Bitte nicht neidisch werden!

Was wir am Samstagabend machen? Nun, wir lassen es so richtig krachen. Wie die meisten Eltern. Wir trinken eine Tasse Kaffee (mit Koffein, zur Feier des Wochendes!). Wir essen vielleicht sogar ein paar Chips. Jedoch erst, wenn die Kinder schon tief schlafen. Wir wollen ja kein schlechtes Vorbild abgeben. Zuweilen wagen wir es sogar, die erste Hälfte eines Filmes zu schauen. Wenn wir Glück haben, schaffen wir es sogar bereits in diesem Jahr, die zweite Hälfte auch noch zu sehen.

Wenn uns mal wieder nach etwas richtig Ausgefallenem ist, dann sorgen wir dafür, dass sich der Zoowärter beim Abendessen so richtig vollstopft und zwei Stunden später das ganze Bett vollkotzt. Denn es gibt doch einfach nichts Schöneres, als samstags um zehn Uhr abends gemeinsam Erbrochenes aufzuwischen, das Kind zu duschen und danach die komplette Bettwäsche zu waschen.

Ungezieferalarm

Grundsätzlich bin ich ja ein mehr oder weniger tierliebender Mensch. Ich esse kein Fleisch, ich denke wehmütig an meine Kindheit zurück, als wir die Lämmchen mit der Schoppenflasche grosszogen, ich grüsse jede Katze, die mir über den Weg läuft und wenn ich auf einem Spaziergang einem Schmetterling begegne, gebe ich mir jede erdenkliche Mühe, das Tier nicht zu verscheuchen. Aber Tiere im Haus? Nicht mit mir! Eine Katze oder eine Schildkröte könnte ich zur Not noch tolerieren, aber mehr nicht.

Auch keine Ameise. Und erst recht keine Ameisen. Und schon gar keine kleinen Ameisen, die man kaum sieht. Und deren Strasse ausgerechnet über unseren schwarzen Küchenboden führt. Man sucht und sucht, doch man findet das Einfallstor nicht. Folglich kann man ihnen nicht beikommen, muss sogar den Hermann vor ihnen schützen und  aufpassen, dass die  Biester nicht über das Frühstücksbrot herfallen. Ich gebe gerne zu, dass so ein Ameisenstaat eine beeindruckende Sache ist, doch ich lasse mich lieber draussen beeindrucken als drinnen. Und überhaupt: Wer ist eigentlich der Chef hier drinnen?!

Aus bitterer Erfahrung weiss ich, dass nach den Ameisen bereits die nächsten Invasoren lauern, die Maden. Einem oder zwei dieser ekligen Geschöpfe liesse sich ja noch beikommen. Doch bei uns treten die Dinger jeweils in rauhen Mengen auf. Nie werde ich jenen sonnigen Sonntagmorgen vergessen, an dem hunderte von Fliegenmaden unter der Sonntagszeitung hervorkgekrochen kamen, aus den Bodenritzen und unter den Putzlappen hervor. Nach zwei Stunden waren die meisten tot. Leider nur die meisten. Als wir ein paar Tage später von einem Ausflug zurückkehrten, war der Fussboden übersät mit toten Fliegen, die sich an den Giftstreifen am Fenster vollgefressen hatten.

Als ob Ameisen, Maden und Fliegen nicht genug des Ungeziefers wären, sorgt Karlsson hie und da für einen weiteren  Kick: Sind die Strassen draussen nass, muss ich jederzeit darauf vorbereitet sein, dass er mir ein Handvoll frischer Nacktschnecken nach Hause bringt. Und falls er mir mal eine ganz grosse Freude bereiten  will, küsst er, der nicht mal seine Mama küsst, jede einzelne Nacktschnecke auf die Fühler.

Lachanfall

Was sind wir doch naiv! Und dies nach bald neun Jahren Elternkarriere. Karlssons bester Freund darf heute bei uns übernachten. Anfangs herrscht eine herrliche Stille im Kinderzimmer. Wir glauben schon fast, dass die beiden bereits schlafen. Bis Karlsson plötzlich fragt, wo denn sein Freund sei. Ach so, der ist im Esszimmer in ein Asterixheft vertieft. Darum die unübliche Stille. Da wir aufgeschlossene Eltern sind, die wollen, dass ihre Kinder auch mal ihren Spass haben dürfen, ermuntern wir die beiden Jungs, doch noch ein wenig miteinander zu plaudern vor dem Einschlafen. Und weil „Meiner“ gerne mal übertreibt, ruft er die Treppe hoch, sie dürften schon etwas lauter sein.

Ist „Meiner“ noch recht bei Trost? Hat er noch nie einen Lachanfall der beiden Jungs in voller Länge erlebt? Ich auch nicht, denn wenn die zwei mal losgelegt haben, können sie nicht mehr aufhören. Und deshalb wirft man sie irgendwann aus dem Haus, schickt sie in die Schule oder lässt sie Shaun das Schaf schauen, bis sie unter das Sofa fallen vor lauter Lachen. Da lacht es dann wenigstens etwas gedämpfter unter dem Sofa hervor. Aber abstellen lassen sich nicht. Es sei denn, man versuche, sie zu trennen. Dann lachen sie nicht mehr, sondern beginnen zu heulen. Und das wäre dann ja auch nicht mehr  lustig.

Auf wen kann man sich denn noch verlassen?

Diese Meteorologen sind auch nicht mehr, was sie mal waren. Da lässt man sich seit Tagen weismachen, heute sei es ganz bestimmt schön, zumindest im Mittelland, und dann ist der Himmel grau, die Strassen sind nass. Warum das so wichtig ist? Weil Karlsson heute einen Schulausflug  hat, auf den er sich seit Tagen freut. Der Ausflug findet zwar bei jedem Wetter statt, doch bei Regenwetter braucht Karlsson eine Regenjacke. Und die hat er nicht mehr. Die ist nämlich beim letzten Schulausflug, für den wir sie eigens gekauft hatten, liegengeblieben. Und weil Karlsson merken soll, dass man auf seine Sachen achtgeben muss, hat er nicht sofort eine Neue bekommen. Und weil der Bucheli behauptet hat, heute sei das Wetter schön, habe ich gestern, als „Meiner“ noch schnell eine neue Regenajcke besorgen wollte, gesagt, dies sei völlig unnötig, das Wetter sei heute schön.

Und dann hänge natürlich wieder ich, wenn Buchelis Prognosen nicht stimmen. Die Meteorologen sind ja immer fein raus. Die müssen sich kein Gejammer anhören, wenn wieder mal eine Prognose danebengegangen ist. „Meiner“ schaut zwar immer brav Meteo mit mir. Doch kaum hat der Bucheli seine Sätzchen fertiggestammelt, fragt er mich: „Ist es morgen schön?“ Ob er denn nicht gesehen habe, dass ein kräftiges Hoch im Anzug sei? „Ein Hoch? Dann regnet es also morgen?“ Das Erklären, wie das mit den Hochs und Tiefs ist, habe ich schon längst aufgegeben. Und wenn er mich morgens um Viertel vor sechs weckt, um mich zu fragen, ob es heute warm sei oder ob er lange Hosen anziehen solle, gerate ich zuweilen in Versuchung, ihm zu sagen, es werde den ganzen Tag regnen, obschon ich weiss, dass es 30 Grad heiss sein wird.

Als also heute früh der Himmel grau verhangen war, wagte ich kaum, Karlsson zu wecken. Das würde ein Geheul geben, fürchtete ich. Doch wunderbarerweise sagte Karlsson kein Wort zum Wetter. Er war so aufgeregt, als er all die Landjäger, Chips, Sandwiches und Getränke sah, die eigens für ihn eingekauft worden waren, dass er die nassen Strassen gar nicht erst bemerkte. Kurz vor Abmarsch packte er freudenstrahlend noch einen Schirm ein. Seine Miene verdüsterte sich erst, als er versuchtes, den Rucksack zu schultern. „Mama, der ist ein bisschen schwer. Was hast du mir alles eingepackt?“ Zum Glück war „Meiner“ da schon längst weg. Sonst hätte er nur wieder gespottet, ich sei wie eine italiensiche Mama, die immer zu viel Essen einpackt.

Dabei will ich doch nur verhindern, dass mein armer kleiner Karlsson verhungert, wenn er den ganzen Tag weg ist von seiner Mama.

Freizeit

Seit Jahren schwirren diese Geschichten in meinem Kopf herum. Und weil mein Kopf nach Feierabend zu müde ist, um sie aufs Papier, oder zumindest mal in den Computer zu bringen, habe ich am Donnerstagnachmittag frei. Dann nämlich kommt „Meiner“ bereits am Mittag nach Hause und ich kann loslegen. Theoretisch. Wenn nicht gerade ein Versicherungsvertreter unsere Zeit in Anspruch nehmen will. Wenn Luise nicht ausgerechnet am Donnerstag eine spezielle Ballettprobe hat, oder „Meiner“ eine ausserordentliche Sitzung. Wenn ich es schaffe, die Zügel aus der Hand zu geben und wenn sich nicht gerade lieber Besuch anmeldet, den man seit Ewigkeiten nicht mehr gesehen hat und für den man gerne den freien Nachmittag opfert.

Heute aber hätte es klappen sollen. Gleich, wenn „Meiner“ nach Hause kommen würde, sollte meine freie Zeit beginnen. Nur der Wocheneinkauf war noch zu erledigen. Den hätte zwar auch „Meiner“ machen können. Doch weil es mich dermassen ärgert, wenn danach wieder der ganze Kühlschrank voll ist mit Budget-Produkten, lasse ich „Meinen“ nur unter Aufsicht in die Migros. Aber so ein kleiner Wocheneinkauf ist ja schnell erledigt, wenn die Liste gemacht ist und man keine Kinder mitnehmen muss. Und vor dem Einkauf  muss ich nur noch mit „Meinem“ eine Tasse Kaffee trinken, ein wenig lästern, dass ein paar Deppen Berlusconi für den Friedensnobelpreis vorschlagen wollen, dem Prinzchen einen Brei kochen, die Einkaufsliste noch einmal durchgehen, den Zoowärter ins Bett bringen, aufs WC gehen und sonst noch ein paar Kleinigkeiten erledigen.

Schliesslich ist es halb vier, als ich endlich meinen freien Nachmittag in Angriff nehmen kann. Zum Schreiben ist es jetzt  zu spät, aber ein Waldspaziergang ist immer gut. Und zwar ein zügiger. Damit ich am Abend dem E-Balance Coach, der mir helfen soll, den Babyspeck loszuwerden, beweisen kann, dass ich nicht immer nur faul herumsitze. Der Kerl stänkert nämlich schon seit Tagen, ich solle mich mehr bewegen. Klar, der Coach ist bloss virtuell, aber sein ewiges Gemotze geht mir trotzdem auf den Geist. Gna gna gna!

Nun, irgendwie schaffe ich es, trotz meiner Verspätung in die Gänge zu kommen. Und nachdem ich auch einen Schwatz am Wegrand so kurz wie mög lich gehalten habe, kann ich meine freie Zeit wenigstens dazu nützen, mir den Kopf zu zerbrechen, wann, wenn nicht am Donnerstagnachmittag, meine Geschichten den Weg aufs Papier finden könnten.

Das ist kein bisschen lustig

Eltern, die in ihrer Kindheit Ablehnung und Gewalt erlebt hätten, würden das freudige Strampeln eines Säuglings als Aggression deuten, lese ich in einem  Artikel über Gewalt an Kindern. In dem Bericht ist die Rede von Drogensüchtigen, sozial isolierten und psychisch kranken Eltern. Sogenannte Risikogruppen eben.

Die Aussagen des Artikels gehen mir nicht mehr aus dem Kopf, als ich dem Prinzchen dabei zusehe, wie er fröhlich vor sich hinbrabbelt, mit seinen Ärmchen rudert und mit den Beinchen kräftig gegen die Wand tritt. Wie viel muss in einem Leben schief laufen, dass man als Eltern nicht mehr fähig ist, das Schönste, was es gibt, nicht als schön, sondern als bedrohlich wahrzunehmen?

Diese Gedanken beschäftigen mich und plötzlich sehe ich sie wieder vor mir, meine eigenen tiefsten Tiefpunkte in meiner Karriere als Mutter. Zeiten, in denen ich meine Kinder nur noch als Störenfriede wahrnahm, die mich daran hinderten, einen Gedanken fertig zu denken oder eine Nacht durchzuschlafen. Momente, in denen ich nur noch mit Mühe zurückhalten konnte, dem Kind eine Ohrfeige zu verpassen. Nicht, weil mein Nachwuchs sich so daneben benahm, sondern weil ich in meiner Überforderung nicht mehr nachdenken konnte, warum mein Kind ausgerechnet jetzt so störrisch war. Zeiten in denen ich mich völlig alleingelassen fühlte mit meinem Herumschreien, meinen Ängsten und meinem Gefühl, als Mutter komplett zu versagen.

Und dies erlebte ich, die ich in einem gesunden sozialen Netz aufgehoben bin. Ich, die ich auf tatkräftige Hilfe von Familie und Freunden zählen kann. Ich, die ich zu keiner „Risikoggruppe“ gehöre. Wie geht es dann den Eltern, die ohne dieses Netz mit ihrem Versagen fertigwerden müssen? Wie viele Menschen gibt es, mit denen Mama erbarmungslos offen über ihr Versagen reden kann? Und zwar ohne, dass man sie gleich verurteilt und ihr ein paar billige Ratschläge um die Ohren haut. Ohne, dass sie danach wieder zurück in ihr Elend gehen muss, um alleine mit ihren Problemen zu kämpfen.

Es ist so einfach, nach aussen hin das Bild der glücklichen Mutter abzugeben, die alles im Griff hat. Es ist aber so schwierig, zu Hause immer dem absolut realitätsfremden Ideal der stets geduldigen und nie überforderten Mutter nachzuleben.

Arme Barbie

Wer glaubt, Skinhead-Barbie sei der Tiefpunkt gewesen, der irrt. Da lag sie heute früh auf Luises Schreibtisch, das goldverzierte Brautkleid hochgezogen, die letzten Haarstoppeln zerzaust. Unter dem Rock lugten die endlosen Beine hervor, das eine dunkelviolett, das andere blutrot, die Arme in einem scheusslichen Blau. Die Arme sah aus, als befinde sie sich im Endstadium einer fürchterlichen Krankheit. Zum ersten Mal in meinem Leben empfand ich Mitleid für Barbie.

Da hat mein grosser Bruder, damals, vor etwa 30 Jahren, viel kürzeren Prozess gemacht. Als ich mir einmal mit endlosem Gebrüll von meiner übermüdeten Mutter eine Mini-Barbie ertrotzt hatte, schaffte es das Püppchchen gerade knapp bis nach Hause, wo es mein Bruder unverzüglich die Toilette hinunterspülte. Was ich damals als grausamen Akt grossbrüderlicher Gemeinheit missverstand, entpuppt sich rückblickend als beherzte Rettungsaktion: Er wollte Barbie bloss bewahren vor den Qualen, die sie früher oder später unweigerlich erleiden würde.

Vielleicht wird es langsam Zeit, dass ich Karlsson auf seine Pflichten als grosser Bruder aufmerksam mache. Denn den nächsten Schritt von Barbies Niedergang möchte ich nicht erleben. Wird sie jetzt nicht von ihren Qualen erlöst, dann steckt sie „Meiner“ nämlich in den Backofen und missbraucht sie für eines seiner makaberen Kunstprojekte.

Immer diese Schuhe!

Dass heute nichts mehr für die Ewigkeit hergestellt wird, ist auch mir klar. Aber länger als eine Stunde sollten neue Kindersandalen schon halten. Oder hänge ich hier einem altmodischen Ideal nach, das von unserer Wegwerfgesellschaft schon längst zu Tode getrampelt worden ist?

Als ob der Schuhkauf mit vier mittelgrossen bis kleinen Kindern und einem übermüdeten Baby nicht schon kompliziert genug wäre! Luise, die Barbie inzwischen auch bei der Schuhmode abgeschworen hat, findet nichts, dass feminin genug und trotzdem nicht kitschig ist. Der Zoowärter will nicht begreifen, weshalb er die wunderschönen Sandalen noch einmal ausziehen muss, damit man sie bezahlen kann. Karlsson findet einzig ein Paar Gummistiefel, das ihm zusagt. Und das bei 33 Grand Hitze. Der Einzige, der vor lauter Glück strahlt, ist der FeuerwehrRitterRömerPirat. Er hat Sandalen mit Totenköpfen drauf gefunden. Mama und Papa haben sogar ja gesagt dazu. Doch auch der FeuerwehrRitterRömerPirat strahlt nicht lange. Kaum haben wir das Geschäft verlassen, will er die neuen Schuhe anziehen. Doch er kommt keinen Schritt weit damit, schon reisst der Riemen. Nun ja, von „Made in China“ ist  wohl nicht viel mehr zu erwarten.

Also geht „Meiner“ mit den drei Kleinen zurück zum Umtauschen, während ich mit den Grossen ein anderes Schuhgeschäft aufsuche. Nach dem „Made in China“-Debakel bestehe ich natürlich auf Qualität. Jetzt wird Markenware gekauft. Schon bald darauf stehe ich, um 130 Franken ärmer, mit zwei überglücklichen Kindern vor dem Geschäft. Doch auch dieses Glück währt nicht lange. Kaum zu Hause angekommen, heult Karlsson, als hätte ihn jemand verprügelt. Der Riemen an seinen „Qualitätsschuhen“ ist gerissen. Karlsson ist untröstlich und ich muss ihm hoch und heilig versprechen, die Sache gleich heute früh in Ordnung bringen zu lassen.

Also zurück ins Schuhgeschäft. Dort habe ich die Freundlichkeit in  Person vor mir. „Ja?!“, raunzt mich die Verkäuferin an, nachdem sie in aller Seelenruhe drei Paar Kinderschuhe ausgepackt, begutachtet und wieder eingepackt hat. Ich schildere ihr mein Problem, worauf sie mir wortlos einen Zettel und einen Kugelschreiber über den Verkaufstisch schiebt. Was sie denn nun vorhabe, will ich wissen. „Na, die Schuhe zurücknehmen und ihnen das Geld zurückerstatten, was denn sonst?“ Ob es denn nicht möglich sei, den Schuh zu reparieren, frage ich. Immerhin ist bloss eine Naht von etwa einem Zentimeter Länge aufgerissen. „Nein, wir reparieren keine Schuhe. Die werfen wir weg und ein gleiches Paar kann ich nicht bestellen“, erklärt sie mir.

Aber Karlsson will genau diese Sandalen und keine anderen! Und ausserdem wäre es eine Schande, sie wegzuwerfen. Ich beginne der Verkäuferin zu erzählen, wie meine kleiner lieber Karlsson gestern Abend in Tränen aufgelöst war. Wie unglücklich er sein würde, wenn ich ohne seine wunderschönen Römersandalen nach Hause käme. Und siehe da,  die Frau hat ein Herz! Wenn ich ihr die Quittung des Schuhmachers bringe, werde sie mir den Betrag zurückerstatten, verspricht sie. 

Also weiter, zu Mister Minit. Zehn Minuten später ist der Schuh geflickt, das Schuhgeschäft erstattet mir die horrenden Reparaturkosten von 7 Franken 50 und Karlsson strahlt wieder. Zumindest bis der nächste Riemen reisst.

Ein Zettel? Was für ein Zettel?

Ob sie meinen Zettel nicht gesehen hätte, wollte ich von ihr wissen. „Welchen Zettel denn?“, fragte die Fünftklässlerin. „Da war kein Zettel“. Doch doch, ich hätte ihn um elf Uhr noch an die Tür des Kirchgemeindehauses gehängt. Darauf sei gestanden, der Mittagstisch finde heute bei Vendittis statt. „Nein, da war kein Zettel“, beharrt sie. Und sie ist ziemlich verstimmt. Ist ja auch verständlich. Musste sie doch bei dieser Hitze durch das halbe Dorf rennen, um herauszufinden, wo sie heute ihr Mittagessen bekommt.

Sie beharrt so lange auf ihrer Behauptung, da sei kein Zettel gewesen, dass ich schliesslich an mir selber zu zweifeln beginne. Ich erinnere mich zwar noch genau, wie ich, wiedermal barfuss, zum Kirchgemeindehaus gerannt war. Wie ich den Zoowärter und das Prinzchen volle zwei Minuten alleine zu Hause lassen musste und deswegen furchtbar nervös gewesen war.  Wie dann die beiden anderen Mittagstisch-Kinder zu uns gekommen waren und wissen wollten, wo denn die Fünftklässlerin sei. Ob sie wohl meinen Zettel nicht gesehen hätte?

Bilde ich mir das wirklich alles nur ein? Oder habe ich es hier mit einem jener Kinder zu tun, die nie und nimmer an sich selber zweifeln, auch wenn alle Fakten gegen ihre Darstellung sprechen? Wenn das Zweite der Fall ist, bleibt für mich nur eine Frage: Wie um alles in der Welt verhindert man, dass die eigenen Kinder auch so werden?

Bye bye, Barbie!

Was hatte sie geheult, damals, als Mama ihr die erste Barbie verweigerte! Hatte Tag und Nacht gefleht und gebettelt und jeden Morgen darüber berichtet, was sie und ihre imaginären Freundinnen in der Nacht im „Barbiekunst“ alles erlebt hätten. Irgendwann war Mama weich geworden. Wenn das arme Kind schon keine Schwester hat, dann soll sie wenigstens Barbies haben. Stundenlang surfte die Mama im Internet, um exakt das Modell zu ergattern, das auf Luises Wunschzettel stand. Und bald bevölkerten Heerscharen von Barbies mit ihren Prinzen das Kinderzimmer. Luise war selig.

Doch die Liebe zu Barbie währte nicht lange. Bald schon lagen fast nur noch Köpfe herum und der Zoowärter durfte den Körper als Einschlafhilfe benützen. Ein paar Wochen später waren die Prinzen dran. Beine wurden ausgerissen, Arme verdreht. Schliesslich blieb nur noch dass Sixpack übrig. Heute nun wurden Cinderella und Rapunzel kahl geschoren. Barbie als Skinhead? Was zuviel ist, ist zuviel. Jetzt kriegt die Plastikdame endgültig Hausverbot.

Tja Barbie, das war’s dann wohl. Wir sehen uns wieder, vielleicht in fünfundzwanzig Jahren, wenn Luises Töcherlein jammert und fleht, bis Mama weich wird. Wir werden dich nicht vermissen.