Es ist mir ernst

Wenn ich sage, dass mir so langsam der Schnauf ausgeht, sage ich dies nicht, um zur Antwort zu bekommen: „Ich würde das ja nie durchhalten. Aber du schaffst das mit Links.“

Wenn man mich fragt, wie es mir so geht und ich antworte „Nicht besonders gut“, dann meine ich das auch so. Denn wenn es mir gut ginge, würde ich sagen, dass es mir gut geht.

Wenn ich sage, dass mir die Dinge manchmal über den Kopf wachsen, dann brauche ich keine Ratschläge im Sinne von „Du müsstest eben besser delegieren…“ oder „Du hättest die Sache eben anders angehen müssen…“ Nein, dann wäre ich ganz froh, wenn ich einfach mal erzählen könnte, dass es nicht immer einfach ist, Familie, Arbeit, Schreiben und Haushalt zu jonglieren, dass das Ganze zwar unglaublich viel Freude macht, dass es aber auch ganz schön an die Substanz gehen kann. Ein wenig Verständnis würde so viel mehr bringen als ein besserwisserisches „Du müsstest eben…“ Was ich müsste, weiss ich sehr wohl, aber ob das, was ich müsste auch in die Realität umgesetzt werden kann, liegt nicht alleine in meiner Hand.

Wenn ich sage, dass ich mich schwach fühle, dann ist es schmerzhaft, wenn man mir sagt, ich sei doch eine starke Frau, ich würde das schon alles hinkriegen. Muss man denn immer stark sein, bloss weil man offenbar – völlig unbeabsichtigt übrigens – das Bild einer starken Frau abgibt?

Wenn ich verkünde, dass ich mal wieder eine Pause brauche, dann meine ich dies nicht als Aufforderung, dass ich jetzt endlich Zeit habe für all die Dinge, die man auch noch gerne mit mir besprechen möchte. Nein, dann meine ich, dass ich mich mal wieder einen Moment lang hinsetzen möchte, um in Ruhe etwas zu trinken, ein wenig zu lesen oder meinen Gedanken nachzuhängen.

Wenn ich diesen Blog mal wieder als Jammerkasten missbrauche, dann tue ich dies nicht, um Mitleid zu erregen, sondern einfach darum, weil zu meinem Leben eben nicht nur die Höhepunkte, sondern auch die Tiefpunkte gehören. Würde ich diese aussparen, könnte man am Ende noch auf die Idee kommen, ich sei eine jener Frauen, die so tun, als hätten sie immer alles im Griff. Und weil ich das nicht habe, will ich auch nicht so tun als ob.

Muss das sein?

Mussten die zwei jungen Frauen ausgerechnet ein Restaurant bei uns in der Region überfallen, um ein paar hundert Franken Bargeld zu erbeuten? Und musste Luise ausgerechnet gestern, als dies am Radio gemeldet wurde, bei den Nachrichten genauer hinhören? Ich weiss nicht, was unsere Tochter mehr schockiert hat: Die Tatsache, dass die Welt auch bei uns nicht immer nur heil und schön ist, oder die Tatsache, dass es Frauen waren, die Gewalt angewendet haben. Junge Frauen, nur ein paar Jahre älter als Luise.

Seit jener Nachrichtensendung von gestern Nachmittag löchert sie uns mit Fragen. War die Waffe echt, oder haben die eine Spielzeugpistole gekauft? Wurde jemand verletzt? Waren das vielleicht die zwei Frauen, die wir vor einigen Monaten am Basler Hauptbahnhof gesehen hatte? Die mit den schwarzen, bodenlangen Mänteln? Was ist, wenn die Frauen zu uns kommen?

Tagsüber schafft es unsere Tochter noch, die aufwühlende Geschichte mit Fragen zu verarbeiten. Aber abends, wenn alles dunkel ist, wenn die Schatten sich bewegen und es knackt im Gebälk, dann helfen all die beruhigenden Antworten, die „Meiner“, das Au Pair und ich tagsüber geben, nichts mehr. Dann sitzt unsere Tochter starr vor Angst im Bett und traut sich nicht, zu uns zu kommen, weil ihr bereits der Weg zum Lichtschalter zu gefährlich erscheint. Erst, wenn zufällig jemand Licht macht im Treppenhaus, wagt sie sich aus dem Bett, zitternd, blass und so aufgewühlt, dass wir sie nur mit grösster Mühe beruhigen können.

So, wie ich unsere Luise kenne, wird es eine ganze Weile dauern, bis sie wieder ruhig schläft, bis sie wieder sorglos und glücklich sein wird. Wenn ich sehe, wie sehr die Geschichte unserer Tochter zusetzt, dann packt mich die Wut und ich wünschte, wir würden in einer Welt leben, in der kleine Mädchen keine Angst vor den Taten grosser Mädchen haben müssten.

Ist das jetzt der Letzte?

Nachdem wir nun ein paar Monate kinderwagenlos unterwegs waren, haben das Au Pair und ich heute die Geduld verloren und wir haben uns aufgemacht, Kinderwagen Nummer 7 zu erstehen. Ja, ich weiss, ich hatte mir geschworen, nie wieder einen zu kaufen, aber wenn ihr mal an einem sonnigen Winternachmittag mit dem Prinzchen im Schlepptau durch Solothurn geschlendert wäret, würdet ihr verstehen, weshalb wir noch einmal Geld ausgegeben haben für so ein Ding. Das Kind kann nämlich nicht – wie es sich für einen Zweijährigen gehört – im Schneckentempo durch die Strassen wandern, hier einen Stein bewundern und da einen Flaschendeckel aufheben. Nein, der Kleine rast durch die Strassen, klettert, wo er nicht klettern sollte, weil es lebensgefährlich ist und entschwindet unseren Blicken, wann immer er kann. Wenn es schon im beschaulichen Solothurn so schwierig ist, das Kind im Auge zu behalten, wie wird das erst im von Touristen überschwemmten Prag sein, wo wir die Sommerferien verbringen werden? Also musste ein Kinderwagen her und zwar sofort.

Nun mögt ihr euch vielleicht fragen, wie man bloss auf die hirnverbrannte Idee kommt, mit fünf Kindern eine Ferienwoche in Prag zu buchen. Nun, ich werde euch erklären, weshalb wir zum Schluss gekommen sind, dass dies genau der richtige Zeitpunkt ist. Vor ein paar Jahren noch wäre es nicht möglich gewesen, denn mit mehreren Wickelkindern, vielleicht noch einem Baby, das gestillt werden muss und ein oder zwei Kleinkindern im besten Trotzalter verbringt man nun mal keine Ferien in einer Stadt. In ein paar Jahren, wenn Karlsson und Luise in der Pubertät sein werden und über alles, was mit Geschichte, Kunst oder Kultur zu tun hat, nur schnöden werden, können wir das auch nicht mehr machen. Dann werden wir nämlich irgendwo am Strand liegen müssen, weil dies für unsere Kinder das höchste der Gefühle – und für mich der Albtraum schlechthin – sein wird.

Jetzt aber, wo Karlsson für Barock, klassische Musik und Antiquitäten schwärmt, Luise sich von Ballett, hübschem Krimskrams und köstlichen Torten verzaubern lässt, der FeuerwehrRitterRömerPirat mit Begeisterung in der Zeit der Ritter, Kaiser und alten Astronomen wühlt und der Zoowärter sich so sehr mit dem kleinen Maulwurf identifiziert, dass er demnächst einen unterirdischen Gang im Garten graben wird, ist der perfekte Zeitpunkt gekommen, um unseren Kindern die Stadt zu zeigen, die all das, was sie lieben, bietet.

Aber eben, das Prinzchen ist noch etwas klein, um all die Schönheit ohne Kinderwagen zu sehen. Wir wollen doch nicht, dass er sich im Gedränge einer Italienischen Reisegruppe anschliesst und am Ende nur Pizza und Pasta, anstelle von Knödeln und Palatschinken isst. Also haben das Au Pair und ich uns auf die Suche nach einem erschwinglichen Kinderwagen gemacht, der trotzdem stabil genug ist, um mindestens bis zum Sommer durchzuhalten. Ich kann euch versichern, es war nicht einfach, aber am Ende wurden wir im Fachgeschäft fündig. Allerdings mussten wir sehr lange warten, bis wir das Wägelchen bezahlen und mitnehmen konnten, den die einzige Bedienung in dem riesigen Geschäft war gerade dabei, werdenden Eltern zu erklären, worauf man beim Kinderwagenkauf zu achten hätte. Ich hatte ganz vergessen, wie unsinnig die Fragen sind, die werdende Eltern in einem Baby-Fachgeschäft stellen können. Waren „Meiner“ und ich auch mal so unwissend?

Nun, irgendwann tauchte dann doch noch eine zweite Verkäuferin auf und die wollte sogleich damit anfangen, zu erklären, was Kinderwagenkäufer gewöhnlich wissen wollen: Wie man das Gefährt zusammenlegt, welche Vorzüge es hat, was man damit alles machen kann. Weit liess ich sie allerdings nicht kommen mit ihren Erläuterungen. Dies sei Kinderwagen Nummer 7, liess ich sie wissen, deshalb brauche man mir nichts mehr zu erzählen. Man hat ja schliesslich seinen Stolz, nicht wahr? Oder sehe ich etwa so aus, als sei ich eine Anfängerin in Sachen Kinderwagen?

Nun ja, offen gestanden war es nicht nur der Stolz, der mich daran hinderte, der Verkäuferin zuzuhören. Vor allem wollte ich einfach nur so schnell als möglich aus diesem Laden herauskommen. Irgendwie wurde mir nämlich etwas weh ums Herz, als ich diesen werdenden Eltern zuhörte und mir klar wurde, dass ich nie wieder einer Verkäuferin unsinnige Fragen zu Kinderwagen stellen werde. Und als mir bewusst wurde, dass dies wohl tatsächlich der allerletzte Kinderwagen war, den ich gekauft habe. Obschon ich dies ja schon öfters gesagt habe…

Es gibt sie noch…

… die Tage, an denen wir bis kurz vor neun in den Federn liegen und erst nach einer Tasse Kaffee und einem ausgiebigen Frühstück – das Karlsson für uns in der Bäckerei besorgt hat – in die Gänge kommen.

… die Tage, an denen ich mit Kindern und Au Pair zum Bio-Hof im Nachbarort fahre, um frische Schwarzwurzeln, Topinambur und Roggenkörner zu kaufen.

… die Tage, an denen das, was am Morgen eingekauft wurde, am Mittag bereits wunderbar duftend auf dem Tisch steht.

… die Tage, an denen der Zoowärter und ich uns eine halbe Stunde zurückziehen, um ein Bilderbuch nach dem anderen anzuschauen.

… die Tage, an denen „Meiner“ und ich alles stehen und liegen lassen, um unserem Prinzchen dabei zuzusehen, wie er sich ohne etwas zu verschütten einen Becher Wasser füllt.

… die Tage, an denen der Mittagsschlaf bis in den späten Nachmittag dauert.

… die Tage, an denen ich gedankenverloren am Herd stehe und der Bitterorangen-Marmelade dabei zusehe, wie sie leise vor sich hin blubbert.

… die Tage, an denen ich eins ums andere Mal wiederhole, wie sehr ich es geniesse, einmal im Jahr meine eigene Bitterorangen-Marmelade einzukochen, weil der ganze Prozess so langsam, gemütlich und entspannend ist.

… die Tage, an denen die Kinder so früh einschlafen, dass „Meiner“, das Au Pair und ich es tatsächlich schaffen, einen Film in voller Länge und ohne Unterbrechungen zu schauen.

… die Tage, an denen die Arbeit ruht und das Familienleben seinen ganz gewöhnlichen Lauf nimmt, mit Umarmungen, schimpfen, Witze erzählen, zuhören, trösten, sich ärgern und sich freuen.

… die Tage, an denen ich nicht nur weiss, dass das Leben schön ist, sondern es auch spüre.

 

Generalstreik im Kleiderschrank

Es ist mal wieder soweit: Meine Kleider haben alle gemeinsam den Entschluss gefasst, mich im Stich zu lassen. Zuerst die Jeans, die mehr Loch als Hose war, dann die Bluse, die mir seit mehr als zehn Jahren die Treue gehalten hatte und schliesslich auch noch die pinkfarbene Hose, die mich seit der letzten Schwangerschaft stets getröstet hatte, wenn ich mich mal wieder so richtig hässlich fühlte. Gut, ich geb’s ja zu, ich war nicht immer nur nett zu meinen Kleidern. Ich habe sie immer mal wieder achtlos auf dem Fussboden liegen gelassen, wenn ich abends zu faul war, sie fein säuberlich zusammenzufalten. Hin und wieder habe ich sie auch mit Farben kombiniert, die so ganz und gar nicht passen wollten. Und das eine oder andere Mal habe ich auch gemotzt, ich würde mal wieder unmöglich aussehen in diesen Fetzen. Ja, wahrlich nicht sonderlich nett, aber das gibt meinen Kleidern doch noch lange nicht das Recht, in Generalstreik zu treten und mich ausgerechnet jetzt, wo ich wieder jeden Tag das Haus verlasse, im Stich zu lassen. Ein bisschen mehr Loyalität hätte ich ja schon erwartet, nach allem Zu- und Abnehmen, das wir in den vergangenen Jahren der Familiengründung gemeinsam durchgestanden haben, meine Kleider und ich.

Nun mag man sich ja fragen, was denn so schlimm sei daran, wenn man sich von alten Kleidern trennen muss. Immerhin hat man dann einen guten Grund, sich neue zu kaufen und das, so könnte man meinen, sollte mir als Frau die Freudentränen in die Augen treiben. Das Problem ist nur, dass ich zu der Sorte Frauen gehöre, die lieber zum Zahnarzt gehen als in einen Kleiderladen. Versteht mich nicht falsch, ich mag schöne Kleider, aber die sollen bitte von selbst den Weg in meinen Schrank finden und dann ewig bleiben. Oder zumindest so lange, bis ich ich ihren Anblick wirklich nicht mehr ertragen kann. Gut, inzwischen kommen die Kleider ja tatsächlich von selbst zu mir, habe ich mich doch voll und ganz dem Versandhandel verschrieben. Das Paket wird geliefert, ich probiere das Zeug dann, wenn keiner zuschaut, einen Bruchteil behalte ich, den Rest schicke ich wieder zurück. Alles perfekt also, nicht wahr?

Nicht ganz, denn leider dauert es eine Weile, bis so ein Paket ankommt und da ich mir neue Kleider immer erst dann besorge, wenn die alten wirklich kaputt sind, darf ich behaupten, dass ich zurzeit eine der wenigen Frauen in unseren Breitengraden bin, die tatsächlich nichts Anzuziehen hat, zumindest nichts, das noch alle Knöpfe dran hat. Auch das wäre noch nicht so schlimm, denn kleine Mängel lassen sich leicht kaschieren oder im schlimmsten Fall vielleicht sogar beheben. Schlimm aber ist, dass ich meinen kleiderlosen Zustand vor „Meinem“ so lange werde geheim halten müssen, bis das Paket ankommt. Denn ich weiss genau, was geschehen wird, wenn er von meinem leeren Kleiderschrank erfährt: Er wird alle Hebel in Bewegung setzen, damit ich einen Tag freinehmen kann, um mir Kleider zu kaufen. Gut, so ein freier Tag wäre gar nicht so schlecht, nur weiss ich, dass „Meiner“ am Ende dieses Tages auch neue Kleider sehen will, was bedeuten würde, dass ich mir meine Freizeit nicht in Buchhandlungen und Museen um die Ohren schlagen könnte. Und Freizeit, die ich mit Kleiderkauf vergeuden muss, kann mir gestohlen bleiben.

Es könnte sogar noch schlimmer kommen, nämlich dann, wenn ich mich standhaft weigere, ein Kleidergeschäft zu betreten und „Meiner“ am Ende wieder selber auf Einkaufstour für mich geht. Nicht, dass er mir hässliche Kleider bringen würde. Im Gegenteil, der Mann hat Geschmack. Aber möchtet ihr vielleicht von „Eurem“ zu hören bekommen: „Schau mal, was ich dir vom Einkauf mitgebracht habe. Ist sie nicht hübsch, die Bluse? Und günstig war sie obendrein. Wenn du willst, kann ich sie dir morgen noch in Lila besorgen…“?

Anonym

Als ich vor einigen Jahren meine ersten Gehversuche mit Bloggen machte, dachte ich nicht im Traum daran, dass ich dies länger als zwei oder drei Wochen tun würde. Noch viel weniger dachte ich, dass je mehr als zwei oder drei Menschen sich auf diese Seite verirren würden. Und so dachte ich keinen Moment daran, die ganze Bloggerei anonym zu betreiben. Wozu auch? Es lesen ja ohnehin nur Freunde mit und vor denen habe ich ja nichts zu verbergen.

Inzwischen lesen auch noch ein paar andere mit und weil ich nie auf die Idee gekommen bin, mir ein Pseudonym zuzulegen, weiss jeder, wer die Autorin dieser Zeilen ist. Was an sich auch kein Problem ist, finde ich doch, man sollte nur schreiben, wozu man auch stehen kann. Dass es da noch einen anderen Aspekt zu berücksichtigen gäbe, daran habe ich nicht gedacht.

Wie man weiss, amüsiere ich mich gerne über die Absurditäten des Lebens. Gibt es etwas Lustvolleres, als hin und wieder eine skurrile Szene so richtig auszuschlachten? Für mich kaum. Nun ist es aber leider so, dass man Skurriles nicht nur mit Menschen erlebt, die einem völlig unbekannt sind. Hin und wieder, oder sogar ziemlich oft, stolpert man mitten im ganz normalen Familien- und Arbeitsalltag über die wunderbarsten Absurditäten. Und ehe man sich versieht, beginnt der Kopf zu texten, es entstehen die wunderbarsten Sätze über irgend eine aberkomische Situation, die man seinen Lesern keinesfalls vorenthalten möchte. Fast schon macht man sich auf, den Text in die Tasten zu hauen, da kommt einem in den Sinn, dass das ja nicht geht, weil derjenige, den man so gerne mal in die Pfanne hauen würde, vielleicht Wind von der Sache kriegen würde, weil man ja eben nicht anonym schreibt.

Was also tun? Mir einen Zweitblog zulegen, wie „Meiner“ vorschlägt? Wohl kaum, wo ich doch für den einen kaum mehr Zeit finde. Zudem würde ich mich nicht allzu lange verstellen können, gelte ich doch als miserable Schauspielerin. Hemmungslos über alles Absurde berichten? Vermutlich auch nicht die Lösung, bin ich doch ein geselliger Mensch, der keine Lust hat, in die soziale Isolation zu geraten, bloss weil ich meine Finger nicht unter Kontrolle habe. Es wird mir wohl nichts anderes bleiben, als die Geschichten für mich zu behalten  und sie eines Tages, wenn ich wieder mehr Zeit zum Schreiben habe, in einen Text einfliessen zu lassen, der so weit entfernt ist von der Realität, dass derjenige, der für meine Belustigung gesorgt hat, sich in den Zeilen nicht mehr wieder erkennen wird.

Testsieger

Es tut mir ja wirklich leid, aber euch allen, die ihr glaubt, gestresst zu sein, muss ich leider verkünden, dass wir Testsieger geworden sind. Seit heute tragen wir ohne nur einen Funken von Stolz die Auszeichnung „gestressteste Familie aller Zeiten“. Nun, offen gestanden habe ich gar nicht gewusst, dass wir im Rennen sind und wenn es nach mir gegangen wäre, hätte der heutige Tag genau das Gegenteil beweisen sollen, nämlich, dass ich durchaus in der Lage bin, dem Stress einen Riegel zu schieben, wenn ich denn nur mit genug Einsatz kämpfe. Aber ausgerechnet heute, als die Expertin zu Besuch war, musste mal wieder alles anders laufen als geplant: Ich kam erst von der Arbeit nach Hause, als die anderen das Mittagessen schon hinter sich hatten, „Meiner“ musste gleich wieder los, um der Putzfrau zu zeigen, wie sie die Teppiche im Familienzentrum reinigen muss und blieb hängen, weil die alten Sicherungen mit dem modernen Reinigungsgerät nicht klarkamen, schliesslich musste ich wieder los, um Unterlagen abzugeben und das bevor „Meiner“ wieder zurück war.

Als ich wieder nach Hause kam, war die Expertin bereits wieder weg, aber das Gehetze ging weiter, weil Luise zum Arzt musste, wo wir uns bestätigen liessen, was ich gestern schon geahnt hatte: Das Kind hat Scharlach. Kaum zu Hause angekommen ein Kontrollanruf der Expertin, der ich leider gestehen musste, dass ich soeben erst zur Tür rein gekommen sei und tatsächlich den ganzen Tag nur herumgerannt sei. Am Abend dann beim Abendessen das Urteil, das die Expertin dem Au Pair auf auf der Fahrt zum Bahnhof mitgeteilt hat: Es gibt viele Familien, die gestresst sind, aber keine ist so gestresst wie Vendittis. Diejenige, die das Urteil gefällt hat, dürfte wohl selbst am meisten darüber gestaunt haben, denn über Jahre wollte sie uns nicht glauben, dass „Meiner“ und ich momentan tatsächlich nicht das beschaulichste Leben führen. Sie glaubte wohl immer, es seien alles nur faule Ausreden, wenn wir behaupteten, ein Restaurantbesuch mit unserer Familie sei zurzeit nicht besonders gemütlich und auf einen Ausflug ins Shoppingcenter würden wir in der Vorweihnachtszeit jeweils auch ganz gerne verzichten.

Jetzt aber musste sie es wohl oder übel einsehen, dass das Leben in unserem Haus ganz schön anstrengend sein kann und ich nehme an, sie wird nicht so schnell wieder an einem ganz gewöhnlichen Montag bei uns zu Besuch kommen, meine Schwiegermutter.

Ungeniessbar

Da bin ich mal wieder, an dem altbekannten Punkt, an dem ich nie sein will, an dem ich aber unweigerlich lande, wenn meinem unausgeglichenen Temperament die Ruhe fehlt, um sich hin und wieder abzukühlen. Zu viel Zeit auf dem Bürostuhl, zu wenig auf dem Sofa, zu viele Gespräche am Telefon, zu wenige mit denen, die da um mich herum sind, zu viel Gehetze von hier nach da, zu wenige Atempausen und schon bin ich wieder die alte, ungeduldige und gereizte Mama Venditti, die ich schon immer war, wenn die Balance nicht stimmte. Eigentlich war ich schon so, bevor ich Mama war und Venditti hiess und schon damals war mir klar, dass es grundverkehrt ist, die eigenen Kräften so schlecht einzuteilen, dass man am Ende jene, die man liebt, nur noch anschnauzt.

Das das nicht in Ordnung ist, wusste ich schon damals, als ich Morgen für Morgen meine Eltern anmotzte und fünf Minuten später fröhlich lachend mit meinen Schulfreunden unterwegs war. Ich wusste es auch, als ich bei der Arbeit allen Frust herunterschluckte und freundlich blieb und dann, kaum zu Hause angekommen, allen Ärger an „Meinem“ ausliess. Ich weiss es auch heute, wo ich schlicht ungeniessbar bin, weil ich meinen ganzen Vorrat an Freundlichkeit und Liebenswürdigkeit am gestrigen Tag der offenen Tür verpufft habe. Ich weiss, dass jetzt der Zeitpunkt gekommen wäre, um mir mal wieder eine ausgiebige Pause zu gönnen, alle Pflichten für einige Tage beiseite zu schieben und mich voll und ganz auf die Menschen einzulassen, die ich liebe. Und das möchte ich auch, türmte sich da nicht die Arbeit auf meinem Schreibtisch und in meinem Kopf. Klar, ich werde versuchen, es in den nächsten Tagen besser zu machen, ausgeglichener und freundlicher zu sein, aber ich weiss, dass es mir, wie seit Jahren schon, nur zum Teil gelingen wird. Denn so sehr ich es auch möchte, ich kann nicht aus meiner Haut. Und deshalb wird mir nichts anderes übrig bleiben, als mich einmal mehr zu entschuldigen, die Selbstvorwürfe in die Schranken zu weisen und darauf zu hoffen, dass diejenigen um mich herum nicht aufhören, mich trotz meiner Macken zu lieben.

Helden

Jetzt gehört der FeuerwehrRitterRömerPirat also auch zum Klub der Helden, die sich mitten in der Nacht einer Notfalloperation unterziehen mussten. Und wie ein Held wurde er auch von seinen Geschwistern empfangen, als er heute mit OP-Haube auf dem Kopf und eingeschientem Arm wieder zu Hause erschien. Das sind sie, die Sternstunden, in denen sichtbar wird, wie sehr die fünf, die sich im Alltag doch ziemlich auf den Geist gehen können, einander lieben. Ob er Angst gehabt hätte, wollten die Geschwister wissen. Ob er auch durch diese langen unterirdischen Gänge gefahren worden sei. Und ob er mit der Zimmernachbarin, mit der er sich abends um zehn noch hitzige Wettkämpfe mit dem Bettenlift geliefert hatte, die Telefonnummer ausgetauscht hätte. Alles wollten sie wissen und bald einmal begannen sie, in ihren eigenen Erinnerungen zu schwelgen. „Ich werde nie diesen fürchterlich trockenen Zwieback vergessen, den sie mir damals in Österreich zu essen gaben“, sagte Karlsson, der seinen Blinddarm in unserem östlichen Nachbarland verloren hat. „Weisst du noch, wie doof meine Zimmernachbarin war“, lästerte Luise und sogar der Zoowärter, der zwar noch nie unter dem Messer, wohl aber schon auf der Notfallstation war, trug die bruchstückhaften Erinnerungen zusammen, die er noch finden konnte.

Da sassen sie also, die vier Veteranen und verglichen ihre Spitalerfahrungen. Und wie ich ihnen so zuhörte, kamen auch in mir die Erinnerungen hoch. Erinnerungen an diese elende Nacht als ich, mit dem Prinzchen schwanger, dabei zusehen mussten, wie sie meinen Ältesten in der Ambulanz mitnahmen in ein Spital, von dem ich nicht einmal wusste, wo es war. An das Bangen, als der Zoowärter in der Ambulanz vom Einkauf in der Ikea zurückgefahren kam. An das endlose Warten, als Luise der Bauch aufgeschnitten wurde. Und jetzt haben wir also auch mit dem FeuerwehrRitterRömerPiraten unser Abenteuer, auf das wir gerne verzichtet hätten, erlebt.

Gebangt haben wir auch diesmal, denn ich glaube, als Eltern kann man gar nicht ruhig und gelassen bleiben, wenn man weiss, dass das Kind, das man über alles liebt, leiden muss. Und doch fühle auch ich mich so langsam als Veteranin. Denn immerhin weiss ich inzwischen, wie der Hase läuft in diesen Spitälern. Das nimmt einem zwar nicht die Angst, aber zumindest weiss man, worauf man sich einstellen muss, wenn man mal wieder einen kleinen Helden der ärztlichen Pflege anvertrauen muss.

Und weil ich nach der anstrengenden Nacht so müde bin, hier ein pauschales herzliches Dankeschön an alle, die an den FeuerwehrRitterRömerPiraten gedacht haben.

Schon wieder

Und wiedermal sind Vendittis zu Gast auf der Notfallstation. Diesmal ist es der FeuerwehrRitterRömerPirat. Ausnahmsweise mal kein Blinddarm, aber unters Messer wird er trotzdem müssen, sobald das Brötchen, das er am späten Nachmittag gegessen hat, verdaut ist. Als heute Abend der FeuerwehrRitterRömerPirat und Luise ein Haus bauen wollten aus den Kartons, in denen die Bürostühle – Pardon, die Pferde meine ich natürlich – angeliefert worden sind, erwischte Luise mit dem Messer nicht den Karton, sondern die Hand ihres Bruders und zwar so tief, dass die Sehne verletzt wurde. Also ab ins Spital mit ihm, diesmal aber nicht ich, sondern „Meiner“, denn ich bin eine Memme, wenn es um Blut geht. Ich blieb zu Hause und versuchte, Luise zu beruhigen, die vor lauter Schuldgefühlen fast noch mehr weinte als ihr verletzter Bruder.

Der FeuerwehrRitterRömerPirat scheint die Sache ganz gelassen zu nehmen. Am Telefon plauderte er ganz fröhlich von seinem Ferrari, den ihm die Krankenschwester geschenkt hat und vor der Operation scheint er sich keineswegs zu fürchten. Nun, „Meiner“ und ich nehmen die Sache nicht ganz so gelassen und ich stelle mich ein auf eine weitere Nacht, in der ich mich frage, wie wir bloss so naiv sein konnten, unsere Kinder mit Messern hantieren zu lassen, auf eine weitere Nacht, in der ich es nicht erwarten kann, bis ich die erlösende Nachricht bekomme, dass mein geliebtes Kind aus der Narkose erwacht ist.