Dreisamkeit

Zugegeben, im ersten Moment hätte ich laut aufschreien können vor lauter Enttäuschung. Drei Wochen lang hatten wir uns auf diesen Montag gefreut, auf unseren Montag. Eine kleine Entschädigung für die drei Tage in Bonn, die wegen des Spitalaufenthalts von „Meinem“ ins Wasser gefallen waren. Kostbare Zeit zu zweit, ohne nur eine einzige Programmänderung vornehmen zu müssen. 

Und dann wird Zoowärters Kindergärtnerin krank. Natürlich habe ich Mitleid mit der Frau, aber ich bemitleide auch mich selbst. Warum kommt jedes Mal etwas dazwischen, wenn „Meiner“ und ich etwas für unsere Beziehung tun wollen? „Meiner“ reagiert zuerst einmal ganz ähnlich. „Dann blasen wir das Ganze eben ab, räumen wir halt morgen die Wohnung auf, anstatt den Tag zu geniessen“, ist sein erster Kommentar, als ich ihm mitteile, dass nichts wird aus unseren Plänen. Ob wir versuchen sollen, ganz kurzfristig einen Babysitter zu finden?

Doch dann fällt uns der Zoowärter ein. Wann haben wir denn schon die Möglichkeit, uns voll und ganz diesem einen Kind zu widmen, das mit seinem verträumten Wesen im Trubel allzu oft zu kurz kommt? Zeit zu zweit bekommen wir nicht, aber Zeit zu dritt ist ebenso kostbar und fast ebenso rar. Also weg mit dem Frust, her mit einem neuen Plan. 

Es wird nicht der Tag, den wir uns erträumt hatten, rundum gelungen ist er dennoch. Weil es einfach schön ist, mit dem Zoowärter Zeit zu verbringen. Weil wir alles ganz gemächlich angehen können, da der Zoowärter auch ohne grosse Action glücklich ist. Weil sich zwischen „Meinem“ und mir erstaunlich tiefgründige Gespräche entspinnen. Weil der Zoowärter so dankbar ist für das rare Geschenk der Dreisamkeit, dass er mich abends mit ganz viel Hilfe beim Kochen beschenkt. Weil wir den Tag nicht mit Selbstmitleid und Aufräumen vergeudet haben.

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Studienfach Kinderkriegen

Die einen Ökonomen rechnen dir vor, wie verantwortungslos und egoistisch es sei, auf Kinder zu verzichten, weil ohne Kindernachschub der Generationenvertrag und im Endeffekt gar der soziale Friede gefährdet würden. Die anderen Ökonomen rechnen dir vor, dass sich Kinder überhaupt nicht rechnen, weder für dich persönlich noch für die Wirtschaft und dass sie deswegen die schlechteste Investition überhaupt seien. 

Radikale Umweltschützer weisen voller Zorn auf die Überbevölkerung hin, wenn du es wagst, nur schon laut übers Kinderhaben nachzudenken. „Unnötige Umweltbelastung!“, zetern sie, „purer Egoismus! Alleine schon die Windelberge, die jedes einzelne Kind produziert…“

Die eine Studie belegt dir, dass du eine bessere Mutter sein wirst, wenn du zuerst die Welt gesehen, Karriere gemacht, dein Haus fertig eingerichtet und mindestens vier verschiedene Partner gehabt hast. Fortpflanzung also frühestens mit 38. Die nächste Studie belegt dir, dass du am besten gleich an deinem 18. Geburtstag mit dem erstbesten ins Bett hüpfst, vier Kinder zeugst und dann irgendwann, wenn dein Jüngstes 14 ist, karrieremässig voll durchstartest. 

Mal verdonnern dich die Erziehungswissenschafter dazu, mindestens drei Kinder im Altersabstand von zehn Monaten zu haben, die du alle in deinen eigenen vier Wänden grossziehst und bis zum fünften Geburtstag voll stillst. Dann wieder darf es nicht mehr als eines sein, selbstverständlich voll und ganz in der Krippe aufgezogen, weil alles andere schädlich und verantwortungslos wäre.

Ohne die Wissenschaft als Ganzes verteufeln zu wollen, muss ich das jetzt einfach mal loswerden: Hört endlich damit auf, das Kinderkriegen als Studienfach – irgendwo, hoch oben in einem Elfenbeinturm, weitab vom Kinderzimmer – zu betreiben. Hört auf damit, nach dem einzig richtigen, garantiert schmerz- und fehlerfreien Weg zu suchen, denn diesen Weg gibt es nicht. Hört auf damit, Eltern und solche, die es (vielleicht) werden wollen, mit Thesen zu verunsichern, die dann doch nichts mit dem realen Leben zu tun haben. 

Und ihr, die ihr euch mit der Frage herumquält, ob ihr euch nun fortpflanzen sollt oder lieber doch nicht: Wenn ihr bereit seid, nicht nur den Spass und das Herzerwärmende, sondern auch Verantwortung und Konsequenzen für den Rest eures Lebens zu tragen, dann habt Kinder. Ihr werdet es ganz bestimmt nicht bereuen, auch wenn ihr euch vielleicht während der Darmgrippe-Saison zuweilen fragen werdet, warum ihr euch das antut. Wenn ihr dazu nicht bereit seid, dann lasst es lieber bleiben, denn Kinder sind nun mal keine Haustiere, die man zurückgeben kann, wenn man dann doch lieber die Weltumsegelung machen möchte, von der man immer geträumt hat.

Und um Gottes Willen, sucht nicht in irgend einem Blog nach der Antwort auf die für euer Leben absolut entscheidende Frage ob ihr eine Familie gründen sollt oder nicht. Vor allem nicht, wenn euch diese Bloggerin sagt, dass es im Leben nichts Besseres gibt, als mindestens drei Kinder zu haben. Glaubt mir, die Frau spinnt, denn sie sagt dies an einem Tag, an dem sie ihre von Darmgrippe geplagte Familie am liebsten zur Kur auf den Mond schicken würde.

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Ausbrechen

Studentin und Berufseinsteiger brauchten keine teuren Möbel; ein Mix aus viel Ikea und einigen aufgemöbelten Stücken aus der Brockenstube war alles, was es brauchte, um die erste Wohnung in ein Bijou mit sehr persönlicher Note zu verwandeln. Weil Studentin und Berufseinsteiger zwei halbwegs vernünftige Menschen waren, gerieten sie nicht in Versuchung, den Lattenrost als Rutschbahn zu missbrauchen, das Sofa als Trampolin, den WC-Deckel als Schlagzeug. Darum hielten auch die billigen Stücke viel länger, als man es ihnen zugetraut hatte.

Das Dilemma fing mit dem ersten Kind an und verschärfte sich mit jedem weiteren Kind. Zuerst entschied man sich für das günstige, aber coole Modell, weil das teure Kinderbett mit  Bärchenmotiv und faden Pastellfarben einfach zu bieder war. Später schaute man sich die teuren Modelle gar nicht mehr an, weil fünfmal teuer das Budget bei Weitem überschritten hätte. Bei einigen Stücken – zum Beispiel bei den Matratzen – lohnte sich teuer auch nicht, weil noch lange nicht jeder, der tagsüber trocken ist, dies auch nachts ist.

Bald war man mitten drin im schönsten Teufelskreis: Billig geht schnell kaputt, also muss alle paar Jahre Ersatz her und weil billig meist zur Unzeit den Geist aufgibt, war selten genügend Geld da, um billig durch teuer zu ersetzen. Obendrein verführt bereits leicht Beschädigtes zu Vandalismus und so wurde der Zerfall des Billigen auch mal durch fünf rücksichtslose Rabauken beschleunigt. Lattenrost als Rutschbahn und dergleichen…

Manchmal – und das war besonders ärgerlich – war zwar Geld für teuer da, aber teuer heisst leider nicht immer besser, denn auch die teuren Dinge sind gewöhnlich nur für ein Kind, notfalls auch für zwei, vorgesehen, aber ganz bestimmt nicht für fünf. Gewöhnlich jedoch wurde billig durch billig ersetzt, was am Ende ganz schön teuer wurde.

Und nun? Wie entrinnt man diesem Teufelskreis in einer von billig beherrschten Welt? In einer Welt, in der ersetzen erschwinglicher ist als reparieren? In einer Welt, in der gerne auf gute Qualität verzichtet wird, weil sie dem Konsum nicht förderlich ist? In einer Welt, in der gutes Handwerk – verständlicherweise – so teuer geworden ist, dass es sich nur noch jene leisten können, die mehr haben als die meisten anderen?  

Schon-längst-nicht-mehr-Studentin und gestandener Berufsmann zerbrechen sich in diesen Tagen den Kopf darüber, wie sie aus dem Teufelskreis, den sie durch ihre Kurzsichtigkeit mitverschuldet haben, ausbrechen können. Noch zweifeln sie daran, ob es ihnen je gelingen wird, aber es gibt Lichtblicke. Die Brockenstube, zum Beispiel. Die Dinge dort sind zwar gebraucht, aber weil sie zu einer Zeit gemacht wurden, als noch nicht alles nach spätestens fünf Jahren kaputt sein musste, kommen diese Möbel viel besser mit fünf Kindern klar als der ganze neue Kram. Und weil der gestandene Berufsmann ziemlich gut mit Farbe und Pinsel umzugehen weiss, sieht man den Möbelstücken ihre Herkunft schon bald nicht mehr an.

Kann sein, dass die Wohnungseinrichtung dereinst aus ganz viel Brockenstube und einem Hauch von Ikea bestehen wird.

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Meine liebe Familie Hamchiti

Ziemlich genau ein Jahr ist es her, seitdem Sie uns freundlicherweise Ihre alte Telefonnummer überlassen haben. Ich weiss nicht, weshalb Sie diese Nummer unbedingt loswerden wollten, ist sie doch ziemlich einprägsam. Rückblickend weiss ich aber, dass ich die Swisscom auf Knien angefleht hätte, uns eine andere Nummer zu geben, hätte ich damals schon gewusst, welch telefonisches Erbe wir uns damit einhandeln.

Wissen Sie eigentlich, wie oft ich in diesem Jahr höchster Verletzungsgefahr von der obersten Etage in die unterste zum Telefon gerast bin, nur um einmal mehr zu erklären, dass ich leider auch nicht weiss, wo Mustafa sich derzeit gerade aufhält, dass ich mich aber ganz bestimmt wieder melden werde, wenn ich seinen Aufenthaltsort ausfindig gemacht habe? Vielleicht hätten Sie ja endlich die Güte, mir mitzuteilen, wo dieser Mustafa steckt, dann breche ich mir mein Bein wenigstens für einen guten Zweck, wenn ich das nächste Mal zum Telefon stürze. 

Ist Ihnen eigentlich klar, dass ich inzwischen Ihre vollständige Telefon-Shopping-Odyssee lückenlos aufzeichnen könnte, hätte ich mir je die Mühe genommen, bei jedem Anruf Notizen zu machen? Ich kann Ihnen aber schon mal sagen, dass es im Zusammenhang mit der Waschmaschine, die Sie bei Ackermann bestellt haben, noch Fragen gibt. Habe ich heute Morgen erfahren und nett, wie ich nun mal sein kann, mache ich Sie bereits jetzt darauf aufmerksam. Könnte ja noch eine Weile dauern, bis die Dame von Ackermann Ihre richtige Telefonnummer ausfindig gemacht hat. Ach, und übrigens: Allzu freundlich hat sie nicht geklungen, die Dame von Ackermann.

Haben Sie eigentlich noch nie bemerkt, dass Ihre Kontakte stets zu den ungelegensten Zeiten anrufen? Morgens um zehn vor acht, wenn die Kinder zur Schule müssten, mittags um zwanzig nach zwölf, wenn das Mittagessen auf dem Tisch dampft, nachmittags um halb fünf, wenn ohnehin schon alles drunter und drüber geht, abends um neun, wenn endlich Ruhe einkehren sollte oder Sonntagnachmittags, wenn das Telefon grundsätzlich schweigen sollte. Sind Sie sich sicher, dass Menschen, die eine derart schlechte Kinderstube genossen haben, ein guter Umgang für Sie sind?

Schliesslich möchte ich Sie darauf aufmerksam machen, dass es für mich ziemlich erniedrigend ist, wenn keiner je nach mir fragt. Es ist schon deprimierend genug, dass Luise inzwischen mehr Anrufe bekommt als ihre Mama, da brauche ich nicht auch noch den stetigen Beweis, dass in meinem eigenen Haus Frau Hamchiti gefragter ist als Frau Venditti. 

Für eine Sache aber bin ich Ihnen von Herzen dankbar, liebe Familie Hamchiti: Dank der vielen Anrufe, die wir für Sie entgegennehmen, sind Karlsson und Luise inzwischen derart gewieft im Abwimmeln von unliebsamen Anrufern, dass sie ganz bestimmt nie einen unüberlegten Kauf am Telefon tätigen werden. 

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Schöne, neue Welt

Auf einmal sieht die Welt ganz anders aus. Glasklar zeichnet er sich ab, der Weg, der vor mir liegt; kein banges Fragen mehr, wohin die Reise wohl führt. Vorbei die Unsicherheit, ob mir das Gegenüber wirklich wohlgesinnt ist, oder ob das vermeintliche freundliche Lächeln in Wahrheit ein hämisches Grinsen ist. Der Grauschleier, der alles in ein trübes Licht getaucht hatte, ist gelüftet, mein Umfeld präsentiert sich farbenfroh mit nie zuvor erkannten, lieblichen Details. Wie durch ein Wunder ist die Welt, die mir eben noch düster und staubig erschien, zu einem Ort voller Schönheit und Klarheit geworden.

Einfach erstaunlich, was so eine neue Brille alles bewirken kann.

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Zweifel

Es ist jetzt wieder diese Zeit im Jahr, in der ich mich frage, ob es wirklich der richtige Entscheid war, mich mit einem Schulsystem zu arrangieren, das so gar nicht dem entspricht, was ich mir unter Schule vorstelle. Zweifel kommen auf,…

…wenn beim Elterngespräch nur von Leistung und Fehltritten die Rede ist, nicht aber von Sternstunden und Fähigkeiten.

…wenn die Politik findet, die Erst- und Zweitklässler müssten eben mehr Schulstunden haben, damit sie es besser verkraften, wenn in der Dritten die Schrauben massiv angezogen werden und kaum mehr Zeit bleibt, einfach mal nichts zu tun. Ganz nach dem Prinzip, dass der Frosch ja auch nicht aus dem Wasser springt, wenn man die Temperatur nur ganz allmählich erhöht. Sieden wird das Wasser am Ende trotzdem…

…wenn Karlsson vom Musikschulleiter per Brief angefleht wird, doch bitte bitte in der Oberstufe nicht mit dem Musikunterricht aufzuhören, wie es offenbar so Viele tun, weil sie denken, lernen und Freude an der Musik würden einander gegenseitig ausschliessen. Karlsson hat zwar nicht eine Sekunde daran gedacht, im Sommer mit dem Geigenunterricht aufzuhören. Was aber, wenn dieser Bettelbrief ihn erst auf die Idee gebracht haben, dass er es nicht schaffen könnte, weiterhin seiner Leidenschaft zu frönen und ein guter Schüler zu sein?

…wenn in Prinzchens Kindergartenanmeldung Sätze wie diese zu lesen sind:
„Überdurchschnittlich begabte Kinder können die Schulpflicht beschleunigt absolvieren.“
„Kein Kind darf ohne wichtigen Grund dem Unterricht fernbleiben. Ist ein solcher vorauszusehen, muss für das Versäumnis mindestens 6 Wochen im Voraus eine Bewilligung eingeholt werden.“

…wenn man uns mitteilt, „eine Laufbahnverzögerung des Kindes könnte eventuell erschwert werden“, weil wir nicht gleich zum Therapeuten rennen, wenn ein vollkommen normal entwickeltes Kind sich erlaubt, im Kindergarten noch Kind zu sein.

…wenn soziale Spannungen über Jahre ignoriert werden, zugleich aber für jedes vergessene Blatt eine elterliche Unterschrift eingeholt wird.

Wie lange halte ich es noch aus, meine Kinder zu etwas zu ermutigen, das mir so sehr gegen den Strich geht? Gelingt es mir, das Ganze noch mindestens elf Jahre mitzutragen, oder explodiere ich mal irgendwann mit einem lauten Knall?

Vielleicht muss ich das alles noch einmal mit „Meinem“ eingehend besprechen, obschon diese Diskussion unserem Familienfrieden im vergangenen Jahr ganz gewaltig zugesetzt hat.

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Natürliche Autorität

Mama Venditti nach dem Abendessen: „Kinder, tragt euer Geschirr hoch, putzt euch die Zähne, zieht den Pyjama an und dann dürft ihr noch eine Runde spielen.“

Fünf kleine bis mittelgrosse Vendittis tun so, als hätten sie von all dem nichts gehört, lassen das Geschirr auf dem Tisch stehen und stellen das Spielbrett auf. „Wer fängt an?“, fragt Karlsson.

Mama Venditti, etwas lauter diesmal: „Kinder, das ist die Reihenfolge: Tragt euer Geschirr hoch, putzt euch die Zähne, zieht den Pyjama an und dann dürft ihr noch eine Runde spielen.“

Fünf kleine bis mittelgrosse Vendittis tun so, als hätten sie von all dem nichts gehört, lassen das Geschirr auf dem Tisch stehen und verteilen die Spielfiguren. „Ich will zuerst, es ist mein Spiel“, sagt der Zoowärter.

Mama Venditti, mit leicht hysterischem Unterton: „Kinder, habt ihr denn nicht verstanden, was ich gesagt habe? Erstens: Geschirr nach oben, zweitens Zähne putzen, drittens Pyjama anziehen und viertens, wenn ihr jetzt nicht gleich tut, was ich gesagt habe, dann ist heute nichts mit spielen.“

Fünf kleine bis mittelgrosse Vendittis tun so, als hätten sie noch immer nichts gehört, lassen das Geschirr auf dem Tisch stehen und starten die erste Runde. „Darf ich zuschauen?“, fragt das Prinzchen, weil er noch zu klein ist zum Mitspielen.

Mama Venditti, kurz vor dem Explodieren: „Kinder! Geschirr, Zähne, Pyjama, kein Spiel! Schluss, aus, Feierabend!“

Fünf kleine bis mittelgrosse Vendittis tun so, als hätten sie nicht bemerkt, dass Mama kurz vor dem Explodieren ist, erledigen aber dennoch widerwillig, was von ihnen erwartet wird, weil sie hoffen, dann vielleicht doch noch weiterspielen zu können.

Szenenwechsel

Ex-Au Pair, das bei Vendittis zu Besuch weilt: „Kinder, tragt euer Geschirr hoch, putzt euch die Zähne, zieht den Pyjama an und dann dürft ihr noch eine Runde spielen.“

Fünf kleine bis mittelgrosse Vendittis tun wie geheissen und zwar ohne Widerrede und ohne nur die geringste Verzögerung.

Das Deprimierende an der Sache: Ich weiss, dass die fünf kleinen bis mittelgrossen Vendittis nicht nur gehorchen, weil das Ex-Au Pair am Mittwoch wieder abreist, sie würden ihr auch aus der Hand fressen, wenn sie für die nächsten zwölf Monate bei uns einziehen würde.

Ich bemühe mich ernstlich darum, trotz allem nicht allzu sehr an meinen erzieherischen Fähigkeiten zu zweifeln.

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Warum eigentlich?

Warum wir Kinder haben? Die Frage habe ich mir schon lange nicht mehr gestellt. Heute aber unterhielt ich mich mit einer jungen Frau darüber, ob Frau Kinder haben muss, oder zumindest haben wollen müsste, wenn sie halbwegs normal wäre, und da machte ich mir mal wieder Gedanken darüber.

Warum haben wir uns überhaupt für das Abenteuer mit fünf Kindern entschieden? Weil man halt einfach Kinder hat, wenn man viele Jahre zusammen ist? Weil wir die Verhütung nicht in Griff bekommen konnten? Aus religiöser Überzeugung? Weil wir nicht zum Mainstream – zwei Kinder, Hund, Einfamilienhaus – gehören wollten? Weil Mutterschaft einen zu einem besseren Menschen macht? Weil wir ohne Kinder mit unserer Zeit nichts anzufangen gewusst hätten?

Für „Meinen“ kann ich nicht sprechen, aber bei mir ist wohl der Grund, dass es mich begeistert, mit Menschen unterwegs zu sein. Rückblickend zu erkennen, dass gewisse Charaktereigenschaften eines Kindes bereits bei der Geburt zum Tragen kamen, zu erleben, wie Fähigkeiten zum Erblühen kommen, gemeinsam Wege zu finden, wenn es mal nicht so perfekt läuft. Die Fülle an Charakteren, die erstaunlichen Ähnlichkeiten, die zutage treten, das Unvorhersehbare, überraschende (Un)fähigkeiten, weitergeben, was man im Laufe des Lebens gelernt hat, aber auch einen Spiegel vorgehalten zu bekommen, dies sind die Dinge, die mich faszinieren, die ich nie hätte missen wollen in meinem Leben. Diese Dinge sind es auch, die mir immer wieder den Antrieb geben, mich aufzuraffen, wenn das Muttersein alles andere als rosig ist.

Und weil mich dieses gemeinsame Unterwegssein so sehr begeistert, habe ich auch zuweilen das Gefühl, fünf Kinder seien noch längst nicht genug, aber das sieht „Meiner“ ganz eindeutig anders als ich.

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Ich will sie aber behalten!

In letzter Zeit macht er immer wieder diese Andeutungen. „Momentan schaffen wir das noch nicht alleine, aber wenn es dann ein wenig ruhiger ist, sollten wir es auch ohne Hilfe hinkriegen“, sagt er zu meiner Schwester. „Die Kinder sind ja jetzt schon so gross. Da können sie ruhig etwas mehr anpacken“, bemerkt er, wenn alle ausnahmsweise mal getan haben, was sie sollten. „Zweimal pro Woche alle zusammen eine Stunde und hier glänzt wieder alles“, versichert er mir, wenn ich ihm erkläre, dass die Hausarbeit nicht automatisch abnimmt, bloss weil die Kinder grösser sind.

Solches kann ich natürlich nicht unwidersprochen stehen lassen. „Siehst du denn nicht, dass der Dreck nicht weniger wird, auch wenn ich jetzt wieder mehr zu Hause bin und die ganze Zeit mit Besen und Lappen herumrenne?“, halte ich ihm vor. „Du willst doch, dass ich mich in kinderfreien Stunden voll aufs Schreiben konzentrieren kann und das kann ich nun mal nicht, wenn ich immer nur aufräumen muss“, schmolle ich. „Einmal pro Woche ist wirklich kein Luxus“, rechtfertige ich mich, wenn er findet, andere könnten es doch auch ohne.

Genau in diesem letzten Punkt irrt er ganz gewaltig, mein lieber „Meiner“. Fast bei allen, die ich kenne, putzt inzwischen mindestens einmal pro Woche eine Putzfrau. Auch bei jenen, die damals noch die Nase rümpften, als „Meiner“ und ich zum Schluss kamen, dass wir es ohne nicht schaffen. Es war nämlich so, dass ich an den Tagen, an denen der grosse Wohnungsputz anstand, unausstehlich war, weil die Kinder meine Arbeit laufend zunichte machten. Irgendwann dämmerte mir, dass alles viel einfacher wird, wenn einmal die Woche alles gründlich gemacht wird, damit ich den Rest der Woche Schadensbegrenzung betreiben kann. Glaubt mir, seither bin ich eine viel nettere Mama, sogar an meinen schlechtesten Tagen.

Mag schon sein, dass man das Geld auch für andere Dinge ausgeben könnte. Mag auch sein, dass ich es inzwischen besser hinkriegen würde als auch schon, weil keiner mehr im Krabbelalter ist. Mag sogar sein, dass es mir Spass machen würde, mit dem Staubsauger durch die Wohnung zu flitzen, weil mir dann immer die besten Texte einfallen. Dennoch denke ich nicht im Traum daran, es in den kommenden Jahren ohne Putzfrau zu versuchen. Nicht nur, weil ich finde, dass wir die Unterstützung noch ganz gut gebrauchen können, sondern auch, weil die Frau uns allen schon längst ans Herz gewachsen ist. Auch „Meinem“ und daran werde ich ihn erinnern, wenn er mal wieder behauptet, wir müssten nur etwas mehr wollen, dann könnten wir es auch ohne schaffen.

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