Wenn man eine grosse Familie hat, wollen plötzlich alle etwas von einem. Jeder scheint irgend ein Bedürfnis befriedigen zu wollen. Da sind zum Beispiel gelangweilte Senioren. Sind wir zu siebt unterwegs, starren sie uns ungeniert an und beginnen zu tuscheln. „Meiner“ streckt ihnen dann provokativ fünf Finger entgegen und sagt: „Ja, es sind fünf. Sie haben richtig gezählt.“
Archiv der Kategorie: Gesellschaft
Wo wir Familien immer wieder auf Stolpersteine stossen, die uns das Leben erschweren und andere Beobachtungen.
Vorsätze
Nein, gute Vorsätze gibts dieses Jahr nicht. Wo doch schon der Testvorsatz komplett in die Hose gegangen ist. Dabei war er doch ganz einfach: Jeden Tag während der Weihnachtsferien einen Spaziergang machen, die kalte Luft geniessen, ein wenig nachdenken und dem Prinzchen den Wald zeigen, auch wenn er noch gar nichts davon sieht. Manchmal könnte man ja auch die grossen Kinder mitnehmen. Das wäre doch eine gute Gelegehneit für tiefsinnige Gespräche. Sollte eigentlich machbar sein, oder?
Gespräch
Eine junge Frau steigt in den Bus, im Schlepptau ein etwa sechsjähriges Mädchen, die etwa zweijährigen Zwillinge im Doppelkinderwagen. Sie trifft auf eine Bekannte, die alleine unterwegs ist. „Und, wie läufts bei dir?“, fragt die Mutter. „Schlecht“, antwortet die andere mit bekümmertem Gesichtsausdruck. „Ich bin seit zwei Wochen ohne Katze. Das Tier ist einfach so verschwunden. Jetzt habe ich nur noch eine. Meiner ist fast ausgerastet, als ich ihm erzählt habe, dass Trixi verschwunden ist.“ Es folgt ein kurzes Gespräch über verschwundene Katzen, dann eine längere Pause. „Bei dir läuft sicher viel mit deinen zwei Kleinen?“, bricht die allein Reisende das Schweigen. „Ja, der Kevin redet im Moment nur noch von Babies“, erzählt die Mutter und lächelt vielsagend. „Und bei dir? Wann denkt ihr an Nachwuchs?“ „Nachwuchs? Noch lange nicht. Mit meinen vielen Schulden liegt Nachwuchs nicht drin.“ Damit ist das Gespräch beendet, die Busfahrt aber noch lange nicht. Es scheint, als würden alle im Bus Anwesenden die Luft anhalten ob der Peinlichkeit der Situation. Das war wohl eine intime Frage zuviel.
Klischees
Die Reaktion ist unmissverständlich. Kaum hat man erwähnt, dass man ins Auge fasst, nach dem Mutterschaftsurlaub wieder ins Berufsleben einzusteigen, runzelt sich die Stirn des Gegenübers, die Augenbrauen ziehen sich nach oben, die Person schnappt hörbar nach Luft. Und dann kommt sie, die Frage: „Wie stellst du dir das vor? Du hast doch genug Kinder.“ Die Skepsis legt sich auch nicht, wenn man erklärt, dass der Papa sich gerne an zwei oder drei Tagen die Woche um die Kinder kümmern will, dass er die Möglichkeit hat, sein Pensum zu reduzieren. Wohlgesinnte meinen dann, wir seien mutig, andere sagen gar nichts mehr und runzeln noch einmal die Stirn.
Inquisition
Es ist ja nicht meine Art, Leute nach ihrer Herkunft in Kategorien einzuteilen. Ich habe keine Lust, die Menschen je nach Nationalität in bestimmte Schubladen zu stecken und bin eine grosse Verfechterin der Einzigartigkeit eines jeden Menschen, wenn auch diese Einzigartigkeit meistens geformt wird durch das Umfeld, in dem jemand lebt. Wenn ich also die folgenden Geschichten erzähle, möge mich bitte niemand der Fremdenfeindlichkeit bezichtigen. Die Italienerinnen sind nämlich, wie alle anderen Menschen auf diesem Erdboden, einzigartige Individuen. Bloss wenn es darum geht, ungefragt ihre Meinung zu äussern, sind die meisten Italienerinnen ähnlich einzigartig. Jetzt, wo dies geklärt ist, also die Geschichte(n).
Als vor etwas mehr als vier Jahren unser drittes Kind zur Welt kam, teilte ich das Zimmer mit einer Italienerin, die ebnfalls ihr drittes Kind bekommen hatte. Während Unseres das dritte Kind innert drei Jahren war, war Ihres das Dritte innert zwanzig Jahren. Die Anwesenheit dieser Frau bescherte mir das amüsanteste Wochenbett meiner Karriere. Die reinste Soap Opera. Die Beziehungsdramen des ältesten Sohnes, die endlosen Diskussionen, ob Papa oder Mama sich unterbinden lassen solle, die stolze Nonna, die nichts Besseres zu tun wusste, als der Mutter Schauermärchen zu erzählen, die Teenietochter, die sich damit abfinden musste, dass sie nicht mehr die Prinzessin ist. Es war höchst unterhaltsam und bei all den Dramen wäre es mir nicht im Traum eingefallen, mich einzumischen. Ich beobachtete das Treiben leise amüsiert von meinem Bett aus.
Der Zufall will es, dass ich dieser Frau ab und zu wieder begegne. Gestern war es mal wieder soweit. Wir hatten uns seit Frühling nicht mehr gesehen und deshalb war sie ziemlich überrascht, mich mit einem Neugeborenen zu sehen. Ob das Meines sei, wollte sie forsch wissen. Ob ich bei unserer letzten Begegnung schon gewusst hätte, dass ich schwanger sei? Weshalb ich ihr damals nichts davon gesagt hätte? Wieviele Kinder ich jetzt hätte? Fünf? O Dio mio! Mit erhobenem Zeigfinger schaut sie micht streng an: „Jetzt ist aber fertig!“, befiehlt sie und geht weg.
Dieses Erlebnis erinnert mich an eine unserer Lieblingsnachbarinnen. Auch sie stammt aus Italien, ist ein unglaublich fröhlicher Mensch und ist immer für einen Schwatz zu haben. Und für einen Gratistip. So auch, als „Meiner“ neulich einen Apfelbaum pflanzte. Vom Gärtner hatte er sich alles genauestens erklären lassen: An welchem Standort der Baum stehen sollte, wie hoch er die Erde aufschütten sollte, wie man die Äste in die richtige Position bringt und was es sonst noch so zu berücksichtigen gibt, wenn man bald Früchte ernten will. Kaum war er fertig mit der Arbeit, ging die besagte Nachbarin an unserem Garten vorbei. Ihr Kommentar zur sorgfältig ausgeführten Pflanzaktion: „Ci voleva l‘ albicocca!“.
Besserwisser
Die Begegnung liegt schon zwei Wochen zurück. Es ist Sonntagmittag, wir warten mit den Kindern auf den Bus. Eine Rentnerin steht mit gerunzelter Stirn vor dem neuen Billettautomaten und versucht erfolglos, sich auf dem Bildschirm zurechtzufinden. Weil wir uns eben erst vor ein paar Tagen darüber unterhalten haben, wie mühsam es wohl für Senioren ist, sich mit den stetigen Neuerungen zurechtzufinden, bietet "Meiner" der Frau seine Hilfe an. Hätte er das bloss nicht getan!
Umfrage
Das ist doch einfach gemein. Da ist man sozusagen seit Geburt eine AKW-Gegnerin und wer darf in der Telefonumfrage zum Thema Stellung beziehen? "Meiner" natürlich. Nun ja, auch er hat selbstverständlich in den letzten Jahren eine dezidierte Haltung gegen Atomkraftwerke eingenommen. Musste er auch, sonst wäre der tägliche Ehekrach programmiert. Auch er ist letztes Jahr mitgekommen, als wir mit Kind und Kegel nach Bern zur Demo gefahren sind.
Schund
Es kommt ja zuweilen vor, dass man bei der Auswahl eines Buches so richtig daneben greift. Man liest den Klappentext und denkt, man habe eine gute Wahl getroffen, doch dann, bei der Lektüre merkt man, dass das Oeuvre der reinste Schund ist. Was tun? Man kann ein Buch nicht ungelesen weglegen, und sei es noch so schlecht. Im Büchergestell will man das Ding aber auch nicht aufbewahren. Es könnte ja sein, dass mal jemand darin stöbert und einen völlig falschen Eindruck von einem bekommt, bloss weil sich da und dort Schund eingeschlichen hat. Es bleibt nur eine Lösung: Die Lektüre so schnell als möglich hinter sich bringen und ab ins Altpapier damit. Bei der nächsten Papiersammlung wird das Buch diskret zwischen "NZZ am Sonntag" und einer alten Ausgabe des "Spiegels" versteckt und die Sache ist vergessen. An den seichten Inhalt kann man sich bis dahin ohnehin nicht mehr erinnern.
Grrrrrrrrrrrrrrr
"Wenn Sie berufstätig wären, würde ich Sie krank schreiben." Der Nächste, der es wagt, diesen Satz zu mir zu sagen, muss sich warm anziehen. Ist man denn weniger krank, bloss weil man am Ende des Monats kein Gehalt bezieht? Schmerzt der Rücken weniger, wenn man den ganzen Tag zu Hause schuftet, anstatt im Büro zu sitzen? Hat man weniger Anspruch auf Erholung, bloss weil man momentan gerade keinen Arbeitsvertrag hat?
So läuft das Geschäft
Manchmal wundern sich die Leute, warum in kleineren Gemeinden die Läden sterben. Nach einem kurzen Gang duch unser Dorf wundert einem gar nichts mehr. Da sind zum Beispiel bei der vor wenigen Monaten eröffneten Bäckerei die Rolläden geschlossen. Ein Zettel an der Tür informiert die Kundschaft: "Das Geschäft ist geschlossen. Grund: Die Maschinen sind defekt". Und dies seit mindestens zwei Wochen. Einen Monteur, der die Maschinen wieder in Gang bringt, sieht man nie.