Wettergejammer

Das ist es jetzt also, das schreckliche Wetter, vor dem sie uns gewarnt haben: Ziemlich kühl, Regen, ab und zu etwas Schneeähnliches, manchmal auch Sonne. Also eigentlich Wetter, wie man es um diese Jahreszeit erwarten würde, wenn man noch wüsste wann welches Wetter zu erwarten wäre. Gut, der März hat uns natürlich ziemlich durcheinander gebracht mit der ganzen Sonne und der Wärme, aber zumindest die Meteorologen sollten noch wissen, dass er auch anders kann. Aber was tun sie, diese Experten? Senden uns Wetterwarnungen, weil frühmorgens mit Frost zu rechnen ist. Reden von der „Rückkehr des Winters“. Tun so, als wäre der Frühling bereits wieder zu Ende. Okay, ich weiss, dass es an einigen Orten wirklich viel geschneit hat, aber hier bei uns ist alles im grünen Bereich. Ja,  es war sogar höchste Zeit für etwas Feuchtigkeit, damit es im Garten grünen kann. 

Also, meine geschätzten Meteorologen, hört bitte auf mit eurem Gejammer. Es reicht mir schon, wenn alle anderen sich über das Wetter beklagen, das eigentlich wenig Anlass zur Klage bietet.

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Ewiggestrig

Irgendwie hinke ich einfach meiner Zeit hintendrein. Nicht unbedingt im technischen Bereich, denn dort bin ich mehr oder weniger auf dem Stand, auf dem fast vierzigjährige Nicht-Nerds derzeit sind. In Sachen Mode mache ich zwar nicht jeden Trend mit, meine Garderobe unterscheidet sich aber nicht gross von derjenigen der anderen links-grün-kulturell-etc. Angehauchten. Auch in den Dingen, mit denen ich meine Tage fülle – Familie, Arbeit, Haushalt, Garten, Haustiere, Medienkonsum – unterscheide ich mich wenig von meinen gleichaltrigen Zeitgenossen. Ich gehöre also nicht zu den Ewiggestrigen und doch gelingt es mir einfach nicht mehr, mit dem Lauf der Zeit mitzuhalten.

Als im vergangenen Herbst die Blätter zu fallen begannen, war ich innerlich gerade in der Badesaison angekommen, als die ersten Weihnachtsdekorationen in den Läden auftauchten, wähnte ich mich im Hochsommer, als es Zeit wurde, den Samichlaus-Besuch zu organisieren, war mir eher nach Tomatenernte zumute. Weder saisonales Backen noch das Singen von Weihnachtsliedern halfen, ich blieb irgendwo im Spätherbst stecken und seither bin ich nicht viel weiter gekommen. Okay, inzwischen habe ich begriffen, dass ein neues Jahr begonnen hat, aber in meinem Kopf ist noch immer Januar. Daran vermag weder das frühlingshafte Wetter noch der Beginn der Gartensaison etwas zu ändern.

Der Kalender sagt, dass demnächst die Steuererklärung fällig ist, ich aber staune wie ein kleines Kind, wenn mir meine Auftraggeber „schon so früh“ die dafür erforderlichen Lohnausweise zukommen lassen. Die Kinder bringen Anmeldezettel für Instrumental- und Religionsunterricht für das nächste Schuljahr nach Hause, währenddem ich noch immer jedem, der es hören will, erzähle, der Zoowärter sei eben erst in die Schule gekommen und das Prinzchen in den Kindergarten. Noch erkläre ich dem Prinzchen, er müsse sich noch etwas gedulden, bis der Frühling wirklich da sei, dabei müsste ich mich schon längst auf den astronomischen Frühlingsbeginn und damit auf Luises Geburtstag vorbereiten.

Wenn das so weitergeht, verpasse ich noch meinen eigenen runden Geburtstag im Herbst. Wobei, vielleicht ist ja gerade dies der Grund für meine Rückständigkeit: Ich habe schlicht und einfach keine Lust, alt zu werden. 

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Tomatenliebe

Stimme der Vernunft: „Dieses Jahr säst du nicht wieder zu viel an. Du weisst ja noch, wie das letztes Jahr war…“

Ich: „Versprochen. Diesmal halte ich mich zurück. Nur ein paar Samen von jeder Sorte.“

Stimme der Vernunft: „Wie viele Sorten hast du denn?“

Ich: „Hmmmm, lass mich nachdenken. Da wären mal die ‚Gelbe von Thun‘, ‚Legend‘, ‚San Marzano‘, ‚Purpurkalebasse‘, ‚Auriga‘, ‚Saucey‘, Baselbieter Röteli’…“

Stimme der Vernunft: „Und das willst du alles ansäen?“

Ich: „Halt, nicht so schnell, ich bin noch nicht fertig. Ich habe noch ‚Weisse Ochsenherz‘, ‚Milchperle‘, ‚Tigrella‘, Shipped Roman‘, wobei ich bei der nicht sicher bin, ob die noch keimt. Dann noch die ‚birnenförmige Gelbe‘, aber die kann ich erst Ende Monat ansäen und dann noch…“

Stimme der Vernunft: „Wenn ich richtig mitgezählt habe, sind wir jetzt bei zwölf Sorten und so, wie ich dich kenne, hast du mir noch einige verschwiegen. Nehmen wir mal an, es gibt pro Sorte eine Pflanze, dann wäre dein Garten bereits voll. Du hast aber bereits sehr viel mehr als bloss einen Samen pro Sorte angesät.“

Ich: „Wer ist denn so blöd, nur einen einzigen Samen zu säen? Man weiss ja nie, ob daraus auch etwas wird. Aber mach dir keine Sorgen: Ich ziehe dann nur die Schönsten und Stärksten an. Die anderen schmeisse ich weg.“

Stimme der Vernunft (seufzt tief und schüttelt den Kopf): „Wir werden dann ja sehen…“

Eine Woche später, die Keimlinge sind prächtig gediehen

Ich: „So, ich fange mal an mit Pikieren…“

Stimme der Vernunft: „Denk dran: Nicht mehr Setzlinge, als dein Garten fassen kann…“

Ich: „Einige mehr müssen es schon sein. Für den Fall, dass etwas abserbelt.“

Stimme der Vernunft: „Okay, drei pro Sorte. Mehr nicht.“

Ich: „Ich werd’s versuchen.“

Ich mache mich an die Arbeit, die Stimme der Vernunft beobachtet mich schweigend. Ich fange mit der „Gelben von Thun“ an.

Ich: „Oh, du bist aber schön geraten. Dich nehme ich. Hmmm, du siehst auch nicht schlecht aus. Und dich nehme ich auch. Ach, du Armes, du bist so klein und zart. Dir muss ich unbedingt eine Chance geben. Ich kann dich doch nicht einfach dem Komposthaufen überlassen. Und du, mein Kleines, du möchtest doch sicher auch…“

Stimme der Vernunft: „Das sind aber schon mehr als drei. Und wie war das nochmals mit ’nur die Schönsten und Stärksten‘?“

Ich: „Aber ich kann doch nicht so sein. Schau dir mal das hier an. So hübsch und zart. Komm, meine Süsse, da ist noch ein freier Platz in der Pikierschale…Oh, und du, du bist ja ganz toll gewachsen…“

Zehn Minuten später haben 24 Keimlinge der „Gelben von Thun“ einen festen Platz in der Pikierschale ergattert und ich mache mich mit der „Legend“ zu schaffen. 

Stimme der Vernunft: „Und was hast du jetzt mit diesen 24 potentiellen ‚Gelben von Thun‘ vor?“

Ich: „Na ja, alle werden wohl nicht überleben…“

Stimme der Vernunft: „Bei der Pflege, die du den Kleinen angedeihen lässt, wird ganz bestimmt mehr als die Hälfte überleben. Und was soll mit denen geschehen?“

Ich: „Also, mindestens zwei kommen in meinen Garten, dann verschenke ich vielleicht noch einige und für die anderen muss ich halt noch etwas Platz schaffen…Vielleicht muss dann auch das eine oder andere Pflänzchen sein Leben lassen.“

Stimme der Vernunft: „Oh ja, ich sehe dich schon vor mir, wie du unter Tränen eines deiner kostbaren Pflänzchen zum Komposthaufen trägst. Wo du es schon nicht übers Herz bringst, einen Keimling zu töten…“

Ich: „Vielleicht finde ich bis Mitte Mai noch einen Weg, meinen Garten zu vergrössern. Dann findet bestimmt jedes Pflänzchen seinen Platz.“

Stimme der Vernunft: „Klingt nicht allzu vernünftig…“

Ich: „Die Vernunft ist ja auch nicht mein Business sondern deines. Und überhaupt, wer kann denn schon Vernunft walten lassen, wenn es um Tomatenpflanzen geht?“

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Die halten sich ja auch nicht zurück…

Was auf meiner Garten-Einkaufsliste steht:

  • 10 bis 12 Säcke Bio-Gemüseerde
  • 5 bis 7 Säcke Bio-Kompost (weil meiner noch nicht reif genug ist, um bereits seine Wirkung zu tun)
  • Saatschalen in zwei oder drei verschiedenen Grössen
  • Herbstblumenzwiebeln aus denen natürlich aussehende Blüten heranwachsen sollen und nicht irgendwelche überzüchteten Dinger, die aussehen, als wären sie aus Kunststoff.
  • Natürlich aussehende, einheimische, immergrüne Pflänzchen, die meine improvisierten Stein-Hochbeete überwuchern können.
  • Saatkartoffeln für Blaue St. Galler, die laut meiner Garten-App spätestens bis Ende März im Boden sein müssten, es aber auch schon seit Mitte Februar sein könnten.

Was ich in den Gartenabteilungen und Gartencenters finde:

  • Aussaaterde, Zimmerpflanzenerde, Universalerde mit Torf, Gemüseerde mit Torf, Beerenerde, Wasserpflanzenerde, Azaleenerde Moorbeeterde…und einen einzigen Sack Bio-Gemüseerde.
  • „Kompost? Hmmm, ja, vielleicht haben wir einen oder zwei Säcke. Aber kein Bio.“
  • Weit und breit keine Saatschalen, dafür unzählige Aufzucht-Sets mit getrockneten Torf-Töpfchen. Und Torf-Töpfchen will ich nicht, weil ich schon als Kind gelernt habe, dass Torf im Biogarten nichts zu suchen hat.
  • Blumenzwiebeln, bei denen der Züchter ganz offensichtlich die Vorgabe hatte, dass die Aster auf gar keinen Fall aussehen darf wie eine Aster, die Gladiole nicht wie eine Gladiole und die Dahlie nicht wie eine Dahlie. Und das alles in Farben, die selbst mir zu schreiend bunt sind.
  • Hässliches immergrünes Zeugs von zweifelhafter Herkunft
  • Steckzwiebeln und Steckknoblauch in rauen Mengen, aber weit und breit keine Saatkartoffeln. Was auch nicht weiter schlimm ist, weil ich ja gar keine Kartoffeln setzen kann, wenn ich keine Erde habe, um das Kartoffelbeet aufzufüllen.

Okay, mir ist auch klar, dass die Gartensaison noch nicht offiziell eröffnet ist, aber man wird ja wohl noch die Beete vorbereiten dürfen, ehe die Frostharten ausgepflanzt werden müssen, was demnächst der Fall ist.  Pikieren ohne Saatschalen ist auch nicht ganz einfach und die vom letzten Jahr sind alle rissig. (Nein, kommt mir jetzt nicht mit diesen Eierkartons, das ist letztes Jahr zünftig in die Hose gegangen.)

Und überhaupt, warum soll ich mich in Zurückhaltung üben, wenn mich die Lust zum Gärtnern packt? Die Gartencenter tun es ja auch nicht und überstellen jetzt schon alles mit pastellfarbenen Osterhasen, getupften Eiern und Hühnern aus Stroh. Dabei kommt der Osterhase doch erst, wenn meine Palerbsen bereits blühen sollten. 

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