Erwartungen

Wenn man eine grosse Familie hat, wollen plötzlich alle etwas von einem. Jeder scheint irgend ein Bedürfnis befriedigen zu wollen. Da sind zum Beispiel gelangweilte Senioren. Sind wir zu siebt unterwegs, starren sie uns ungeniert an und beginnen zu tuscheln. „Meiner“ streckt ihnen dann provokativ fünf Finger entgegen und sagt: „Ja, es sind fünf. Sie haben richtig gezählt.“

Eltern, die die Familienplanung abgeschlossen haben, glauben, bei uns ihre nicht mehr gebrauchten Babysachen gratis entsorgen zu dürfen. Ständig bietet man uns alte Reisebetten, Kinderwagen und Winterjacken an. Wahrscheinlich glauben diese Menschen, ihre Angebote seien willkommene Spenden. Immerhin liest man ja alle zwei Tage, Kinder seien das grösste Armutsrisiko. Was die Wohltäter aber nicht bedenken: Wenn ihr Keller schon nach zwei Kindern überquillt mit Babysachen, wie muss dann erst unserer aussehen? Also nichts gewesen mit Gratis-Entsorgung bei Vendittis.
Neuerdings scheint man von uns auch zu erwarten, dass wir Arbeitsplätze schaffen. Nun ja, Arbeit hätten wir für mindestens drei Angestellte, doch leider reicht unser Einkommen nicht ganz, um der Wirtschaftskrise Herr zu werden. So musste ich leider die Frau abweisen, die mich händeringend darum bat, ihre Schwiegertochter doch bitte, bitte bei mir arbeiten zu lassen. Sie brauche ja wirklich nur „e chline bizteli Lohn“.
Jetzt, wo die Kinderzulagen angehoben werden, sind wir auch zu beliebten Hassobjekten geworden. Kinderlose empören sich in Leserbriefen über die kaltblütige Abzockerei, die wir Eltern betreiben. Ist ja auch wahr. Tausend Franken pro Monat für das bisschen Windeln wechseln und Wäsche waschen. Von solchen Summen konnten  Ospel und Konsorten auch zu den besten Zeiten nur träumen. Schämen sollten wir uns, wir Sozialschmarotzer! Während uns aber die einen als Abzocker verachten, sehen andere in uns die heldenhaften Retter der AHV. Es gibt tatsächlich Menschen, die sich bei uns bedanken, weil unsere Kinder ihre Rente sichern. Das rührt uns, stürzt uns aber auch in eine tiefe Identitätskrise. Was sind wir denn nun? Helden oder Abzocker?
Zum Schluss sind noch die Menschen zu erwähnen, die keine Familie haben. Auch sie suchen gerne die Nähe von grossen Familien und wir freuen uns darüber. Sie genissen das turbulente Leben bei uns, spielen mit den Kindern und finden es die tollste Sache der Welt, ein Baby zu wickeln; wir können mal wieder ein Gespräch führen, bei dem sich nicht alles um durchwachte Nächte und Streitereien zwischen Kindern dreht. Und beide Seiten finden es unglaublich interessant, zu erfahren, womit sich die anderen den ganzen Tag herumschlagen müssen.
Ach ja, und dann bat mich doch neulich eine Frau, ich solle für sie auch noch ein Kind gebären. Doch da musste ich leider abwinken. Meine Kinder mit anderen teilen, das geht ja noch. Aber verschenken kann ich sie leider nicht. Dazu sind sie mir zu sehr ans Herz gewachsen.

Vorsätze

Nein, gute Vorsätze gibts dieses Jahr nicht. Wo doch schon der Testvorsatz komplett in die Hose gegangen ist. Dabei war er doch ganz einfach: Jeden Tag während der Weihnachtsferien einen Spaziergang machen, die kalte Luft geniessen, ein wenig nachdenken und dem Prinzchen den Wald zeigen, auch wenn er noch gar nichts davon sieht. Manchmal könnte man ja auch die grossen Kinder mitnehmen. Das wäre doch eine gute Gelegehneit für tiefsinnige Gespräche. Sollte eigentlich machbar sein, oder?

Ein einziges Mal haben wir es geschafft, abends, bevor die Kinder ins Bett mussten. So richtig romantisch war es, mit Kerzen und Liedersingen im Wald. Doch das war's dann schon. Der nächste Ausflug an die frische Luft wurde mit einem heftigen Milchstau bestraft. Nichts da mit Waldspaziergängen, Bettruhe war angesagt. Und jetzt traue ich mich nicht mehr vor die Haustür, warte auf den Frühling und habe allen Vorsätzen abgeschworen. Frohes Neues Jahr?

Gespräch

Eine junge Frau steigt in den Bus, im Schlepptau ein etwa sechsjähriges Mädchen, die etwa zweijährigen Zwillinge im Doppelkinderwagen. Sie trifft auf eine Bekannte, die alleine unterwegs ist. „Und, wie läufts bei dir?“, fragt die Mutter. „Schlecht“, antwortet die andere mit bekümmertem Gesichtsausdruck. „Ich bin seit zwei Wochen ohne Katze. Das Tier ist einfach so verschwunden. Jetzt habe ich nur noch eine. Meiner ist fast ausgerastet, als ich ihm erzählt habe, dass Trixi verschwunden ist.“ Es folgt ein kurzes Gespräch über verschwundene Katzen, dann eine längere Pause. „Bei dir läuft sicher viel mit deinen zwei Kleinen?“, bricht die allein Reisende das Schweigen. „Ja, der Kevin redet im Moment nur noch von Babies“, erzählt die Mutter und lächelt vielsagend. „Und bei dir? Wann denkt ihr an Nachwuchs?“ „Nachwuchs? Noch lange nicht. Mit meinen vielen Schulden liegt Nachwuchs nicht drin.“ Damit ist das Gespräch beendet, die Busfahrt aber noch lange nicht. Es scheint, als würden alle im Bus Anwesenden die Luft anhalten ob der Peinlichkeit der Situation. Das war wohl eine intime Frage zuviel.

Klischees

Die Reaktion ist unmissverständlich. Kaum hat man erwähnt, dass man ins Auge fasst, nach dem Mutterschaftsurlaub wieder ins Berufsleben einzusteigen, runzelt sich die Stirn des Gegenübers, die Augenbrauen ziehen sich nach oben, die Person schnappt hörbar nach Luft. Und dann kommt sie, die Frage: „Wie stellst du dir das vor? Du hast doch genug Kinder.“ Die Skepsis legt sich auch nicht, wenn man erklärt, dass der Papa sich gerne an zwei oder drei Tagen die Woche um die Kinder kümmern will, dass er die Möglichkeit hat, sein Pensum zu reduzieren. Wohlgesinnte meinen dann, wir seien mutig, andere sagen gar nichts mehr und runzeln noch einmal die Stirn.

Es sind nicht etwa die alten Leute, die so reagiern. Auch nicht Chefs, die ein Problem damit haben, dass Frauen wieder ins Berufsleben einsteigen wollen. Nein, es sind Gleichaltrige, Mütter von einem, zwei oder vielleicht drei Kindern. Frauen, die meistens selber berufstätig sind und deren Kinder von der Grossmama betreut werden, währenddem sie bei der Arbeit sind.
Das Problem ist also nicht, dass man berufstätig sein möchte. Das Problem ist, dass man auch als Mutter von vielen Kindern noch andere Wünsche hat, als Windeln zu wechseln und laufende Nasen zu putzen. Warum darf nur eine Mutter mit einem oder zwei Kindern offen sagen, dass sie sich als Vollzeitmutter nicht zu hundert Prozent ausgefüllt fühlt? Spielt es plötzlich eine Rolle, ob der Papa oder die Mama zu Hause ist, wenn mehr als zwei Kinder betreut werden müssen?
Die Botschaft ist deutlich: Wer sich bei der Kinderzahl im Bereich des Durchschnitts bewegt, darf noch sein eigenes Leben leben. Wer mehr Kinder hat, soll sich gefälligst ans Klischee halten und schön brav das Muttchen am Herd spielen.

Inquisition

Es ist ja nicht meine Art, Leute nach ihrer Herkunft in Kategorien einzuteilen. Ich habe keine Lust, die Menschen je nach Nationalität in bestimmte Schubladen zu stecken und  bin eine grosse Verfechterin der Einzigartigkeit eines jeden Menschen, wenn auch diese Einzigartigkeit meistens geformt wird durch das Umfeld, in dem jemand lebt. Wenn ich also die folgenden Geschichten erzähle, möge mich bitte niemand der Fremdenfeindlichkeit bezichtigen. Die Italienerinnen sind nämlich, wie alle anderen Menschen auf diesem Erdboden, einzigartige Individuen. Bloss wenn es darum geht, ungefragt ihre Meinung zu äussern, sind die meisten Italienerinnen ähnlich einzigartig. Jetzt, wo dies geklärt ist, also die Geschichte(n).

Als vor etwas mehr als vier Jahren unser drittes Kind zur Welt kam, teilte ich das Zimmer mit einer Italienerin, die ebnfalls ihr drittes Kind bekommen hatte. Während Unseres das dritte Kind innert drei Jahren war, war Ihres das Dritte innert zwanzig Jahren. Die Anwesenheit dieser Frau bescherte mir das amüsanteste Wochenbett meiner Karriere. Die reinste Soap Opera. Die Beziehungsdramen des ältesten Sohnes, die endlosen Diskussionen, ob Papa oder Mama sich unterbinden lassen solle, die stolze Nonna, die nichts Besseres zu tun wusste, als der Mutter Schauermärchen zu erzählen, die Teenietochter, die sich damit abfinden musste, dass sie nicht mehr die Prinzessin ist. Es war höchst unterhaltsam und bei all den Dramen wäre es mir nicht im Traum eingefallen, mich einzumischen. Ich beobachtete das Treiben leise amüsiert von meinem Bett aus.

Der Zufall will es, dass ich dieser Frau ab und zu wieder begegne. Gestern war es mal wieder soweit. Wir hatten uns seit Frühling nicht mehr gesehen und deshalb war sie ziemlich überrascht, mich mit einem Neugeborenen zu sehen. Ob das Meines sei, wollte sie forsch wissen. Ob ich bei unserer letzten Begegnung schon gewusst hätte, dass ich schwanger sei?  Weshalb ich ihr damals nichts davon gesagt hätte? Wieviele Kinder ich jetzt hätte? Fünf? O Dio mio! Mit erhobenem Zeigfinger schaut sie micht streng an: „Jetzt ist aber fertig!“, befiehlt sie und geht weg.

Dieses Erlebnis erinnert mich an eine unserer Lieblingsnachbarinnen. Auch sie stammt aus Italien, ist ein unglaublich fröhlicher Mensch und ist immer für einen Schwatz zu haben. Und für einen Gratistip. So auch, als „Meiner“ neulich einen Apfelbaum pflanzte. Vom Gärtner hatte er sich alles genauestens erklären lassen: An welchem Standort der Baum stehen sollte, wie hoch er die Erde aufschütten sollte, wie man die Äste in die richtige Position bringt und was es sonst noch so zu berücksichtigen gibt, wenn man bald Früchte ernten will. Kaum war er fertig mit der Arbeit, ging die besagte Nachbarin an unserem Garten vorbei. Ihr Kommentar zur sorgfältig ausgeführten Pflanzaktion: „Ci voleva l‘ albicocca!“.

Besserwisser

Die Begegnung liegt  schon zwei Wochen zurück. Es ist Sonntagmittag, wir warten mit den Kindern auf den Bus. Eine Rentnerin steht mit gerunzelter Stirn vor dem neuen Billettautomaten und versucht erfolglos, sich auf dem Bildschirm zurechtzufinden. Weil wir uns eben erst vor ein paar Tagen darüber unterhalten haben, wie mühsam es wohl für Senioren ist, sich mit den stetigen Neuerungen zurechtzufinden, bietet "Meiner" der Frau seine Hilfe an. Hätte er das bloss nicht getan!

Nein nein, sie brauche kein Billett, sie wolle nur mal schauen, wie das Ding funktioniere. Sie habe nämlich ein GA, ein Auto habe sie in ihrem ganzen Leben nie gebraucht. Wir würden auch immer mehr auf ÖV umsteigen, erzählen wir. Ein Leben ganz ohne Auto würden wir uns aber mit bald fünf Kindern nicht zutrauen. Unser Entscheid, nur noch einen Kleinwagen zu fahren, der von anderen Leuten auch schon als mutig bezeichnet wurde, findet bei dieser Dame keine Gnade. Sie habe auch drei Kinder grossgezogen und die Einkäufe immer zu Fuss erledigt. Ihre Kinder hätten eben helfen müssen. Womit auch schon gesagt ist, dass unsere Kinder verwöhnte Blagen sind, die keinen Finger krumm machen. Die Frage, wie denn ein Anderthalbjähriger bei den Einkäufen helfen soll, verkneife ich mir. Wahrscheinlich hätten wir zu hören bekommen, wenn wir ihn richtig erzogen hätten, hätte er gleich nach dem ersten Atemzug gefragt, was er für uns tun könne.  
Die Schleusen sind jetzt offen. Die heutigen Eltern seien allesamt Versager, würden ihre Kinder nur verwöhnen und dabei noch die Umwelt zerstören. Sie habe ihre drei Kinder ganz ohne Auto grossgezogen, sei immer berufstätig  gewesen und habe es dabei auch noch geschafft, ihren Kindern die Schönheiten der Schweiz zu zeigen, etwas was heutige Eltern ja nie tun würden. In wenigen Sätzen macht sie uns klar, dass sie alles richtig gemacht hat, unsere Generation aber kläglich versage.
Irgendwann macht "Meiner" die nette Dame darauf aufmerksam, dass ihre Generation am aktuellenZustand der Welt nicht ganz unschuldig sei, dass die heutigen Eltern von den heutigen Grosseltern erzogen worden seien. Dieser Einwand wird galant übergangen. Wenn nämlich die modernen Eltern mit ihren Kindern nicht stets um den halben Globus jetten würden, hätten wir kein Klimaproblem. Man müsse eben in der Schweiz Ferien machen. Ich weise sie darauf hin, dass dies für die meisten Familien unbezahlbar wäre. Man müsse eben nicht ins Hotel gehen, eine einfache Ferienwohnung genüge auch, meint sie. Jetzt rutscht er mir heraus, der Satz, der uns als komplett verantwortungslos enttarnt: "Auch Eltern müssen sich mal erholen, sonst schaffen sie es gar nicht, ihre Kinder zu erziehen." Die Dame starrt mich an, als hätte ich gesagt, wir würden alles daran setzten den Globus so rasch als möglich zu zerstören und ganz nebenbei würden wir uns noch regelmässig mit Kind und Kegel besaufen. Ihr angewidertes Kopfschütteln gibt mir den Rest. Ich vergesse meine ganze gute Erziehung, nehme die Kinder an der Hand, sage laut und deutlich, dass ich jetzt genug habe von diesem besserwisserischen Geschwätz und gehe grusslos weg. 

Umfrage

Das ist doch einfach gemein. Da ist man sozusagen seit Geburt eine AKW-Gegnerin und wer darf in der Telefonumfrage zum Thema Stellung beziehen? "Meiner" natürlich. Nun ja, auch er hat selbstverständlich in den letzten Jahren eine dezidierte Haltung gegen Atomkraftwerke eingenommen. Musste er auch, sonst wäre der tägliche Ehekrach programmiert. Auch er ist letztes Jahr mitgekommen, als wir mit Kind und Kegel nach Bern zur Demo gefahren sind.

Aber hatte er vielleicht in seiner Kindheit einen "Atomkraft? – Nein, danke!"-Kleber auf dem elterlichen "Döschwo" kleben? Natürlich nicht. Seine Eltern hatten ja gar keinen "Döschwo". Haben sich seine Eltern etwa über die Nagra-Probebohrungen für das Endlager direkt hinter dem Haus geärgert? Warum auch? Hinter ihrem Haus wurde auch gar nicht gebohrt. Bestaunte er etwa stundenlang das Bild vom Turmbau zu Babel, auf dem der Turm zum Kühlturm mutiert war? Wohl kaum, denn bei ihm zu Hause lagen die atomkritischen Schriften ja nicht fast täglich im Briefkasten. 
Man sollte doch meinen, dass sie bei einer Umfrage froh sind um Leute, die ihre Meinung schon mit der Muttermilch eingeflösst bekommen haben. Aber nein, sie fragen lieber einen, der erst im Laufe der Jahre zur weisen Einsicht gelangt ist, dass mit der Atomkraft etwas nicht stimmen kann. Es bleibt einem also nur, den lieben Mann zu coachen. Heftig zu nicken, wenn er ja sagen soll. Noch heftiger den Kopf zu schütteln, wenn er nein sagen soll. Man weiss ja schliesslich, wie das ist mit diesen Umfragen. Da drehen und wenden sie die Fragen so geschickt, dass man ja sagt, wenn man eigentlich nein meint und umgekehrt. Und da ist es doch immer hilfreich, eine AKW-Gegnerin der ersten Stunde zur Seite zu haben.  

Schund

Es kommt ja zuweilen vor, dass man bei der Auswahl eines Buches so richtig daneben greift. Man liest den Klappentext und denkt, man habe eine gute Wahl getroffen, doch dann, bei der Lektüre merkt man, dass das Oeuvre der reinste Schund ist. Was tun? Man kann ein Buch nicht ungelesen weglegen, und sei es noch so schlecht. Im Büchergestell will man das Ding aber auch nicht aufbewahren. Es könnte ja sein, dass mal jemand darin stöbert und einen völlig falschen Eindruck von einem bekommt, bloss weil sich da und dort Schund eingeschlichen hat. Es bleibt nur eine Lösung: Die Lektüre so schnell als möglich hinter sich bringen und ab ins Altpapier damit. Bei der nächsten Papiersammlung wird das Buch diskret zwischen "NZZ am Sonntag" und einer alten Ausgabe des "Spiegels" versteckt und die Sache ist vergessen. An den seichten Inhalt kann man sich bis dahin ohnehin nicht mehr erinnern. 

So war das zumindest, bevor Amazon erfunden wurde. Es ist ja eigentlich ganz angenehm, online mal schnell ein paar Bücher zu besorgen. Aber müssen einen die Kerle wirklich bei jedem Einkauf an sämtliche Fehlgriffe der Vergangenheit erinnern? Kaum hat man sich eingeloggt, werden einem die neusten Vorschläge, genau auf die bisherigen Einkäufe abgestimmt, präsentiert. Und wehe, du hast nur einmal Schund bestellt! Noch fünf Jahre später werden dir weder Klassiker noch Kochbücher noch intelligente Kinderbücher vorgeschlagen. Nur noch Schund, Schund und nochmals Schund. Bleibt zu hoffen, dass nie einer dein Passwort knackt. Denn würde er deine Amazon-Vorschläge sehen, dein Ruf wäre für immer ruiniert. 

Grrrrrrrrrrrrrrr

"Wenn Sie berufstätig wären, würde ich Sie krank schreiben." Der Nächste, der es wagt, diesen Satz zu mir zu sagen, muss sich warm anziehen. Ist man denn weniger krank, bloss weil man am Ende des Monats kein Gehalt bezieht? Schmerzt der Rücken weniger, wenn man den ganzen Tag zu Hause schuftet, anstatt im Büro zu sitzen? Hat man weniger Anspruch auf Erholung, bloss weil man momentan gerade keinen Arbeitsvertrag hat?

Die Krankenkassen unterstützen diese Ungerechtigkeit noch. Da nützt kein Arztzeugnis, kein ausführlicher Bericht. Erst wenn die Mutter zusammengebrochen ist, wird bezahlt. Man sei nicht zuständig für sozial belastende Situationen, heisst es so schön. Und die Mutter darf sich weiter den Rücken ruinieren, bis er dereinst so kaputt sein wird, dass er die Krankenkasse einiges mehr kosten wird, als die paar Wochen Haushalthilfe. 

Nun, für Gerechtigkeit in diesen Belangen ist es wohl etwas zu früh. Da müssen erst noch ein paar Brangelina-Babies her, bevor sich die Gesellschaft wieder daran gewöhnt, dass Mutterschaft ein Knochenjob sein kann. Bis dahin soll sich bloss niemand wundern, dass die realen Mütter wenig gemeinsam haben mit den strahlenden Frauen in der Werbung. 

So läuft das Geschäft

Manchmal wundern sich die Leute, warum in kleineren Gemeinden die Läden sterben. Nach einem kurzen Gang duch unser Dorf wundert einem gar nichts mehr. Da sind zum Beispiel bei der vor wenigen Monaten eröffneten Bäckerei die Rolläden geschlossen. Ein Zettel an der Tür informiert die Kundschaft: "Das Geschäft ist geschlossen. Grund: Die Maschinen sind defekt". Und dies seit mindestens zwei Wochen. Einen Monteur, der die Maschinen wieder in Gang bringt, sieht man nie. 

Gegenüber hat vor kurzer Zeit mal wieder jemand einen Neuanfang gewagt. Eine Frau bietet "Mani -und Peedicure" an. Da fragt man sich schon, wie kompetent die Dame ist, wenn sie noch nicht mal ihre Berufsbezeichnung korrekt schreiben kann. Nebenan hat der Wirt "SPecial Bier" im Sonderangebot und man überlegt sich, ob auch Nicht-Sozialdemokraten das Bier trinken dürfen, oder ob Grüne, Bürgerliche und die noch weiter rechts durstig bleiben müssen. Den Schlusspunkt des kleinen Rundgangs bildet der Club, der samstags jeweils zur "After-Shoping-Party". Zwar weiss kein Mensch was "shoping" sein soll, aber vielleicht bleibt doch von Zeit zu Zeit einer hängen, der ganz geschafft vom Shopping nach Hause kommt.