Es ist mir ernst

Wenn ich sage, dass mir so langsam der Schnauf ausgeht, sage ich dies nicht, um zur Antwort zu bekommen: „Ich würde das ja nie durchhalten. Aber du schaffst das mit Links.“

Wenn man mich fragt, wie es mir so geht und ich antworte „Nicht besonders gut“, dann meine ich das auch so. Denn wenn es mir gut ginge, würde ich sagen, dass es mir gut geht.

Wenn ich sage, dass mir die Dinge manchmal über den Kopf wachsen, dann brauche ich keine Ratschläge im Sinne von „Du müsstest eben besser delegieren…“ oder „Du hättest die Sache eben anders angehen müssen…“ Nein, dann wäre ich ganz froh, wenn ich einfach mal erzählen könnte, dass es nicht immer einfach ist, Familie, Arbeit, Schreiben und Haushalt zu jonglieren, dass das Ganze zwar unglaublich viel Freude macht, dass es aber auch ganz schön an die Substanz gehen kann. Ein wenig Verständnis würde so viel mehr bringen als ein besserwisserisches „Du müsstest eben…“ Was ich müsste, weiss ich sehr wohl, aber ob das, was ich müsste auch in die Realität umgesetzt werden kann, liegt nicht alleine in meiner Hand.

Wenn ich sage, dass ich mich schwach fühle, dann ist es schmerzhaft, wenn man mir sagt, ich sei doch eine starke Frau, ich würde das schon alles hinkriegen. Muss man denn immer stark sein, bloss weil man offenbar – völlig unbeabsichtigt übrigens – das Bild einer starken Frau abgibt?

Wenn ich verkünde, dass ich mal wieder eine Pause brauche, dann meine ich dies nicht als Aufforderung, dass ich jetzt endlich Zeit habe für all die Dinge, die man auch noch gerne mit mir besprechen möchte. Nein, dann meine ich, dass ich mich mal wieder einen Moment lang hinsetzen möchte, um in Ruhe etwas zu trinken, ein wenig zu lesen oder meinen Gedanken nachzuhängen.

Wenn ich diesen Blog mal wieder als Jammerkasten missbrauche, dann tue ich dies nicht, um Mitleid zu erregen, sondern einfach darum, weil zu meinem Leben eben nicht nur die Höhepunkte, sondern auch die Tiefpunkte gehören. Würde ich diese aussparen, könnte man am Ende noch auf die Idee kommen, ich sei eine jener Frauen, die so tun, als hätten sie immer alles im Griff. Und weil ich das nicht habe, will ich auch nicht so tun als ob.

14 Gedanken zu “Es ist mir ernst

  1. Danke! Das klingt verlockend. Ich glaube, ich mache von dem Angebot gebrauch, sobald es hier endlich ruhiger wird.

  2. Wenn du mal auswärts Frust ablassen und die Beine hochlegen willst (wir haben ein sehr bequemes Sofa!) – bzw. überhaupt Zeit dazu findest, bist du bei uns herzlich willkommen!

  3. Ich versuche auch, keine Tipps zu geben, ertappe mich dann aber hin und wieder doch dabei. Immerhin versuche ich aber, höchstens Tipps im Sinne von „Mach dir keinen Stress. Du kannst und musst nicht alles richtig machen“, zu geben, aber wie das auf der anderen Seite ankommt, weiss ich natürlich nicht.

  4. Danke, die Ruhe könnte ich tatsächlich gebrauchen. Aber ich werde wohl noch ein paar Wochen warten müssen. Zumindest stöbere ich schon nach Ferienangeboten für den Frühling…

    Das mit dem Zuhören scheint wirklich vielen fremd zu sein. Und die Fähigkeit, sich in jemand anderen zu versetzen scheint noch viel seltener vorzukommen.

  5. Das stimmt. Ich möchte ja nicht wissen, wie oft ich schon jemandem auf die Zehen getreten bin, ohne es zu wollen…

  6. Super Post, kenne genau diese Gefühl auch immer wieder. Vielleicht sind wir wirklich zu stark 😉

    Ich wünsche mir auch manchmal einfach Hilfe und keinen guten Ratschläge. Hoffe für mich, dass Ich es bei anderen besser mache und nicht selbst auch nur tolle Tips gebe.

  7. Ja, ja, ja! Genau diese Situation kenne ich. Da möchte man Empathie und bekommt ein Schulterklopfen, verbunden mit einem „Weiter so!“ oder aber es wird in die RatSCHLAGskiste gegriffen und ein unpassender Tipp abgegeben. Komisch, oder? Können die meisten Menschen nicht zuhören? Oder ist Kommunikation so komplex? Ich wünsch dir ein wenig Ruhe, jetzt sofort oder möglichst bald!

  8. Ja, manchmal wäre ein (ernstgemeintes) „Kann ich dir irgendwie helfen?“ einfach besser angebracht und wenn man dieses Angebot nicht ernst meinen würde, dann wäre einfach mal am besten, einfach gar nix zu sagen … Gute Ratschläge sind leider manchmal völlig fehl am Platz.

  9. Da hast du auf jeden Fall recht – darum kann ich auch ein bisschen nachfühlen.
    Ich versuche grundsätzlich, nicht so „plakative Schnellantworten“ zu geben, wenn jemand mit mir spricht. Aber keiner ist ganz davon gefeit…

  10. Ich glaube, Frauen, die immer wieder in den Topf „du bist ja so stark, dir macht das bestimmt nichts aus“ geworfen werden, können gar nicht in diese Fettnäpfchen treten. Und ich glaube, dich schmeisst man auch hin und wieder in diesen Topf…

  11. Liebe Tamar,
    Du sprichst mir wirklich aus dem Herzen – ich kann das so gut nachvollziehen!!!
    Falls ich selbst bei dir irgendwann so „saublöd“ ins Fettnäpfchen trete, dann brems mich bitte sofort 🙂
    E liebe Gruess, viu Chraft vo Obe!
    Regula

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