Freuden des Alltags

Rote Rosen? Frühstück im Bett mit Lachs und Champagner? Ein Dîner im Luxusrestaurant? Ach was, alles vollkommen überbewertet. Hier kommt die Liste der wahren Alltagsfreuden:
1. Du erwachst morgens kurz vor neun und siehst als Erstes eine Tasse Tee, die dir „Deiner“ auf den Nachttisch gestellt hat, bevor er zur Arbeit gegangen ist. Okay, der Tee ist längst kalt, aber was zählt, ist, dass er auch nach fast vierzehn Ehejahren noch akzeptiert, dass du ein elender Morgenmuffel bist.
2. Du entdeckst, dass auf einem deiner Bankkonti mehr Geld ist als erwartet. Gerade genug, damit du die Rechnungen begleichen kannst, die vollkommen unerwartet alle miteinander ins Haus geflattert sind.
3. Du tappst im Dunkeln vom Schlafzimmer aufs WC und wieder zurück, ohne dabei auf einen einzigen Legostein zu treten.
4. Du lädst dir beim Wocheneinkauf den Wagen voll mit Futter für die ganze Meute und an der Kasse stellst du fest, dass du die magische 350-Franken-Grenze unterschritten hast. Und das, ohne auf einen einzigen Artikel auf deiner Einkaufsliste zu verzichten.
5. Der FeuerwehrRitterRömerPirat kuschelt sich in deine Arme, sieht dich mit verklärtem Blick an und sagt: „Du bist meine Tankstelle.“
6. Ein ganzer Tag ohne einen einzigen Anruf für Familie Hamchiti. (Für alle, die nicht wissen, wer Hamchitis sind: Das ist die Familie, die früher mal unsere Telefonnummer hatte und die offenbar mit sehr grosser Freude Telefonshopping betrieben hat.)
7. Du willst etwas aus dem Vorratsschrank holen, bringst dabei die Kakaodose und die Ölflasche zu Fall und schaffst es, beides aufzufangen, ohne dass etwas verschüttet wird.
8. Die Abfallsäcke stehen an der Strasse, bevor die Kehrichtabfuhr bei deinem Haus vorbeigekommen ist.
9. Deine Katze setzt sich mitten in der Nacht auf deinen Rücken und massiert mit ihren Pfötchen sämtliche Verspannungen, die du dir im Laufe des Tages zugezogen hast.
10. Du kannst dir zehn Minuten lang ungestört auf dem iPad die Musik anhören, die dir gefällt, bevor eines deiner Kinder brüllt: „Ich will jetzt aber mit Talking Tom spielen!“
11. Ein Tag, an dem du den Besen nur dreimal zur Hand nimmst und das Lavabo im Bad nur ein einziges Mal sauber machen musst.
12. Du machst dir einen Kaffee mit Milchschaum und schaffst es, den Milchschaum abzulöffeln, bevor die Kinder es gesehen und dir alles abgebettelt haben.
13. Du schaffst es, Kinder, kochen, schreiben und Haushalt so unter einen Hut zu bringen, dass du nicht permanent das Gefühl hast, auf der Flucht zu sein.

Wie? Ihr findet das alles banal und erkennt darin einen Hauch von Resignation? Aber nicht doch. All diese kleinen Alltagsfreuden tragen dazu bei, dass man abends noch fit genug ist, eine der grossen Alltagsfreuden zu geniessen. Zum Beispiel mit „Meinem“ aufs Sofa kuscheln und eine Schnulze schauen, die wir beide bereits gesehen haben, was aber weder ihn noch mich stört. Hauptsache, der Tag war gut genug, dass wir uns abends nicht mit Alltagskram herumschlagen müssen.

20120412-233914.jpg

Prinzchensuche

Heute haben wir endlich einen der letzten noch fehlenden Klassiker der Kleinkindphase nachgeholt. Kurz vor sieben, vier von fünf Kindern warten bereits aufs Abendessen, doch vom Prinzchen fehlt jede Spur. Eben noch war er da, aber jetzt bleibt alles Rufen unbeantwortet. Der wird sich wohl wieder mal zur Grossmama geschlichen haben, nehmen wir an, aber dort ist er auch nicht. Sie hätte ihn vor einer Weile am Haus vorbei spazieren sehen, sagt die Grossmama und da sie auch Luise in seiner Nähe gesehen hätte, habe sie sich keine weiteren Gedanken gemacht. Jetzt aber ist sie ebenso besorgt wie wir. Während „Meiner“ sich ans Steuer setzt, um das Quartier mit dem Auto abzusuchen, macht meine Mutter sich in Richtung Kindergarten auf und ich suche mit dem Zoowärter den Weg zur Kinderkrippe ab. Kein Prinzchen weit und breit. Auch unsere Nichte, die inzwischen in die Suche eingeschaltet wurde, begegnet ihm nicht und so mache ich mich irgendwann ohne Zoowärter und mit bangen Gedanken zum Naturspielplatz auf. Bitte, lieber Gott, lass das Kind nicht zum Teich gerannt sein… Zu meiner Erleichterung fehlt auch dort jede Spur von ihm, aber nicht nur dort, sondern im ganzen Quartier. Nun, dann werde ich mich wohl auf den Heimweg machen müssen. Vielleicht haben die anderen den Knirps inzwischen gefunden.

Tatsächlich kommt mir auf halbem Weg „Meiner“ entgegengefahren, winkend und lachend. Der verlorene Sohn ist gefunden. Und zwar – wie könnte es auch anders sein – schlafend im Elternschlafzimmer. Grosses Aufatmen zuerst, dann grosses Kopfschütteln, weil wir in der Eile ausgerechnet dort nicht nachgeschaut haben. Und weil Karlsson mit unschuldiger Miene meint: „Ich hab die ganze Zeit gewusst, dass er dort ist, aber ich habe nicht mitgekriegt, dass ihr ihn sucht.“

20120410-233323.jpg

Und ich glotze doch…

Eigentlich ist mir Fernsehen ja so was von egal. Okay, die abendlichen Nachrichten führe ich mir zu Gemüte, wenn ich die Zeit dazu finde, aber der Rest kann mir gestohlen bleiben. Serien? Ohne mich. Casting Shows? Verschont mich bitte davor. Dokumentarfilme? Auf den ersten Blick zwar meist interessant, aber dann ist doch meistens zu wenig Fleisch am Knochen. Comedy? Zu oft eine entlockt mir das Zeug nicht mal ein müdes Lächeln. Spielfilme? Ach was, die bringen ja doch immer wieder den gleichen Mist.

Nein, das Fernsehen ist nicht mein Medium. Es sei denn, sie bringen einen jener Historienschinken über die Borgias, die Tudors oder wen auch immer. Hauptsache Intrigen, wallende Gewänder, packende Handlung und – Endlosigkeit. Mehr braucht es nicht, damit ich wider alle Vernunft bis spät in die Nacht vor der Glotze sitze, mir eine Folge nach der anderen reinziehe und am nächsten Tag grummelig auf den Abend warte, bis es endlich weitergeht.

Glücklicherweise hat die Geschichte dafür gesorgt, dass die Historienschinken nach vier oder fünf Folgen ein Ende finden. Was wäre ich bloss für ein Vorbild, wenn das Zeug nicht nur über die Feiertage, sondern wöchentlich, sagen wir mal am Dienstag, Mittwoch und Donnerstag gezeigt würde?

20120407-235402.jpg

Die Welt ist hier

Ich hatte stets geglaubt, die ziemlich eingeschränkte Weltsicht der Hurra-Patrioten mit ihrem „Die Schweiz ist eine Insel der Glückseligen“- Gehabe lasse sich nicht überbieten, aber ich lag falsch. Das Prinzchen zieht die Grenze noch etwas enger: „Hier drinnen in unserem Haus ist die Welt und dort draussen ist die Schweiz“, sagte er heute früh, als er aus dem Fenster schaute.

Und seither zerbreche ich mir den Kopf, was denn seiner Ansicht nach ennet der Schweizergrenze anfängt. Das Weltall, bevölkert von vielen gefährlichen Ausserirdischen? Ich hoffe es nicht, denn damit käme er dem Weltbild der Hurra-Patrioten gefährlich nahe.

20120405-092932.jpg

Gelangweilt? Ich schon. Manchmal.

Viele glauben, als teilzeitberufstätige Mutter von fünf Kindern, Ehefrau und Ernährerin von zwei Katzen langweile man sich nie, aber glaubt mir, es gibt sie durchaus, diese Tage an denen man nichts mit sich anzufangen weiss. So ein Dienstag zu Hause mit den Kindern kann endlos sein. Zu tun gäbe es natürlich genug, das Problem ist aber, dass einen die Kinder gleichzeitig brauchen und nicht brauchen. Wie? Ihr versteht nicht, wie das gehen soll? Nun, ich versuche, mich zu erklären.

Der Vormittag stellt gewöhnlich kein Problem dar. Mit Prinzchen-Gesprächen, Küche aufräumen, Kolumne schreiben, Mittagessen vorbereiten und mit meiner Mutter quatschen vergehen die wenigen Stunden bis Mittag wie im Flug. Danach aber wird es schwieriger. Die Kinder, die nachmittags nicht zur Schule müssen, geben mir sehr deutlich zu verstehen, dass sie mich nach dem Zähneputzen nicht mehr brauchen. Gut, dann gönne ich mir doch mal eine Pause. Kaum ist die Zeitung ausgebreitet, der Kaffee gekocht, kommt der Zoowärter heulend angerannt und verlangt nach einem Pflaster. Kein Problem, da helfe ich doch gerne, doch kaum habe ich mich wieder an den Tisch gesetzt, wünscht der Zoowärter, einen Kindergartenfreund einzuladen. Nun ist ein Fünfjähriger natürlich nicht sonderlich gewandt im Vereinbaren von Terminen und so übernehme ich die Sache. In der Zwischenzeit hat der FeuerwehrRitterRömerPirat erkannt, dass die Zeitung bereit liegt und ich in Rufweite bin, um seine unzähligen Fragen zum Tagesgeschehen zu beantworten. Okay, ich habe verstanden. Die Kinder brauchen mich eben doch. Also breche ich meine Pause ab und beschliesse, die Zeit mit ihnen zu geniessen.

Doch was geschieht jetzt? Kaum widme ich den Knöpfen meine ungeteilte Aufmerksamkeit, wollen sie nichts mehr von mir wissen. Sie rauschen ab in den Garten und haben ihren Spass, ganz ohne mich. Na gut, dann räume ich jetzt eben die Küche auf. Und danach widme ich mich der Wäsche und schliesslich kümmere ich mich um die Rechnungen. Nun ja, das alles würde ich tun, wenn ich nicht plötzlich wieder von allen Seiten bestürmt würde, kaum habe ich mich dazu aufgerafft, etwas zu erledigen. Dann also doch Kinderhüten. Kein Problem, ich bin flexibel und was gibt es Schöneres, als an einem Frühlingstag mit den Kindern draussen zu sein? Ich kann ja noch ein wenig lesen, währenddem sie sich austoben. Wenn ich Glück habe, schaffe ich drei Sätze am Stück, meistens aber habe ich kein Glück und dann renne ich schon nach zwei oder drei Wörtern wieder ins Haus, um Bananen zu holen, weil plötzlich alle dem Hungertod nahe sind.

So pendle ich hin und her zwischen der fleissigen Hausfrau und der aufmerksamen Mutter, irgendwann kommen noch die Hausaufgaben dazu, bei denen ich erst zur Hilfe gerufen werde, nachdem man mir versichert hat, dass ich nicht gebraucht würde, weshalb ich mir eine WC-Pause gönnen dürfe. Kaum habe ich mich hingesetzt, der erste Schrei: „Mama! Ich komme da nicht draus. Die Lehrerin hat uns überhaupt nichts erklärt. Hilf mir, ich schaffe das nicht!“ Also doch keine WC-Pause.

Irgendwann gebe ich auf. Ich lasse die Arbeit liegen, weil ich ohnehin nirgendwo hinkomme, das Lesen lasse ich auch bleiben, weil es einfach keinen Spass macht, wenn man alle dreissig Sekunden unterbrochen wird und bei den Kindern dränge ich mich nicht weiter auf, da ich nur als Auffangnetz erwünscht bin, nicht aber als Spielkameradin. Ich positioniere mich so zentral wie möglich, damit ich für alle leicht verfügbar bin, warte auf das Ende des Nachmittags – und langweile mich.

Ach ja, manchmal schneit auch ganz unverhofft Besuch ins Haus, ich freue mich wie ein Kind auf eine Tasse Kaffee mit einer guten Freundin und kaum haben wir uns hingesetzt, bricht das Chaos aus, weil das nun wirklich nicht geht, dass ich meine Aufmerksamkeit, welche die Kinder verschmäht haben, dem Gast widme.

20120403-232908.jpg

Brisante Fragen

Es kommt nicht so sehr aufs Thema an, das Muster ist stets gleich: Das Prinzchen sagt etwas so, wie ein Dreijähriger die Dinge eben sagt, der Zoowärter, der ja so viel älter und  weiser ist, korrigiert den kleinen Bruder, der kleine Bruder nimmt die Korrektur nicht an, der grosse Bruder wird wütend, insistiert, wird noch wütender, weil der Kleine noch immer nicht klein beigibt, irgendwann fliegen die Fäuste und dann werde ich als Schiedsrichterin auf den Plan gerufen. Hier einige Beispiele:

Prinzchen: „Der liebe Gott ist herzig.“

Zoowärter: „Nein, der liebe Gott ist nicht herzig, der ist manchmal böse.“

Prinzchen: „Nein, er ist herzig.“

Zoowärter: „Ist er nicht.“

Prinzchen: „Ist er doch.“

Zoowärter: „Nein, ist er nicht, du blöde Kuh!“

Und schon artet die theologische Diskussion in einen handfesten Glaubenskrieg aus. Was ja in der Geschichte der Christenheit nicht zum ersten Mal vorkommt.

Man kann das Spiel aber auch mit weniger brisanten Themen spielen. Heisst es Megaphon oder Megalophon? Schmecken Erbsen gut oder nicht? Darf ein Kind, das noch nicht im Kindergarten ist, aus einem Glas trinken, oder ist der Becher Pflicht? Ist es im Frühling wärmer oder im Herbst? Ist Bob der Baumeister cool oder blöd?

Und das brisanteste Thema überhaupt: Auf welche Seite müssen die Henkel der Tasse schauen? Wer jetzt glaubt, dies sei ein klassischer Konflikt zwischen Links- und Rechtshänder, der irrt. Die zwei sind nämlich beide links.  Zumindest in einer Sache sind sie sich einig.

Stehengeblieben

Die Frauen, denen ich schon früher immer auf dem Weg zum Einkaufen begegnet bin, sind heute ganz anders unterwegs als damals. Der Brunnen am Wegrand, die Fussgängerampel, die viel zu schnell wieder auf rot wechselt, die schwatzenden Omas, die das Trottoir blockieren, die Bankangestellte, die allzu grosszügig Schleckstengel an die Kinder verteilt – all dies braucht sie nicht mehr zu kümmern. Ganz entspannt leisten sie sich einen Schwatz mit anderen Müttern, keine Angst, dass die Kleinen plötzlich auf die Strasse rennen oder die Auslage im Geschäft leer räumen. Alles ganz entspannt, denn die Knöpfe sind aus dem Gröbsten heraus und sitzen in der Schule.

Ich hingegen bin noch immer gleich unterwegs wie seit Jahren schon. Okay, das Kind an meiner Hand ist nicht mehr das Gleiche wie damals, aber noch immer habe ich den Eindruck, mindestens drei Hände zu wenig zu haben. Die gleichen Missgeschicke – Papiertaschen, die mitten auf dem Fussgängerstreifen den Geist aufgeben und Kinder, die in fremden Gärten Blumen pflücken – wie eh und je. Immer noch die gleichen panischen „Nein, lass das!“-Rufe, immer noch „Beeil dich, wir kommen sonst nie vor dem Mittagessen nach Hause.“ Noch immer stehenbleiben bei jeder Baustelle, bei jedem Federchen auf der Strasse, bei jeder Rutschbahn.

Sieht ganz danach aus, als wäre ich auf dem Weg zum Einkaufen stehen geblieben, während alle anderen schon längst weitergegangen sind. Aber wisst ihr was, es macht mir nichts aus, denn trotz allem gibt es für mich kaum etwas Schöneres im Leben, als eine kleine Hand in meiner nicht viel grösseren zu halten und ein kleines, neugieriges Kind durch den ganz banalen Alltag zu begleiten.

20120328-001411.jpg

Hausfrauentest bestanden

Wie gestern bereits erwähnt,  steht „Meiner“ in Sachen Pflichtgefühl und Opferbereitschaft der durchschnittlichen Mutter und Hausfrau in nichts nach. Ich würde gar behaupten,  dass man ihn deutlich seltener bei Kaffee und Klatsch antrifft,  obschon auch die durchschnittliche Hausfrau und Mutter nicht allzu oft Zeit dafür findet. Den letzten Beweis,  dass „Meiner“ es durchaus mit uns aufnehmen kann,  hat er an diesem Wochenende erbracht. Was tut der gute Mann,  wenn er endlich einmal ein paar Tage für sich hat? Na,  was wohl? Er holt seine Magen-Darm-Grippe hervor,  die er sich eigens für diesen Moment aufgespart hat,  denn im Alltag hat man einfach zu wenig Zeit,  sie so richtig zu geniessen. Im Ländli aber,  wo sie dir am Morgen ein Buffet und zweimal am Tag ein mehrgängiges Menü servieren und wo du dich in die Wellness-Oase zurückziehen kannst,  wann immer dir der Sinn danach steht,  bietet eine kleine Grippe den perfekten Kontrast zu dieser gezwungenen „Lass es dir gut gehen“-Atmosphäre. Hier kann man zelebrieren,  was zu Hause immer zu kurz kommt. Am Montag wird er sich wieder kerngesund in den Trubel des Alltags stürzen können. Der Mann weiss eben,  was sich für Hausfrauen und -männer gehört.

 

Revanche

Er kümmert sich so viel um die Kinder wie ich, im Haushalt übernimmt er weit mehr als nur das Nötigste, jahrelang ist er nachts aufgestanden, er gibt sich grosse Mühe, bei jedem Elterngespräch in der Schule dabei zu sein und obendrein hält er mir den Rücken frei, damit ich neben Kindern und Beruf auch noch schreiben kann. Elf Jahre voller Einsatz ohne nennenswerte Unterbrüche. Klar, auch er hat hin und wieder seine kleinen Inseln im Alltag, gemeinsam haben wir uns schon öfters eine Auszeit gegönnt und die eine oder andere seiner vielen Weiterbildungen lässt sich bestimmt auch in der Rubrik „Freizeit & Erholung“ abbuchen. Aber zwei oder drei Tage ganz für sich alleine, so wie er sie mir seit einigen Jahren regelmässig ermöglicht, das hatte er noch nie. 

„Höchste Zeit also, ihn für ein paar Tage ins Ländli zu schicken“, dachte ich mir kurz vor Weihnachten und meldete ihn zu einem Männerwochenende an. „Das Wochenende findet ja erst im März statt und bis dahin werde ich bestimmt viel ausgeruhter und belastbarer sein als jetzt“, sprach ich mir Mut zu, ehe ich die Anmeldung abschickte. Ja, und jetzt ist er also dort und ich bin hier, genau gleich unausgeruht und dünnhäutig wie eh und je. Dennoch zweifle ich keinen Moment daran, dass es richtig war, „Meinem“ diese Auszeit zu schenken, auch wenn er natürlich findet, ich hätte das viel dringender nötig als er und er könne mir das doch nicht antun und es hätte doch auch gereicht, wenn ich ihm drei Minuten lang den Rücken massiert hätte und dann koste das Ganze ja auch noch Geld und das würde man doch besser für Nützliches ausgeben und nicht für ihn.

Mich dünkt, ich kenne diese Argumente von irgendwo und wenn ich mich recht erinnere, wurzeln sie in einem Gefühl von Hausfrauenfrust, oder in diesem Fall wohl eher Hausmännerfrust. Dagegen gibt’s nur eins: Ab ins Ländli und zwar schnell. Wehe, er geniesst seine freie Zeit dort nicht…

 

Tür auf!

Die ersten Augenblicke des Tages sind oft die entscheidenden. So, wie es angefangen hat, so geht es meist für den Rest des Tages weiter. Gestern Morgen, zum Beispiel, setzte „Meiner“ sich um sechs Uhr im Bett auf. Im gleichen Augenblick richtete sich Luise, die krankheitsbedingt in unserem Bett nächtigte und mich aufs Sofa vertrieben hatte, ebenfalls auf und – bitte verzeiht den Ausdruck – kotzte „Meinem“ den Rücken voll. Kann man es dem guten Mann verargen, dass er von da an zu nichts zu gebrauchen war, wegen jeder Kleinigkeit in die Luft ging und abends um neun auf dem Sofa einschlief? 

Ganz anders mein heutiger Start in den Tag: Die ganze Familie inklusive Katzen stand verzweifelt vor der verschlossenen Türe der Vorratskammer. „Der Andere“ – wer denn sonst? – hat es mal wieder geschafft, den Schlüssel drinnen zu lassen und die Tür zuzuknallen. Corn Flakes, Kakao, Katzenfutter – alles eingeschlossen und keiner schaffte es, die Türe zu öffnen. Keiner, ausser mir. Schlaftrunken ging ich auf die Tür zu, schnappte mir ein ganz gewöhnliches Messer, schob das Ding in den Türspalt und Sesam war geöffnet. Wer den Tag mit einer Heldentat beginnt, der kann wohl gar nicht anders, als voller Zuversicht weiterzugehen.

So war es dann auch: Alles lief runder als gewöhnlich und hätte ich nicht diesen dummen Fehler begangen, so wäre ich wohl für einmal ohne meine üblichen Schnitzer ausgekommen. Zu dumm nur, dass ich am späten Nachmittag aus lauter Gewohnheit die Tür der Vorratskammer zuschlug, als der Schlüssel noch immer drin war. Was ja nicht weiter schlimm gewesen wäre, wenn der Trick vom Morgen noch funktioniert hätte, aber das tat er nicht, so sehr ich mich auch abmühte. Nun gut, auch damit hätte ich leben können, wäre ich mit Gartenarbeit oder mit der Steuererklärung beschäftigt gewesen. Wie es der Zufall aber wollte, war ich gerade dabei, Luises Geburtstagstorte zu backen. Der Teig halb fertig, die Form eingefettet, der Ofen heiss und keine Chance, an Backpulver und Mehl heranzukommen. Was blieb mir da noch anderes übrig, als die heute sorgsam geschonten Nerven doch noch zu verlieren? 

Zum Glück gelang es „Meinem“ irgendwann doch noch, die Tür zu öffnen. Ich mag es ihm von Herzen gönnen, dass er der Retter der Geburtstagstorte ist. Nachdem Luise ihn gestern vor dem Frühstück mit Halbverdautem beglückt hat, hat er ein bisschen Heldenverehrung mehr als verdient.