Loslassen, zweites Level

Letzten Sommer war Level eins dran: Karlsson verreiste in sein erstes Ferienlager und wer hier schon länger mitliest weiss, wie sehr ich mit der Glucke in mir gerungen habe, um ihn loslassen zu können. Rückblickend konnte ich sagen, dass alles viel weniger schlimm war als erwartet. Karlsson erlebte eine wunderbare Woche, wir waren stolz auf uns, dass wir auch ein paar Tage ohne ihn auskommen konnten und am Ende kam er fröhlich und wohlgenährt wieder nach Hause zurück.

Wer nun glaubt, dass ich dank dieser Erfahrung gelassener an Loslassen, Level zwei herangehe, der kennt mich schlecht. Nun ja, die Bedingungen sind diesmal auch erheblich härter als beim ersten Mal. War es letztes Jahr ein Kind, dass ganz ohne Eltern unterwegs war, so sind es dieses Jahr schon zwei, die am Samstag die Koffer packen. Luise geht diesmal auch mit. Das allein wäre ja schon schlimm genug für die Glucke in mir, aber es kommt noch dicker. Die zwei werden nämlich nicht in einem Lagerhaus nächtigen, nein, sie werden im Zelt schlafen. Man stelle sich das einmal vor: Die zwei armen Kinderchen ohne ihre Mama, die sie mit Zeckenspray, Gummibärchen und einer warmen Wolldecke versorgt. Ja, ich weiss, die Leiter werden bestens für alle Eventualitäten ausgerüstet sein und dann werde ich natürlich auch noch das eine oder andere in den Rucksack meiner Kinder schmuggeln, damit ihnen auch bestimmt an nichts mangelt.

Das alles beruhigt die Glucke nicht im Geringsten. Bis jetzt gelingt es mir noch relativ gut,  ihr Jammern und Klagen zu überhören, aber spätestens übermorgen, wenn ich die letzten Einkäufe für das Lager tätige, werde ich sie nicht mehr zurückhalten können. Sie wird den Einkaufswagen voll beladen mit Dingen, ohne die Karlsson und Luise die Woche nicht überstehen werden, sie wird die beiden dazu drängen, noch dieses und jenes einzupacken, sie wird hundertmal nachfragen, ob sie auch ganz bestimmt nichts vergessen haben. Und „Meiner“ wird daneben stehen und lauthals darüber lachen, dass ich mal wieder masslos übertreibe. Dabei bin das doch gar nicht ich, das ist nur die Glucke, die sich einfach nicht zurückhalten kann.

Das grosse Schlafen

In meinem Kopf habe ich schon unzählige Male Anlauf genommen.

Anlauf, endlich an der Geschichte weiter zu arbeiten, die schon so lange auf die Feinarbeit wartet. Ich habe mir gar eine alte Schreibmaschine zugelegt, damit ich gezwungen bin, jedes einzelne Wort noch einmal umzudrehen und an den richtigen Platz zu setzen. Wo es keine Delete-Taste gibt, gibt es auch keinen Raum mehr für überzählige Wörter, so dachte ich mir. Aber eben, bis jetzt ist es beim Anlaufnehmen geblieben.

Ich habe auch schon unzählige Male Anlauf genommen, endlich mal wieder ein paar Kilos loszuwerden. Nein, ich habe nicht vor, einem ungesunden Schönheitsideal nachzueifern, aber einfach nur noch runder werden ist wohl auch nicht gerade gesund.  Auch hier ist es aber beim Anlauf geblieben.

Auch im Bezug auf meine Kinder bin ich in den Startlöchern: Endlich wieder mehr Energie in die Beziehung stecken, nicht immer nur müde mit dem Kopf nicken und „dann mach halt, wenn du unbedingt musst“ seufzen. Doch auch in diesem Bereich trete ich auf der Stelle, nehme mir jeden Tag vor, es anders zu machen als am Tag zuvor.

Wohin ich auch schaue in meinem Leben, überall sehe ich Dinge, die ich in Angriff nehmen will; Lebensbereiche, die mir wichtig sind, denen ich gerne wieder mehr Beachtung schenken würde.

Mein Kopf ist unglaublich aktiv, denkt sich neue Wege aus, entwirft Pläne für ein Leben, das mehr dem entspricht, was ich unter Leben verstehe. Aber was hilft es, wenn der Kopf wie verrückt arbeitet, solange der Körper nicht mitmacht? Das faule Ding hat nämlich seit einiger Zeit nur noch eins im Sinn: Schlafen, schlafen und nochmals schlafen. Kaum zeichnet sich ab, dass es da ein freies Zeitfenster geben könnte, beginnt mein Kopf zu planen. „Zuerst einmal werde ich eine oder zwei Stunden schreiben, dann mache ich einen Spaziergang und schliesslich spiele ich noch mit den Kindern dieses Spiel, das sie schon so lange spielen möchten“, sagt er dann zum Beispiel. „Nichts da!“ schreit der Körper. „Zuerst wird geschlafen.“ „Nicht schon wieder schlafen“, meckert der Kopf. „Das haben wir schon gestern zuerst gemacht und dann war wieder die ganze freie Zeit verpennt und alles, was ich tunt wollte blieb liegen.“ „Heute schlafen wir nicht so lang“, verspricht der Körper. „Nur ein halbes Stündchen, dann können wir tun, was immer du willst.“ „Das sagst du jedes Mal und am Ende bleibst du doch so lange liegen, bis die Kinder von der Schule nach Hause kommen und es Zeit wird zum Kochen“, brummt der Kopf. „Ach komm schon, du weisst, dass man viel besser arbeiten kann, wenn man ausgeschlafen ist. Und die Kinder erträgst du auch viel besser, wenn du nicht mehr so müde bist“, insistiert der Körper. „Da hast du ja schon Recht, aber meine Freizeit ist begrenzt, die kann ich nicht einfach verschlafen… Wobei, so eine Viertelstunde könnte nicht schaden. Vielleicht habe ich danach tatsächlich mehr Energie….“ „Ich hab’s doch gewusst, dass du zur Einsicht kommen wirst“, lobt der Körper, schmeisst sich aufs Bett und schon versinke ich im tiefsten Schlaf.

Ich hoffe doch sehr, dass ich im Schlaf irgendwann genügend Energie für neue Taten gewonnen haben werde. Damit es nicht lange beim Anlaufnehmen bleibt…

Auch so habe ich mir das nicht vorgestellt

Wenn wir Mütter sagen, so hätten wir uns das mit den Kindern nicht vorgestellt, dann meinen wir meist die Momente, in denen wir mit den Nerven am Ende sind. Wir meinen die Tage, an denen wir Mühe haben, dem Dasein als Mutter auch nur etwas Positives abzugewinnen. Von den anderen Momenten, in denen das Muttersein anders ist, als es in unseren Vorstellungen war, reden wir leider nur selten.

Hätte man mir vor zehn Jahren gesagt, dass ich dereinst an einem lauen Sommerabend meinem Ältesten dabei zusehen würde, wie er genussvoll eine Portion Riesencrevetten verspeist, bevor es in die Oper geht, dann hätte ich gesagt, dass das gar nicht sein kann, weil Kinder keine Crevetten mögen und weil sie Oper langweilig finden. Hätte man mir gesagt, dass der Junge mich mit Witzen über die „Kapitalisten“ auf den teuersten Plätzen zum Lachen bringen würde, hätte ich gesagt, dass Kinder in diesem Alter nur Witze wie „Was ist rot und grün? – Ein Frosch im Mixer!“ lustig finden. Hätte man mir gesagt, dass mir ein Abend mit meinem Sohn ebensoviel Spass machen würde wie ein Abend mit „Meinem“, dann hätte ich gesagt, dass sei ganz und gar unmöglich.

Als ich noch kinderlos war, habe ich mir das Muttersein nicht so anstrengend vorgestellt, wie es ist. Aber auch nicht so schön.

Traumanfall

So ein kleiner Trotzanfall wirft mich eigentlich nicht mehr aus der Bahn. Zu viele habe ich bereits miterlebt, als dass ich mir noch allzu viele Gedanken darüber machen würde. Klar, ich weiss dass das Problem in den Augen des Kindes weltbewegend ist, sonst würde es ja nicht so ein mörderisches Gebrüll anstimmen. Darum würde ich es auch nie und nimmer wagen, mich über den Grund des Gebrülls lustig zu machen. Aber aus meiner Warte gesehen ist keines dieser Probleme so gravierend, als dass ich mir die Mühe machen würde, mich darüber zu ärgern. Grund zum Ärgern gibt es im Familienalltag schon genug, da muss man nicht auch noch aus den Trotzanfällen, die nun mal einfach zum Kindsein dazugehören, ein Theater machen.

So, jetzt wo das klargestellt ist, kann ich ja gestehen, dass mich das Prinzchen heute mitten in der Nacht mit seinem Trotzanfall ganz schön ins Schwitzen gebracht hat. Ja, gut, auch ein Trotzanfall in der Nacht ist für mich nichts Neues. Aber ein Trotzanfall mitten in der Nacht wegen einer Ungerechtigkeit, die dem Kind im Traum widerfahren ist? Noch nie zuvor gehabt. Da sitzt der Kleine zornig in seinem Bett und brüllt: „Will auch mitkommen! Will auch mit dem Bus mitkommen!“ Ich nehme mal an, dass es eine Weile gedauert hat, bis der Protest unseres Jüngsten mich überhaupt aus dem Schlaf geschreckt hat, denn als ich endlich wach war, hatte er sich schon so sehr in die Sache hineingesteigert, dass er sich kaum mehr beruhigen lassen wollte. „Prinzchen, wir schlafen alle, draussen ist es dunkel und der Bus schläft auch“, murmelte ich schlaftrunken und meinte, damit sei die Sache abgehakt. War sie aber nicht, denn offenbar hatte das Prinzchen in seinem Traum so eindeutig mitgekriegt, dass alle ihren Spass haben würden und er alleine zu Hause bleiben müsse, dass eine eindeutig nicht ausgehfertige Mama, die keine Anstalten machte, sich demnächst aus dem Bett zu begeben und zur Bushaltestelle zu hetzen, ihn nicht zu beruhigen vermochte. „Will aber auch mitkommen! Will auch mit dem Bus fahren! Will nicht hier bleiben!“, brüllte er weiter. „Wir gehen aber nirgendwo hin. Wir wollen jetzt alle nur schlafen“, antwortete ich genervt.

Nun versuche mal einer, einem zornigen Zweijährigen beizubringen, dass das, was ihn so sehr in Rage bringt, sich nur in seinem Kopf abgespielt hat und dass es keinen Grund gibt, sich so sehr aufzuregen. Nun ja, ich weiss, auch beim ganz gewöhnlichen Trotzanfall spielt sich das Meiste im Kopf ab, aber die Sache, um die es geht, ist meist ziemlich handfest, wie zum Beispiel das Brötchen, das man nicht haben darf, oder der Waschlappen, den man nicht im Gesicht haben will, oder die grosse Schwester, die einen nervt.  Was aber, wenn der Auslöser dieses unbeschreibliche Phänomen genannt Traum ist, ein Phänomen, das auch grösseren Kindern und Erwachsenen ein Rätsel bleibt? Vielleicht hätte ich in wachem Zustand einen Weg gefunden, das Prinzchen zu beruhigen, im Halbschlaf aber war ich seiner Wut ratlos ausgeliefert.

Also schrie das Kind weiter nach Leibeskräften, versuchte, sich aus der Zewi-Decke zu befreien und drohte an, er werde zur Bushaltestelle gehen. So langsam wurde ich nervös. Der kleine Trotzkopf würde noch die ganze Familie wecken. „Meiner“ zumindest tappte schon schlaftrunken zum Bett seines Jüngsten. Und was tat der gute Mann? Setzte sich auf die Bettkante, fragte seinen Sohn „Prinzchen, hast du geträumt? Komm, wir schlafen weiter.“ Und dann war Ruhe. 

Wie macht der Mann das bloss?

Familienharmonie

Dass Vendittis Familienleben selten so beschaulich und harmonisch ist wie in der Fernsehwerbung dürften die meisten meiner Leser inzwischen mitgekriegt haben. Oh ja, wir haben sehr wohl unsere Sternstunden – an gewissen Tagen auch nur unsere Sternminuten -, aber die sind so eng verwoben mit dem ganz banalen Alltag, dass man oft erst abends beim Einschlafen erkennt, wie kostbar dieser oder jener Moment war. Nun ja, dann gibt es natürlich auch die Tage, an denen man sich mit Sternsekunden zufrieden geben muss. Es sind die Tage, an denen alles irgendwie so schräg zusammenkommt, dass man nur noch hinter den zusammengebissenen Zähnen hervorpressen kann: „Ich weiss, dass es der richtige Entscheid war, eine Familie zu gründen und ich weiss, dass ich meine Kinder über alles liebe, aber spüren werde ich das alles erst wieder, wenn sie alle schlafen und dieser elende Tag endlich vorbei ist.“ Momentan haben wir das zweifelhafte Vergnügen, gleich mehrere solcher Tage zu erleben. 

Die Voraussetzungen sind geradezu perfekt:

– Da wäre erstens einmal diese schwüle Hitze, die sowohl aus Eltern als auch aus Kindern diese einmalige Gereiztheit hervorruft, die man nur hinkriegt, wenn man einerseits wünschte, man könnte das sonnige Wetter geniessen, es aber andererseits keine Sekunde an der prallen Sonne aushalten mag. 

– Die Hitze zieht eine bleierne Müdigkeit nach sich, die man nur durch Schlafen kurieren könnte, aber schlafen geht nicht, weder für Eltern noch Kinder. Tagsüber nicht, weil weder bei der Arbeit noch in der Schule die Sommerpause begonnent hat, nachts nicht, weil wahlweise die Mücken summen, der Donner grollt oder das Kind, das es sich im Elternschlafzimmer bequem gemacht hat, einen ständig gegen den Bauch tritt. 

Soweit die meteorologischen Bedingungen. Aber Übermüdung alleine reicht noch nicht aus, um den Familienfrieden ernsthaft zu gefährden. Wie hätten wir denn sonst die vergangenen zehn Jahre überstanden? Nein, das Wetter bildet nur die Kulisse zu dem Drama, das sich auf schulischer Ebene abspielt:

– Da wäre zum Beispiel irgend ein sadistischer Bürokrat, der entschieden hat, dass die Sommerferien im Kanton Solothurn erst am 8. Juli beginnen. Und dies, obschon jeder weiss, dass die kindlichen Batterien spätestens am 3. Juli entladen sind. 

– „Das Schuljahr ist noch nicht zu Ende, also nützen wir die verbleibende Zeit für ein paar Lernzielkontrollen“, scheint sich die Lehrerschaft zu sagen. „Und wo wir schon dabei sind, könnten wir ja gleich noch einen Elternabend abhalten. Ach ja, und dann veranstalten wir noch ein paar Abschiedsfeste. Aber die Einladungszettel verteilen wir erst ein letzter Minute.“ Und schon bist du eingedeckt mit Lernzielkontrollen, die du noch unterschreiben musst, mit Stundenplänen für das neue Schuljahr und mit Elternbriefen, die über Schulausflüge, Abschiedsfeste, Schulhausfeste und dergleichen informieren. Oh, den Anmeldezettel für das „gesunde Znüni“, dem jeweils ein Franken fünfzig beigelegt werden muss, den darfst du auch nicht vergessen. Und bitte schön in dreifacher Ausführung, denn schliesslich wollen alle drei schulpflichtigen Kinder die letzte gesunde Zwischenverpflegung des Schuljahres bekommen.

– Weil „Meiner“ und ich ein besonderes Flair für stressige Situationen haben, haben wir bei der Familienplanung streng darauf geachtet, dass alle unsere Kinder gleichzeitig einen Lehrerwechsel haben. So kommen wir alle zwei Jahre in den Genuss von Kindern, die einerseits geplagt sind von Abschiedsschmerz, andererseits vor lauter Angst vor der neuen Situation, die sie nach den Sommerferien erwartet, nicht mehr schlafen können. Das bedeutet, dass unser Sofa abends um halb elf noch immer von weinenden Kindern bevölkert ist, die sich zwar inzwischen mir der Hitze abgefunden haben, die aber ihr Schlafmanko weiter kultivieren, indem sie allerlei Ängste und Sorgen dann mit den Eltern besprechen wollen, wenn sie eigentlich darüber schlafen sollten. Und auch wir Eltern arbeiten weiter fleissig an unserer Übermüdung, denn wenn die Kinder erst um elf Ruhe geben, bedeutet das, dass unser Feierabend auch erst dann beginnt und was ist denn schon ein Tag ohne Feierabendlektüre?

Man sieht also, die Schule trägt beträchtlich dazu bei, dass es bei Vendittis nicht allzu harmonisch zu und her geht. Aber weil auch das noch nicht reicht, gönnen wir uns noch ein paar Extras:

– Wir sorgen dafür, dass Luise weder ihre Brille noch ihr Schmusetier finden kann und deswegen vollkommen aus dem Tritt gerät.

– Wir planen noch kurz vor den Sommerferien die alljährliche Vorgeburtstagsparty für den FeuerwehrRitterRömerPiraten. Weil an seinem richtigen Geburtstag alle seine Freunde in den Ferien sind.

– Wir verknurren unsere Kinder dazu, ihre Zimmer aufzuräumen, weil wir nicht wollen, dass sich so kurz vor den Ferien jemand ein Bein bricht, wenn er versucht, sich einen Weg durch das Chaos zu bahnen.

– Wir zerbrechen uns den Kopf darüber, was die Lehrerinnen zum Abschied geschenkt bekommen sollen. Denn das Geschenk, das die Kinder zusammen mit ihren Klassenkameraden gebastelt haben, reicht uns natürlich nicht. Was ja auch verständlich ist, wissen wir doch aus eigener Erfahrung, dass Schülergeschenke für den Lehrer etwa die gleiche Bedeutung haben wie der Bonus für den Banker. 

– Ich begehe den grossen Fehler, unsere Kinder ausgerechnet jetzt in die hohe Kunst des Monopoly-Spiels einzuführen. Was bekanntlich in keiner Familie ohne Tränen und Streit vor sich geht. Ist ja auch kein Wunder, bei diesem Kapitalistenspiel.

Glaubt mir, wir würden alle ganz furchtbar liebenswürdig und geduldig miteinander umgehen, wenn es denn bloss nicht so heiss wäre. Und wenn bloss dieses Schuljahresende endlich da wäre. Und wenn wir endlich all diese Extras aufgearbeitet hätten. Ach ja, und dann sollten wir auch noch zum Fotografen. Wir brauchen ganz dringend neue Passbilder für die Sommerferien. Das werden bestimmt ganz reizende Familienbilder, fast wie in der Fernsehwerbung…

 

 

Neue Welten

Mir wurde ja schon ein wenig mulmig, als „Meiner“ Karlsson zum zehnten Geburtstag das Versprechen abgab, dass er im Laufe des Jahres je einen ganzen Tag mit Papa und einen ganzen Tag mit Mama verbringen dürfe. Das Programm, so sagte „Meiner“, würde ganz vom Kind bestimmt. An sich eine tolle Sache, denn es gibt für Mehrfacheltern ja eigentlich nichts Schöneres, als einen ganzen Tag Zeit zu haben für ein einziges Kind. Zeit zum Reden, Spass haben, dem Kind die volle Aufmerksamkeit schenken. Doch man weiss ja auch, wohin es führen kann, wenn man den Kindern freie Hand lässt bei der Programmgestaltung: Plötzlich findet man sich inmitten von kreischenden Teenies am Justin Bieber-Konzert wieder. Oder hustend und keuchend an einem Moto-Cross-Rennen. Oder, schlimmer noch, auf einer Fresstour durch sämtliche Fastfood-Tempel des Landes. Man kann nie wissen, welche abartigen Vorlieben angehende Teenager entwickeln und deshalb finde ich ein solches Versprechen ziemlich risikoreich. Hätten meine Eltern mir damals ein solches Angebot gemacht, ich hätte sie bestimmt zu einem Michael Jackson-Konzert geschleppt, oder ich hätte sie dazu gezwungen, mit mir ins Kino zu gehen, um Dirty Dancing zu schauen. Nun gut, da war ich schon etwas älter als zehn, aber man weiss ja, dass die Pubertät und damit auch die Geschmacksverirrungen heutzutage früher einsetzen als zu unseren Zeiten. Klar, aus Liebe zum Kind ist man zu allem bereit, aber nicht zu allem gleich gern.

Aus diesem Grund sah ich dem Mama-Karlsson-Tag mit gemischten Gefühlen entgegen. Was würde unser Ältester von mir erwarten; auf welche Tortur musste ich mich gefasst machen? Nachdem „Meiner“ am Papa-Karlsson-Tag schon sämtliche bekannten Highlights – Kino, Antiquitätenhändler, gut essen und Thermalbad – abgehakt hatte, wusste ich erst recht nicht mehr, womit ich zu rechnen hatte. Mit einem Vergnügungspark vielleicht, oder mit einem Besuch im „Spassbad“, das nur für Menschen unter zwanzig lustig und Berufsjugendliche lustig ist? Oder am Ende vielleicht ein Essen in einem Nobelrestaurant, in dem ich mich nicht zu benehmen weiss? Immerhin ist Karlsson ein bekennender Feinschmecker. Nun, es kam nicht ganz so schlimm: Mein Sohn und ich fahren am Samstag nach Avenches in die Oper. Offen gestanden habe ich keine Ahnung, wie man sich in einer Oper aufführt, aber die Veranstaltung findet ja in der Arena statt, da werde ich nicht viel falsch machen können. Ob mir die Musik gefallen wird, weiss ich nicht und ob ich die Handlung verstehen werde erst recht nicht, aber immerhin beschert mir der Ausflug keine Albträume, mal abgesehen von der Fahrt nach Avenches, die bei meinem Orientierungssinn durchaus zur Katastrophe werden könnte. Im Gegenteil, ich sehe dem Abend mit eienr gespannten Vorfreude entgegen. Und sollte mir das Ganze nicht zusagen, so kann ich immerhin dankbar sein, dass unser Ältester mich verschont vor kreischenden Teenagern, irrsinnigen Rutschbahn-Fahrten und missgünstig dreinblickenden Kellnern, die nur darauf warten, bis mir ein Bissen unter den Tisch fällt.  

Als

Geschichtsklitterung

„Meiner“ und ich sind jetzt in dem Alter, wo man zurückschaut und findet, man hätte so ziemlich alles anders machen sollen, als man es gemacht hat. Nun ja, nicht ganz alles. Das mit „Meinem“ und mir und das mit den fünf Kindern das würden wir noch heute so machen und das ist ja wohl das Entscheidende. Aber das ganze Drumherum sehen wir heute ziemlich anders als damals. „Wenn ich noch einmal heiraten würde, dann würde ich einfach eine riesengrosse, unkomplizierte Fete mit vielen netten Leuten veranstalten und mich um all die Wünsche deiner Mutter und deiner Tante einen Dreck scheren“, sage ich dann zum Beispiel zu „Meinem“ und er findet, dass ich vollkommen Recht hätte. „Das würde ich genau so machen“, meint er „und anstatt viel Geld für das Fest auszugeben, würde ich heute ein paar Monate lang mit dir in der Weltgeschichte herumreisen.“ „Und zur Hochzeit würden wir uns nicht irgend welche Haushaltgegenstände wünschen, sondern Geld für die Reisere“, träume ich weiter. „Ja, und dann würden wir uns eine günstige Wohnung mieten, eine Ausbildung machen, die uns gefällt und dann, wenn wir Kinder hätten, beide Teilzeit arbeiten“, spinnt „Meiner“ den Faden weiter und plötzlich finden wir uns wieder in einem Traumleben, in dem zwar noch immer wir zwei und später auch unsere Kinder die Hauptrolle spielen, das aber so ganz anders aussieht, als es in Wirklichkeit war.  

Da sitzen wir zwei, übermüdet und abgekämpft und voller Ideen, wie man die Vergangenheit hätte gestalten sollen, damit die Gegenwart nicht ganz so anstrengend wäre, wie wir sie zuweilen empfinden. Ja, wir haben uns immer eine Grossfamilie gewünscht, aber hätten wir das Ganze nicht unkonventioneller, unkomplizierter, mehr auf unsere Persönlichkeiten zugeschnitten aufgleisen können? Wir malen uns aus, wie schön es gewesen wäre, wenn wir doch damals schon gewusst hätten, was wir heute, nach all den Ernüchterungen, die uns auf unserem Weg begegnet sind, wissen. Wir stellen in Gedanken unser ganzes damaliges Handeln auf den Kopf und vergessen dabei beinahe, dass in dem Kontext, in dem wir uns damals bewegten, Vieles von dem, was wir getan haben, ganz richtig und passend war.  

Manchmal seufzen wir tief und sagen uns, dass wir ganz furchtbar viel verpasst haben, weil wir damals, als wir noch keine Verantwortung für Kinder zu tragen hatten, das Leben so furchtbar ernst nahmen, dass wir gar nicht daran dachten, das Ganze etwas lockerer, spontaner und mit weniger Verpflichtungen anzugehen. Wenn wir schliesslich fertig geseufzt haben, dann sagen wir uns, dass es nur einen Ausweg aus unserem Dilemma gibt: Unser Leben als Familie geniessen und gleichzeitig dafür sorgen, dass im Familientrubel die Liebe nicht untergeht. Damit wir später dann, wenn die Kinder mal ausgeflogen sind, noch richtig viel Spass daran haben, miteinander das nachzuholen, was wir heute glauben, verpasst zu haben.

Vielleicht können wir ja noch einmal heiraten. Mit einer  riesengrossen, unkomplizierten Fete und vielen netten Leuten…

Meine lieben Kinderlein…

… wisst ihr denn nicht, dass die Lizenz, Mama und Papa den Schlaf zu rauben spätestens nach dem dritten Geburtstag verfällt? Klar, irgendwann, wenn ihr zwischen fünfzehn und achtzehn seid, könnt ihr sie noch einmal erneuern lassen, aber dazwischen wäre eigentlich eine Pause vorgesehen, in der die Eltern ihr Schlafmanko auskurieren können. Auf dass sie dann wieder halbwegs erholt in die zweite Runde der schlaflosen Nächte gehen können.

Ja, ich weiss, ihr habt uns ziemlich gut schlafen lassen, als ihr Babys wart. Nun ja, du Luise hast Nacht für Nacht auf den Putz gehauen, aber ihr anderen, ihr wart meist erstaunlich gut im Durchschlafen. Das heisst aber noch lange nicht, dass ihr all die verpasste Schlaflosigkeit jetzt, wo für uns Eltern eigentlich Schonzeit wäre, nachholen müsst, indem ihr euch nachts zu uns ins Bett schleicht, wo ihr euch dermassen quer legt, dass Papa auf der einen, Mama auf der anderen Seite des Bettes herausfällt. Und wenn ihr es dann geschafft habt, entweder sie oder ihn aufs Sofa zu vertreiben, dann ist es nicht unbedingt nötig, dass ihr euch durchs Dunkel tappt, um den verloren geglaubten Elternteil aufzusuchen. Ja, wir sind noch da, auch wenn wir uns auf der Suche nach dem Schlaf etwas von euch entfernt haben. Wir sind auch ganz bestimmt am Morgen gerne wieder für euch da, aber wenn wir auf dem Sofa endlich den heiss ersehnten Schlaf gefunden haben, dann wären wir ganz froh, wenn sich kein kleiner Mensch auf unsere Beine setzen würde. Die Rechnung „Mama auf dem Sofa = Geschichten erzählen“ geht nur tagsüber auf, nachts heisst das  „Mama auf dem Sofa = Mama flüchtet vor der Kinderinvasion, die sie aus dem Bett vertrieben hat“.

Nein, meine lieben Kinderlein, ich sage das alles nicht, weil ich euch nicht lieben würde, oder weil ich die Nase voll hätte von euch. Mitnichten. Ich sage das zu eurem eigenen Wohl, denn vielleicht ist euch schon mal aufgefallen, dass ausgeschlafene Eltern erheblich angenehmer sind als unausgeschlafene. Darin unterscheiden wir Erwachsenen uns nicht von euch Kindern und darum bitte ich euch, dass ihr uns die wohlverdiente Nachtruhe gönnt. Als Gegenleistung verspreche ich euch, dass ich euch dereinst, wenn mich die senile Bettflucht ereilt, nicht morgens um halb fünf anrufen werde, bloss weil ich mir nicht sicher sein werde, ob ich euch bei eurem letzten Besuch die Pfannen, die ich im Sonderangebot für euch gekauft haben werde, auch tatsächlich mitgegeben habe.

Ich hoffe, meine lieben Kinder, dass wir uns darauf einigen können, denn sonst werde ich morgen, übermorgen und all die Tage danach genau gleich ungeniessbar sein wie heute und das wäre doch eigentlich schade, nicht wahr?

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Drohgebärden

Ja, ich weiss, diese ewigen elterlichen Erpressungsversuche sind doof und unfair. Aber wenn da ein Kind ist, das nicht will, wie Mama will, dann ist man schnell dabei. Und wenn da ein Kind ist, das Mama schon sehr bald einmal überragen wird, dann ist man noch schneller dabei. Denn man wird sich bewusst, dass der grosse Junge einem sehr bald sehr schlimm auf der Nase herumtanzen wird, wenn man ihm nicht zeigt, dass man noch immer weiss, was man will, auch wenn man in den Augen des Kindes immer kleiner wird.

Wie wir Eltern nun mal sind, kommt uns vor lauter Angst, die Autorität zu verlieren, eine jener hirnverbrannten Drohungen über die Lippen und noch ehe das letzte Wort draussen ist, fragen wir uns schon, wie wir bloss auf die Idee kommen konnten, dass die Drohung auch wirklich etwas bewirken könnte. „Wenn du jetzt nicht sofort auf dein Zimmer gehst, nehme ich dir deine Geige weg und du darfst bis Montagabend nicht mehr üben“, hörte ich mich heute sagen, als Karlsson sich weigerte, eine Auszeit zu nehmen von dem ewigen Necken der kleinen Brüder. Während ich noch sprach, überlegte ich mir schon, wo ich denn das Instrument sicher versorgen sollte, denn gehorchen würde er mir ja ohnehin nicht. 

Ich hätte so ziemlich mit jeder vorpubertären Reaktion – freches Grinsen, gleichgültiges Schulterzucken, ein zorniger Versuch, mit einem Comics-Heft nach mir zu schmeissen – auf meine unsinnige Drohung gerechnet, bloss nicht damit, dass der Junge sich vom Sofa erhebt, in seinem Zimmer verschwindet und erst wieder zum Vorschein kommt, wenn er mit seinen Geschwistern wieder anständig sein kann. Nun ja, unterwegs nach oben hat er zweimal die Tür geknallt, aber dass es bei nur zweimal blieb, ist für unsere Verhältnisse ein schon beinahe übermenschlicher Akt an Selbstbeherrschung. 

 

Wiedersehen

Wenn Luise vom frühen Morgen an alle drei Minuten fragt, wann es denn endlich Abend werde….

Wenn Karlsson den ganzen Tag still vor sich hinlächelt….

Wenn der FeuerwehrRitterRömerPirat ohne grosses Theater sein Zimmer aufräumt….

Wenn der Zoowärter es ohne grosses Theater zulässt, das Papa sein Zimmer aufräumt….

Wenn das Prinzchen immer wieder fragt, wer denn am Abend zu Besuch kommen werde….

…. dann kann das nur bedeuten, dass das ehemalige Au Pair, das uns im Februar verlassen hat, das Wochenende bei uns verbringt.

Und wenn sie dann nach langem Warten endlich da ist…

…dann singt Karlsson lauthals vor lauter Freude

…. und der Zoowärter wirft sich ihr eins ums andere Mal in die Arme

…. und Luise will gar nicht mehr zu Bett gehen

…. und der FeuerwehrRitterRömerPirat strahlt tief aus seinem Innersten heraus

…. und das Prinzchen geht folgsam ins Badezimmer, um sich die Zähne zu putzen, weil sie es gesagt hat

…. und „Meiner“ und ich freuen uns, dass wir, wenn die Kinder im Bett sind, mal wieder fröhlich mit ihr über Gott und die Welt quatschen können.

Einfach wunderschön, so ein Wiedersehen.