Ganz schön intensiv das Ganze

„Warte nur, bis sie grösser sind“, warnten mich erfahrene Mütter, als ich selber noch ziemlich am Anfang stand. „Du wirst dich nach den Zeiten zurück sehnen, als die Frage, wann sie endlich durchschlafen, deine grösste Sorge war.“ Sie redeten so, als wäre die Baby- und Kleinkinderzeit ein Spaziergang an der Strandpromenade, das Leben mit grösseren Kindern hingegen eine Überfahrt bei rauer See. Trotz ihrer Erfahrenheit glaubte ich ihnen nicht. Wie auch? Wo doch jeder Tag mit den lieben kleinen Menschen mehr an die Substanz ging, als vorher eine ganze Arbeitswoche. 

Heute stehe ich in der Lebensphase, vor der sie mich damals gewarnt haben. Eine intensive Phase, ich gebe es offen zu. Schulnöte, gesundheitliche Probleme, pubertäre Wutanfälle, Revolte gegen die elterliche Autorität, der zunehmende Schmerz des Loslassens – das alles geht an die Substanz, erfordert meine volle Präsenz, raubt mir zuweilen auch den Schlaf. 

Hatten sie also recht, die Mütter, die es vor zehn, fünfzehn Jahren so gut verstanden, mir den Mut zu rauben? Nein, das hatten sie nicht. Kinder zu haben – das sehe ich heute, wo einige Bereichen einfacher, andere schwieriger als früher sind – ist in jeder Phase ganz schön intensiv.

Und trotz allem ganz schön. 

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Politisiert

Zufrieden? Na ja, ein weiteres Loch im Gotthard hätte es meiner Meinung nach nicht gebraucht und ich gehöre auch zu der Minderheit, die findet, mit Essen dürfe man nicht spielen, aber davon abgesehen erlebe ich heute den ersten glücklichen Abstimmungssonntag seit Jahren. Nicht nur wegen dem, was man jetzt in sämtlichen Medien im In- und Ausland lesen kann – weshalb ich es an dieser Stelle nicht zu wiederholen brauche -, sondern auch, weil „Meiner“ und ich jetzt nicht mehr die einzigen sind, die am Familientisch über Politik diskutieren. Gut, Politik war schon immer ein Thema bei uns, und die ältesten unserer Kinder erinnern sich noch lebhaft an meinen Luftsprung, als der Milliardär aus Herrliberg aus dem Bundesrat abgewählt wurde, doch bis jetzt verliefen die politischen Gespräche eher so:

Kinder: „Ist das ein Guter oder ein Böser?“

„Meiner“: „Ein Böser.“

Kinder: „Warum?“

Ich: „Weil der bei der letzen Abstimmung…“

Inzwischen aber ist Karlsson gross genug, um sich seine eigenen Gedanken zu machen, kluge Beobachtungen anzustellen und herausfordernde Fragen zu stellen. Luise kann zwar noch immer nicht ganz nachvollziehen, warum wir dem Thema so viel Beachtung schenken, aber auch sie fängt an zu begreifen, dass das alles auch etwas mit ihrem Leben zu tun hat. Beim FeuerwehrRitterRömerPiraten könnte man glauben, er verstehe von der Sache noch überhaupt nichts, fangen seine Augen doch jedes Mal, wenn im politischen Zusammenhang das Wort „Kampf“ fällt, gefährlich an zu leuchten, doch kurz darauf stellt er wieder Verständnisfragen, die es in sich haben. Man darf also gespannt sein, wie sich das in den kommenden Jahren entwickelt.

Ich hoffe einfach, „Meinem“ und mir ist es gelungen, eine gute Basis zu legen, damit sie in ein paar Jahren, wenn sie abstimmen und wählen dürfen, auch das Gleiche auf ihre Zettel schreiben wie wir. 

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Definitionen

Wenn man Kinder hat, bekommen gewisse Wörter eine ganz neue Definition. Hier ein paar Beispiele:

Kind

Defintion Duden (Auszug):
1. Noch nicht geborenes, gerade oder vor noch nicht langer Zeit zur Welt gekommenes menschliches Lebewesen; Neugeborenes, Baby, Kleinkind
2. Mensch, der sich noch im Lebensabschnitt der Kindheit befindet (etwa bis zum Eintritt der Geschlechtsreife), noch kein Jugendlicher ist; noch nicht erwachsener Mensch

Definition Eltern:
1. Über alles geliebter, grenzenlos begabter, bildhübscher und nahezu vollkommener Mensch, ohne den man sich sein Leben nicht mehr vorstellen könnte 
2. Kleines Monster, das einen so spielend zur Weissglut treibt wie sonst niemand auf diesem Planeten

Liebe

Definition Duden (Auszug):
1. Starkes Gefühl des Hingezogenseins; starke, im Gefühl begründete Zuneigung zu einem (nahestehenden) Menschen
2. Auf starker körperlicher, geistiger, seelischer Anziehung beruhende Bindung an einen bestimmten Menschen, verbunden mit dem Wunsch nach Zusammensein, Hingabe o. Ä.
3. Sexueller Kontakt, Verkehr

Definition Eltern:
1. Kind
2. Kind
3. Kind
4. Kind
5. Kind
6. Kind
7. Kind
.
.
.
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.
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102. Partner, so man sich denn mal sieht vor lauter Kind

Freizeit

Definition Duden:
Zeit, in der jemand nicht zu arbeiten braucht, keine besonderen Verpflichtungen hat; für Hobbys oder Erholung frei verfügbare Zeit

Definition Eltern:
1. Zeit, in der jemand so geschafft ist, dass er nicht mehr in der Lage ist, seinen Verpflichtungen (Wäscheberge, Steuererklärung, Geschirrspüler ausräumen, Hausaufgaben beaufsichtigen, etc.) nachzugehen, weshalb er oder sie auf dem Sofa kollabiert und sich irgend eine schwachsinnige Serie reinzieht, obschon eigentlich andere Dinge zu erledigen wären
2. Zeit, die einem der Partner schenkt, damit man mal wieder ausspannen kann, was aber nur gelingt, wenn man es schafft, nicht daran zu denken, was der Partner in dieser Zeit alles alleine stemmen muss
3. Tauschhandel mit dem Babysitter (wenig Zeit gegen viel Geld), mit dem Ziel, endlich mal wieder Zeit mit dem Partner zu verbringen

Wochenende

Definition Duden:
[Freitagabend,] Samstag und Sonntag (als arbeitsfreie Tage)

Definition Eltern:
1. Freitagabend: Der Abend, an dem alle anderen schon Wochenende haben, man selber aber die Kinder wahlweise zum Schulsport, zum Instrumentalunterricht oder zur Klassenfete karrt.
2. Samstag: Zimmer aufräumen, putzen, Schuhe kaufen, Reparatur- und Gartenarbeiten, Bibliotheksbesuch, Wände streichen, ausmisten und zwar alles unter Einbezug der Kinder, damit sie lernen, dass sich die Arbeit nicht von selbst erledigt, was nicht selten zu wüsten Streitereien führt
3. Sonntag: Tag der Erholung, der inneren Einkehr, der Familienausflüge und der Gäste, nicht selten ruiniert durch vergessene Hausaufgaben und unvermeidliche Sportanlässe

Ferien

Definition Duden:
1. mehrere zusammenhängende Tage oder Wochen dauernde, der Erholung dienende, turnusmässig wiederkehrende Arbeitspause einer Institution (z. B. der Schule, der Hochschule, des Gerichts oder des Parlaments)
2. Urlaub

Definition Eltern:
1. mehrere zusammenhängende Tage oder Wochen dauernde, der Kinderbespassung dienende Verlagerung des Alltags, die einen riesigen Vorbereitungsaufwand erfordert und ein gigantisches Loch in die Familienkasse reisst
2. mehrere zusammenhängende Tage oder Wochen dauernde, der Erholung dienende Arbeitspause der Schule, welche die Eltern ratlos lässt, wie sie in dieser Zeit die Kinderbetreuung organisieren sollen
3. Verklärte Erinnerungen, sobald man es geschafft hat, den Stress auf der Hinreise, den Augenblick, als die Kreditkarte ihren Dienst versagte und den Familienkrach im Louvre zu vergessen

Schule

Definition Duden (Auszug):
1. Lehranstalt, in der Kindern und Jugendlichen durch planmässigen Unterricht Wissen und Bildung vermittelt werden
2. Schulgebäude
3. In der Schule erteilter Unterricht
4. Ausbildung, durch die jemandes Fähigkeiten auf einem bestimmten Gebiet zu voller Entfaltung kommen, gekommen sind; Schulung
5. Gesamtheit der Lehrer- und Schülerschaft einer Schule

Definition Eltern:
1. Schulgebäude, an dem man mit dem Kleinkind regelmässig vorbei spaziert und sagt: „Sieh mal, das ist die Schule. Hier wirst du ganz viel lernen, wenn du grösser bist.“
2. Lehranstalt, in der Kindern und Jugendlichen durch nicht immer stundenplanmässigen Unterricht das vermittelt wird, was die Schulreformer gerade für besonders wichtig halten
3. Der zweite Durchlauf, bei dem erwartet wird, dass man nicht nur abrufen, sondern auch weitergeben kann, was man im ersten Durchlauf hätte lernen sollen, auf dass der Nachwuchs klüger werde als man selber
4. Ausbildung, durch welche die Fähigkeiten eines Kindes auf einem bestimmten Gebiet im besten Falle gefördert werden, damit sie zur vollen Entfaltung kommen, im schlimmsten Falle nicht erkannt, nicht gefördert und vielleicht sogar negiert werden

Glück

Definition Duden:
1. etwas, was Ergebnis des Zusammentreffens besonders günstiger Umstände ist; besonders günstiger Zufall, günstige Fügung des Schicksals
2. das personifiziert gedachte Glück; Fortuna
3. a) angenehme und freudige Gemütsverfassung, in der man sich befindet, wenn man in den Besitz oder Genuss von etwas kommt, was man sich gewünscht hat; Zustand der inneren Befriedigung und Hochstimmung
3. b) einzelne glückliche Situation; glückliches Ereignis, Erlebnis

Definition Eltern:
1. Kinder gesund, Partner gesund, Dach über dem Kopf, alle mehr oder weniger zufrieden und keiner mäkelt am Essen rum
2. angenehme und freudige Gemütsverfassung, in der man sich befindet, wenn man sein friedlich schlafendes Kind betrachtet und es nicht fassen kann, dass einem ein solcher Segen geschenkt worden ist

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Wie gut verstehst du deine Mutter, Teil II

Wieder mal eine kleine Weiterbildung für alle, die ihre Mutter gerne besser verstehen möchten. Aus aktuellem Anlass diesmal speziell auf Kinder von Home-Office-Müttern zugeschnitten.

 

 

Grossfamiliengeplänkel

Bei Karlsson ist es die Anspannung vor der grossen Prüfung Mitte März.

Bei Luise ist es der Kopf, seit mehr als sechs Monaten schon.

Beim FeuerwehrRitterRömerPiraten sind es die Ohren, manchmal auch der Kopf, dann wieder der Bauch, immer wieder, den ganzen Winter schon. Daraus resultierend die Frage, ob es Viren oder Bakterien sind, oder vielleicht doch eher das Leiden am Schulalltag.

Beim Zoowärter ist es der Bauch, zwei Wochen nach dem letzten Arztbesuch schon wieder so heftig, dass die Glucke einmal mehr mahnt, das Ganze erinnere sie irgendwie an Karlssons Blinddarmgeschichte.

Beim Prinzchen ist es die Laune. 

Bei „Meinem“ auch. 

Das alles findet natürlich keiner besonders lustig, am allerwenigsten meine Nerven, die jetzt auch allmählich zu rebellieren anfangen. 

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Drei Mütter

Heute mal wieder eine erzwungene Kaffeepause, während Luise sich einer längeren Untersuchung unterziehen muss. Nacheinander kommen drei Mütter ins Café.

Mutter 1 mit Baby, ca. 10 Monate alt

„Das kannst du schon richtig gut. Du hast ja so viel zu erzählen. Halt dich doch mal kurz hier fest, dann gehe ich bezahlen. Willst du dir das Mützchen nicht selber anziehen? Das kannst du bestimmt schon ohne meine Hilfe.“  – Liebevoll, zugewandt, aber so viel „Hilf mir, es selbst zu tun“, dass das arme kleine Menschlein schon ganz verdattert ist.

Mutter 2 mit Tochter, ca. 2.5 Jahre alt

Rein ins Café, Bestellung aufgeben, Zeitschrift schnappen, ab und zu ein Blick aufs Kind, ansonsten Stille am Tisch, nur gelegentlich unterbrochen von einem kurzen Geplauder zwischen Mutter und Tochter. Das Kind hat ausgetrunken, die Mama nicht, also bekommt es die Jacke angezogen, wird nach draussen geschickt, damit Mama in Ruhe fertig Kaffee trinken kann, natürlich immer mit Blickkontakt durchs grosse Fenster. – Nicht kaltherzig, eher so „Du sagst mir, wenn du mich brauchst, ja?“

Mutter 3 mit Sohn, ca. 3 Jahre alt

Erst wird Söhnchens Stühlchen mit einem dicken Kissen gepolstert, dann wird bestellt, dann gibt’s einen Schleckstengel und dann wird geplaudert: „Gell, Liam, du magst Kaffeekränzchen mit der Mama. Ist das nicht schön hier? Oh, jetzt hast du aber ein grosses Stück abgebissen! Sitzt du auch richtig bequem? Ja ja, Kaffeekränzchen nur für Mama und Liam, das gefällt dir. Wenn wir fertig sind, gehen wir noch ein wenig spazieren und dann nach Hause. Aber jetzt geniessen wir erst mal unseren Kaffee.“ – Liam, Liam und nochmals Liam, bis zum Abwinken.

Dennoch wird Liams Mama die einzige sein, die dereinst beim Elterngespräch in der Schule gut ankommt. 

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Andere Zeiten

Nach der ersten erfolgreichen Suchaktion in meiner Vergangenheit liessen sie es sich natürlich nicht nehmen, noch ein wenig weiter zu wühlen. Einmal mehr wurden sie fündig: Alte Kindergartenzeichnungen, die noch heute Marineblau auf Beige belegen, wie langweilig dieses erste Jahr meiner Schullaufbahn war. Mein Graduation Cap vom Highschool-Abschluss, feuerrot und inzwischen ohne Quaste, aber immer noch für viel Gelächter gut. Ein Freundschaftsbuch, dessen Inhalt die Diskussion auslöste, ob ich wirklich schon damals Madonna nicht gemocht habe, oder ob ich das jetzt nur behaupte, weil es heutzutage – im Gegensatz zu 1987 – nicht mehr cool ist, Madonna cool zu finden.

Ja, und dann war da auch diese Kassette. Ein Oeuvre von 90 Minuten, das den Titel „Karlsson vor dem Einschlafen, Juli 03“ trägt. Da der im Titel erwähnte Karlsson äusserst nostalgisch veranlagt ist, verfügt unser Haushalt auch im Jahre 2016 noch über ein Kassettengerät, so dass wir uns das Band in voller Länge anhören konnten. Im Hintergrund hört man eine zornig schreiende Luise, knapp vier Monate alt, ansonsten ziemlich viel Rauschen, immer wieder unterbrochen von dem friedlichen Geplapper des noch nicht dreijährigen Karlsson, der seinem Eisbären David die Welt erklärt. Alles, was ihm damals wichtig war – sein grosser Cousin, der begeistert Fussball spielte, die volle Windel, diverse Körperteile, die inzwischen schlafende Luise, die Grossmama und natürlich die Tortenschaufel mit dem orangefarbenen Griff, die er stets mit sich herumschleppte – ist auf diesem Band festgehalten.

Während ich mit verklärtem Blick dem Geplauder aus vergangenen Tagen lauschte, machte sich der inzwischen halbwüchsige Protagonist meines Unterhaltungsprogramms seine Gedanken über das Medium, auf dem sein einst so zartes Stimmchen festgehalten worden war. „Hat man solche Bänder einfach im Laden kaufen können? Waren die teuer? Und was konnte man mit denen alles anstellen, ich meine, abgesehen davon, dass man damit den eigenen Sohn heimlich belauschte?“ 

Also begann ich zu erzählen. Von den Abenden während meiner Teenagerjahre, als ich immer zwischen sieben und acht Radio 24 einschaltete, eine leere Kassette im Gerät, für den Fall, dass ein Hörer eines meiner Lieblingslieder – natürlich nicht von Madonna – wünschen würde, oder vielleicht sogar einen Gruss für mich hätte, was natürlich nie vorkam. Wie schwierig es war, die Aufnahme abzuklemmen, ehe der Moderator wieder mit seinem Geschwätz anfing, wie sauer ich war, wenn nichts Anständiges gewünscht wurde. Ich erklärte, was ein Walkman ist, versuchte auch verständlich zu machen, wie das jeweils klang, wenn die Batterien allmählich den Geist aufgaben, aber ich glaube, da konnten sie mir nicht mehr folgen. Staunen mussten sie natürlich trotzdem und das Staunen wurde grösser, als ich erklärte, wie leicht es war, bei so einem Tonband den Kopierschutz zu umgehen.

Und zum ersten Mal seitdem ich Teenager im Haus habe, hörte ich einen leisen Neid heraus, als Karlsson meinte: „Wahnsinn! Ihr konntet Raubkopien machen, ohne dass euch einer auf die Schliche kommen konnte. Heute fliegt sowas ja sofort auf…“

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Vor die Füsse geknallt

Kinder können einen ja schon manchmal überrumpeln. Da sitzt du nichts Böses ahnend keuchend, schniefend und mit brummendem Schädel spätabends auf dem Sofa, als sie plötzlich angerannt kommen, völlig aufgedreht und überglücklich, weil sie zu später Stunde – sie haben noch Schulferien – in einem entlegenen Winkel des Estrichs gestöbert haben und dabei auf Relikte aus deiner Vergangenheit gestossen sind. Diese Relikte knallen sie jetzt kommentarlos vor dich hin, entschwinden kichernd in ihr kindliches Universum und lassen dich alleine …

…mit deinem Poesiealbum aus Kindertagen. Jawohl, so eines, in das man Bilder malte und sinnvolle Sprüche wie diesen hier schrieb: „Bist du heiter, trag es weiter. Drückt dich ein Stein, trag ihn allein. <3“ Das waren vielleicht noch Liebesbezeugungen damals!

…mit einem Kündigungsschreiben, das die Erinnerung an den Tag lebendig werden lässt, an dem du mit der neugeborenen Luise im Arm im Spital ans Telefon gerufen wurdest, wo man dir mitteilte, dass dein Job gestrichen wird.

…mit einem fünfseitigen, fiktiven, vor Bitterkeit triefenden Brief an die Schwiegermama, den du mal auf Geheiss einer Seelsorgerin verfasst hast, um wenigstens so zu tun, als könntest du der Frau, die deinen Mann geboren hat, all das, was dich verletzt hat, an den Kopf werfen.

…mit einem Foto einer Weiterbildungsgruppe, auf dem du genau zwei Personen erkennst: Dich selber und die komplett unbegabte Dozentin, die glaubte, sie könne andere Menschen darin unterrichten, wie man richtig unterrichtet.

…mit der Todesanzeige eines geliebten Menschen.

…mit dem Impfausweis, den du schon oft hättest vorweisen müssen, von dem du aber nicht mal gewusst hättest, wo du zu suchen anfangen müsstest, um ihn wieder zu finden. Der Impfausweis, der noch die Unterschrift des unfreundlichen Arztes trägt, zu dem du Gott sei Dank nur dann geschleppt wurdest, wenn wirklich keine Hausmittel mehr halfen und deine Mutter dein ewiges Gejammer allmählich satt hatte.

…mit einem zerknitterten Blatt Papier, auf dem du kurz nach der oben genannten Kündigung deine kurz- mittel- und langfristigen Ziele notiert hast. Ziele, für die du heute nur noch ein müdes Lächeln übrig hast.

…mit Karten von lieben Menschen, die dir überschwänglich für gute Taten danken, an die du nicht die leiseste Erinnerung hast.

… mit einem Kalligraphie-Bild, das schon längst seinen Rahmen verloren hat, aber immer noch in wunderbaren Worten eine Freundschaft besingt, die aufgrund der Distanz leider schon längst erloschen ist.

… mit einem Quartalsplan aus dem Kirchenvorstand, dem du vor Jahren, als du eigentlich keine Zeit für solche Dinge gehabt hättest, einmal angehört hast. Ein Papier, das in dir noch einmal die Frage aufkommen lässt, warum du dort mitgemacht hast, wo es doch so vieles gab, hinter dem du nicht stehen konntest.

… mit einer auf Aluminium aufgezogenen Fotografie aus Teenagertagen, die eines deiner Geschwister nur darum hatte vergrössern lassen, weil er oder sie wusste, dass du deswegen an die Decke gehen würdest.

…mit ein paar Liebesbriefen von „Deinem“, einer davon noch mit „Fräulein“ adressiert.

…mit einem Couvert voller Bea-Punkte, auf die du damals, als du noch viele Spielsachen kaufen musstest, ganz wild warst, die eine ehemalige Arbeitskollegin dir aber offenbar erst dann hat zukommen lassen, als du schon mehr als genug davon hattest. (Der Vorrat, den du dir damals angelegt hast, ist bis heute nicht aufgebraucht.)

Tja, und dann sitzt du also da, möchtest eigentlich nichts weiter tun, als deine Grippe zu hätscheln. Stattdessen drehst und wendest du die Erinnerungen, die sie dir vor die Füsse geknallt haben und fragst dich, ob die Zeit schon reif ist, sie zu glorifizieren, oder ob du sie noch eine Weile in den Estrich zurück verbannen sollst, wo sie unbeobachtet heranreifen können.

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Dieser Valentin…

Nein, ich mag ihn wirklich nicht, diesen Valentin. Ich finde ihn geradezu grausam. Man braucht sich nur mal anzusehen, was diejenigen, die niemanden haben, der sie beschenken möchte, an diesem Tag auf Facebook posten. Verzweifelte Ironie, hilflose Versuche, doch noch von irgendwo ein „Ich mag dich, du bist ein ganz besonderer Mensch“ zu erheischen, manchmal auch schlecht kaschierter Neid, wenn eine, die von ihrem Liebsten keinerlei Zeichen der Zuneigung erwartet hätte, doch noch überrascht worden ist und dies nun aller Welt zeigen möchte. Ein Tag, an dem sich die Einsamen noch einsamer fühlen als sonst. 

Na ja, könnte man einwenden, das ist zwar hart für jene, die alleine sind, aber für die anderen, die glücklich sind und beschenkt werden, ist es doch schön, einen sichtbaren Beweis der Liebe zu bekommen. Nichts gegen sichtbare Liebesbeweise, aber bitte nicht dann, wenn der Kalender – und der Blumenhändler – sie befiehlt, sondern dann, wenn einem das Herz übergeht vor lauter Dankbarkeit, dass man einen lieben Menschen hat, der mit einem das Leben teilt. Von mir aus darf das auch am 14. Februar sein, noch lieber aber einfach immer dann, wenn man sich seines überaus grossen Glücks bewusst wird.

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Gummitwist & Co.

Ein Bild von einem Steckspiel, Gummitwist, Fadenspiele, „Himmel und Hölle“, „Schiffe versenken“, Geduldsspiele oder sonst irgend etwas pädagogisch Wertvolles, womit wir uns als Kinder die Zeit vertrieben haben. Dazu die Aufforderung: „Drück ‚Gefällt mir‘, wenn du es noch kennst.“ Auf Facebook wimmelt es von solchen Bildern. Ganz ähnlich funktioniert es mit unseren Helden aus Kindertagen. Wir sollen mit unseren Likes aller Welt zeigen, dass wir nicht vergessen haben, wie toll sie alle waren, Michel aus Lönneberga, Pipi Langstrumpf, das Sams, TKKG und wie sie auch heissen mögen. Die Botschaft ist klar: Wir hatten damals noch eine richtige Kindheit mit allem, was dazugehört. Die heutigen Kinder hingegen werden mit dem ganzen iSchrott davon abgehalten, ein lebenswertes Leben zu leben. Erinnerungen, wie wir sie in Ehren halten, wird die Generation, die heute am Start steht, nicht mehr haben. Eine hübsche kleine Moralkeule, eingehüllt in eine dicke Watteschicht von Nostalgie.

Wer das teilt, hat das Gefühl, er wisse eben noch, wie eine Kindheit sein sollte. Beweisen tut er aber eigentlich, dass er nur noch in Erinnerungen schwelgt, den Kontakt zur real existierenden Kindern scheint er verloren zu haben. Er glaubt allen Ernstes, heute sei alles ganz anders und natürlich schlechter. Okay, ich geb’s ja zu, da sind ein paar technische Neuerungen hinzugekommen, aber wenn ich mich so umsehe in den Kinderzimmern, auf den Pausenhöfen und in den Bibliotheken, dann begegne ich all den Dingen, die uns damals schon glücklich gemacht haben. Gut, Gummitwist scheint leider tatsächlich in Vergessenheit geraten zu sein, aber die meisten Kinder in meinem Umfeld – und das sind nicht wenige – wissen sehr wohl, wie man mit kleinen Plastiksteckern ein schönes Bild steckt,  manche schaffen den Rubik’s Cube fast mit geschlossenen Augen, „Himmel und Hölle“ hüpfen sie noch mit der gleichen Leidenschaft wie eh und je und „Michel in der Suppenschüssel“ kennen sie in- und auswendig.

Vielleicht sollten Erwachsene etwas weniger oft mit verklärtem Blick auf nostalgische Bilder in ihrer Facebook-Timeline starren und sich stattdessen von einem Kind in ein Fadenspiel verwickeln lassen.

Und wenn das Fadenspiel zu Ende ist, könnten sie das Kind in die hohe Kunst des Gummitwist einführen. Ist doch wirklich eine Schande, dass das heutzutage keiner mehr spielt. 

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