Sündenregister

Alle paar Wochen muss mir Karlsson sein Sündenregister vorlegen und ich oder „Meiner“ haben die Pflicht, jeden einzelnen Eintrag zu unterschreiben. Am 15. 9. zum Beispiel hat der Junge vergessen, ein Blatt abzugeben, einige Wochen später hat er nicht daran gedacht, uns eine Prüfung zum Unterschreiben vorzulegen und am 28. 11. – man mag es kaum fassen – waren seine Hausaufgaben doch tatsächlich nicht bis zum letzten Punkt und Komma fertig gelöst. Ich meine mich daran zu erinnern, dem Lehrer damals ein Brieflein geschrieben zu haben mit einer Begründung für dieses Vergehen, aber vielleicht irre ich mich ja.

Schrecklich, was ich da über meinen Sohn erfahren muss, nicht wahr? Da wagt es mein Kind doch tatsächlich, so zu sein wie wir damals. Durchaus bestrebt, alles richtig zu machen, aber halt doch mit dem einen oder anderen kleinen Ausrutscher, weil man eben nicht immer an alles denken kann, wenn man Kind ist. Aber was schreibe ich da „wenn man Kind ist“? Man zeige mir den Erwachsenen, der nicht hin und wieder ein Formular einen oder zwei Tage zu spät abgibt oder der gar – oh Schreck – beim Wocheneinkauf nicht daran denkt, den Windelvorrat aufzustocken. 

Ja, ich weiss, Ordnung muss sein und ein Kind muss lernen, selbständig an seine Aufgaben zu denken. Und ich habe ja auch nicht grundsätzlich etwas dagegen einzuwenden, wenn auf Pünktlichkeit, Sorgfalt und Zuverlässigkeit Wert gelegt wird. Aber ist es wirklich nötig, einem pflichtbewussten Kind das Leben noch anstrengender zu machen, indem man ihm regelmässig ein Sündenregister vorlegt und ihm androht, dass es einen Eintrag im Zeugnis geben wird, wenn es sich noch mehrere solcher schwerer Vergehen erlaubt? Braucht es wirklich für jedes vergessene Blatt eine elterliche Unterschrift, so wie man zu unseren Zeiten für eingeschlagene Fensterscheiben und aufgestochene Velopneus einen gelben – oder wenn es ganz schlimm kam einen roten – Zettel zum Unterschreiben mit nach Hause bekam? Nicht, dass ich Erfahrungen gemacht hätte damit, meine Verfehlungen bewegten sich im gleichen Rahmen wie diejenigen von Karlsson, aber ich habe grosse Brüder und so sind mir die Strafmassnahmen von damals nicht ganz fremd.

Ja, es waren andere Zeiten damals, vielleicht etwas antiautoritärer als heute, was bestimmt nicht nur positive Auswirkungen auf meine Generation hatte. Und doch zweifle ich daran, dass es jetzt, wo das Pendel immer heftiger ins andere Extrem schwingt, viel besser herauskommt. 

 

 

Sind sie nicht süss, die Kleinen?

„Mama, das Prinzchen hat zwei meiner Adventspäckchen ausgepackt und die Schokolade aufgegessen!“

„Zoowärter, Prinzchen! Seid ihr wahnsinnig geworden? Ihr malt einfach mein Mathebuch voll und dann erst noch mit Filzstift!“

„Papa! Komm sofort her! Das Prinzchen und der Zoowärter haben alle Kleider aus meinem Schrank geräumt!“

„Nein, Zoowärter! Lass die arme Katze am Leben. Und überhaupt: Ich hatte sie zuerst. Immer nimmst du mir die Katze weg.“

„Mama, Papa, die Kleinen habe alle Nüsse aus dem Vorratsschrank geholt und auf dem Fussboden verteilt. Sagt ihnen, dass sie sie wieder einsammeln sollen.“

„Zoowärter, pass doch auf! Du hast schon wieder meinen Apfelsaft verschüttet.“

„Nein, Prinzchen! Nicht das ganze Papier ins WC stopfen, sonst muss der Papa wieder entsopfen und du weisst, wie wütend er dann wird…“

„PRINZCHEN!!! ZOOWÄRTER!!!“

Und das alles im Viertelstundentakt. So allmählich beginne ich zu verstehen, weshalb grosse Geschwister ihre kleinen Geschwister nicht immer von Herzen lieben. Aber bitte, sagt das nicht meinen grossen Geschwistern…

Was haben wir jetzt wieder falsch gemacht?

Die Idee war doch eigentlich brillant: Um das ewige Gezanke beim samstäglichen Putzen und Aufräumen zu umgehen, erklärten „Meiner“ und ich die zu putzende Etage zur kinderfreien Zone. „Nach dem Frühstück wollen wir euch zwei Stunden lang nicht mehr hier unten sehen“, verkündete ich. „Ihr habt absolutes Aufräumverbot, zumindest hier unten und eure Zimmer müssen einfach bis am Abend fertig sein, es ist mir egal, wann ihr euch an die Arbeit macht.“ Ist doch unglaublich nett und grosszügig, so ein Vorschlag, nicht wahr? Das Sahnehäubchen obendrauf war, dass ich Lieblingsessen kochte und Lieblingsessen heisst bei uns nicht Dosenravioli mit Ofenfrites, sondern Gemüsecurry mit frischem Naan, also ziemlich aufwändig. Damit hatten „Meiner“ und ich unser Möglichstes an Entgegenkommen gezeigt.

Und trotzdem gab es Zoff. Der Zoowärter wollte die kinderfreie Zone partout nicht verlassen, mochten wir noch so oft mit dem Staubsauger um ihn herumkurven. Luise und der FeuerwehrRitterRömerPirat schlugen sich oben die Köpfe ein – man munkelt von einer Klobürste, die dabei zum Einsatz kam – und standen alle paar Minuten heulend in der Küche. Das Prinzchen wollte nach langer Zeit wieder einmal freiwillig baden, was natürlich nicht zu meinem Plan, die Badewanne gründlich zu putzen, passte. Und ausserdem befand er sich ebenfalls in der kinderfreien Zone, was der arme Kleine natürlich überhaupt nicht verstehen konnte. Einzig Karlsson hielt sich an unsere Abmachung und liess sich kaum einmal blicken. Doch leider stellte sich später heraus, dass er massgeblich an dem Gezanke zwischen Luise und dem FeuerwehrRitterRömerPiraten beteiligt gewesen war. Also war auch er mit Schuld daran, dass aus unserer Vorstellung vom fröhlichen Haushalten nichts wurde. Als dann auch noch das Lieblingsessen von einigen unserer lieben Kinderlein mit Verachtung gestraft wurde, da konnte ich nicht mehr anders als sehr tief zu seufzen und zu fragen: „Wie weit muss man euch denn noch entgegenkommen, damit so ein Samstag endlich einmal halbwegs erträglich wird?“

Natürlich bekam ich keine Antwort auf meine verzweifelte Frage, aber immerhin murmelten alle betreten ihr“ Tschuldigung, Mama“. Na, dann freue ich mich doch schon auf den kommenden Samstag. Mal sehen, mit welchem Versuch wir dann scheitern werden.

„Meiner“, wir müssen reden

Okay, vielleicht spricht es ja für unsere vertrauensvolle Beziehung, dass „Meiner“ keinen Moment lang daran denkt, mich zu informieren, dass der FeuerwehrRitterRömerPirat nicht im Leichtathletiktraining, sondern mit ihm unterwegs ist und deshalb später als erwartet zu Hause eintreffen wird. Vielleicht spricht es für meine Gelassenheit, dass mein Gehirn, das offenbar registriert hat, dass der FeuerwehrRitterRömerPirat unter Papas Obhut ist, erst sehr spät Alarm schlägt. Dann dafür aber umso heftiger. Etwa so: „Kind noch nicht aufgetaucht, Papa geht nicht ans Telefon, Autoreifen komplett durchgewetzt, Straßen sind nass, sofort Polizei alarmieren!“

Gott sei Dank sind die Vermissten kurz darauf wieder aufgetaucht, sonst hätte ich mich wohl einmal mehr vollkommen lächerlich gemacht. So aber war die Aufregung rasch wieder vergessen und ich konnte bald einmal sagen: „‚Meiner‘, wir müssen reden. Zum Beispiel darüber, dass der FeuerwehrRitterRömerPirat mit dir unterwegs ist und später nach Hause kommen wird. Und nicht immer nur darüber, welche Projekte wir verwirklichen wollen, wenn die Kinder mal gross sind und wo wir die Stärken in unserer Beziehung sehen. Es gibt da so eine Sache, die nennt sich Alltag und diese Sache läuft derzeit etwas aus dem Ruder.“

Nun ja, weiter als bis zum zweiten Satz kam ich nicht, denn dann fielen „Meinem“ die Augen zu. Über Alltagsbanalitäten lässt er nicht mit sich reden.Zumindest dann nicht, wenn sein Alltag so anstrengend ist, dass die Energie fehlt, um die Banalitäten zu regeln.

Advent, Advent, aber schnell!

Zum Glück haben mir der Zoowärter und das Prinzchen dieses Jahr so lange in den Ohren gelegen, dass sie sich einen fertig befüllten Playmobil-Adventskalender wollen. Und zum Glück habe ich diesem Wunsch nachgegeben, auch wenn ich es doch ach so romantisch finde, wenn Mama und Papa liebevoll für jedes Kind kleine, süsse Päcken vorbereiten, die das Warten auf Weihnachten verkürzen. Aber was rede ich da von „Mama und Papa“? „Meiner“, sonst ein sehr engagierter Vater und Hausmann, hält sich aus dem ganzen Geschenke-Theater raus, bis auf die eine oder andere Bemerkung, dass ich es mal wieder vollkommen übertreiben würde, dass man das Geld auch ebenso gut aus dem Fenster schmeissen könnte und dass die Kinder das Zeug ohnehin nur rumliegen liessen. Nun ja, das mit den „kleinen, süssen Päckchen“ haut bei mir auch nicht so richtig hin, bin ich doch mit zwei linken Händen gesegnet. Aber Adventskalender müssen einfach sein und  irgendwann zwischen Mitternacht und Morgengrauen war ich fertig – mit den Päckchen und den Nerven. 

Nun ja, so ganz taufrisch war ich nicht, als ich heute früh mit den Kindern das Adventsritual feierte. Noch weniger frisch war ich nachmittags, als zu den Strapazen der Nacht auch noch ein anstrengender Vormittag bei der Arbeit gekommen war. Und so mag man mir verzeihen, dass ich einmal mehr eindöste und nicht mitkriegte, wie der Zoowärter und das Prinzchen dafür sorgten, dass zumindest für sie etwas schneller Weihnachten wird. Sämtliche 48 Türchen sind offen, der Inhalt längst im ganzen Haus verstreut und ich beglückwünsche mich zu meinem äusserst weitsichtigen Entscheid, bei den beiden Jüngsten auf kleine, süsse Adventspäckchen zu verzichten und stattdessen diesen unpersönlichen, fertig befüllten Kram zu kaufen.

Nur ein Viertelstündchen

„Nur ein Viertelstündchen“, seufzte ich, als ich mich heute nach dem allmorgendlichen „Nun zieht euch doch endlich die Schuhe an und macht, dass ihr rechtzeitig zur Schule kommt“-Ritual aufs Sofa legte. Aus dem Viertelstündchen wurden zwei, dann drei und schliesslich, als die Kirchturmuhr elf schlug, musste ich mit Schrecken feststellen, dass ich den ganzen Vormittag verschlafen hatte, währenddem das Prinzchen friedlich an meiner Seite spielte. „Mist, so etwas darf doch einfach nicht vorkommen“, meldete sich sogleich mein Gewissen zu Wort. „Dein armer Herr Gemahl rackert sich in der Schule ab, deine Kinder brüten über Rechenaufgaben, im Küchentrog stapelt sich das Frühstücksgeschirr und was tust du? Du pennst, als hättest du nichts Besseres zu tun.“ Zerknirscht wollte ich vom Sofa aufspringen und mich sogleich in der Küche zu schaffen machen, da meldete sich eine andere Stimme zu Wort: „Hör mal, mein gutes altes Gewissen“, sagte die Stimme, „ich bin von der Gewerkschaft und ich muss dir leider sagen, dass das, was die gute Frau heute Morgen getan hat, schon längst überfällig war. Endlich macht sie sich daran, die Überstunden abzubauen, die sie in den vergangenen Jahren angehäuft hat.“ „Welche Überstunden denn?“, fragte ich verdutzt und mein Gewissen lachte höhnisch: „Überstunden? Wir sind doch hier nicht in einem Betrieb. Die Frau hat Kinder gewollt, sie hat sich dazu bereit erklärt, einen Haushalt zu führen, also ist das, was sie hier zu tun hat, nichts weiter als ihre heilige Pflicht, ihre Berufung sozusagen. Wo kämen wir denn hin, wenn all die Mütter nun auch noch anfangen würden mit dem Geschwätz von fairen Arbeitsbedingungen, dreizehntem Monatslohn und Kompensation von Überstunden?“ „Nun, ich würde sagen, wir kämen ein ganzes Stück weiter. Überleg dir doch mal, wie oft so eine Mutter anstelle der vorgesehenen acht Stunden am Tag geschlagene sechzehn Stunden im Einsatz ist, oft gänzlich ohne Pause und selbstverständlich ohne Lohn. Es ist also höchste Zeit, dass wir die Kompensation der Überstunden in Angriff nehmen, sonst streikt die gute Frau eines Tages und was machen wir dann?“ „Ha! Als ob sie nicht schon längst streiken würde!“, ereiferte sich mein Gewissen. „Eben erst war sie im Ländli, den Sonntagnachmittag hat sie auch schon verpennt und glaub mir, wenn sie nicht ins Schwimmbad gefahren wäre mit den Kindern, sie hätte auch gestern Nachmittag nichts Anständiges zustande gebracht. Wenn diese Frau sich nicht endlich wieder aufrafft, dann laufen hier die Dinge noch ganz aus dem Ruder.“ 

Ob diesem Gekeife wurde ich allmählich wieder wach genug, um die zwei zum Schweigen zu bringen. „Hört mal“, sagte ich, „ihr habt ja beide ein Stück weit Recht. Klar muss ich mich wieder etwas mehr am Riemen reissen, denn immerhin bin ich noch Teilzeit-Hausfrau und kann nicht einfach den ganzen Kram auf ‚Meinen‘ und die Putzfrau abwälzen. Aber ich wage zu behaupten, dass nach all den durchwachten Nächten ein paar zusätzliche Stunden Schlaf noch nicht als Todsünde gelten.“ Und zu mir selber sagte ich: „Zm Glück hast du viele Kinder. Bei Kind Nummer eins hättest du es noch nie und nimmer fertiggebracht, einfach so einen Vormittag zu verschlafen, egal wie kurz die Nacht zuvor war. Jetzt hingegen kannst du das nicht bloss, du musst es. Zumindest hin und wieder…“

 

Aufatmen

Es ist ein ganz und gar neues Gefühl, das seit einiger Zeit über mich kommt, wenn alle Rechnungen beglichen sind. Nicht mehr diese Ohnmacht, weil wieder mal bloss ein kleiner Rest bleibt, mit dem man irgendwie über die Runden kommen sollte. Nicht mehr diese Angst, dass die Krankenkasse wohl wieder zu spät die Kosten für die Arztbesuche zurückerstatten wird. Nicht mehr dieser Frust, weil man schon wieder von dem wenigen Ersparten, das da noch ist, etwas abzwacken muss. 

Oh nein, wir schwimmen nicht plötzlich im Geld, zumindest nicht für Schweizer Verhältnisse, wenn man mit Menschen andernorts vergleicht, natürlich schon. Aber wo es vorhin immer eng war, bleibt plötzlich genug, um auch mal etwas auf die Seite zu legen. Nicht viel, aber immerhin etwas. Noch schöner aber ist, dass man nicht mehr jeden Spendenbrief seufzend zur Seite legen muss, sondern dass man immerhin da und dort einen kleinen Beitrag leisten kann, damit es nicht nur uns, sondern auch anderen etwas besser geht. 

Nun gut, unsere ewige Angst, dass das Geld nicht reichen könnte, sind wir natürlich noch nicht losgeworden. Zu lange haben wir mit ihr leben müssen und wer eine (grosse) Familie zu versorgen hat, wird wohl nie ganz frei sein davon.  Aber so allmählich kommt da auch ein wohliges Gefühl von Dankbarkeit auf. Denn seien wir doch ehrlich: dass wir keinen Mangel leiden, haben wir nicht nur uns selbst zu verdanken.

Nur eine Phase

„Es ist nur eine Phase“, sagen wir Mütter, wenn unser Kind plötzlich keine Kartoffeln mehr essen will und deshalb bei jeder Mahlzeit den Inhalt des Tellers auf den Fussboden kippt. „Sie hat mal wieder eine ihrer Phasen“, entschuldigen wir uns, wenn die Tochter nicht mehr aufhören will, nach einem Überraschungsei zu schreien. „Ach, ich zerbreche mir lieber nicht zu sehr den Kopf über die Sache, er hat wohl wieder eine Phase“, seufzen wir, wenn der Sohn die Sandkuchen, die er bäckt, auch wirklich aufisst. Und wenn die Phase vorbei ist, wird alles wieder normal und man kann sich ein wenig erholen, bevor die nächste Phase kommt.

Bei einem oder zwei Kindern mag das so sein, aber spätestens ab Kind Nummer drei sind Verschnaufpausen zwischen den Phasen reines Wunschdenken. Denn kaum hat ein Kind seine Phase hinter sich, fängt das Nächste mit etwas Neuem an. Bei uns sieht das zum Beispiel so aus: Vor den Herbstferien befand sich Karlsson in der „Wagt bloss nicht, etwas von mir zu fordern. Ich denke nicht im Traum daran, mich auch noch zu Hause stressen zu lassen, wo doch die Schule schon anstrengend genug ist“-Phase. Zum Glück verschafften die Ferientage eine gewisse Erleichterung, doch natürlich dauerte die Entspannung für uns Eltern nicht lange. Denn nach den Herbstferien geriet Luise in eine Phase von „Meine Eltern sind voll doof, wollen mich immer nur ärgern und darum motze ich sie bei jeder Gelegenheit an“. Ziemlich anstrengend diese Phase und auch verletzend, denn wenn das Kind, das du so sehr liebst, in dir nur noch einen Gegner sieht, ist das ziemlich schmerzhaft. Mit der Zeit erkannte unsere Tochter, dass es nicht gerade nett ist, die Eltern anzubrüllen, sie fing an, sich für ihre Ausfälligkeiten zu entschuldigen und seit einigen Tagen scheint sie wieder das nette, sozialkompetente Kind zu werden, das sie eigentlich ist. Zeit für den Zoowärter, sich etwas einfallen zu lassen. Die „Ich weigere mich standhaft, in den Kindergarten zu gehen“-Phase hat angefangen. Gestern schaffte ich es gar nicht, das Kind aus dem Haus zu bringen, heute Morgen stand er fünf Minuten, nachdem er das Haus verlassen hatte, strahlend in der Tür und verkündete: „Heute hat der Kindergarten nur ganz kurz gedauert!“ Morgen wird er zum Glück ausschlafen können und am Sonntag wird er wohl auch keine Probleme machen, denn zum Kindergottesdienst geht er wirklich gerne. Aber mir graut schon jetzt vor dem Montagmorgen, auch wenn ich die Hoffnung, dass es sich diesmal nur um eine Kürzest-Phase handelt, noch nicht aufgegeben habe.

Je schneller die „Ich weigere mich standhaft, in den Kindergarten zu gehen“-Phase wieder vorbei ist, umso besser, denn das Prinzchen gedenkt nicht, mit seiner Phase zu warten, bis sein älterer Bruder seine beendet hat. Der Kleine kostet seine „Ich gönne mir nachmittags um halb fünf ein ausgiebiges Schläfchen und haue dann bis Mitternacht auf die Pauke“-Phase in vollen Zügen aus. Zum Glück verhält sich der FeuerwehrRitterRömerPirat in diesen Tagen so vorbildlich, dass er diese Woche nur ein einziges Mal zu spät zur Schule gekommen ist. Allerdings wage ich nicht, mich allzu laut darüber zu freuen, denn ich fürchte, dass es nur die Ruhe vor dem Sturm ist. Die nächste Phase kommt bestimmt, auch bei ihm. 

 

(Nicht ganz)alles beim Alten

So eine Auszeit, wie ich sie mir vergangenes Wochenende habe gönnen dürfen, ist ja schnell wieder vergessen. Kaum fällt die Wohnungstür hinter dir ins Schloss, bist du nicht nur  umringt von deinen Lieben, die dich vermisst haben, sondern auch von all dem Kram, den der Alltag jeweils liegen lässt. Spätestens eine halbe Stunde später hältst du zum ersten Mal wieder einen Putzlappen in der Hand und wenn du am nächsten Morgen die Kinder weckst, ist es, als wärest du nie weg gewesen; sie motzen dich an wie eh und je, weil du dazu gezwungen bist, sie aus dem Schlaf zu reissen. 

Es gibt Mütter, die auf Auszeiten verzichten, weil der Stress des Heimkommens grösser ist als der Genuss der Entspannung. Auch ich habe am Montagmittag geseufzt, als ich mich gehetzt wie eh und je  zum Essen hinsetzte. „Ich weiss schon nicht mehr, wo mir der Kopf steht und dabei war mir während der Tage im Ländli so einiges klarer geworden“, klagte ich. „Ich hatte mir doch so sehr vorgenommen, ein wenig Ruhe in den Alltag einfliessen zu lassen. Aber mir scheint, ich bin nicht lernfähig.“

Doch dann ertappte ich mich am Dienstag dabei, wie ich auf eine Anfrage etwas sagte, was ich sonst kaum über die Lippen bringe, nämlich die vier Buchstaben N-E-I-N. Nicht zu einem Kind, dem ich die Süssigkeiten verweigern musste, auch nicht zu „Meinem“, der mich zu einem gemütlichen Filmabend überreden wollte, sondern zu einer Anfrage, die einmal mehr dazu geführt hätte, dass ich irgendwie zwischen Kind, Haushalt,  Ehe und Arbeit noch eine Verpflichtung hineingewürgt hätte. Ein unglaublich gutes Gefühl. So gut, dass ich es heute gleich noch einmal ausprobierte. Es klappte, das Nein wurde akzeptiert, der Tag verlief deutlich ruhiger als wenn ich ja gesagt hätte. Er verlief nicht vollkommen beschaulich, natürlich nicht. Ist ja gar nicht möglich bei uns. Aber er verlief immerhin so beschaulich, dass ich mir heute Abend ohne schlechtes Gewissen und ohne „Mist, das hätte ich auch noch erledigen sollen“, die Borgias reinziehen konnte. 

Ich bin natürlich nicht so vermessen, vollmundig zu behaupten, ich hätte meine Lektion gelernt und ab jetzt werde alles anders. Dafür kenne ich mich viel zu gut. Aber ein kleines bisschen stolz bin ich schon auf die zwei N-E-I-N, die mir da über die Lippen gekommen sind. 

Senior citizen’s darling

Schon in meiner Kindheit fing es an: Je älter die Sonntagsschullehrerin, umso überzeugter war sie davon, dass ich braver war als die anderen. Weil ich freiwillig einen Rock trug, die Bibelverse leicht auswendig lernte und nicht den Mut aufbrachte, mitzumachen, wenn die anderen Schabernack trieben. Schon damals hätte ich am liebsten laut protestiert. „Ich bin nicht so brav, wie Sie meinen“, hätte ich gerne gesagt. „Neulich habe ich in der Wut gar eine Türe eingetreten.“ Aber wer hätte mir denn geglaubt? Ich war doch so nett.

Später wieder dasselbe. Je konservativer die alten Leute, umso begeisterter waren sie von mir. Weil ich den Mund weit aufmachte beim Singen und weil ich gerne Geblümtes trage. „Du bist immer so nett“, sagten sie mir, „so anders als die anderen jungen Leuten.“ „Ich bin gar nicht so anders“, pflegte ich zu widersprechen. „Fragt mal meine Mutter, die kann euch erzählen, wie anders ich bin. Keine in der Familie knallt die Türe so heftig wie ich, keine gibt so schnoddrige Antworten.“ Aber natürlich glaubten sie mir nicht, ich war ja so nett.

An diesem Wochenende im Ländli wieder das gleiche Lied: Ich bin ja so fleissig, so bodenständig, so anders als die anderen Mütter heutzutage, die ihre Zeit mit Kaffeetrinken und Maniküre vergeuden. Ha, von wegen! Erstens sind die „anderen Mütter heutzutage“ nie und nimmer so bequem, wie ältere Leute gerne behaupten und zweitens bin ich die Erste, die sich einen Latte Macchiato schnappt, wenn sich die Gelegenheit dazu bietet. Und so bodenständig und fleissig, wie die Senioren es gerne hätten, bin ich auch nicht. Ja, klar, ich koche mit Leidenschaft Quittengelee ein, aber wenn die wüssten, wann ich das letze Mal ein Bügeleisen in der Hand hielt und wie oft unser Bett am Morgen ungemacht bleibt, sie würden wohl nicht mehr so freundlich sein zu mir. Obendrein wähle ich links, bin für die Abschaffung der Armee und für die schweizweite Einführung von schulergänzender Kinderbetreuung, wenn auch mit der Einschränkung, dass die Eltern selber wählen dürfen, ob sie davon Gebrauch machen wollen oder nicht. Aber all das nimmt man mir nicht ab, ich bin ja so nett.

Zuweilen habe ich es ganz gehörig satt, von älteren Leuten immer nur für die grosse Ausnahme unter den vielen „missratenen jungen  Frauen“ gehalten zu werden, denn ich weiss nur zu gut, dass ich es nicht bin. Neben meiner netten Seite, die ich durchaus auch habe, gibt es da noch meine Launenhaftigkeit, mein aufbrausendes Temperament und meinen Hang zum Chaos. Alles nicht besonders vorbildlich, aber eben auch Teil meiner Persönlichkeit. Dazu stehe ich, denn ich halte nichts davon, den Leuten etwas vorzumachen. Früher oder später kommt ohnehin alles ans Licht, spätestens dann, wenn die Kinder beim Psychiater landen und klagen „Unsere Mutter hat immer…“. 

Warum bloss glauben mir die alten Leute nicht? Vielleicht sollte ich mich mal so aufführen wie zu Hause, dann würden sie mir glauben. Wobei man es im Ländli wohl nicht allzu gerne sähe, wenn ich in der Wut einen Teller gegen die Wand schmeisse.