Dinge, die ich in den letzten Tagen gelernt habe

  • Der Satz „Die Eltern kennen ihr Kind am besten“ gilt bei gewissen Ärzten nur, solange Mama und Papa mit ihrer Einschätzung auf ihrer Linie liegen. Allzu starke Abweichungen von der ärztlichen Meinung darf sich das elterliche Bauchgefühl nicht erlauben, sonst wird es schnell einmal schwierig.
  • Es gibt auf diesem Planeten mindestens einen Spitalclown, der so umwerfend komisch ist, dass er selbst meine miese Laune zu vertreiben vermag. Der Kerl hätte vermutlich sogar unserem Bundespräsidenten den Anflug eines Lächelns aufs Gesicht gezaubert. 
  • Manche Menschen fühlen sich offenbar durch ihren Titel dazu berechtigt, ein neunjähriges Kind in Abwesenheit seiner Mutter zu fragen, ob es manchmal so verzweifelt sei, dass es nicht mehr leben wolle. Bin mir immer noch unschlüssig, ob ich es dabei belassen soll, das verwirrte Kind wieder gerade zu rücken, oder ob ich doch eine bissige Rückmeldung geben soll. (Nein, drängt mich bitte nicht dazu. Das Erstgespräch war schon eher…na ja… schwierig und ich weiss nicht ob ich mich noch einmal auf so etwas einlassen mag.)
  • Trotz allem gibt es noch ein paar ganz anständige Ärzte da draussen, mit denen sich ein Konsens finden lässt. Vielleicht hat es geholfen, dass ich irgendwann gesagt habe: „Ich lechze nicht nach Ihrer Aufmerksamkeit, ich brauche auch nicht unbedingt eine Diagnose, ich will nur, dass es meinem Kind endlich wieder besser geht.“
  • Ich brauche wirklich keine Diagnose, um glücklich zu sein. Wenn man mich endlich halbwegs ernst nimmt und zumindest versucht, den festgefahrenen Pfad zu verlassen und einen neuen zu suchen, bin ich schon ganz zufrieden. Erst recht, wenn wir diesen Pfad mehrheitlich zu Hause weitergehen können und nicht mehr in diesem engen Zimmerchen eingesperrt bleiben müssen.
  • Wobei anzumerken wäre: In diesem engen Zimmerchen ist es sehr viel erträglicher, wenn es von zwei Grossfamilienkindern geteilt wird, die sich trotz drei Jahren Altersunterschied blendend verstehen. Dieser Zoowärter findet doch einfach überall, wo er hingeht, einen Freund, mit dem er sich schieflachen kann. 
  • Bauchschmerzen sind auch so ein Thema, zu dem jeder eine Meinung hat. Eine Meinung, die übrigens meist deckungsgleich ist mit der Meinung, die diese Person über Kopfschmerzen hat. 
  • Ich brauche jetzt ganz dringend ein paar Gartentage. Also, sobald ich die verpasste Arbeitszeit nachgeholt und den Haushalt wieder im Griff habe…

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Warum es hier im Moment etwas still ist

Nach zwei Wochen Schulferien und vier Wochen mit mindestens einem kranken Kind im Haus…

Nach so vielen Arztterminen, dass ich schon längst damit aufgehört habe, sie zu zählen…
Nach diversen Elterngesprächen…

Nach mühsam zusammengestückelten Arbeitstagen…

Nach vielen nicht immer gelungenen Versuchen, den kranken Kindern die Pflege zu geben, die sie brauchen und dabei die Bedürfnisse der gesunden Kinder nicht aus den Augen zu verlieren…

Nach einem ausgewachsenen Zoff mit „Meinem“…

Nach Tagen, an denen Auto, Geschirrspüler, Mixer und Herd sich aufführen wie ungezogene Kleinkinder…

Nach einigen Episoden, bei denen mir der Kragen geplatzt ist…

Nach zahlreichen unruhigen Nächten…

Nach zu vielen Programmänderungen…

…bin ich schlicht und ergreifend so müde, wie ich es seit der Zeit, als Prinzchen noch ein Baby war, nicht mehr gewesen bin. Leider kein gutes Umfeld für üppig spriessende, knackige Texte. 

Andere schriftliche Erzeugnisse entstehen aber durchaus in diesen Tagen. Ich möchte jedoch betonen, dass das untenstehende Fragment aus Prinzchens Feder rein gar nichts zu bedeuten hat:

 

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Zoff mit der Glucke

„Wie geht es dir denn so?“, fragte mich neulich eine entfernte Bekannte und wie man eben sagt, wenn Menschen, die einem nicht besonders nahe stehen, antwortete ich: „Ganz gut, danke“ und obschon das sehr oberflächlich klingt, meinte ich es mehr oder weniger so, wie ich es sagte. Nach ein paar Minuten Smalltalk trennten sich unsere Wege, aber ich blieb nicht lange alleine, denn die Glucke gesellte sich zu mir.

Glucke: „Bist du von Sinnen? Du behauptest, dir gehe es gut, dabei sind doch da die Kinder…“

Ich (ungeduldig, denn ich hatte gerade absolut keine Lust auf die Glucke): „Die Bekannte hat nach meinem Befinden gefragt, nicht nach dem Befinden der Kinder.“

Glucke (verständnislos): „Und wo ist da der Unterschied? Geht es den Kindern gut, geht es dir auch gut, geht es den Kindern schlecht, geht es dir auch schlecht. Ist doch ganz einfach.“

Ich: „Na ja, oberflächlich betrachtet, hast du bestimmt recht. Die Sorge um die Kinder kann einen tatsächlich ganz schön in Beschlag nehmen. Bei genauerem Hinsehen, kann ich aber sagen, dass mein Leben momentan viel näher an dem dran ist, was ich schon immer angestrebt habe. Ich bin also ganz zufrie…“

Glucke (unterbricht mich empört, schreit beinahe): „Zufrieden? Wolltest du wirklich zufrieden sagen? Ist dir Zoowärters Bauchweh denn egal? Und Luises Kopfweh? Karlssons Prüfung? Die Sorgen des FeuerwehrRitterRömerPiraten? Prinzchens Grippe? Geht dir das alles am A… vorbei?“

Ich: „Himmel, nein, natürlich ist mir das alles nicht egal und es beschert mir auch mehr als genug schlaflose Nächte, aber die Frage lautete nicht, wie es den Kindern geht, es ging ausnahmsweise mal um mein Befinden und das ist momentan eigentlich ganz gut. Mal abgesehen davon, dass mein Schreiben unter den aktuellen Umständen leidet und ich manchmal ziemlich gestresst bin wegen der vielen Arzttermine…“

Glucke: „Mir wird gleich schlecht vor so viel Egoismus. Die jammert doch tatsächlich über Arzttermine und mangelnde Zeit, um sich selbst zu hätscheln. Und dann klagt sie auch noch, die Leute würden zu wenig nach ihr fragen.“

Ich: „Wann, bitte sehr, habe ich mich beklagt, die Leute würden zu wenig nach mir fragen?“

Glucke: „Na, gerade eben. Dieses ‚ausnahmsweise‘, das du da eingeschoben hast, hat Bände gesprochen. Du möchtest also lieber gefragt werden, wie denn das Befinden der verwöhnten Prinzessin sei, die wegen ihrer Brut vom Schreiben abgehalten wird?“

Ich: „Nun hör schon auf, mir Dinge in den Mund zu legen, die ich so nicht gesagt habe. Dieses ‚ausnahmsweise‘ sollte nur darauf hinweisen, dass ich derzeit sehr viel Zeit damit verbringe, mit anderen Leuten über die Sorgen meiner Kinder zu sprechen. Manchmal muss ich da einfach wieder etwas Abstand gewinnen, um dankbar sagen zu können, dass das Leben trotz aller Schwierigkeiten, die wir derzeit zu meistern haben, eigentlich ganz gut ist. Man wird ja wohl noch differenzieren dürfen, ohne gleich als Rabenmutter abgestempelt zu werden.“

Glucke (mit Tränen in den Augen): „Differenzieren? Wenn dein eigen Fleisch und Blut schwierige Zeiten durchmacht, wird nicht differenziert, dann wird gefälligst mitgelitten und zwar so, dass du, wenn du nach deinem Befinden gefragt wirst, nur noch in Tränen ausbrechen kannst. So macht man das, wenn man ein Herz in seiner Brust hat.“

An diesem Punkt wurde mir einmal mehr bewusst, wie unmöglich es ist, mit der Glucke ein halbwegs vernünftiges Gespräch zu führen. Ich liess sie links liegen, wandte mich dem Zoowärter zu und fragte: „Wie geht es dir denn heute?“ „Meinem Bauch überhaupt nicht gut“, antwortete er, „aber ich könnte platzen vor Freude, wenn ich daran denke, dass mich morgen mein bester Freund besuchen kommt.“

Da siehst du mal, meine liebe Glucke, wie gut das geht mit dem Differenzieren…

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Fast schon wie früher

Kurz nach Mittag, Mama Venditti sitzt am halb abgeräumten Esstisch und denkt halblaut nach: „Hmmm, mal überlegen…was steht heute Nachmittag alles an? Zuerst müsste ich…“

Der Zoowärter kommt angehumpelt (Sein Bauch schmerzt noch immer.): „Mama, machst du mir einen Tee?“

Mama Venditti geht in die Küche, um Teewasser aufzusetzen und murmelt: „Okay, erst mal Tee kochen und dann…“

Wenig später sitzt das Kind mit dem Tee auf dem Sofa, Mama wendet sich wieder ihren Tagesplänen zu: „Also, zuerst müsste ich schnell in den Garten, bevor der Regen…“

Weiter kommt sie nicht, denn jetzt steht Luise da: „Mama, wo ist mein Französischbuch?“

Mama: „Ich weiss nicht, aber du musst jetzt doch nicht lernen, wenn du krank geschrieben bist.“

Mama und Tochter diskutieren eine Weile, Tochter zieht sich ins Zimmer zurück, Mama versucht, ihren Gedankenfaden wieder aufzunehmen: „Zuerst also in den Garten und dann…“

Karlsson ruft: „Mama, kann ich den Laptop nehmen?“ 

Karlsson? Müsste der nicht längst in der Schule sein? Ach nein, der darf ja für seine Projektarbeit zu Hause arbeiten. Mama holt den Laptop, Sohn richtet sich ein, Mama mag jetzt nicht mehr länger überlegen und geht in den Garten, bevor der Regen kommt.

Das Fenster des Esszimmers geht auf, Karlsson schaut raus: „Mama, der Computer spinnt. Kommst du kurz hoch?“

Mama lässt die Akeleien, die eingepflanzt werden möchten, achtlos liegen und geht seufzend die Treppe hoch. Der Computer spinnt tatsächlich und fordert ziemlich viel Aufmerksamkeit, bis er sich wieder eingekriegt hat.

Mama geht zurück zu ihren Akeleien, Augenblicke später geht das Fenster wieder auf. Der Zoowärter: „Mama, mir ist sooooooo langweilig…“

Mama: „Moment, ich komme gleich hoch.“ Hastig buddelt sie die restlichen Akeleien, den Eisenhut und den Rittersporn in die Erde und geht wieder hoch, um sich des Unterhaltungswunsches ihres Sohnes anzunehmen. Bevor sie dazu kommt, muss aber noch einmal eine Computerfrage von Karlsson geklärt werden und Luise, die nun trotzdem Hausaufgaben macht, braucht ebenfalls Hilfe. Dann endlich schreibt sie eine Nachricht an die Mutter von Zoowärters Freund, um einen Besuch zu arrangieren, damit das Kind ein paar Stunden mit Brettspielen von den Bauchschmerzen abgelenkt wird.

Einen Moment lang ist alles ruhig, Mama Venditti fängt wieder an zu überlegen: „Okay, der Garten ist für heute erledigt. Dann wäre da noch der Brotteig…“

Viel weiter kommt sie nicht, denn schon wieder steht da jemand, der etwas braucht und dann schon wieder und dann schon wieder und dann schon wieder, bis irgendwann der Nachmittag um ist und Mama Venditti erkennt, dass das Stundenplanwunder bis auf Weiteres ausser Kraft gesetzt ist. 

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Grossfamiliengeplänkel

Bei Karlsson ist es die Anspannung vor der grossen Prüfung Mitte März.

Bei Luise ist es der Kopf, seit mehr als sechs Monaten schon.

Beim FeuerwehrRitterRömerPiraten sind es die Ohren, manchmal auch der Kopf, dann wieder der Bauch, immer wieder, den ganzen Winter schon. Daraus resultierend die Frage, ob es Viren oder Bakterien sind, oder vielleicht doch eher das Leiden am Schulalltag.

Beim Zoowärter ist es der Bauch, zwei Wochen nach dem letzten Arztbesuch schon wieder so heftig, dass die Glucke einmal mehr mahnt, das Ganze erinnere sie irgendwie an Karlssons Blinddarmgeschichte.

Beim Prinzchen ist es die Laune. 

Bei „Meinem“ auch. 

Das alles findet natürlich keiner besonders lustig, am allerwenigsten meine Nerven, die jetzt auch allmählich zu rebellieren anfangen. 

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Mütterliche Nerven

Natürlich sind mir solche Aktionen ganz und gar nicht fremd. Fühlte ich mich in meinen Zimmer nicht mehr wohl, wurde bis spät abends umgestellt, ganz egal, ob andere schlafen wollten. Waren mir meine Möbel verleidet, tauschte ich mit Brüdern und Schwestern, bis jeder wieder eine halbwegs annehmbare Einrichtung hatte. Passte mir die Farbe eines alten Kleiderschranks nicht mehr, durchwühlte ich das ganze Haus, bis ich irgendwo einen halbwegs hübschen Farbrest auftreiben konnte und dann wurde gestrichen. War mir die Tapete verleidet, lag ich meiner Mutter so lange in den Ohren, bis sie mich endlich ins Möbelhaus karrte, wo man damals noch billige, bunte Tapeten bekam. Ich erinnere mich lebhaft daran, wie „Meiner“ und ich bis abends um elf die Wände zukleisterten. Ob ich ihm als Gegenleistung dabei half, seine Wände mit lilafarbenen Kreisen zu verzieren, oder ob er das alleine gemacht hat, weiss ich nicht mehr. Auf alle Fälle sahen beide Zimmer danach ganz furchtbar aus.

Wenn nun also Luise, die sich bis jetzt damit zufrieden gegeben hat, alle drei Monate ihre Möbel umzustellen, in einer kopfwehfreien Stunde zum Farbroller greift, um ihre grünen Wände rosarot zu streichen und das Weiss ihrer weissen Wände aufzufrischen, erstaunt mich das keineswegs. Überrascht bin ich jedoch, wie unglaublich belastend solche Aktionen für das mütterliche Nervensystem sind.

Fragt sich nur, ob ich das früher nicht bemerkt habe, weil meine Mutter sich so gut im Griff hatte, oder weil ich mit der gleichen Blindheit für mütterliche Empfindungen geschlagen war wie Luise heute.

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„Meiner“ wird das nie verstehen

Da kommst du nach einem langen Arbeitstag nach Hause und nichts ist, wie es gewesen war, als du am Morgen das Haus verlassen hattest. Das Wohnzimmer leer, der Fernseher im Flur, der Esstisch fast im Erker und dort, wo der Esstisch gewöhnlich steht, das Sofa, völlig quer in der Landschaft, umgeben von einigen Kleinmöbeln, über die du klettern müsstest, um dir eine Banane aus der Obstschale zu angeln. Dazu dieser alles durchdringende Geruch von Möbelpolitur, der deinen von den langen Stunden am Computer bereits benebelten Kopf noch ein wenig nebliger werden lässt. Und in diesem Zustand solltest du auch noch in der Lage sein, mit „Deinem“ darüber zu diskutieren, wo das Sofa hinkommen soll, nachdem der Fussboden die penetrant stinkende Politur in sich aufgesogen hat.

„Meiner“ wird nie verstehen, wie sehr mich ein solches freiwillig herbeigeführtes Chaos überfordert, denn er wird es nie erleben, dass ich mir ein derartiges Projekt aufhalse, wenn ich den ganzen Tag mit der Horde alleine bin. Mir reicht es ja vollauf, mit meinen beiden viel zu kleinen Händen den viel zu überladenen Alltag im Griff zu behalten.

Und wenn ihr das Geheimnis brav für euch behaltet, wird er auch nie erfahren, wie sehr ich ihn insgeheim für seinen Mut bewundere.

Ihr solltet ihm das wirklich nicht verraten, sonst wird er übermütig und dann sieht es nächstes Mal, wenn ich den ganzen Tag auswärts arbeite, noch viel schlimmer aus, wenn ich nach Hause komme.

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Kommt drauf an, wen man fragt

Nehmen wir mal an, ich stünde am Esstisch, hätte die Hände im klebrigen Brotteig und bräuchte dringend Mehl. Je nachdem, welches Familienmitglied gerade in der Nähe wäre, würde meine Bitte nach Mehl auf ganz unterschiedliche Weise aufgenommen.

Karlsson

Ich: „Karlsson, reichst du mir bitte ein Schüsselchen von dem Mehl aus dem grossen Sack? Meine Hände kleben fest.“

Karlsson: „Ich muss erst noch dieses Menuett fertig spielen.“

Ich: „Ich brauche aber dringend Mehl. Kannst du nicht kurz unterbrechen?“

Karlsson: „Okaaaaaay…“ (Schlurft widerwillig in die Küche, tut, wie ich ihn gebeten habe und geht zurück aus Klavier.)

Luise

Ich: „Luise, reichst du mir bitte ein Schüsselchen von dem Mehl aus dem grossen Sack? Meine Hände kleben fest.“

Luise: „Warum immer ich?“

Ich: „Na ja, du bist gerade zufällig in der Nähe und ich brauche Mehl.“

Luise: „Warum fragst du nicht Karlsson oder den Zoowärter?“

Ich: „Weil die jetzt gerade nicht da sind und ich brauche dringend Mehl.“

Luise: „Immer muss ich! Nie fragst du die anderen! Warum muss immer ich alles machen?“

Ich: „Himmel, ich verlange ja nicht die Welt von dir. Nur ein Schälchen voll Mehl. Du isst ja auch von dem Brot.“

Luise: „Ich esse fast nie Brot.“

Sie macht sich schnaubend am Mehsack zu schaffen und reicht mir widerwillig das Mehl. Vermutlich wird es keine zwanzig Minuten dauern, bis sie sich unaufgefordert bei mir entschuldigen kommt. Und mit ziemlicher Sicherheit wird sie die Erste sein, die sich eine Scheibe Brot abschneidet, wenn es aus dem Ofen kommt.

FeuerwehrRitterRömerPirat

Ich: „FeuerwehrRitterRömerPirat, reichst du mir bitte ein Schüsselchen von dem Mehl aus dem grossen Sack? Meine Hände kleben fest.“

FeuerwehrRitterRömerPirat: „Kleben sie an der Decke oder an der Schüssel?“

Ich: „Am Teig.“

FeuerwehrRitterRömerPirat: „Warum kleben sie nicht am Mehl?“

Ich: „Weil Mehl nicht klebt.“

FeuerwehrRitterRömerPirat: „Aber Teig ist auch aus Mehl. Warum klebt der dann?“

Ich: „Weil im Teig Wasser ist und dadurch der Weizenkleber… Ach, komm schon, ich erkläre dir das später. Ich brauche jetzt wirklich dringend Mehl. Das Zeug wird schwer in meinen Händen.“

FeuerwehrRitterRömerPirat: „Warum wird es denn schwer? Mehl ist doch federleicht.“

Ich: „Ja, Mehl alleine schon, aber…“

FeuerwehrRitterRömerPirat: „Aber der Mehlsack ist doch schwer. Warum sagst du dann, Mehl sei federleicht?“

Ich: „Da sind ja auch 25 Kilo drin. Und du hast gesagt, Mehl sei federleicht, nicht ich. Aber reich mir jetzt bitte ein wenig von dem Mehl.“

FeuerwehrRitterRömerPirat: „Den ganzen Sack oder nur ein einzelnes Mehlstäubchen?“

Ich: „Ein Schüsselchen voll, aber bitte schnell! Mir fault die Hand ab?“

FeuerwehrRitterRömerPirat: „Warum ist deine Hand nicht schwarz, wenn sie abgefault ist?“

Ich: „M-E-H-L, aber bitte sofort.“

FeuerwehrRitterRömerPirat macht sich endlich am Mehlsack zu schaffen und denkt derweilen laut über die Frage nach, warum Mehl nicht in der Küche herumfliegt, wo es doch so leicht ist.

Zoowärter

Ich: „Zoowärter, reichst du mir bitte ein Schüsselchen von dem Mehl aus dem grossen Sack? Meine Hände kleben fest.“

Zoowärter: „Ja, Mama.“ Ich höre, wie es im Küchenbüffet rumort. Nach einer halben Ewigkeit….

Zoowärter: „Sooooo, jetzt brauche ich nur noch….“ Wieder Rumoren, diesmal im Behälter mit den Küchenutensilien, dann nach einer weiteren Ewigkeit…

Zoowärter: „Sooooo, dann wollen wir mal….“

Ich: „Zoowärter, ich brauche jetzt wirklich dringend Mehl. Geht’s?“

Zoowärter: „Ja, Mama.“

Es passiert lange nichts, nur das Rascheln des Mehlsacks ist zu hören. Dann…

Zoowärter: „Ich glaube, ich muss das anders machen….“

Ich: „Zoowärter! Ich brauche Mehl!“

Zoowärter: „Ja, Mama. Ich bin gleich soweit. Ich muss nur eine andere Schüssel finden.“

Mir schwant Böses, also begebe ich mich mit dem ganzen Teig an den Händen vom Esszimmer, wo ich knete, in die Küche, wo er hantiert. Der Fussboden ist voller Mehl, eine Schöpfkelle liegt neben dem Mehlsack, der Zoowärter hält eine riesige Schüssel mit mindestens drei Kilo Mehl in den Händen und strahlt mich an. Ich seufze.

Ich: „Eine kleinere Schüssel hätte auch gereicht, aber danke.“

Zoowärter: „Gern geschehen, Mama.“

Prinzchen

Ich: „Prinzchen, reichst du mir bitte ein Schüsselchen von dem Mehl aus dem grossen Sack? Meine Hände kleben fest.“

Prinzchen: „Ja, sofort. Und darf ich nachher gleich noch die Hefe in den Teig geben?“

Ich: „Das habe ich leider schon gemacht.“

Prinzchen (Zieht eine Schnute): „Aber das Salz darf ich schon noch zufügen?“

Ich: „Das habe ich leider auch schon gemacht. Aber das Mehl darfst du mir reichen.“

Prinzchens Gesicht wird länger. Er schaut mir dabei zu, wie ich mit dem klebrigen Teig ringe.

Ich: „Kannst du mir jetzt bitte Mehl holen?“

Prinzchen: „Von mir aus. Aber nachher backen wir noch Guetzli. Ich will nicht immer nur Mehl holen, ich will auch etwas Richtiges machen.“

„Meiner“

Ich: „‚Meiner‘, reichst du mir bitte ein Schüsselchen von dem Mehl aus dem grossen Sack? Meine Hände kleben fest.“

„Meiner“: „Einen Moment. Ich muss nur noch schnell den Abfallsack zuschnüren und die Hände waschen.“

Er erledigt, was er gesagt hat und kommt ins Esszimmer, wo ich mit dem Teig kämpfe.

„Meiner“: „Wahnsinn, das sieht genial aus. Lass mich nur schnell ein Foto machen. Das wird der Hammer.“

Bevor ich etwas sagen kann, ist er wieder weg, um die Kamera zu holen.

„Meiner“: „Stell dich mal so hin. Nein, etwas mehr Richtung Fenster. Und den Teig etwas höher. Ja, genau so…“

Ich: „Himmel, das Zeug ist schwer. Kannst du mir jetzt bitte das Mehl holen?“

„Meiner“ knipst ungerührt weiter.

„Meiner“: „Gleich. Nur noch ein paar Bilder. Etwas mehr nach links, wenn es geht. Nein, halt, nicht so weit. Noch etwas nach rechts…“

Ich: „Ich brauche Mehl! Jetzt gleich! Meine Hände fallen mir sonst ab…“

„Meiner“: „Gleich. Nur noch dieses eine Bild. Nein, lass den Teig nicht zurück in die Schüssel fallen! Du ruinierst das Bild! Wohin gehst du denn jetzt?“

Ich: „In die Küche. Ich brauche Mehl. Aber zuerst muss ich mir die Hände waschen. Sonst ist nachher alles verklebt.“

„Meiner“: „Ich hätte dir das Mehl doch gleich gebracht. Immer bist du so ungeduldig…“

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Begegnung mit einem früheren Ich

Neulich beim Aufräumen traf ich zufällig eines meiner früheren Ich. Nicht eines von ganz früher, so ein unbeschwertes Ding, frei von jeglicher Verpflichtung, sondern ein abgekämpftes mit tiefschwarzen Augenringen. Natürlich kamen wir sogleich miteinander ins Gespräch:

Früheres Ich (FI): Wie siehst du denn aus?

Ich (I): Wie soll ich schon aussehen? So wie eine fünffache Mutter, die zu wenig schläft, zu wenig für ihre Figur tut und kaum einen Moment zur Ruhe kommt, halt aussieht.

FI: Du schläfst zu wenig? Das ich nicht lache! Jetzt, wo die Kinder alle gross sind, gibt es doch keine durchwachten Nächte mehr.

I: Du hast ja keine Ahnung. Luise schläft so schlecht wie eh und je…

FI (unterbricht mich): Das glaube ich dir nicht. So schlecht, wie damals, als ich mit dem Zoowärter schwanger war und auf dem Zahnfleisch ging, kann es nie und nimmer sein.

I: Noch einmal: Du hast ja keine Ahnung. Mag ja sein, dass sie nachts nicht mehr ganz so lange wach ist wie damals, aber in meinem Alter steckt man das auch nicht mehr so leicht weg, wenn das Kind regelmässig mitten in der Nacht neben dem Bett steht und über Schlaflosigkeit klagt. Du warst damals ja noch blutjung und unverbraucht.

FI: Unverbraucht? So fühlte ich mich aber ganz und gar nicht.

I: Ich hab neulich Bilder gesehen. Du sahst eindeutig besser aus als ich.

FI: Finde ich auch und ich frage mich, was du falsch machst. Ich meine, du hast ja jetzt jeden Vormittag ganz für dich alleine, kannst tun und lassen, was du willst, die Kinder sind eigenständig und du kannst mit „Deinem“ in den Ausgang, so oft du Lust hast.

I (mit einem zynischen Lachen): Ich weiss ja gar nicht, bei welchem Punkt ich anfangen soll, dich zu korrigieren…“

FI (erstaunt): Warum willst du mich korrigieren? Genau so habe ich mir die Zukunft in meinen süssesten Träumen vorgestellt. Du willst mir jetzt nicht etwa sagen, es sei anders gekommen?

I (seufzend): Tja, ich muss dir leider sagen, dass du die Zukunft etwas gar zu rosig ausgemalt hast. Das mit den freien Vormittagen zum Beispiel ist bei Weitem nicht so toll, wie du immer gedacht hast. An guten Tagen hast du die ganzen vier Stunden, um ungestört deinem Broterwerb nachzugehen, an komplizierten Tagen versuchst du, kranke Kinder, Haushalt und Job irgendwie parallel laufen zu lassen und an schlechten Tagen rennen ein kranker Lehrer, eine kaputte Waschmaschine, ein zu lange dauernder Arzttermin und eine verschobene Trompetenstunde alle deine Pläne über den Haufen…

FI: Das klingt ja ganz ähnlich wie bei mir damals…

I: So ist es auch, mit dem Unterschied, dass ich den Kindern jetzt erklären kann, weshalb ich explodiert bin. Du musstest ja jeweils damit klarkommen, dass sie dich mit traurigen Augen verständnislos ansahen, wenn du wie eine Furie durchs Haus gewetzt bist.

FI: Das war tatsächlich schlimm. Aber sag mal, mit „Deinem“ ist es jetzt bestimmt schon wieder fast wie vor meiner Zeit, als noch keine Kinder da waren.

I: Schon mal davon gehört, dass Teenager nicht um acht Uhr ins Bett gehen? Und von Hausaufgaben, die nach dem Abendessen erledigt sein wollen? Und von Prüfungsängsten, die sich immer dann bemerkbar machen, wenn die Eltern es sich mit einem Tässchen Tee gemütlich gemacht haben?

FI: Sooo schlimm wird das auch wieder nicht sein. Und ihr könnt ja jetzt auch so problemlos in den Ausgang gehen. Karlsson schmeisst den Laden doch bestimmt schon ganz alleine.

I: Karlsson macht das tatsächlich ganz gut, aber der Junge hat ja inzwischen auch seine eigenen Termine. Der ist nicht einfach auf Abruf verfügbar.

FI: Ach so, daran habe ich damals nicht gedacht. Aber im Sommer gehen sie jetzt doch bestimmt schon alle gleichzeitig ins Jungscharlager und ihr habt eine ganze Woche für euch.

I: Okay, wo soll ich anfangen? Bei Karlsson, der Luxus liebt und schlammige Zeltplätze verabscheut? Bei Luise, die sich jetzt auch schon zu erwachsen fühlt für die Jungschar? Beim Prinzchen, der erst übernächstes Jahr gross genug ist, um mit ins Lager zu fahren? Wo auch immer ich anfange, das Resultat bleibt das gleiche: Die Sache mit der freien Woche, weil alle gleichzeitig im Lager sind, war ein Luftschloss, das sich aufzulösen begann, bevor der Jüngste aus den Windeln war. Du hättest also ahnen können, dass es so kommt.

FI (betrübt): Dann ist also nichts so geworden, wie ich es mir erträumt habe…

I (tätschle ihr tröstend die Hand): Na ja, zumindest einer deiner Träume ist in Erfüllung gegangen. Ich kann jetzt wieder ganze Nächte lang dicke Schmöker lesen. Auf die eine schlaflose Nacht mehr oder weniger kommt es nach all den Jahren auch nicht mehr an.

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Wie soll man da demokratisch entscheiden?

Man empfiehlt ja uns Familien, wir sollten unsere Kinder in die Planung der gemeinsamen Ferien einbeziehen. Ein runder Tisch, an dem man beschliesst, wohin es gehen soll, wie lange man bleibt und wie man sich die freien Tage um die Ohren schlagen will. Eigentlich eine gute Idee, nur hat mir bis jetzt noch keiner sagen können, wie man mit sieben Sturköpfen einen Familienurlaub plant, wenn jeder ganz genau weiss, was er will und noch genauer, was er nicht will. 

Okay, die Frage, wohin es gehen soll, ist noch relativ einfach zu klären. Sechs von sieben wollen nach England oder Schweden, einige könnten sich auch noch mit Malta anfreunden und einer glaubt allen Ernstes noch immer daran, Mama und Papa hätten die nötigen Mittel und Nerven, um mit der ganzen Horde nach New York City zu fliegen. Da dies nicht der Fall ist und Gott sei Dank keiner das Bedürfnis bekundet, sich irgendwo an einem Strand im Süden braun rösten zu lassen, schauen wir mal, ob wir irgendwo in England oder Schweden unterkommen könnten und damit fangen die Probleme an.

Karlsson möchte ein Haus mit Antiquitäten, wenn möglich mit Klavier oder Cembalo, damit er während der Ferien nicht aufs Musizieren verzichten muss.

Luise hasst Antiquitäten, will auf gar keinen Fall auf WLAN verzichten und bevorzugt einen romantisch-verspielten, skandinavisch angehauchten Einrichtungsstil, ein Stil also, der Karlsson ganz und gar nicht zusagt. Ach ja, Meer fände Luise auch nicht schlecht. 

Dem FeuerwehrRitterRömerPiraten ist das Haus eigentlich egal. Hauptsache, er kann sich irgendwo ein neues Holzschwert oder einen Pfeilbogen kaufen. Am liebsten in Astrid Lindgrens Värld, wodurch natürlich England als Ferienziel für ihn aus dem Rennen ist.

Auch dem Zoowärter ist das Haus egal, solange es in New York City steht. Unsere Erklärungen, warum das von uns gewählte Haus ganz bestimmt nicht in New York City stehen wird, überhört er geflissentlich, denn dann liessen sich ja seine Träume nicht zu Ende träumen.

Dem Prinzen ist das Haus eigentlich auch egal. Es sollte einfach nahe genug bei Astrid Lindgrens Värld stehen, womit auch für ihn England seinen Reiz verloren hat. 

Unter dem Strich steht also England eher schlecht da, weshalb „Meiner“ und ich uns bei der Ferienhaussuche auf Schweden konzentrieren. Das heisst, ich konzentriere mich und er stellt derweilen im Kopf  ein paar Sonderangebote zusammen, die in seiner Fantasie unglaublich toll aussehen, auf der Homepage des Ferienanbieters aber leider nicht existieren. 

Irgendwann präsentiere ich voller Stolz meine Shortlist, sorgfältig auf die unterschiedlichen Wünsche aller Familienmitglieder abgestimmt und doch so, dass ich mir vorstellen könnte, an den Orten zu nächtigen, ohne andauernd asthmatisch zu keuchen. „Meiner“ schaut die Liste an und stänkert. Zu wenig nah am Wasser. Zu wenig Distanz zu den Nachbarn. Zu wenig kompatibel mit den Preisvorstellungen, an denen er in seiner Fantasie noch immer festhält, obschon ich ihm gesagt habe, dass sie in keinerlei Verbindung zur Realität stehen. 

Während „Meiner“ und ich also über die Häuser, die ich für geeignet halte, debattieren, wirft Karlsson ein, wir sollten uns doch nicht so viele Gedanken machen, das Haus mit dem schönen, schwarzen Konzertflügel sei doch perfekt, Luise stänkert, dorthin komme sie auf gar keinen Fall mit, „Meiner“ sucht nach einem Kompromissvorschlag und mich überkommen Zweifel, ob wir nicht besser etwas weniger weit nördlich gingen, in Südschweden sei es ja auch schön aber bedeutend näher. Also noch einmal eine Shortlist, noch einmal debattieren, ein paar neue Wünsche, wieder Shortlist, zusätzliche Wünsche, eine weitere Debatte…

Bis uns irgendwann der Kragen platzt und „Meiner“ und ich vollkommen undemokratisch einen Entscheid fällen, dem sich die minderjährigen Familienmitglieder einfach unterwerfen müssen. 

Natürlich vermisst Karlsson bei unserer Wahl den Konzertflügel, Luise findet die Einrichtung nicht ganz so romantisch-verspielt wie sie es gerne hätte, der FeuerwehrRitterRömerPirat und das Prinzchen fürchten, der Weg zu Astrid Lindgren sei zu weit. Einzig der Zoowärter ist rundum glücklich. Der träumt nämlich noch immer von New York City und hat noch gar nicht mitgekriegt, dass wir gebucht haben. 

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