Kommt und besucht mal Barbamama

Es hat lange gedauert, bis ich zu dieser Erkenntnis gefunden habe, aber vielleicht wollte ich das Augenfällige einfach nicht wahr haben. Jetzt aber weiss ich es: Ich bin Barbamama – Mutter dieser wunderbar wandlungsfähigen Wesen -, die ausgesetzt worden ist, um mit einer Horde von ganz und gar inflexiblen Wesen unter einem Dach zu leben. Barbamama, die sich problemlos umformen kann, je nachdem, was gerade gefragt ist, ein knetmassenähnliches Wesen, ausgesetzt in einer Familie von ganz und gar starren Menschen. 

Barbamama windet am Kolumnen-Dienstag ihre Sätze um Karlssons Geplauder herum, wenn dieser ausnahmsweise erst später zur Schule muss und deshalb die geschwisterfreie Zeit mit ihr geniessen will. Sie schiebt den Wäscheberg hin und her und wieder zurück, weil die Gäste an „Meiners“ Vernissage einen Apéro geniessen sollen, die Planung aber nicht ganz geklappt hat. Sie vollführt einen kunstvollen Tanz durch die ganze Wohnung, um den Interviewpartner auf der anderen Seite der Telefonleitung vor dem Geplapper der kranken Luise zu schützen. Sorgsam baut sie ihre Termine um die Stundenpläne sämtlicher Familienmitglieder herum und sitzt am Ende doch mit Freundin und Zoowärter zu Hause am Kaffeetisch, weil sie das kranke Kind nicht mit in die Stadt schleppen kann. Ihre Arbeitstage zerstückelt sie in kleinstmögliche Portionen, weil immer irgend einer etwas hat, wenn sie eigentlich ungestört arbeiten möchte. Wenn es dann doch mal zu klappen scheint, ruft die Lehrerin an und meldet, das Bauchweh des FeuerwehrRitterRömerPiraten sei so schlimm, dass der Junge nach Hause kommen müsse und schon schlingt Barbamama ihre wendigen Arme um das arme Kind, anstatt mit den vier oder fünf Fingern, die sie zum Tippen braucht, in die Tasten zu hauen. Genau so kunstvoll, wie sie sich physisch an ihre Lieben anpasst, tut sie dies mit ihren Gedanken, die eigentlich lieber eine längst fertige Geschichte in schöne Sätze giessen möchten. Stattdessen beschäftigen sich Barbamamas Gehirnwindungen dann halt mit der Frage, wo Zoowärters Schuhe hinmarschiert sein könnten, wie „Meiner“ den Beamer anschliessen muss und warum Edith Piaf für Karlssons Ohren wunderschön, für fast alle anderen aber schier unerträglich klingt. Ja, zuweilen lässt sie sich sogar dazu hinreissen, das Transportmittel zu machen, wenn mal wieder einer zu faul ist, die eigenen Beine zu bewegen, um zur Trompetenstunde zu fahren und deshalb gerade spät genug behauptet, das Velo habe einen Plattfuss. 

Versteht mich nicht falsch, Barbamama fühlt sich ganz wohl bei dieser Horde, sie liebt sie sogar heiss und innig und sieht den Sinn jeder einzelnen Programmänderung durchaus ein. Sie hat auch nicht grundsätzlich etwas dagegen, spontan, wandlungsfähig und formbar zu sein. Manchmal wünschte sie sich einfach, es wäre nicht immer sie, die sich und ihr Programm den Plänen und Verpflichtungen der anderen entsprechend deformieren muss. Und manchmal fragt sie sich, wo denn eigentlich ihr rosaroter Barbapapa mit den sieben zu jeder Wandlung fähigen Kindern geblieben ist. 

barbapapa

Diese Ausländer…

Gestern mal wieder ein Gespräch beim Warten an der Kasse, wie es wohl so oft stattfindet in der Schweiz. Daran beteiligt: Eine Schweizerin älteren Semesters (ÄS), „Meiner“ (M) und ich (I). Nicht am Gespräch beteiligt, aber doch auch irgendwie dabei: Prinzchen, Zoowärter und FeuerwehrRitterRömerPirat, die ganz dringend ein wenig Taschengeld loswerden müssen und darum im Laden herumschwirren, der Zoowärter mit seinem ganzen Geburtstagsgeld in der Hand.

I: „Zoowärter, steck dein Geld in die Tasche. Sonst verlierst du es.“

M: „…oder jemand reisst es dir aus der Hand.“

ÄS: „Ja, pass auf. Man kann nie wissen. So, wie das heutzutage zu und her geht.“

I: „Tja, die Menschheit zeigt sich mal wieder von ihrer schlechtesten Seite…“

ÄS: „Früher war das also anders. Als ich in der Schule war, musste man noch keine Angst haben vor den Leuten. Da war es noch sicher.“

I: „Das glaube ich Ihnen…“

ÄS: „Heute, mit all diesen Ausländern ist man nirgendwo mehr sicher.“

M: „Ich bin auch so ein Ausländer.“

ÄS: „Es sind natürlich nicht alle schlecht. Aber die, die den ganzen Tag arbeiten und nicht zu ihren Kindern schauen…“

I: „…weil sie nicht genug Lohn bekommen, um ihre Familien durchzubringen…“

ÄS: „Ja, kann sein. Aber diese Albaner. Unmöglich. Lassen ihre Kinder bis nachts um zehn draussen rumrennen. Die kümmern sich nie um ihre Kinder und machen immer nur Probleme.“

M: „Ich bin schon ziemlich lange Lehrer. Wissen Sie, mit welchen Eltern ich am meisten Probleme habe? Mit den Schweizern.“

ÄS: „Man darf natürlich schon nicht alle in den gleichen Topf werfen. Meine Nichte heiratet ja jetzt auch einen Albaner. Ein flotter Kerl, wirklich. Es sind nicht alle schlecht, das stimmt. Aber diese Ausländer…“

Wann begreifen „Meiner“ und ich endlich, dass es nichts bringt, an der Kasse für eine differenzierte Sicht der Dinge zu missionieren?

fiori silenziosi

dodici fiori silenziosi; prettyvenditti.jetzt

Mittwochnachmittag

Kater Leone schleicht um den vom Mittagessen übrig gebliebenen Speck, währenddem Theoderich von Ravenna versucht, Luise den Unterschied zwischen Westgoten und Ostgoten zu erklären. „Meiner“ jubelt derweilen lauthals über ein paar kaputte Bilderrahmen, die seine Vorfreude auf die erste Fotoausstellung steigern, was mich dazu veranlasst, ihm den alten Hit „Du magst ja toll sein, aber im Moment gehst du mir nur noch auf den Geist und hör auf zu jammern, du hast es dir selber eingebrockt“ vorzutragen. Aus mir unerklärlichen Gründen gefällt ihm meine brillante Performance nicht, weshalb er mit il Cugino das Weite sucht. Natürlich setzen wir unser eheliches Turteln fort, bis die Tür hinter ihm ins Schloss fällt, denn solche einmaligen Momente sollte man geniessen. 

Später zähmt das Prinzchen ein paar Drachen, obschon heute eigentlich keine Flimmerkiste auf dem Tagesplan stünde. Ein Plan, der leider nicht eingehalten werden kann, weil der FeuerwehrRitterRömerPirat sich mit Grossmama nach Narnia aufmacht und da wäre es doch nicht fair, das Prinzchen alleine in der langweiligen Realität zu lassen. Wo doch sogar der Zoowärter für ein paar Stunden seinem selbst verschuldeten Hausaufgabeneldend entfliehen darf, um mit einem Freund Monster zu jagen oder so.

Weil Theoderich sich so grottenschlecht erklärt, zeichne ich auf dem Küchenboden kniend so etwas wie Europa, um Luise das mit den West- und Ostgoten zu veranschaulichen, aber sie sieht nur, dass der Stiefel von Italien ganz dringend Schnürsenkel braucht. Als die West- und Ostgoten samt Franken, Rätier, Alemannen und Langobarden dann doch endlich erledigt sind, eröffnet mir Luise, dass sie mit mir noch ein wenig in der Sprache der Angelsachsen zu parlieren gedenkt, was aber irgendwie nicht so richtig klappen will, weil Karlsson und der FeuerwehrRitterRömerPirat zur „My Heart Will Go On“-Konzertprobe müssen und vorher noch mit Nachbars darüber diskutiert werden muss, ob die Probe im oberen oder im unteren Schlagzeugraum stattfinden wird. Dazwischen ist noch ein wenig Empörung gefragt, weil es bei Karlsson im Turnunterricht einen Punkt gibt, wenn eine Sie einen Er mit dem Ball am Kopf trifft, umgekehrt aber nicht. Der Zoowärter, der inzwischen von der Monsterjagd zurückgekehrt ist, will sich seinem Hausaufgabenelend widmen, doch dieser aufsässige Lego-Kerl, den er gestern zum Geburtstag geschenkt bekommen hat, funkt andauernd dazwischen und kräht: „Wann machst du mir endlich meine Flügel fertig? Ich will fliegen!“ 

Irgendwann geht der Nachmittag in den Abend über; nachdem alle Bäuche gefüllt sind, zieht sich einer nach dem anderen zurück, der eine mit seinen Lego-Kerlen, der andere mit Narnia im Kopf, die Dritte hoffentlich mit Theoderich von Ravenna und nicht mit Whatsapp. „Meiner“ streut irgendwo noch ein paar Mehlschriften und auf mich wartet das Vergnügen, die Spuren dieses Tages zu verwischen, damit morgen wieder Platz ist für neue. 

Wobei, wenn ich mir’s recht überlege…ich lasse die Spuren lieber bis morgen früh bleiben und schmeisse mich in die Badewanne. Wäre doch schade, das ganze Chaos schon wieder zu beseitigen, wo doch so viel Familienleben nötig war, um es derart kunstvoll auf die ganze Wohnung zu verteilen. 

troppo da mangiare; prettyvenditti.jetzt

troppo da mangiare; prettyvenditti.jetzt

Erziehungsfragen

  • Wie viele Jahre Schreib- und Leseerfahrung braucht ein Kind, bis es Mamas abwesenden Blick hinter dem Bildschirm nicht als Aufforderung zum Quasseln interpretiert, sondern als die verzweifelte Suche nach dem richtigen Wort im nahezu perfekten Satz? Die fast acht Jahre, die Karlsson nun schon hinter sich hat, reichen offenbar nicht. 
  • Bin ich auch dann eine Rabenmutter, wenn mein Jüngster am iPad Lernspiele spielt, währenddem ich mich mittagsschlafend verpenne?
  • Welche Angst wiegt schwerer: Die Angst des Kindes vor dem imaginären Monster im Schrank oder die Angst der Eltern, das Kind, das im elterlichen Bett Zuflucht vor dem Monster sucht, könnte seinem gelegentlichen Drang zum Bettnässen nachgeben?
  • Darf man einem Kind direkt ins Gesicht sagen, wie wenig man an einer ausführlichen Zusammenfassung sämtlicher Filme und Computerspiele interessiert ist, oder muss man so lange desinteressiert „Hmmmmm, ja….Echt?…Klingt toll“, murmeln, bis das Kind fertig zusammengefasst hat? (Eine Frage, die mich übrigens schon länger umtreibt, als ich Kinder habe. Diese Angewohnheit hatten schon ein paar Neffen und Nichten von mir.)
  • Darf ich zurückzicken, wenn die Tochter zickt, oder ist zicken nur in einem bestimmten Alter erlaubt?
  • Womit bestrafe ich mich selber mehr: Mit der Entscheidung, noch einen „Tom & Jerry“ zu erlauben und mir damit drei Brüder einzuhandeln, die einander gegenseitig piesacken, oder keinen „Tom & Jerry“ mehr zu erlauben und mir damit drei Brüder einzuhandeln, die mich nicht nur piesacken, sondern pausenlos motzen, sie dürften nie, aber auch gar nie irgend etwas? (Nein, die Frage, ob überhaupt „Tom & Jerry“ hat sich leider nicht gestellt, da der Pay-TV-Anbieter nichts ähnlich Kurzes von pädagogisch besserer Qualität im Kinderprogramm hat.)
  • Soll man dem Teenager sagen, dass das Geräusch von aufeinanderreibendem Styropor für die mütterlichen Ohren eine Qual ist, oder gibt man ihm mit dieser Information eine Waffe in die Hand, die er nicht nur nie wieder hergeben wird, sondern bei sich bietender Gelegenheit auch an seine Geschwister weiterreichen wird?
  • Wird das Prinzchen noch perfektionistischer, wenn mir in der Hitze des Gefechts rausrutscht, er sei ein furchtbarer Perfektionist? (Er ist einer, glaubt mir, schlimmer als Karlsson noch.)
  • Darf ich in meinem Blog solche Erziehungsfragen stellen, oder fühlt sich dadurch meine Leserschaft dazu ermutigt, mir Erziehungstipps zu geben? (Damit das klar ist: Tipps sind nicht willkommen – weitere Fragen hingegen schon.)
verdura rossa; prettyvenditti.jetzt

verdura rossa; prettyvenditti.jetzt

Anti-aging

Zugegeben: Es war wohl mal wieder grenzenlos naiv von mir, zu glauben, meine Töpfchen und Tiegelchen – von denen ich übrigens nicht allzu viele besitze – seien jetzt, wo auch das Prinzchen halbwegs gross ist, vor überneugierigen Kinderfingern geschützt. Dass der Kampf ums Fond-de-Teint-Döschen mit Luises ersten Pickeln erst richtig entbrennen würde, ahnte ich erst, als sie mich eingehend befragte, wie man das Zeug denn anwenden müsse. Da diese Familie aber schon öfters mal eine mütterliche „Wer hat sich schon wieder an meinen Sachen vergriffen? Wisst ihr eigentlich, wie teuer das Zeug ist?“-Schimpftirade erlebt hat, glaubte ich trotzdem, die Zeit der plötzlich leeren Töpfchen sei endlich überstanden. 

Ist sie aber nicht. Als ich mir heute Morgen vor dem Einkauf ein wenig Farbe ins Gesicht klatschen wollte, griff ich mal wieder ins Leere. Nein, nicht in dieses „Mit etwas Mühe bringe ich vielleicht noch einen winzigen Rest raus“-Leere, sondern in das jeder Mutter bekannte „Die haben das doch nicht etwa ausgeleckt?“-Leere, von einfacheren Gemütern auch einfach „L-E-E-R“-Leere genannt. Eine Leere, die mich dazu zwang, vollkommen farblos aus dem Haus zu gehen.

Was nicht weiter schlimm wäre, wenn ich mir die Farbe ins Gesicht schmieren wollte, um etwas besser auszusehen, aber in meinem Fall ist die Farbe ein soziales Engagement, da mein ungeschminktes Antlitz mein Umfeld in tiefe Sorge stürzt. (Also so etwas wie: „Geht’s dir wirklich gut, oder soll ich vielleicht doch lieber einen Krankenwagen rufen?“) Ein Hauch von Farbe ist also Pflicht und darum musste beim Einkauf auch sofort ein neues Döschen her.

Bloss, wie schütze ich das Ding vor Luises Zugriff? Ich glaube, ich habe eine Lösung gefunden: Ich habe mir einfach das Ding mit der fetten „Anti-aging“-Aufschrift geschnappt. Jetzt muss ich Luise nur noch weismachen, „anti-aging“ bewirke bei Menschen unter vierzig, dass sie innert einer Woche so abgekämpft und übermüdet aussähen wie ihre eigene Mutter, und das Problem ist gelöst.  

Zumindest hoffe ich das. Luise behauptet nämlich standhaft, sie habe sich gar nicht an meinem Farbtöpfchen vergriffen und da auch die anderen vier kleinen bis mittelgrossen Vendittis glaubhaft versichern, sie hätten nichts damit zu tun, muss ich davon ausgehen, dass mal wieder „der andere“ zugeschlagen hat und dass der sich durch „anti-aging“ beeindrucken lässt, ist zu bezweifeln. 

retrospettiva colorata

retrospettiva colorata; prettyvenditti.jetzt

Augen zu? Geht nicht!

Okay, ich geb’s offen zu: Ich möchte jetzt am liebsten die Augen verschliessen vor dieser Realität, die sich heute einmal mehr mit aller Brutalität in unser Bewusstsein gedrängt hat. Möchte so tun, als wäre nichts passiert in der Stadt, die wir im Juni mit den Kindern zu besuchen gedenken. Möchte mich nur an meinem neuen „James“-Trolley freuen und mir einreden, es sei alles bestens und rosarot. Möchte mir vormachen, uns hier ginge das alles gar nichts an, wir lebten ja auf dieser unglaublich tollen Insel der Glücksseligen. Möchte nicht wahrhaben, dass ich im ersten Moment gedacht habe: „Mist, in was für eine Welt haben wir bloss unsere Kinder gestellt?“

Und genau dieser erste Gedanke, der mir durch den Kopf gegangen ist, zeigt mir auf, wie viel mich das alles angeht. Hätte ich nur mein eigenes, bereits zur Hälfte aufgebrauchtes Leben, dann könnte ich jetzt sagen: „Sch…, diese Welt geht doch immer mehr den Bach runter. Mal sehen, wie ich mich durchwursteln kann, ohne allzu viele Dellen und Schläge abzubekommen. Vielleicht gelingt es mir, nebenbei noch da und dort ein bisschen Liebe und Frieden zu verbreiten auf diesem elenden Misthaufen.“ Aber ich habe Kinder und darum kann mir das alles nicht egal sein.

Es ist meine Aufgabe, sie zu lehren, dass die Antwort auf Paris nicht PEGIDA lauten darf. Meine Aufgabe, zu widersprechen, wenn Hassprediger – von denen es auch bei uns immer mehr gibt – ihre vergiftete Botschaft in die Welt hinaus schreien. Meine Aufgabe, ihnen die Freiheit lieb und teuer zu machen. Meine Aufgabe, sie zum Denken, zum Hinterfragen, zum gewissenhaften Handeln anzuregen. Und als Glaubende ist es auch meine Aufgabe, ihnen den schmalen Grat zwischen tiefem, erfüllendem Glauben und starrer, rechthaberischer Religiosität aufzuzeigen

Oder, um es kurz zu sagen: Es ist meine Aufgabe, mein Menschenmögliches zu tun, sie zu Menschen zu erziehen, die anders sind als jene, die heute ein Blutbad angerichtet haben. 

(Oh ja, ich weiss sehr genau, dass es in dieser Sache keine Gelinggarantie gibt.)

Zucker, himmelblau

prettyvenditti.jetzt

Sterbender Schwan & Co.

Wer hier mitliest, weiss, wie sehr ich meine Kinder vergöttere und darum nehme ich mir heute die Freiheit heraus, mal so richtig  über sie abzulästern und dies ganz ohne schlechtes Gewissen. Was ich hier schreibe, kann ich ihnen nämlich auch jederzeit direkt ins Gesicht sagen, also ist es streng genommen gar nicht gelästert. 

Was mir so unglaublich auf den Geist geht, ist zum Beispiel diese meisterhafte Inszenierung des sterbenden Schwans. Da sagst du zu deinem Kind: „Schieb mal bitte deine Legos ein wenig zur Seite, damit ich sie nicht aufsauge, wenn ich hier saubermache“ und schon füllen sich die Augen mit Tränen, ein herzzerreissendes „Immer ich“-Wehklagen in Moll erklingt und dein Kind kollabiert kunstvoll zu deinen Füssen. Armes, geschundenes Kind. Und dir kommt natürlich mal wieder die Rolle des herzlosen Kunstbanausen zu, der dieser zarten Inszenierung mit einem donnernden „Weisst du eigentlich, wie das in meiner Kindheit war? Holz spalten mussten wir. Wochenlang. Alle zusammen, sogar die Angeheirateten. Und mein Vater war dabei nicht weniger schlecht drauf als ich, wenn ich putzen muss“ ein ganz und gar unpassendes Ende setzt. 

Auch so ein Favorit: Kind vergisst irgendwo seine Winterjacke, merkt das aber erst, als es wieder zu Hause in der warmen Wohnung ist. Mama und Papa gehen mit dem Kind im Geiste noch einmal jede einzelne Station des Tages durch, um herauszufinden, wo Kind das vergessene Kleidungsstück wieder finden könnte. Kind vergisst aber natürlich, das vergessene Kleidungsstück zu holen und schiebt am nächsten Tag im Morgengrauen einen Tobsuchtsanfall: „Warum habt ihr mich nicht daran erinnert, dass ich meine Jacke holen muss? Und warum hat Papa sich nicht darum gekümmert? Er hat doch gesagt, er müsse ohnehin noch einmal zurück? Jetzt muss ich frieren und du kannst den ganzen Tag in der Wärme am Computer sitzen.“ Natürlich zieht sich Kind während dieser Schimpftirade ganz ungerührt seine Ersatzwinterjacke an. Man hat ja nicht nur eine…

Noch so einer, momentan gerade Luises Spezialität: „Mama, wir müssen noch diese Übungsprüfung lösen. Dann haben wir noch die Hausaufgaben in Deutsch. Und nachher müssen wir noch Französisch machen.“ „Wir? Wenn ich mich recht erinnere, habe ich meine obligatorische Schulzeit vor bald 25 Jahren abgeschlossen und auch der Abschluss der freiwilligen Verlängerung liegt schon fast 20 Jahre zurück.“ Aber wehe, du sagst laut, was du da gerade denkst. Dann bist du ganz alleine Schuld daran, wenn aus dem Kind nichts wird, denn du hast dich nicht um seine Hausaufgaben gekümmert.

Seit Jahren in den Top-Ten hält sich die Sache mit dem Essen. Als sie noch klein waren, konnte man es ihnen ja noch nachsehen, dass sie voller Entsetzen auf den Teller starrten und sich fragten, womit ihre Eltern sie diesmal zu vergiften suchten. Man sollte aber meinen, auch das Prinzchen und der FeuerwehrRitterRömerPirat hätten genügend Gelegenheit gehabt, Vertrauen in die Kochkünste ihrer Eltern zu fassen, so dass sie nicht bei jedem halbwegs unbekannten Gericht einen Aufstand im Ausmass der Französischen Revolution anzetteln müssten. (Ja, auch die Franzosen mussten damals ziemlich laut nach Brot schreien, bis sie gehört wurden, aber die schrieen nicht bloss, weil Mama oder Papa mal wieder nicht nach ihrem Gusto gekocht hatten.) 

Besonders lieb und teuer sind einem die Kinder, wenn sie eine dieser wunderschönen Sternstunden mutwillig zerstören. Heute früh zum Beispiel: Da sitzen sie alle um den Frühstückstisch versammelt und du willst ihnen von diesem tollen Artikel über Elefanten erzählen, den du gestern in der „NZZ am Sonntag“ gelesen hast. „Wisst ihr, da war ein Mann, der ist heute Elefantenforscher und der hatte schon als Baby einen Plüschelefanten anstelle eines Teddybären…“, fängst du an. „Ich habe sogar drei Plüschelefanten“, unterbricht der Zoowärter mit leuchtenden Augen, in denen die Hoffnung steht, dass dies die allerbesten Voraussetzungen für eine grosse Karriere als Elefantenforscher sind. „Du hast nicht drei, du hast nur zwei“, knurrt Luise hinter ihrem Frühstücksbrot hervor. „Ich hab‘ drei…“, insistiert der Zoowärter. „Aber der Grosse, Weiche gehört gar nicht dir“, beharrt Luise. „Natürlich gehört der mir. Den haben mir Mama und Papa…“ „Stimmt überhaupt gar nicht…“ So geht das weiter, bis beim Zoowärter die Tränen fliessen und Luise die Tür knallt. Und du stehst da und murmelst: „Eigentlich hätte ich euch erzählen wollen, Elefanten hätten diesen unglaublich tollen Zusammenhalt. Die weinen sogar, wenn sie einander vermissen.“ 

Ach ja, da ist noch die Sache mit der Schmutzwäsche, die nie den Weg in die Waschküche findet, obschon das eigentlich seit Jahr und Tag so vereinbart wäre. Wer darf dann dafür geradestehen, wenn keine saubere Hose, kein frisch gewaschener Lieblingspulli, kein löcherfreies Sockenpaar da sind? Du natürlich. Und dein Kind hat mal wieder eine Gelegenheit, den sterbenden Schwan zu geben…

i miei pensieri; Gianluca Venditti

i miei pensieri; prettyvenditti.jetzt

Sitzungsvorfreude

Kein entrüstetes Augenrollen und „Du bist ja soooooo unfair“-Gebrüll, kaum öffnest du deinen Mund.

Niemand neben dir, der sich mit seinem Tischnachbarn um das letzte Stück Brot zankt und am Ende im Zorn einen Löffel durch die Gegend wirft. 

Keiner, der stur vor sich hinstarrt und die Lippen zusammenkneift, wenn du ihn etwas fragst. 

Keine, die auf den Tisch klettert, um vorzuführen, wie man – was eigentlich macht? Fällt mir gerade auf, dass ich noch immer nicht herausgefunden habe, warum sie dort oben war, umringt von ihren staunenden Brüdern.

Keine Diskussionen wie die hier: „Papier ist Holz.“ „Nein, ist es nicht. Papier ist Papier.“ „Aber es ist aus Holz gemacht, also ist es Holz.“ „Nein, ist es nicht. Sieh doch, es ist weiss. Das kann kein Holz sein.“ „Es ist aber Holz weil es aus Holz gemacht ist.“ „Ist es nicht.“ „Ist es doch.“ „Ist es nicht.“ „Ist es doch und wenn du mir nicht endlich glaubst, werfe ich dir diesen Schuh an den Kopf.“

Niemand, der mit den Fingern in der brennenden Kerze herumstochert und Mitleid einfordert, wenn es den Fingern zu heiss geworden ist. 

Keiner, der dich so sehr zur Weissglut treibt, dass du dich nicht mal mehr für dein Herumbrüllen schämst. Wie, um alles in der Welt, hättest du nach dem hunderttausendsten „Nein!!!!!“ noch ruhig bleiben sollen?

Niemand der herzzerreissend schluchzt, wenn du fragst: „Hast du deine Zähne geputzt?“

Kein Gerenne um den Esstisch. Kein Gezappel. Kein Gebrüll. Kein Petzen. Kein Gejammer über verpatzte Prüfungen. 

Einfach nur zivilisierte Konversation mit Menschen, die denken, ehe sie antworten und das einen ganzen Freitag lang. 

Noch selten habe ich mich so sehr auf eine ganztägige Sitzung gefreut, wie in dieser vollkommen irren Vorweihnachtszeit, in der ich mich immer öfter frage, ob ich mich denn ins Affenhaus im Zoo verirrt habe. 

Pädagogisch inkorrekt

Noch selten habe ich die Sache mit den Zimtsternen, Mailänderli und Spitzbuben so lange vor mir hergeschoben wie dieses Jahr. Dabei hätte ich durchaus Lust zum Backen. Was ich aber nicht habe, ist Lust, mit den Kindern in der Küche zu stehen. Ich hab die Nase voll von diesemWaschdirzuerstdieHändeund stecknichtandauernddieFingerindenMundzuerstbekommterdenEngel-AusstecherdannduHimmelmachtnichtsoeineSauereiesstnichtzuviel
rohen
TeigsonstbekommtihrBauchwehMistjetztistschonwieder
allesangebrannt!
Ich will mir nicht anhören müssen, meine Matcha-Sablés seien viel zu herb und zu wenig süss, will nicht erklären, wie man Eier trennt, will nicht der Tradition zuliebe das Zeug machen müssen, das man zu Weihnachten eben so macht, sondern ausprobieren, was wir noch nicht kennen. Für einmal wünschte ich mir, ich wäre eine jener auf Sauberkeit bedachten Mütter, die ihre Kinder nicht in die Küche lassen, weil sie die Sauerei fürchten. Ich möchte die Fähigkeit besitzen, meine feste Überzeugung auszuschalten, die da lautet: „Kinder sollen am Herd experimentieren dürfen. Nur so bekommen sie Freude am Kochen.“ Ja, ich habe mich gar beim Gedanken ertappt, meine backwütigen Kinder mit ein oder zwei Paketen Fertigteig abzuspeisen und abends im Geheimen ganz für mich alleine eine zünftige Backorgie zu veranstalten. 

Mir ist selbstverständlich bewusst, wie pädagogisch inkorrekt solche Gedanken sind und darum werde ich morgen – oder übermorgen, vielleicht auch erst am Samstag – mit den Kindern die obligaten Weihnachtsguetzli backen. Heute Nachmittag aber, als fast alle aus dem Haus waren und das Prinzchen der Grossmama einen Besuch abstattete, packte ich die Gelegenheit beim Schopf und tobte mich ganz egoistisch alleine in der Küche aus. Zu meinem grossen Erstaunen haben die Kinder nicht mal gemotzt, dass ich ohne sie angefangen habe.

Ich glaube fast, die Matcha-Sablés sind süss genug geworden. 

carne povera

carne povera; prettyvenditti.jetzt

 

Tochterfragen

Ist das deine Tochter, die mit den langen, blonden Haaren und den blauen Augen? Die sieht ja toll aus.

Die Jungs stehen sicher auf sie, nicht wahr?

Woher hat sie bloss ihre wunderbaren Augen?

Wow, diese langen Haare. Dauert sicher eine Ewigkeit, bis sie die gewaschen, getrocknet und gekämmt hat?

Hat sie schon ihre Tage? (Im Ernst, meine lieben Mitmütter, hättet ihr wirklich gewollt, dass wildfremde Frauen euren Müttern solch indiskrete Fragen über euch gestellt hätten?)

Habt ihr nicht Angst, dass sie euch gestohlen wird?

Wie fühlt sich das so an, wenn die Tochter allmählich erwachsen und immer hübscher wird?

Wie ich sie doch satt habe, diese Fragen. Wenn ihr schon unbedingt etwas über meine Tochter erfahren wollt, dann fragt mich doch bitte: „Und, weiss sie schon, was sie aus ihrem Leben machen will, wenn sie gross ist?“ Von mir aus auch: „Wusste sie schon immer so genau, was sie will?“ Oder, wenn’s unbedingt sein muss: „Und, wie läuft’s in der Schule?“

Was ihr mich eben so fragt, wenn wir auf Karlsson zu reden kommen.

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