Ein wenig leiser, wenn’s geht

Kinderstimmen, etwas Schöneres gibt es kaum auf der Welt. Darin sind wir kinderlieben Menschen uns wohl einig. Und doch gibt es Momente, da würde ich lieber den entnervenden Ton einer Kreissäge hören anstatt das süße Geplapper eines Kindes. Zum Beispiel nachts um Viertel nach eins, wenn das Prinzchen neben unserem Bett steht und verkündet, er brauche eine frische Windel, er sei ganz nass. Eine Kinderstimme lässt sich natürlich nicht ignorieren, auch wenn man genau dies gerne tun und weiterschlafen möchte. Wenn sich dann beim Wickeln herausstellt, dass gerade mal drei Tröpfchen Urin in die Windel geflossen sind, dann wünscht man sich natürlich, man hätte sich dennoch für das Ignorieren entschieden, aber eben, welcher Unmensch ignoriert schon ein Kind, das gewickelt werden will?

Auch abends um halb zehn, wenn eigentlich alles schon längst schlafen sollte, zerren die feinen Stimmchen ganz gewaltig an meinen überreizten Nerven. So sehr, dass ich mich zuweilen geradezu anstrengen muss, den Inhalt des Gesagten überhaupt noch wahrzunehmen. Natürlich ist es herzerwärmend, wenn ein schlafloser Karlsson mir zu später Stunde anbietet, die Küche für mich aufzuräumen, weil ich mir heute bei einem Treppensturz ziemlich weh getan habe und deshalb die Aufräumerei nur unter Jammern und Stöhnen erledigen kann. Oh ja, sein Angebot ist unglaublich lieb, aber hätte er mir dieses nicht schriftlich unterbreiten können? Ich hätte es auch so mit Freuden angenommen.

Auch so ein Moment, in dem ich auf kindliches Geplapper verzichten könnte: „Meiner“ und ich möchten planen, wer wen zu welchem Zeitpunkt wohin karrt und wieder abholt. Eine unglaublich komplizierte Angelegenheit. So kompliziert, dass der süße Kang von „Mama, ich habe alle meine Hausafugaben schon fertig“ nur noch als Lärmbelästigung und nicht als die freudigste Nachricht des Tages wahrgenommen wird. Und auch wenn ich mir stets eine lebhafte Runde am Esstisch gewünscht habe, komme ich nicht umhin, hin und wieder zu brüllen: „Jetzt seid mal alle einen Augenblick lang still, man kann ja sein eigenes Kauen nicht mehr hören!“

Ziemlich kleingeistig von mir, wegen solcher Banalitäten ungeduldig zu werden, ich weiss. Im Gegenzug zeige ich mich aber bei Trotzen und Heulen erstaunlich tolerant. Denn dass die Kinder manchmal einfach nicht anders können, habe ich schon längst akzeptiert. Und ich nehme es ihnen nicht übel, auch wenn sie dabei meist ziemlich laut werden.

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Ferienbilanz

Bevor es morgen wieder losgeht mit Schule, Kindergarten und Jobs, ein kurzer Rückblick, ob wir auch wirklich alles getan haben, was wir uns vorgenommen hatten.

– Mindestens fünfmal ausschlafen (Ziel deutlich übertroffen)
– Nie nach Mitternacht zu Bett gehen (Ziel deutlich verfehlt)
– Zeit nicht verplanen (Ziel erreicht)
– Alle drei Etagen sauber aufräumen (Ziel beinahe erreicht. Hätte ich „Meinem“ etwas mehr unter die Arme gegriffen, wir hätten es geschafft.)
– Saunaelemente, die seit einem Jahr auf ihren Einsatz warten a) von der Garage in die Waschküche befördern, b) zu einer Saunakabine aufbauen und c) Sauna in Betrieb nehmen (Ziel a) erreicht, aber nur, weil mir eines Tages der Kragen geplatzt ist und ich die saumäßig schweren Dinger eigenhändig vor die Haustüre geschleppt habe, damit „Meiner“ gezwungen war, sie vor dem Regen in Sicherheit zu bringen. Ziel b) ebenfalls erreicht, bis auf das klitzekleine Detail, dass die Tür noch nicht aufgeht, weil der Waschtrog im Wege steht, Ziel c) verfehlt, aber immerhin in Sichtweite.)
– Das beschauliche Familienleben geniessen (Unter Berücksichtigung der Tatsache, dass Beschaulichkeit und Grossfamilie nicht so richtig zusammenpassen wollen, sind wir diesem Ziel dennoch erstaunlich nahe gekommen.)
– Das Haus nur verlassen, wenn es unbedingt sein muss (Ziel deutlich übertroffen)
– Klarheit in den grossen Fragen unseres Lebens erlangen (Ziel deutlich verfehlt. Wir haben jetzt noch ein paar Fragen mehr.)
– Möglichst wenig an SchuleKindergartenArbeits-Fragen denken (Ziel deutlich verfehlt, was aber nicht verwundert, hängen doch einige unserer grossen Fragen des Lebens genau damit zusammen.)
– „Meinem“ und den Kindern wieder näher kommen (Ziel erreicht, auch wenn die größere Nähe zu den Kindern die eine oder andere Reiberei erzeugt hat.)
– Viel schreiben (Ziel deutlich verfehlt)
– Schokolade, Weihachtsguetzli und andere süße Versuchungen so schnell als möglich aus dem Weg schaffen (Ziel erreicht, leider)
– Von einem stressfreieren Leben träumen (Ziel deutlich übertroffen)
– Daran denken, dass man mindestens bis zum 4. Januar den Leuten ein gutes neues Jahr wünschen sollte (Ziel zum ersten Mal überhaupt erreicht)

Nun ja, das eine oder andere Ziel haben wir verfehlt, aber im Grossen und Ganzen dürfen wir wohl ganz zufrieden sein mit unseren erfolgreichen Weihnachtsferien.

Prinzchen-Weisheit

Obschon er schon längst wüsste, wie es geht, macht das Prinzchen keine Anstalten, endlich von der Windel aufs WC zu wechseln. Und weil wir Eltern das Wickeln so langsam satt haben, hört unser Jüngster bei jedem Windelwechsel die Frage weshalb er denn nicht aufs WC gegangen sei. Seine Antwort bleibt stets die Gleiche: „Wenn ich muss, dann muss ich und wenn ich nicht muss, dann muss ich nicht.“ Was wohl stimmen mag, bloss, was hat diese Antwort mit unserer Frage zu tun?

Noch einmal die Windel-Diskussion. Das Prinzchen stellt fest, dass nur Babys Windeln brauchen. „Dann brauchst du ja jetzt keine Windeln mehr. Du bist nun wirklich ein grosser Junge“, sagt die Mama. „Ja, aber weisst du, Mama. Als ich in deinem Bauch war, war ich ein Baby und darum muss ich nicht aufs WC.“ Okay nicht ganz logisch, aber warum erzählt er eigentlich danach jedes Mal, dass der Zoowärter ein Töpfchen hatte, das Musik machte. Will er damit etwa sagen, dass er für einen gewissen Preis zum Grosswerden bereit wäre?

Samstagsmorgen, irgendwann zwischen acht und neun. Mama sollte ganz dringend noch einkaufen gehen, bevor sie um zehn zur Arbeit gehen muss und wie das so ist, wenn Mama nach einer schlechten Nacht ganz viel zu erledigen hat, fallen bald einmal die üblichen Sprüche: „Mist, ich komme bestimmt noch zu spät. Jetzt nicht auch das noch, sonst schaffe ich es wirklich nicht rechtzeitig. Prinzchen, kannst du mal den Papa wecken, sonst werde ich hier nie fertig.“ Anstatt den Papa wecken zu gehen, fragt das Prinzchen ganz erstaunt, wohin es denn heute gehen soll. „Du musst nirgendwo hin. Ich muss weg, aber du darfst zu Hause bleiben du Glücklicher. Doch jetzt muss ich mich wirklich beeilen…“ Das Prinzchen schaut die Mama nachdenklich an und meint: „Nur wenn man weggeht, muss man pressieren. Wenn man zu Hause bleibt, kommt man nicht zu spät.“ 

„Das wünsche ich mir, wenn ich an Weihnachten Geburtstag habe zu meinem Weihnachtsgeburtstag.“

 

 

 

Was ist hier falsch?

Nach sehr vielen Jahren war ich gestern mal wieder zu Besuch auf der Zeitungsredaktion. Redaktion, das waren damals, als ich noch dazugehörte, muffelige Büros, knarrende Holzfussböden, stinkende Aschenbecher, erste Digitalkameras (sündhaft teuer und unhandlich, aber dennoch der letzte Schrei) und – absolut fortschrittlich – eine eigene E-Mail-Adresse für jeden Mitarbeiter. Redaktion heute, das ist…nun, ihr glaubt doch wohl nicht, dass ich mich jetzt lächerlich mache, indem ich etwas zu beschreiben suche, was mir vollkommen fremd geworden ist. Newsroom nennt sich das ja heute und ich würde mich dort etwa ebenso gut zurecht finden wie in einer Auto-Werkstatt oder in einem Space Shuttle.

Wie ich mich in dieser fremden Welt so umsah, erzählten mir meine ehemaligen Berufskollegen von all den Veränderungen, die ihre Arbeit in den vergangenen Jahren erfahren hat. Im Allgemeinen könne man sagen, ihr Beruf sei deutlich hektischer geworden, fassten sie zusammen. Was sie mir beschrieben klang tatsächlich nach deutlich mehr Hektik als damals. Nichts mehr mit endlosen Fachsimpeleien über die treffendste Redewendung und den perfekten Titel, wie mir scheint. Die Musse, die wir damals für die Schreiberei für unabdingbar hielten, scheint ganz und gar verschwunden zu sein. Und doch sah ich in diesem Newsroom deutlich mehr Musse, als ich sie aus meinem Arbeits- und Familienalltag kenne. Wann denn bitte sehr, fand ich mitten am Tag die Zeit, mir ein Skirennen anzusehen? Nicht, dass ich das möchte, aber ihr wisst schon, was ich meine.

Nein, sie haben kein beschauliches Berufsleben, die Journalisten von heute. Nachdenklich stimmt mich aber das Gefühl, das mich überkam, als ich mich im Newsroom umsah: Wie durchgeknallt muss man denn sein, wenn man beim Anblick arbeitender Menschen an eine Wellness-Oase denkt?

Es lohnt sich doch

Im „Spiegel“ haben sie ja neulich geschrieben, eine Beziehung – vor allem eine Beziehung, die durch Kinder bereichert wird – könne nur überleben, wenn das Paar immer mal wieder Zeiten zu zweit erlebe. Und weil ich jedes Wort glaube, das im „Spiegel“ steht, haben „Meiner“ und ich uns heute eben zu einem Saunatag zu zweit aufgerafft.

Nein, Spass beiseite. Dass wir Tage zu zweit brauchen, wussten wir auch vor dem Artikel im „Spiegel“, einem Artikel übrigens, der vor Binsenwahrheiten nur so strotzte. Unsere Tage zu zweit waren uns auch vorher schon heilig. Nun gut, zuerst mussten ein paar sehr anstrengende Familienjahre ins Land ziehen, bevor wir erkannten, dass sich die Zeit zu zweit nich aufschieben lässt auf den ersten Schultag des letzten Kindes. Seither aber sind wir ziemlich konsequent geblieben mit dem Erkämpfen von Freizeit, auch wenn unsere Kinder nicht so recht glauben mögen, dass „Meiner“ und ich auch ohne sie Spass haben können.

Dass wir zwei heute Spaß haben könnten, hätte ich mir vor zwei Wochen auch nicht so richtig vorstellen können, auch wenn der freie Tag bereits eingeplant war. Aber so, wie „Meiner“ und ich uns gegen Ende Jahr wegen jeder Kleinigkeit in die Wolle gerieten, hegte ich ernsthafte Zweifel daran, dass wir es acht Stunden ohne Streit aushalten würden. Ein schräger Blick und schon waren wir wieder in irgend einen unsinnigen Konflikt verwickelt. Nicht, dass wir dabei laut geworden wären. Ich schmiss ihm auch keinen Blumenkohl an den Kopf, wie ich das in den Anfängen unserer Beziehung einmal hemmungslos auf offener Strasse tat. Oh nein, diesmal war es viel schlimmer: Es herrschte kalter Krieg und keiner von uns beiden wusste, ob das nächste falsche Wort dazu führen würde, dass aus dem kalten ein heisser Krieg wird. Kalter Krieg, das bedeutet zum Beispiel, dass ich fein säuberlich die Grünabfälle vom Rest trenne und „Meiner“ kippt sie in einem unbeobachteten Moment in den gewöhnlichen Abfallsack. Oder „Meiner“ hört sich Jovanotti an, um sich die Putzerei erträglich zu gestalten und ich ziehe den Stecker des CD-Players, anstatt meinen Mann höflich zu bitten, doch bitte die Musik etwas leiser zu stellen, weil sie meine Kopfschmerzen stört. Wir tun das nicht mit dem erklärten Ziel, einander zu nerven, wir finden einfach, der andere setze mal wieder ganz falsche Prioritäten und müsse in die Schranken gewiesen werden. Eine Art von Geringschätzung, wenn auch eher subtil.

Warum diese Spannungen, mag man sich fragen. Weder er noch ich hatten nämlich etwas Schwerwiegendes getan, was unserer Beziehung hätte schaden können. Weder er noch ich hatten unsere Ehe satt. Es war schlicht und einfach der FamilienArbeitsVorweihnachtsHaushaltsDezemberbluesIchbrauchedringendferien-Alltag, der uns dazu trieb, nicht mehr zu spüren, wie sehr wir einander auch im vierzehnten Ehejahr noch lieben. Es war genau diese banale Wahrheit, die in jedem Eheratgeber und natürlich auch im oben erwähnten Artikel steht: Zuviel Alltag und zu wenig Feiern bekommt keiner Ehe gut. Und darum hatte der Entscheid, die Badetasche zu packen und die Kinder den Betreuerinnen anzuvertrauen tatsächlich etwas von „sich aufraffen“ an sich. Denn wer will schon mit einer nörgelnden Ehefrau (oder mit einem genervten Ehemann) eine entspannende Zeit verbringen?

Natürlich hat sich das Aufraffen gelohnt, denn so ganz ungestört vom Alltags-Theater, wenn die nörgelnde Ehefrau und der genervte Ehemann mal endlich die Klappe halten, sieht man plötzlich wieder, wie schön es doch eigentlich ist, jemanden zu haben, der das Ganze mit einem durchsteht.

Heldenhaft

Wäre ich nicht bereits mit ihm verheiratet, dann wäre heute der Tag, an dem ich ihm einen Heiratsantrag machen würde. Das Erste, was ich heute Morgen sah, als ich gegen neun Uhr die Augen aufschlug, war „Meiner“, der den abgeschmückten Tannenbaum aus dem Fenster beförderte. Als ich deutlich später endlich widerwillig das Bett verliess, dämmerte mir rasch einmal, dass der Tannenbaum erst der Anfang gewesen war und dass mein Herr Gemahl das allgemeine Chaos zum Kampf herausgefordert hatte. Da stand er mit Möbelpolitur und Staublappen und holte das Beste aus unseren alten Fensterbrettern heraus. Und so ganz beiläufig auch aus unseren Kindern: „Ich geh‘ mal nach oben und räume mein Zimmer auf“, verkündete Karlsson nach dem Mittagessen, das für einmal ganz gesittet in einem sehr aufgeräumten Esszimmer stattfand. „Luise und ich haben vorgestern Abend noch gespielt und jetzt sieht es ein wenig unordentlich aus“, erklärte unser Ältester, als ich ihn erstaunt ansah. Ich hatte dann aber keine Zeit mehr, mich länger um den Gesundheitszustand unseres Sohnes zu sorgen, denn am Nachmittag fegte die allgemeine Aufräumwut mit solcher Wucht durch unsere vier Wände, dass ich mich im Büro in Sicherheit brachte.

Als ich irgendwann spät abends wieder nach Hause kam, glaubte ich zuerst, ich hätte mich in der Adresse geirrt. Jedes Zimmer piekfein aufgeräumt, das Prinzchen und der Zoowärter im neuen gemeinsamen Schlafzimmer friedlich schlummernd, das Elternschlafzimmer dort, wo ich es immer gerne gehabt hätte und dazu noch in jedem erdenklichen Winkel Kerzen, Blumen, Schnickschnack – die Wohnung, die ich mir immer mal wieder erträume, die ich aber nie so hinkriege, wie „Meiner“ das mit Leichtigkeit und vor allem ohne schlechte Laune und Gemotze schafft. Ein wahrer Held, wenn ihr mich fragt. Ob ich ihn fragen soll, ob er mein Haushälter werden will?

Lucy kann’s

Ein wenig neidisch bin ich ja schon. Wenn ich nach dem Mittagessen sage: „Kinder, räumt bitte den Tisch ab, putzt euch die Zähne und dann machen wir alle eine Pause“, dann tut keiner nur den kleinsten Wank. Wenn aber Lucy mit breitem Amerikanischem Akzent sagt: „Kiddies, ic mochte, dass ihr jetst gleic die Tisch abraumt, die Säne burstet und dann machen wir alle eine kleine Break“, dann ist sofort alles auf den Beinen, um zu tun, was Lucy von ihnen erwartet. Klage ich: „Kinder, seid bitte etwas leiser. Ich habe so schreckliche Kopfschmerzen“,geht das Geschrei in der gleichen Lautstärke wie zuvor weiter. Wenn aber Lucy jammert „Ic habe so eine furchterliche Headache ic kann euer Gebrull nict mehr langer ertragen“, dann herrscht plotzlic, äähm, ich meine natürlich plötzlich, absolute Stille.

Noch erstaunlicher ist, welche Wirkung Lucy auf „Meinen“ hat. Er, der weder Gerlinde, noch Rosa Müller noch Maggie leiden kann, liegt Lucy zu Füßen. Ach so, ich muss vielleicht noch erklären, wer Gerlinde, Rosa Müller und Maggie sind. Die drei schauen regelmäßig bei uns vorbei. Gerlinde, die raubeinige Arbeitsimmigrantin aus Deutschland, beschimpft unsere Kinder bei jeder Gelegenheit als „kleine Rotznasen“, motzt über die Schweizer Küche und ist bei unseren Kindern dennoch erstaunlich beliebt. Rosa Müller lebt im nahen Altersheim und verirrt sich hin und wieder an unseren Mittagstisch, wo sie sich über ihre missratenen Kinder und die knausrige Heimleitung auslässt. Nichts ist ihr gut genug und doch betteln die Kinder immer und immer wieder: „Mama, wann kommt endlich Rosa wiedermal?“. Maggie, die erst seit Kurzem mit uns verkehrt, ist ein unausstehlicher Snob. Sie prahlt mit ihren Shopping-Exzessen und mit ihren Jet-Set-Bekannten. Durch und durch unsympathisch, aber auch sie äußerst beliebt bei den Kindern, nicht aber bei „Meinem“ und mir.

Gestern dann ist vollkommen aus dem Nichts Lucy aufgetaucht, stellt alle ihre Vorgängerinnen in den Schatten und erobert das Herz meiner Familie im Sturm. Und das alles nur, weil sie einen amerikanischen Akzent hat und so unglaublich fröhlich ist, dass man sie einfach gern haben muss. Lucy muss nur den Mund aufmachen, schon werden alle ganz freundlich und kooperativ, das Zusammensein am Mittagstisch wird plötzlich zur reinsten Freude. Sie schafft mit Links, was ich so oft vergeblich versuche.

Ich bin wirklich versucht, neidisch zu werden, aber wenn ich mir es recht überlege, muss ich mich wohl eher über mich selber ärgern. Hätte ich Lucy nämlich früher erfunden, unser Familienleben wäre schon längst viel friedlicher. Auf der anderen Seite wäre es auch furchtbar langweilig, immer nur die fröhliche Lucy zu sein, denn ein wenig kratzbürstige Gerlinde und ein wenig nörgelnde Rosa Müller steckt ja auch in mir drin. Nur woher Maggie, diese Nervensäge, kommt, kann ich mir beim besten Willen nicht erklären.

War das ein Jahr?

Wie es sich gehört, halte auch ich in diesen etwas ruhigeren Tagen Rückschau auf das Jahr, das schon bald nichts mehr ist ausser ein paar Erinnerungen. Und genau bei diesen Erinnerungen hapert es diesmal ganz gewaltig. Nun gut, da gibt es schon den einen oder anderen denkwürdigen Moment – Spaziergänge durch Prag mit der ganzen Horde, Rigoletto im Avenches mit Karlsson, der Einzug von Leone und Henrietta, entspannende Tage im Piemont, die Aufführung von „Leone & Belladonna“ – aber sonst ist mir nichts geblieben als das Gefühl, dass mir das Leben stets mindestens drei Schritte voraus war und ich verzweifelt versuchte, doch noch alles in Griff zu bekommen.

Dieses Gefühl zog sich wie ein roter Faden durch alles, was ich in diesem Jahr erlebte, angefangen jeweils am Morgen, wenn ich eigentlich etwas früher zur Arbeit hätte gehen wollen, es aber wieder nur gerade rechtzeitig schaffte, weil das Prinzchen die Windel voll hatte. Oder am Mittag, wenn ich mir so fest vornahm, nicht erst zu Hause anzukommen, wenn alle anderen bereits am Tisch sassen und es dann doch wieder nicht fertig brachte, weil ich noch dieses und jenes „nur schnell“ erledigen wollte.

Dieses Gefühl hatte ich aber nicht nur in den kleinen Banalitäten des Alltags, ich litt überhaupt darunter. Da wollte ich nichts lieber, als endlich einmal die blühenden Bäume geniessen und musste feststellen, dass aus den Blüten bereits Früchte geworden waren. Ich freute mich auf gemütliche, laue Sommerabende mit „Meinem“ und merkte erst als ich endlich draussen saß, dass der Sommer vorbei war. Ich schwor mir, dass „ab nächster Woche“ alles anders, alles ruhiger, alles geordneter würde und wurde dann doch wieder mitgerissen von einer Welle von Aufgaben und Verpflichtungen, die ich in diesem Ausmass nicht vorhergesehen hatte.

Jetzt, wo dieses Jahr fast zu Ende ist, erkenne ich erst, wie ausgelaugt und müde ich bin, wie weit ich mich entfernt habe von dem, was ich mir eigentlich unter Leben vorstelle. Nein, ich träume nicht vom süßen Nichtstun, das wäre mir zu öde. Aber etwas mehr Ausgewogenheit, ein gesünderer Wechsel von Aktivität und Ruhe und vor allem das Gefühl, dass ich mehr oder weniger überschauen kann, was in mir drin und um mich herum geschieht, das alles wünsche ich mir.

Oh nein, ich erwarte nicht, dass in drei Tagen, wenn das neue Jahr beginnt, alles anders sein wird, so naiv bin ich dann doch wieder nicht. Aber ich werde alles daran setzen, das Schiff wieder in ruhigere Gewässer zu steuern. Und weil ich weiss, dass mir nach diesem aussergewöhnlich anstrengenden Jahr die Kraft dazu fehlt, bete ich schon mal fleißig für günstigen Wind.

 

Fröstel

Die Tage zwischen Weihnachten und Neujahr sind meine Lieblingstage. Es sind die Tage, an denen der Kalender so leer ist, dass scheinbar unendlich viel Zeit bleibt, um bis Mittag im Pyjama herumzulümmeln, heisse Schokolade zu trinken, zu lesen, zu dösen, mit den Kindern zu spielen, die unzähligen ungelesenen Zeitschriften durchzublättern und seichte romantische Komödien zu schauen. Das Haus verlässt man nur, um Vorräte einzukaufen oder um die Zeitung aus dem Briefkasten zu holen. Sollte einem das Leben mit den eigenen Lieben zu langweilig werden, lädt man eben andere Liebe zum Brunch ein. Oder vielleicht auch zu Kaffee und Kuchen, Hauptsache kein aufwendiges Menü.

Einfach herrlich, diese faulen Tage. Zumindest, wenn die Heizung mitspielt. Wenn die Heizung nicht mitspielt, dann verbringt man die eine Hälfte des Tages fröstelnd im Heizkeller, wo man verzweifelt nach der Ursache für die Störung sucht, die andere Hälfte des Tages sitzt man schlotternd mit einer bereits wieder abgekühlten Tasse Tee da und wartet auf den Anruf des Heizungsmonteurs. Weil weder Decken noch warme Socken noch heisse Getränke so richtig gegen die Kälte helfen, rafft man sich irgendwann dazu auf, das Unvermeidliche zu tun: Man fängt an zu putzen. Das ist zwar eine Tätigkeit, die für die Tage zwischen den Feiertagen nicht vorgesehen ist, aber immerhin wird einem dabei etwas wärmer.

Ach ja, irgendwann gegen Abend taucht dann der Monteur endlich auf und bringt die Heizung wieder in Schwung. Exakt auf den Zeitpunkt, an dem sie auf Nachtbetrieb umstellt und nur noch ganz sparsam ein wenig Wärme von sich gibt. Auf dass das fröhliche Frösteln noch etwas weitergehe…

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Geschafft

Nichts gegen Weihnachten, aber ich bin froh, dass wir es für dieses Jahr hinter uns haben. Unser Tannenbaum sieht ja ganz nett aus, das Essen war wunderbar, jeder hat bekommen, was er sich sehnlichst gewünscht hat und durch den Einzug von fünf Wachteln namens Carla, Elisha, Foirenza, Josefine und Waldemar Leopold – von dem noch keiner weiß, ob er tatsächlich ein Hahn ist – kommt endlich etwas Abwechslung in unser ach so beschauliches Familienleben. Sogar die Weihnachtsgeschichte konnte ich ohne Unterbrüche im Sinne von „Mach mal vorwärts, ich will endlich Geschenke auspacken!“ aus. Ein durchaus gelungenes Fest also.

Zu dumm nur, dass viel kochen, viel essen und viel auspacken auch viel Arbeit mit sich bringen. Nach jedem Gang sieht die Küche wieder aus, als hätte sie seit drei Wochen keinen Lappen mehr gesehen. Mit jedem Geschenk, das ausgepackt wird, steigt die Gefahr eines Zimmerbrandes, weshalb entweder „Meiner“ oder ich die Müllabfuhr übernehmen müssen, währenddem sich die Kinder ins Spiel vertiefen. Und weil Playmobil-Kran, Mikroskop und Siegelwachs noch nicht ganz ohne elterliche Hilfe bedient werden können, bräuchte man mindestens zehn Arme, um überall auf der Stelle helfen zu können. Und auf dem Herd kocht schon das Wasser für den nächsten Gang über…

Ja, Weihnachten war schön und doch bin ich froh, dass es vorbei ist. Denn wenn die Familie Weihnachten feiert, gibt es nur zwei Rollen zu besetzen: Verzauberte, auf Wolke sieben schwebende kleine Menschen und überarbeitete, sich nach mehr Besinnlichkeit sehnende grosse Menschen.

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