Zu viel verlangt

„Malochen Eltern weiterhin wie heute üblich, ist es nicht mehr weit bis zur Erschöpfung“, steht heute in der Tageszeitung und wohl fast jeder, der in der Schweiz Kinder grosszieht, kann nur zustimmend nicken. Bloss, warum wird das erst jetzt zum Thema? Haben wir denn tatsächlich geglaubt, Eltern könnten zugleich möglichst grosse Brötchen verdienen, die Kinder nach allen Ansprüchen der Erziehungswissenschaften erziehen, den Haushalt so in Ordnung halten, dass jederzeit ein Fotograf von „Schöner Wohnen“ zu Besuch kommen könnte, die ganzen administrativen Aufgaben erledigen, die heute so selbstverständlich zum Familien- wie zum Geschäftsleben gehören, den Freundeskreis pflegen, nach Möglichkeit einen kindergerechten und einen nur für die Eltern, in allen Bereichen auf dem Laufenden bleiben, sich der alternden Eltern annehmen, die Partnerschaft in Schwung halten und wenn möglich ein politisches Amt oder zumindest ein oder zwei Ehrenämter bekleiden? Und dabei bitte immer schön lächeln. Was sollen wir Eltern denn sein, die eierlegende Wollmilchsau? Oder vielleicht lieber ein Perpetuum Mobile? 

Nichts liegt mir ferner, als die Vergangenheit zu glorifizieren, aber mir scheint, man hätte etwas Wichtiges vergessen, was früher noch selbstverständlich war: Eltern können das alles nicht alleine stemmen, ohne Hilfe gehen sie zugrunde. Ob das nun wie in wohlhabenden Familien bezahltes Personal oder in armen Familien die erweiterte Verwandtschaft war, fällt nicht so sehr ins Gewicht. Tatsache ist, dass es Zeiten gab, in denen all die Aufgaben auf mehrere Schultern verteilt waren. Oh ja, ich weiss, was jetzt kommt: Heute gibt’s für alles nützliche Geräte, die einem die Arbeit abnehmen. Aber mit den Geräten nahm die Arbeit nicht wirklich ab, denn mit jeder Erfindung wurden die Ansprüche ein wenig höher geschraubt. Wer den besten, leistungsfähigsten Staubsauger hat, hat keine Ausrede mehr für Brosamen auf dem Fussboden, wer jeden Tag die Waschmaschine in Gang setzen kann, erlaubt es sich nicht, die Kinder auch mal mit einem kleinen Fleck auf dem T-Shirt zur Schule zu schicken, wer eine Profi-Küchenmaschine besitzt, hat auch dafür zu sorgen, dass Geburtstagstorten so aussehen, als kämen sie vom Profi. Und wo schon jeder einen Computer besitzt, kann man doch gleich die Aufgaben, die früher ein Schalterbeamter zu erledigen hatte, auf die Kunden abwälzen. Eine Erleichterung für den Kunden? Auf den ersten Blick vielleicht schon, auf den zweiten Blick eine weitere Pflicht, die gefälligst perfekt zu erledigen ist. Jeder Vater, jede Mutter sollte alles können und zwar so, dass es sich sehen lässt. Nur wer das nötige Kleingeld besitzt, kann es sich leisten, die eine oder andere Aufgabe an einen Profi zu delegieren. 

Wenn mich die vergangenen Jahre etwas gelehrt haben, dann dies: Wir schaffen es nie und nimmer, all diesen Ansprüchen gerecht zu werden. Ja, wir haben es versucht, aber es hat uns in die Erschöpfung geführt, die von Experten jetzt endlich öffentlich thematisiert wird. Darum spielen wir nicht mehr mit in dem Theater mit dem Titel „Die tadellose Familie“, wir haben weder die Zeit noch die Kraft dazu. Wer damit leben kann, ist herzlich dazu eingeladen, mit uns unterwegs zu sein, wer Perfektion erwartet, muss anderswo suchen.

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Verzweifeln oder…?

Du liest im „Spiegel“, die Deutschen Kinder würden immer stärker unter Schulstress leiden und aus deinem Familienalltag weisst du, dass es in der Realität noch viel schlimmer ist als es auf dem Papier daherkommt. In den Medien – ob gedruckt oder elektronisch – präsentieren die Parteien von links nach rechts ihre Ideen, wie den Familien am besten geholfen sei und du ärgerst dich grün und blau, weil du genau weisst, wie wenig das Geschwätz mit der Realität zu tun hat. Sie könnten ebenso gut alle den Mund halten, weil das, was am Ende rauskommt, doch wieder nur ein halbherziger Kompromiss sein wird, der zwar keinem schadet, aber auch keinem hilft. Wo immer dein Blick auch hinfällt – ob es nun um Familie, Umwelt, Atomausstieg, Schule oder sonst etwas, was dir am Herzen liegt geht -, siehst du Halbherzigkeit, viel Gerede und wenig Wirkung. Einzig in der Asylpolitik werden klare Worte gesprochen, aber es sind nicht die Worte, die du hören willst, sondern die Worte, die dir kalte Schauer über den Rücken laufen lassen. 

Zuweilen überkommt dich die blinde Wut, dann wieder tiefe Traurigkeit, immer mal wieder auch Resignation. Ganz selten meldet sich auch diese innere Stimme zu Wort, die dir sagt, wenn du schon weder Zeit noch Kraft zum Mitgestalten aufbringen könnest, solltest du doch zumindest zur Feder greifen und gegen den ganzen Wahnsinn anschreiben. Bloss, wie soll das gehen, wo sich der Wahnsinn doch schneller ausbreitet als die Magen-Darm-Seuche?

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Grün

Natürlich rede ich mir ein, meine in den vergangenen Jahren gewachsene Liebe zum Gärtnern sei auf meinem ureigenen Mist gewachsen und selbstverständlich weise ich mit einem gewissen Stolz darauf hin, dass ich schon in meiner Kindheit den Drang ins Grüne verspürte. Damals, als ich täglich meine Runde ums Haus drehte, um nachzusehen, ob alles wie gewünscht grünte und blühte. Es muss noch irgendwo diesen Schulaufsatz geben, der belegt, dass der Same meiner heutigen Leidenschaft in den frühen Achtzigern gesät worden ist.

Es soll mir also keiner kommen und behaupten, ich sei einfach eine der vielen, die mitreiten auf der Welle des Urban Gardening, des Topfgärtners, dem Ruf nach mehr Biodiversität, dem Schrei nach mehr Grün in der Betonwüste. Natürlich mache ich mir vor, meine Ziele seien höher als jene der grossen Masse, die mit Gummistiefel und Gartenschaufel einfach nur hip sein wollen. Mir liegt daran, den Kindern etwas weiterzugeben, was sie heute nicht mehr so selbstverständlich mitbekommen wie wir damals; der Umschwung ums Haus, der irgendwann – wohl in den Siebzigern – mit Steinplatten zu einem pflegeleichten, aber toten Aussenraum verunstaltet wurde, soll zum Lebensraum für Pflanzen und Kleingetier werden. Ja, so hehr sind sie, meine Ziele. 

Und doch schleckt keine Geiss weg, dass ich mit meiner Lust am Gärtnern einmal mehr ein Kind meiner Zeit bin. Genau so, wie ich mit zwölf ein Kind meiner Zeit war, als ich über das Robbenschlachten heulte, mit vierzehn, als ich Michael Jackson anhimmelte, mit sechzehn, als ich ein Austauschjahr in den USA machte und   über den plötzlichen Fall des Eisernen Vorhangs staunte, mit zwanzig, als ich wortgewaltig über die Chancengleichheit zwischen Mann und Frau palaverte, mit dreiundzwanzig, als ich Bio-Produkte zu kaufen begann und mir trotz anfänglicher Bedenken ein Handy zulegte, mit vierundzwanzig, als ich einen ersten Internetanschluss in der Wohnung installieren liess, mit fünfundzwanzig, als ich eine überzeugte aber tolerant gegenüber Andersdenkenden auftretende Verfechterin der natürlichen Geburt und des Stillens wurde und von einer Wassergeburt träumte, mit sechsundzwanzig, als ich die Angst vor dem Millennium-Bug belächelte, mit achtundzwanzig, als ich über George W. Bush schimpfte, mit dreissig, als ich zu Apple konvertierte, mit zweiunddreissig, als ich immer lauter über die ungerechte Situation der Familien in der Schweiz zu lamentieren begann, mit vierunddreissig, als ich mir ein Blog einrichten liess, mit siebenunddreissig, als meine Ablehnung der Atomkraft durch Fukushima noch mehr Schub bekam. Und jetzt greife ich eben vermehrt zu Harke, Rechen und Gartenschaufel, lege einen Komposthaufen an und mache mir Gedanken, wie „unser“ Grund und Boden zum Guten verändert werden kann. So wie viele, die in den Siebzigern geboren, in den Achtzigern und Neunzigern aufgewachsen und im neuen Jahrtausend erwachsen geworden sind. 

Natürlich, all dies habe ich mit meinen ganz persönlichen Eigenarten und Empfindungen gelebt, ich habe nicht alles mitgemacht – Techno war nicht mein Ding -, war zuweilen meinen Altersgenossen voraus, hinkte dafür in anderen Fällen weit hinter ihnen her, immer wieder mal eckte ich auch an, weil meine Meinung sich nicht immer nach dem Mainstream richtete. Ja, ich bin ich selbst, aber eben auch Produkt der Zeit, in der ich geprägt und geformt worden bin und deshalb wird auch von mir die Rede sein, wenn man später mal sagt: „In der Generation unserer Eltern wurde vermehrt Wert auf Ökologie, nachhaltiges Handeln und sorgsamen Umgang mit den Ressourcen gelegt.“ 

Ich hoffe sehr, dass es nicht bloss beim Trend bleibt, sondern dass es uns gelingt, der kommenden Generation einen natürlicheren und grüneren Start ins Leben zu bieten. 

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Von wegen

Die Nachbarin staucht die Kinder zusammen, weil sie nach einem langen Winter abends um halb acht lachend ums Haus rennen.

An einem einzigen Tag klagen drei Mütter völlig unabhängig voneinander, wie sehr sie sich alleine gelassen fühlen, wenn der Spagat zwischen Familie und Beruf zu anstrengend wird.

Eine konservative Politikerin behauptet, die Eltern müssten eben nur nett beim Arbeitgeber nachfragen, dann bekämen sie bestimmt Unterstützung beim Bezahlen der Krippenkosten.

Beim Anstehen an der Kasse wird der FeuerwehrRitterRömerPirat angeschnauzt, weil sich erfrecht, sich an der Stange, die eine Kasse von der anderen abgrenzt, festzuhalten.

Einer Mutter wird mit Rauswurf aus der Wohnung gedroht, weil sie morgens um zehn mit ihren Kindern singt.

Hierzulande nennt man es Vaterschaftsurlaub, wenn Papa nach der Geburt seines Kindes ein paar Tage frei bekommt.

Ich kenne kaum Familien, die sich Ferien im Inland leisten können. Ich meine hier nicht Campingferien oder die zwei Wochen mit Schwiegermama und Schwiegerpapa im familieneigenen Ferienhaus. Das ist nur Alltag unter erschwerten Bedingungen. Ich meine „echte“ Ferien, also ab und zu ein Besuch im Restaurant, Tagesausflüge, vielleicht etwas mehr Komfort als zu Hause.
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Die Leute behaupten zwar immer, es habe sich einiges getan in Sachen Familienfreundlichkeit, aber ich kann beim besten Willen nicht erkennen, was sich gebessert haben soll.

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Zehn Jahre

Aber natürlich haben wir Luises Geburtstag gebührend gefeiert. Mit zuckersüsser Torte, Cupcakes für die Schulkameraden, vielen Geschenken und der Aussicht auf eine Pyjama-Party mit den allerbesten Freundinnen. Wir haben uns ins Zeug gelegt, wie immer, wenn eines unserer Kinder gefeiert wird, wir haben Lieblingsessen gekocht und den Alltag zum Festtag gemacht. Äusserlich war alles wie üblich, aber innerlich war zumindest bei mir nichts wie sonst. Zehn Jahre sind wir nun bereits unterwegs mit Luise und wenn ich bedenke, wie schnell diese zehn Jahre an mir vorbei gerast sind, dann wird mir Angst. Noch einmal so lange und sie wird wohl ausgeflogen sein.

Schon jetzt ist es machmal schwer, sie Kind bleiben zu lassen, nicht, weil sie einen riesigen Drang verspürte, erwachsen zu werden, sondern weil der Druck unter den Gleichaltrigen enorm ist. Cool sein sollte sie, „Germany’s next Topmodel“ müsste sie sich anschauen, um mitreden zu können, einen Freund sollte sie haben, bei Facebook & Co. müsste sie natürlich schon längst dabei sein. Luise lebt gut damit, dass sie all dies noch nicht haben kann, sie will es noch gar nicht. Dennoch schmerzt es, wenn ich mit meiner Tochter über Dinge reden muss, die mich mit fünfzehn beschäftigt hatten und von denen ich mit zehn noch keinen blassen Schimmer hatte. Es macht mich traurig, dass ihr die Kindheit fast entrissen wird und es sind weder die bösen Erwachsenen, die dies tun, noch die bösen pubertierenden Jungs, es sind die gleichaltrigen Mädchen, die das Gefühl haben, das Leben sei eine endlose Seifenoper, in der sie die Hauptrolle spielten. Mädchen, die jetzt schon glauben, es ginge im Leben nur darum, gut auszusehen und den richtigen Typen zu angeln.

Luise weiss ziemlich genau, was sie vom Leben will und zum Glück hat sie Freundinnen, die ähnlich ticken wie sie. Dennoch kommt bei mir zuweilen das Gefühl auf, wir müssten Luise mehr schützen als unsere Jungs. Nicht, weil sie schwächer wäre, sondern weil sie als Mädchen mit vier Brüdern wenig Möglichkeiten hatte, sich auf den Zickenkrieg vorzubereiten, der früher oder später ausbrechen wird. 

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Beängstigend

Gestern Abend, als ich wie gewohnt so gegen Mitternacht ins Bett ging, wähnte ich mich im Jahr 2013, heute Morgen aber bei der Zeitungslektüre musste ich feststellen, dass mich irgendjemand auf eine Reise in die Vergangenheit geschickt hat. Nun gut, eigentlich sieht meine Welt so gar nicht nach Vergangenheit aus, da stehen noch immer die gleichen Geräte in der Küche, iPad & Co. sind wie gewohnt im Einsatz und auch die Kleider sehen noch gleich aus wie gestern. Aber was ich in der Zeitung lese, beweist mir klar und deutlich: Wir sind auf dem besten Weg, wieder dorthin zu gelangen, wo unsere Vorfahren schon mal waren. Damals war eine Frau, die zuviel wusste, eine Hexe, ein Mensch jüdischen Glaubens ein Brunnenvergifter, ein Querdenker ein Ketzer.

Und heute? Heute sind wir natürlich viel weiter. Jeder hat das Recht, so zu leben, zu denken und im Grossen und Ganzen auch so zu handeln, wie er will. Die persönliche Freiheit steht über allen Verpflichtungen, oft auch über den Werten, die wir grundsätzlich als richtig erachten. Jeder darf nach seinem Glück streben, seine Träume verwirklichen, sein Leben nach den eigenen Wünschen gestalten. Dies gestehen wir jedem zu. Zumindest, solange er die „richtige“ Herkunft hat, ohne Sozialhilfe auskommt und ein „funktionierendes“ Mitglied der Gesellschaft ist.

Erfüllt einer diese Voraussetzungen nicht, na ja, dann gilt das alles natürlich nicht, das muss man doch verstehen. Man kann doch nicht einfach jeden Dahergelaufenen als gleichwertigen Menschen behandeln. Wo kämen wir denn da hin? Und weil man so denkt, sagt man heute ganz ungeniert, was man vor ein paar Jahren noch nicht mal hinter vorgehaltener Hand zu äussern gewagt hätte.

„Die Asylsuchenden sind unterbeschäftigt. Wir haben einen schönen Dorfplatz, dort sind unsere schönen Frauen. Das gibt Probleme“, lässt sich zum Beispiel heute der Ammann einer Aargauer Gemeinde in der Zeitung zitieren und sagt damit ziemlich unverblümt, dass sein Dorfplatz nicht jedem offen steht. Weiter unten im Artikel ist folgendes zu lesen: „Die Asylsuchenden würden unterirdisch untergebracht. Oberirdisch gebe es keine Möglichkeit für Aufenthaltsräume. ‚Unsere Schüler müssten sich also die Ausbildungs- und Pausenplätze mit dem Asylbewerbern teilen‘, so die Schule.“ Man stelle sich einmal dieses Schreckensszenario vor: Da könnten erwachsene Landwirtschaftsschüler mit erwachsenen Asylbewerbern in Kontakt, ja, vielleicht sogar ins Gespräch kommen. Gott bewahre! Am Ende würden die beiden Gruppen noch erkennen, dass sie alle nur Menschen sind. Aber soweit wird es nicht kommen, denn der Gemeindeamman verspricht, man werde alle rechtlichen Mittel ausschöpfen, um die Asylunterkunft zu verhindern, die Bevölkerung erwarte das so. 

Weil das die Bevölkerung nicht nur in dieser Gemeinde so erwartet, sondern fast überall in der Schweiz, wo Asylsuchende eine vorübergehende Bleibe finden sollen, werden immer wieder ähnliche Sätze fallen, vermutlich auch noch viel giftigere und irgendwann wird kaum einer mehr aufhorchen, nicht mal mehr wir, die wir heute noch darüber heulen könnten. Und das macht Angst.

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Verzichten

„Lieber“ Herr Vasella

Mir ist klar, dass eigentlich alles gesagt ist, was gesagt werden muss, aber dennoch kann ich es mir nicht verkneifen, auch noch meinen Senf zur Sache loszuwerden. Lange habe ich versucht, meinen Mund zu halten, aber es muss jetzt einfach raus, sonst muss sich „Meiner“ noch hundertmal die Dinge anhören, die ich eigentlich Ihnen an den Kopf werfen möchte. Herr Vasella, mit ihrem gedankenlosen Aussagen zwingen Sie mich heute dazu, etwas zu tun, was ich im Grunde genommen zutiefst verabscheue: Sie treiben mich dazu, schwülstig zu werden.

Sie haben nämlich immer mal wieder trotzig gefordert, Sie möchten den Menschen sehen, der auf das Geld verzichtet, wenn es ihm angeboten wird. Vermutlich stimmt dies für Menschen Ihres Kalibers, die im Laufe der Jahre vom süssen Gift des „immer mehr und alles nur für mich“ abhängig geworden sind und deshalb nicht mehr fähig sind, das Gift in noch höheren Dosen abzulehnen. Vermutlich wird auch kein Fabrikarbeiter die Lohnerhöhung von Fr. 56.75 pro Monat zurückweisen, wenn sie ihm angeboten wird. Abgesehen von diesen Ausnahmen muss ich Ihrer Aussage aber leider widersprechen. Es gibt nämlich durchaus Menschen, die verzichten und darum wird es jetzt schwülstig.

Da gibt es zum Beispiel Leute – vorwiegend Frauen -, die ihren Job an den Nagel hängen, um ihre pflegebedürftigen Eltern zu umsorgen. Kostenlos, bei klarem Bewusstsein, dass sie mit diesem Schritt nicht nur weniger Freizeit, sondern auch weniger Geld haben werden. Es gibt auch solche, denen mehr daran liegt, Schulkinder in Fuss- oder Volleyball zu trainieren, Brände zu löschen oder liegengebliebenen Abfall einzusammeln, anstatt immer mehr Geld zu scheffeln. Ich habe gar Menschen getroffen, die beruflich zurückstecken, obschon sie durchaus das Zeug dazu hätten, eine grosse Karriere zu machen. Es bedeutet ihnen mehr, neben dem Beruf noch Zeit für die Familie zu haben, als die Karriereleiter bis in schwindelerregende Höhen hochzuklettern. Schliesslich – und das werden Sie mir jetzt kaum glauben – leben in unserem reichen Land Menschen, die nur gerade das Nötigste besitzen und die das Wenige, das sie haben, auch noch teilen mit anderen Notleidenden. Nein, Herr Vasella, das ist kein Märchen, ich kenne solche Menschen persönlich. Ach ja, und dann sind da noch jene, die wirklich viel haben, die sich ihres Reichtums aber nur dann richtig freuen können, wenn möglichst viele etwas davon haben.

Ja, Herr Vasella, das alles klingt ziemlich kitschig, kommt aber in der Realität, in der wir Normalverdiener leben, erstaunlich häufig und in den verschiedensten Facetten vor. Warum? Vielleicht, weil wir dank unserer beschränkten Mittel besser wissen, dass sich gewisse Dinge nicht kaufen lassen.

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Erwachender Idealismus

Ganz klar, ich habe mal wieder zu viel Zeitung gelesen. Zu viel über Landgrabbing, Pestizide, Spekulation mit Lebensmitteln, desolate Zustände auf Gemüseplantagen in Südeuropa und Afrika, europaweiten Fleischhandel und dergleichen. Nun gut, die Sache mit dem Fleisch könnte mir ja egal sein, weil ich keines esse und für die Familie nur solches aus der Schweiz koche, aber die undurchsichtige Geschichte widert mich eben doch an.

Früher gelang es mir noch besser, solche Meldungen mit der Bemerkung „Ich tue mein Möglichstes, verantwortungsbewusst einzukaufen“ beiseite zu schieben. Immer öfter aber bringe ich es nicht mehr fertig, mein Unbehagen zu verdrängen. Der Wunsch, von jedem Lebensmittel, das auf dem Teller landet, zu wissen, woher es kommt und wie es produziert wird, wächst mit jeder Meldung, die ich zu Gesicht bekomme. Ja, ich weiss, mein Wunsch ist extrem und er wird wohl nie in Erfüllung gehen.

Dennoch ertappe ich mich immer öfter beim Gedanken, man müsste das doch irgendwie auch selbst hinkriegen. Ich meine, so schwierig kann es doch nicht sein, Gemüse, Milch und Fleisch beim Bauern zu besorgen, ein paar eigene Sachen anzubauen und Vorräte für den Winter selber einzumachen. Erste Gehversuche habe ich bereits gemacht, aber reicht mir das? Was ist mit Kleidern, Schuhen und all den anderen Dingen, die eine Familie eben so braucht? Würde ich mich nicht umso mehr über unumgängliche Kompromisse ärgern, je mehr ich versuchte, nach meinem Gewissen zu handeln? Und hätte ich überhaupt den langen Atem, den es braucht, um das alles über Jahre durchzuziehen?

Ich weiss es nicht, aber vielleicht mache ich mir mal Gedanken darüber, wie wir aus unserem Umschwung etwas mehr Garten machen könnten.

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Himmeltraurig

Über die Gräuel von Massentierhaltung und europaweiten Tiertransporten weiss in der Schweiz jedes Kind Bescheid, die Krippenhaltung von kleinen unschuldigen Kindern aber ist nach wie vor ein Tabuthema. Hätten wir die SVP nicht, wir hätten nie erfahren, wie unsere armen Kleinen in den Betreuungseinrichtungen gehalten werden: Halbnackt, mit Ohrmarke und Strichcode versehen hinter dicken Mauern und Gitterstäben. So müssen die verängstigten Knöpfe Tag um Tag ausharren, währenddem ihre geldgierigen, vom Ehrgeiz zerfressenen Mütter die Karriereleiter hochklettern, die doch eigentlich den Vätern vorbehalten wäre.

Heute, so erklärt uns die SVP, ist es den Eltern noch freigestellt, ob ihre Kinder in Krippenhaltung zu uniformen, vom Staat abhängigen Marionetten genormt werden, oder ob sie in freier Wildbahn zu heldenhaften, starken Eidgenossen, die sich vom Staat nichts vorschreiben lassen, heranwachsen dürfen. Wehe aber, wenn das Stimmvolk am 3. März den Familienartikel annimmt! Dann ist es vorbei mit den Freiland-Kindern, dann wird es nur noch Batteriekinder geben. Arme, von ihren Eltern verstossene Geschöpfe, die kaum je die Sonne sehen, für die Liebe und Geborgenheit Fremdwörter sind. Vermutlich werden die Kinder, die von ihren renitenten Eltern zu Hause behalten werden, frühmorgens von der Polizei abgeholt und in die Einrichtung gebracht, wo sie zu braven „Staatskindern“ erzogen werden.

Und wisst ihr, was das Schlimmste an der Sache ist? In diesen Einrichtungen werden die wehrlosen Kleinen einer Gehirnwäsche unterzogen. Das weiss ich nicht von der SVP, das habe ich selber herausgefunden. Sämtliche Krippenkinder in meinem Umfeld bestreiten nämlich vehement, dass sie an den Tagen, die sie ausser Hause verbringen, ein himmeltrauriges Dasein hinter Gittern fristen. Ja, einige von ihnen behaupten gar, sie könnten es absolut nicht verstehen, dass ihre Mamas und Papas sie nicht jeden Tag dorthin bringen.

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Studienfach Kinderkriegen

Die einen Ökonomen rechnen dir vor, wie verantwortungslos und egoistisch es sei, auf Kinder zu verzichten, weil ohne Kindernachschub der Generationenvertrag und im Endeffekt gar der soziale Friede gefährdet würden. Die anderen Ökonomen rechnen dir vor, dass sich Kinder überhaupt nicht rechnen, weder für dich persönlich noch für die Wirtschaft und dass sie deswegen die schlechteste Investition überhaupt seien. 

Radikale Umweltschützer weisen voller Zorn auf die Überbevölkerung hin, wenn du es wagst, nur schon laut übers Kinderhaben nachzudenken. „Unnötige Umweltbelastung!“, zetern sie, „purer Egoismus! Alleine schon die Windelberge, die jedes einzelne Kind produziert…“

Die eine Studie belegt dir, dass du eine bessere Mutter sein wirst, wenn du zuerst die Welt gesehen, Karriere gemacht, dein Haus fertig eingerichtet und mindestens vier verschiedene Partner gehabt hast. Fortpflanzung also frühestens mit 38. Die nächste Studie belegt dir, dass du am besten gleich an deinem 18. Geburtstag mit dem erstbesten ins Bett hüpfst, vier Kinder zeugst und dann irgendwann, wenn dein Jüngstes 14 ist, karrieremässig voll durchstartest. 

Mal verdonnern dich die Erziehungswissenschafter dazu, mindestens drei Kinder im Altersabstand von zehn Monaten zu haben, die du alle in deinen eigenen vier Wänden grossziehst und bis zum fünften Geburtstag voll stillst. Dann wieder darf es nicht mehr als eines sein, selbstverständlich voll und ganz in der Krippe aufgezogen, weil alles andere schädlich und verantwortungslos wäre.

Ohne die Wissenschaft als Ganzes verteufeln zu wollen, muss ich das jetzt einfach mal loswerden: Hört endlich damit auf, das Kinderkriegen als Studienfach – irgendwo, hoch oben in einem Elfenbeinturm, weitab vom Kinderzimmer – zu betreiben. Hört auf damit, nach dem einzig richtigen, garantiert schmerz- und fehlerfreien Weg zu suchen, denn diesen Weg gibt es nicht. Hört auf damit, Eltern und solche, die es (vielleicht) werden wollen, mit Thesen zu verunsichern, die dann doch nichts mit dem realen Leben zu tun haben. 

Und ihr, die ihr euch mit der Frage herumquält, ob ihr euch nun fortpflanzen sollt oder lieber doch nicht: Wenn ihr bereit seid, nicht nur den Spass und das Herzerwärmende, sondern auch Verantwortung und Konsequenzen für den Rest eures Lebens zu tragen, dann habt Kinder. Ihr werdet es ganz bestimmt nicht bereuen, auch wenn ihr euch vielleicht während der Darmgrippe-Saison zuweilen fragen werdet, warum ihr euch das antut. Wenn ihr dazu nicht bereit seid, dann lasst es lieber bleiben, denn Kinder sind nun mal keine Haustiere, die man zurückgeben kann, wenn man dann doch lieber die Weltumsegelung machen möchte, von der man immer geträumt hat.

Und um Gottes Willen, sucht nicht in irgend einem Blog nach der Antwort auf die für euer Leben absolut entscheidende Frage ob ihr eine Familie gründen sollt oder nicht. Vor allem nicht, wenn euch diese Bloggerin sagt, dass es im Leben nichts Besseres gibt, als mindestens drei Kinder zu haben. Glaubt mir, die Frau spinnt, denn sie sagt dies an einem Tag, an dem sie ihre von Darmgrippe geplagte Familie am liebsten zur Kur auf den Mond schicken würde.

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