Arme Barbie

Wer glaubt, Skinhead-Barbie sei der Tiefpunkt gewesen, der irrt. Da lag sie heute früh auf Luises Schreibtisch, das goldverzierte Brautkleid hochgezogen, die letzten Haarstoppeln zerzaust. Unter dem Rock lugten die endlosen Beine hervor, das eine dunkelviolett, das andere blutrot, die Arme in einem scheusslichen Blau. Die Arme sah aus, als befinde sie sich im Endstadium einer fürchterlichen Krankheit. Zum ersten Mal in meinem Leben empfand ich Mitleid für Barbie.

Da hat mein grosser Bruder, damals, vor etwa 30 Jahren, viel kürzeren Prozess gemacht. Als ich mir einmal mit endlosem Gebrüll von meiner übermüdeten Mutter eine Mini-Barbie ertrotzt hatte, schaffte es das Püppchchen gerade knapp bis nach Hause, wo es mein Bruder unverzüglich die Toilette hinunterspülte. Was ich damals als grausamen Akt grossbrüderlicher Gemeinheit missverstand, entpuppt sich rückblickend als beherzte Rettungsaktion: Er wollte Barbie bloss bewahren vor den Qualen, die sie früher oder später unweigerlich erleiden würde.

Vielleicht wird es langsam Zeit, dass ich Karlsson auf seine Pflichten als grosser Bruder aufmerksam mache. Denn den nächsten Schritt von Barbies Niedergang möchte ich nicht erleben. Wird sie jetzt nicht von ihren Qualen erlöst, dann steckt sie „Meiner“ nämlich in den Backofen und missbraucht sie für eines seiner makaberen Kunstprojekte.

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