Prinzchen-Patriotismus

Nein, ein Patriot ist er nicht, unser Prinzchen. Die Knallkörper sind ihm zu laut, die Wunderkerzen mag er nicht in der Hand halten, als wir die Vulkane anzünden verkriecht er sich ins Haus und die Raketen, welche die Nachbarn steigen lassen, will er nicht mal vom geschlossenen Fenster aus sehen. Zu seinem Glück fällt unser Feuerwerk wie jedes Jahr sehr bescheiden aus – wer will denn schon viel Geld für Brennbares ausgeben? Und so stellt unser Jüngster, als er sich in sein sicheres Bett verkriecht, befriedigt fest: „Mama, wir haben gewonnen beim Feuerwerk. Wir waren viel schneller fertig als alle anderen.“

Brav, mein Kind, genau so sehe ich das auch.

Die Grenze des guten Geschmacks

Ich halte mich für eine ziemlich tolerante Mutter. Will der FeuerwehrRitterRömerPirat Fussball spielen, dann soll er dem Fussballclub beitreten, obschon ich selber nicht allzu viel für Fussball übrig habe. Ihm zuliebe werde ich irgendwo in mir drinnen einen Funken Fussballbegeisterung aufspüren, damit mein Stolz über ein von ihm geschossenes Tor ebenso gross sein wird wie meine Begeisterung über einen gelungenen Geigenauftritt von Karlsson.

Will Luise Reitstunden nehmen, dann erkundige ich mich eben danach, wie viel Reitstunden kosten und falls wir ein bezahlbares Angebot finden, werde ich mich in ihre Welt eindenken, auch wenn mir der ganze „Das Glück der Erde liegt auf dem Rücken der Pferde“-Kram ziemlich suspekt ist. Vielleicht würde ich mich ihr zuliebe sogar selber mal aufs Pferd schwingen, einfach so, um herauszufinden, ob das wirklich so toll ist, wie alle sagen. Nun ja, vielleicht würde ich auch nicht, ich könnte ja runterfallen…

Begeistert sich der Zoowärter für Dinosaurier, dann bekommt er eben Dino-Bücher geschenkt, auch wenn ich ihm viel lieber das entzückende Buch mit den herzigen Jungtieren gekauft hätte. Ihm zuliebe versuche ich nachzuempfinden, was an Stegosaurus & Co. so unglaublich faszinierend sein soll. Okay, ich habe es noch nicht herausgefunden, aber ich arbeite dran.

Heissen des Prinzchens Helden Bob der Baumeister und Feuerwehrmann Sam, dann erzähle ich ihm eben Geschichten von Bauarbeitern und Feuerwehrmännern. Ja, ich erfinde für ihn sogar Schlaflieder, die von seinen Helden handeln, obschon ich im Erfinden von Liedern eine Niete bin und obschon ich auch bei Sohn Nummer vier keine allzu grosse Begeisterung für Feuerwehrmänner und Bauarbeiter verspüre. Hauptsache, mein Kind ist glücklich.

Was für diese vier Kinder gilt, gilt natürlich auch für Karlsson. Was immer ihn auch begeistert – Opern, antike Möbel, elegante Kleidung – ich unterstütze ihn nach Kräften in seinen Leidenschaften. Bis jetzt bin ich damit ganz gut gefahren, neuerdings aber strapaziert unser Ältester in bester Teenagermanier die Grenzen meiner Toleranz. Schallt aus seinem Zimmer Edith Piaf, dann bleibt auch mir nichts anderes als verständnisloses Kopfschütteln und die bange Frage „Kind, bist du auch ganz sicher, dass es dir gut geht?“

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Familientraditionen

Am Anfang war Rosa Müller. Eines Tages, als unsere damals noch kleinen Grossen den lieben langen Tag nörgelten, erschien sie einfach so, aus dem Nichts. Eine unzufriedene, kleinkarierte alte Frau, die in einem Altersheim lebt und nichts anderes tut, als sich zu beklagen. Mal ist sie unzufrieden, weil sie sich langweilt und Sekunden später klagt sie darüber, dass einfach zu viel Programm geboten wird im Altersheim. Schenken ihre Kinder ihr eine Schachtel Pralinen zu Weihnachten, dann ist sie eingeschnappt, weil sie nich mehr bekommen hat, fahren sie mit ihr nach Mallorca in die Ferien, dann schimpft sie, die hätten zu viel Geld ausgegeben für sie. So ist sie, die Rosa, stets unzufrieden, andauernd meckernd und einfach unausstehlich. Unsere Kinder lieben sie heiss und innig und so kommt es, dass sie immer mal wieder fragen: „Mama, kommt die Rosa?“ Wenn Mama in der Stimmung ist, dann kommt sie tatsächlich, die alte Schreckschraube.

Eines Tages, ich kann mich nicht mehr genau erinnern wann das war, gesellte sich Gerlinde zu Rosa. Gerlinde, die ebenso griesgrämige deutsche Immigrantin, ein paar Jahre jünger als Rosa, laut, stillos und kinderfeindlich. Ich kann mir beim besten Willen nicht erklären, weshalb sie dennoch regelmässig zu uns kommt, wo man bei uns doch andauernd mit den Kindern zu tun hat. Gerlinde und Rosa können sich nicht ausstehen und so muss ich stets auf der Hut sein, dass die eine nichts davon erfährt, wenn die andere da war. Wenn Gerlinde loslegt kann es schon mal vorkommen, dass dem Prinzchen Angst und Bang wird, so dass ihre Besuche meist nicht allzu lange dauern.

Ja, und dann wäre da noch Maggie, die eigentlich Margrit heisst, was unsere Kinder ihr immer wieder mit grosser Schadenfreude unter die Nase reiben. Maggie, die Verschwenderische, die mit ihrem Privatjet um die Welt düst und sich derzeit Gedanken macht, ob sie im Herbst vielleicht ein oder zwei bedürftige Kinder adoptieren soll. Vermutlich wird sie es tun, sie muss nur noch herausfinden, welches Herkunftsland derzeit gerade hip ist. Und natürlich muss sie noch irgendwo die perfekte Vollzeit-Nanny auftreiben, denn Maggie hat für Kinder noch weniger übrig als Gerlinde. Maggie ist ein durch und durch widerliches Trophy Wife, menschenverachtend und geltungssüchtig.

Gestern haben die drei Damen Gesellschaft bekommen. Ein dubioser Waffenhändler aus Afghanistan, der in eine schlimme Familienfehde verwickelt ist, tauchte plötzlich am Familientisch auf. Ein beängstigender Zeitgenosse, aber durchaus begabt im Fabulieren über seine zahllosen Abenteuer. Unsere Jungs hängen buchstäblich an seinen Lippen, wenn er erzählt. „Wann kommt er wieder?“, betteln der FeuerwehrRitterRömerPirat, der Zoowärter und das Prinzchen. Nur Karlsson bettelt nicht, der setzt sich hin und fängt an zu erzählen: „Geschter ich hane funde alte Gewehr, ist gute Gewehr…“

Und so setzt Karlsson eine Familientradition fort, die eines Tages, als unsere damals noch kleinen Grossen den lieben langen Tag nörgelten, wie aus dem Nichts über Karlssons Mama kam.

 

Fragen, die ich mir heute nicht beantworten konnte

– Was ist bloss mit der Jugend von heute los? Servierst du Würste, weil du denkst, Kinder hätten sowas gern, bleibst du darauf sitzen. Servierst du Gurken, dann prügeln sie sich um den letzten Bissen. Nun gut, ich kann das ja durchaus nachvollziehen, aber in meiner Generation wurde man frühestens nach dem hundertsten Besuch bei McDonald’s so vernünftig.

– Warum haben die Menschen jemals damit aufgehört, ihre eigene Butter zu machen? Was gibt es Schöneres, als nach einem heissen Tag kühle Butter zu kneten?

– Wo liegt die Grenze zwischen Fleiss und Talent und wie schafft man es als Eltern, die Sache so einzuschätzen, dass man später nicht mit Vorwürfen überhäuft wird? Ich meine Vorwürfe wie „Hätten meine Eltern erkannt, was in mir steckt, ich hätte es viel weiter bringen können.“ Oder aber: „Dieser ewige Druck, etwas sein zu müssen, was ich nicht bin, hat mich komplett fertiggemacht.“

– Wie verdreht ist man, wenn man das Gefühl hat, Scarlett Johansson als Annie in „The Nanny Diaries“ sei der einzige Mensch auf diesem Planeten, der einen versteht?

– Wie bringe ich es fertig, den Tag mit dem Prinzchen in Frieden abzuschliessen, wenn wir beide den richtigen Moment für seine Schlafenszeit verpasst haben?

– Wann ist endlich Feierabend?

– Spinne ich, spinnen alle anderen oder spinnen wir alle zusammen?

– Kann ich es mit meinem Gewissen vereinbaren, dass unsere drei über-sechsjährigen Kinder sich einen Film ansehen, der ab sechs Jahren freigegeben ist?

– Wo sind diese elenden Schrauben hingekommen?

– Was riecht hier so abscheulich?

– Schaffen es alle meine Tomaten, reif zu werden, oder wird der Sommer in einigen Tagen bereits wieder vorbei sein?

– Soll ich, oder soll ich nicht? Egal was. Meine Unentschlossenheit erstreckt sich in diesen Tagen auf sämtliche zu treffenden Entscheidungen.

Schwarz

Zuweilen sind Eltern so naiv, zu glauben, sie hätten alles gesehen. Nach dem hundertsten Kaugummi an den Fusssohlen, der fünfhundertsten verschimmelten Kakaotasse im Kinderzimmer, dem tausendsten Paar Socken, das an irgend einem Ort, wo es ganz bestimmt nicht hingehört, vor sich hingammelt, schleicht sich eine gewisse Abgebrühtheit ein. Okay, das alles ist ärgerlich, aber es hilft ja doch nichts, sich darüber aufzuregen. Spätestens in zwanzig Jahren wird in diesem Haus keiner mehr für eklige Überraschungen sorgen. Also Schwamm drüber und zwar im wahrsten Sinne des Wortes.

In der Eintönigkeit der stets gleichen oder immerhin ähnlichen Abscheulichkeiten gibt es aber immer wieder herausragende Ereignisse, die dafür sorgen, dass wir mithalten können, wenn in geselliger Elternrunde über die abstossendsten Erfahrungen des Familienlebens berichtet wird. Da wäre zum Beispiel jene Geschichte mit den Exkrementen, welche der damals noch sehr kleine FeuerwehrRitterRömerPirat an die Wand schmierte. Oder die Banane, die fünf Wochen Sommerferien in der Kindergartentasche verbrachte. Oder der Fruchtfliegenschwarm von heute Morgen.

Fruchtfliegen und Sommer gehören ja so eindeutig zusammen wie Blitz und Donner und wir sind wohl nicht die einzigen, die in diesen Tagen einen aussichtslosen Kampf kämpfen. So aussichtslos, dass sogar „Meiner“ erblasst, wenn er den Schwarm sieht, ist der Kampf aber selten. Ich übertreibe nicht, wenn ich behaupte, dass man die Biester summen hörte, so viele umschwirrten ein unschuldig aussehendes Kästchen, welches weitab von Obstschalen, Speiseresten und Katzenfutter hängt. Rabenschwarz war das Möbel, so viele Fliegen waren da und als „Meiner“ mutig das Türchen öffnete, kam ein Schwarm biblischen Ausmasses herausgeflogen.

Der Grund für die ausserordentliche Fliegenplage? Es dauerte lange, bis wir ihn ausfindig machen konnten, denn zuerst sahen wir einfach nur schwarz, summendes, ekliges Schwarz. Anziehungspunkt für die Fliegen war ein Schälchen Kaffeesatz, welches irgend ein Kind – es war vermutlich mal wieder „der Andere“, dieser Mistkerl, der stets verschwindet, wenn eine seiner Schandtaten ans Licht kommt – im Kästchen deponiert und vergessen hatte. Ohne Gift war dieser Plage nicht mehr beizukommen, jetzt aber sind die Biester tot und wir haben eine weitere Abscheulichkeit in unserem Geschichten-Repertoire.

Nähe

Je mehr Kinder man hat, umso schwieriger wird es wohl, im Alltag jedem gerecht zu werden. Wie schnell geschieht es doch, dass man das Anliegen des einen Kindes überhört, weil das andere so laut schreit. Wie oft sieht sich eines in eine Rolle hineingedrängt, weil die anderen es so haben wollen.

Wie oft werde ich im Alltag laut und merke nicht, wie sehr dies dem Zoowärter zu schaffen macht? Da unsere anderen Kinder ganz gut mit meinem Temperament klarzukommen scheinen, fällt mir kaum auf, dass der Zoowärter sich jeweils schnell zurückzieht, wenn ich mich im Ton verfehle. Jetzt aber, wo Karlsson, Luise und der FeuerwehrRitterRömerPirat nicht da sind, kann mir unser Zweitjüngster ganz offen sagen, wie sehr er darunter leidet, wenn man ihn anraunzt. Weil ich Zeit habe, ihm zuzuhören. Weil er nicht nach einem halben Satz schon wieder unterbrochen wird, sondern den Raum hat, auszureden. Wo Mama und Papa schon zuhören, kann man ihnen doch gleich noch erzählen, dass ihn mal einer im Kindergarten ausgelacht hat und dass ihn das traurig gemacht hat. Und dann noch ein paar andere Dinge, die ihn beschäftigen. Träume, Wünsche, Ängste, Lausbubenstreiche, die er sich mit dem Prinzchen ausgedacht hat…

Es sprudelt richtiggehend aus dem Jungen heraus und wir können nicht anders, als unsere Kleinfamilienzeit zu geniessen. Auch wenn die Grossen nicht nur uns Eltern, sondern auch den zwei Jüngsten allmählich fehlen. Woran ich das erkenne? Der Zoowärter sagt beim Einkauf nicht mehr alle zwei Sekunden „Mama, kaufst du mir das?“, sondern „Mama, das könnten wir doch dem FeuerwehrRitterRömerPiraten schenken.“ Und wenn ich nein sage, weint er fast so laut, als hätte er nichts bekommen.

Halt, nicht so schnell!

Jetzt sind sie also weg, die drei Grossen. Tagsüber fällt mir das kaum auf, denn auch an gewöhnlichen Tagen kommt es immer öfter vor, dass die grösseren Kinder ihre eigenen Wege gehen. Abends aber, wenn der Zoowärter und das Prinzchen schlafen und keiner mehr aus dem Bett kommt, weil er die Hausaufgaben vergessen hat, wenn oben niemand mehr Geige oder Querflöte übt, wenn wir uns vollkommen ungestört einen Film reinziehen können, dann löst die ungewohnte Stille gemischte Gefühle aus bei mir.

Einerseits ist es ganz nett, ausnahmsweise mal in ganz normaler Lautstärke reden zu können, weil man nicht eine ganze Kinderschar zu übertönen hat. Endlich kann auch der Zoowärter einmal zu Wort kommen, was er ungemein schätzt. Glaubt mir, das Kind produziert wahre Monstersätze, wenn es mal nicht andauernd von seinen grossen Geschwistern unterbrochen wird. Wir Eltern haben nicht nur die Ohren frei, sondern auch die Hände und so kommt es, dass der Zoowärter seit heute Nachmittag fast ohne Hilfe Fahrrad fährt. Das Prinzchen bekommt derweilen auf seine Fragen ganz ernsthafte Antworten anstelle der absurden Wahrheitsverdrehungen, welche Karlsson seinem leichtgläubigen kleinen Bruder so gerne auftischt.

Dies ist die eine Seite, die andere ist die leise Melancholie, die mich beschleicht, wenn ich daran denke, wie leer unser Haus in diesen Tagen ist. Es kommen Erinnerungen hoch an einen Sommer vor vielen Jahren, als ich eine ganze Woche lang Einzelkind war, weil alle grossen Geschwister in Ferienlagern oder mit Freunden unterwegs waren. Nun gut, ganz soweit sind wir noch nicht, aber wenn ich bedenke, dass der Zoowärter übernächstes Jahr auch schon mit ins Lager fahren kann, dann kann ich mir schon sehr lebhaft vorstellen, wie „Meiner“ und ich ganz alleine mit dem Prinzchen die Sommertage totschlagen werden. So, wie meine Eltern damals mit mir.

Es sind keine schlechten Erinnerungen, die ich an jene Sommertage habe, aber ein gewisses Unbehagen überkommt mich dennoch, wenn ich daran zurückdenke. Weil ich mich noch sehr genau daran erinnere, wie alt meine Eltern in meinen Augen damals waren. Und weil ich das Gefühl habe, zwischen jenen Sommertagen und dem Tag, an dem ich mein Elternhaus verliess, liege nicht viel mehr als ein Augenblick.

Die Sache mit dem Loslassen geht mir einfach viel zu schnell…

Vergeudeter Optimismus

Irgendwann, im Laufe des Nachmittags überkamen mich Zweifel, ob es eine gute Idee gewesen war, dass wir uns im Dezember Karten für La Bohème besorgt hatten. Nein, nicht nur für „Meinen“ und mich, für die ganze Familie. „Solange die Kinder noch nichts kosten und Familienausflügen nicht vollends abgeneigt sind, müssen wir das ausnützen“, sagten wir uns.

Als aber heute Nachmittag zuerst einmal düstere Gewitterwolken aufzogen, Luise, der Zoowärter und der FeuerwehrRitterRömerPirat sich alle drei Minuten in die Haare gerieten, das Prinzchen im Auto den Schlaf nicht fand und Karlsson einen vorpubertären Wutanfall hinlegte, da fragte ich mich, ob wir das Geld nicht besser in eine Fahrt zum Europa Park investiert hätten. Nicht, dass ich das Bedürfnis hätte, dorthin zu gehen…

Inzwischen aber ist das Gewitter weitergezogen, das Prinzchen sitzt auf den Stufen des Amphitheaters und schmettert fröhlich Melodien, die er wohl für Arien hält. Die anderen fragen uns Löcher in den Bauch – über die Handlung der Oper, die Cüpli-trinkenden Schickimickis, die Römer, die hier in Avenches mal zu Hause waren. Wenn das so weitergeht, dann war es vielleicht doch nicht so eine schlechte Idee mit den Opernkarten…

Okay, wiedermal zu früh gefreut. Pünktlich zur Türschliessung die ersten Regentropfen, zum geplanten Vorstellungsbeginn die Durchsage, dass es noch ein wenig weiter regnen würde, weshalb man eine halbe Stunde später anfangen würde. Ja, und dann abends um zehn die letzte Durchsage: Vorstellung abgesagt, Sie können Ihre Tickets zurückerstatten lassen, besten Dank für Ihr Verständnis, fünf schluchzende Kinder und eine miesepetrige ältere Dame, die mir auf Französisch klar machen will, dass meine kleine Tochter – das Prinzchen – noch viel zu klein sei, um so lange aufzubleiben.

So haben wir es mal wieder geschafft, einen Tag im Wasser zu ersäufen. Morgen werden wir uns dann entscheiden, ob wir mit den Tickets von heute einen zweiten Versuch wagen wollen, oder ob wir das Geld zurückfordern, um es in ein wetterfesteres Programm zu investieren.

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Ob er das kann? Aber klar doch!

Heute Nachmittag der ganz spontane Entscheid, mit der ganzen Familie aufs Riesenrad zu gehen. Einfach so, weil gerade eines in der Stadt ist. Anschliessend dann noch alle zusammen zum Minigolf. Alle? Nein, Karlsson hat keinen Bock. Ich zwar auch nicht, aber sowas darf man ja als Mutter nicht allzu offen zeigen, sonst verdirbt man allen die Laune. Karlsson aber ist in dem Alter, in dem man ungestraft auf Verweigerung machen darf, was er auch ausgiebig tut. Schliesslich spricht „Meiner“ ein Machtwort: „Wenn du nicht mitkommen willst, nimmst du eben den Bus und fährst nach Hause.“ Während Luise, die befürchtet hatte, dass der grosse Bruder allen den Spass verderben könnte, hörbar aufatmet, bleibt mir fast die Luft weg. Mein armer, kleiner Karlsson, der eben erst vor ein paar Tagen laufen gelernt hat, soll ganz alleine vom Rummelplatz zur Bushaltestelle gehen, ein Billett lösen und nach Hause fahren? Der arme Junge ist doch noch viel zu klein für solche Abenteuer.

Meine Einwände bleiben ungehört, wenige Augenblicke später ist unser Ältester mit einem Fünfliber im Sack unterwegs auf dem steilen Fussweg, der zur Bushaltestelle führt. Mit sorgenvollem Blick schaue ich ihm nach. Ob ich ihn nicht doch begleiten soll? Nur mit grosser Mühe kann „Meiner“ mich davon abhalten. Zum Glück aber sind „Meiner“, Luise und der FeuerwehrRitterRömerPirat mit dem Velo gekommen, so brauche ich mit dem Auto nur einen kleinen, unauffälligen Umweg zu machen, auf dem ich mich ganz heimlich vergewissern kann, dass alles glatt läuft. Der Zoowärter und das Prinzchen, die mit mir im Auto sitzen, werden mich bestimmt nich verpetzen. Hach, wie bin ich erleichtert, als ich Karlsson aus sicherer Distanz beobachte, wie er in den richtigen Bus einsteigt.

Zwei Stunden später ist die Minigolf-Runde endlich überstanden. Jetzt nur noch nach Hause, Abendessen kochen und dann so schnell wie möglich Feierabend. Das Gezänke, wer von den Kindern zuerst drankommt, hat mich ziemlich hingenommen und so verwünsche ich für einmal meine konsequente Ablehnung von Fertigprodukten. Wäre doch nett, wenn wir eine Tiefkühlpizza vorrätig hätten, die man nur noch in den Ofen schieben muss. Haben wir aber nicht und der Zoowärter wünscht sich Suppe im Brot, hausgemacht natürlich, denn Beutelsuppe haben wir nicht. Und zu Hause wartet bestimmt ein übellauniger Karlsson auf uns, dem es nicht passt, dass wir so lange weg waren.

Doch weit gefehlt. Als ich die Wohnungstüre öffne, strömt und himmlischer Pizzaduft entgegen, am Herd steht ein bestens gelaunter Karlsson, der verkündet, er müsse nur noch schnell die Pasta fertig kochen, dann sei das Essen bereit. „Ich habe zu viel Pizzasauce gemacht, da dachte ich mir, ich könnte ja gleich noch Pasta kochen“, erklärt er fröhlich. Auf dem Esstisch steht schon der Salat, Wasser und Cola sind eisgekühlt, der Tisch ist gedeckt und wenig später sind wir alle bei Karlsson zu Gast. „Weisst du eigentlich, wie viele Erwachsene keine Ahnung davon haben, wie man Pizzateig macht? Und du schüttelst das einfach so aus dem Ärmel“, sagt „Meiner“ anerkennend zu Karlsson. „Ach weisst du“, wehrt dieser ganz bescheiden ab, „die müssten nur das Kochbuch von Marianne Kaltenbach hervorholen, dort drin steht nämlich, wie man einen Pizzateig macht.“

Könnte es sein, dass Karlsson doch nicht mehr ganz so klein und hilflos ist, wie ich dies gerne hätte – äääähm, ich meine natürlich, wie ich zuweilen das Gefühl habe?

Zweikindfamilie

Übernächste Woche steht uns ein Abenteuer der besonderen Art bevor: Sieben Tage als Zweikindfamilie. Nur der Zoowärter und das Prinzchen, die uns auf Trab halten, währenddem die drei Grossen im Jungscharlager sind. Da eröffnen sich seit Jahren nicht mehr da gewesene Möglichkeiten.

Man könnte sich zum Beispiel morgens ganz spontan dazu entscheiden, in die Westschweiz zu fahren, weil alle problemlos Platz finden werden in unserem Fünfplätzer. Oder man könnte an einem verregneten Sommertag aus einer Laune heraus ins Thermalbad fahren, ohne vorher drei Monate von Wasser und Brot leben zu müssen, damit man sich den Eintritt leisten kann. Vielleicht könnte man sogar in ein richtiges Restaurant gehen und weil die zwei Kleinen so süss und artig wären, würden sie vom Kellner ein kleines Spielzeug geschenkt bekommen. So wie früher, als das Servicepersonal sich noch nicht entsetzt hinter dem Tresen verkroch, wenn Vendittis im Anmarsch waren. Oder man könnte Bergbahn fahren, ganz spontan irgendwo übernachten, im Garten ein Planschbecken aufstellen und den ganzen Tag faulenzen, einen zufällig zu Hause gebliebenen Babysitter aufspüren und ruhigen Gewissens in den Ausgang gehen – spätestens um halb neun würden die zwei bestimmt schlafen, so dass wir bei der Heimkehr für einmal nicht fünf überdrehte Rabauken und einen zu Tode erschöpften Babysitter antreffen würden.

Die Woche könnte also durchaus spannend werden. Jetzt bloss nicht krank werden, auf gar keinen Fall zulassen, dass sich jemand ein Bein bricht und schon gar keine Versprechen im Sinne von „aber natürlich werden wir eure drei Kinder hüten und wollt ihr uns nicht gleich noch die Goldfische, den Hund und die Pflege eurer Bonsais anvertrauen, damit ihr endlich mal wieder ausspannen könnt?“ abgeben.

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