Tag der frustrierten Hausfrau

Heute war der Tag der frustrierten Hausfrau. Das ist der Tag, an dem sich die Vollzeithausfrau einmal mehr bewusst wird, dass eine glückliche Mutter nicht automatisch auch eine glückliche Hausfrau ist. Der Tag, an dem sie ihrer Fähigkeiten gedenkt, die sie früher einmal einsetzen konnte, die ihr heute aber keiner mehr zutraut. Der Tag, an dem sie sich hundertmal sagt, dass die Kinder nicht Schuld sind daran, dass ihr manchmal einfach alles zuviel wird und sie diese trotzdem anschnauzt, weil sie mit ihrer Fröhlichkeit vom Trübsalblasen ablenken.

Ich weiss nicht, wie andere frustrierte Hausfrauen diesen Tag begehen. Bei mir beginnt er für gewöhnlich damit, dass Karlsson morgens um Viertel vor sieben brüllt, er wolle jetzt endlich aufstehen und mir mit seinem Gebrüll dreissig Minuten wertvollster Schlafenszeit raubt. Weiter geht so ein Tag mit einem Arzttermin, bei dem festgestellt wird, dass Luise auf dem rechten Auge nur halb so viel sieht wie auf dem Linken, weil sie am Montag einen Stecken ins Auge bekommen hat. Nächste Station ist der Schuhladen, wo wiedermal eine Umtauschaktion vorgenommen werden muss. Luises „Qualitätsschuh“ (Siehe „Immer diese Schuhe“) hat nun, nach bloss zwei Wochen, ebenfalls das Zeitliche gesegnet. Mit neuen „Qualitätsschuhen“ und einer Verspätung von vierzig Minuten hetzt man nach Hause, um ein versalzenes Mittagessen auf den Tisch zu zaubern.

Zur Feier des Tages gibt es am Nachmittag eine freie Stunde. Zeit, um sich in einen frustrierenden Roman zu vertiefen. Darin dreht sich alles um ein Frau, die noch keine frustrierte Hausfrau ist, die aber alles daran setzt, so schnell als möglich eine zu werden. Für das Sahnehäubchen sorgt schliesslich die Tageszeitung. Einmal mehr wird einem bei der Lektüre bewusst, dass man bei dieser Wirtschaftslage wohl noch länger die frustrierte Hausfrau bleiben wird.

Mehr von Kutteln und Buchstaben. Und von Zahlen

Okay, ich geb’s zu. Es war eine masslose Übertreibung, zu behaupten, ich wüsste schon, wie man ein störrisches Kind dazu bringt, Kutteln zu essen (Siehe „Was soll ich getan haben?“). Ich habe keinen blassen Schimmer und ich will auch keinen haben. Denn würden meine Kinder Kutteln essen, wer müsste dann wohl die Scheusslichkeit kochen? Und gewissen Scheusslichkeiten muss man trotz aller Weltoffenheit den Zutritt zur Küche verwehren. Immerhin bin ich überzeugte Vegetarierin. Sollte ich also je meine Kinder beim Kuttelnessen erwischen, werden sie sofort enterbt. Was sie allerdings nicht davon abhalten wird. Zu erben gibt es bei mir ohnehin bloss ein paar Mikrofasertücher, einen Stapel Bücher und ein paar Blogeinträge, die meine Kinder doof finden werden.

Was mich zum Thema führt, über das ich eigentlich schreiben wollte. Ich zerbreche  mir nämlich seit Stunden den Kopf, weshalb ich mir darüber den Kopf zerbrechen muss, wie man kleine Kinder das Alphabet lehrt. Man könnte doch meinen, dass jemand, der jede freie Minute mit Lesen und Schreiben zubringt, das einfach so mit Links tut. Doch es scheint, dass man das, was einem einfach so in den Schoss gefallen ist, nicht weitergeben kann. Man hat sich ja nichts erarbeiten müssen und deshalb weiss man auch nicht, auf welchem Weg man es sich angeeignet hat. Hat man sich hingegen etwas mit viel Mühe erkämpfen müssen, verfügt man über eine ganze Menge von Tricks, wie man sich das Unverständliche doch noch halbwegs verständlich machen kann.

Vielleicht sollte ich Mathematiklehrerin werden. Nur könnte ich dann nicht garantieren, dass die Resultate auch stimmen

Weitere Stilfragen

War das wieder ein Sonntagnachmittag! So richtig gemütlich. Ein bisschen Beerenpflücken, ein bisschen im Internet surfen und Geschenke suchen, ein bisschen Zeitung lesen. Dabei bin ich auf einige Kuriositäten gestossen, die ich ihrer Schönheit wegen nicht für mich behalten will.

Da ist zum Beispiel das ganzseitige Cablecom-Inserat in der „NZZ am Sonntag“. Eine gewisse Gina Hagmann aus St. Gallen hält ein angeblich handgeschriebenes Plakat mit der folgenden Aufschrift in der Hand: „Bei cablecom sind die Installationen sogar für mich Bubi einfach.“ Nun, wie ein Bubi sieht die doch ziemlich ältliche Gina Hagmann nicht aus, doch beim heutigen Jugendlichkeitswahn ist es wohl schmeichelhafter, sich selber als Bubi zu outen, als zu seinen Falten zu stehen.

Ein anderer schöner Satz aus der heutigen Sonntagspresse: „Religion in der Schule hat seinen Platz, aber nicht als eine Einweisung in einen bestimmten Glauben, sondern als Unterricht über alle Religionen.“ Ist doch schön, dass der Religion nicht ganz aus die Schulzimmern verbannt werden soll. Es ist ja schon traurig genug, dass der grammatikalische Geschlecht in das NZZ keinen Platz mehr hat.

Ob ich wohl nächsten Donnerstag nach Zürich fahren soll? Dort findet nämlich der „Tag des Zahnes für alle“ statt. So ganz nach dem Motto „Einer für alle, alle für Einen.“ Vielleicht aber ersteigere ich mir lieber die „Schweinebequem-Pluderhose“, auf die ich heute bei Ricardo gestossen bin. Die gefällt mir nämlich wirklich. „Meiner“ ist zwar dagegen. Dabei ist sie doch bloss schweinebequem und nicht schweineteuer. Und ausserdem würde sie meinen Bauch gut verstecken. Damit ich  beim nächsten Einkauf nicht wieder gefragt werde, ob ich schon wieder schwanger sei. Nun ja, meine Bauchdecke ist auch sieben Monate nach der fünften Schwangerschaft noch nicht besonders straff. Aber ich hatte ja auch noch keine Zeit für den Mommy Makeover. Obschon der doch heute genauso zum Muttersein gehört wie morgendliche Übelkeit, durchwachte Nächte und Schwangerschaftsstreifen.

Stilfragen und wie ich schon jetzt zu Gummistiefeln gekommen bin

Jahrelang spottet man über Männer, die sich von ihren Frauen Kleider kaufen lassen. Die nichts dagegen haben, wenn „Ihre“ beim Wocheneinkauf auch schnell noch ein Paket Hemden (Sonderangebot, drei für zwei) in den Einkaufswagen legen. Denen es piepegal ist, dass die Hemden ein Muster haben, als hätte jemand draufgekotzt und die nie und nimmer auf die Idee kämen, sich neue Kleider zu kaufen.

So spottet man, bis man merkt, dass man so anders gar nicht ist. Nicht dass ich es wagen würde, „Meinem“ Kleider zu kaufen. Nicht mal Unterwäsche würde ich ihm besorgen. Der Mann hat nämlich Stil und toleriert es nicht, dass man sich in seinen Kleiderschrank einmischt. Ich kaufe ihm also keine Kleider, er aber mir. Aufgefallen ist mir dies erst neulich, als er mich nach der Arbeit anrief um zu erfahren, ob ich T-Shirts in Fuchsia und Grau (Sonderangebot, zwei für eins) tragen würde. Immerhin aber besitze ich noch so viel Modebewusstsein, dass ich nicht alles trage, was er mir bringt. Die Bluse, die aussieht, als hätte jemand draufgekotzt, sieht das Tageslicht nur, wenn der grosse Putztag ansteht.

Ja, und dann wäre da noch die Sache mit den Gummistiefeln. Habe ich nicht neulich behauptet, Gummistiefel zum Gärtnern bekomme man erst mit Vierzig (siehe „Komm lieber Mai…)? Warum dann bin ich heute mit Rock und Gummistiefel durch den Garten gestapft? Nein, ich bin nicht Vierzig geworden. Aber Karlssons Füsse sind gewachsen. Und da ich Memme es nicht mag, mit nackten Füssen auf Nacktschnecken zu treten, habe ich mir mal schnell Karlssons Stiefel geborgt. Aber verraten Sie mich bitte nicht. Karlsson mag es nämlich nicht, wenn man sich seinen Sachen borgt.

Nicht so schnell, mein Prinzchen!

Beim ersten Kind geht ja alles noch unglaublich langsam. Tagelang sitzen die stolzen Eltern da, starren ihr Baby an und warten auf das erste Lächeln. Und wenn sie dieses endlich bekommen haben, warten sie auf das Zweite. Irgendwann wird das Lächeln zur Selbsverständlichkeit, doch das Warten geht weiter. Warten auf die erste Drehung, den ersten Zahn, die ersten Schritte, das erste Wörtchen. Von einem Entwicklungsschritt zum nächsten dauert es eine halbe Ewigkeit.

Beim zweiten Kind geht alles ein bisschen schneller, beim Dritten noch schneller und falls man bis dahin noch nicht aufgegeben hat, rennen die Eltern bei jedem weiteren Kind verzweifelt hinterher, um wenigstens noch ein paar wenige Momente der Babyzeit zu geniessen. Am Abend legst du ein Baby ins Bettchen, am Morgen ist daraus ein Krabbelkind geworden, zwei Tage später kommt es in die Schule und eine Woche später raunzt dich ein pickeliger Teenager an. Da nimmst du dir vor, jeden Tag mit deinem kleinen Prinzchen zu geniessen, ihn so lange wie möglich zu stillen und ihm alle Zeit in der Welt zu lassen mit dem Grosswerden.

Und was macht das Prinzchen? Nimmt er Rücksicht auf seine sentimentale Mama? Aber nicht doch! Warum stillen, wo Mama doch so gut kocht? Ach so, Mama hat Mühe damit, ihren Jüngsten loszulassen? Na dann, soll sie eben noch ein bisschen stillen, aber nur noch einmal am Tag und möglichst dann, wenn es dunkel ist. Sonst könnte es noch jemand sehen und ihn auslachen. Und überhaupt braucht er jetzt viel Energie, denn so langsam möchte er wissen, was es da noch alles zu entdecken gibt. Immer bei  Mama bleiben ist doch einfach langweilig.

Man sieht schon jetzt, auf was das Ganze hinausläuft. Das Prinzchen will gross sein, um mit den Geschwistern mitzuhalten; die Mama will ihn klein behalten, weil er doch ihr Jüngster ist. Und wenn er dereinst, im zarten Alter von fünfundzwanzig Jahren, von zu Hause ausziehen will, wird sie heulen und jammern, weil ihr Prinzchen sie verlassen will, obschon er doch noch so klein ist.

Warnung vor dem fremden Fötzel

Ich bin mit einer Wetterfahne verheiratet. Das weiss ich, seitdem ich heute Nachmittag diesen Leserbrief gelesen habe. Da schreibt einer, der sich als Schweizer „und zwar mit dem  Herzen und nicht bloss auf dem Papier“ bezeichnet, Doppelbürger seien Windfahnen. Ich weiss zwar nicht genau, was eine Windfahne sein soll. Bis anhin waren mir eher die „Wetterfahnen“ oder die „Fahnen im Wind“ bekannt. Doch einer, der schreibt, er könne seine Ahnengalerie bis ins Jahr 1689 zurückverfolgen, wird’s wohl besser wissen. Er ist ja auch kein Landesverräter wie ich, die ich der schnöden Liebe wegen einen Ausländer geheiratet und ihm dadurch die erleichterte  Einbürgerung ermöglicht habe.

„Doppelbürgern fehlen zwei ganz wichtige Eigenschaften“, schreibt er weiter. Nun, „Meiner“ hat in meinen Augen mehr als zwei Mängel, doch schauen wir mal, was ihm denn im Besonderen fehlen soll. Als Erstes nennt der Schreiber die „Entscheidungskraft für die Wahlheimat“. Ach so, darum trinkt also „Meiner“ lieber Latte Macchiato anstelle von Nescafe. Jetzt verstehe ich endlich. Und wegen der fehlenden Entscheidungskraft mangle es Doppelbürgern auch an Treue. Auf den ersten Blick fällt mir „Meiner“ nicht als besonders treulos auf. Aber wenn ich mir die Sache länger überlege, kommt mir in den Sinn, dass „Meiner“  ganz eindeutig Mühe hat damit, immer derselben Chipsmarke treu zu bleiben. Und das ehemals heiss geliebte Schoko-Mokka-Joghurt verschmäht er auch, seitdem die Migros die Rezeptur verändert hat.

Doppelbürger seien „in politischen Ämtern gar eine Gefahr für die erprobte und bewährte schweizerische Eigenart“, lese ich weiter. Himmel, wenn ich gewusst hätte, auf welche Gefahr ich mich da einlasse, hätte ich einen echten Schweizer, einen „mit dem Herzen“ geheiratet. Nun, jetzt ist es schon zu spät und da „Meiner“ und ich trotz seiner verräterischen Doppelbürgerseele sehr gut harmonieren, bleibt mir nur noch Eines: Mit allen Mitteln verhindern, dass er je ein politisches Amt ausübt. Wie könnte ich es verantworten, dass sich ein treuloser,  entscheidungsschwacher fremder Fötzel plötzlich in die Geschicke unseres Landes einmischen kann, bloss weil er sich dank meiner Hilfe den Roten Pass erschlichen hat?

Was mich an der ganzen Sache allerdings stutzig macht: Warum ist mir in all den Jahren, die ich mit „Meinem“ bereits verbracht habe, nie aufgefallen, mit welch übler Kreatur ich mein Leben teile? Vermutlich verbirgt sich irgendwo in meiner Ahnengalerie ein Doppelbürger. Denn wäre ich eine wahre Eidgenossin, wären mir die Treulosigkeit und Entscheidungsschwäche meines Gatten nicht bis heute verborgen geblieben.

One-Woman-Show

Morgens um sieben tritt sie auf die grosse Bühne des Familientheaters. Für ein paar Momente wird sie die Rolle der Verschlafenen spielen, doch schon Minuten später wird die Verschlafene verdrängt von der Hellwachen, der Motivatorin, die den beiden grössten Kindern zu einem fröhlichen Start in den Tag verhilft, und sei der Himmel noch so grau.

Während diese beiden Rollen täglich die Gleichen sind, ist alles, was danach folgt, reine Improvisation und zwar auf höchstem Niveau. Aus der Trösterin, die Luise versichert, dass sie auf der Kindergartenreise einen ganzen Tag ohne Mama klarkommen wird, wird blitzschnell die Schiedsrichterin, die dafür sorgt, dass Karlsson und Luise sich ohne Blutvergiessen darüber einigen, wer wo am Frühstückstisch sitzt. Inzwischen ist das Prinzchen erwacht. Und schon hat sie die Rolle wieder gewechselt. Jetzt steht sie als Futterquelle auf der Bühne, um Augenblicke später als Kammerzofe für des Zoowärters saubere Kleidung zu sorgen. Um schliesslich auch noch dem morgenmuffeligen FeuerwehrRitterRömerPiraten zu einem sonnigen Tagesstart zu verhelfen, mutiert sie mal ganz kurz zur Minnesängerin, worauf sie als Einpeitscherin dafür sorgt, dass Karlsson und Luise nicht zu spät kommen.

So nimmt das Familientheater seinen Lauf, zwei bis vier Kostümwechsel inbegriffen. Geht sie einkaufen, rangeln die Geizige und die Grosszügige um die Aufmerksamkeit auf der Bühne. Paradoxerweise gibt die Grosszügie meist dann ihre beste Vorstellung, wenn das Budget am knappsten ist. Läutet das Telefon, geht wahlweise die verständnisvolle Freundin, die knallharte Neinsagerin, die jeden Telefonverkäufer das Fürchten lehrt, oder die schnippische Lehrersgattin, die „Ihren“ vor Zusatzarbeit schützt, an den Apparat. Wobei die Rolle der Telefonistin ihre besonderen Tücken hat, muss sie doch immer auch gleichzeitig die strenge Erzieherin sein, die verhindert, dass das Haus während des Telefonats in Schutt und Asche gelegt wird. Beim Mittagessen wird dann von den Kindern oft die Komödiantin verlangt. Je nach Tagesform schafft es diese, dass die Kinder vor Lachen unter dem Tisch liegen. Manchmal aber zaubert sie den Kleinen bloss ein müdes Lächeln aufs Gesicht. Abends dann, wenn die Kinder im Bett sind, wäre die Leidenschaftliche gefragt, die Unterhaltsame, die lebhafte Gesprächsparterin. Doch leider bringt sie es nicht immer fertig, ihr Publikum zu begeistern. So sie es denn überhaupt auf die Bühne schafft.

Im Familientheater wird es ihr nie langweilig und es gibt durchaus Tage, an denen die Rollenwechsel reibungslos klappen und das Ganze ihr unglaublichen Spass bereitet. An anderen Tagen geht es nicht so glatt und dann steht plötzlich die Zornige auf der Bühne, wo eigentlich die Einfühlsame gefragt wäre. Oder die Übermüdete sinkt zu einem Mittagsschläfchen aufs Sofa, wenn doch die besonders Wachsame gerade ihren Auftritt haben sollte. Und manchmal lässt es sich nicht verhindern, dass diejenigen, die erst viel viel später, so in zwei drei Jahren, dranwären, hinter Vorhang hervorlugen. Die Sehnsüchtige, die Eigensinnige und die Träumerin schaffen es immer wieder, die Vorführung mit ihren unbedachten Auftritten zu stören und alles aus der Bahn zu werfen. An gewissen Tagen drängt sich auch die Verzweifelte ins Rampenlicht, was meistens zu Tränen führt. Des langen Wartens müde, sind die Berufstätige und die Erfolgreiche im Begriff, sich aus der Show zu stehlen und die Regie muss aufpassen, dass nicht irgendwann die frustrierte Hausfrau die Hauptrolle an sich reisst.

Ja, die Regie. Die macht es ihr nicht immer einfach. Allein schon, herauszufinden, wer gerade auf dem Regiestuhl sitzt, ist zuweilen fast unmöglich. Sind es die Kinder, ist es „Meiner“, ist es der Glaube, ist es der Terminplan, ist es der Telefonverkäufer, ist es das Wetter, ist es die Schulleiterin, ist es der leere Kühlschrank?  Oder gar alle miteinander?

Manchmal wäre es hilfreich, sie könnte wiedermal das Theaterstück lesen, um herauszufinden, was das Ganze überhaupt soll. Sie könnte dann ihre verschiedenen Rollen auch mit viel mehr Überzeugung spielen. Es würde ihr auch leichter fallen, unpassende Rollen aus dem Stück zu streichen. Doch leider macht sich die Nachdenkliche immer rarer, das Karussell der Rollen dreht sich immer schneller und manchmal bekommt sie Angst, dass sie eines Tages ihre Auftritte nicht mehr hinkriegt. Wer schaut dann, dass das Familientheater nicht vollkommen aus den Fugen gerät?

Geschichtslektion

„Zwanzig Jahre ist das erst her!“, entfährt es mir bei der Zeitungslektüre, als ich auf einen Bericht über den Mauerfall stosse. Karlsson will wissen, wovon ich rede. Ich beginne zu erzählen, wie das damals war. Wie man uns Kindern von den bösen Russen erzählte, wie eine Familie im Dorf ihre Kinder im Luftschutzkeller übernachten liess, weil die Eltern Angst hatten vor einem Atomkrieg. Ich versuche, ihm zu erklären, warum der Kommunismus nicht funktionieren konnte und weshalb es nicht so einfach war, sich gegen das Regime zu wehren. Um ihm klarzumachen, dass es hier um Menschen ging, male ich ihm vor Augen, wie schlimm es gewesen sein muss, als die Mauer Familien für Jahre trennte.

Und dann erzähle ich Karlsson von  jenem unvergesslichen Moment, als ich als Fünfzehnjährige am Fernsehen die Bilder vom Mauerfall sah. Plötzlich ist sie wieder da, die Gänsehaut von damals. Das Staunen darüber, dass man plötzlich nach Prag reisen konnte und dass die Russen von einem Tag auf den anderen nicht mehr nur ein Volk von bösen Christenverfolgern waren. Ist doch Wahnsinn, denke ich, ich bin noch so jung und habe schon so viel Geschichte mitbekommen.

Karlsson hört sich mein Geschwätz an und betrachtet dabei eingehend das Bild vom Mauerfall in der Zeitung. Plötzlich fragt er mich: „Mama, warum ist das Bild in Farbe? Farbbilder gab es doch noch gar nicht, als du ein Kind warst.“ „Farbbilder gab es sehr wohl in meiner Kindheit. So alt bin ich noch nicht“, entrüste ich mich. „So alt siehst du aber aus“, gibt er zur Antwort. Und zum Unterstreichen, dass er nicht bloss frech sein will, sondern sich nur um mich sorgt, schiebt er noch nach: „Man sieht schon wieder deine grauen Haare. Du musst zum Coiffeur.“

Hat das Kind denn kein Gespür für grosse historische Momente?

Luise geht ins Kino, Teil II

Ach, was war das doch für ein grossartiger Weibernachmittag! Der ganze Kinosaal voller Mamas mit ihren Töchtern, ein paar vereinzelte Papas und Brüder, die sich dem Willen der Frauen hatten beugen müssen. Und dann erst der Film! Alles rosarot, geblümt und positiv. Ein richtiger Chick-Flick für Kinder. Als Lillifees befliegbarer Kleiderschrank, vollgestopft mit rosaroten Kleidchen zu sehen war, ging ein sehnsüchtiger Seufzer durch die Reihen der Mädchen und ganz bestimmt seufzten auch einige Mamas mit.

Mitten in all dem eine selige Lusie, die aufpassen musste, dass der Kinosessel sie wegen ihres Fliegengewichts nicht in die Höhe katapultierte. Verträumt lächelnd sass sie da, kaute auf ihrem Schokoladen-Popcorn herum und fieberte mit, wie Lillifee ihre rosarote Welt rettete. Vergessen all der Kummer über die nicht vorhandene Schwester, vergessen die Angst, der Film könnte ihr schlimme Träume bescheren. Vergessen auch, dass sie ja eigentlich kein Lillifee-Fan ist. Wenn sie jetzt nur nicht ihre guten Vorsätze vergisst und sich trotzdem eine Lillifee-Bettwäsche wünscht!

Und die Mama? Die sehnte sich für einmal nicht nach ihrer „NZZ am Sonntag“ und einer deftigen politischen Diskussion – mit Gleichgesinnten, natürlich, sonst gibt’s Ärger und davon hat Mama ja schon genug. Kein Drang, die Geschlechterrollen im Film zu hinterfragen, kein Bedürfnis, die Klischees von Sockel zu stürzen. Einfach nur Freude, dass ihr der Himmel neben vier wunderbaren Söhnen auch eine wunderbare Tochter geschenkt hat, mit der sie von Zeit zu Zeit auf der rosaroten Wolke schweben darf.

Nur schade, dass der Film so kurz war. Die Mama wäre gerne noch etwas länger geschwebt, denn zu Hause wartete eine schmutzige Wohnung. Und eine Woche ohne Putzfrau.

Kann man irgendwo Lillifees Zauberstab kaufen? Der Preis spielt keine Rolle.

Luise geht ins Kino, Teil I

Seit mehr als einem Jahr ist Luise stolze Besitzerin eines Kinogutscheins. Seit etwas mehr als zwei Jahren liegt sie ihrer Mama in den Ohren, sie wolle endlich auch einmal ins Kino gehen. Nicht, dass es keine Gelegenheiten gegeben hätte. Mal wollte die Gotte sie mitnehmen. Doch Wall-E war Luise zu technisch. Und überhaupt wollte sie bei ihrem ersten Kinobesuch lieber die Mama dabei haben und die hatte keine Lust, ihr Geld für einen doofen Roboterfilm auszugeben. Ein ander Mal fragte die Freundin, die an diesem Tag gerade den „beste Freundin“-Titel trug, ob Luise mit ihr „Monsters and Aliens“ schauen wolle. Luise hatte keine Angst. Zumindest nicht davor, der Freundin zu sagen, vor einem Monster-Film habe sie furchtbare Angst und deshalb begleite sie lieber die Mama und den kleinen Bruder zur Kinderärztin.

Jetzt hat das Warten endlich ein Ende. „Prinzessin Lillifee“ ist garantiert frei von Monstern, Robotern und Spannung. Eine rosarote Welt ist genau das Richtige für ein Kind, das schon schlecht schläft, nachdem sie mit ihren Brüdern die Anfangsszene von „Shrek“ auf DVD geschaut hat.

Vor Lillifee hat Luise keine Angst. Dafür aber andere Vorbehalte. „Weisst du, Mama“, sagte sie neulich ganz abgeklärt, „eigentlich bin ich ja kein richtiger Lillifee-Fan.“ Was denn ein richtiger Lillifee-Fan sei, will ich wissen. „Also ich würde mir zum Beispiel niiiieeee eine Lillifee-Bettwäsche wünschen, oder auch keinen Lillifee-Schulsack, oder eine Lillifee-Tasse. Ich möchte nicht einmal ein Lillifee-Buch.“ Ach wie beruhigend! Dann müssen wir also nächste Woche nicht ganz aufs Essen verzichten, um uns all die Fanartikel leisten zu können. Woher allerdings Lusie weiss, was ein „richtiger“ Fan alles haben muss, möchte ich schon wissen. Immerhin hat sie bis heute noch kaum einmal Fernsehwerbung gesehen.

Heute also ist der grosse Tag, an dem Luise zum ersten Mal ins Kino geht. Wobei noch die Frage zu klären wäre, wer eigentlich wen begleitet. Denn nachdem sie mir das mit den Fanartikeln erklärt hatte, bemerkte sie grosszügig: „Weisst du, Mama, ich bin zwar kein richtiger Lillifee-Fan, aber ich komme trotzdem mit dir.“