The Return Of Barbie

Da kam sie montags einfach so hereinspaziert, auf ihren überlangen, überschlanken Beinen, ihre Füsse in schwindelerregenden Absätzen, das knappe Kleidchen so hauteng wie eh und je. Na ja, kam sie nicht ganz von selbst, sie liess sich in der Tasche eines Gastes chauffieren und da dieser Gast wohl noch einige Zeit bleiben wird, logiert auch Barbie auf unbestimmte Zeit bei uns. 

Luise hatte Barbie ja einst begehrt wie eine kostbare Perle, sie dann aber bald einmal in die Gosse verstossen und zwar ganz ohne Druck meinerseits. Daher kommt es, dass der FeuerwehrRitterRömerPirat nur noch eine vage Erinnerung an die künstliche Schönheit hat. Zoowärter und Prinzchen begegnen ihr gar zum ersten Mal in Fleisch und Blut – oder vielmehr in Plastik und Tüll –  und sie fühlen sich zugleich abgestossen und angezogen von ihr. Abgestossen von all dem rosaroten Glitzerzeugs, angezogen von … nun ja, ich weiss gar nicht so recht, was ihnen an Barbie gefällt, denn wenn ich frage, bekomme ich keine Antwort. Auffällig ist einfach, wie oft sie plötzlich in Luises Zimmer anzutreffen sind und wie gross der Eifer ist, als eine neue Barbie her muss, weil „der andere“ einer Meerjungfrau heimlich die lange, blonde Mähne gestutzt hat. 

Dennoch befürchte ich nicht, dass Barbie bleibt, wenn unser Gast wieder abreist. „Stell dir mal vor, wie peinlich es wäre, wenn meine Freunde Prinzessin Paula in meinem Zimmer antreffen würden“, meinte der Zoowärter, „aber jetzt spiele ich natürlich schon mit, sonst fühlt sich unser Gast nicht wohl.“

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Abschied

Heute war er also da, ihr letzter Arbeitstag bei uns. Gekündigt hatten wir ihr bereits vor ein paar Wochen und heute hiess es dann Abschied nehmen. Gegen Mittag packte ich ihre ihre sieben Sachen – nicht mal selber packen wollte das faule Ding – und dann war es vorbei. Kurz und schmerzlos: In den Abfallsack, den Sack zugeschnürt und dann war Barbie Geschichte.

Nicht dass sie mir fehlen wird. So richtig warm geworden sind wir nie miteinander. Ich ärgerte mich über sie, weil sie überall ihre Schuhe herumliegen liess und weil sie einen schlechten Einfluss auf Luise ausübte. Sie hatte ihre liebe Mühe mit mir, weil ich mit Äusserlichkeiten wenig am Hut und ausserdem noch ein paar Kilos zuviel auf den Knochen habe.

Dennoch tut der Abschied ein bisschen weh. Nie wieder wird mir ein kleines Mädchen in den Ohren liegen, mich auf Knien anflehen, damit ich ihr eine Barbie kaufe. Nie wieder werde ich dieses verzückte Lächeln sehen, wenn die heiss ersehnte Puppe endlich da ist. Natürlich, auch die Jungen haben grosse Wünsche, aber als Mutter kann man sich eher mit der Sehnsucht nach Barbie identifizieren, als mit dem Drang, jetzt auf der Stelle, eine Knarre aus Holz zu bekommen. Nie wieder werde ich erklären müssen, warum ich Barbie doof finde und weshalb meine alten Sascha-Puppen so viel schöner sind. Nie wieder Barbie; es sei denn, ich finde eines Tages Luises heiss ersehnte kleine Schwester auf der Türschwelle.

Noch kurz etwas ganz anderes: Herzlichen Dank für den Post-it-Nachschub! Ich fürchte, ich werde ihn brauchen können. 🙂

Arme Barbie

Wer glaubt, Skinhead-Barbie sei der Tiefpunkt gewesen, der irrt. Da lag sie heute früh auf Luises Schreibtisch, das goldverzierte Brautkleid hochgezogen, die letzten Haarstoppeln zerzaust. Unter dem Rock lugten die endlosen Beine hervor, das eine dunkelviolett, das andere blutrot, die Arme in einem scheusslichen Blau. Die Arme sah aus, als befinde sie sich im Endstadium einer fürchterlichen Krankheit. Zum ersten Mal in meinem Leben empfand ich Mitleid für Barbie.

Da hat mein grosser Bruder, damals, vor etwa 30 Jahren, viel kürzeren Prozess gemacht. Als ich mir einmal mit endlosem Gebrüll von meiner übermüdeten Mutter eine Mini-Barbie ertrotzt hatte, schaffte es das Püppchchen gerade knapp bis nach Hause, wo es mein Bruder unverzüglich die Toilette hinunterspülte. Was ich damals als grausamen Akt grossbrüderlicher Gemeinheit missverstand, entpuppt sich rückblickend als beherzte Rettungsaktion: Er wollte Barbie bloss bewahren vor den Qualen, die sie früher oder später unweigerlich erleiden würde.

Vielleicht wird es langsam Zeit, dass ich Karlsson auf seine Pflichten als grosser Bruder aufmerksam mache. Denn den nächsten Schritt von Barbies Niedergang möchte ich nicht erleben. Wird sie jetzt nicht von ihren Qualen erlöst, dann steckt sie „Meiner“ nämlich in den Backofen und missbraucht sie für eines seiner makaberen Kunstprojekte.

Bye bye, Barbie!

Was hatte sie geheult, damals, als Mama ihr die erste Barbie verweigerte! Hatte Tag und Nacht gefleht und gebettelt und jeden Morgen darüber berichtet, was sie und ihre imaginären Freundinnen in der Nacht im „Barbiekunst“ alles erlebt hätten. Irgendwann war Mama weich geworden. Wenn das arme Kind schon keine Schwester hat, dann soll sie wenigstens Barbies haben. Stundenlang surfte die Mama im Internet, um exakt das Modell zu ergattern, das auf Luises Wunschzettel stand. Und bald bevölkerten Heerscharen von Barbies mit ihren Prinzen das Kinderzimmer. Luise war selig.

Doch die Liebe zu Barbie währte nicht lange. Bald schon lagen fast nur noch Köpfe herum und der Zoowärter durfte den Körper als Einschlafhilfe benützen. Ein paar Wochen später waren die Prinzen dran. Beine wurden ausgerissen, Arme verdreht. Schliesslich blieb nur noch dass Sixpack übrig. Heute nun wurden Cinderella und Rapunzel kahl geschoren. Barbie als Skinhead? Was zuviel ist, ist zuviel. Jetzt kriegt die Plastikdame endgültig Hausverbot.

Tja Barbie, das war’s dann wohl. Wir sehen uns wieder, vielleicht in fünfundzwanzig Jahren, wenn Luises Töcherlein jammert und fleht, bis Mama weich wird. Wir werden dich nicht vermissen.