10 Dinge, die mir auf den Geist gehen

  • Hysterische Haushaltgeräte. Ihr wisst schon, diese Herdplatten, die beim kleinsten Tropfen Feuchtigkeit auf dem Schaltfeld hysterisch zu piepsen anfangen und erst wieder damit aufhören, wenn man sie zuerst mit einem leicht feuchten Lappen, dann mit einem frischen Küchentuch und schliesslich – wenn man nichts anderes mehr zur Hand hat – mit dem Rockzipfel oder dem Pulloverärmel trocken reibt. 
  • Wenn „Meiner“, der als Siebenjähriger offenbar zu anständig und zu schüchtern war, den Mitschülerinnen den Rock hochzuziehen, glaubt, er müsse diese prägende Erfahrung bei mir nachholen. Ich habe ihm dann zu verstehen gegeben, dass ich auf diesem Gebiet ganz und gar keinen Nachholbedarf habe, da ich im Alter zwischen drei und dreizehn ausschliesslich Röcke getragen habe und damit zur Zielscheibe sämtlicher Siebenjähriger wurde, die weniger schüchtern und anständig waren als „Meiner“ damals. 
  • Okay, damit mache ich mich jetzt unbeliebt: Dieses doofe „Happy, happy, happy“-Gedudel, dem man in diesen Tagen permanent ausgesetzt ist. Was, um alles in der Welt, gefällt euch allen so an diesem Lied? Mich treibt es auf die Palme.
  • Fruchtfliegen, die sich mangels anderer Alternativen auf dem Küchenlappen niederlassen. Muss ich jetzt meine Lappen wirklich mehr als einmal täglich wechseln?
  • Leute, die es nicht mal nötig haben, mir ein kurzes „Danke für die Anfrage, aber ich habe keine Zeit“ zukommen zu lassen, wenn ich sie höflich frage, ob sie mir allenfalls, wenn es ihnen nicht zu viele Umstände macht, ein paar Auskünfte für einen Artikel geben würden, den sie selbstverständlich vor der Publikation gegenlesen dürften, damit alles in ihrem Sinne wäre. 
  • Samstage, die vorgeben, sie wären nahezu kinderfrei, dabei verbringt man den halben Tag damit, die verschiednen Kinder zu verschiedenen Terminen zu karren. 
  • Schädlinge, die an sämtlichen Gemüsesorten ihre Spuren hinterlassen, aber nicht die Grösse haben, dazu zu stehen und sich zu zeigen. 
  • Die Peperoni-Sucht unserer Kinder. Ich meine, ist ja toll, dass sie Peperoni lieben, aber egal, ob ich das Doppelte, Drei- oder Vierfache der in den Rezepten vorgesehenen Menge kaufe, am Ende ist doch nichts mehr da, wenn ich am Herd stehe. Und dabei habe ich doch immer so ein furchtbar schlechtes Gewissen, wenn ich vor der Peperoni-Saison das Zeug aus Spanien oder Holland kaufe. 
  • Dass es mir nicht gelingt, mein Lachen zu verbergen, wenn das Prinzchen einen Mist gebaut hat und ich ihm eigentlich ganz ernst ins Gewissen reden möchte. Muss der seinen Unfug immer so charmant anstellen?
  • Haushaltgeräte, die dann, wenn man auf ihr Piepsen angewiesen wäre, weil dieses das Ende der Kochzeit anzeigen würde, plötzlich verstummen, so dass alles verkocht. Noch ärger sind nur noch Haushaltgeräte, die mal stumm bleiben und sich wenige Augenblicke später wieder hysterisch gebärden. Also zum Beispiel unser Kochherd. 

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Liebe Nachbarn

Es könnte durchaus sein, dass in den kommenden Wochen hin und wieder die drei kleinsten Vendittis bei Ihnen an der Türe klingeln und frisch gebackene Brötchen verkaufen wollen. Die drei werden Ihnen vermutlich sagen, ein Brötchen koste einen Franken, auch wenn wir ihnen eingeschärft haben, sie dürften allerhöchstens fünfzig Rappen verlangen. Damit wissen Sie auch gleich, dass wir Eltern von dem Brötchenverkauf wissen. Wir wissen nicht nur davon, wir haben unsere Söhne regelrecht dazu angestiftet. Nein, nicht weil wir am Hungertuch nagen und deshalb mit unserem letzten Mehl Brötchen backen, um unsere ausgehungerten kleinen Jungs damit zum Betteln auf die Strasse zu schicken. Auch nicht, weil wir glauben, Sie, geschätzte Nachbarn, könnten nicht selber Brot backen und wären deswegen auf den Hauslieferservice unserer Söhne angewiesen.

Nein, wir hatten es schlicht und einfach satt, jeden zweiten Tag um Geld angegangen zu werden, weil FeuerwehrRitterRömerPirat, Zoowärter und Prinzchen noch immer nicht begreifen wollen, dass es am Ende des Taschengeldes von uns nichts mehr gibt. „Wenn ihr mehr Geld wollt, dann müsst ihr es euch verdienen“, sagte ich eines nachmittags, als sie mich wieder mal unablässig angebettelt hatten. „Aber wie denn, Mama“, fragten die Drei verdutzt. „Backt Brötchen und verkauft sie im Quartier“, sagte ich und sie machten sich an die Arbeit. Offensichtlich war die erste Verkaufsaktion ein Erfolg, denn heute waren sie bereits zum zweiten Mal mit ofenfrischen Brötchen unterwegs. Offenbar auch diesmal erfolgreich, denn sie kamen ohne Brötchen, dafür aber mit ziemlich viel Geld zurück. (Dass die zwei Grösseren den naiven kleinen Bruder beim Aufteilen des Geldes übers Ohr gehauen haben, ist eine andere Geschichte.)

Ich weiss, meine lieben Nachbarn, es ist nicht ganz fair, dass Sie nun das Geld locker machen müssen, welches wir unseren Kindern aus pädagogischen Gründen nicht geben mögen. Nehmen Sie es bitte nicht zu schwer, immerhin bekommen Sie ein Brötchen als Gegenleistung. Gebe ich den Dreien Geld, bekomme ich gar nichts zurück, ausser vielleicht die Frage: „Wie viele Panini-Bildchen kann ich mir damit kaufen?“

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Die Sache mit dem Mutterstolz

Es ist mir ja ein wenig peinlich, dies hier zu gestehen, aber ich sag’s dennoch: Auch ich bin nicht ganz gefeit gegen Mutterstolz. Ich weiss, ich habe herzlich wenig dazu beigetragen, dass es so gekommen ist und man hat ja auch nie die Garantie, ob es gut weitergeht, aber ins gewissen Momenten klopft auch mein Herz schneller und ich denke „Wahnsinn, das ist mein Kind.“ Okay, ich weiss, Menschen kann man nicht besitzen und spezieller als jeder andere Mensch auf diesem Planeten sind auch meine Kinder nicht, aber von solchen Finessen lässt sich der Mutterstolz nicht abhalten, der überkommt einen einfach manchmal. Zum Beispiel, wenn der Erstgeborene nicht nur körperlich die Mama überragt, sondern auch in gewissen Fähigkeiten. Oder wenn in der einzigen Tochter schemenhaft die zielstrebige junge Frau zu erkennen ist, die sie zu werden anfängt. Oder wenn…ach was, ich höre auf, sonst glaubt ihr noch, ich wollte mit meinem Nachwuchs prahlen. 

Will ich aber nicht und dürfte ich auch nicht, wenn ich es denn wollte. Karlsson ist nämlich sehr besorgt darum, dass ich schön brav auf dem Boden bleibe. Erzähle ich meiner Schwester mit stolzgeschwellter Brust, Karlsson hätte eine sechs in Französisch – ja, meine lieben Leser aus Deutschland, besser als sechs geht bei uns nicht -, weist er mich sofort  in die Schranken: „Wen interessieren schon meine Noten? Du wirst ja richtig peinlich.“ Bekommt er mit, wie ich jemandem von diesem unglaublich tollen Kompliment erzähle, das ihm die Musiklehrerin gemacht hat, lacht er mich aus: „Redest du jetzt schon wieder davon? Dreht sich bei dir eigentlich alles nur noch um deine grossartigen Kinder?“ und sein spöttischer Ton macht unmissverständlich klar, dass er es einfach lächerlich findet, wenn ich nur schon den Anschein erwecke, ich würde meine Kinder für begabter halten als andere es sind.

Weil ich in den Augen meines grossartigen, talentierten, bildhübschen, sprachbegabten, … Erstgeborenen nicht lächerlich erscheinen will, bringe ich in solchen Momenten meinen Mutterstolz ganz schnell zum Schweigen und erzähle stattdessen von einer Begebenheit, bei der mir dieser junge Herr ganz gewaltig auf die Nerven gegangen ist. Von daher ist es dann gar nicht mehr so weit bis zur Bemerkung: „Mist! Dass ausgerechnet mein Kind auf diese saublöde Idee gekommen ist“ und schon halten sich das Grossartige und das Nervtötende wieder die Waage.

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Facebook für den Familienfrieden

Facebook geniesst ja nicht gerade den besten Ruf. Zu viel Privates wird öffentlich, zu viel echtes Leben geht drauf für das Herumtrödeln im gar nicht so sozialen Netzwerk. Dennoch muss ich heute mal ein paar lobende Worte über Facebook loswerden. Im Zusammenleben mit Teenagern kann es nämlich durchaus nützlich sein.

Ohne Facebook stünde ich wohl mindestens dreimal pro Woche vor Karlssons verschlossener Zimmertür und würde mich im Wettstreit mit Edith Piaf heiser brüllen. „Nun sei doch nicht so eingeschnappt. Es war nicht so gemeint, wie du es aufgefasst hast“, würde ich schreien und alles, was zurück käme wäre ein langgezogenes „Nooooooon, rien de rien….“. Schicke ich aber mein „War nicht so gemeint…“ via persönliche Nachricht auf Facebook, dauert es meist nicht lange, bis ein Smiley zurückkommt und wenig später können wir uns in aller Ruhe von Angesicht zu Angesicht darüber unterhalten, was schief gelaufen ist.

Manchmal läuft es auch umgekehrt: Karlsson treibt mich auf die Palme, ich sage ihm im Zorn, er solle aus meinem Blickfeld verschwinden, er wirft mir ein paar unfreundliche Worte an den Kopf und verschwindet mit lautem Türeknallen. Eine Weile lang schmollt jeder irgendwo für sich, dann kommt eine Nachricht von Karlsson: „Tut mir Leid. Komme runter, sobald ich mich beruhigt habe.“ Und wenn er dann runter kommt, ist mein Zorn verflogen, denn entschuldigt hat er sich ja schon. Ich weiss nicht, ob mein Stolz es mir zugelassen hätte, mich bei meinen Eltern zu entschuldigen, als ich in Karlssons Alter war. Vielleicht, wenn ich Facebook gehabt hätte…

Man sieht also, das viel – und zu Recht – gescholtene Netzwerk bringt auch sein Gutes mit sich. Zumindest, solange Karlsson mir nicht die Freundschaft kündigt. Ein blöder Kommentar auf seinem Profil und ich fliege, das hat er mir unmissverständlich klar gemacht. Deshalb spare ich mir meine peinlichen mütterlichen Kommentare für unsere Begegnungen am Küchentisch auf.

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Sechs unverzichtbare Weisheiten

Entgegen meiner Gewohnheit habe ich mich heute dazu entschieden, meinen Miteltern ein paar Weisheiten weiterzugeben:

  • Panini-Bildchen gefährden nicht nur das Familienbudget, sondern auch den Familienfrieden. Insbesondere, wenn sich die Eltern weigern, jedem der vier sammelwütigen Kinder ein volles Album zu finanzieren und stattdessen auf gemeinsames Sammeln bestehen. Gut, ich geb’s zu, eigentlich hätten wir das Sammeln gerne gänzlich verboten, aber wie um Himmels Willen soll man das schaffen, wenn die Kinder in der Bäckerei mit Gratis-Sammelalben angefixt werden?
  • Egal, wie skeptisch man dem ganzen Therapiezeugs gegenüber steht, manchmal kann ein Testresultat ganz hilfreich sein, um zu verstehen, weshalb man bei einem bestimmten Kind immer und immer wieder ins Leere läuft. Okay, das Problem ist damit nicht gelöst, aber immerhin weiss man jetzt, dass das Kind (noch) nicht anders kann. 
  • Ist dein Kind älter als zwölf, wirst du mit ihm Filme schauen, bei denen du alle paar Minuten denkst: „Darf er sich das wirklich schon ansehen? Mist, wenn ich gewusst hätte, wie die in diesem Film reden und welche Szenen er zu sehen bekommt, hätte ich ihm den Film verboten.“ Dennoch ist es wohl eine grosse Ehre, dass er kein Problem dabei sieht, sich den Film mit dir anzuschauen. Und: Besser mit dir, als mit einem Gleichaltrigen, der ihn auf die Idee bringt, das nachzuspielen, was im Film passiert.
  • Kleine Kinder sind oft krank. Grössere Kinder noch öfter. (Oder können die einfach besser krank spielen?)
  • Fragt mich bitte nicht, wie man auf die Idee kommen kann, ein so wandelbares Lebensmittel wie die Kartoffel nicht zu mögen, aber es gibt tatsächlich Kinder, die mit Erdäpfeln nichts anfangen können. Na ja, bei der in Stäbchen geschnittenen und im Öl gebadeten Version machen auch diese Kinder eine Ausnahme, aber ansonsten bleiben sie konsequent bei ihrer Abneigung. 
  • Die Aufforderung „Seid bitte leiser!“ bedeutet in Kindersprache übersetzt: „Du darfst gerne so laut weitermachen wie bisher, aber alle anderen sollen gefälligst still sein, damit man dich besser hört.“ Weil alle Kinder sich treu an diese Übersetzung halten, wird es nicht leiser im Zimmer, sondern lauter, denn um gehört zu werden, musst du lauter sein als alle anderen.

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Zur Kenntnisnahme

Früher Morgen, die Kontaktlinse will auch beim zwanzigsten Anlauf nicht in Karlssons rechtes Auge und allmählich wird der Junge nervös, weil gleich die Schule beginnt. Damit er keinen Rüffel kassiert, wenn er ein paar Minuten zu spät kommt, gebe ich ihm ein Brieflein für den Lehrer mit, als die Linse endlich im Auge ist. „Problem mit Kontaktlinse, darum zu spät, bitte entschuldigen Sie, bla bla bla…“

Naiv, wie ich bin, glaube ich, die Sache sei damit erledigt, doch ich irre mal wieder. Karlsson bringt nämlich einen Zettel nach Hause, den wir Eltern gefälligst unterzeichnen sollen. Als Zeichen, dass wir das verspätete Erscheinen unseres Sohnes zur Kenntnis genommen haben. Dieser Zettel wird in Karlssons Sündenregister abgelegt, nachdem auch die Klassenlehrerin über das Vergehen unseres Sohnes ins Bild gesetzt worden ist. 

Obwohl selber auch Lehrer, will „Meiner“ nicht einsehen, weshalb wir Eltern unterzeichnen müssen, was wir bereits begründet haben. Er will auch nicht verstehen, weshalb es einen Eintrag ins Sündenregister gibt, wenn es eine plausible – wenn auch sehr banale – Erklärung für die sieben Minuten Verspätung gibt. Weil ich die Meinung meines Herrn Gemahl teile, entschliessen wir uns, den Fackel zwar zu unterschreiben, gleichzeitig aber nachzufragen, weshalb das Entschuldigungsbrieflein, das ich in meiner schönsten Handschrift am frühen Morgen zwischen Kakaotassen, Hausaufgabenblättern und Einzelsocken verfasst habe, nichts gilt. Karlsson überbringt uns die Antwort mündlich. Irgend etwas mit „Wenn ich wegen dieser Verspätung einen Zeugniseintrag bekäme, würde der Zettel gelöscht, aber sonst bleibt er, weil man ja wissen muss, wie oft ich zu spät gekommen bin.“

Nun gut, es mag sein, dass Karlsson die Antwort des Lehrers nicht ganz wortgetreu übermittelt hat, eins aber steht unmissverständlich fest: Als Mittel zur Lehrerbesänftigung hat das elterliche Entschuldigungsbrieflein ausgedient.

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Was ich uns Müttern zum Muttertag wünsche

Vielleicht ist es etwas vermessen, Wünsche zu äussern, wo ich doch eigentlich ganz zufrieden sein könnte mit dem, was meine Lieben heute für mich tun. Aber es gibt dennoch ein paar Dinge, die ich mir und meinen Mitmüttern wünsche:

Ich wünsche uns, dass keine Mutter den Karren ganz alleine ziehen muss. Nein, das wünsche ich nicht nur meinen allein erziehenden Mitmüttern, sondern auch denen, die fast alle Lasten alleine tragen, obschon sie nicht alleine sind.

Ich wünsche uns Nachbarn, Politiker, Pädagogen, Kellner, Vorgesetzte, Schwiegermütter, Museumsaufseher und Buspassagiere, die uns grundsätzlich gute Absichten unterstellen und uns deshalb das Leben nicht unnötig schwer machen. Dann fällt es uns auch leichter, unsere guten Absichten in Tat umzusetzen.

Ich wünsche uns Supermärkte, die sich nicht auf Kosten unserer ohnehin schon arg strapazierten Nerven bereichern.

Ich wünsche uns, dass nie mehr darüber diskutiert wird, ob Stillen in der Öffentlichkeit anstössig ist.

Ich wünsche uns Freundinnen und Freunde, die in einer ganz anderen Lebenslage stecken als wir, damit wir es nicht verlernen, über den Tellerrand hinaus zu blicken.

Ich wünsche uns Selbstbewusstsein, damit wir die Mütter sein können, die unsere Kinder brauchen und nicht die Mütter, die irgend jemand anders als gute Mütter bezeichnet.

Ich wünsche uns, dass Mütter ihre Kinder nicht mehr schützen müssen vor Menschen, die vergessen haben, dass ein Kind nicht angetastet werden darf.

Ich wünsche uns, dass man von uns nicht automatisch erwartet, wir könnten und wollten basteln.

Ich wünsche uns die Fähigkeit, uns im Jetzt an unseren Kindern zu freuen und nicht erst im Rückblick, wenn sie unserer Obhut entwachsen sind. Das muss nicht jeden Tag übersprudelnde Begeisterung sein, immer mal wieder ein kleines Lächeln wäre schon ganz gut, auch an den Tagen, an denen nichts so ist, wie man es uns in der Werbung versprochen hat und wir uns wünschten, es gäbe ein Umtauschrecht.

Ich wünsche uns spannendere Gespräche unter Müttern. Ich meine, wollt ihr wirklich wissen, ob die andere lieber Pampers oder Huggies hat?

Ich wünsche uns, dass wir aufhören, einander zu sagen, wie man es „richtig“ macht.

Ich wünsche uns, dass wir nicht so tun, als wären wir bessere Menschen, weil wir Kinder geboren haben. Ich wünsche uns aber auch, dass wir nicht so tun, als seien wir schlechtere Menschen, weil wir es wegen der Kinder „nicht so weit gebracht haben“ wie andere.

Ich wünsche uns, dass wir nicht immer so ein elendes Affentheater machen müssen um jeden kleinen Mist.

Ich wünsche uns, dass unsere Kinder uns heute nicht nur sagen müssen, sie hätten uns lieb, sondern dass sie dies auch sagen wollen.

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Der Elternbrief unter der Lupe

Meine verehrten Pädagogen der Fachhochschule Nordwestschweiz

Sie möchten sich gerne unsere Erst- und Zweitklässler etwas genauer anschauen, um herauszufinden, wie Sie verhaltensauffälligen Kindern besser helfen können. Natürlich tun Sie dies nur, wenn wir Eltern unser Einverständnis dazu geben und weil ich mich gewöhnlich ziemlich kooperativ verhalte, habe ich den Fackel unterschrieben. Im Gegenzug habe ich mir die Freiheit herausgenommen, Ihren Brief etwas genauer anzuschauen. Ich gehe sogar noch einen Schritt weiter und erlaube mir, meinen Lesern zur allgemeinen Erheiterung ein wenig daraus zu zitieren. Gut, der Fairness halber hätte ich Sie vielleicht auch zuerst um Ihr Einverständnis bitten sollen, aber eigentlich sind Sie selber schuld, wenn Sie uns einen unkorrigierten Entwurf ins Haus schicken. Sie schreiben in dem Brief zum Beispiel…

„Die Lehrperson darf aber nur teilnehmen, wenn Sie, liebe Eltern, damit Einverstanden sind, dass…“ 

Ich weiss, dass sich in der Rechtschreibung einige Dinge geändert haben, seitdem ich die Schulbank gedrückt habe, aber meines Wissens gilt „einverstanden“ weiterhin als Adjektiv und Adjektive schreibt man wie? Ja, genau, die schreibt man klein!

Ein weiteres Beispiel gefällig?

„…die Lehrperson einen kurzen, anonymen Fragebogen zum verhalten des Kindes in der Klasse ausfüllt.“

Schauen wir uns doch mal das Wort „verhalten“ genauer an. Fällt Ihnen etwas auf? Jawohl, der Herr Duden kennt das Wort „verhalten“ sowohl als Adjektiv, als starkes Verb oder als Nomen. Aber was genau ist es in diesem Satz? Ein Nomen, genau. Und wie schreiben wir die Nomen? Sehr gut! Die Nomen, die schreiben wir GROSS. 

Jetzt, wo wir das geklärt haben, können wir zu einer etwas komplizierteren Sache übergehen, nämlich zur Kommasetzung. Sie schreiben:

„Nur so, können wir sagen, ob die Weiterbildung etwas bewirkt.“

Ich persönlich finde ja, der Satz gewinne durch diesen gewagten Einschub so etwas wie Pfiff, aber ich glaube nicht, dass der Herr Duden meine Meinung in diesem Punkt teilt. 

Kommen wir nun zum Thema Wiederholungen:

„Wir bitten Sie, die untenstehende Einverständniserklärung zu unterschreiben. Geben Sie bitte die Einverständniserklärung Ihrem Kind bis spätestens in einer Woche in die Schule mit. Die Teilnahme ist freiwillig, doch kann das Projekt nur gelingen, wenn möglichst alle Eltern Ihr Einverständnis zur Teilnahme an der Studie geben.“ (Die Hervorhebungen gehen auf meine Kappe.)

Eigentlich ist es ja eine beachtliche Leistung, die drei doch eher sperrigen Worte „Einverständniserklärung“, „Teilnahme“ und „Einverständnis“ in drei kurzen Sätzen in einer derartigen Häufung unterzubringen. Im Schulaufsatz hätte das trotzdem einige schöne rote Wellenlinien, wenn nicht gar eine schlechte Note gegeben. Ach ja, und dann ist Ihnen auch noch eine Höflichkeitsform reingerutscht, die da nicht hingehört, aber das haben wir im Unterricht noch nicht behandelt. Äääähm, ich meine, das fällt bestimmt niemandem auf. 

Bevor ich schliesse, hätte ich noch eine kleine Anmerkung zum Stil. Ihr Bemühen, die Sätze kurz und unkompliziert zu halten, ist grundsätzlich lobenswert. Dies zeigt, dass Sie beim Verfassen des Briefes daran gedacht haben, dass für einige Eltern Deutsch eine Fremdsprache ist. Verlieren Sie aber bitte darob nicht uns Deutschsprachigen aus den Augen. Einige von uns fühlen sich nämlich, als müssten sie einen Lesetext für die 2. Klasse durchackern, wenn sie Folgendes lesen:

„An der Pädagogischen Hochschule Solothurn haben wir den FOKUS-Ansatz entwickelt. Zu diesem Ansatz führen wir eine Studie durch. Diese Studie wird vom Bundesamt für Gesundheit finanziert.“ 

Ich hoffe doch sehr, Sie kennen sich mit verhaltensauffälligen Kindern besser aus als mit Rechtschreibung, Grammatik und Stil, sonst müsste man befürchten, das Bundesamt für Gesundheit schmeisse mit der Finanzierung Ihrer Studie einen ganzen Haufen Geld aus dem Fenster.

Na ja, ich fürchte, das tut es ohnehin. 

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Ich soll mal gesagt haben…

…kranke Kinder dürften bei uns immer einen Film schauen, an jedem Krankheitstag einen, wenn mehrere Kinder gleichzeitig krank seien, dürfe sich jedes einen aussuchen und das alles unabhängig von den Krankheitssymptomen. Also zum Beispiel auch bei schlimmster Migräne. 
Ach was, das habe ich nicht nur gesagt, das habe ich hoch und heilig beim Leben aller Stubenfliegen geschworen. Vermutlich gibt es auch irgendwo noch ein schriftliches Versprechen, unterschrieben mit meinem eigenen Blut. 

…bei Regenwetter gelte der gleiche Film-Automatismus wie beim Kranksein.

…die Mama von xyz sei eine blöde Kuh, ich könne sie nicht ausstehen. Und wenn ich sage, die Mama von xyz sei doch ganz in Ordnung, mit der würde ich gerne mal Kaffee trinken gehen, lachen mich alle aus. 

…als ich noch klein gewesen sei, hätte es noch keine Waschmaschinen, Geschirrspüler und Autos gegeben. Strassenlampen auch nicht, wenn ich mich recht erinnere.

…wenn einer „tschuldigung“ sage, müsse der andere „danke“ sagen. Die logische Schlussfolgerung, wenn der andere nicht umgehend „danke“ sagt: Man darf ihm eins überbraten. Mama hat’s ja erlaubt, so irgendwie.

…wir würden uns einen alten Wohnwagen kaufen und ihn als Spielhaus in den Garten stellen.

…wer älter als zehn sei, dürfe während der Schulzeit abends immer bis Viertel nach acht und während der Schulferien mehr oder weniger unbeschränkt bei uns unten bleiben und uns auf den Nerven herumtanzen. 

…an meinem Geburtstag bekomme jeder ein kleines Geschenk. Und zwei Tage später, am Geburtstag von „Meinem“, noch einmal. 

…die Franzosen seien alle doof und die Engländer alle perfekt.

…ich würde mal für den ersten August richtig viel Feuerwerk kaufen. Grosse, gefährliche Raketen, die grössten Vulkane, unzählige Knallkörper, Sonnen, bengalische Zündhölzer in rauen Mengen… einfach ein riesiges Feuerwerk. Und darum bin ich jedes Jahr eine ganz miese Verräterin, wenn ich wieder nur dieses mickrige „Wir können den Kindern den Spass ja nicht vollends verderben, also nehmen wir das günstigste Sonderangebot“-Feuerwerk kaufe. 

…ich hätte mal zu einer Frau namens Ruth „Tschüss Horror“ gesagt. 

Erkläre ich, sie hätten vielleicht falsch gehört oder falsch verstanden, weil sie damals, als ich all dies angeblich gesagt habe, noch ziemlich klein waren, dann insistieren sie, lachen mich aus und halten mir weitere Dinge vor, die ich gesagt haben soll. Als Beweis, dass ich falsch liege, fangen sie an zu erzählen: „Ich weiss noch genau, es hat ganz furchtbar geregnet an diesem Tag und uns war allen so langweilig und das Prinzchen wollte nicht aufhören zu weinen und der Zoowärter hatte sich erbrochen und Papa kam zu spät von der Arbeit nach Hause und du warst total genervt und dann hast du eben gesagt…“ Oder: „Wir waren in dieser riesigen Migros und es hatte ganz viele Leute und du hattest den Einkaufswagen übervoll geladen und der FeuerwehrRitterRömerPirat hatte gerade ein Joghurt fallen gelassen. Da habe ich dich gefragt und du hast ‚Ja, vielleicht, ein andermal‘ gesagt und jetzt ist ein andermal.“

Hmmmm, wenn ich mir das so anhöre, könnte es ja wirklich gewesen sein, dass ich einzelne dieser Dinge auf eine Art und Weise gesagt habe, dass man sie auch so hätte verstehen können, wie unsere Kinder sie verstanden haben. Dann aber ganz sicher nur in der verzweifelten Hoffnung, damit das Karussell endlich zum Stillstand zu bringen und ganz bestimmt nicht als ein auf immer und ewig festgeschriebenes Familiengesetz. Und schon gar nicht im Sinne eines Versprechens, das ich jemals einzulösen gedenke.

(Also das mit den Franzosen, dem Horror, dem Geburtstag, dem Geschirrspüler und den Strassenlampen habe ich garantiert nie im Leben gesagt. Die Überforderung mag zuweilen seltsame Worte über meine Lippen gebracht haben, aber vollkommen durchgeknallt war ich nie.) 

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Notfall-Date

Allzu romantisch war es nicht, unser Tête à Tête im Fast-Food-Tempel. Zu laute Musik, ungesundes „Essen“, unsympathische Gäste. Aber nachdem wir uns tagelang wegen Banalitäten in den Haaren gelegen hatten, musste es einfach sein. Wir mussten raus aus unseren vier Wänden. Raus aus der dicken Luft, die sich angestaut hatte. Raus aus den Rollen des strengen Papas und der besänftigenden Mama, diesen doofen Rollen, die wir immer dann einnehmen, wenn wir uns sogar im Bereich der Kindererziehung heftige Kämpfe liefern, weil wir einander so sehr auf die Nerven fallen. 

Wir mussten einfach wieder mal Paar sein, und sei es nur für diese eine Stunde am späten Abend. Einfach irgendwo hin, wo sie am Sonntagabend offen haben, an einen Ort, wo sie einen nach der Bestellung in Ruhe lassen, damit man mal wieder ein paar Worte wechseln kann. Nein, romantisch war es wirklich nicht, aber der kurze Szenenwechsel hat dennoch gut getan. Einfach quatschen – „Was hältst du vom Thema ‚Hochsensibilität‘? Nur wieder ein Modethema, oder ein echtes Problem?“ „Wie wollen wir eigentlich unseren Vierzigsten feiern?“ „Bundesrat Maurer war ja wieder mal voll peinlich.“ -, ein oder zwei Missverständnisse aus dem Weg räumen und unbeschwert sein.

Es hat gut getan, kurz wegzugehen. Es war beruhigend, zu merken, dass da kein Graben ist zwischen uns, sondern manchmal einfach zu viel Alltagskram, der uns daran hindert, einander zu verstehen. Auch wenn es nicht romantisch war, war es doch schön, wieder mal nur zu zweit zu sein.

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