Schlaflos im Ländli

Schon zum zweiten Mal seit meiner Ankunft im „Ländli“ wälze ich mich schlaflos in meinem Bett, hundemüde und doch unfähig, ein Auge zuzutun. Nichts hilft, nicht mal der Grosseinkauf für Weihnachten, den ich nachts um zwei im Internet tätige, damit „Meiner“ am 22. nicht mit fünf Kindern durch die Migros hetzen muss. Ich gehe in mich, forsche nach dem Grund für meine Schlaflosigkeit.

Ist es das Heimweh? Nein, denn auch wenn ich meine Liebsten vermisse, bin ich doch ziemlich zuversichtlich, dass ich in vier Tagen wieder von ihnen umarmt, bestürmt, ausgequetscht und unterhalten werde. Ich glaube doch nicht an den Weltuntergang…

Ist es der Kummer über Vergangenes, vielleicht gar Groll? Nein, alles erfolgreich verdrängt, aufgeschoben auf den Moment, in dem ich dazu bereit sein werde, das Gute mit mir zu nehmen und das Schlechte hinter mir zu lassen.

Sind es Zukunftsängste? Auch nicht, denn meine Zukunft sieht deutlich rosiger aus als vor einigen Monaten noch.

Dann ist es vielleicht die Vorfreude auf das, was sich am Horizont immer klarer abzeichnet? Sicher nicht, ich weiss ja, dass ich zuerst mal gründlich ausschlafen muss, ehe ich die Dinge richtig anpacken kann.

Habe ich mich in den vergangenen Tagen zu wenig verausgabt? Immerhin bin ich seit meiner Ankunft hier oben noch nicht ein einziges Mal ans Ende meiner Kräfte gekommen? Nein, das kann es auch nicht sein. Die Müdigkeit der letzten Monate steckt zu tief in meinen Knochen.

Habe ich vielleicht etwas Schlimmes am Fernsehen gesehen? Von wegen, ohne „Meinen“, der mich dazu verführt, zumindest strickend neben ihm zu sitzen, wenn er sich „The Mentalist“ oder „Borgen“ reinzieht, komme ich gar nicht auf die Idee, den Kasten einzuschalten.

Ach so, vielleicht muss ich einfach die gefährliche Bahnfahrt nach Basel und zurück verarbeiten? Auch Fehlanzeige. Entgegen den Befürchtungen meines Tischnachbarn musste ich nicht mal abends um zehn um mein Leben bangen und die einzige Sorge, die mich plagte war, ob ich um halb elf überhaupt noch ins Haus komme.

Nachts um drei dämmert mir endlich, woran es liegt, dass ich den Schlaf nicht finde: Es ist einfach viel zu heiss zum Schlafen, ich vermisse die angenehme Kühle unseres schlecht isolierten Schlafzimmers. Wohl wissend, dass dies ein ziemlich schlechtes Bild abgäbe, wenn zu dieser Stunde einer mit einer Wärmebild-Kamera ums „Ländli“ schliche, reisse ich das Fenster auf und finde endlich die ersehnte Ruhe. Beim Einschlafen wundere ich mich noch, weshalb ich nicht schon früher darauf gekommen bin. Meine Kinder habe ich ja auch immer von unnötiger Kleidung befreit, wenn sie trotz vollem Bäuchlein, sauberer Windel, Schmerzfreiheit und zig Schlafliedern den Schlaf nicht fanden. Anstatt in mich zu gehen, hätte ich für einmal besser etwas an den äusseren Umständen geändert.

Und hier noch einmal in aller Deutlichkeit mein Ratschlag für alle von Schlaflosigkeit geplagten Kleinkind-Eltern: Zieht um Himmels Willen dem armen Kindchen die Socken aus! Bei dieser Wärme kann doch kein Mensch schlafen.

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Atempause

Im ersten Moment dachte ich, es sei eine gute Idee, nach dem ganzen Stress der vergangenen Monate dem Rat der Ärztin zu folgen und eine Auszeit im „Ländli“ zu nehmen. Erstaunlicherweise war es kein Problem, Unterstützung zu finden, so dass „Meiner“ den Laden während meiner Abwesenheit nicht alleine schmeissen muss. Und weil ich Streberin für das Fest bereits alles vorbereitet habe, ist es auch nicht weiter schlimm, dass ich mich ausgerechnet in der Woche vor Weihnachten aus dem Staub gemacht habe.

Je näher aber der Tag der Abreise rückte, ums grösser wurden die Bedenken. Bekommt „Meiner“ wirklich genug Entlastung? Ist es okay, wenn er seine Erholungstage erst nach Weihnachten hat? Werden die Kinder nicht furchtbar traurig sein? Wie werde ich mit mir selber klarkommen, so ganz alleine in meinem Einzelzimmerchen? Die Versuchung war gross, die ganze Sache abzublasen, doch weil ich es meiner Familie schuldig bin, endlich wieder richtig auf die Beine zu kommen, habe ich am Sonntag doch den Zug nach Oberaegeri bestiegen.

Kaum angekommen, wusste ich, dass ich das Richtige getan hatte. Zwar ist auch hier nicht alles perfekt – auf die fremdenfeindlichen Äusserungen meiner Tischnachbarn könnte ich gut und gerne verzichten -, aber nach den Turbulenzen der vergangenen Monate beginne ich endlich wieder klar zu sehen, was in meinem Leben wirklich zählt, wo ich mich einbringen will und wovon ich in Zukunft lieber die Finger lassen will. Und das Beste ist: Es schreibt wieder in meinen Kopf, beim ersten Anblick des Aegerisees begannen die über lange Zeit angestauten Ideen wieder zu fliessen wie zu meinen besten Zeiten.

Jetzt müsste es mir nur noch gelingen, mich zu erholen, aber dazu habe ich ja noch bis Sonntag Zeit.

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Denk mal

Du hörst in der Migros, wie ein junger Vater zu seiner Frau sagt: „Kommt doch nicht drauf an, was wir kaufen, ist ja ohnehin nur zum Essen.“

Du siehst am Fernsehen Menschen, die ungeniert dazu stehen, dass sie echten Pelz tragen und kein Problem damit haben, dass ein Tier für ein Kleidungsstück hat leiden müssen.

Die Fallfehler in den Nachrichtensendungen treten so gehäuft auf, dass du dir gar nicht mehr alles notieren kannst.

Du liest, dass Schüler mit Schulstunden, Hausaufgaben und Lernen problemlos auf eine 40-Stunden-Woche kommen.

Deine Tochter erzählt dir, dass die Viertklässlerinnen regelmässig vergleichen, wer wie schwer ist.

Du stellst mit Schrecken fest, dass es inzwischen ganz normal ist, wenn in der Asylfrage immer ungenierter abfällig geredet wird. Und zwar nicht nur am Stammtisch, sondern auch in der Zeitung.

Du erntest fragende Blicke, wenn du laut darüber nachdenkst, warum es fast nur noch Baumschmuck „Made in China“ gibt.

Du fragst dich zuweilen, ob (kritisches) Denken überhaupt noch praktiziert wird.

. bäbi

Generationenhaus

Auch bei uns hat es reichlich geschneit, obschon böse Zungen behaupten, bei uns hätte es deutlich weniger Schnee als andernorts. In unserem 3-Generationenhaus löst die Schneedecke äusserst unterschiedliche Reaktionen aus.

Meine Mutter stellt abends fest, dass es schneit wie ehemals. Diese Feststellung reicht, dass sie am nächsten Morgen aus dem Bett steigt und nach der üblichen Morgenroutine zur Schneeschaufel greift und der Rest läuft automatisch: Zuerst die Treppenstufen vor dem Haus, dann der Weg zum Briefkasten, damit der Briefträger sich nicht ärgern muss, danach der Fussweg bis zur Garage, wo die Zufahrt für die Autos freigeschaufelt werden muss. Die Schneehaufen müssen hierbei so zu liegen kommen, dass die Kinder problemlos Schneemänner und Iglus bauen können. Und vielleicht auch einen Thron aus Schnee, so wie sie und ihre Schwestern damals.

Ich stelle abends fest, dass es schneit wie in der Kindheit einmal, es muss wohl 1983 gewesen sein. „Hach, wie romantisch!“, denke ich und schaue minutenlang verträumt aus dem Fenster. Am Morgen fällt der erste Blick auf die verschneite Tanne in Nachbars Garten und ich wünschte mir, ich hätte eine Ausrede, nach draussen zu gehen. Ich könnte ja Schnee schaufeln, die frische Luft und die Bewegung würden mir bestimmt gut tun. Aber ich muss mich beeilen, sons kommt mir meine Mutter zuvor und ich will nicht, dass sie schaufeln muss, das ist jetzt meine Pflicht. Wenn der Weg frei ist, trinken wir alle zusammen heisse Schokolade und dann schreibe ich einen Blogpost über den Schnee.

Die Kinder stellen abends fest, dass es schneit wie noch kaum je in ihrem Leben. Morgens springen sie aus ihren Betten, suchen noch vor dem Frühstück Skianzüge, Handschuhe, Schals und Mützen zusammen und rennen nach draussen. „Wir bauen einen Schneemann! Und ein Iglu! Und ein Schneefort!“, brüllen sie im Treppenhaus. Eine Viertelstunde später stehen sie fröstelnd wieder in der Wohnung. „Mama, uns ist kalt. Kannst du uns zeigen, wie man ein Iglu baut? Und der Schlitten läuft auch nicht gut. Warum denn nicht?“

Treffen diese drei Generationen nun im Garten zusammen, wird es ziemlich chaotisch. Meine Mutter war natürlich schneller als ich und darum versuche ich, ihr die Schneeschaufel zu entwinden. Sie gibt sie nicht her und darum einigen wir uns, den Weg gemeinsam freizumachen, wir haben ja zwei Schaufeln. Meine Mutter wundert sich, weil die Kinder die Quader für das Iglu mit Plastikkisten zu formen versuchen und weil bereits sechs Schlitten ums Haus verteilt liegen. Ich erkläre ihr, dass sich unsere Kinder im Schnee wohl ähnlich verloren fühlen wie ein Fünfundachtzigjähriger am Billettautomat der SBB. Die Kinder begreifen nicht, warum wir mit unseren Schaufeln die schöne Schneedecke zerstören und warum sie ihre Schuhe ausziehen müssen, bevor sie zurück ins Haus gehen.

Irgendwann ist der Weg freigeschaufelt, wir ziehen uns alle an die Wärme zurück und morgen, wenn wieder neuer Schnee gefallen ist, werden wir die ganze Sache viel geordneter angehen können, weil wir jetzt wieder wissen, dass bei Schnee jeder von uns etwas anders tickt als der andere.

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Grenzen

Das Schwierige an einem Erschöpfungszustand ist, dass der Körper noch nicht mitspielt, wenn die Seele allmählich auf dem Weg der Besserung ist. Nach einer Auszeit mit Trübsalblasen und allem, was sonst noch dazu gehört, erwacht die Kreativität zu neuem Leben, erst einmal zaghaft, doch dann mit einem regelrechten Feuerwerk an Ideen. Hier ein Geistesblitz, da ein zündender Gedanke, dort eine interessante Anregung und schon möchte ich loslegen, ausbrechen aus der Stille, nach der ich monatelang gelechzt hatte. Die Stille, die nun dazu geführt hat, dass ich den Wunsch verspüre, Neues, Undenkbares zu wagen und zu handeln, als wären da keine Grenzen.

Doch die Grenzen sind da und sie sind enger gesteckt, als mir lieb sind. Einmal Zoowärter vom Kindergarten abholen und ein kurzer Schwatz reichen aus, um mir aufzuzeigen, wie bodenlos die Müdigkeit ist. Eine schlechte Nacht, in der Prinzchen und Kater sich um den Platz an meiner Seite gebalgt haben, und ich bin am nächsten Tag zu nichts zu gebrauchen. Eine klitzekleine Anstrengung, und der Körper schreit nach Schlaf.

Es war einfacher, diesen Zustand zu ertragen, als Seele und Geist auch nichts anderes als schlafen wollten. Jetzt aber, wo ich innerlich wieder erwacht bin, habe ich eine leise – aber wirklich nur eine ganz leise – Ahnung davon, wie es sich anfühlen könnte, wenn der eigene Körper zum Gefängnis wird.

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Startschwierigkeiten

Theoretisch hätte heute ein neuer – und zugleich auch alter – Lebensabschnitt angefangen. Fast-Vollzeithausfrau und freischaffende Schreibende war ich schon mal und so wie es aussieht, werde ich es auf absehbare Zeit auch bleiben, diesmal mit dem erklärten Ziel, dem Schreiben den Raum zu geben, den es verdient. Um dem Ganzen zumindest eine Chance auf Professionalität zu geben, bleibt das Prinzchen vorerst einen Tag pro Woche in der Krippe. Es ist nämlich gar nicht so einfach, den roten Faden eines Textes zu behalten, wenn das Prinzchen mit dem Feuerwehrauto durch die Wohnung kurvt und in jedem Winkel einen Brand zu löschen hat. Also haben wir den Montag zu meinem offiziellen Schreibtag erklärt und dies sowohl den Kindern als auch der Putzfrau mitgeteilt.

Leider nimmt die Schule auf solche Pläne keine Rücksicht und so stand heute Mittag plötzlich Karlsson auf der Matte. Er hätte am Nachmittag schulfrei, ob ich das denn vergessen hätte. Ach ja, die Weiterbildung. An die hatte ich tatsächlich nicht mehr gedacht. Zehn Minuten später erschien Luise, um mich daran zu erinnern, dass sie heute eine Stunde früher nach Hause kommen würde. Ebenfalls Weiterbildung, ebenfalls vergessen. Tja und so versuchte ich eben, meine Ideen zu skizzieren und gleichzeitig Karlsson zuzuhören, der mir ausgerechnet heute unglaublich viel zu erzählen hatte. Nun gut, immerhin liess er sich dazu hinreissen, die wenigen Zeilen, die ich zu Papier brachte, zu lesen und mir ein Feedback zu geben, aber ansonsten war seine Anwesenheit meiner Arbeit nicht gerade förderlich. Nach und nach trudelte auch der Rest der Horde ein und so beschloss ich schliesslich schweren Herzens, den Beginn meines neuen Lebensabschnittes auf den kommenden Montag zu verschieben. Wobei, das geht gar nicht, dann muss Karlsson zum Arzt und ich auch. Na dann eben übernächste Woche oder vielleicht auch erst nächstes Jahr…

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Wintermärchen

Als Kind wäre es mir nie in den Sinn gekommen, zu zweifeln. Es gab ja auch keinen Grund dafür, gab es doch zahlreiche Beweise für die Existenz des Winters. Knietiefen Schnee, rasante Schlittenfahrten, Höhlen, die wir in die Schneehaufen am Strassenrand gruben und Temperaturen wie im sibirischen Frühherbst. Der Winter, da war ich mir damals sicher, ist echt.

Später aber geriet mein Winterglaube ins Wanken. Das, was mich in meiner Kindheit so begeistert hatte, war wohl nichts weiter als eine gut inszenierte Show, ähnlich wie die Sache mit dem Samichlaus oder das gespannte Warten aufs Christkind, welches sich ja doch nie blicken liess. Schnee gab es, wenn überhaupt, im März oder gar im Juni, wenn man eigentlich auf Sommer eingestellt war. Frieren musste man nur, wenn man sich wirklich unvernünftig anzog, zum Beispiel Sommerkleidchen und Ballerinas am 30. Januar.

Und so verkamen die Winter-Accessoires allmählich zu Reliquien aus einer längst vergangenen Zeit. Vielleicht kaufte man sich mal einen dicken Wollpullover, weil er so schön anzusehen war. Man rahmte ihn ein und hängte ihn an die Wand, so wie ein vom Glauben abgefallener orthodoxer Christ irgendwo aus sentimentalen Gründen eine Ikone aufhängt. Winterstiefel, Handschuhe und Mützen schlummerten weit hinten im Schrank, neben geschmacklosen Souvenirs von der Freiheitsstatue, Basteleien aus Kindertagen und vergilbten Liebesbriefen. Hin und wieder liess man am Auto Winterreifen montieren, weil man dem armen Garagisten auch mal wieder Arbeit verschaffen wollte und wenn mal ein Hauch von Kälte durchs Land wehte, führte man die Winter-Accessoires spazieren und schwitzte erbärmlich.

Ganz klar, meinen Glauben an den Winter hatte ich vollends verloren und um dem Ganzen noch die Krone aufzusetzen, heiratete ich einen Mann, der an der Existenz des Winters nicht nur zweifelte, sondern der den Gedanken an diese Irrlehre geradezu verabscheute. Ein Sommer-Fundamentalist, der bei jedem Anzeichen von Winter in Rage gerät und mit Auswandern droht. Zwar gestand er mir die Freiheit zu, weiterhin die äusseren Formen des Winterglaubens zu praktizieren und begleitete mich sogar brav ins Schuhgeschäft, um die Kinder mit Winterstiefeln auszustatten, aber mir war immer klar, dass er mit dem Herzen nicht dabei war und eigentlich lieber Sandalen gekauft hätte. Wenn ich aber mal mit den Kindern den selten gewordenen Schnee feiern wollte, musste ich dies alleine tun. Mit solch hohlen Ritualen wollte er nichts zu tun haben.

So kam es, dass in unserer Familie der Glaube an den Winter immer mehr verwässert wurde und schliesslich einer armseligen Religiosität weichen musste. Manchmal erzählte ich den Kindern noch vom Winter, weil sie wissen sollten, dass sie in einer winterlich geprägten Kultur aufwachsen. Ich wollte ja nicht, dass sie als vollkommene Ignoranten dastehen, falls sie mal im Zeichenunterricht Pieter Brueghels „Jäger im Schnee“ betrachten oder falls der Musiklehrer auf Franz Schuberts „Winterreise“ zu sprechen kommt. Verkündete aber ein Wetterprophet, dass es bald schneien würde, sagten wir: „Das müsst ihr nicht glauben, Kinder, das ist wie beim Horoskop. Alles nur Humbug.“

Tja, und jetzt stehen wir da wie die letzten Sonnenanbeter, weil wir glaubten, den grossen Kälteeinbruch gebe nur im Märchen.

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Calm down!

Der Termindruck, der mich in den vergangenen Monaten dazu getrieben hatte, wie ein aufgescheuchtes Huhn durchs Leben zu hetzen, ist fast von einem Tag auf den anderen von mir abgefallen. Das heisst aber noch lange nicht, dass sich die Verhaltensweisen, die ich mir in dieser Zeit angeeignet habe, einfach so abschütteln lassen.

Da stand am letzen Donnerstag der Wocheneinkauf auf dem Programm und ich hatte alle Zeit der Welt, ihn in Ruhe zu erledigen. Was aber tat ich? Ich kurvte durch den Laden, als ob er in zehn Minuten schliessen und nie wieder öffnen würde. Ich hetzte von Regal zu Regal, packte meinen Wagen voll und musste unzählige Male wieder umkehren, weil ich mit meinen Gedanken schon längst drei Gänge weiter war. Erst, als ich vollkommen geschafft zu Hause ankam und erkannte, dass an diesem Tag ausser der Kinder, die irgendwann essen wollten, niemand mehr etwas von mir erwartete, wurde mir bewusst, dass ich auf das ganze Gehetze hätte verzichten können.

Ob ich am Herd stehe, eine Kolumne schreibe, mit den Kindern Hausaufgaben mache oder Handschuhe stricke, immer wieder ertappe ich mich dabei, wie ich mich dazu antreibe, mehr Arbeit in weniger Zeit zu pressen. Schnell, schnell, sonst reicht’s nicht bis zum nächsten Termin. Aber da ist kaum je ein Termin und darum hätte ich die Sache getrost langsamer angehen dürfen. Langsamer und mit sehr viel mehr Freude.

Darum muss ich jetzt ganz dringend etwas tun, nämlich zwei oder drei Gänge runterschalten, denn die ruhigeren Zeiten werden nicht ewig dauern.

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Glück

Freie Zeit muss man sich dann nehmen, wenn sie einem in den Schoss fällt. Zum Beispiel dann, wenn sie „Meinen“ zur Untersuchung nach Bern schicken und die Zeit gerade noch reicht für einen Besuch im guten alten „Länggass Tee“, zu Unizeiten unser Lieblingslokal und noch heute der Ort unserer Träume. Eine Tasse Schwarztee mit Rosenblütenblättern, Safran-Kandis, zwei Scones mit Clotted Cream und Orangen-Marmelade und schon fühle ich mich wie neu geboren. Und weil ich nicht in Worte fassen kann, was mir ein solcher Moment bedeutet, lasse ich für einmal das Bild sprechen.

Zeit

Es gibt schönere Dinge, als mitten im Leben ausgebremst zu werden und plötzlich weder Kraft noch Nerven für die alltäglichsten Dinge zu haben. Der angenehme Nebeneffekt ist aber, dass man bekommt, was man sonst nie hat: Zeit.

Die Zeit, Kleinigkeiten sofort zu erledigen und nicht erst dann, wenn man dreimal per Mail daran erinnert worden ist.

Die Zeit, mich darüber zu informieren, welche Bücher die Kinder aus der Schulbibliothek ausgeliehen haben. Damit ich nach Ablauf der Leihfrist nicht immer schreiben muss: „Liebe Frau Lehrerin, können Sie mir bitte die Titel der noch fehlenden Bücher nennen, damit ich weiss, wonach ich im Bücherregal oder notfalls auch im Antiquariat suchen muss.“

Die Zeit, sich in Ruhe zu überlegen, was man Freunden und Lehrern zu Weihnachten schenken will und auch die Zeit, alles so zu organisieren, dass man die Kinder nur noch anleiten muss.

Die Zeit, an dem einen Tag, an dem alle vollkommen käferfrei sind, auch wirklich mit den Kindern ins Hallenbad zu gehen und nicht nur davon zu reden, wie nett es doch wäre, wenn man die Zeit dazu hätte. Okay, auf den käferfreien Tag warte ich noch immer, aber ich glaube fest daran, dass er kommen wird.

Die Zeit, die Kinder rechtzeitig abzuholen und nicht immer die Letzte zu sein, die verschwitzt, schimpfend und mit tausend Entschuldigungen aufkreuzt.

Die Zeit, sich Gedanken zu machen darüber, an welchem Punkt man mit den Kindern steht, wo sie Unterstützung brauchen und wo klarere Grenzen angesagt sind.

Die Zeit, beim Kinderarzt die zusätzlichen Abklärungen sofort machen zu lassen, anstatt einen weiteren Termin vereinbaren zu müssen.

Die Zeit, mich mit „Meinem“ darüber zu unterhalten, dass die einfallslose Küche wohl mehr zum Beizensterben beiträgt als das Rauchverbot.

Die Zeit, dem Zoowärter des Langen und Breiten zu erklären, warum ich es besser fände, wenn er sich den Playmobil-Zoo mit den niedlichen Koalas zu Weihnachten wünschte und nicht die hässliche „Cars“-Rennbahn.

Und wenn einmal das Telefon schweigt und kein Kind nach Aufmerksamkeit schreit die Zeit, mit der Katze auf dem Schoss eine Tasse Tee zu trinken und die Zeitung zu lesen.