Drohgebärden

Ja, ich weiss, diese ewigen elterlichen Erpressungsversuche sind doof und unfair. Aber wenn da ein Kind ist, das nicht will, wie Mama will, dann ist man schnell dabei. Und wenn da ein Kind ist, das Mama schon sehr bald einmal überragen wird, dann ist man noch schneller dabei. Denn man wird sich bewusst, dass der grosse Junge einem sehr bald sehr schlimm auf der Nase herumtanzen wird, wenn man ihm nicht zeigt, dass man noch immer weiss, was man will, auch wenn man in den Augen des Kindes immer kleiner wird.

Wie wir Eltern nun mal sind, kommt uns vor lauter Angst, die Autorität zu verlieren, eine jener hirnverbrannten Drohungen über die Lippen und noch ehe das letzte Wort draussen ist, fragen wir uns schon, wie wir bloss auf die Idee kommen konnten, dass die Drohung auch wirklich etwas bewirken könnte. „Wenn du jetzt nicht sofort auf dein Zimmer gehst, nehme ich dir deine Geige weg und du darfst bis Montagabend nicht mehr üben“, hörte ich mich heute sagen, als Karlsson sich weigerte, eine Auszeit zu nehmen von dem ewigen Necken der kleinen Brüder. Während ich noch sprach, überlegte ich mir schon, wo ich denn das Instrument sicher versorgen sollte, denn gehorchen würde er mir ja ohnehin nicht. 

Ich hätte so ziemlich mit jeder vorpubertären Reaktion – freches Grinsen, gleichgültiges Schulterzucken, ein zorniger Versuch, mit einem Comics-Heft nach mir zu schmeissen – auf meine unsinnige Drohung gerechnet, bloss nicht damit, dass der Junge sich vom Sofa erhebt, in seinem Zimmer verschwindet und erst wieder zum Vorschein kommt, wenn er mit seinen Geschwistern wieder anständig sein kann. Nun ja, unterwegs nach oben hat er zweimal die Tür geknallt, aber dass es bei nur zweimal blieb, ist für unsere Verhältnisse ein schon beinahe übermenschlicher Akt an Selbstbeherrschung. 

 

Der Prinz und der Nuggi

Ob wir denn eine Regel hätten, wann das Prinzchen seinen Nuggi haben dürfe und wann nicht, fragte man mich neulich, als ich unseren Jüngsten in die Krippe brachte. Zuerst einmal schaute ich die Fragende etwas ratlos an, dann dämmerte mir, dass man als Mama ja gewöhnlich ziemlich genaue Vorstellungen davon hat, wann das Kind nuckeln darf und wann nicht. Also schickte ich mal eine Suchanfrage an mein Gehirn los: „Prinzchen – Nuggi – Regel“ Es dauerte eine Weile bis mein Gehirn sich wieder meldete: „Keine Übereinstimmung gefunden“. Um nicht als völlig planlos dazustehen, murmelte ich etwas von „wenn er dann drei ist, muss er den Nuggi abgeben und meistens will er ihn ja nur zum Schlafen“ und dann machte ich mich hinter meine Arbeit.

Später, als ich wieder zu Hause war, wollte ich noch einmal überprüfen, ob da tatsächlich nichts über Prinzchen-Nuggi-Regeln zu finden sei in meinem Kopf. Also noch einmal eine Suchanfrage, diesmal aber nur mit den Begriffen „Nuggi – Regel“. Und siehe da, meine grauen Zellen wurden fündig: „Wenn sie in die Spielgruppe kommt, muss Luise ihren Nuggi abgeben. Um ihr den Abschied zu erleichtern, fangen wir kurz vor dem dritten Geburtstag damit an, ihr den Nuggi nur noch im Bett und wenn sie sehr müde ist, zu geben. In den Sommerferien werden wir ihr das nuckeln dann schrittweise abgewöhnen, so dass sie am ersten Spielgruppentag ganz ohne ihren Nuggi auskommt“, las ich da in einem ziemlich verstaubten Artikel, der vermutlich weit hinten im Archiv gelegen hatte. Und wie ich da so las, erinnerte ich mich wieder daran, wie wir damals während unserer Sommerferien in Malta alles daran gesetzt hatten, unsere Tochter vom Schnuller zu lösen. Kein Tag, an dem wir uns die Laune nicht durch eine tränenreiche Auseinandersetzung mit Luise trüben liessen. Wir waren dennoch äusserst erfolgreich. Luise verzichtete auf den Nuggi und saugt seither fröhlich an ihrem Zeigefinger, wenn sie müde ist.

„Das kann doch nicht alles sein, was nach all den Familienjahren zum Thema Nuggi zu finden ist“, murmelte ich vor mich hin und schickte eine neue Suchanfrage los. Wieder wurde ich im Archiv fündig. „Karlsson verzichtet im zarten Alter von 8 Monaten freiwillig auf seinen Nuggi. Abgewöhnen nicht nötig“, hiess es da in einer kurzen Notiz. „Beim FeuerwehrRitterRömerPiraten machen wir das genau gleich wie bei Luise. Gerechtigkeit muss sein“, las ich in einem anderen Bericht, der unten mit einer handschriftlichen Notiz ergänzt war: „Entwöhnung fast problemlos. Bis auf die wenigen Gelegenheiten, bei denen der Junge versucht hat, sich den Nuggi seines kleinen Bruders zu schnappen.“ Der kleine Bruder, so denke ich beim Lesen, muss das Prinzchen gewesen sein, denn der Zoowärter hat ja auf einen Nuggi verzichtet. Er nahm von Anfang an mit einem Schmusetuch Vorlieb, das er sich seit einiger Zeit nicht nur in den Mund, sondern auch noch ins linke Nasenloch steckt. Zum Glück erlaubt er uns inzwischen wieder, das Ding von Zeit zu Zeit zu waschen.

Nachdem ich auf all diese Einträge gestossen war, unternahm ich einen letzten Versuch, um doch noch herauszukriegen, ob da irgendwo zumindest ein Ansatz von einem Plan zur prinzlichen Nuggi-Entwöhnung existiert. Aber da ist nichts. Der einzige Eintrag zum Thema „Nuggi und Prizchen“ lautet folgendermassen: „Heute vermutlich den allerletzten Nuggi meiner Karriere gekauft. Bald wird das Prinzchen zu gross sein dafür. Schluchz!“ Und siehe da, seit drei Nächten schläft das Prinzchen problemlos ohne Nuggi. Nicht, weil wir nun doch noch einen Plan entwickelt hätten, sondern einfach deshalb, weil er das Ding an den unmöglichsten Orten verliert. Und natürlich auch, weil er sich seinen Mittagsschlaf abgewöhnt hat und deswegen abends so hundemüde ist, dass er meist schon eingeschlafen ist, bevor sein schwerer Kopf auf dem weichen Bären gelandet ist.

Kinderspuren

Als erfahrene Eltern haben wir uns längst daran gewöhnt, dass es nicht immer ganz ungefährlich ist, den müden Kopf einfach so im Dunkel des Schlafzimmers auf das Kopfkissen sinken zu lassen. Allzu oft kommt es vor, dass man nicht das weiche Kissen, sondern die harten Kanten eines Legosteins zu spüren kriegt. Gefahr lauert oft auch unter der Bettdecke, sei es in Form einer Stricknadel, die trotz mütterlichen Verbots als Schwert verwendet worden ist, oder in Form eines aufgeweichten Zwiebacks, der den Weg ins Elternschlafzimmer gefunden hat, obschon Essen grundsätzlich nur in der Küche und im Esszimmer erlaubt ist. Leider haben wir erkennen müssen, dass sich immer mal wieder jemand in unserem Zimmer breit macht, auch wenn wir schon hundertmal gepredigt haben, wir würden unsere Gäste ja auch nicht im Kinderzimmer bewirten oder unsere Schmutzwäsche bei ihnen liegen lassen. Natürlich verteidigen wir unsere Privatsphäre weiterhin standhaft, aber wie die Legosteine, Stricknadeln und der aufgeweichte Zwieback beweisen, sind wir noch nicht so weit, dass diese auch tatsächlich respektiert wird. 

Als erfahrene Eltern wissen wir auch, dass Mamas Kleiderschrank den Kindern nicht so heilig ist, wie Mama dies gerne hätte und so kommt es, dass die lieben Kleinen sich hin und wieder mit Verkleidungsstücken bedienen, ohne vorher um Erlaubnis gefragt zu haben. Meist tauchen die lange vergeblich gesuchten Kleidungsstücke erst beim nächsten Grossreinmachen wieder auf und dann weiss natürlich keiner mehr, wie der Rock oder die Hose den Weg ins Kinderzimmer gefunden hat. Ganz ähnlich geht es mit Papas Akkordeon, Mamas Lippenstift, den Küchenutensilien und seit einiger Zeit auch mit der Tageszeitung. Grundsätzlich habe ich ja nichts dagegen, wenn die Kinder sich unserer Sachen bedienen,  wir leben ja alle unter einem Dach und teilen fast alles miteinander. Es wäre einfach nur nett, wenn sie a) zuerst fragen würden, b) nach Gebrauch ihre Spuren wieder beseitigen würden und c) ihre Spuren nicht überall hinterlassen würden.

Bis vor Kurzem war der Computer noch die letzte von den Kindern  unangetastete Zone. Doch seitdem Karlsson für die Schule erste kleine Vorträge schreibt, Luise und der FeuerwehrRitterRömerPirat sich ihre Ausmalbilder selber ausdrucken können und der Zoowärter hin und wieder dabei helfen darf, seine Ausmalbilder auszuwählen, ist auch die letzte kinderfreie Festung eingenommen. Und seither erwartet uns jedes Mal eine Überraschung, wenn wir den Computer starten. Mal ist der Bildschirm mit neuen Ordnern übersät, dann wieder sind alle Programme, die so bequem auf den ersten Klick zugänglich sein sollten, im Nirgendwo verschwunden, hin und wieder kommt es auch vor, dass einem ein  Zhu Zhu Pet als Bildschirmhintergrund entgegenlächelt. Grundsätzlich habe ich ja nichts dagegen, wenn die Kinder sich so langsam aber sicher auch am Computer heimisch fühlen und meiner Meinung nach ist es auch richtig, wenn sie dazu nur ein einziges, von den Eltern überwachtes Gerät zur Verfügung haben. Es wäre einfach nett, wenn sie a) zuerst fragen würden, b) nach Gebrauch ihre neuen Ordner und Hintergrundbilder wieder löschen würden und c) auf der Tastatur keine klebrigen Spuren hinterlassen würden. Wobei c) nur funktioniert, wenn die Kinder endlich akzeptieren, dass Essen grundsätzlich nur in der Küche oder im Esszimmer erlaubt ist….

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Pizza-Massage

Gewöhnlich antworte ich nicht mit einem Post auf einen Kommentar und schon gar nicht missbrauche ich Posts, um irgendwelche Tipps im Sinne von „Zehn lustige Methoden, Ihr Kind zum Lachen zu bringen“ zu verbreiten. Ihr kennt ja diese Listen in den Familienzeitschriften: Der Titel verspricht einen Haufen neue Ideen, die das Leben mit den Kindern bereichern sollen und spätestens bei Punkt drei merkst du, dass es sich entweder um Dinge handelt, die du schon seit Jahren täglich tust oder aber, dass dir der Autor etwas aufschwatzen will, was dir schon als Kind ganz fürchterlich auf die Nerven gegangen ist. Ganz ähnlich ist es übrigens mit Büchern mit Titeln wie „56 spannende Spiele für staubtrockene Sonntagnachmittage“ oder „Tausend Ideen gegen die Langeweile“ oder „Bastelideen aus dem Müllcontainer“. Okay, ich weiss, jemand hat sich grosse Mühe gegeben, diese Listen und Bücher zusammenzustellen, aber mir sagt das Zeug dennoch nichts.

Wenn ich also hier einen Post missbrauche, um über etwas aus unserem Familienleben zu erzählen, was ich eben erst vor einigen Tagen wieder entdeckt habe, dann nur deshalb, weil mir die Sache so viel Spass macht und nicht, weil ich euch vorschreiben will, wie ihr eure Kinder durchzukneten habt. Ums Kneten geht es nämlich zuerst mal bei der Pizza-Massage, die damit beginnt, dass man sich ein beliebiges Kind schnappt, das sich gerade in der Nähe des Sofas oder des Bettes aufhält, auf dem du gerade einen Mittagsschlaf abhalten willst, was die Kinder aber nicht respektieren und deswegen lärmend um das Bett oder das Sofa rasen…. ähm, wo war ich schon wieder? Ach ja, beim Kneten. Also, man schnappt sich das Kind, legt es bäuchlings vor sich hin, stellt sich vor, es wäre ein Pizzateig, den man zuerst mal so richtig durchkneten muss. Nach dem Kneten kommt das Auswallen und der Rest passiert von selbst, denn je nach Vorlieben des Kindes kommen Tomatensauce, Salami, Oliven, Pilze, Crevetten, Kapern oder was auch immer drauf und es spielt auch ganz und gar keine Rolle, wie die da drauf kommen, Hauptsache, das Kind krümmt sich vor lauter Lachen. Irgendwann wird das Ganze dann mit Atemluft gebacken und genüsslich verzehrt und dann kommt das nächste Kind, das einem keine Ruhe gönnen mag, dran.

Wenn man viel Glück hat, sind die Kinder danach so glücklich und müde, dass sie einen ausspannen lassen. Wenn man noch mehr Glück hat, revanchieren sich die Kinder, indem sie aus Mama eine Pizza machen, worauf Mama natürlich viel besser mittagsschlafen kann. Und nun möchte ich noch einmal darauf hinweisen, dass ich das Ganze nicht geschrieben habe, damit ihr endlich Ideen habt, was ihr mit euren Kindern anstellen sollt, denn ich bin mir ziemlich sicher, dass ihr alle eure eigenen Eltern-Kind-Sternstunden habt.

Ach ja, und um deine zweite Frage zu beantworten, Gedankenfest: Ich bin mir ziemlich sicher, dass das Prinzchen eines Tages auch davon erzählen wird, vermutlich sogar mit leuchtenden Augen. Aber ich fürchte, dass ich das nicht mehr miterleben werde, weil er dann im Altersheim sitzen wird. Er wird alle meine mütterlichen Fehltritte vergessen haben und seinen Urenkeln wehmütig von seiner guten Mutter erzählen, die ihren Kindern jeweils eine Pizza-Massage verpasst hat. Und dann wird er vielleicht noch anfügen, dass der Papa das noch viel besser gekonnt hat, weil der Papa ja ein Italiener war, ein Sohn von Gastarbeitern, die in der Schweiz ganz schwer untendurch mussten und die in den ersten Jahren im fremden Land nicht mal eine Dusche hatten, so ähnlich wie hier im Altersheim, wo er ja seine Dusche auch mit dem lästigen Nachbarn teilen muss…. Und irgendwann werden ihn die Urenkel unterbrechen und sagen: „Ach, Uropa, erzähl doch nicht immer dieselben Geschichten.“ Aber der Uropa wird nur selig lächeln und fragen: „Wisst ihr übrigens, wie meine Mama mich immer genannt hat? Prinzchen hat sie mich genannt. Ist das nicht schön?“

Aber vielleicht wird es auch ganz anders sein und ich mache hier einen Punkt, bevor ich noch ganz im Schmalz ertrinke.

Mama & Sohn

Okay, ich geb’s zu: Ja, ich habe heute früh die Türe geknallt. Mehrmals und ziemlich heftig. Ja, ich habe herumgebrüllt und zwar sehr laut. Und ja, ich bin ausgerastet wie schon lange nicht mehr, weil mich der FeuerwehrRitterRömerPirat mal wieder zur Weissglut getrieben hat mit seinem „Ich weigere mich, in den Kindergarten zu gehen und es ist mir vollkommen egal, dass du meinetwegen zu spät zur Arbeit kommst und dass sich die Kindergärtnerin Sorgen machen wird darüber, wo ich wohl so lange bleibe“. Ich versuche gar nicht erst, die unrühmliche Begebenheit zu verbergen, wo das Prinzchen doch ohnehin jedem, der es hören will, erzählt, dass Mama heute Morgen eine ganz böse Mama war. Also wozu leugnen, wo es sich ohnehin nicht verbergen lässt, dass ich hin und wieder genau das Gegenteil von der Mama bin, die ich eigentlich sein möchte? 

Zum Glück scheint der FeuerwehrRitterRömerPirat auch erkannt zu haben, dass er manchmal nicht der Sohn ist, den er sein möchte und so kam es, dass wir zwei Streithähne heute Nachmittag in trauter Zweisamkeit auf dem Sofa sassen und einander eine Pizza-Massage verpassten. Aber davon erzählt das Prinzchen natürlich niemandem…

 

Grosse Schwester

Prophezeit hat man ihr schon lange, dass sie eines Tages etwas ganz Besonderes sein würde für ihre vier Brüder, nur hatte sie sehr lange nichts davon bemerkt, unsere Luise. Klar, sie versuchte mit allen Mitteln, sie zu bemuttern, ihnen zu beweisen, dass sie immer ein offenes Ohr hat für sie, sie zu erziehen, auch wenn das nicht ihre Aufgabe ist. Hin und wieder war sie so frustriert darüber, dass ihre Annäherungsversuche nichts fruchteten, dass sie versuchte, ihren Brüdern ihre Zuneigung aufzuzwingen, was dann meist in Streit und Tränen endete. Eines Tages legte ich ihr nahe, ihren Brüdern einfach mal die kalte Schulter zu zeigen, dann würden sie schon erkennen, was sie verpassen. 

Ich weiss nicht, ob sie sich meinen Rat zu Herzen genommen hat, aber jetzt scheint ihr langes Werben endlich den ersehnten Erfolg zu bringen. Zuerst verlangte der Zoowärter immer öfter nach seiner grossen Schwester. Sie durfte ihn trösten, wenn Mama mal wieder keine Zeit hatte, sie durfte ihn abends in die absurdesten Verkleidungen stecken, sie umarmte er, der sonst körperlicher Zuneigung eher skeptisch gegenübersteht, freimütig und oft. Luise, die wunderbare grosse Schwester.

Eines Tages bemerkte das Prinzchen, der Luise immer mal wieder mit seiner Ablehnung verletzt hatte, dass der Zoowärter die einzige Schwester mehr und mehr in Beschlag nahm. Nun ist es so, dass das Prinzchen und der Zoowärter sich grundsätzlich nur für die Dinge interessieren, mit denen sich der andere gerade beschäftigt und so kam es, dass Luise auf einmal auch sehr attraktiv für das Prinzchen wurde. Auf einmal wollte er dabei sein, wenn Luise und der Zoowärter grosse Schwester und kleiner Bruder spielten, plötzlich findet es das Prinzchen grossartig, wenn Luise anstelle von Mama die Schlaflieder singt. Und heute nach dem frühzeitig abgebrochenen Mittagsschlaf, lag das Prinzchen endlich winselnd auf dem Küchenfussboden und verlangte nach Luise. Sie sollte ihm eine warme Milch machen, sie sollte ihn trösten, sie sollte mit ihm nach draussen spielen gehen. Weil Luise gerade anderweitig beschäftigt war, bot ich unserem Jüngsten an, den Luise-Ersatz zu machen, aber davon wollte er nichts wissen. Er jammerte weiter, bis die grosse Schwester endlich Zeit hatte für ihn. 

Ich bin so froh, dass unsere Tochter endlich die Art von grosser Schwester sein darf, die sie schon so lange sein wollte.

Grosser Junge, kleines Biest

Falls ihr euch heute am frühen Abend irgendwo in der Nähe unseres Hauses – etwa im Umkreis von fünf Kilometern – aufgehalten habt und ihr ein Kind ganz schrecklich habt schreien hören, dann heisst das noch lange nicht, dass ihr gleich den Kinderschutz alarmieren müsst. „Meiner“ und ich haben nämlich nur versucht, das zu tun, was verantwortungsvolle Eltern nach einem Besuch im Wald tun sollten. Wir haben unsere Kinder von Zecken befreit. Beim Prinzchen, dem Zoowärter und bei Luise ging das ganz glatt, denn die Biester hatten noch nicht gestochen, sondern waren noch auf der Suche nach dem perfekten Platz. Beim FeuerwehrRitterRömerPiraten war das mit der Befreiung hingegen nicht mehr so einfach und so kam es, dass „Meiner“ und ich – später auch noch die Grossmama – das schreiende Kind an Armen und Beinen festhalten mussten. Was zur Folge hatte, dass das Kind noch lauter schrie, wir Eltern ins Schwitzen kamen und so langsam aber sicher die Nerven verloren. 

Wie das so ist in einer Grossfamilie: Wenn einer schreit, dann schreien bald einmal alle und so dauerte es nicht lange, bis Luise sich lautstark gegen das von den Eltern verordnete Bad zu wehren begann. Das Prinzchen stand daneben und brüllte abwechslungsweise seine dem Schein nach so bösen Eltern und seinen renitenten grossen Bruder an, je nachdem, wer gerade seine Unterstützung nötig hatte. Und weil das so schön war, stimmten Karlsson und der Zoowärter in den Lärm mit ein, weil sie wegen dieser doofen Zecke auf den versprochenen Film warten mussten. Das alles klang so schrecklich nach „böse Eltern misshandeln arme Kinder“, dass ich mich ernsthaft davor zu fürchten begann, dass demnächst ein besorgter Nachbar an der Türe klingeln würde. Und hätte er uns dabei angetroffen, wie wir uns darum bemühten, unseren Dritten zu bändigen, er hätte wohl gedacht, dass er eben noch rechtzeitig gekommen sei, um Schlimmeres zu verhindern. Dabei wollten wir wirklich nur Eines: Unseren grossen Jungen so schnell als möglich von dem kleinen gefährlichen Biest befreien. Aber zuweilen kann es ganz schön hitzig werden, wenn wir unser Bestes geben, unserer elterlichen Pflicht nachzukommen.

 

Wir bleiben dran

Manchmal, wenn das Prinzchen noch ein Schlaflied hören will oder wenn der Zoowärter noch ein Buch erzählt bekommen möchte, findet „Meiner“, es sei doch jetzt genug, ich hätte genug gesungen, genug erzählt. Und ein Stück weit hat er ja Recht: In den vergangenen zehn Jahren habe ich tatsächlich sehr viel Zeit mit singen und erzählen verbracht. Anfangs war „Meiner“, der ohne Schlaflieder und Gutenachtgeschichten gross werden musste, ganz entzückt darüber, doch natürlich ist inzwischen der Zauber von „Schlaf mein Kind, ich wieg‘ dich leise“ und „Michel aus Lönneberga“ ein wenig verflogen. Er hat sich das Zeug ja unzählige Male anhören müssen.

Was „Meiner“ aber nicht bedenkt und was auch ich mir immer wieder in Erinnerung rufen muss: Der Zoowärter und das Prinzchen haben zusammen wohl nicht die Hälfte der Geschichten gehört, die Karlsson alleine erzählt bekommen hat. Zwar habe ich mich in den vergangenen Jahren schon mehrmals beinahe heiser gesungen, aber wie oft waren die zwei Jüngsten die Zuhörer? Die drei Grossen und ich kennen die dicken Schinken im Bücherregal in- und auswendig, aber die beiden Kleinen haben noch nicht mal das erste Kapitel von „Winnie the Pooh“ gehört. Ja, sie haben noch nicht mal das Buch, das ihre eigene Mama geschrieben hat, erzählt bekommen.

Also singe und erzähle ich weiter und glaubt mir, die Sache wird nie langweilig. Denn auch wenn die Geschichten und Lieder noch immer die Gleichen sind, die Kinder, die zuhören sind es nicht. Und so erfahre ich immer wieder verblüffende Dinge, die ich nie zuvor beachtet hatte. Zum Beispiel weiss ich erst seit einigen Tagen, dass man die allabendliche Angst los wird, indem man Asterix und Obelix aus dem Heft nimmt. Ich habe ja stets geglaubt, die zwei seien nur gezeichnet, aber die kommen tatsächlich ins Kinderzimmer und vertreiben mit ihren übermenschlichen Kräften alles, was einen das Fürchten lehren will. Sagt der Zoowärter und der wird’s wohl wissen, denn eingehender als er hat noch keiner bei uns die gesammelten Abenteuer der beiden Gallier studiert, bevor er des Lesens mächtig war. 

 

Radikal

Ich weiss nicht, wie streng ihr das seht, aber meiner Meinung nach geht man noch nicht als Alkoholiker durch, wenn man sich alle paar Monate mal ein Gläschen Likör gönnt. Meiner Meinung nach müssten da schon noch ein paar Gläser mehr sein, damit man den Kindern ein schlechtes Beispiel abgibt. Zumal die Kinder der Hauptgrund sind, weshalb ich nach Jahren der Abstinenz wieder in geringen Mengen Alkohol konsumiere. Nein, nicht weil die Kinder mich dazu treiben, mein Elend im Glas zu ersäufen. Mein Entschluss, nicht vollkommen abstinent zu leben, hat einen erzieherischen Grund: Ich fürchte dass Alkohol in den Augen der Kinder umso faszinierender wird, je geheimnisvoller und verbotener die Sache ist. Wenn sie sehen, dass man auch im Mass geniessen kann, ersparen wir ihnen nicht jeden, aber doch vielleicht den einen oder anderen Suff. Und so hatte ich heute nicht die geringsten Gewissensbisse, als „Meiner“ und ich uns zum Feierabend diese wenigen Schlucke Likör gönnten.

Da sassen wir also in der seligen Gewissheit, pädagogisch sinnvoll zu geniessen, als ein gewisser junger Radikaler namens Karlsson, der eigentlich schon längst hätte schlafen müssen,  in die Küche marschiert kam, zur Flasche griff und den Inhalt kurzerhand ins Spülbecken kippte. Hat wohl etwas zu oft davon gelesen, wie der kleine Michel aus Lönneberga die Kirschweinflaschen für Frau Petrell zerschlagen hat. „Meiner“, der in die Geschichte eingegangen ist, weil er seinem Vater mal in die Bierflasche gepinkelt und sie danach wieder fest verschlossen hat, in der Hoffnung, der Papa würde es trinken, fand die Aktion seines Ältesten nicht besonders lustig. Nicht, weil er an der Flasche hängen würde, sondern einfach, weil es etwas unheimlich ist, mit einem kleinen Extremisten unter einem Dach zu leben. 

Aufwachen, Mama!

2001: Mama Venditti, vor wenigen Monaten erst Mama geworden, liest in der Tageszeitung, dass Jugendliche sich immer öfter bis zum Umfallen besaufen. „Auf jedes Extrem folgt ein Gegenextrem“, denkt sich Mama Venditti. „Bis Karlsson in dem Alter ist, wird saufen unter den Jugendlichen total out sein.“

2003: Mama Venditti liest, dass die Verbreitung jeder erdenklichen Schweinerei unter Jugendlichen dank Internet und Handy erheblich zugenommen hat. „Bis meine Kinder in dem Alter sind, wird man bestimmt für einen besseren Kinder- und Jugendschutz sorgen“, beruhigt sie sich selber. 

2005: Mama Venditti schaut sich eine Statistik an, die belegt, dass sich Mädchen immer öfter masslos betrinken, weil die süssen Mixgetränke ihren Geschmack genau treffen. „Bis Luise so gross ist, sind diese zuckersüssen Versuchungen bestimmt längst verboten“, murmelt sie vor sich hin.

2007: Mama Venditti erfährt, dass Cannabis für viele Jugendliche einfach dazugehört. „Was jetzt normal ist, wird in ein paar Jahren völlig veraltet sein“, beruhigt sie sich. 

2009: Mama Venditti liest einen Artikel, in dem steht, dass Jugendliche immer leichter an harte Drogen herankommen. „Bis meine Kinder in dem Alter sind, wird man viel härter durchgreifen“, hofft sie.

2011: Mama Venditti sitzt in einem Vortrag über Rauschtrinken und wird sich gewahr, dass a) die jüngsten Kinder, die in der Statistik erfasst sind, nicht erheblich älter sind als ihre eigenen und dass b) die Gefahren für Kinder und Jugendliche nicht ab- sondern zugenommen haben. Nicht, dass sie je allen Ernstes an ihre eigenen kläglichen Beruhigungsversuche geglaubt hätte, aber ein wenig mulmig wird ihr schon, wenn sie sich eingestehen muss, dass die Schonzeit wohl bald vorbei ist. Eines aber beruhigt sie dennoch: Die Referentin weist darauf hin, dass gute Beziehungen innerhalb der Familie Vieles verhindern helfen. Mama Venditti denkt sich, dass bei Vendittis im Alltag zwar fast alles anders läuft als im Erziehungsratgeber, dass aber kaum ein Tag vergeht, an dem nicht auf die eine oder andere Art – mal mit Loben und Unterstützen, dann wieder in einem lautstarken Streit, der in einer liebevollen Versöhnung endet –  an den Beziehungen gearbeitet wird.