Ochsengespann

Mit mehr als einem Monat Verspätung haben „Meiner“ und ich es heute endlich geschafft, unseren vierzehnten Hochzeitstag zu feiern. Zuerst kam uns ja Zoowärters Spitalaufenthalt dazwischen, dann der Schuljahresabschluss, anschliessend die Ferienanwesenheit sämtlicher potentieller Babysitter, danach eine Phase, in der wir uns andauernd in die Haare gerieten und das Interesse an Zeit zu zweit sehr gering war und schliesslich auch noch meine Magen-Darm-Seuche.

Heute endlich fanden wir die Zeit, einen kinderfreien Nachmittag in der Sauna zu verbringen. Und wieder einmal wird mir klar, dass ich diesen Mann auch heute noch heiraten würde, dass wir zwei uns noch immer sehr viel zu sagen haben, dass wir noch immer viele gemeinsame Träume haben – und dass uns unser Alltag so oft die Energie raubt, mehr zu sein als ein Ochsengespann, das darum bemüht ist, den Karren über einen steinigen Feldweg zu ziehen.

Fragen, die ich mir heute nicht beantworten konnte

– Was ist bloss mit der Jugend von heute los? Servierst du Würste, weil du denkst, Kinder hätten sowas gern, bleibst du darauf sitzen. Servierst du Gurken, dann prügeln sie sich um den letzten Bissen. Nun gut, ich kann das ja durchaus nachvollziehen, aber in meiner Generation wurde man frühestens nach dem hundertsten Besuch bei McDonald’s so vernünftig.

– Warum haben die Menschen jemals damit aufgehört, ihre eigene Butter zu machen? Was gibt es Schöneres, als nach einem heissen Tag kühle Butter zu kneten?

– Wo liegt die Grenze zwischen Fleiss und Talent und wie schafft man es als Eltern, die Sache so einzuschätzen, dass man später nicht mit Vorwürfen überhäuft wird? Ich meine Vorwürfe wie „Hätten meine Eltern erkannt, was in mir steckt, ich hätte es viel weiter bringen können.“ Oder aber: „Dieser ewige Druck, etwas sein zu müssen, was ich nicht bin, hat mich komplett fertiggemacht.“

– Wie verdreht ist man, wenn man das Gefühl hat, Scarlett Johansson als Annie in „The Nanny Diaries“ sei der einzige Mensch auf diesem Planeten, der einen versteht?

– Wie bringe ich es fertig, den Tag mit dem Prinzchen in Frieden abzuschliessen, wenn wir beide den richtigen Moment für seine Schlafenszeit verpasst haben?

– Wann ist endlich Feierabend?

– Spinne ich, spinnen alle anderen oder spinnen wir alle zusammen?

– Kann ich es mit meinem Gewissen vereinbaren, dass unsere drei über-sechsjährigen Kinder sich einen Film ansehen, der ab sechs Jahren freigegeben ist?

– Wo sind diese elenden Schrauben hingekommen?

– Was riecht hier so abscheulich?

– Schaffen es alle meine Tomaten, reif zu werden, oder wird der Sommer in einigen Tagen bereits wieder vorbei sein?

– Soll ich, oder soll ich nicht? Egal was. Meine Unentschlossenheit erstreckt sich in diesen Tagen auf sämtliche zu treffenden Entscheidungen.

Fünfminuten-Therapie nach einem saumässig schlechten Tag

1. Ein Kurzbesuch bei den Tomatenpflanzen. Staunen, wie sehr sie schon wieder gewachsen sind, drei kugelrunde Gelbe pflücken, daran riechen, mit dem Finger über die zarte Haut streichen und die Ernte mit dem Prinzchen – der bis vorgestern noch behauptet hatte, er möge keine Tomaten – und dem Zoowärter – der alles liebt, was wächst – geniessen.

2. Ein noch kürzerer Besuch bei den Zucchini. Beim Anblick der sonnengelben Blüten für einen Moment lang das trübe Wetter vergessen, ein wunderschönes Exemplar pflücken und dem Zoowärter versichern, dass er auch dieses Gemüse lieben wird.

3. Mit den zwei Jüngsten Eier essen, die gestern noch im Legenest lagen und einen Augenblick lang davon träumen, eigene Hühner im Garten zu haben.

4. Um Mitternacht mal schnell eine Mayonnaise für „Meinen“ anrühren. Einfach so, weil der Streit, den wir heute hatten, wieder verflogen ist und weil ich schon so lange nicht mehr mit Eigelb, Öl und Essig gezaubert habe. Den unvergleichlichen Geschmack im Gaumen geniessen und für einen Moment lang glauben, dass etwas, das so himmlisch schmeckt, gar nicht dick machen kann.

Okay, nach dieser Therapie ist nicht einfach alles wieder gut, aber immerhin sieht der Tag im Rückblick nicht mehr grau in grau aus.

(Schein)schwanger

„Hach, wäre es nicht wundervoll, mal wieder schwanger zu sein“, seufzte ich neulich, als ich ziemlich trübsinnig vor mich hinstarrte und verzweifelt nach etwas suchte, auf das ich mich freuen könnte. „Wie schön wäre es doch, endlich wieder auf etwas hinfiebern zu können, etwas Grossartiges vor sich zu haben, etwas mit Händen und Füssen zustande zubringen. Aber eine Schwangerschaft wird wohl kaum drinliegen, also mache ich in der Zwischenzeit ein paar Getreideriegel“, sagte ich zu mir selbst und fing an, Haferflocken, getrocknete Feigen und Gewürze zu mischen. Wie ich so am Herd stand und gedankenverloren in der Schüssel rührte, spürte ich auf einmal dieses altbekannte Flattern im Bauch. Irrte ich mich, oder kam da etwas in Bewegung?

„Grundgütiger, soll die jetzt wirklich noch ein Kind bekommen? Wo sie doch die fünf, die sie hat, nicht richtig erziehen kann“, mögt ihr jetzt sagen. Aber ich kann euch beruhigen, es ist kein Kind, das da heranwächst. Nein, es ist nur eine Idee, die allmählich Gestalt annimmt. Noch ist sie winzig klein und es lässt sich nicht sagen, ob sie die Hektik meines Alltags übersteht, oder ob sie sich wieder verflüchtigt, bevor sie sich richtig hat entwickeln können. Ob sie je das Licht der Welt erblicken wird, steht noch in den Sternen, ob ich fähig dazu bin, ihr das Laufen beizubringen, ist fraglich.

Vielleicht handelt es sich ja auch nur um eine Scheinschwangerschaft, aber immerhin gibt die Idee mir das gute Gefühl, dass da neben den ausgetretenen Pfaden noch neues Leben möglich ist.

Halt, nicht so schnell!

Jetzt sind sie also weg, die drei Grossen. Tagsüber fällt mir das kaum auf, denn auch an gewöhnlichen Tagen kommt es immer öfter vor, dass die grösseren Kinder ihre eigenen Wege gehen. Abends aber, wenn der Zoowärter und das Prinzchen schlafen und keiner mehr aus dem Bett kommt, weil er die Hausaufgaben vergessen hat, wenn oben niemand mehr Geige oder Querflöte übt, wenn wir uns vollkommen ungestört einen Film reinziehen können, dann löst die ungewohnte Stille gemischte Gefühle aus bei mir.

Einerseits ist es ganz nett, ausnahmsweise mal in ganz normaler Lautstärke reden zu können, weil man nicht eine ganze Kinderschar zu übertönen hat. Endlich kann auch der Zoowärter einmal zu Wort kommen, was er ungemein schätzt. Glaubt mir, das Kind produziert wahre Monstersätze, wenn es mal nicht andauernd von seinen grossen Geschwistern unterbrochen wird. Wir Eltern haben nicht nur die Ohren frei, sondern auch die Hände und so kommt es, dass der Zoowärter seit heute Nachmittag fast ohne Hilfe Fahrrad fährt. Das Prinzchen bekommt derweilen auf seine Fragen ganz ernsthafte Antworten anstelle der absurden Wahrheitsverdrehungen, welche Karlsson seinem leichtgläubigen kleinen Bruder so gerne auftischt.

Dies ist die eine Seite, die andere ist die leise Melancholie, die mich beschleicht, wenn ich daran denke, wie leer unser Haus in diesen Tagen ist. Es kommen Erinnerungen hoch an einen Sommer vor vielen Jahren, als ich eine ganze Woche lang Einzelkind war, weil alle grossen Geschwister in Ferienlagern oder mit Freunden unterwegs waren. Nun gut, ganz soweit sind wir noch nicht, aber wenn ich bedenke, dass der Zoowärter übernächstes Jahr auch schon mit ins Lager fahren kann, dann kann ich mir schon sehr lebhaft vorstellen, wie „Meiner“ und ich ganz alleine mit dem Prinzchen die Sommertage totschlagen werden. So, wie meine Eltern damals mit mir.

Es sind keine schlechten Erinnerungen, die ich an jene Sommertage habe, aber ein gewisses Unbehagen überkommt mich dennoch, wenn ich daran zurückdenke. Weil ich mich noch sehr genau daran erinnere, wie alt meine Eltern in meinen Augen damals waren. Und weil ich das Gefühl habe, zwischen jenen Sommertagen und dem Tag, an dem ich mein Elternhaus verliess, liege nicht viel mehr als ein Augenblick.

Die Sache mit dem Loslassen geht mir einfach viel zu schnell…

Rück meine Tomaten raus!

Es ist wirklich ganz nett, mit einem Mann verheiratet zu sein, der liebend gerne für Ordnung sorgt. Gebt ihm zwei Tage schulfrei und schon macht er sich hinter Küchenschränke, Bücherregale und die Vorratskammer. Dort, wo ich nur unüberwindbare Berge sehe, sieht er Herausforderungen, die ihn dazu anspornen, sein Bestes zu geben. Und so kann es geschehen, dass ich nach einem Freitag im Büro nach Hausse komme und mir erstaunt die Augen reibe. Ist das wirklich die Wohnung, die ich am Morgen verlassen habe, oder habe ich mich im Haus geirrt?

Nun ist das Leben aber leider so, dass keine Sache nur Vorteile mit sich bringt. Jedes Ding hat seine Schattenseiten, auch eine perfekt aufgeräumte Wohnung. In einer solchen kann es nämlich durchaus vorkommen, dass die getrockneten Tomaten für das Risotto, auf das man sich den ganzen Tag gefreut hat, nicht mehr auffindbar sind. Nun gut, man kann natürlich auch ohne getrocknete Tomaten ein köstliches Risotto zubereiten, aber wenn sich meine Geschmacksnerven stundenlang auf eine bestimmte Sache gefreut haben, dann kann ich ziemlich inflexibel werden.

Nun mag man sich fragen, weshalb ich „Meinen“ nicht einfach gefragt habe, wo denn die Tomaten seien, aber so einfach ist es nicht mit diesem guten Mann. Der schafft es zwar im Handumdrehen, das grösste Chaos zu beseitigen, aber das Handy mitnehmen, wenn er ausser Hause geht, das geht nicht. Also konnte ich keinen „Himmel nochmal, wo hast du bloss meine getrockneten Tomaten versteckt?“-Anruf tätigen und es blieb mir nichts anderes übrig, als mit knurrendem Magen auf meinen ordnungsliebenden Herrn Gemahl zu warten.

Der kam dann auch irgendwann nach Hause, nur löste dies mein Problem nicht. Er konnte sich nämlich beim besten Willen nicht mehr daran erinnern, wo er die Tomaten versorgt hat. Immerhin aber konnte er mir versichern, dass die Tomaten an ihrem perfekten Platz sein müssen, denn „Weisst du, wir haben jetzt ein System im Vorratsschrank. Hier ganz rechts haben wir Essig und Öl, dann kommt das Salzige, hier links das Süsse und oben die leeren Einmachgläser. Die Tomaten müssten sich also irgendwo in dieser Region befinden, ich weiss bloss nicht mehr wo.“

Glücklichkochen

Nach viel zu wenig Schlaf, einem absolut frustrierenden Tag und einem ausgiebigen Bad im Selbstmitleid habe ich heute nur dies zu sagen: Danke, Mama 007, für die Empfehlung meines neusten Selbsthilfeschmökers, äääähm, ich meine natürlich, der neusten Ergänzung meiner Kochbüchersammlung:

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Ich glaube, ich schliesse mich für die kommenden drei Monate in meiner Küche ein, lasse mir regelmässig frische Zutaten durchs Fenster reichen und komme erst wieder raus, wenn ich mich glücklichgekocht habe.

Eingemacht

Je sommerlicher es draussen wird, umso mehr packt mich die Leidenschaft für die hauseigene Lebensmittelproduktion. Kaum hat das neue Dörrgerät in unserer Küche Einzug gehalten, schaue ich mich nach einem Dampfentsafter um. Vielleicht wäre es auch ganz spannend, wenn ich den alten Einmachautomaten meiner Mutter reaktivieren würde. Weckgläser haben wir ja noch in rauen Mengen im Keller herumstehen. Ach ja, und jetzt, wo die Wachteln so fleissig Eier legen, könnte man vielleicht doch die Vermehrung der Tiere ins Auge fassen. Wo wir doch ganz wider Erwarten einen Hahn im Gehege haben… Und steht da nicht diese mechanische Saftpresse in der Garage? Die könnte mir im Herbst noch gelegen kommen. Neulich habe ich mich schon mal schlau gemacht, ob es eine Weiterbildung im Haltbarmachen von Lebensmitteln gibt. Es gibt sie. Vielleicht wäre das ja ein Projekt für den Winter? 

Ich nehme mal an, in den kommenden Wochen werde ich mehrheitlich in der Küche, im Garten, auf dem Wochenmarkt und bei Ricardo beim Aufstöbern von Küchengadgets anzutreffen sein. Wo wir gerade bei den Gadgets sind: Da habe ich doch neulich etwas ganz Ausgefallenes entdeckt, etwas, was es in meinem Haushalt noch nicht gibt und was meines Wissens auch nirgendwo im Keller rumsteht. Das Ding nennt sich Küchenwaage und man sagt mir, dass es bei gewissen Gelegenheiten ganz praktisch sein kann, es zur Hand zu haben. Was meint ihr, treibe ich es mit meinem Küchenwahn auf die Spitze, wenn ich mir eine zulege?

Nur eine stinknormale überforderte Mama

Nun ja, vielleicht habe ich ein paar Kinder mehr als der Durchschnitt und dadurch liegt meine Schmerzgrenze ein winziges bisschen höher. Ja, ich habe mich dazu entschieden, berufstätig zu sein, auch wenn mein Leben ohne Job herausfordernd genug wäre. Und ja, ich schreibe über das, was mein Alltag mit sich bringt und darum sieht es vielleicht manchmal so aus, als hätte ich die Dinge im Griff. Im Gunde genommen bin ich aber auch nur eine stinknormale, überforderte Mama.

Wenn also der Zoowärter im Krankenhaus liegt, „Meiner“ im kombinierten Stress von Schuljahresende und Stellenwechsel steckt, der FeuerwehrRitterRömerPirat trotz allem seine Geburtstagsparty feiern dürfen soll, mein sorgsam geplanter Arbeitsmorgen nur Unvorhergesehenes bringt, wenn ich vor lauter Chaos nicht dazu komme, die Rechnungen zu bezahlen da ich zu Hause keine Zeit und im Spital zwar Zeit, aber kein Büro habe, wenn ich vergesse, Luise früher zur Schule und später in die Querflötenstunde zu schicken, wenn unser vierzehnter Hochzeitstag ins Wasser fällt, weil wir a) uns um unser krankes Kind kümmern wollen und müssen und weil wir b) keine Zeit hatten, einen Babysitter zu suchen, wenn das Auto bei jeder Ampel den Geist aufgibt, wenn das Prinzchen nachts nicht zur Ruhe kommt, wenn ich nicht mal in Ruhe fünf Minuten unter der Dusche stehen kann, weil andauernd das Telefon klingelt, wenn einfach alles kreuz und quer ist, dann überläuft auch mein Fass.

Dann brauche ich keinen, der zu mir sagt „Äääähm, habe ich vergessen. Könntest nicht du stattdessen?“ Dann ertrage ich kein „Ich wäre ja so froh, wenn du für mich würdest…“ Dann raunze ich jeden an, der auch nur so dreinschaut, als wollte er etwas von mir. Alles, was ich in solchen Momenten brauche, ist eine Schulter, an der ich mich ausheulen kann, eine seichte Schnulze und ein ermutigendes „das kriegen wir schon hin“.

Wenn das aber nicht zu haben ist? Dann bin ich auch schon ganz glücklich, dass zwei rotzfreche aber unglaublich liebenswürdige Teenies mir anbieten, mit dem Zoowärter sein am Kiosk erbetteltes Plastikspielzeug zusammenzubauen.

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Planen zwecklos – hier bestimmt das Leben

Und wieder einmal sagt das Leben, dass es jetzt reicht mit Rasen auf der Überholspur. Alles, was es dazu braucht, ist eine winzige, stark entzündete Dellwarze am Bein des Zoowärters und schon weisst du, dass es zwecklos ist, die Tage im Voraus zu planen. Heute also eine Nacht im Spital mit einem überglücklichen Zoowärter, der nun endlich auch mitreden kann, wenn die Grossen von ihren Krankenhaus-Abenteuern berichten. Morgen dann der verzweifelte Versuch, das Familienleben vom Spitalzimmer aus zu managen, aber auch der Genuss, dass das Leben hier drinnen für unsereinen weit beschaulicher ist als draussen. (Ich habe wohl am Wochenende ein bisschen zu laut geseufzt, dass ich gerne mal wieder dabei zusehen möchte, wie andere für mich die Arbeit machen.) Obendrein natürlich das bange Hoffen, dass alles ohne Komplikationen verheilt, gemischt mit der Dankbarkeit, dass wir gerade noch rechtzeitig erkannt haben, dass unser Kind medizinische Hilfe braucht.