Abgekühlt

Ich muss zugeben, dass unsere Beziehung zur Volksschule auch schon bessere Tage gesehen hat. Anfangs waren wir ja geradezu begeistert voneinander, wir wollten nur das Beste für die Kinder und die Gelegenheiten, bei denen wir uns begegneten, waren die reinste Freude. Viele nette Worte, gegenseitiges Bekräftigen, dass wir am gleichen Strick ziehen und geduldiges Nachsehen von kleinen Ausrutschern.

In letzter Zeit aber zeichnet sich ab, dass wir uns auseinanderleben. Das liegt wohl vor allem daran, dass „Meiner“ und ich inzwischen alte Hasen sind, wenn es um Sachen Einschulung und Prüfungen geht. Und das hat dazu geführt, dass wir gewisse Dinge einfach nicht mehr so eng sehen. Karlsson hat seine Hausaufgaben zwar gewissenhaft erledigt, hat aber dummerweise die letzte Rechnung übersehen? So what? Dann löst er sie eben heute Nachmittag. Luise hat am ersten Tag nach den Ferien das Turnzeug noch nicht dabei? Ist doch nicht so schlimm, sie hat ja erst am Mittwoch Turnen und somit noch zwei Tage Zeit, es zu bringen. Wir sind eindeutig gelassener geworden, was die Schule anbelangt, auch wenn es uns natürlich nach wie vor wichtig ist, dass unsere Kinder sich anständig benehmen und etwas lernen.

Die Schule aber hat sich in die entgegengesetzte Richtung entwickelt. Drückte man vor einigen Jahren bei einem braven Schüler noch eher mal ein Auge zu, so muss heute für jedes zu Hause vergessene Blatt eine Unterschrift der Eltern her. Fehlt auf dem Blatt der Name des Kindes, zerreist die Lehrerin das Blatt vor den Augen des Kindes. Auch dann, wenn das Kind ein Erstklässler ist, der seine Aufgaben fehlerfrei gelöst hat. Wenn der Name fehlt, ist alles nichts Wert.

Kein Wunder, dass ich heute nicht mehr allzu fröhlich gestimmt war, als mal wieder Schulbesuchstag auf dem Programm stand. Meine Erwartungen wurden leider nicht enttäuscht: Ziemlich farbloser Unterricht, viel Zurechtweisung, kein Lob – mal abgesehen von der Kindergärtnerin, die vom Zoowärter schwärmte – und kaum einmal ein Lächeln.

Oh ja, ich weiss, die Lehrer haben es heute nicht einfach. Ich erlebe das ja hautnah bei „Meinem“ und ich muss gestehen, dass ich selber nicht die Nerven dazu hätte, eine Klasse zu führen. Genau darum bin ich ja auch nicht Lehrerin geworden. Aber ist es denn zu viel erwartet, wenn man sich von einer Person, die diesen Beruf ergriffen hat, einen sanften Hauch von Begeisterung für die Arbeit mit den kleinen Menschen wünscht? Muss man gleich im Kasernenhofton losdonnern, bloss weil ein Kind die Aufgabe nicht beim ersten Mal begriffen hat? Versteht mich nicht falsch, auch ich beherrsche den Kasernenhofton bestens und machnmal mag er sogar angebracht sein, auch im Klassenzimmer. Nur kommen bei mir dazwischen auch mal Sätze wie „Das hast du toll gemacht“ oder „Wisst ihr was, Kinder? Ihr seid einfach grossartig“. Das dürfte doch auch mal gesagt sein, nicht wahr?

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Frauen

Es erstaunt mich immer wieder aufs Neue: Frauen, die in den frühen Zwanzigern betont hatten, dass sie nie, aber auch gar nie, die traditionelle Hausfrauenrolle übernehmen würden, sind mit Ende dreissig genau dort, wo sie nie sein wollten, nämlich zu Hause bei Kind und Hund. Diejenigen, die sich damals lautstark für die Mama am Herd ausgesprochen hatten, sind meist ziemlich bald nach der Geburt ihrer Kinder wieder ins Berufsleben eingestiegen, weil sie sich das alles ein wenig anders vorgestellt hatten. Und die Frauen, die damals schon aussahen wie abgekämpfte Hausfrauen haben Karriere gemacht und würden nicht im Traum daran denken, Kinder auf die Welt zu stellen.

Wenn ich mich umsehe und umhöre bei den Frauen meiner Generation, dann fällt mir auf, dass kaum eine von uns dort ist, wo sie sich früher gesehen hatte. Gut, bei der Berufswahl gibt es kaum Überraschungen, da sind die meisten ihren Träumen treu geblieben, doch in der Fage wieviel Beruf und wieviel Familie reibt man sich oft erstaunt die Augen und fragt: „Wie? Du eine glückliche Hausfrau? Und der Job kann dir echt gestohlen bleiben?“ Zuweilen kommt es mir so vor, als hätten wir damals in unseren endlosen Debatten am Gymnasium unseren eigenen Standpunkt in Sachen Familie und Beruf so lautstark vertreten, weil wir uns selbst von seiner Richtigkeit überzeugen wollten. Denn irgendwo tief in unserem Inneren ahnten wir wohl schon damals, wie wir eigentlich ticken. Das, oder wir sind inzwischen einfach weise genug geworden, um zu erkennen, dass man sich in Sachen Kinder und Job erst dann eine Meinung bilden kann, wenn man drinsteckt.

Stehengeblieben

Die Frauen, denen ich schon früher immer auf dem Weg zum Einkaufen begegnet bin, sind heute ganz anders unterwegs als damals. Der Brunnen am Wegrand, die Fussgängerampel, die viel zu schnell wieder auf rot wechselt, die schwatzenden Omas, die das Trottoir blockieren, die Bankangestellte, die allzu grosszügig Schleckstengel an die Kinder verteilt – all dies braucht sie nicht mehr zu kümmern. Ganz entspannt leisten sie sich einen Schwatz mit anderen Müttern, keine Angst, dass die Kleinen plötzlich auf die Strasse rennen oder die Auslage im Geschäft leer räumen. Alles ganz entspannt, denn die Knöpfe sind aus dem Gröbsten heraus und sitzen in der Schule.

Ich hingegen bin noch immer gleich unterwegs wie seit Jahren schon. Okay, das Kind an meiner Hand ist nicht mehr das Gleiche wie damals, aber noch immer habe ich den Eindruck, mindestens drei Hände zu wenig zu haben. Die gleichen Missgeschicke – Papiertaschen, die mitten auf dem Fussgängerstreifen den Geist aufgeben und Kinder, die in fremden Gärten Blumen pflücken – wie eh und je. Immer noch die gleichen panischen „Nein, lass das!“-Rufe, immer noch „Beeil dich, wir kommen sonst nie vor dem Mittagessen nach Hause.“ Noch immer stehenbleiben bei jeder Baustelle, bei jedem Federchen auf der Strasse, bei jeder Rutschbahn.

Sieht ganz danach aus, als wäre ich auf dem Weg zum Einkaufen stehen geblieben, während alle anderen schon längst weitergegangen sind. Aber wisst ihr was, es macht mir nichts aus, denn trotz allem gibt es für mich kaum etwas Schöneres im Leben, als eine kleine Hand in meiner nicht viel grösseren zu halten und ein kleines, neugieriges Kind durch den ganz banalen Alltag zu begleiten.

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Okay, aber doch nicht so

Es war mir von Anfang an klar, dass die Kinder eines Tages bemerken würden, dass es zweierlei Menschen gibt. Kein Problem, wirklich. Mir macht es nichts aus, wenn meine Söhne im kleinen Kindergarten zum ersten Mal bis über beide Ohren verliebt sind und dass Luise bei den Jungs gut ankommt, stört mich nicht. Im Gegenteil, ich finde es geradezu rührend, wie sie ihre ersten Gehversuche in Sachen Verliebtsein machen. Liebesbriefe, unschuldige Küsschen auf die Wangen, den Namen der Liebsten an die Zimmerwand schreiben – alles vollkommen in Ordnung für mich.

Rasend macht mich hingegen, wie früh das Ganze sexuell aufgeladen wird. Drittklässler, die Spiele spielen, die wir mit fünfzehn gespielt hatten. Mädchen, die noch vor dem zehnten Geburtstag ihr erstes „Date“ haben und sich dazu aufreizend anziehen. Anzügliche Bemerkungen von grösseren Mitschülern bevor die Mädchen überhaupt richtig aufgeklärt sind. Primarschülerinnen, die in der Schulstunde den neuesten Tanz vorführen und zwar mit solch eindeutigen Posen, dass mir schon von Luises Erzählung beinahe übel wird. Zum Heulen finde ich das.

Okay, es war uns von Anfang an klar, dass unsere Kinder in keine heile Welt hineingeboren worden sind. Wir ahnten, dass das Thema schon in der Primarschule aufkommen würde, darum haben wir mit der Aufklärung begonnen, sobald die Knöpfe ihre ersten Fragen stellten. Wir versuchen ihnen zu vermitteln, dass es hier um etwas sehr Kostbares und Zerbrechliches geht, etwas, was weder lächerlich noch schmutzig ist. Darum stimmt es mich traurig, dass wir jetzt schon Gegensteuer geben müssen gegen eine Vorstellung von Sexualität, die geprägt ist von Anzüglichkeiten, billiger Anmache und einem himmeltraurigen Frauenbild.

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Hausfrauentest bestanden

Wie gestern bereits erwähnt,  steht „Meiner“ in Sachen Pflichtgefühl und Opferbereitschaft der durchschnittlichen Mutter und Hausfrau in nichts nach. Ich würde gar behaupten,  dass man ihn deutlich seltener bei Kaffee und Klatsch antrifft,  obschon auch die durchschnittliche Hausfrau und Mutter nicht allzu oft Zeit dafür findet. Den letzten Beweis,  dass „Meiner“ es durchaus mit uns aufnehmen kann,  hat er an diesem Wochenende erbracht. Was tut der gute Mann,  wenn er endlich einmal ein paar Tage für sich hat? Na,  was wohl? Er holt seine Magen-Darm-Grippe hervor,  die er sich eigens für diesen Moment aufgespart hat,  denn im Alltag hat man einfach zu wenig Zeit,  sie so richtig zu geniessen. Im Ländli aber,  wo sie dir am Morgen ein Buffet und zweimal am Tag ein mehrgängiges Menü servieren und wo du dich in die Wellness-Oase zurückziehen kannst,  wann immer dir der Sinn danach steht,  bietet eine kleine Grippe den perfekten Kontrast zu dieser gezwungenen „Lass es dir gut gehen“-Atmosphäre. Hier kann man zelebrieren,  was zu Hause immer zu kurz kommt. Am Montag wird er sich wieder kerngesund in den Trubel des Alltags stürzen können. Der Mann weiss eben,  was sich für Hausfrauen und -männer gehört.

 

Revanche

Er kümmert sich so viel um die Kinder wie ich, im Haushalt übernimmt er weit mehr als nur das Nötigste, jahrelang ist er nachts aufgestanden, er gibt sich grosse Mühe, bei jedem Elterngespräch in der Schule dabei zu sein und obendrein hält er mir den Rücken frei, damit ich neben Kindern und Beruf auch noch schreiben kann. Elf Jahre voller Einsatz ohne nennenswerte Unterbrüche. Klar, auch er hat hin und wieder seine kleinen Inseln im Alltag, gemeinsam haben wir uns schon öfters eine Auszeit gegönnt und die eine oder andere seiner vielen Weiterbildungen lässt sich bestimmt auch in der Rubrik „Freizeit & Erholung“ abbuchen. Aber zwei oder drei Tage ganz für sich alleine, so wie er sie mir seit einigen Jahren regelmässig ermöglicht, das hatte er noch nie. 

„Höchste Zeit also, ihn für ein paar Tage ins Ländli zu schicken“, dachte ich mir kurz vor Weihnachten und meldete ihn zu einem Männerwochenende an. „Das Wochenende findet ja erst im März statt und bis dahin werde ich bestimmt viel ausgeruhter und belastbarer sein als jetzt“, sprach ich mir Mut zu, ehe ich die Anmeldung abschickte. Ja, und jetzt ist er also dort und ich bin hier, genau gleich unausgeruht und dünnhäutig wie eh und je. Dennoch zweifle ich keinen Moment daran, dass es richtig war, „Meinem“ diese Auszeit zu schenken, auch wenn er natürlich findet, ich hätte das viel dringender nötig als er und er könne mir das doch nicht antun und es hätte doch auch gereicht, wenn ich ihm drei Minuten lang den Rücken massiert hätte und dann koste das Ganze ja auch noch Geld und das würde man doch besser für Nützliches ausgeben und nicht für ihn.

Mich dünkt, ich kenne diese Argumente von irgendwo und wenn ich mich recht erinnere, wurzeln sie in einem Gefühl von Hausfrauenfrust, oder in diesem Fall wohl eher Hausmännerfrust. Dagegen gibt’s nur eins: Ab ins Ländli und zwar schnell. Wehe, er geniesst seine freie Zeit dort nicht…

 

Hitliste der gefürchteten Tiere

Ein Tierliebhaber scheint er nicht zu sein, unser Prinzchen. Hier seine Hitliste der gefürchteten Tiere:

1. Luises Wachteln: Solange sie sich im Käfig befinden, kann er mit ihnen leben, aber wehe, wenn sie losgelassen. Erstaunlich, dass sein Geschrei noch nie einen Grosswildjäger angelockt hat, denn bei diesem Getue würde man zumindest einen Tiger oder einen brüllenden Löwen vermuten.

2. Zimmermann, in Deutschland Weberknecht genannt: Egal ob tot oder lebendig, solange einer im Badezimmer ist, geht das Prinzchen weder aufs WC noch in die Badewanne. Ihr wisst ja gar nicht, wie gefährlich die sind…

3. Spinnen: Noch viel gefährlicher als Weberknechte. Hat er eine gesichtet, wagt er sich drei Tage lang nicht mehr zu der Stelle der unliebsamen Begegnung.

4. Feuerwanzen: Neu auf der Hitliste und gleich auf Platz vier! Der Anblick einer einzigen hat gereicht, damit das Prinzchen bei schönstem Wetter nicht mehr in den Garten gehen mag. Auch Leone & Henrietta müssen drinnen bleiben, wenn die schrecklichen Monster im Garten ihr Unwesen treiben. Das Prinzchen schützt seine geliebten Katzen heldenhaft vor den fiesen Biestern, indem er sie nicht mehr aus dem Haus lässt, so laut sie auch miauen mögen.

5. Fliegen: Okay, die sind wirklich eklig, aber gleich in Tränen ausbrechen, bloss weil eine ihre Runden um die Deckenlampe dreht?

6. Ameisen: Ich weiss nicht, ob er schon je eine aus der Nähe gesehen hat, aber allein der Gedanke an ihre Existenz ist für den armen Kleinen kaum zu ertragen.

7. Motten: Auch hier teile ich die Meinung unseres Jüngsten, dass die Biester im Haus nichts verloren haben. Aber man kann es mit der Abneigung auch übertreiben.

8. Alles, was vor dem Fenster kreucht und fleucht: Kein noch so leichter Flügelschlag entgeht dem Prinzchen und er beruhigt sich erst wieder, wenn ich ihm a) beweisen kann, dass das Tier draussen und er drinnen ist und b) wenn ich ihm den Namen dessen, der ihn so erschreckt hat, nennen kann.

Brandneu und ausser Konkurrenz, weil so unbeschreiblich eklig: Die Kröte, die „Meiner“ und Karlsson heute vor dem sicheren Tod auf der Schulhaustreppe gerettet haben. Okay, ich hätte auch darauf verzichten können, dass sie das Tier ins Schlafzimmer bringen, bevor sie es in die freie Natur aussetzen. Aber ich habe immerhin nicht geheult und gezittert, nachdem ich mich aufs Bett geflüchtet hatte. Das Prinzchen hingegen steigerte sich in eine derartige Panik hinein, dass ich nicht anders konnte, als zu schreien: „Schafft das Tier hinaus, aber schnell! Ich will es nicht in meinem Schlafzimmer haben!“. Fragt sich nur, wer von der Begegnung das grössere Trauma davongetragen hat, das Prinzchen oder die arme Kröte…

(Nein, das hier ist nicht die Kröte, von der gibt’s kein Bild.)

Tür auf!

Die ersten Augenblicke des Tages sind oft die entscheidenden. So, wie es angefangen hat, so geht es meist für den Rest des Tages weiter. Gestern Morgen, zum Beispiel, setzte „Meiner“ sich um sechs Uhr im Bett auf. Im gleichen Augenblick richtete sich Luise, die krankheitsbedingt in unserem Bett nächtigte und mich aufs Sofa vertrieben hatte, ebenfalls auf und – bitte verzeiht den Ausdruck – kotzte „Meinem“ den Rücken voll. Kann man es dem guten Mann verargen, dass er von da an zu nichts zu gebrauchen war, wegen jeder Kleinigkeit in die Luft ging und abends um neun auf dem Sofa einschlief? 

Ganz anders mein heutiger Start in den Tag: Die ganze Familie inklusive Katzen stand verzweifelt vor der verschlossenen Türe der Vorratskammer. „Der Andere“ – wer denn sonst? – hat es mal wieder geschafft, den Schlüssel drinnen zu lassen und die Tür zuzuknallen. Corn Flakes, Kakao, Katzenfutter – alles eingeschlossen und keiner schaffte es, die Türe zu öffnen. Keiner, ausser mir. Schlaftrunken ging ich auf die Tür zu, schnappte mir ein ganz gewöhnliches Messer, schob das Ding in den Türspalt und Sesam war geöffnet. Wer den Tag mit einer Heldentat beginnt, der kann wohl gar nicht anders, als voller Zuversicht weiterzugehen.

So war es dann auch: Alles lief runder als gewöhnlich und hätte ich nicht diesen dummen Fehler begangen, so wäre ich wohl für einmal ohne meine üblichen Schnitzer ausgekommen. Zu dumm nur, dass ich am späten Nachmittag aus lauter Gewohnheit die Tür der Vorratskammer zuschlug, als der Schlüssel noch immer drin war. Was ja nicht weiter schlimm gewesen wäre, wenn der Trick vom Morgen noch funktioniert hätte, aber das tat er nicht, so sehr ich mich auch abmühte. Nun gut, auch damit hätte ich leben können, wäre ich mit Gartenarbeit oder mit der Steuererklärung beschäftigt gewesen. Wie es der Zufall aber wollte, war ich gerade dabei, Luises Geburtstagstorte zu backen. Der Teig halb fertig, die Form eingefettet, der Ofen heiss und keine Chance, an Backpulver und Mehl heranzukommen. Was blieb mir da noch anderes übrig, als die heute sorgsam geschonten Nerven doch noch zu verlieren? 

Zum Glück gelang es „Meinem“ irgendwann doch noch, die Tür zu öffnen. Ich mag es ihm von Herzen gönnen, dass er der Retter der Geburtstagstorte ist. Nachdem Luise ihn gestern vor dem Frühstück mit Halbverdautem beglückt hat, hat er ein bisschen Heldenverehrung mehr als verdient.

Ich will ja nicht sagen dass…, aber…

In letzter Zeit sah ich mich öfters mal dem leisen Vorwurf ausgesetzt, man müsse bei der Familienplanung doch auch etwas Vernunft walten lassen und könne nicht einfach so gedankenlos Kinder auf die Welt stellen. Ich verstehe zwar, was die Leute damit sagen möchten und bis zu einem gewissen Grad stimme ich ihnen auch zu, aber es erstaunt mich doch sehr, dass ich dies jetzt, wo unsere Familienplanung abgeschlossen ist, vermehrt zu hören bekomme. Damals, als die Kinder eins nach dem anderen angepurzelt kamen, hätte ich das noch besser verstanden.

Wie gesagt, ich stimme diesen kritischen Aussagen bis zu einem gewissen Grad zu, denn es kann ja wohl nicht sinnvoll sein, weit über seine eigenen Kräfte hinaus ein Kind nach dem anderen in die Welt zu stellen. Und irgendwo sollte man ja auch noch die Zeit finden, sich jedem einzelnen dieser wunderbaren Geschöpfe anzunehmen. Dennoch überkommen mich immer grössere Zweifel an unserer festen Überzeugung, dass wir alleine wissen,  wie die richtigen Antworten zu den Fragen wann?, wie viele? und in welchem Abstand? lauten. Versteht mich bitte nicht falsch, ich bin nicht plötzlich ins Lager der Fundamentalisten gewechselt, die Verhütung verteufeln und die Frauen zu Gebärmaschinen degradieren wollen. Ich will auch keinen verurteilen, der die Familienplanung besser im Griff hat als „Meiner“ und ich es hatten, aber wenn ich mir unsere Bande manchmal anschaue, dann frage ich mich doch, was wohl gewesen wäre, wenn wir nicht einen gewissen Freiraum fürs Ungeplante gelassen hätten.

Wie hätte ich zum Beispiel eine der traurigsten Zeiten meines bisherigen Lebens überstanden, wäre da nicht das strahlende Lächeln des FeuerwehrRitterRömerPiraten gewesen, der nach rein rationalen Kriterien in viel zu kurzem Abstand zu Luise das Licht der Welt erblickt hatte? Wie hätte Luise, die fast zwei Jahre lang die Nacht zum Tag machte, je schlafen gelernt, wenn „Meiner“ und ich nicht den aberwitzigen Entschluss gefasst hätten, doch noch ein viertes Kind zu zeugen? Ich weiss auch nicht, wie wir auf diese Idee gekommen sind, aber der Zoowärter konnte bewirken, was weder Schlaftees, ein neues Bett, liebevolles Kuscheln, medizinische Untersuchungen noch schlaue Bücher bewirkt hatten: Von dem Tag an, als er zu unserer Familie stiess, schlief Luise wie ein Murmeltier und die Zeiten, in denen sie ihren Brüdern mitten in der Nacht Schokolade verfütterte und die Küche unter Wasser setzte, hatten schlagartig ein Ende. Welche Entscheide hätte ich getroffen, wenn nicht das Prinzchen in unser Leben geschneit gekommen wäre und mich und „Meinen“ damit zu einer ausgedehnten Denk- und Verschnaufpause gezwungen hätte? Damals konnte ich mir schlicht nicht vorstellen, woher wir die Kraft für ein weiteres Kind nehmen sollten und heute erkenne ich, dass wir genau in jener Zeit den Mut gefunden haben, Wege einzuschlagen, die wir wohl übersehen hätten, hätte nicht dieses kleine, kraftstrotzende Menschlein unsere Pläne auf den Kopf gestellt. 

Mit all dem will ich keineswegs sagen, dass man sich nun munter drauflos vermehren soll, ohne Rücksicht auf Gesundheit, Finanzen und Platzverhältnisse. Aber manchmal, wenn ich höre oder lese, wie jemand darlegt, weshalb ein Kind nur unter genau diesen Umständen, zu genau jenem Zeitpunkt und mit genau diesem Abstand zum Geschwisterkind richtig sein kann, dann frage ich mich insgeheim: „Woher willst du das denn so genau wissen?“ Und wenn ich lese, dass der Wahn nach dem „perfekten“ Kind mit dem „richtigen“ Geschlecht, den „besten“ Genen und der „schönsten“ Augenfarbe immer groteskere Züge annimmt, dann ertappe ich mich zuweilen gar bei dem ganz und gar altmodischen Gedanken, dass man die Kinder doch einfach nehmen soll, wie sie kommen. Ich hätte mir ja auch nie vorstellen können, dass ich als Mutter von vier Söhnen und einer einzigen Tochter glücklich sein könnte…

 

Hört das denn gar nie auf?

Seit drei Wochen nun schon das gleiche Muster: Montag bis Freitag das übliche Karussell mit kranken Kindern, Arbeit, Haushalt und nahezu verpassten Terminen, am Samstag der aufrichtige Versuch, trotz Aufräumwut und anderen Pflichten das Familien- und Eheleben zu geniessen, am Sonntag von Käfern belagert im Bett oder auf dem Sofa. Am Montag dann wieder aufrappeln, denn Dinge liegen lassen geht nun mal nicht. Okay, ich sehe ja durchaus auch die positiven Seiten an dieser Routine. Immerhin schaffe ich es so, die Sonntagspresse von vorne bis hinten durchzuackern. Und meiner Linie bekommt es auch nicht schlecht, wenn ich kaum einen Bissen herunterkriege. Aber wenn der FeuerwehrRitterRömerPirat vom Kindergottesdienst nach Hause kommt und seine schlafende Mama an die Stirn tippt um herauszufinden, ob sie noch lebt, dann ist das für mich ein Zeichen, dass es jetzt endlich reicht mit diesen elenden Seuchen. Also, meine lieben Käferchen, sucht euch endlich ein anderes Opfer, vorzugsweise eines ausserhalb meines Familienkreises, denn wenn ihr während der Woche meine lieben Kinderlein oder „Meinen“ attackiert, dann kann ich mir den Platz auf dem Sofa für nächsten Sonntag heute schon reservieren.