Wasser predigen und Wein trinken

So ist es natürlich leicht, auf Süsses zu verzichten. Da ein Stück Kuchen, wenn ein Schulkamerad Geburtstag feiert, dort eine Handvoll Carambar, dann wieder ein paar Süssigkeiten, die man von der Grossmama abgebettelt hat. Und dann der Mama sagen, es sei überhaupt kein Problem, aufs Dessert zu verzichten, da könne man doch mühelos bis zum nächsten Feiertag durchhalten.

Nun ja, so könnte ich es auch. Doch jetzt ist mein Ehrgeiz geweckt. Wartet nur, ihr Kinderlein, euch werd‘ ich zeigen, was ein echter Asket ist! Das nächste Dessert gibt’s am Ostersonntag. Versprochen!

Die Besucher, die am nächsten Samstag mit uns essen werden, sind gebeten, das Thema nicht anzuschneiden, wenn ich den Kuchen (oder was immer es auch geben mag) anschneide. Und vor allem sollen sie niemandem verraten, dass ich für einmal eine Ausnahme machen werde…

Abstinenz

Hätte ich geahnt, welche Konsequenzen der Vorschlag haben würde, hätte ich geschwiegen. Die Kinder wollten wissen, was es mit der Fasnacht und der anschliessenden Fastenzeit auf sich habe. Und weil ein paar Tage Abstinenz noch niemandem geschadet haben, vereinbarten wir, bis zum nächsten Geburtstagsfest nichts Süsses mehr zu essen. Keine Desserts, keine Schokoladeneier, keine Bonbons. Die Tragweite dieses Entschlusses wird deutlich, wenn man weiss, dass unsere Kinder normalerweise jeden Tag ihre eine Portion Süsses abbekokmmen, genau so, wie es die Lebensmittelpyramide vorsieht. Ausgewogene Ernährung muss eben sein. Und ohne Zucker übersteht die Mama  die anstrengenden Tage mehr schlecht als recht.

Erstaunlicherweise stiegen die beiden Ältesten sofort auf den Vorschlag ein, während der FeuerwehrRitterRömerPirat lautstark protestierte. Insgeheim hatte ich natürlich damit gerechnet, dass das Experiment nach spätestens drei Tagen beendet wäre, doch die Kinder zeigten erstaunliches Durchhaltevermögen. Nicht einmal der FeuerwehrRitterRömerPirat verlangte nach seinem täglichen Dessert und bis auf wenige Ausnahmen hielten wir bis zur Geburtstagsparty durch. Nach dem ersten Bissen der Geburtstagstorte war uns allen schlecht, weil wir uns den vielen Zucker nicht mehr gewöhnt waren und jetzt sitzen wir auf Bergen von Süssigkeiten, die niemand essen will.

Jetzt, wo das Experiment eigentlich beendet wäre, wollte ich von den Kindern wissen, wie es denn nun in Sachen Süssigkeiten weiter gehen solle. Wir könnten ja nicht nur an Geburts- und Feiertagen schlemmen. Warum denn nicht, wollten die Kinder wissen. Das reiche doch vollkommen, fanden sie. Zaghaft fragte ich nach, was sie denn von zwei Desserts pro Woche halten würden. Die drei, die bereits mitbestimmen können, sahen mich befremdet an: „Das ist doch viel zu viel, Mama!“, protestierten sie. Und so bleiben wir bis auf Weiteres bei der Abstinenz.

Wundert sich noch jemand, dass mein Blog neuerdings in Bonbonrosa daherkommt?

Erfolgserlebnis

So ällmählich, wenn die Kinder älter werden, beginnt sich abzuzeichnen, dass doch das eine oder andere von dem, was wir über die Jahre gepredigt haben, hängengeblieben ist. Zum Beispiel was den Besuch in Fastfood-Buden betrifft. In grauer Vorzeit, als wir noch ohne Kinderwagen und Wickeltasche durchs Land zogen, hatten wir uns geschworen, nie wieder einen Fuss in eine Mc Donald’s Filiale zu setzen. Dann, kurz bevor unser Ältester zu laufen begann, sahen wir den Film „About a Boy“. Der Vorpubertäre, der wegen der Strenge seiner körnchenpickenden Mutter glaubt, Mc Donald’s sei das Paradies, brachte unsere Überzeugung ins Wanken.

Schweren Herzens beschlossen wir, von Zeit zu Zeit alle unsere Bedenken über ungesundes Essen und menschenunwürdige Arbeitsbedingungen zu verdrängen und die Tortur über uns ergehen zu lassen. Lange Zeit sah es ganz danach aus, als würde unsere Strategie nicht aufgehen. Ronald McDonald war der Grösste. Doch letzte Woche konnten wir endlich erste Erfolge sehen. Nach einem kurzen Abendausflug in die Stadt begaben wir uns mit der gesamten Meute zum Abendessen ins Mc Donald’s. Die Kinder verdrückten ihr Happy Meal, wir unsere lauwarmen (Vegi)-Burger. Nach dem „Essen“ schaut mich unser Ältester plötzlich traurig an: „Weisst du, als du gesagt hast, wir würden noch etwas essen, habe ich gemeint, wir gingen in ein richtiges Restaurant und nicht in eines, in dem es jedesmal den gleichen Frass gibt.“ Wunderbar, den ersten haben wir überzeugt. Bleiben nur noch vier zu bearbeiten. Fragt sich bloss, wo wir den Ältesten unterbringen, wenn wir bei den anderen die Überzeugungsarbeit in Angriff nehmen wollen.
Ach und übrigens: Die Erfolge beginnen sich auch in anderen Bereichen abzuzeichnen. „Hast du AKWs gerne?“, wollte unser Ältester neulich von unserer Praktikantin wissen. Er fragte ganz harmlos. Doch als sie antwortete, natürlich möge sie keine AKWs, fragte er spitz: „Warum lässt du dann überall das Licht brennen?“ Wenn wir da nur keinen kleinen Besserwisser heranzüchten…