Leseförderung oder so ähnlich

Prinzchen (ziemlich nörgelig, weil er frühzeitig aus dem dringend benötigten Mittagsschlaf gerissen wurde): Ich will nicht aufstehen, es ist viel zu kalt. Ich will schlafen.

Mama: Du musst ja nicht aufstehen, du kannst einfach im Bett liegen bleiben. Aber schlafen darfst du nicht mehr, weil du sonst abends zu lange wach bleibst.

Prinzchen (noch nörgeliger): Ich will aber schlafen!

Mama: Schau dir doch ein Buch an, das ist so gemütlich, wenn man unter der warmen Decke liegt.

Prinzchen (schreit): Will schlafen!

Mama: Ich hol dir mal einen Stapel Bilderbücher. (Mama geht aus dem Zimmer, Prinzchen sitzt schreiend im Bett. Nach einer Weile kommt Mama mit einer bunten Auswahl zurück.)

Mama: Welches Buch willst du zuerst? Schau, hier habe ich die Pipi Langstrumpf, hier den Jim Knopf, die Weihnachtsgeschichte, das…

Prinzchen (laut schluchzend): Ich will nicht so viele Bücher! Ich will nur eines!

Mama (mit einem Hauch von Ungeduld in der Stimme): Dann wähl dir doch einfach eines aus und den Rest legen wir hier aufs Nachttischchen. Willst du das hier mit den Klappen?

Prinzchen (noch lauter schluchzend): Will nicht so viele Bücher! Will nur eines! Warum hast du mir so viele mitgebracht? Hol mir ein anderes! Hol mir sofort ein anderes!

Mama (streng): Hör mal, mein Sohn, so nicht mit mir. Wenn dir keines dieser Bücher passt, dann kannst du dir selber eines holen.

Prinzchen (zornig): Nein, du musst mir ein anderes bringen. Ich will nicht aus dem Bett kommen, es ist kalt. 

Mama (so geduldig wie möglich): Du könntest wirklich eines von diesem Stapel nehmen. Die Pipi ist doch so lustig. Und der Valentin gefällt dir doch auch…

(Je länger die Mama redet, umso lauter schreit das Prinzchen. Am Ende gibt die Mama entnervt auf.)

Mama: Also,  hör mal. Ich gebe dir noch eine letzte Chance. Ich bringe diese Bücher zurück, hole dir ein anderes und dann ist Ruhe. Wenn dir das nicht passt, dann rutsch mir den Buckel hinunter.

Einige Augenblicke später: Die Mama bringt dem Prinzchen ein Wimmelbuch. Die schaut er sich jeweils stundenlang an.

Prinzchen (heult, als hätte man ihn geschlagen): Nein! Nicht dieses Buch! Ich will ein anderes! Bring mir ein anderes! Ich will dieses Buch nicht! Dieses Buch ist doof!

Mama (sehr sehr unfreundlich): Jetzt ist endgültig Schluss. Wenn du heulen willst, dann heul alleine. Ich bin dann mal oben am Computer.

Während sie am Tippen ist,  hört die Mama, wie ihr Jüngster unten noch eine ganze Weile lang weiter heult und sie denkt sich, dass auch viele Jahre Erziehungserfahrung nichts daran ändern, dass ein dreijähriger Trotzkopf durch mütterliches Zureden nicht zu gewinnen ist. Warum bloss lässt sie sich trotzdem immer wieder auf das Spiel ein?

Vorboten

„Mama, was ist denn eigentlich die Pubertät?“, wollen heute beim Mittagessen unsere zwei nahezu vorpubertären Kinder wissen. „In der Pubertät passieren ganz verschiedene Dinge“, beginne ich möglichst schonend zu erklären. „Euer Körper, zum Beispiel, der wird sich verändern und wird allmählich so, wie bei einem Erwachsenen…“ Entsetzt starren die zwei mich an, aber ich fahre fort: „Ihr werdet vieles von dem, was Papa und ich gut finden, plötzlich doof finden, ihr werdet anfangen, euren eigenen Weg zu suchen und ihr werdet auch die eine oder andere Dummheit machen…“ „Aber Mama, ich will doch keinen Kokos-Schnaps aus der Flasche trinken“, unterbricht mich Karlsson entsetzt und spielt damit auf eine meiner Jugendsünden an, die ich den Kindern in einem schwachen Moment gestanden hatte. „Du musst auch keinen Kokos-Schnaps trinken“, beschwichtige ich ihn. „Du wirst deine ganz eigenen Dummheiten machen und Papa und ich werden wohl grosse Mühe haben, dich zu verstehen. Das ist auch so eine Sache in der Pubertät: Kinder und Eltern geraten öfters mal aneinander und verstehen einander nicht…“ Eigenartig, warum widersprechen die beiden mir nicht? Warum beteuern sie mir nicht, dass ihre Bewunderung für uns keine Grenzen kennt und nie kennen wird? Und weshalb habe ich das Gefühl, in Luises Blick zu lesen, dass sie sich sehr wohl vorstellen kann, wie wir ihr auf die Nerven fallen werden?

Ich beschliesse, Luises Blick zu ignorieren und komme zum Schluss mit meiner Unterweisung: „Vermutlich werdet ihr euch auch zum ersten Mal bis über beide Ohren verlieben…“ Mist! Jetzt habe ich  zu viel gesagt. Beide schreien entsetzt auf. Wie kann ich es wagen, ihnen eine solche Abscheulichkeit zu unterstellen? Ein klarer Beweis, dass ich zu weit gegangen bin. Und dass die Pubertät wohl nicht mehr allzu fern ist.

Jetzt bloss nicht die Nerven verlieren, Mama.

Netter Besuch

Am Dienstagabend – es war schon ziemlich spät – rief mich die Erkältung an. „Hör mal“, sprach sie, „hast du morgen Zeit für einen netten Schwatz? Wir haben uns seit Ewigkeiten nicht mehr gesehen…“ „Na ja, wie man’s nimmt. Mir scheint, wir haben uns eben erst gesehen“, unterbrach ich sie, aber die Erkältung überhörte meinen Einwand. „Ich finde, wir verbringen viel zu wenig Zeit miteinander. Immerhin sind wir beste Freundinnen.“ „Beste Freundinnen? Wir zwei?“, fragte ich, aber die Erkältung tat wieder so, als hätte sie mich nicht gehört. „Ich komme dann also morgen vorbei. So gegen sieben Uhr morgens, passt dir das?“ „Nein, das passt mir ganz und gar nicht. Am Vormittag muss ich zur Arbeit, am Nachmittag bin ich mit meinem Vater unterwegs und am Abend hat Karlsson seinen grossen Auftritt. Keine Chance, dass ich dich irgendwo dazwischen nehmen kann“, wehrte ich ab, aber die Erkältung hatte bereits wieder aufgelegt.

Am frühen Mittwochmorgen stand sie tatsächlich vor der Tür. „Verschwinde“, knurrte ich missmutig, aber sie liess sich durch meine Unfreundlichkeit nicht beeindrucken. „Schönen guten Morgen“, rief sie fröhlich und fiel mir um den Hals. „Wie habe ich dich doch vermisst. Komm, setz dich aufs Sofa, dann können wir ein wenig quatschen. Schau mal, was ich dir mitgebracht habe: Einen Brummschädel, eine erstklassige Triefnase und diesen netten Reizhusten. Glaub mir, das Ding ist der letzte Schrei.“ „Ich gehe nicht mit der Mode, du kannst deine Geschenke wieder einpacken“, raunzte ich die Erkältung an und begab mich in die Küche, wo fünf kleine Vendittis auf das Frühstück warteten. „Darf ich mich zu euch setzen?“, fragte die Erkältung, die mir in die Küche gefolgt war. „Nein, darfst du nicht. Siehst du denn nicht, dass kein Platz mehr frei ist?“, sagte ich und von da an ignorierte ich meinen ungebetenen Gast konsequent. Sie folgte mir zur Arbeit, wich den ganzen Nachmittag nicht von meiner Seite und Abends im Konzert fütterte sie mir den Reizhusten, den sie mir mitgebracht hatte in kleinen, mundgerechten Portionen. Ich tat so, als bemerkte ich nichts von alldem und ging abends, als die Kinder im Bett waren, noch einmal zur Arbeit, nur um ihr eins auszuwischen.

Heute Morgen sass die Erkältung bereits auf meiner Bettkante, als ich die Augen aufschlug. „Du bist immer noch da?“, fragte ich verschlafen. „Ich hab‘ dir doch gesagt, dass ich keine Zeit habe für dich.“ „Heute schon“, entgegnete die Erkältung, „heute musst du nicht zur Arbeit.“ „Heute muss ich aber putzen. Also mach, dass du fortkommst“, brummte ich. Ich versuchte, aus dem Bett zu kommen, musste aber feststellen, dass mir die Erkältung über Nacht ein weiteres Mitbringsel besorgt hatte. „Sind sie nicht toll, diese Gliederschmerzen?“, fragte die sie mit strahlendem Gesicht. „Die habe ich eigens für dich besorgt. War gar nicht so einfach, die zu bekommen, denn die will jetzt jeder haben. Aber für dich scheue ich keine Mühen. Komm, leg dich wieder hin, die grossen Kinder sind aus dem Haus und das Prinzchen schläft. Wollen wir ein wenig von den guten alten Zeiten quatschen?“ „Wie oft muss ich dir noch sagen, dass ich keine Zeit habe? Ich muss putzen, verstanden?“ Jetzt wurde die Erkältung richtig böse. „Ich weiss genau, wie sehr du das Putzen hasst, also versuche nicht, mir weis zu machen, dass du heute so versessen bist darauf. Du Du willst mich bloss loswerden.“ „Natürlich will ich dich loswerden“, schrie ich und versuchte, mich von ihr loszureissen, doch sie packte mich an den Schultern, drückte mich ins Kissen hinein und zog mir die Decke über den Kopf. „Schlaf jetzt“, flüsterte sie, plötzlich wieder ganz sanft und liebevoll. „Das Putzen kann warten.“

Zwei Stunden später, als ich wieder wach war und mich endlich in die Kleider gezwängt hatte, sass sie fröhlich grinsend am Tisch. „So schnell wirst du mich nicht los. Wie lange kann ich bleiben?“ „Du kannst nicht bleiben“, gab ich missmutig zurück. „Heute muss ich den ganzen Tag lang putzen, am Abend muss ich den Wocheneinkauf erledigen und morgen wartet ein Berg von Arbeit im Büro.“ „Nie hast du Zeit für mich“, maulte die Erkältung. „Wie sieht’s übermorgen aus?“ „Übermorgen? Auf gar keinen Fall. Dann gehe ich zu dem Frauentag, auf den ich mich seit mehr als einem Monat freue. Glaub bloss nicht, dass ich mir diesen Spass von dir nehmen lasse“, gab ich zur Antwort. Die Erkältung sah mich mit Mitleid erregendem Hundeblick an: „Darf ich mitkommen zum Frauentag? Ich bin ja auch ein weibliches Wesen.“ „Ha! Wenn ich dich mitnehme, dann schmeissen die mich gleich wieder raus beim Frauentag. Wir Frauen können uns keine Erkältungen leisten, da werde ich doch nicht so blöd sein, dich mitzuschleppen“, ereiferte ich mich. Als ich sah, dass die Erkältung den Tränen nahe war, packte mich doch noch das Mitleid. Ist ja auch nicht schön, wenn man nirgendwo willkommen ist. „Hör mal“, sagte ich, „am Sonntagnachmittag, da hätte ich Zeit für dich. Ich schnappe mir ein paar Sonntagszeitungen, eine Tasse Tee und eine warme Decke und dann setzen wir uns aufs Sofa und reden über Gott und die Welt. Wie gefällt dir das?“ Die Erkältung strahlte. „Ich hab’s doch gewusst, dass du mich magst. Lass dich umarmen!“ Sie zog mich an ihre Brust, drückte mich fest an sich und einen Augenblick später lag ich mit einer Extraportion Triefnase, Brummschädel, Reizhusten und Gliederschmerzen auf dem Sofa. An Putzen war nicht mehr zu denken, aber ob Erkältung oder putzen ist eigentlich einerlei, ich kann auf beides verzichten.

Hausmännerfrusttag

Zugegeben, das war nicht besonders nett von mir. Da wünschte ich „Meinem“ gestern, dass er sich endlich einmal richtig entspannen könne und was mute ich ihm heute zu? Einen Hausmännerfrusttag mit allem Drum und Dran. Es fing an mit verfaultem Obst im Schulthek des FeuerwehrRitterRömerPiraten, ging weiter mit einem Arzttermin, danach musste ein Geburtstagsgeschenk für des Zoowärters Kindergartenfreund her, schliesslich Raubtierfütterung ohne meine Unterstützung und nachmittags QuerflötenstundeOrchesterprobeZoowärterFürDieGeburtstagspartyBereitmachenHausaufgabenÜberwachenKücheSaubermachenScherbenAufwischenLuiseZurechtweisenPrinzchenTröstenArztterminAbsagenAnruferAbwimmelnUndAllDerKleinkramDerSchonLängstWiederVergessenIst. Also das volle Programm und nichts mit aufatmen und entspannen.

Und was tat ich derweilen? Zivilstandsregister wälzen mit meinem Vater, der sich des Familienstammbaums angenommen hat. Etwas, was ich mir als halbe Historikerin natürlich nicht entgehen lassen kann. Herrlich, dieses Stöbern in verstaubten Büchern! Wenn bloss das schlechte Gewissen nicht wäre, weil „Meiner“ sich ganz alleine dem übervollen Mittwochsprogramm stellen musste. Das einzige, was meine Gewissensbisse ein wenig dämpft ist die Aussicht auf einen nicht minder turbulenten Donnerstag, der wohl damit ausgefüllt sein wird, die Spuren des heutigen Hausmännerfrusttages zu beseitigen. Ist irgendwie beruhigend, dass „Meiner“ das nicht besser hingekriegt hat als ich jeweils…

Bestandesaufnahme

Laptop

Fehlende Tasten: m, x, y, Komma, Leerschlag, Punkt, alt, shift, ctrl und dann noch einige weitere, von denen ich schon längst vergessen habe, was sie mal waren. 

Schuldig: Prinzchen und Zoowärter, allerdings in noch jüngeren Jahren, heute wissen sie, dass man so keine Computerspiele spielen kann.

iPad

Sprung im Display

Schuldig: Das Prinzchen

Kein Ton mehr

Schuldig: Keine Ahnung, ich hege allerdings den Verdacht, dass es sich um eine Streikaktion handelt: „So lange diese Kinder immer ‚Min Vatter isch en Appezöller‘ und solchen Mist hören wollen, gebe ich keinen Ton mehr von mir.“

Ladekabel durchgebissen

Schuldig: Leone und Henrietta, die in allem, was lang und schnurähnlich ist, ein Spielzeug sehen.

Mausetot und das trotz des neuen Ladekabels – grasgrün – und das ausgerechnet an dem Tag, an dem das neue E-Book angeliefert wurde.

Schuldig: Mein Verdacht fällt auf Apple. Die haben bestimmt ein internes Verfalldatum eingebaut, damit ich  mir endlich ein neues Gerät zulege.

Computer-Tastatur

Fehlende Taste: Komma, ein kleiner Mangel nur, aber ein sehr mühsamer

Schuldig: Ich glaube, da hat mal ein Kind sein Znüni vor dem Bildschirm verdrückt.

Maus

Mausetot

Schuldig: Ich, weil ich dieses dämliche Modell damals gekauft habe.

WLAN-Router

Oh Wunder, das Ding funktioniert einwandfrei! Aber was hilft das, wenn alles andere in den letzten Zügen liegt?

Lösungsvorschläge:

Absolutes  Computerverbot für alle unter 37
Absolutes Spielverbot für alle Vierbeiner
Sparen für die neue Ausstattung und so lange unter grosser Mühe auf dem lebensmüden Laptop schreiben oder aber zurück in die Steinzeit.

 

 

 

 

 

Du kannst das, Mama

Zu unserer grossen Schande muss ich gestehen, dass unser Prinzchen seinen Frühmorgen-Kakao noch immer aus der Schoppenflasche trinkt. Dies vor allem aus Gründen elterlicher Bequemlichkeit, denn würde er ihn aus der Tasse trinken, müssten einer von uns beiden daneben sitzen und darauf achten, dass die Küche nicht im Kakao ersäuft und zwar morgens zwischen fünf und sechs, wenn ihre Majestät das Frühstücksgetränk einzunehmen beliebt. Dann also lieber das Fläschchen, was den angenehmen Nebeneffekt hat, dass der Kleine noch einmal einschläft, wodurch unsere Nachtruhe um einige Augenblicke verlängert wird.

Heute Morgen gegen neun Uhr verlangte das Prinzchen eine zweite Ration Kakao. Wo denn die Schoppenflasche sei, wollte ich wissen. Unter dem Bett, beschied mir unser Jüngster und ich müsste sie für ihn hervor angeln. „Aber das kannst du doch viel besser als ich“, wehrte ich ab, denn mein Bedürfnis, mit Rückenschmerzen unter einem niedrigen Kinderbett herumzukriechen hielt sich in Grenzen. „Aber Mama, das kannst du doch auch. Schau, die Flasche liegt gleich hier. Probier’s mal“, machte mir das Prinzchen Mut. Wieder wehrte ich ab: „Du bist viel kleiner und wendiger als ich, also passt du auch viel besser unter das Bett.“ Noch einmal redete mir das Prinzchen gut zu: „Nein, Mama, du schaffst das. Du musst gar nicht unter das Bett kriechen.“ Um meinem Sohn zu beweisen, dass ich das wirklich nicht schaffen kann und dass er viel besser geeignet ist, die doofe Flasche unter dem Bett hervorzuzaubern, wagte ich einen Blick unter das Bett. Tatsächlich lag die Flasche so günstig, dass es lächerlich gewesen wäre, weiter darauf zu bestehen, dass er das macht und ich hob die Flasche vom Boden auf. „Hast du gesehen Mama“, meinte das Prinzchen strahlend, „du kannst das wirklich! Das war doch wirklich nicht schwierig, oder?“

Täusche ich mich, oder sind hier die Rollen irgendwie durcheinander geraten?

Und dann noch in eigener Sache: Unter http://www.mutterundberuf.com/ könnt ihr lesen, was ich zum Thema Berufstätigkeit und Mutter zu sagen habe. Hanna freut sich bestimmt, wenn ihr mal kurz bei ihr vorbeisurft. 🙂

Frühlingsgefühle

Nach einem viel zu langen Winter packt mich endlich wieder der Enthusiasmus für Neues. Im Garten, zum Beispiel,  da möchte ich die Erdbeerpflanzen ausgraben, neue Erde aufschütten und dann, wenn der Frühling da ist, so viele verschiedene Tomatenpflanzen setzen, wie ich auf dem Markt bekommen kann. Und dort drüben, wo die Garage steht, da möchte ich viel lieber ein geräumiges Spielhaus für die Kinder aufstellen. Die Garage ist ja ohnehin bald durchgerostet, da könnte man sie doch einfach abreissen, einen Carport auf den Parkplatz stellen und viel neuen Raum gewinnen. Die elenden Bodenplatten könnten ja auch gleich verschwinden. Mehr Platz für Gemüse, Beeren, Blumen und natürlich auch zum Spielen. Hach, wäre das nicht traumhaft…

Mein neues Schreibzimmer könnte auch etwas Aufmerksamkeit gebrauchen. Weg mit all dem Kram, mit dem die Kinder den Fussboden übersät haben, her mit den bunten Bildern, mit den Ordnern, in die ich alle meine Ideen, meine veröffentlichten Texte, meine Entwürfe ablegen kann. Her mit dem netten Schnickschnack, der in unserem Zuhause überall in Lebensgefahr schwebt und der bei mir, in meinem eigenen Zimmer – wo die Kinder Zutrittsverbot bekommen, sobald es fertig eingerichtet ist – einen sicheren Hafen finden wird. Und wenn dann das Zimmer so ist, wie ich es mir erträumt habe, dann werde ich drauflos schreiben, die Ideen, die in meinem Kopf herumschwirren zu Papier bringen und vielleicht sogar wieder den Mut aufbringen, etwas zaghaft ans Licht der Öffentlichkeit zu schubsen. Ich kann es kaum erwarten, endlich loszulegen…

Wo ich schon dabei bin, könnte ich mich gleich unserer ganzen Wohnung annehmen. Das Chaos, das sich in den vergangenen Monaten angesammelt hat, beseitigen, die Schränke herausputzen, wegschmeissen, was keinen Platz mehr hat, Möbel umstellen, ja, vielleicht sogar die Fenster putzen. Mich juckt es doch tatsächlich in den Fingern, hier endlich einmal gründlich für Ordnung und Sauberkeit zu sorgen.

Und dann möchte ich so gerne wiedermal Gäste einladen. All die lieben Leute, für die ich so wenig Zeit hatte. Mich mit Freundinnen zum Kaffee treffen, meine kleine Nichte einladen, damit sie mit dem Prinzchen spielen kann, vielleicht sogar endlich den Mut aufbringen, meiner Schwester einen Überraschungsbesuch abzustatten. Vielleicht mit einem selbst gebackenen Kuchen.

Wo wir schon beim Backen sind: Nächste Woche backe ich ganz bestimmt wiedermal ein Brot aus frisch gemahlenen Körnern. „Meinen“ am Abend, wenn die Kinder schlafen, mit einem köstlichen Abendessen bei Kerzenschein überraschen, mit schöner Musik und allem, was dazugehört. Und dann werde ich endlich dieses neue Rezept für diese Quarktorte ausprobieren und dann säe ich vielleicht Sprossen an, mit denen wir unsere Salate verfeinern können und vielleicht nehme ich mir bald einmal Zeit, mit Karlsson und Luise Macarons zu machen. Das habe ich ihnen schon so lange versprochen. Das wird bestimmt ganz köstlich, wenn auch nicht perfekt…

Ich kann es kaum erwarten, alle diese Pläne und Träume endlich in Tat umzusetzen. Gleich morgen werde ich damit beginnen, oder vielleicht auch übermorgen, spätestens aber am Dienstag. Falls ich dann endlich die Energie aufbringen kann, mich vom Sofa zu erheben…

 

Nachwehen

Vor ein paar Wochen haben wir unter grossen Mühen die Telefongesellschaft gewechselt (ich habe ausführlich und langfädig darüber berichtet) und seither haben wir eine neue Nummer. Dummerweise hat diese neue Nummer eine Vergangenheit, die uns nun fast täglich einholt: „Frau Hamchiti, seit einiger Zeit sind Sie Kundin bei unserem Schlüsselservice und nun möchten wir Ihnen ein sensationelles Zusatzangebot…“ „Ich bin nicht Frau Hamchiti und…“ „Sie sind nicht Frau Hamchiti? Umso besser, dann darf ich Ihnen vielleicht unser sensationelles Basisangebot vorstellen?“ 

Eine halbe Stunde später wieder das Telefon: „Äh hallo, hier Abdullah. Ich kann vielleicht sprechen mit…“ „Nein, können Sie nicht, denn Sie sind falsch verbunden.“ „Hier nicht Hamchiti? Aber wo ist Hamchiti?“ „Ich weiss nicht, wo Hamchiti ist, aber ich weiss, dass hier Venditti ist und darum kann ich Ihnen leider auch nicht weiterhelfen…“

Zwei Stunden später schon wieder ein Anruf: „Guten Tag, Troxler von der Firma Hugentobler. Können Sie mich bitte mit Herrn Hamchiti verbinden?“ „Nein, das kann ich leider nicht, denn Herr Hamchiti arbeitet nicht bei uns, aber ich kann Ihnen gerne den FeuerwehrRitterRömerPiraten ans Telefon geben, der kann Ihnen vielleicht auch weiterhelfen.“ 

So geht das vom frühen Morgen bis zum späten Abend. Und dazwischen? Ja, dazwischen kommt natürlich auch mal ein Anruf für mich:

„Guten Tag, Frau Venditti. Schön, dass ich Sie erreiche. Vielleicht erinnern Sie sich noch daran, dass wir Ihnen von siebzehn Jahren einmal ein Probeabo der Unglücks-und Skandal-Postille schenken durften. Nun haben wir unserer Zeitschrift einem Facelifting unterzogen und wir möchten Ihnen die einmalige Gelegenheit bieten, sie wieder…“ „Ähm, entschuldigen Sie bitte, dass ich Sie unterbreche, aber ich habe wirklich kein Interesse…“ „…zwanzig Ausgaben zum sensationellen Preis von 57 Franken 85. Dieses Angebot sollten Sie sich wirklich nicht entgehen lassen…“ „Tut mir Leid, aber ich habe wirklich kein Interesse…“ „…haben jetzt die Modeseiten vollkommen überarbeitet und neu gibt es auch eine Kinderseite….“ „Hören Sie, ihr Blatt interessiert mich wirklich nicht. Ich bevorzuge anspruchsvollere Lektüre.“ „Ach, das bieten wir selbstverständlich auch. In der neuesten Ausgabe reden wir mit Gölä über die aktuelle politische Lage…“ Was bleibt mir da noch anderes übrig, als grusslos das Telefon aufzulegen?

Nun ja, vielleicht hätte ich einfach sagen sollen „Tut mir Leid, falsch verbunden. Sie sprechen mit Frau Hamchiti.“ 

Phasen

Wir stecken mal wieder mitten drin in einer „Nein, nur Mama darf das“-Phase. Mama kann am besten Spaghetti verschneiden, Mama kann besser den Hintern abwischen, Mama kann besser Zahnpaste auf die Zanhbürste drücken, Mama kann besser Schuhe binden… Der übliche unverrückbare Glaube eines Dreijährigen an die übermenschlichen Fähigkeiten seiner Mama. Wenn es nicht so anstrengend wäre, für jede kleine Handreichung herbeigerufen zu werden, auch wenn der Papa zehn Zentimeter neben dem Kind steht, ich würde mich geehrt fühlen. Endlich wieder einer, der mir etwas zutraut und wenn es nur darum geht, ihm einen Löffel aus der Schublade zu reichen.

Früher hat „Meiner“ arg gelitten unter der  Zurückweisung, die er als Vater während dieser Phase jeweils erlebt. Besonders schlimm war es,  als Karlsson drei war und einen Tobsuchtanfall bekam, weil Papa sich erfrecht hatte, die Autotür für ihn zu öffnen. Heute wissen wir natürlich beide, dass eine solche väterliche Kompetenzüberschreitung nicht toleriert wird, aber damals glaubten wir noch, man müsse dem Kind nur deutlich genug beweisen, dass der Papa das ebenfalls ganz gut hinkriegt, dann sei die Sache nach ein paar Tagen ausgestanden. Hach, wir hatten ja keine Ahnung damals. Einmal geriet Karlsson so sehr in Rage darüber, dass „Meiner“ mit ihm zur Post ging, während ich mit Luise den Bücherladen aufsuchte, dass die Passanten glaubten, das arme Kind würde misshandelt. Es war das einzige Mal, dass „Meiner“ verdächtigt wurde, ein böser, fremder Mann zu sein, der ein wehrloses Kind in seiner Gewalt hatte. Dabei war es genau umgekehrt, aber das glaubt einem ja keiner, erst recht nicht, wenn man ein Mann ist.

Heute würde uns so etwas  nicht mehr passieren. Wir haben gelernt, dass Papa während dieser Phase das  Kind unter gar keinen Umständen berühren darf, dass er aber, wenn er sich an dieses kindliche Verbot hält, in zwei oder drei Jahren mit abgöttischer Liebe von eben diesem Kind für diese Zurückweisung entschädigt wird. Aber nicht nur „Meiner“ hat gelernt, auch ich weiss inzwischen, dass ich für zwei oder drei Monate rund um die Uhr im Dienste des Prinzchens stehen werde und dass ich mich deswegen wohl am besten von allen anderen Pflichten beurlaben lasse. Ich stelle mich auf eine ziemlich herausfordernde Zeit ein, aber inzwischen weiss ich, dass das Kind sich erst dann ein Stück weit von der Mama entfernen wird, wenn es zuerst ausgiebig getestet hat, ob diese im Notfall immer da ist.

Wobei ich eigentlich noch gar nicht soweit bin, das Prinzchen ziehen zu lassen, wo nach ihm doch kein kleiner Mensch mehr kommt, der mir das Gefühl vermittelt, ich  könne alles, aber auch wirklich alles besser als jeder andere Mensch auf diesem Planeten. Ich glaube, ich muss mir etwas einfallen lassen, damit er noch etwas bei mir bleibt. Vielleicht versuche ich es mal mit der „Nein, nur das Prinzchen darf das“-Phase…

 

So war das früher jeden Tag…

Zuerst einmal muss ich vorausschicken, dass ich die vergangene Woche mit den Kindern genossen habe. „Meiner“ musste bereits wieder arbeiten, die Kinder hatten noch Ferien und ich legte meine Arbeitszeiten so, dass wir fast ohne Fremdbetreuung auskamen. Es war herrlich: Bilderbücher vorlesesen, kuscheln, Fragen beantworten, gemeinsam singen, spontane Kaffeerunden mit Schwester, Schwager, Mutter und Neffen, philosophieren – „Gell Mama, das was jetzt ist, passiert wirklich, oder?“ – in aller Ruhe Mittagessen kochen und so lange am Tisch sitzen, bis die Kinder keine Lust mehr zum Sitzen haben und nicht, bis der Erste schon wieder aus dem Haus muss. Wunderbar, ganz ehrlich.

Und auch ganz schrecklich anstrengend. Denn wenn du sechs Tage lang ganz alleine bei ziemlich ungemütlichem Wetter fünf Kinder bei Laune halten musst, dann ist das ein Fulltime-Job. Allein schon die Fütterung nimmt den halben Tag in Anspruch, denn wenn der Letzte seinen Frühstückskakao endlich leergetrunken hat, verlangt derjenige, der schon um sieben gefrühstückt hat, bereits nach Mittagessen. Aber zum Kochen kommst du noch lange nicht, weil dir alle paar Minuten ein Kind eine Kiwi zum Schälen hinstreckt. Und du wirst doch deinen Kindern eine kleine Kiwi zwischendurch nicht verwehren wollen? Ist doch so gesund. Ach ja, dazwischen muss natürlich immer mal wieder der Besen her, weil ihr sonst in den Brosamen ersauft, bevor der Tag zu Ende ist. Und kaum ist der Fussboden endlich sauber, fällt die Horde wieder in die Küche ein und verlangt nach Zvieri-Broten.

Wenn du hartnäckig genug bist, wirst du deine Knöpfe vielleicht noch vor dem Mittagessen dazu überreden können, aus dem Pyjama und in die Kleider kommen. Vielleicht geht dir aber schon vorher der Schnauf aus und du erlaubst ausnahmsweise das Essen im Schlafanzug. Weil du selber zwischen Kakaokochen, Bodenfegen, Kiwischälen, etc. keine Zeit findest, dich anzuziehen und du kannst von deinen Kindern ja nicht verlangen, was du selber nicht schaffst. Vielleicht aber musst du auch einfach dankbar sein, wenn die kleinsten Vendittis wenigstens einen Schlafanzug tragen beim Essen und nicht ganz nackt zu Tisch kommen, denn während sich die halbe Welt im Februar ins Fasnachtskostüm stürzt, hat für die kleinsten Vendittis die Nudisten-Saison angefangen. Man frage mich nicht, warum dies so ist, aber das war schon bei den Grossen so, als ihr Schamgefühl sie noch nicht davon abhielt, mitten im Winter splitterfasernackt durch die Wohung zu rennen.

Der Grossteil des Tages geht also für Fütterung, fegen und anziehen drauf. Dazwischen verstreut die oben erwähnten glücklichen Mama-Kind-Momente, dann noch der eine oder andere Streit, der geschlichtet werden will, der Versuch einer Kaffeepause und der Tag ist wieder um. An grössere Vorhaben wie zum Beispiel Zimmer aufräumen, einkaufen, die Wäsche aufhängen oder einen Anruf zu tätigen ist nicht zu denken, denn wehe, du kehrst den Kindern nur eine Minute den Rücken zu! Dann wirst du bestraft mit überlaufenden Badewannen, verschütteten Corn Flakes und honigverschmierten Stühlen.

Okay, ich hätte die fünf auch mit Dauerfernsehen ruhig stellen können, aber wie hätte ich mich da wieder an die alten Zeiten zurückerinnert, als solche Tage nicht die Ausnahme, sondern die Regel waren?