Pizza-Massage

Gewöhnlich antworte ich nicht mit einem Post auf einen Kommentar und schon gar nicht missbrauche ich Posts, um irgendwelche Tipps im Sinne von „Zehn lustige Methoden, Ihr Kind zum Lachen zu bringen“ zu verbreiten. Ihr kennt ja diese Listen in den Familienzeitschriften: Der Titel verspricht einen Haufen neue Ideen, die das Leben mit den Kindern bereichern sollen und spätestens bei Punkt drei merkst du, dass es sich entweder um Dinge handelt, die du schon seit Jahren täglich tust oder aber, dass dir der Autor etwas aufschwatzen will, was dir schon als Kind ganz fürchterlich auf die Nerven gegangen ist. Ganz ähnlich ist es übrigens mit Büchern mit Titeln wie „56 spannende Spiele für staubtrockene Sonntagnachmittage“ oder „Tausend Ideen gegen die Langeweile“ oder „Bastelideen aus dem Müllcontainer“. Okay, ich weiss, jemand hat sich grosse Mühe gegeben, diese Listen und Bücher zusammenzustellen, aber mir sagt das Zeug dennoch nichts.

Wenn ich also hier einen Post missbrauche, um über etwas aus unserem Familienleben zu erzählen, was ich eben erst vor einigen Tagen wieder entdeckt habe, dann nur deshalb, weil mir die Sache so viel Spass macht und nicht, weil ich euch vorschreiben will, wie ihr eure Kinder durchzukneten habt. Ums Kneten geht es nämlich zuerst mal bei der Pizza-Massage, die damit beginnt, dass man sich ein beliebiges Kind schnappt, das sich gerade in der Nähe des Sofas oder des Bettes aufhält, auf dem du gerade einen Mittagsschlaf abhalten willst, was die Kinder aber nicht respektieren und deswegen lärmend um das Bett oder das Sofa rasen…. ähm, wo war ich schon wieder? Ach ja, beim Kneten. Also, man schnappt sich das Kind, legt es bäuchlings vor sich hin, stellt sich vor, es wäre ein Pizzateig, den man zuerst mal so richtig durchkneten muss. Nach dem Kneten kommt das Auswallen und der Rest passiert von selbst, denn je nach Vorlieben des Kindes kommen Tomatensauce, Salami, Oliven, Pilze, Crevetten, Kapern oder was auch immer drauf und es spielt auch ganz und gar keine Rolle, wie die da drauf kommen, Hauptsache, das Kind krümmt sich vor lauter Lachen. Irgendwann wird das Ganze dann mit Atemluft gebacken und genüsslich verzehrt und dann kommt das nächste Kind, das einem keine Ruhe gönnen mag, dran.

Wenn man viel Glück hat, sind die Kinder danach so glücklich und müde, dass sie einen ausspannen lassen. Wenn man noch mehr Glück hat, revanchieren sich die Kinder, indem sie aus Mama eine Pizza machen, worauf Mama natürlich viel besser mittagsschlafen kann. Und nun möchte ich noch einmal darauf hinweisen, dass ich das Ganze nicht geschrieben habe, damit ihr endlich Ideen habt, was ihr mit euren Kindern anstellen sollt, denn ich bin mir ziemlich sicher, dass ihr alle eure eigenen Eltern-Kind-Sternstunden habt.

Ach ja, und um deine zweite Frage zu beantworten, Gedankenfest: Ich bin mir ziemlich sicher, dass das Prinzchen eines Tages auch davon erzählen wird, vermutlich sogar mit leuchtenden Augen. Aber ich fürchte, dass ich das nicht mehr miterleben werde, weil er dann im Altersheim sitzen wird. Er wird alle meine mütterlichen Fehltritte vergessen haben und seinen Urenkeln wehmütig von seiner guten Mutter erzählen, die ihren Kindern jeweils eine Pizza-Massage verpasst hat. Und dann wird er vielleicht noch anfügen, dass der Papa das noch viel besser gekonnt hat, weil der Papa ja ein Italiener war, ein Sohn von Gastarbeitern, die in der Schweiz ganz schwer untendurch mussten und die in den ersten Jahren im fremden Land nicht mal eine Dusche hatten, so ähnlich wie hier im Altersheim, wo er ja seine Dusche auch mit dem lästigen Nachbarn teilen muss…. Und irgendwann werden ihn die Urenkel unterbrechen und sagen: „Ach, Uropa, erzähl doch nicht immer dieselben Geschichten.“ Aber der Uropa wird nur selig lächeln und fragen: „Wisst ihr übrigens, wie meine Mama mich immer genannt hat? Prinzchen hat sie mich genannt. Ist das nicht schön?“

Aber vielleicht wird es auch ganz anders sein und ich mache hier einen Punkt, bevor ich noch ganz im Schmalz ertrinke.

Mama & Sohn

Okay, ich geb’s zu: Ja, ich habe heute früh die Türe geknallt. Mehrmals und ziemlich heftig. Ja, ich habe herumgebrüllt und zwar sehr laut. Und ja, ich bin ausgerastet wie schon lange nicht mehr, weil mich der FeuerwehrRitterRömerPirat mal wieder zur Weissglut getrieben hat mit seinem „Ich weigere mich, in den Kindergarten zu gehen und es ist mir vollkommen egal, dass du meinetwegen zu spät zur Arbeit kommst und dass sich die Kindergärtnerin Sorgen machen wird darüber, wo ich wohl so lange bleibe“. Ich versuche gar nicht erst, die unrühmliche Begebenheit zu verbergen, wo das Prinzchen doch ohnehin jedem, der es hören will, erzählt, dass Mama heute Morgen eine ganz böse Mama war. Also wozu leugnen, wo es sich ohnehin nicht verbergen lässt, dass ich hin und wieder genau das Gegenteil von der Mama bin, die ich eigentlich sein möchte? 

Zum Glück scheint der FeuerwehrRitterRömerPirat auch erkannt zu haben, dass er manchmal nicht der Sohn ist, den er sein möchte und so kam es, dass wir zwei Streithähne heute Nachmittag in trauter Zweisamkeit auf dem Sofa sassen und einander eine Pizza-Massage verpassten. Aber davon erzählt das Prinzchen natürlich niemandem…

 

Grosse Schwester

Prophezeit hat man ihr schon lange, dass sie eines Tages etwas ganz Besonderes sein würde für ihre vier Brüder, nur hatte sie sehr lange nichts davon bemerkt, unsere Luise. Klar, sie versuchte mit allen Mitteln, sie zu bemuttern, ihnen zu beweisen, dass sie immer ein offenes Ohr hat für sie, sie zu erziehen, auch wenn das nicht ihre Aufgabe ist. Hin und wieder war sie so frustriert darüber, dass ihre Annäherungsversuche nichts fruchteten, dass sie versuchte, ihren Brüdern ihre Zuneigung aufzuzwingen, was dann meist in Streit und Tränen endete. Eines Tages legte ich ihr nahe, ihren Brüdern einfach mal die kalte Schulter zu zeigen, dann würden sie schon erkennen, was sie verpassen. 

Ich weiss nicht, ob sie sich meinen Rat zu Herzen genommen hat, aber jetzt scheint ihr langes Werben endlich den ersehnten Erfolg zu bringen. Zuerst verlangte der Zoowärter immer öfter nach seiner grossen Schwester. Sie durfte ihn trösten, wenn Mama mal wieder keine Zeit hatte, sie durfte ihn abends in die absurdesten Verkleidungen stecken, sie umarmte er, der sonst körperlicher Zuneigung eher skeptisch gegenübersteht, freimütig und oft. Luise, die wunderbare grosse Schwester.

Eines Tages bemerkte das Prinzchen, der Luise immer mal wieder mit seiner Ablehnung verletzt hatte, dass der Zoowärter die einzige Schwester mehr und mehr in Beschlag nahm. Nun ist es so, dass das Prinzchen und der Zoowärter sich grundsätzlich nur für die Dinge interessieren, mit denen sich der andere gerade beschäftigt und so kam es, dass Luise auf einmal auch sehr attraktiv für das Prinzchen wurde. Auf einmal wollte er dabei sein, wenn Luise und der Zoowärter grosse Schwester und kleiner Bruder spielten, plötzlich findet es das Prinzchen grossartig, wenn Luise anstelle von Mama die Schlaflieder singt. Und heute nach dem frühzeitig abgebrochenen Mittagsschlaf, lag das Prinzchen endlich winselnd auf dem Küchenfussboden und verlangte nach Luise. Sie sollte ihm eine warme Milch machen, sie sollte ihn trösten, sie sollte mit ihm nach draussen spielen gehen. Weil Luise gerade anderweitig beschäftigt war, bot ich unserem Jüngsten an, den Luise-Ersatz zu machen, aber davon wollte er nichts wissen. Er jammerte weiter, bis die grosse Schwester endlich Zeit hatte für ihn. 

Ich bin so froh, dass unsere Tochter endlich die Art von grosser Schwester sein darf, die sie schon so lange sein wollte.

Wir bleiben dran

Manchmal, wenn das Prinzchen noch ein Schlaflied hören will oder wenn der Zoowärter noch ein Buch erzählt bekommen möchte, findet „Meiner“, es sei doch jetzt genug, ich hätte genug gesungen, genug erzählt. Und ein Stück weit hat er ja Recht: In den vergangenen zehn Jahren habe ich tatsächlich sehr viel Zeit mit singen und erzählen verbracht. Anfangs war „Meiner“, der ohne Schlaflieder und Gutenachtgeschichten gross werden musste, ganz entzückt darüber, doch natürlich ist inzwischen der Zauber von „Schlaf mein Kind, ich wieg‘ dich leise“ und „Michel aus Lönneberga“ ein wenig verflogen. Er hat sich das Zeug ja unzählige Male anhören müssen.

Was „Meiner“ aber nicht bedenkt und was auch ich mir immer wieder in Erinnerung rufen muss: Der Zoowärter und das Prinzchen haben zusammen wohl nicht die Hälfte der Geschichten gehört, die Karlsson alleine erzählt bekommen hat. Zwar habe ich mich in den vergangenen Jahren schon mehrmals beinahe heiser gesungen, aber wie oft waren die zwei Jüngsten die Zuhörer? Die drei Grossen und ich kennen die dicken Schinken im Bücherregal in- und auswendig, aber die beiden Kleinen haben noch nicht mal das erste Kapitel von „Winnie the Pooh“ gehört. Ja, sie haben noch nicht mal das Buch, das ihre eigene Mama geschrieben hat, erzählt bekommen.

Also singe und erzähle ich weiter und glaubt mir, die Sache wird nie langweilig. Denn auch wenn die Geschichten und Lieder noch immer die Gleichen sind, die Kinder, die zuhören sind es nicht. Und so erfahre ich immer wieder verblüffende Dinge, die ich nie zuvor beachtet hatte. Zum Beispiel weiss ich erst seit einigen Tagen, dass man die allabendliche Angst los wird, indem man Asterix und Obelix aus dem Heft nimmt. Ich habe ja stets geglaubt, die zwei seien nur gezeichnet, aber die kommen tatsächlich ins Kinderzimmer und vertreiben mit ihren übermenschlichen Kräften alles, was einen das Fürchten lehren will. Sagt der Zoowärter und der wird’s wohl wissen, denn eingehender als er hat noch keiner bei uns die gesammelten Abenteuer der beiden Gallier studiert, bevor er des Lesens mächtig war. 

 

Radikal

Ich weiss nicht, wie streng ihr das seht, aber meiner Meinung nach geht man noch nicht als Alkoholiker durch, wenn man sich alle paar Monate mal ein Gläschen Likör gönnt. Meiner Meinung nach müssten da schon noch ein paar Gläser mehr sein, damit man den Kindern ein schlechtes Beispiel abgibt. Zumal die Kinder der Hauptgrund sind, weshalb ich nach Jahren der Abstinenz wieder in geringen Mengen Alkohol konsumiere. Nein, nicht weil die Kinder mich dazu treiben, mein Elend im Glas zu ersäufen. Mein Entschluss, nicht vollkommen abstinent zu leben, hat einen erzieherischen Grund: Ich fürchte dass Alkohol in den Augen der Kinder umso faszinierender wird, je geheimnisvoller und verbotener die Sache ist. Wenn sie sehen, dass man auch im Mass geniessen kann, ersparen wir ihnen nicht jeden, aber doch vielleicht den einen oder anderen Suff. Und so hatte ich heute nicht die geringsten Gewissensbisse, als „Meiner“ und ich uns zum Feierabend diese wenigen Schlucke Likör gönnten.

Da sassen wir also in der seligen Gewissheit, pädagogisch sinnvoll zu geniessen, als ein gewisser junger Radikaler namens Karlsson, der eigentlich schon längst hätte schlafen müssen,  in die Küche marschiert kam, zur Flasche griff und den Inhalt kurzerhand ins Spülbecken kippte. Hat wohl etwas zu oft davon gelesen, wie der kleine Michel aus Lönneberga die Kirschweinflaschen für Frau Petrell zerschlagen hat. „Meiner“, der in die Geschichte eingegangen ist, weil er seinem Vater mal in die Bierflasche gepinkelt und sie danach wieder fest verschlossen hat, in der Hoffnung, der Papa würde es trinken, fand die Aktion seines Ältesten nicht besonders lustig. Nicht, weil er an der Flasche hängen würde, sondern einfach, weil es etwas unheimlich ist, mit einem kleinen Extremisten unter einem Dach zu leben. 

Aufwachen, Mama!

2001: Mama Venditti, vor wenigen Monaten erst Mama geworden, liest in der Tageszeitung, dass Jugendliche sich immer öfter bis zum Umfallen besaufen. „Auf jedes Extrem folgt ein Gegenextrem“, denkt sich Mama Venditti. „Bis Karlsson in dem Alter ist, wird saufen unter den Jugendlichen total out sein.“

2003: Mama Venditti liest, dass die Verbreitung jeder erdenklichen Schweinerei unter Jugendlichen dank Internet und Handy erheblich zugenommen hat. „Bis meine Kinder in dem Alter sind, wird man bestimmt für einen besseren Kinder- und Jugendschutz sorgen“, beruhigt sie sich selber. 

2005: Mama Venditti schaut sich eine Statistik an, die belegt, dass sich Mädchen immer öfter masslos betrinken, weil die süssen Mixgetränke ihren Geschmack genau treffen. „Bis Luise so gross ist, sind diese zuckersüssen Versuchungen bestimmt längst verboten“, murmelt sie vor sich hin.

2007: Mama Venditti erfährt, dass Cannabis für viele Jugendliche einfach dazugehört. „Was jetzt normal ist, wird in ein paar Jahren völlig veraltet sein“, beruhigt sie sich. 

2009: Mama Venditti liest einen Artikel, in dem steht, dass Jugendliche immer leichter an harte Drogen herankommen. „Bis meine Kinder in dem Alter sind, wird man viel härter durchgreifen“, hofft sie.

2011: Mama Venditti sitzt in einem Vortrag über Rauschtrinken und wird sich gewahr, dass a) die jüngsten Kinder, die in der Statistik erfasst sind, nicht erheblich älter sind als ihre eigenen und dass b) die Gefahren für Kinder und Jugendliche nicht ab- sondern zugenommen haben. Nicht, dass sie je allen Ernstes an ihre eigenen kläglichen Beruhigungsversuche geglaubt hätte, aber ein wenig mulmig wird ihr schon, wenn sie sich eingestehen muss, dass die Schonzeit wohl bald vorbei ist. Eines aber beruhigt sie dennoch: Die Referentin weist darauf hin, dass gute Beziehungen innerhalb der Familie Vieles verhindern helfen. Mama Venditti denkt sich, dass bei Vendittis im Alltag zwar fast alles anders läuft als im Erziehungsratgeber, dass aber kaum ein Tag vergeht, an dem nicht auf die eine oder andere Art – mal mit Loben und Unterstützen, dann wieder in einem lautstarken Streit, der in einer liebevollen Versöhnung endet –  an den Beziehungen gearbeitet wird.

Kinderwagen Nummer 8

Ganz ehrlich, das Kapitel Kinderwagen hatte ich abgeschlossen. Klar, ich zerbrach mir den Kopf darüber, wie wir das im Sommer in Prag machen würden und wäre das Prinzchen am Sonntag mit uns geströmt, als wir auszogen, die Atomenergie zu vertreiben, ich hätte mir einen Wagen aus dem Familienzentrum ausleihen müssen. Aber noch einmal einen kaufen? Nein, das wäre nicht in Frage gekommen. Jetzt sind andere Dinge dran: Die Kaffeemaschine zum Beispiel, oder mal wieder ein Coiffeurbesuch, oder ein Velo für den FeuerwehrRitterRömerPiraten. Man kann doch nicht immer alles Geld für neue Kinderwägen ausgeben. 

Dennoch wird morgen früh das Prinzchen mit Kinderwagen Nummer 8 in die Krippe fahren, anstatt auf meinen Schultern zu thronen. Meine Mutter hatte Erbarmen mit dem Prinzchen – oder vielleicht auch mit mir, weiss sie doch, wie schwer sich der Körper nach ein paar Schwangerschaften damit tut, kleine Kinder zu schleppen – und so kaufte sie heute kurz entschlossen Kinderwagen Nummer 8 für uns. Und das Schönste daran ist: Ich brauche nicht mal ein schlechtes Gewissen zu haben deswegen, denn zwei Franken sind wahrlich kein überrissener Preis für den Kinderwagen, der dereinst auch unseren Enkelkindern als Kutsche dienen wird.

Vorausgesetzt, ich überfahre das Ding nicht…

Berufswunsch: Kind

„Nur mal schnell zur Post und danach noch ein paar Joghurts einkaufen.“ Was so einfach tönt, wird mit dem Zoowärter und dem Prinzchen zu einem neunzigminütigen Abenteuerspaziergang mit Balancieren auf hohen Mauern, mit Schrecksekunden am Fussgängerstreifen, mit Diskussionen über die Frage, weshalb Rosen und Brombeerranken überhaupt Dornen haben und natürlich mit unzähligen „Nun kommt doch endlich! Der Papa wartet zu Hause“ und „Nein, Jungs, wir müssen hier durch und passt bitte auf, da vorne ist ein Auto.“ Stress pur also, aber wenn sich dabei der folgende Dialog über des Zoowärters berufliche Zukunft entspinnt, hat sich der Aufwand mehr als gelohnt:

Der Zoowärter findet am Wegrand einen Stecken. Anfangs ist es ein ganz gewöhnlicher Stecken, dann ein Wanderstab und schliesslich wird er zum Hirtenstab. „Den brauche ich dann später einmal, wenn ich für meine Schafe sorgen will“, erklärt mir der Zoowärter. „Dann willst du also später einmal Schafhirte werden?“, frage ich meinen Zweitjüngsten. Der Kleine bejaht, erinnert sich dann aber wieder an seinen Polizisten-Pyjama, den er heute bekommen hat- oder „übergschänkt“, wie das Prinzchen sagen würde. „Nein, ich will nicht Schafhirte werden“, sagt er nachdenklich. „Ich werde Polizist und dann kann ich den Stecken ja auch gebrauchen.“ Vor meinem inneren Auge ziehen Schreckensbilder auf  von Polizisten, die auf Demonstranten einknüppeln. Nicht, dass ich grundsätzlich etwas gegen Polizisten hätte, aber woran soll ich denn sonst denken, wenn mein Sohn mir erklärt, dass er als Polizist einmal seinen massiven Holzknüppel gebrauchen will? Während ich mir noch überlege, ob ich dem Zoowärter das mit der Karriere bei der Polizei ausreden soll, sagt er entschlossen: „Nein, ich glaube, ich will doch nicht Polizist werden. Ich will lieber für immer ein Kind bleiben.“

Hach, was bin ich stolz auf meinen Sohn! Lässt einfach so, an einem heissen Mittwochnachmittag mitten im Verkehrslärm und ohne gross zu überlegen einen Spruch raus, der das Herz einer jeden erwachsenen Romantikerin wärmt. Ein Satz für’s Bilderbuch, findet ihr nicht auch?

Und stellt euch nur vor, wie ich mich mit ihm dereinst im Altersheim werde brüsten können, wenn meine Freundinnen mit der glanzvollen Karriere ihrer Kinder prahlen. „Meine Tochter, die Bundesrätin, ist ja so unglaublich beschäftigt. Aber sie nimmt sich immer Zeit, mir eine Postkarte zu schicken, wenn sie sich mit dem Präsidenten der USA trifft“, wird die eine mit gespielter Bescheidenheit erzählen. „Tja, mein Sohn hat ja auch so schrecklich wenig Zeit für mich, seitdem er den Nobelpreis für Literatur verliehen bekommen hat. Seither hetzt er von einer Lesung zur anderen. Dafür wird er mir seinen nächsten Bestseller widmen“, wird eine andere erzählen. Ich werde schweigend daneben sitzen und gelassen zuhören, wie die Frauen sich gegenseitig zu übertrumpfen suchen. Irgendwann wird mich jemand fragen, was denn überhaupt aus meinem Zweitjüngsten geworden sei und dann werde ich voller Stolz verkünden können: „Mein Zweitjüngster, der hat schon als Vierjähriger gewusst, worauf es im Leben wirklich ankommt und deshalb hat er alles daran gesetzt, immer ein Kind zu bleiben.“

Und dann wird all den alten Damen die Spucke wegbleiben, weil mein Sohn schon so früh die Weichen für die wichtigste Karriere der Welt gestellt hat. Jetzt muss ich nur noch herausfinden, wie ich dafür sorgen kann, dass der Junge ob all der Versuchungen, viel Geld zu machen, sein Karriereziel nicht aus den Augen verliert.

Heldenhaft

Die heutigen Männer bekommen ja nur noch sehr selten die Gelegenheit, ihren Heldenmut zu beweisen. Umso grösser ist dann die Bewunderung, wenn sie sich mal wieder mit ganze Kraft für das Wohl ihrer Familie einsetzen können. „Meiner“ hatte heute eine solche Sternstunde: Ein paar Versuche mit verschiedenen Schlüsseln, ein wenig Nachdenken und zum Schluss noch einige Hammerschläge und schon waren Kakao, lactosefreie Milch, Honig & Co. wieder frei.Was ich in zwei Stunden Würgen und Hantieren nicht zustande gebracht hatte, schaffte er innerhalb von fünf Minuten. Dann durfte er mit stolzgeschwellter Brust verkünden, dass die Vorratskammer wieder zugänglich ist und die Familie lag ihm zu Füssen. So einfach ist es, den Heldenstatus zu erlangen.

Zumindest in einer Familie, in der alle so leidenschaftlich gerne essen, dass eine verschlossene Vorratskammer Auslöser eines gigantischen Familienkrachs sein kann.

Überbewertet

Glaubt mir, so ein Mittagsschlaf ist eine vollkommen überbewertete Sache. Ich meine jetzt nicht den kindlichen Mittagsschlaf. Der ist eine segensreiche Erfindung, zumindest solange das Kind die tagsüber verschlafene Zeit nicht abends nachholt. Nein, ich meine den elterlichen Mittagsschlaf. Da sinkst du nach dem Mittagessen nichts Böses ahnend in einen tiefen Schlaf, neben dir das Prinzchen und „Deiner“, die es dir gleichtun und wenn du wieder aufwachst, ist der Tag im Eimer. Die Küche versinkt im Chaos, die Kaulquappen, die schon seit zwei Wochen fröhlich im Becken schwimmen schweben in Lebensgefahr, weil jemand einen Haufen Erde ins Becken geschüttet hat, die Vorratskammer ist geplündert und dir platzt der Kragen. Du greifst zum Besen, um die schlimmste Unordnung zu beseitigen, räumst die Vorratskammer notdürftig auf, knallst wütend die Tür zu – und stellst fest, dass der Schlüssel der Vorratskammer nicht im Schloss steckt, sondern ganz offensichtlich in der Kammer. Zusammen mit ganz vielen Lebensmitteln, darunter einigen überlebenswichtigen Dingen, ohne die das Wochenende ganz schön schwierig werden dürfte: Wasser, Kakao, lactosefreie Milch, Apfelsaft, Kartoffeln, Cola und Honig. 

Was tun? Nun, zuerst mal den Schuldigen finden, aber das war mal wieder „der andere“ und somit bekommen alle das mütterliche Donnerwetter zu hören. Dann geht’s los mit der Befreiungsaktion für die eingeschlossenen Nahrungsmittel. Zuerst wird das Schloss mit Küchenmessern und Schraubenziehern traktiert, dann mit Schlüsseln anderer Wandschränke, was „Deiner“ aber bald einmal aufgibt, weil einer der Versuchsschlüssel zerbricht und es einen Moment lang ganz danach aussieht, als  müssten Vendittis in Zukunft nicht nur ohne Kakao und Apfelsaft, sondern auch ohne Bettwäsche leben. Doch der Wäscheschrank hat zum Glück einen Ersatzschlüssel. Was deine Kinder auf die Idee bringt, dass der Schlüssel von Grossmamas Vorratskammer vielleicht auch in unser Schloss passen könnte. Zu dumm nur, dass die Grossmama übers Wochenende verreist ist und die Wohnung abgeschlossen hat. Also klettern Karlsson und Luise über das Balkongeländer in Grossmamas Küche, bringen den Schlüssel nach oben, wo du leider feststellen musst, dass er nicht passt. Und morgen darfst du dann deiner Mutter erklären, weshalb ihre Wohnung nicht mehr abgeschlossen ist…

Weil er keinen Weg mehr sieht, die Befreiungsaktion vor Montag durchzuführen, gibt „Deiner“ an diesem Punkt auf, du hingegen mühst dich eine weitere Stunde mit der verschlossenen Türe ab. Aber egal, womit du es versuchst – ob mit der Eisensäge oder mit dem Suppenlöffel – die Tür macht keinen Wank und so musst du zwei zerbrochene Küchenmesser und einen epochalen Familienstreit später schweren Herzens erkennen, dass alle deine Bemühungen aussichtslos sind. Und du fragst dich, was dich dabei mehr nervt, die Tatsache, dass „Deiner“, den du in diesem Moment auf den Mond schiessen könntest, Recht hatte, oder der Umstand, dass das Cola, das du nach all dem Ärger eigentlich verdient hättest,  eingeschlossen ist.

Zwei Dinge aber sind dir sonnenklar, nämlich a) dass „Deiner“ und du noch immer ziemlich ausrasten könnt, auch wenn ihr mit zunehmendem Alter etwas ruhiger geworden seid und b) dass ein elterlicher Mittagsschlaf zwar angenehm entspannend sein kann, dass das bisschen Entspannung aber durch all den Ärger, der darauf folgt, wieder aufgefressen wird.