Darauf ist Verlass

Wie beruhigend es doch ist, dass in dieser Welt, in der heute nicht mehr gilt, was gestern noch wahr war, in der auf nichts, aber auch gar nichts mehr Verlass ist, nicht einmal mehr auf den Euro oder auf die Facebook-Aktie, in der die Sommer nicht mehr Sommer und die Winter nicht mehr Winter sind, wenigstens etwas bleibt: Der Magen-Darm-Käfer, der mich pünktlich zu meinem Ferienbeginn heimsucht und mir das gute Gefühl verleiht, dass es zumindest eine Sache gibt, auf die ich zählen kann.

Priester & Clown

Es war ein heisser Sommernachmittag. Ein trauriger Karlsson und seine übermüdete Mama sassen in einem stickigen Spitalzimmer in einer Österreichischen Kleinstadt und sehnten sich nach frischer Luft, Ferienlaune und dem guten Essen, welches der Rest der Familie im Hotel geniessen durfte. Hin und wieder schaute die Mama sehnsüchtig aus dem Fenster und wünschte sich, sie dürfte mit ihrem Ältesten zumindest eine kleine Runde im Park drehen. Mitten in diese trübselige Langeweile platzte ein katholischer Priester, der sich kurz nach Karlssons Namen und Leiden erkundigte, ein paar nette Worte sprach, einen Segen spendete und dann wieder so lautlos entschwand, wie er gekommen war. Verdattert sass die protestantische Mama da und versuchte ihrem Sohn zu erklären, was diese sonderbare Erscheinung zu bedeuten hatte.

Es ist ein warmer Sommernachmittag. Ein wegen Schlafmangels vollkommen überdrehter Zoowärter und seine übermüdete Mama sitzen in einem stickigen Spitalzimmer in einer Schweizer Kleinstadt und sehnen sich nach Abwechslung. Nach bereits zwei Ausflügen zum Kiosk, einem Besuch im Café, zwei Durchgängen im Labyrinth und einem Besuch auf dem Spielplatz – „Sei vorsichtig, Zoowärter, sonst müssen sie dir die Infusion noch einmal neu stecken! Nein, nicht klettern, das geht nicht mit eingebundener Hand! Bitte pass auf dich auf, du bist nicht so gesund, wie du dich fühlst.“ – bleibt nicht mehr viel, um sich die Zeit bis zur nächsten Mahlzeit zu vertreiben. Mitten in diese Langeweile platzt ein Clown, der dem Zoowärter einige bunte Tücher aus der leeren Hand zaubert, eine Marionette tanzen lässt und einen Ballon in ein Schwert verwandelt. Dann verschwindet er wieder und lässt einen milde amüsierten Zoowärter mit einer peinlich berührten Mama zurück. Nein, der Auftritt war nicht schlecht, aber wenn das Publikum lediglich aus zwei schläfrigen Menschen besteht, ist es nicht ganz einfach, einen Sturm der Begeisterung zu inszenieren.

Fazit der ganzen Geschichte: Ob Priester oder Clown, in einem engen Spitalzimmer, wo keinerlei Fluchtmöglichkeiten bestehen, wirken beide irgendwie peinlich.

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Planen zwecklos – hier bestimmt das Leben

Und wieder einmal sagt das Leben, dass es jetzt reicht mit Rasen auf der Überholspur. Alles, was es dazu braucht, ist eine winzige, stark entzündete Dellwarze am Bein des Zoowärters und schon weisst du, dass es zwecklos ist, die Tage im Voraus zu planen. Heute also eine Nacht im Spital mit einem überglücklichen Zoowärter, der nun endlich auch mitreden kann, wenn die Grossen von ihren Krankenhaus-Abenteuern berichten. Morgen dann der verzweifelte Versuch, das Familienleben vom Spitalzimmer aus zu managen, aber auch der Genuss, dass das Leben hier drinnen für unsereinen weit beschaulicher ist als draussen. (Ich habe wohl am Wochenende ein bisschen zu laut geseufzt, dass ich gerne mal wieder dabei zusehen möchte, wie andere für mich die Arbeit machen.) Obendrein natürlich das bange Hoffen, dass alles ohne Komplikationen verheilt, gemischt mit der Dankbarkeit, dass wir gerade noch rechtzeitig erkannt haben, dass unser Kind medizinische Hilfe braucht.

Wer spinnt denn da?

In einem Anflug von Übermut habe ich vor einiger Zeit beschlossen, endlich meinen überschüssigen Kilos den Kampf anzusagen – man könnte natürlich auch sagen, dass es pure Verzweiflung war, weil ich mein eigenes Spiegelbild nicht mehr erkannte. Wie auch immer, mein Spiegelbild versetzte mir einen kräftigen Tritt in den Hintern und seither führe ich artig Tagebuch über meine tägliche Lebensmittelzufuhr. Ich lasse das Cornet links liegen und nehme stattdessen das Sorbet, gebe mir grosse Mühe, keinen Nachschlag zu schöpfen, die Chips hat „Meiner“ auf dem gestrigen Abendspaziergang ganz alleine verzehrt und ich renne mit viel mehr Schwung als gewöhnlich die Treppe hoch. Ich habe gar allen Ernstes daran gedacht, mich demnächst auf den Hometrainer zu schwingen und allein dieser Gedanke hat bestimmt ein ganzes Kilo Hüftspeck zum Schmelzen gebracht.

Das alles zeigt erste Erfolge: Die Kleider sitzen nicht mehr ganz so eng, die Fingerringe ebenfalls und im Spiegel meine ich eine alte Bekannte zu erkennen, wenn ich ganz genau hinsehe. Also ziemlich ermutigend, wenn nicht die Sache mit der Waage wäre. Die weigert sich nämlich standhaft, meinen Erfolg zu würdigen. Zuerst einmal bewegte sich der Zeiger gar nicht und nun seit einiger Zeit von Woche zu Woche um einen oder zwei Striche weiter – nur leider in die falsche Richtung. Nein, es kann nicht an der berühmten „Zunahme der Muskelmasse“ liegen, denn exzessiven Sport habe ich nicht betrieben. Es kann aber auch nicht sein, dass ich zugenommen habe, denn sonst würden die Kleider ja nicht weiter, sondern enger sitzen.

Es gibt nur eine Erklärung für das, was hier geschieht: Die Waage muss kaputt sein. Für dieses Problem gibt es eine simple Lösung, ich weiss. Nur fürchte ich mich davor, eine neue Waage zu kaufen. Was aber, wenn sie den gleichen Tick hat wie die Alte? Dann müsste ich mir am Ende eingestehen, dass nicht die Waage kaputt war, sondern meine Wahrnehmung.

Pessimistisch?

Nach einem Tag im Bett mit Sonntagspresse von vorne bis hinten und von hinten nach vorne, nach zu vielen Folgen von „Little Britain“ und nach der Lektüre eines Buches, das zu Recht so ziemlich alles in Frage stellt, was heute schief läuft, möchte ich gerne die folgende Frage beantwortet haben: Geht die Welt tatsächlich vor die Hunde oder sind es nur die Gliederschmerzen, die mich alles so pessimistisch sehen lassen?

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Dann ist ja alles in bester Ordnung

Eigentlich hätte ich heute Abend ganz unglaublich viel zu schreiben gewusst, ich hätte darüber berichtet, weshalb ich nie mit einem Mann verheiratet sein könnte, der mit seinem Job verheiratet ist, ich hätte meine brandneue Methode, lange Tage mit unmotivierten Kindern zu überstehen, präsentiert und vielleicht hätte ich sogar vorgerechnet, weshalb auch wir die bittere Erkenntnis machen mussten, dass ein Zweiteinkommen zu deutlich weniger Geld auf dem Konto führt.

Vielleicht hätte ich heute den Text geliefert, hätte mich nicht diese Käfer niedergestreckt, der solch üble Gliederschmerzen verursacht, dass man kaum das iPad, geschweige denn die Augen offen halten mag. Den Käfer hatten unsere zwei Jüngsten vor einigen Tagen und jetzt, wo ich weiss, wie sich das anfühlt, was sie hatten, erweisen sich zumindest meine üblichen mütterlichen Sorgen, dass die zwei sich eine ganz schlimme Seuche zugezogen haben, als vollkommen übertrieben. Oh ja, die Sache ist übel, aber immerhin ist sie so ansteckend, dass sie jeder hat und das beruhigt eine insgeheim leicht überängstlich veranlagte Mutter ungemein.

 

Noch ein paar Alltagsfreuden

Vielleicht werde ich ja allmählich sentimental, aber ich habe schon wieder ein paar Freuden im oft so anstrengenden Alltag entdeckt:

1. Am Morgen mit den Kindern zur Mühle fahren, Mehl in allen möglichen Varianten kaufen, auf dem Heimweg Dinkelherzen mit Schokoladenüberzug auf der Zunge zergehen lassen und mich an den Kommentaren der Kinder freuen: „Die sind ja wirklich besser als Maltesers!“ oder „Mama, findest du nicht auch, dass die einen leichten Anis-Geschmack haben?“ oder – meine persönlicher Favorit – „Mama, willst du noch eins?“

2. Miterleben, wie sich der am Morgen gekaufte Hartweizendunst mit nur wenig Wasser vermischt in frische Pasta verwandelt. Das Surren der Teigwarenmaschine im Ohr, die warmen, geschmeidigen Spaghetti in der Hand, der Anblick eines Lebensmittels, das so viel schöner und unregelmässiger ist, als die Industrieware. 

3. Die frische Pasta im Teller. So unbeschreiblich gut, dass auch die Katze nicht widerstehen kann, ja, nicht einmal das Prinzchen.

4. Vier Kinder, die vergnügt im Auto sitzen und einander sagen, wie froh sie doch sind, Geschwister zu haben, denn ein Leben ganz ohne Brüder und Schwester, das kann man sich doch einfach nicht vorstellen. Ich meine sogar aus dem Mund des FeuerwehrRitterRömerPiraten den Satz „Ich hab‘ euch gern“ gehört zu haben, aber vielleicht bilde ich mir das bloss ein. 

5. Karlsson, der am Mittag verschwitzt und glücklich vom Training mit den Pontonieren nach Hause kommt und es kaum erwarten kann, am Dienstag wieder auf den Fluss zu gehen. Jawohl, die Rede ist hier von Karlsson „Ich hasse jede Art von sportlicher Betätigung“ Venditti!

6. Ein sehr müder Zoowärter, der nach einem Wutanfall fast in meinem Arm einschläft. Gibt es ein schöneres Gefühl? Nun ja, ohne vorangehenden Wutanfall wäre es noch etwas schöner gewesen…

7. Macadamianüsse.

8. Ein Prinzchen, das vor lauter Freude quietscht, weil ich mal wieder etwas zu schnell war in der Kurve.

9. Luises erstes Wachtelei, noch ganz warm, leicht klebrig und offenbar so gut, dass sie es gegessen hat, obsch0n sie gar keine Eier mag.

Nun möchte ich natürlich nicht, dass meine Leserschaft glaubt, bei uns sei plötzlich über Nacht die Idylle eingekehrt. Im Gegenteil, auch heute habe ich herumgebrüllt, auch heute hatten wir ein paar ziemlich heftige vorpubertäre Ausbrüche – oder waren die vielleicht schon pubertär? -, auch heute habe ich den Tag nicht ohne Mittagsschlaf und einigen tiefen Seufzern überstanden und zudem habe ich heute nach elfeinhalb Jahren Mutterschaft Bekanntschaft mit der Kinderkrankheit Ringelröteln geschlossen und dies gleich in dreifacher Ausführung. Bei weitem nicht perfekt also, aber immerhin so schön, dass ich mich das eine oder andere Mal dabei ertappt habe, wie ich lauthals gelacht habe. 

 

 

Hausfrauentest bestanden

Wie gestern bereits erwähnt,  steht „Meiner“ in Sachen Pflichtgefühl und Opferbereitschaft der durchschnittlichen Mutter und Hausfrau in nichts nach. Ich würde gar behaupten,  dass man ihn deutlich seltener bei Kaffee und Klatsch antrifft,  obschon auch die durchschnittliche Hausfrau und Mutter nicht allzu oft Zeit dafür findet. Den letzten Beweis,  dass „Meiner“ es durchaus mit uns aufnehmen kann,  hat er an diesem Wochenende erbracht. Was tut der gute Mann,  wenn er endlich einmal ein paar Tage für sich hat? Na,  was wohl? Er holt seine Magen-Darm-Grippe hervor,  die er sich eigens für diesen Moment aufgespart hat,  denn im Alltag hat man einfach zu wenig Zeit,  sie so richtig zu geniessen. Im Ländli aber,  wo sie dir am Morgen ein Buffet und zweimal am Tag ein mehrgängiges Menü servieren und wo du dich in die Wellness-Oase zurückziehen kannst,  wann immer dir der Sinn danach steht,  bietet eine kleine Grippe den perfekten Kontrast zu dieser gezwungenen „Lass es dir gut gehen“-Atmosphäre. Hier kann man zelebrieren,  was zu Hause immer zu kurz kommt. Am Montag wird er sich wieder kerngesund in den Trubel des Alltags stürzen können. Der Mann weiss eben,  was sich für Hausfrauen und -männer gehört.

 

Hört das denn gar nie auf?

Seit drei Wochen nun schon das gleiche Muster: Montag bis Freitag das übliche Karussell mit kranken Kindern, Arbeit, Haushalt und nahezu verpassten Terminen, am Samstag der aufrichtige Versuch, trotz Aufräumwut und anderen Pflichten das Familien- und Eheleben zu geniessen, am Sonntag von Käfern belagert im Bett oder auf dem Sofa. Am Montag dann wieder aufrappeln, denn Dinge liegen lassen geht nun mal nicht. Okay, ich sehe ja durchaus auch die positiven Seiten an dieser Routine. Immerhin schaffe ich es so, die Sonntagspresse von vorne bis hinten durchzuackern. Und meiner Linie bekommt es auch nicht schlecht, wenn ich kaum einen Bissen herunterkriege. Aber wenn der FeuerwehrRitterRömerPirat vom Kindergottesdienst nach Hause kommt und seine schlafende Mama an die Stirn tippt um herauszufinden, ob sie noch lebt, dann ist das für mich ein Zeichen, dass es jetzt endlich reicht mit diesen elenden Seuchen. Also, meine lieben Käferchen, sucht euch endlich ein anderes Opfer, vorzugsweise eines ausserhalb meines Familienkreises, denn wenn ihr während der Woche meine lieben Kinderlein oder „Meinen“ attackiert, dann kann ich mir den Platz auf dem Sofa für nächsten Sonntag heute schon reservieren.

So schwer kann das doch nicht sein, oder?

Eigentlich hätten „Meiner“ und ich uns ja eine Schnulze reinziehen wollen, aber dann sind wir bei „Fast Food Nation“ gelandet und schon verspüre ich wieder diesen inneren Drang, ab morgen alles anders zu machen. Das Fleisch für die Fleischesser in der Familie nur noch beim Bauern kaufen, nur noch so viel kochen, dass keine Resten bleiben, noch genauer darauf achten, dass nur Saisongerechtes im Einkaufswagen landet, mein Konto bei der Grossbank auflösen und das Geld in Zukunft unter der Matratze verstecken, „Made in China“ boykottieren, eine eigene Bienenzucht aufbauen, eine Kuh in den Garten stellen, das Hausdach mit einer Photovoltaik-Anlage versehen, das Auto nur noch in wirklich dringenden Notfällen brauchen, wobei „mir tun die Füsse weh und ich mag jetzt nicht zu Fuss gehen“ nicht mehr als Notfall durchgeht, die eigene Zeit nur noch für Sinnvolles einsetzen, endlich genügend Geld verdienen, damit wir uns in allen Lebensbereichen einen nachhaltigen Lebensstil leisten können und ausschliesslich ethisch und politisch korrekte Gespräche führen. Der ganze Mist, den wir als „Lebensqualität“ preisen, der uns aber in Wirklichkeit zu stressgeplagten, umweltzerstörenden, asozialen Monstern werden lässt, hängt mir heute Abend noch mehr als gewöhnlich zum Hals heraus. 

Da sitzen wir auf dem Sofa, „Meiner“ und ich, diskutieren über den Film und einmal mehr kommen wir zu dem Schluss, dass sich in unserem Leben gar nicht so viel ändern müsste, damit wir unseren Idealen zumindest einige Schritte näher kämen. Hier ein wenig Umdenken, da ein wenig konsequenter sein, dort die eine oder andere schlechte Gewohnheit ablegen und dann nur noch den Rest der Welt davon überzeugen, dass sie es uns gleichtun sollen. So wenig müsste getan werden, damit wir endlich wieder mit einem ruhigeren Gewissen einschlafen könnten.