Vorboten

„Mama, was ist denn eigentlich die Pubertät?“, wollen heute beim Mittagessen unsere zwei nahezu vorpubertären Kinder wissen. „In der Pubertät passieren ganz verschiedene Dinge“, beginne ich möglichst schonend zu erklären. „Euer Körper, zum Beispiel, der wird sich verändern und wird allmählich so, wie bei einem Erwachsenen…“ Entsetzt starren die zwei mich an, aber ich fahre fort: „Ihr werdet vieles von dem, was Papa und ich gut finden, plötzlich doof finden, ihr werdet anfangen, euren eigenen Weg zu suchen und ihr werdet auch die eine oder andere Dummheit machen…“ „Aber Mama, ich will doch keinen Kokos-Schnaps aus der Flasche trinken“, unterbricht mich Karlsson entsetzt und spielt damit auf eine meiner Jugendsünden an, die ich den Kindern in einem schwachen Moment gestanden hatte. „Du musst auch keinen Kokos-Schnaps trinken“, beschwichtige ich ihn. „Du wirst deine ganz eigenen Dummheiten machen und Papa und ich werden wohl grosse Mühe haben, dich zu verstehen. Das ist auch so eine Sache in der Pubertät: Kinder und Eltern geraten öfters mal aneinander und verstehen einander nicht…“ Eigenartig, warum widersprechen die beiden mir nicht? Warum beteuern sie mir nicht, dass ihre Bewunderung für uns keine Grenzen kennt und nie kennen wird? Und weshalb habe ich das Gefühl, in Luises Blick zu lesen, dass sie sich sehr wohl vorstellen kann, wie wir ihr auf die Nerven fallen werden?

Ich beschliesse, Luises Blick zu ignorieren und komme zum Schluss mit meiner Unterweisung: „Vermutlich werdet ihr euch auch zum ersten Mal bis über beide Ohren verlieben…“ Mist! Jetzt habe ich  zu viel gesagt. Beide schreien entsetzt auf. Wie kann ich es wagen, ihnen eine solche Abscheulichkeit zu unterstellen? Ein klarer Beweis, dass ich zu weit gegangen bin. Und dass die Pubertät wohl nicht mehr allzu fern ist.

Jetzt bloss nicht die Nerven verlieren, Mama.

Ich glaub‘ die mögen mich…

Dass man mich heute nicht ganz ohne Widerstand zum Frauentag gehen lassen würde, hatte ich erwartet. Am Donnerstag hatte ich ja noch befürchtet, die Erkältung würde mir einen Strich durch die Rechnung machen, doch erstaunlicherweise machte sie sich heute Nacht still und leise davon. Gut, sie liess mir einen hartnäckigen Husten als Andenken zurück, aber Gliederschmerzen, Brummschädel und Triefnase hat sie wieder mitgenommen. Von dieser Seite her hatte ich also grünes Licht.

Etwas schwieriger war es mit den Kindern, die mich im Laufe der vergangenen Woche etwas weniger als gewöhnlich zu Gesicht bekommen hatten, was nicht alleine an mir lag, sondern auch an Geburtstagspartys, Musikstunden und Arztterminen. „Mama, du darfst nicht gehen“, klagten sie, aber nur so lange, bis sie sahen, dass ich ihnen in der Bäckerei Gipfeli und Tessinerbrot besorgt hatte und dann liessen sie mich von Herzen gerne ziehen. So wenig braucht es, damit die Kinder auch mal einen Tag ohne mich auskommen können…

Zwei aber konnten sich gar nicht damit abfinden, den Tag ohne mich zu verbringen: Leone und Henrietta. Wie gewöhnlich begleiteten sie mich zur Haustüre, aber anstatt sich im Garten auf Vogeljagd zu begeben, machten sie sich auf, mich zum Bahnhof zu begleiten. Zuerst dachte ich ja noch, ich könnte die zwei in irgend einem Garten unterwegs abschütteln, doch ich musste bald einmal erkennen, dass die Katzen nicht von meiner Seite wichen. Als wir an der Hauptstrasse angelangt waren, hiess es umkehren und Karlsson bitten, die Katzen zu holen. Hauptstrasse und Bahngeleise waren mir dann doch zu gefährlich für die zwei. Henrietta liess sich bereitwillig mit ins Haus nehmen, Leone aber mochte mich noch immer nicht alleine ziehen lassen. Inzwischen war mein Zug längst abgefahren, also machte ich mich auf zur Bushaltestelle, Leone stets an meiner Seite. Der Bus liess auf sich warten, Leone wartete in sicherer Distanz zur Strasse mit. Keine Sekunde liess er mich aus den Augen und hätte ihn eine nette Mitreisende nicht im letzten Moment um die Hausecke und somit in Sicherheit gejagt, er wäre wohl mit mir in den Bus gestiegen. Und so kam ich einmal mehr mit Verspätung an meinem Ziel an, ausnahmsweise nicht wegen der Kinder, sondern wegen der Katzen.

Als ich am späten Abend nach einem Tag voller netter Begegnungen und neuer Impulse von der Bushaltestelle nach Hause ging, wartete Kater Leone in sicherer Entfernung zur Strasse auf einem Mäuerchen. Kaum erkannte er mich, rannte er mir mit einem verzweifelten Miauen entgegen. Er, der gewöhnlich spätestens um fünf Uhr nachmittags bei Fressnapf und Sofa sein will, mochte erst wieder nach Hause kommen, als er mich wieder in Sicherheit wusste. Ich glaube fast, der Kleine hat mich vermisst…

Und dann noch dies:

Ich weiss nicht, ob mich der Inhalt oder die Orthographie mehr erschüttert, aber dieser Satz, den ich heute im Bus gelesen habe, geht mir nicht aus dem Kopf: „Schulergänzende Tagesstrukturen werden strickt abgelehnt.“ 

Netter Besuch

Am Dienstagabend – es war schon ziemlich spät – rief mich die Erkältung an. „Hör mal“, sprach sie, „hast du morgen Zeit für einen netten Schwatz? Wir haben uns seit Ewigkeiten nicht mehr gesehen…“ „Na ja, wie man’s nimmt. Mir scheint, wir haben uns eben erst gesehen“, unterbrach ich sie, aber die Erkältung überhörte meinen Einwand. „Ich finde, wir verbringen viel zu wenig Zeit miteinander. Immerhin sind wir beste Freundinnen.“ „Beste Freundinnen? Wir zwei?“, fragte ich, aber die Erkältung tat wieder so, als hätte sie mich nicht gehört. „Ich komme dann also morgen vorbei. So gegen sieben Uhr morgens, passt dir das?“ „Nein, das passt mir ganz und gar nicht. Am Vormittag muss ich zur Arbeit, am Nachmittag bin ich mit meinem Vater unterwegs und am Abend hat Karlsson seinen grossen Auftritt. Keine Chance, dass ich dich irgendwo dazwischen nehmen kann“, wehrte ich ab, aber die Erkältung hatte bereits wieder aufgelegt.

Am frühen Mittwochmorgen stand sie tatsächlich vor der Tür. „Verschwinde“, knurrte ich missmutig, aber sie liess sich durch meine Unfreundlichkeit nicht beeindrucken. „Schönen guten Morgen“, rief sie fröhlich und fiel mir um den Hals. „Wie habe ich dich doch vermisst. Komm, setz dich aufs Sofa, dann können wir ein wenig quatschen. Schau mal, was ich dir mitgebracht habe: Einen Brummschädel, eine erstklassige Triefnase und diesen netten Reizhusten. Glaub mir, das Ding ist der letzte Schrei.“ „Ich gehe nicht mit der Mode, du kannst deine Geschenke wieder einpacken“, raunzte ich die Erkältung an und begab mich in die Küche, wo fünf kleine Vendittis auf das Frühstück warteten. „Darf ich mich zu euch setzen?“, fragte die Erkältung, die mir in die Küche gefolgt war. „Nein, darfst du nicht. Siehst du denn nicht, dass kein Platz mehr frei ist?“, sagte ich und von da an ignorierte ich meinen ungebetenen Gast konsequent. Sie folgte mir zur Arbeit, wich den ganzen Nachmittag nicht von meiner Seite und Abends im Konzert fütterte sie mir den Reizhusten, den sie mir mitgebracht hatte in kleinen, mundgerechten Portionen. Ich tat so, als bemerkte ich nichts von alldem und ging abends, als die Kinder im Bett waren, noch einmal zur Arbeit, nur um ihr eins auszuwischen.

Heute Morgen sass die Erkältung bereits auf meiner Bettkante, als ich die Augen aufschlug. „Du bist immer noch da?“, fragte ich verschlafen. „Ich hab‘ dir doch gesagt, dass ich keine Zeit habe für dich.“ „Heute schon“, entgegnete die Erkältung, „heute musst du nicht zur Arbeit.“ „Heute muss ich aber putzen. Also mach, dass du fortkommst“, brummte ich. Ich versuchte, aus dem Bett zu kommen, musste aber feststellen, dass mir die Erkältung über Nacht ein weiteres Mitbringsel besorgt hatte. „Sind sie nicht toll, diese Gliederschmerzen?“, fragte die sie mit strahlendem Gesicht. „Die habe ich eigens für dich besorgt. War gar nicht so einfach, die zu bekommen, denn die will jetzt jeder haben. Aber für dich scheue ich keine Mühen. Komm, leg dich wieder hin, die grossen Kinder sind aus dem Haus und das Prinzchen schläft. Wollen wir ein wenig von den guten alten Zeiten quatschen?“ „Wie oft muss ich dir noch sagen, dass ich keine Zeit habe? Ich muss putzen, verstanden?“ Jetzt wurde die Erkältung richtig böse. „Ich weiss genau, wie sehr du das Putzen hasst, also versuche nicht, mir weis zu machen, dass du heute so versessen bist darauf. Du Du willst mich bloss loswerden.“ „Natürlich will ich dich loswerden“, schrie ich und versuchte, mich von ihr loszureissen, doch sie packte mich an den Schultern, drückte mich ins Kissen hinein und zog mir die Decke über den Kopf. „Schlaf jetzt“, flüsterte sie, plötzlich wieder ganz sanft und liebevoll. „Das Putzen kann warten.“

Zwei Stunden später, als ich wieder wach war und mich endlich in die Kleider gezwängt hatte, sass sie fröhlich grinsend am Tisch. „So schnell wirst du mich nicht los. Wie lange kann ich bleiben?“ „Du kannst nicht bleiben“, gab ich missmutig zurück. „Heute muss ich den ganzen Tag lang putzen, am Abend muss ich den Wocheneinkauf erledigen und morgen wartet ein Berg von Arbeit im Büro.“ „Nie hast du Zeit für mich“, maulte die Erkältung. „Wie sieht’s übermorgen aus?“ „Übermorgen? Auf gar keinen Fall. Dann gehe ich zu dem Frauentag, auf den ich mich seit mehr als einem Monat freue. Glaub bloss nicht, dass ich mir diesen Spass von dir nehmen lasse“, gab ich zur Antwort. Die Erkältung sah mich mit Mitleid erregendem Hundeblick an: „Darf ich mitkommen zum Frauentag? Ich bin ja auch ein weibliches Wesen.“ „Ha! Wenn ich dich mitnehme, dann schmeissen die mich gleich wieder raus beim Frauentag. Wir Frauen können uns keine Erkältungen leisten, da werde ich doch nicht so blöd sein, dich mitzuschleppen“, ereiferte ich mich. Als ich sah, dass die Erkältung den Tränen nahe war, packte mich doch noch das Mitleid. Ist ja auch nicht schön, wenn man nirgendwo willkommen ist. „Hör mal“, sagte ich, „am Sonntagnachmittag, da hätte ich Zeit für dich. Ich schnappe mir ein paar Sonntagszeitungen, eine Tasse Tee und eine warme Decke und dann setzen wir uns aufs Sofa und reden über Gott und die Welt. Wie gefällt dir das?“ Die Erkältung strahlte. „Ich hab’s doch gewusst, dass du mich magst. Lass dich umarmen!“ Sie zog mich an ihre Brust, drückte mich fest an sich und einen Augenblick später lag ich mit einer Extraportion Triefnase, Brummschädel, Reizhusten und Gliederschmerzen auf dem Sofa. An Putzen war nicht mehr zu denken, aber ob Erkältung oder putzen ist eigentlich einerlei, ich kann auf beides verzichten.

Hausmännerfrusttag

Zugegeben, das war nicht besonders nett von mir. Da wünschte ich „Meinem“ gestern, dass er sich endlich einmal richtig entspannen könne und was mute ich ihm heute zu? Einen Hausmännerfrusttag mit allem Drum und Dran. Es fing an mit verfaultem Obst im Schulthek des FeuerwehrRitterRömerPiraten, ging weiter mit einem Arzttermin, danach musste ein Geburtstagsgeschenk für des Zoowärters Kindergartenfreund her, schliesslich Raubtierfütterung ohne meine Unterstützung und nachmittags QuerflötenstundeOrchesterprobeZoowärterFürDieGeburtstagspartyBereitmachenHausaufgabenÜberwachenKücheSaubermachenScherbenAufwischenLuiseZurechtweisenPrinzchenTröstenArztterminAbsagenAnruferAbwimmelnUndAllDerKleinkramDerSchonLängstWiederVergessenIst. Also das volle Programm und nichts mit aufatmen und entspannen.

Und was tat ich derweilen? Zivilstandsregister wälzen mit meinem Vater, der sich des Familienstammbaums angenommen hat. Etwas, was ich mir als halbe Historikerin natürlich nicht entgehen lassen kann. Herrlich, dieses Stöbern in verstaubten Büchern! Wenn bloss das schlechte Gewissen nicht wäre, weil „Meiner“ sich ganz alleine dem übervollen Mittwochsprogramm stellen musste. Das einzige, was meine Gewissensbisse ein wenig dämpft ist die Aussicht auf einen nicht minder turbulenten Donnerstag, der wohl damit ausgefüllt sein wird, die Spuren des heutigen Hausmännerfrusttages zu beseitigen. Ist irgendwie beruhigend, dass „Meiner“ das nicht besser hingekriegt hat als ich jeweils…

Bestandesaufnahme

Laptop

Fehlende Tasten: m, x, y, Komma, Leerschlag, Punkt, alt, shift, ctrl und dann noch einige weitere, von denen ich schon längst vergessen habe, was sie mal waren. 

Schuldig: Prinzchen und Zoowärter, allerdings in noch jüngeren Jahren, heute wissen sie, dass man so keine Computerspiele spielen kann.

iPad

Sprung im Display

Schuldig: Das Prinzchen

Kein Ton mehr

Schuldig: Keine Ahnung, ich hege allerdings den Verdacht, dass es sich um eine Streikaktion handelt: „So lange diese Kinder immer ‚Min Vatter isch en Appezöller‘ und solchen Mist hören wollen, gebe ich keinen Ton mehr von mir.“

Ladekabel durchgebissen

Schuldig: Leone und Henrietta, die in allem, was lang und schnurähnlich ist, ein Spielzeug sehen.

Mausetot und das trotz des neuen Ladekabels – grasgrün – und das ausgerechnet an dem Tag, an dem das neue E-Book angeliefert wurde.

Schuldig: Mein Verdacht fällt auf Apple. Die haben bestimmt ein internes Verfalldatum eingebaut, damit ich  mir endlich ein neues Gerät zulege.

Computer-Tastatur

Fehlende Taste: Komma, ein kleiner Mangel nur, aber ein sehr mühsamer

Schuldig: Ich glaube, da hat mal ein Kind sein Znüni vor dem Bildschirm verdrückt.

Maus

Mausetot

Schuldig: Ich, weil ich dieses dämliche Modell damals gekauft habe.

WLAN-Router

Oh Wunder, das Ding funktioniert einwandfrei! Aber was hilft das, wenn alles andere in den letzten Zügen liegt?

Lösungsvorschläge:

Absolutes  Computerverbot für alle unter 37
Absolutes Spielverbot für alle Vierbeiner
Sparen für die neue Ausstattung und so lange unter grosser Mühe auf dem lebensmüden Laptop schreiben oder aber zurück in die Steinzeit.

 

 

 

 

 

Du kannst das, Mama

Zu unserer grossen Schande muss ich gestehen, dass unser Prinzchen seinen Frühmorgen-Kakao noch immer aus der Schoppenflasche trinkt. Dies vor allem aus Gründen elterlicher Bequemlichkeit, denn würde er ihn aus der Tasse trinken, müssten einer von uns beiden daneben sitzen und darauf achten, dass die Küche nicht im Kakao ersäuft und zwar morgens zwischen fünf und sechs, wenn ihre Majestät das Frühstücksgetränk einzunehmen beliebt. Dann also lieber das Fläschchen, was den angenehmen Nebeneffekt hat, dass der Kleine noch einmal einschläft, wodurch unsere Nachtruhe um einige Augenblicke verlängert wird.

Heute Morgen gegen neun Uhr verlangte das Prinzchen eine zweite Ration Kakao. Wo denn die Schoppenflasche sei, wollte ich wissen. Unter dem Bett, beschied mir unser Jüngster und ich müsste sie für ihn hervor angeln. „Aber das kannst du doch viel besser als ich“, wehrte ich ab, denn mein Bedürfnis, mit Rückenschmerzen unter einem niedrigen Kinderbett herumzukriechen hielt sich in Grenzen. „Aber Mama, das kannst du doch auch. Schau, die Flasche liegt gleich hier. Probier’s mal“, machte mir das Prinzchen Mut. Wieder wehrte ich ab: „Du bist viel kleiner und wendiger als ich, also passt du auch viel besser unter das Bett.“ Noch einmal redete mir das Prinzchen gut zu: „Nein, Mama, du schaffst das. Du musst gar nicht unter das Bett kriechen.“ Um meinem Sohn zu beweisen, dass ich das wirklich nicht schaffen kann und dass er viel besser geeignet ist, die doofe Flasche unter dem Bett hervorzuzaubern, wagte ich einen Blick unter das Bett. Tatsächlich lag die Flasche so günstig, dass es lächerlich gewesen wäre, weiter darauf zu bestehen, dass er das macht und ich hob die Flasche vom Boden auf. „Hast du gesehen Mama“, meinte das Prinzchen strahlend, „du kannst das wirklich! Das war doch wirklich nicht schwierig, oder?“

Täusche ich mich, oder sind hier die Rollen irgendwie durcheinander geraten?

Und dann noch in eigener Sache: Unter http://www.mutterundberuf.com/ könnt ihr lesen, was ich zum Thema Berufstätigkeit und Mutter zu sagen habe. Hanna freut sich bestimmt, wenn ihr mal kurz bei ihr vorbeisurft. 🙂

Frühlingsgefühle

Nach einem viel zu langen Winter packt mich endlich wieder der Enthusiasmus für Neues. Im Garten, zum Beispiel,  da möchte ich die Erdbeerpflanzen ausgraben, neue Erde aufschütten und dann, wenn der Frühling da ist, so viele verschiedene Tomatenpflanzen setzen, wie ich auf dem Markt bekommen kann. Und dort drüben, wo die Garage steht, da möchte ich viel lieber ein geräumiges Spielhaus für die Kinder aufstellen. Die Garage ist ja ohnehin bald durchgerostet, da könnte man sie doch einfach abreissen, einen Carport auf den Parkplatz stellen und viel neuen Raum gewinnen. Die elenden Bodenplatten könnten ja auch gleich verschwinden. Mehr Platz für Gemüse, Beeren, Blumen und natürlich auch zum Spielen. Hach, wäre das nicht traumhaft…

Mein neues Schreibzimmer könnte auch etwas Aufmerksamkeit gebrauchen. Weg mit all dem Kram, mit dem die Kinder den Fussboden übersät haben, her mit den bunten Bildern, mit den Ordnern, in die ich alle meine Ideen, meine veröffentlichten Texte, meine Entwürfe ablegen kann. Her mit dem netten Schnickschnack, der in unserem Zuhause überall in Lebensgefahr schwebt und der bei mir, in meinem eigenen Zimmer – wo die Kinder Zutrittsverbot bekommen, sobald es fertig eingerichtet ist – einen sicheren Hafen finden wird. Und wenn dann das Zimmer so ist, wie ich es mir erträumt habe, dann werde ich drauflos schreiben, die Ideen, die in meinem Kopf herumschwirren zu Papier bringen und vielleicht sogar wieder den Mut aufbringen, etwas zaghaft ans Licht der Öffentlichkeit zu schubsen. Ich kann es kaum erwarten, endlich loszulegen…

Wo ich schon dabei bin, könnte ich mich gleich unserer ganzen Wohnung annehmen. Das Chaos, das sich in den vergangenen Monaten angesammelt hat, beseitigen, die Schränke herausputzen, wegschmeissen, was keinen Platz mehr hat, Möbel umstellen, ja, vielleicht sogar die Fenster putzen. Mich juckt es doch tatsächlich in den Fingern, hier endlich einmal gründlich für Ordnung und Sauberkeit zu sorgen.

Und dann möchte ich so gerne wiedermal Gäste einladen. All die lieben Leute, für die ich so wenig Zeit hatte. Mich mit Freundinnen zum Kaffee treffen, meine kleine Nichte einladen, damit sie mit dem Prinzchen spielen kann, vielleicht sogar endlich den Mut aufbringen, meiner Schwester einen Überraschungsbesuch abzustatten. Vielleicht mit einem selbst gebackenen Kuchen.

Wo wir schon beim Backen sind: Nächste Woche backe ich ganz bestimmt wiedermal ein Brot aus frisch gemahlenen Körnern. „Meinen“ am Abend, wenn die Kinder schlafen, mit einem köstlichen Abendessen bei Kerzenschein überraschen, mit schöner Musik und allem, was dazugehört. Und dann werde ich endlich dieses neue Rezept für diese Quarktorte ausprobieren und dann säe ich vielleicht Sprossen an, mit denen wir unsere Salate verfeinern können und vielleicht nehme ich mir bald einmal Zeit, mit Karlsson und Luise Macarons zu machen. Das habe ich ihnen schon so lange versprochen. Das wird bestimmt ganz köstlich, wenn auch nicht perfekt…

Ich kann es kaum erwarten, alle diese Pläne und Träume endlich in Tat umzusetzen. Gleich morgen werde ich damit beginnen, oder vielleicht auch übermorgen, spätestens aber am Dienstag. Falls ich dann endlich die Energie aufbringen kann, mich vom Sofa zu erheben…

 

Nachwehen

Vor ein paar Wochen haben wir unter grossen Mühen die Telefongesellschaft gewechselt (ich habe ausführlich und langfädig darüber berichtet) und seither haben wir eine neue Nummer. Dummerweise hat diese neue Nummer eine Vergangenheit, die uns nun fast täglich einholt: „Frau Hamchiti, seit einiger Zeit sind Sie Kundin bei unserem Schlüsselservice und nun möchten wir Ihnen ein sensationelles Zusatzangebot…“ „Ich bin nicht Frau Hamchiti und…“ „Sie sind nicht Frau Hamchiti? Umso besser, dann darf ich Ihnen vielleicht unser sensationelles Basisangebot vorstellen?“ 

Eine halbe Stunde später wieder das Telefon: „Äh hallo, hier Abdullah. Ich kann vielleicht sprechen mit…“ „Nein, können Sie nicht, denn Sie sind falsch verbunden.“ „Hier nicht Hamchiti? Aber wo ist Hamchiti?“ „Ich weiss nicht, wo Hamchiti ist, aber ich weiss, dass hier Venditti ist und darum kann ich Ihnen leider auch nicht weiterhelfen…“

Zwei Stunden später schon wieder ein Anruf: „Guten Tag, Troxler von der Firma Hugentobler. Können Sie mich bitte mit Herrn Hamchiti verbinden?“ „Nein, das kann ich leider nicht, denn Herr Hamchiti arbeitet nicht bei uns, aber ich kann Ihnen gerne den FeuerwehrRitterRömerPiraten ans Telefon geben, der kann Ihnen vielleicht auch weiterhelfen.“ 

So geht das vom frühen Morgen bis zum späten Abend. Und dazwischen? Ja, dazwischen kommt natürlich auch mal ein Anruf für mich:

„Guten Tag, Frau Venditti. Schön, dass ich Sie erreiche. Vielleicht erinnern Sie sich noch daran, dass wir Ihnen von siebzehn Jahren einmal ein Probeabo der Unglücks-und Skandal-Postille schenken durften. Nun haben wir unserer Zeitschrift einem Facelifting unterzogen und wir möchten Ihnen die einmalige Gelegenheit bieten, sie wieder…“ „Ähm, entschuldigen Sie bitte, dass ich Sie unterbreche, aber ich habe wirklich kein Interesse…“ „…zwanzig Ausgaben zum sensationellen Preis von 57 Franken 85. Dieses Angebot sollten Sie sich wirklich nicht entgehen lassen…“ „Tut mir Leid, aber ich habe wirklich kein Interesse…“ „…haben jetzt die Modeseiten vollkommen überarbeitet und neu gibt es auch eine Kinderseite….“ „Hören Sie, ihr Blatt interessiert mich wirklich nicht. Ich bevorzuge anspruchsvollere Lektüre.“ „Ach, das bieten wir selbstverständlich auch. In der neuesten Ausgabe reden wir mit Gölä über die aktuelle politische Lage…“ Was bleibt mir da noch anderes übrig, als grusslos das Telefon aufzulegen?

Nun ja, vielleicht hätte ich einfach sagen sollen „Tut mir Leid, falsch verbunden. Sie sprechen mit Frau Hamchiti.“ 

Auch nicht besser als alle anderen

Schrecklich: So ganz allmählich werde ich mir selbst zum Albtraum. Da haben „Meiner“ und ich uns jahrelang über die Mütter aufgeregt, die dem Herrn Lehrer bei jeder Gelegenheit ein Brieflein schreiben, wenn sie ihr Kind falsch behandelt sehen und wer schreibt heute alle paar Tage ein nettes, aber leicht weinerliches Brieflein weil der arme Karlsson mit irgend etwas nicht zurechtkommt oder die bedauernswerte Luise einfach nicht schaffen konnte, was man von ihr erwartet hat? Wer unterschreibt das Zeugnis erst, nachdem der Herr Lehrer des Langen und Breiten erklärt hat, weshalb er ab- und nicht aufgerundet hat? Wer beklagt sich bei jeder Gelegenheit lauthals über das kinderfeindliche Schulsystem? Na wer wohl?

Okay, zu meiner Verteidigung muss ich vielleicht sagen, dass mir auch von Lehrerseite bestätigt wird, dass von den Kindern heute zu viel erwartet wird. Aber wenn ich ganz ehrlich bin mit mir selber, dann muss ich mir eingestehen, dass ich wohl auch reklamieren würde, wenn das Schulsystem nicht darauf angelegt wäre, die Kinder zu normieren, bis man sie nicht mehr voneinander unterscheiden kann. Nicht so oft vielleicht, aber ich würde es dennoch tun. Denn am Ende bin ich nicht anders als jede Mutter auch: Meine Kinder sind in meinen Augen grossartiger als in den Augen anderer. Oh ja, ich bemühe mich aufrichtig darum, auch ihre Schwächen zu sehen und sie nicht bei jeder Gelegenheit in Schutz zu nehmen, aber dass mir dies nur bedingt gelingt, muss ich immer dann feststellen, wenn ich wieder zum Stift greife, um ein nettes Brieflein zu schreiben. 

Jetzt, wo ich mir dieses Geständnis von der Seele gerungen habe, muss ich aber doch festhalten, dass es eine absolute Schweinerei war, dass Karlsson nicht… und dass ich es einfach nicht mitansehen konnte, wie man den unschuldigen FeuerwehrRitterRömerPiraten… und dass es doch einfach nicht geht, wenn man den armen kleinen Zoowärter… wo er sich doch so viel Mühe gegeben hat und dass Luise nicht… kann ich beim besten Willen nicht begreifen. Da muss Mama sich doch einfach zur Wehr setzen, nicht wahr?

 

Einige Regeln zur Fasnacht

1. Wenn dir die Fasnacht keinen Spass macht, ziehe nicht in eine Gegend, die mehrheitlich von Menschen bewohnt wird, denen die Fasnacht Spass macht.

2. Wenn du trotzdem dorthin gezogen bist, bemühe dich darum, stets dann zu verreisen, wenn die Narren los sind.

3. Wenn verreisen nicht möglich ist, dann mach dich in diesen Tagen unsichtbar, stell dich krank, leg dir ein Gipsbein zu und vor allem engagiere dich nicht ausgerechnet in dem Verein, der unter anderem die Kinderfasnacht organisiert und wenn doch, dann mach bitte allen anderen zum Vornherein klar, dass du jede andere Aufgabe liebend gerne übernimmst, solange sie dich nicht bei der Fasnacht einspannen. 

4. Wenn du es nicht übers Herz bringst, die anderen mit der ganzen Arbeit alleine zu lassen, dann anerbiete dich wenigstens nicht dazu, die heissen Würstchen zu besorgen, denn die Kiste, in der sie warmgehalten werden, ist ganz furchtbar schwer. Vor allem, wenn du ohne Auto unterwegs bist und du so blöd bist, die Kiste eigenhändig wieder nach Hause zu schleppen. Kümmere dich lieber um die Papierschlangen oder um den Konfettinachschub, das ist rückenschonender.  

5. Wenn du auch Punkt 4 nicht erfüllt hast, dann halte gefälligst dein Engagement an der Fasnacht vor deinen Kindern geheim. Sie könnten sonst auf die Idee kommen, dass sie bei dem Anlass auch dabei sein wollen. Vor allem, wenn sie erfahren, dass es dort heisse Würstchen gibt.

6. Wenn die Kinder dennoch von deinem Einsatz Wind bekommen, dann achte darauf, dass du ihnen nur noch diejenigen Helden schmackhaft machst, in die man sich im Handumdrehen verwandeln kann, also zum Beispiel Barbapapa (ein rosarotes Fixleintuch mit Augenlöchern), Bernd das Brot (eine Kartonschachtel mit nassen Handschuhen links und rechts) oder Spider Man (dieses Kostüm schmeissen sie dir in jedem Laden zu einem Spottpreis nach). Es kann nämlich ziemlich nervtötend sein, wenn dein siebenjähriger Sohn eine Stunde vor dem Umzug beschliesst, dass er als Achilles gehen möchte. Vor allem, wenn du ihm schonend beibringen musst, dass eine Corn Flakes Schachtel als Brustpanzer nicht besonders heldenhaft aussieht. 

7. Wenn du auch das nicht zu verhindern magst, dann reiss dich zusammen, setze ein freundliches Gesicht auf – du könntest natürlich auch eine Maske tragen, wenn du dir nicht allzu dämlich vorkommst damit -, stürze dich mit deinen Kindern ins Getümmel und und bring die Sache hinter dich, ohne deinen Kindern und den anderen ihren Spass zu verderben.