Prinzchenalarm

Nachdem mir gestern Nacht um halb drei das Druckerpapier ausging und ich endlich gezwungen war, aufzuhören mit arbeiten, musste heute Morgen Nachschub her. Was ich natürlich ganz gut bei uns im Dorf hätte erledigen können. Aber weil ich a) mal endlich wieder meine Höhle verlassen musste, b) nach so viel Nachtarbeit nicht auch noch gemeinsam mit der Putzfrau unsere Höhle aufräumen wollte und ich c) nach so viel Stress in den vergangenen Tagen mal wieder ein wenig Retail Therapy brauchte – ja, ich weiss, das kann ich mir momentan eigentlich nicht leisten – schnappte ich mir das Prinzchen, den Zoowärter und das Au-Pair und fuhr mit dem Bus in die Stadt.

Kaum aus dem Bus ausgestiegen, machten wir uns auf ins Warenhaus, wo wir mit lautem Alarm begrüsst wurden. Nun gehöre ich schon gewöhnlich nicht zur Kategorie Ladendieb,  wenn ich aber eben erst den Laden betreten habe, ist mein Gewissen noch reiner als sonst. Also hatte ich kein Problem damit, dass die Verkäuferin sogleich angerannt kam. Einer nach dem anderen mussten wir die Schranke noch einmal passieren, eins ums andere Mal blieb alles still. Einzig, als das Au-Pair mit dem Prinzchen auf dem Arm den durchspazierte, heulte der Alarm wieder. Au-Pair ohne Prinzchen war okay, Au-Pair mit Prinzchen ging nicht. Also war klar, dass beim Prinzchen eine Untersuchung angesagt war. Aber wie lange wir auch tasteten, wir konnten nichts finden, was den Alarm ausgelöst hatte, schon gar kein Diebesgut natürlich. Am Ende stand das Kind ohne Jacke, Mütze und Schuhe da und endlich, nachdem jedes Kleidungsstück einzeln getestet worden war, stellte sich heraus, dass des Prinzchens Schuhwerk den Alarm ausgelöst hatte. Die Verkäuferin war so nett, dafür zu sorgen, dass die Schuhe in Zukunft kein Chaos mehr anrichten, denn, so meinte sie, „Es wäre ja peinlich, wenn Sie mit dem Kind in keinen Laden mehr gehen könnten.“ Um uns für unsere Umstände zu entschädigen, schenkte sie uns noch einen Gutschein, obschon die Schuhe aus einem anderen Geschäft stammten und dann zogen wir endlich los, um uns unseren Einkäufen zu widmen.

Ein paar Momente später, als wir uns wieder einer Schranke näherten, heulte der Alarm erneut. Weil ich inzwischen im Begriff war, meine Sachen zu bezahlen, wusste ich, dass ich mit voller Einkaufstasche nicht mehr ganz so unschuldig erscheinen würde, wenn der Alarm sich erneut melden würde und so wandte ich mich mit meinem Kummer an eine andere Verkäuferin. Noch einmal alles von Vorne, wobei inzwischen immerhin bekannt war, was den Alarm ausgelöst hatte. So stellte sich bald einmal heraus, dass die erste Verkäuferin wohl nur einen Schuh „entschärft“ hatte, der andere uns aber weiterhin fälschlicherweise des Ladendiebstahls bezichtigte. Schliesslich aber, nachdem auch der zweite Schuh seine Spezialbehandlung erhalten hatte, war alles wieder wie immer. Wir konnten wieder völlig unbehelligt gehen, wohin wir beliebten.

Nun, ganz alles war nicht wie vorher. Das Prinzchen starrte von da an jede Schranke vorwurfsvoll an, weil sie einfach nicht mehr blinken und lärmen wollte. „Blöde Schranke“, schien er zu denken, „weisst du den nicht, dass das Leben viel mehr Spass macht, wenn es hin und wieder mal ordentlich heult.“ Dann hoffen wir mal, dass das Kind nicht zum Kleptomanen wird, bloss weil er den ganzen Spass wieder und wieder erleben will.

Reden wir mal über Geld

Okay, ich weiss, das Thema ist hoch unanständig und ich würde mich nicht darüber wundern, wenn ich den einen oder anderen Leser verliere, weil ich über solche Schweinereien schreibe. Aber nachdem sich in der Weihnachtszeit die Schlagzeilen zum Thema „Armut in der reichen Schweiz“ und „Working Poor“ wieder häufen und sich zudem zum  Jahresende die Rechnungen bei uns türmen, komme ich nicht umhin, mich mal wieder mit den schmutzigen Geheimnissen unseres Lebens zu befassen.

Vergleicht man den Lebensstandard von uns Schweizern mit dem Lebensstandard eines Grossteils der Weltbevölkerung, dann muss man gestehen, dass hierzulande wohl kaum einer weiss, was es bedeutet, richtig arm zu sein. Also arm im Sinne von kein Dach über dem Kopf, keine warmen Kleider, keine Gewissheit, ob man morgen wieder etwas zum Essen haben wird. Diese Art von Armut kennen die Wenigsten von uns und wenn unsere Kinder jeweils wissen wollen, ob wir arm oder reich seien, erkläre ich ihnen genau dies: Dass wir, verglichen mit den meisten Menschen auf diesem Planeten, steinreich sind. Und es stimmt ja auch, wir haben mehr als genug. Ein Haus, Schränke voller Kleider, mehr als genug zu Essen und dann noch sehr viele Dinge, von denen die meisten Menschen nicht mal träumen können. Zum Beispiel, um nur etwas zu nennen, diesen Computer, in dessen Tasten ich jeweils meine Texte haue. Nein, arm sind wir wirklich nicht.

Und doch gibt es da dieses Gefühl von Ohnmacht, wenn an einem Tag wie heute die Krankenkasse mitteilt, dass sie uns hunderte von Franken an Leistungen zuviel ausbezahlt hätten, die wir nun gefälligst zurückzahlen sollten. Zur gleichen Zeit lassen sie uns wissen, wie hoch der Betrag sein wird, den wir ab nächstem Jahr zu bezahlen hätten und „Meiner“ und ich schauen uns nur noch schweigend an, weil wir uns fragen, wie wir das alles bezahlen sollen. Wo wir doch genau wissen, dass die Prämienverbilligung, die uns dabei hilft, die Krankenkassenprämien zu bezahlen, erst im Laufe des nächsten Jahres ausbezahlt wird. Wir wissen auch, dass neben den Krankenkassenrechnungen noch ganz viele weitere Rechnungen darauf warten, beglichen zu werden. Rechnungen, die einfach so ins Haus flattern, ohne dass wir einen Einfluss darauf hätten. Weil das Leben in der Schweiz eben etwas kostet. Und zwar ziemlich viel.

So viel, dass wir reichen Leute nicht umhin kommen, uns bei der Fülle an Auslagen, die wir kaum oder gar nicht beeinflussen können, zuweilen sehr arm fühlen. Diese Überforderung, sich abzurackern und doch nie genug zu haben, diese Angst vor unvorhergesehenen Auslagen, welche das Ganze Budget aus dem Lot zu bringen drohen, dieses Gefühl von Ohnmacht, weil der Reichtum, in dem der Durchschnittsschweizer lebt, einen sehr hohen Preis hat, das alles kann einem ganz schön zusetzen. Nein, ich will nicht jammern, zumal man mir sofort den Vorwurf machen würde, wir hätten eben nicht so viele Kinder haben sollen. Ich will dankbar sein für alles, was wir haben, aber zuweilen wünsche ich mir eine Verschnaufpause in dem endlosen, unglaublich kräfteraubenden Spiel von Geld einnehmen und Löcher stopfen. Hin und wieder träume ich von einem Leben, in dem die Angst vor dem finanziellen Abgrund nicht existiert.

Und dann träume ich auch von einem Leben, in dem es nicht als unanständig gilt, über solche Dinge zu reden. Wie viele von uns reichen Schweizern fühlen sich als absolute Versager, weil sie glauben, sie seien die Einzigen, die es einfach nicht schaffen, etwas für Notzeiten auf die Seite zu legen? Wie viele von uns machen sich selber schwere Vorwürfe, wenn ihnen die Monatsabrechnung mal wieder die Tränen in die Augen treibt? Wie viele von uns fürchten sich hin und wieder vor dem Tag, an dem sie den Kindern Winterschuhe kaufen müssen, weil sie nicht wissen, ob bis dahin wieder genug Geld auf dem Konto ist? Wenn ich mich in meinem Bekanntenkreis umsehe, habe ich jeweils das Gefühl, wir seien die Einzigen, denen es so geht. Wenn ich aber die Statistiken anschaue, wird mir bewusst, dass es noch ganz vielen anderen ähnlich gehen wird, dass aber jeder sich schämt, darüber zu reden, weil er glaubt, wenn er sich nur etwas mehr anstrengen würde, sähe es anders aus mit seinen Finanzen

Nein, ich will nicht klagen, denn bei uns ist es am Ende immer irgendwie aufgegangen. Manchmal besser, manchmal schlechter, aber irgendwie kommen wir immer über die Runden. Aber ich wünschte schon, dass ich nicht jeden Luxus, den wir uns hin und wieder leisten, später wieder bereuen müsste, wenn ich merke, dass das Geld dafür nicht gereicht hätte, wenn ich gewusst hätte, welche Rechnung demnächst wieder bei uns eintreffen würde. Und manchmal wünschte ich auch, dass andere Leute offener über die schmutzigen Geheimnisse in ihrem Leben reden würden. Damit wir uns nicht immer wie die einzigen Deppen in unserem reichen Land fühlen müssen.

Arbeit frisst Leben

Vor einiger Zeit habe ich ja damit geprahlt, dass der Adventsstress in diesem Jahr nichts wissen will von mir. Das ist auch weiterhin so geblieben, aber erst heute ist mir endlich klar geworden, weshalb das so ist. Vor lauter Arbeit habe ich nämlich noch gar nicht realisiert, dass am Sonntag der dritte Advent ist und dass es so langsam aber sicher an der Zeit wäre, in Weihnachtsstimmung zu kommen. Aber wie soll man denn in Weihnachtsstimmung kommen, wenn die Arbeit, die man bis anhin noch ziemlich gut vom Familienleben hatte trennen können, sich mehr und mehr in den Alltag frisst?

Heute Morgen war mal wieder ein klassisches Beispiel dafür. Nach einer anstrengenden Sitzung und einer halbdurchwachten Nacht war ich heute Morgen reif für ein wenig Faulenzen mit Duftkerzen, Schwarztee, ein paar Weihnachtsguetzli und ausgiebiger Zeitungslektüre. Und für einmal schien das Familienleben meinem Ansinnen wohlgesinnt zu sein: Karlsson und Luise machten sich pünktlich auf den Weg und sogar der FeuerwehrRitterRömerPirat verliess heute das Haus bevor der Kindergarten angefangen hatte. Der Zoowärter verschlief den ganzen Morgen, das Tageskind kam ausnahmsweise später und einzig ein sehr gut gelauntes Prinzchen sorgte für gerade genug Leben in der Bude, damit mir nicht langweilig würde. Alles war perfekt für ein fröhliches Tête-à-Tête bei Tee und Kakao mit meinem Jüngsten. Ach ja, und wo wir schon dabei waren, könnten wir uns doch gleich noch einen gemütlichen Schwatz mit dem Au-Pair gönnen. Vielleicht könnten wir ja endlich besprechen, wer war zu Weihnachten bekommen soll.

Und dann kam der erste Anruf, kurz darauf der Zweite und als ich den Dritten entgegennahm, klingelte gleichzeitig auch noch das Arbeitshandy.  Dazwischen zwei oder drei E-Mails, die ganz dringend beantwortet werden mussten. Das Au-Pair tat inzwischen, was ich eigentlich so gerne getan hätte: Sie quatschte mit dem Prinzchen, freute sich an seinen Fortschritten und sorgte dafür, dass er die Mama, die schon wieder an der Strippe hing, nicht zu sehr störte. Dabei hätte ich doch noch so gerne von ihm gestört werden wollen, lechzte ich doch nach einer ziemlich anstrengenden (Arbeits)woche richtiggehend nach Zeit mit meinem Jüngsten. Aber am Ende kam doch wieder die Arbeit zuerst, auch wenn das Au-Pair mich davon zu überzeugen versuchte, ich solle doch beim nächsten Mal das Telefon einfach läuten lassen. Irgendwann war ich so frustriert über meinen verpatzten vorweihnachtlichen Mama-Sohn-Morgen, dass dieser eine Anruf mehr nicht weiter ins Gewicht fiel. Ausserdem war es jetzt ohnehin Zeit, mit Luise zur Kinderärztin zu fahren, um die Fäden aus ihrer Bauchnaht zu entfernen.

Auf dem Weg zur Ärztin, als wir an unglaublich vielen Samichläusen, Lichterketten und dekorierten Tannenbäumen vorbeifuhren, wurde mir endlich klar, dass ich mich jetzt ganz dringend mal dem Advent und allem, was er so an Schönem mit sich bringen kann, widmen muss. Denn tue ich das nicht, steht am Ende doch noch der Adventsstress vor der Tür, weil ich vor lauter Arbeit das Backen, das Dekorieren, das Singen, das Geschenkemachen, das Geniessen und die Stille auf den letzen Moment aufgeschoben habe.

Fehlanzeige

Okay, ich geb’s ja zu, dass Jasmin Hutter damals, als sie noch Nationalrätin war, mir ganz schrecklich auf die Nerven gefallen ist. Und darüber habe ich freimütig geredet. Weil ich der Meinung war, dass ich als Mutter, die auch schon die sehr unromantischen Seiten des Familienlebens kennen gelernt hatte, einiges mehr zum Thema zu sagen hatte, als sie, die damals gerade mal mit dem ersten Kind schwanger war. Frauen, die lauthals verkünden, was Mama zu tun und zu lassen hat, bevor sie selber Mama sind, sind mir äusserst suspekt. Wenn sie dann auch noch mit ihrem Gerede Politik machen wollen, dann bringt mich das zur Weissglut. Inzwischen aber hat sich Frau Hutter ins Privatleben zurückgezogen und seither habe ich mich nicht mehr um sie gekümmert. Warum sollte ich auch, jetzt wo sie in der Öffentlichkeit schweigt? Und ich bin mir fast ganz sicher, dass sie inzwischen bestimmt die eine oder andere Erfahrung gemacht hat, die sie erkennen lässt, dass Muttersein schwieriger ist, als es in der Fernsehwerbung jeweils aussieht. Für mich also wäre das Kapitel Jasmin Hutter abgeschlossen.

Wäre, wenn sich nicht seit einiger Zeit immer öfters Menschen auf meinen Blog verirren, die offenbar verzweifelt auf der Suche sind nach Hinweisen, dass bei Hutters der Haussegen schief hängt. Ich kann mir nicht erklären, weshalb mein Blog bereits an dritter Stelle erscheint, wenn man nach Eheproblemen im Hause Hutter sucht, aber ich bin mir ganz sicher, dass das Gerücht, so es denn existiert, nicht aus meiner Küche stammt. Denn wie bereits erwähnt, ist mir Jasmin Hutter, jetzt, wo sie keinen Einfluss mehr nimmt auf die Geschicke der Schweiz, ziemlich egal. Und deshalb, liebe Suchende, muss ich euch leider enttäuschen. Bei mir findet ihr keine süffigen Geschichten über das ehemalige Aushängeschild der SVP-Frauen. Da müsst ihr schon anderswo im Dreck wühlen.

Ganz die Mama

Wer kennt das nicht: Eines Tages dämmert einem, dass man endlich mal wieder etwas für die Fitness tun sollte und man fängt an, bei jeder Gelegenheit davon zu reden, dass man unbedingt mehr Sport machen sollte und dass man sich einfach noch nicht entscheiden kann, ob man lieber schwimmen oder Rad fahren möchte. Irgendwann gibt man sich einen Ruck, besorgt sich ein Abo und eine Ausrüstung und dann nimmt man sich ganz fest vor, sich regelmässig am Riemen zu reissen und die ersten drei Wochen geht das wirklich ganz gut. Voller Elan macht man sich auf zur körperlichen Ertüchtigung, voller Stolz verkündet man im Bekanntenkreis, man betreibe jetzt regelmässig Sport, voller Freude hätschelt man den ersten Muskelkater. Nach drei Wochen, manchmal auch etwas früher oder etwas später, ist es vorbei mit der ersten Euphorie, doch man rafft sich noch zwei oder dreimal auf, sich dennoch in die Sportkleider zu stürzen und den Lesesessel zu verlassen. Gut, während man dabei beim einen Mal noch den Weg in die Sporthalle findet, landet man beim anderen Mal schon vor dem Training im Café. Schliesslich ist der gute Vorsatz ganz verpufft und das Abo läuft ab, ohne dass man es je voll ausgeschöpft hätte.

So ähnlich war das auch mit dem Zoowärter und dem Muki-Turnen. Den ganzen Sommer über freute er sich darauf, im Herbst wieder jede Woche mit mir in die Turnhalle zu gehen. Jedes Mal, wenn er seine Turnhose sah, redete er davon, was er alles machen werde, wenn der Spass erst wieder losginge. Jedem, der es hören wollte, erzählte er, dass er dann wieder mit Mama ins Turnen gehen werde. Als es endlich soweit war, war die Begeisterung riesig. So riesig, dass ich ihm gleich ein Muki-T-Shirt bestellen und uns in die Liste der regelmässigen Teilnehmer eintragen musste. In der ersten Zeit hätte er täglich dorthin gehen mögen. Doch so langsam aber sicher kühlt sich die Begeisterung ab. Irgendwann begann er, auf dem Weg zu trödeln, er fragte mitten in der Stunde, wie lange das denn noch dauern würde und seit einer Woche nun weigert er sich, das Haus zu verlassen. Er wolle lieber schlafen, lässt er mich jeweils wissen, wenn ich ihn morgens zur Eile antreiben will.

Nun wäre es natürlich an mir, den Zoowärter zu motivieren, ihm zu sagen, dass Sport eine ganz tolle Sache sei und dass wir uns doch verbindlich angemeldet hätten. Und ich war heute Morgen, als er wieder nicht aus dem Bett kommen wollte, tatsächlich nahe daran, ihn zu überreden. Doch dann liess ich es bleiben. Denn weshalb soll ich von meinem Sohn etwas erwarten, was ich selber nicht zustande bringe? Wozu soll ich ihn zwingen, seinen inneren Schweinehund zu überwinden, wo ich doch meinen eigenen nicht im Griff habe? Und zu guter Letzt: Warum soll ich ausgerechnet in einem der wenigen Bereiche einschreiten, in denen mein Zoowärter nach mir kommt? Wo er doch sonst ganz der Papa ist.

Verschmähte Liebe

Wer mich kennt, weiss, dass ich für die Kinder über fast jeden Schatten springe. Der FeuerwehrRitterRömerPirat wünscht sich eine jener unsäglichen Autorennbahnen mit Loopings zu Weihnachten? Natürlich kriegt er sie, auch wenn sowohl Mama als auch Papa von einer Welt ohne Autos träumen. Die Kinder möchten so furchtbar gerne einmal Toast Hawaii essen? Na dann, bereiten wir ihnen eben diese kulinarische Sünde zu. Wir können dann ja immer noch auf den Stockzähnen grinsen, wenn die Kinder erkennen müssen, dass aufgeweichtes Toastbrot mit Schinken, Käse, Ananas und Kirsche nicht der Gipfel aller Genüsse ist. Karlsson will deutsche Schlager und Ländlermusik hören? Nun, soll er doch, solange er es in einer einigermassen erträglichen Lautstärke tut. Und wenn er die Geschmacksverirrung danach durch das Hören von Bach, Mozart und Mani Matter ausgleicht, ist die Welt auch für uns wieder in Ordnung.

Sehr weit Anlauf nehmen musste ich allerdings, als ich neulich beim Wocheneinkauf über meinen Schatten sprang und je zwei Blut- und Leberwürste in den Einkaufswagen legte. Offen gestanden bin ich in meinem doch nicht mehr ganz kurzen Leben noch nie mit dieser Scheusslichkeit in Kontakt gekommen. Aber seitdem Karlsson für alles schwärmt, wovor Mama sich ekelt und seitdem der FeuerwehrRitterRömerPirat es seinem grossen Bruder gleichtun will, dämmerte mir, dass ich wohl nicht ewig meine Augen verschliessen könnte ob der blutrünstigen Schlemmerei, die da jeweils im Herbst getrieben wird. Von Menschen, die einem solchen Gelage schon beigewohnt haben, habe ich mir sagen lassen, dass die Sache ziemlich abstossend sein muss. Von aufspritzenden Säften berichtete man mir und von einem Gestank, der für Aussenstehende nicht eben appetitanregend sei. Und deshalb habe ich lange so getan, als wüsste ich nicht, wovon er redet, wenn Karlsson bat, ich möchte ihm doch einmal Blutwürste kaufen. Aber ich wusste, dass ich irgendwann würde nachgeben müssen und so lagen also die Würste letzen Donnerstag im Einkaufswagen und heute Mittag im heissen Wasser. Ich habe mal angenommen, dass man die Dinger in heissem Wasser gart, aber vielleicht war das vollkommen falsch. Ich weiss nämlich nicht, welches die korrekte Art ist, Blut- und Leberwürste geniessbar zu machen.

Ich weiss übrigens auch nicht, ob das Zeug tatsächlich spritzt, wenn man mit der Gabel dreinsticht, ich weiss nicht, ob das Zeug so eklig ist, wie es aussieht und schon gar nicht weiss ich, ob meine Söhne Blut- und Leberwürste nun mögen oder nicht. Alles was ich weiss, ist, dass die Würste so bestialisch gestunken haben, dass weder Karlsson, noch der FeuerwehrRitterRömerPirat noch der Zoowärter sie angerührt haben. Und so liegen sie da, unberührt und eklig, ein Zeichen meiner überschwenglichen Mutterliebe, die über jeden Schatten springt. Die Art von Mutterliebe, die beim heutigen Mittagessen so herzlos verschmäht wurde.

Worüber ich übrigens gar nicht so unglücklich bin. Man stelle sich mal vor, wie unser Speiseplan in Zukunft aussehen würde, wenn die Jungs die Würste geliebt hätten.

 

Home sweet home?

Luise ist wieder zu Hause, was ich als fürsorgliche Mutter natürlich begrüsse. Ich meine, es gibt doch nichts Besseres für ein Kind, als in seiner vertrauten Umgebung gesund zu werden. Dort, wo die Menschen sind, die sie lieben und die sie liebt. Dort, wo sie all ihre Sachen, ihr gewohntes Essen und auch die Ruhe hat, die sie im Spitalzimmer, das sie mit einer fünfzehnjährigen Quasselstrippe teilen musste, vergeblich herbeisehnte. Ist doch einfach schön, dass man heute die Kinder nicht mehr unnötig lange im Krankenhaus behält, wo sie sich vor lauter Schläuchen und Apparaturen kränker fühlen, als sie wirklich sind. So sehe ich das, theoretisch zumindest.

Praktisch ist es leider so, dass in den Augen eines kleinen Bruders die grosse Schwester, die einen Infusionsschlauch hinter sich herzieht, ein schutzbedürftiger Mensch ist. Auf eine grosse Schwester aber, die zwar noch etwas müde und blass, sonst aber wieder ganz die Alte ist, muss man doch nicht sonderlich Rücksicht nehmen, nicht wahr? Jetzt ist sie ja wieder da, also kann man sich wieder wie gewohnt mit ihr streiten. Wegen dieser klitzekleinen Wunde am Bauch soll die doch kein Geschrei machen. Ist doch alles halb so wild. Dann will sie auch noch ganz alleine mit Mama Guetzli backen, bloss weil sie nicht dabei war, als die anderen das Lebkuchenhaus bauten. Und das, nachdem sie Mama einen Tag und zwei Nächte lang ganz für sich alleine haben durfte. So ein Affentheater, bloss wegen diesem kleinen Blinddarm.

Aber auch für uns Eltern ist es im Alltag gar nicht so einfach, Luise die Ruhe zu bieten, die sie eben auch jetzt noch braucht, obschon sie zwischendurch schon ganz fit und munter ist. Liegt dein Kind im Krankenhausbett, klein, hilflos und müde, dann wird dir bewusst, wie sehr sie auf dich angewiesen ist. Liegt dein Kind zu Hause auf dem Sofa, musst du aufpassen, dass du überhaupt mal Zeit findest, dich um sie zu kümmern. Zwischen dem schrillenden Telefon, den anderen Kindern, die jetzt auch wieder Aufmerksamkeit brauchen, zwischen Abwasch, kochen und Aufwischen geht ein krankes Kind zuweilen fast vergessen. Und dies, obschon sie auch jetzt noch ganz viel Zuwendung bräuchte, um wieder ganz auf die Beine zu kommen.

Mag sein, dass Luise sich zu Hause wohler fühlt, aber ich bin mir fast sicher, dass ihr ein weiterer Ruhetag im Krankenhaus dennoch ganz gut getan hätte. Auch wenn ich theoretisch weiterhin der Meinung bin, dass man zu Hause schneller gesund wird.

Stammgast

Ob man auf der Kinder-Notfallstation auch Zimmer mieten kann? So langsam scheinen wir hier zu Stammgästen zu werden, einfach jedes Mal mit einem anderen Kind. Diesmal mit dabei: Luise mit Verdacht auf Blinddarmentzündung. Die Warterei ist endlos, Luise tapfer und sehr darum bemüht, jetzt schon möglichst viel über ihren Traumberuf Krankenschwester zu lernen. Nicht mal bei der Blutabnahme schaut sie weg und schlafen will sie erst recht nicht, aus Angst, etwas zu verpassen.

Und Mama? Die ist inzwischen auch ein wenig weiser geworden und hat vorsorglich ihr Strickzeug, das iPad und ein Buch eingepackt. Bloß etwas hat sie vergessen: Dass man ein Abendessen im Magen haben sollte, bevor man sich aufmacht, im Spital zu warten.

Und jetzt bitte noch auf Englisch…

Dass fehlerfreies Englisch zuweilen eine Glückssache ist, ist mir nicht neu. All die „Schtiiks“ (Steaks) und „Chichenn Nöggets“ (Chicken Nuggets) die hierzulande gegessen werden, liegen mir schwer auf dem Magen auch wenn ich selber als Vegetarierin nie zugreife, wenn diese serviert werden. Wenn die sportliche Fünfzigerin ins „Body Pömp“ geht und der Referent ein „Klöster“-Diagramm präsentiert, dann frage ich mich, weshalb man die Dinge nicht doch lieber auf Deutsch sagt, wo es auf Englisch doch einfach nur peinlich klingt. Und wenn meine Schwiegermutter uns vor „Fasabuck“ (Facebook) warnt, kann ich nur mit Mühe das Lachen verkneifen, auch wenn ihre Angst, dass wir im grossen weiten Internet zu viel von uns preis geben, sehr gross ist. (Dass meine Schwiegermutter allen Ernstes glaubt, „Meiner“ und ich würden Fotos von durchzechten Nächten publizieren, steht auf einem anderen Blatt. Wo wir doch uns doch die Nächte bloss mit zu viel Prinzchengeschwätz um die Ohren hauen und das gibt garantiert keine kompromittierenden Bilder.)

Solange das Horror-Englisch nur gesprochen wird, kann ich dennoch halbwegs damit leben. Man hört’s, nimmt’s zur Kenntnis und vergisst es gleich wieder. Also eine Qual, die sich in Grenzen hält. Viel schlimmer finde ich es, wenn das Zeug geschrieben und dann auch noch gedruckt wird. Und zwar nicht von Schülern, die ein Grundrecht auf Fehler haben, sei es im Gesprochenen, Geschriebenen oder Gedruckten. Wenn ich aber in einem Buch den unsäglichen Titel „Do Italians it better?“ lesen muss, dann ärgere ich mich derart darüber, dass der Lektor seinen Dienst nicht getan hat, dass ich kaum mehr weiterlesen kann. Gut, so ein Tippfehlerchen ist schnell mal übersehen, wie ich bei meinem eigenen Buch leider auch habe feststellen müssen, aber eine derart kolossale Fehlkonstruktion wie oben zitiert sollte doch irgend einem ins Auge springen, bevor das Buch in Druck geht. Oder bin ich wirklich eine unverbesserliche Idealistin?

Nun, immerhin kann man bei diesem Titel noch halbwegs erahnen, was die Autorin hätte fragen wollen. Was aber fange ich mit dem Wortgewusel an – Satz mag ich das nicht nennen, weil ich gar nicht weiss, ob es einer sein soll – das ich gestern Abend beim Verpacken der Adventsgeschenke für unsere Kinder entdeckt habe? Da lese ich auf einer Schachtel mit Traktoren, die das Prinzchen in den kommenden Tagen erhalten soll, die folgenden Worte: „To insure a loke new appearance in definitely“. Und das nicht etwa winzig gedruckt, irgendwo in der untersten Ecke einer Gebrauchsanweisung, sondern gross, fett und rot. Das Ganze insgesamt viermal, auf jeder Seite der Schachtel einmal.

Seither verfolgen mich diese Worte, denn ich weiss nicht, an wem ich zweifeln soll. An meinem CPE, weil es mir noch immer nicht ermöglicht, jeden erdenklichen Mist, der in englischer Sprache daherkommt, zu verstehen? Am Werbefuzzi, der glaubt, das Produkt verkaufe sich besser, wenn es in einer pseudoenglischen Verkleidung daherkommt? Am Thesaurus, der mir sagt, er kenne das Wort „loke“ nicht? Oder vielleicht an meinem Verstand, der nicht fähig ist, hinter diesen Worten einen Sinn zu erkennen? Was, wenn sich hier die ultimative Weisheit verbirgt, ohne die mein Leben nie das wird, was es sein könnte, wenn ich die geheimnisvolle Botschaft entschlüsseln könnte?

Wäre nett, wenn mir jemand weiterhelfen könnte, bevor ich an meinem Lebensziel vorbeischiesse, bloss, weil meine Englischkenntnisse nicht ausreichen.

Wo bleibt er denn nur?

Was läuft hier bloss wieder falsch? Ich kann ihn umwerben wie ich will, zu mir will er in diesem Jahr einfach nicht kommen. Landauf landab klagen die Mütter, in diesem Jahr sei es besonders schlimm mit ihm, sie wüssten ihm fast nicht mehr zu wehren, aber von mir will er einfach nichts wissen. Andere Mütter werden in diesen Tagen belästigt mit Adventssingen, Adventsbasteln, Adventsbacken, Adventsshopping, Adventsichweissnichwassonstnoch, aber bei mir herrscht noch heute, am Tag nach dem ersten Advent, gespenstische Ruhe. Klar, am Samstag haben wir auch Adventskränze gebastelt, aber das war kein Stress, weil jemand anders die Sache perfekt organisiert hatte. Ach ja, und die Kinder machen natürlich auch bei so einer Art Krippenspiel mit, aber dieser eine zusätzliche Termin war nun wirklich nicht so schlimm, zumal unser Samstagnachmittag mit weniger Kindern dafür umso ruhiger verlief. Auch die zwei anderen adventsbedingten Termine, die bis Weihnachten noch in unserem Kalender stehen, fallen auch nicht gross ins Gewicht.

Und so kommt es, dass ich in diesen Tagen wohl eine der wenigen Mütter bin, die allen Ernstes vorschlägt: „Lass uns doch im Dezember mal wieder Kaffee trinken. Mein Kalender ist noch ziemlich leer. Wann hättest du denn Zeit?“ Warum bloss zückt bei dieser freundlichen Einladung die andere Person nicht sogleich die Agenda? Warum bloss schaut sie mich an, als hätte ich da eben eine furchtbar ketzerische Frage gestellt? Warum bloss zweifeln einige gar an meinem Verstand, wenn ich frage, ob sie bald einmal wieder Zeit für einen Schwatz hätten?

Nun ja, ich weiss nur zu gut, warum das so ist. Klage ich doch gewöhnlich auch über den Adventsstress, der mich daran hindert, Ruhe und Besinnung zu finden. Was ich aber nicht weiss: Warum bloss ist es in diesem Jahr anders bei mir? Habe ich ein besonders gutes Jahr erwischt, in dem sämtliche Lehrkräfte meiner Kinder adventsmüde sind und deswegen auf zusätzliche Termine verzichten? Sind unsere Kinder in diesem Jahr besonders bescheiden und belästigen uns nicht mit unerfüllbaren Wünschen? Oder habe ich in den vergangenen Wochen in derart hohem Tempo gelebt, dass ich mich jetzt, wo es arbeitsmässig etwas ruhiger wird, nicht mehr so leicht aus der Ruhe bringen lasse?

Vielleicht aber – und das befürchte ich fast – spielt der Adventsstress in diesem Jahr ein besonders heimtückisches Spiel mit mir: Er kündigt seinen Besuch nicht wie üblich weit im Voraus an, sondern wartet, bis wir glauben, er habe und in diesem Jahr vergessen weshalb wir es uns mit Glühmost und Guetzli gemütlich machen, und dann schlägt er aus dem Hinterhalt zu, wenn wir am wenigsten mit ihm rechnen.