir das Geld nicht besser in eine Fahrt zum Europa Park investiert hätten. Nicht, dass ich das Bedürfnis hätte, dorthin zu gehen…

Inzwischen aber ist das Gewitter weitergezogen, das Prinzchen sitzt auf den Stufen des Amphitheaters und schmettert fröhlich Melodien, die er wohl für Arien hält. Die anderen fragen uns Löcher in den Bauch – über die Handlung der Oper, die Cüpli-trinkenden Schickimickis, die Römer, die hier in Avenches mal zu Hause waren. Wenn das so weitergeht, dann war es vielleicht doch nicht so eine schlechte Idee mit den Opernkarten…

Okay, wiedermal zu früh gefreut. Pünktlich zur Türschliessung die ersten Regentropfen, zum geplanten Vorstellungsbeginn die Durchsage, dass es noch ein wenig weiter regnen würde, weshalb man eine halbe Stunde später anfangen würde. Ja, und dann abends um zehn die letzte Durchsage: Vorstellung abgesagt, Sie können Ihre Tickets zurückerstatten lassen, besten Dank für Ihr Verständnis, fünf schluchzende Kinder und eine miesepetrige ältere Dame, die mir auf Französisch klar machen will, dass meine kleine Tochter – das Prinzchen – noch viel zu klein sei, um so lange aufzubleiben.

So haben wir es mal wieder geschafft, einen Tag im Wasser zu ersäufen. Morgen werden wir uns dann entscheiden, ob wir mit den Tickets von heute einen zweiten Versuch wagen wollen, oder ob wir das Geld zurückfordern, um es in ein wetterfesteres Programm zu investieren.

20120710-203716.jpg

Weltbester Freund

Getroffen haben sie sich vor etwa einem Jahr in der Krippe und anfangs war das gegenseitige Interesse nicht sonderlich gross, obschon sie Nachbarn sind und sich vom Balkon aus zuwinken können. Dann, eines sonnigen Tages, langweilte sich der eine der beiden und so fing er an, im Garten lauthals den Namen des anderen zu rufen. Der eine, das ist der Nachbarjunge, der andere, das ist das Prinzchen. Zuerst verstand das Prinzchen nicht so rechts weshalb er plötzlich so gefragt war. Irgendwann aber überquerte er auf seinem Spielzeugtraktor die Strasse, um herauszufinden, wer da immer nach ihm rief.

Er fuhr und kehrte sehr lange nicht mehr zurück. Und als er dann endlich wieder zurückfuhr, kam der Nachbarjunge auf seinem Traktor hinterher. Dann kurvten sie zu zweit um unser Haus. Zufällig stiess der Zoowärter dazu und weil der Nachbarjunge altersmässig genau zwischen den zwei Brüdern liegt, wurden sie nicht Konkurrenten, sondern ein unzertrennliches Dreiergespann.

Seither sind sie mal drüben, mal bei uns, aber bei jeder Gelegenheit zusammen. Drüben bekommen sie immer Saft – behauptet zumindest der Zoowärter – bei uns schlürfen sie Limonade mit drei Trinkhalmen aus einer Flasche. Sie liegen kichernd auf dem Fussboden und erzählen einander skurrile Geschichten in einem unglaublich charmanten Gemisch aus Schweizer- und Hochdeutsch mit ein paar griechischen Zwischenrufen. Da prägt dann der Zoowärter schon mal Sätze wie diesen: „Das Pferd ist böse und das Pferd hat den Schneck vertrampt.“ Sie ergaunern sich Süssigkeiten und weil dies mal hier mal dort geschieht, hat keiner mehr den Überblick, wie viel sie in sich hineingestopft haben.

Schwierig wird es erst, wenn sie mal nicht beisammen sein können. Wehe mir, wenn ich ausnahmsweise nein sage, weil ich das Prinzchen mal wieder aus der Nähe sehen möchte. Dann setzt er sich trotzig auf die Vortreppe des Nachbarhauses und wartet, bis er hereingerufen wird, wogegen ich nichts unternehmen kann, weil ich nicht als die kaltherzige Rabenmutter dastehen will, die den Kindern den Spass verdirbt. Noch schwieriger wird es abends, wenn ich finde, dass es jetzt Zeit zum Schlafen sei. Widerwillig machen sich unsere zwei Jüngsten auf, ihren Freund nach Hause zu begleiten. Vor dem Haus dann hundert Umarmungen – zuerst das Prinzchen, dann der Zoowärter, dann alle drei, dann wieder der Zoowärter und noch einmal das Prinzchen und wieder alle drei. Dann wieder alle drei zu uns nach Hause, denn wo sie ihn doch so nett begleitet haben, will der Nachbarjunge sich revanchieren. Dann wieder Umarmungen, zurückbegleiten, winken, noch eine letzte Runde ums Haus, wieder umarmen, noch einmal begleiten – ein nahezu endloses Freundschaftsritual, bei dem wir Erwachsenen mit glänzenden Augen daneben stehen und nur zaghaft dazwischen funken, weil es doch so herzerwärmend ist, den Dreien zuzuschauen.

Nun hat mir heute die Mama des weltbesten Freundes erzählt, dass sie am Donnerstag für zwei Wochen in die Ferien fahren. Da werde ich wohl in den kommenden Tagen besonders wachsam sein müssen, sonst schmuggeln sich der Zoowärter und das Prinzchen heimlich ins Gepäck ihres Freundes und dann können wir sie in Griechenland suchen gehen.