Was ich mir für 2017 wünschen würde

  • Dass Frieden wieder als ein absolut erstrebenswerter Zustand betrachtet wird und nicht als ein vollkommen veraltetes Konzept für Memmen, die es nicht wagen, anderen aufs Dach zu geben.
  • Dass Kinder ihre unheimliche Fähigkeit verlieren, jede Ersatzpackung Zahnbürsten sofort aufzuspüren und aufzureissen. (Selbstverständlich gilt dieser Wunsch für jede beliebige Art von Ersatzpackungen, die man irgendwo versteckt, in der Hoffnung, Ersatz zur Hand zu haben, wenn es mal dringend nötig wäre.)
  • Dass es wieder möglich wird, unterschiedliche Meinungen zu vertreten, hitzig zu diskutieren und einander trotzdem zu mögen.
  • Dass Pokémonologie zum Pflichtfach an jeder Schule erklärt wird, weil nur so eine gewisse Möglichkeit besteht, dass die Knöpfe endlich ihr Interesse an den Viechern verlieren.
  • Weniger Religiosität und mehr echten Glauben.
  • Dass das Denken über die eigene Nasenspitze hinaus wieder richtig in Mode kommt.
  • Die Abschaffung von Überraschungseiern, als Kokosnüsse getarnten Aludosen, Wochendendtrips nach New York, in Plastik geschweissten Gurken und anderem Blödsinn.
  • Eine Extraportion Nächstenliebe für jeden Menschen auf diesem Planeten.
  • Regen
  • Gemeinsame Mahlzeiten, bei denen nicht einer motzt.
  • Dass soziale Medien nicht immer asozialer werden. (Also, ich meine jetzt nicht, weil alle nur noch auf ihre Displays starren…)
  • Dass alle Kinder lernen, Blumenkohl zu lieben (Für den Anfang reichen auch zwei oder drei. Hauptsache, der Zoowärter muss sich nicht immer so unverstanden fühlen, wenn er von seiner Leibspeise schwärmt.)
  • Dass der Wahnsinn, der in letzter Zeit so furchtbar modern ist, ein Ende findet, bevor wir glauben, er sei ganz und gar normal.
  • Dass unsere Kinder zu Menschen heranwachsen, die mitdenken und mitgestalten, anstatt einfach nur mitzulaufen.
  • Mindestens einen Abstimmungssonntag, an dem ich nicht Trübsal blasen muss.
  • Friede, Freude, Eierkuchen – aber echt jetzt!

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Was geht mich das an?

Nach dem Ende der Nazi-Diktatur kam irgendwann die Frage auf, wer wie viel über die Gräuel gewusst hat. Es war eine der entscheidenden Frage, um herauszufinden, wer sich in welchem Masse schuldig gemacht hatte. Wissen und doch nichts dagegen tun, das gilt in den Augen von uns Nachgeborenen als Mitschuld – zu Recht, wie ich meine.

Die Frage ist einfach, wie es mit unserer eigenen Mitschuld steht. Die Gräuel der heutigen Zeit geschehen vor laufender Kamera, dank nahezu lückenloser Berichterstattung wissen wir Bescheid darüber, wo die Menschen unmenschlichem Leid ausgesetzt sind; dank kritischem Journalismus, der Gott sei Dank noch nicht ganz am Ende ist, können wir sogar erfahren, wo wir mitverantwortlich sind für dieses unmenschliche Leid.

Und, wie steht’s? Treibt uns dieses Wissen dazu an, (anders) zu handeln? Selten. Ja, es gibt vereinzelte Menschen, die alles stehen und liegen lassen, um dem Leiden den Kampf anzusagen. Dann gibt es solche, die sich rechtschaffen darum bemühen, so zu handeln, dass das Leiden der anderen nicht noch grösser wird. Die grosse Masse aber gibt sich im besten Fall einen Augenblick lang betroffen und macht dann weiter wie bisher. Im schlimmsten Fall werden Argumente gesucht, warum das eben einfach so sein muss und warum die vom Leid betroffenen im Grunde genommen selber Schuld sind. Wissen allein verändert noch gar nichts, auch heute nicht.

In der Bibel heisst es irgendwo sinngemäss, wer viel wisse, mache sich für vieles mitverantwortlich. Wenn ich bedenke, wo wir überall überall Mitwisser sind, sehe ich nur zwei Wege, die wir gehen können: Den technischen Fortschritt soweit zurückdrehen, dass wir nicht mehr so viel wissen, oder soweit es in unserer Macht steht verantwortungsbewusst handeln.

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Kostbar

In den vergangenen Jahren ist etwas passiert in meinem Inneren. Ich habe meine Religiosität Schritt für Schritt abgelegt – und als Ersatz den Glauben gefunden. Man mag sich fragen, wo der Unterschied liegt und offen gestanden fällt es mir nicht leicht, in Worte zu fassen, was dies genau bedeutet. Vielleicht lässt es sich am besten mit einem Beispiel erklären.

Früher, zum Beispiel, gab es für mich keine Mahlzeit ohne Tischgebet, so etwas ging einfach nicht. Heute geht das Tischgebet im Alltagstrubel meist unter, aber ich empfinde eine tiefe Dankbarkeit für die unendliche Vielfalt an Geschmacksrichtungen, für die Fülle an Lebensmitteln, für das Geschenk, dass ich die Mahlzeiten mit Menschen teilen darf, die mir alles bedeuten. Aus dieser Dankbarkeit erwächst aber auch die Frage, was mit all den Menschen ist, die nicht haben, was ich im Überfluss geniessen darf und wo sich in meinem Leben Möglichkeiten bieten, dies zumindest im Kleinen zu verändern. Es ist eine Entwicklung weg vom Reden und hin zum Tun.

Was im Inneren geschieht und so schwer fassbar ist, ist mir unendlich kostbar geworden und ich möchte es um keinen Preis verlieren. Meine aufgewühlte Seele kommt darin zur Ruhe, mein Versagen und meine Ängste, aber auch meine Leidenschaften und Begabungen finden darin einen sicheren Raum. Dafür aber habe ich geradezu eine Allergie entwickelt gegen alles, was nach hohlen Ritualen und leeren Floskeln riecht. Ein Hauch zu viel von „Du sollst“ und meine Tür ist zu. Eine Prise von „der Herr hat gesagt“ und ich mag nicht mehr hinhören. Zwei oder drei religiös verbrämte Verhaltensregeln und mich überkommt der unbändige Drang, mich dagegen aufzulehnen. Meine Abneigung dagegen ist so gross, dass es mit schwer fällt, Menschen zu mögen, die in darin Halt finden und für die das alles keine leeren Floskeln, sondern wichtige Stützen im Leben sind. Und doch ist es genau das, was ich lernen möchte, denn so lange ich mich noch über diese Menschen ärgere, bin ich selbst nicht ganz frei von dem, was ich vollends loslassen will.

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