Rattenschwanz

Der Kühlschrank steigt aus, ein Neuer muss her und wo man schon einen Neuen braucht, schafft man am besten einen an, der genügend Platz bietet, der passt aber nicht in die Einbauküche, also muss ein Möbel weichen und dahinter kommt eine hässliche Wand zum Vorschein, damit die gemacht werden kann, muss die ganze Schrankwand weichen, denn die gibt ohnehin allmählich den Geist auf, das Geschirr muss also zwischengelagert werden, darum holt man ein Regal aus dem Büro, dessen Inhalt nun eben im Keller zwischengelagert werden muss, wobei auffällt, dass die Kellertreppe auch mal einen neuen Anstrich bekommen sollte, was aber erst erledigt werden kann, wenn die Zimmerdecke in der Küche erneuert ist, denn beim Herausreissen der Schrankwand hat sich gezeigt, dass da eine Lücke klafft und wo wir schon bei der Lücke sind, schauen wir uns doch mal an, wie denn der Fussboden aussieht, was man aber eigentlich lieber nicht so genau wissen möchte, weil der nämlich auch lückenhaft ist, dort, wo vorher die Möbel standen und da muss man sich natürlich überlegen, ob man einfach ein neues Möbel drüber stellt, oder ob man sich auch noch um den Fussboden kümmert und während du noch am überlegen bist, sendet der Geschirrspüler schon wieder eine Fehlermeldung, die hundertfünfzigste oder so in den vergangenen drei Tagen und du ahnst, dass auch seine Tage gezählt sind, oder dass du dich zumindest mal wieder mit einem Monteur wirst zanken müssen und ehe du den Gedanken noch fertig gedacht hast, piepst der Herd Alarm und sagt dir damit, dass er es allmählich satt hat, in deinen Diensten zu stehen, also flüchtest du aus der Küche, was aber auch nicht viel hilft, denn im Flur siehst du, dass die Wand dringend einen neuen Anstrich bräuchte und im Esszimmer fällt dein Blick zuerst auf die hässliche Lampe, die schief von der Decke hängt, im Bad weigert sich die Klospülung zu tun, was sie eigentlich tun müsste und du wünschtest, du könntest vor all dem davonrennen, aber im Treppenhaus fällt dir auf, dass ein Kind ein Loch in die Tapete gerissen hat….

Und plötzlich kommt dir dieser Satz über die Lippen, den du nie hattest sagen wollen: „Ach, so ein altes Haus gibt halt immer irgend etwas zu tun, da wird man nie fertig.“

uccello morto; prettyvenditti.jetzt

uccello morto; prettyvenditti.jetzt

Unsere Abendkarte

Geschätzte Gäste

Wie immer an Wochentagen verwöhnen wir Sie auch heute wieder mit einem abwechslungsreichen, währschaften Menü aus der Küche unseres Familienbetriebes. Wir arbeiten ausschliesslich mit besten Zutaten aus streng kontrolliertem pädagogischem Anbau, produziert in den lokalen Schulbetrieben. Mit viel Einfallsreichtum und Witz zaubert unser junges, topmotiviertes Küchenteam damit jeden Tag einzigartige Kreationen. Das heutige Menu:

Eine luftige Kreation aus „Cello Time Starters“
verfeinert mit zarten „Ich will keine Hausaufgaben machen“-Schluchzern aus dem Nebenzimmer
und einem Hauch von Prinzlicher Allwissenheit

*****

Ein reichhaltiger Blattsalat aus
Elternbriefen, Znünikiosk-Anmeldungen, Infobroschüren und Absenzenmeldungen,
angerichtet mit einer süsslich-säuerlichen Vinaigrette von Glanzleistungen und schlechten Noten 

*****

Eine herzhafte Pastete, gefüllt mit gut abgehangenen vergessenen Hausaufgaben, Frustration und Versagensängsten, 
apart gewürzt mit rezenten Rückmeldungen aus dem Lehrerzimmer und leicht salzigen Tränen,
garniert mit fein gehackten Kopfschmerzen

*****

Ein leichtes Süppchen von Englischen Adverbien,
Französischen Konjugationen und gelungenen Zeichnungen
fein bestäubt mit brillant erkannten physikalischen Formeln

*****

Eine ausgefallene Dessertkreation mit Anekdoten aus dem Schulalltag,
Schnitzern von Mitschülern,
dem neuesten Social Media-Hit 
und ganz viel Teenagerhumor

*****

Wir wünschen Ihnen Guten Appetit!

Ist der Kuchen ruiniert…

An Luises 11. Geburtstag habe ich endlich verstanden, dass ich nicht mitzumachen brauche beim Wettlauf um den schönsten Geburtstagskuchen aller Zeiten. Heute, an Prinzchens 7. Geburtstag, habe ich mir bewiesen, dass ich nicht nur verstanden habe, sondern inzwischen auch lebe, was ich glaube. Das ging so:

Prinzchen wollte zu seinem Geburtstag einen Ritterburg-Kuchen und zwar einen mit viel Schokolade. Schokoladenkuchen ist nicht mein Ding, ich werde wohl bis zu meinem Lebensende nicht verstehen, was die halbe Welt so toll daran findet. Aber wenn ein Kind etwas zum Geburtstag wünscht, ist mir das Befehl – es sei denn, es wünschte sich einen Hund – und darum suchte ich mir aus den unzähligen „Bester Schokoladenkuchen aller Zeiten“-Rezepten das am wenigsten unsympathische aus, mischte den Teig, schmierte das Zeug in die Ritterburg-Backform und glaubte, für einmal einen ganz annehmbaren Geburtstagskuchen kreiert zu haben. Das dachte ich leider nur so lange, bis der Kuchen ein wenig abgekühlt und aus der Form war. Da stand nämlich keine Ritterburg auf dem Kuchenteller, sondern eine Burgruine.

Vor meinem Gesinnungswandel zu Luises 11. Geburtstag habe ich in solchen Momenten je nach Stimmungslage ein paar Tränchen verdrückt, oder aber den elenden Kuchen an die Wand geschmissen. Heute jedoch betrachtete ich den unansehnlichen Haufen mit kühler Distanz, griff zur Glasur, schmierte alles voll und als ich die goldenen Zuckerhalbmonde darüber streute, die ich gestern einer Eingebung folgend gekauft hatte, war mir auch klar, wie ich dem Prinzchen die Sache schmackhaft machen kann. Die Osmanen hätten die Ritterburg angegriffen, würde ich erklären, doch die tapferen Ritter hätten mutig gekämpft, darum sei die Burg zwar ziemlich lädiert, nicht aber dem Erdboden gleich gemacht. Wie man an den Halbmonden unschwer erkennen könne, sei es den Osmanen aber gelungen, die Burg zu erobern. (Es komme mir jetzt keiner mit Erklärungen, die Osmanen hätten keine Ritterburgen angegriffen. Und erst recht komme mir keiner mit kruden Interpretationen im Zusammenhang mit der aktuellen Weltlage.)

Ich freute mich richtig, dem Prinzchen meine missratene Torte zu präsentieren, doch der liess mich nicht mal bis zu den Osmanen kommen. „Macht nichts, dass die Torte nicht so schön geworden ist“, sagte er, als er von der Schule nach Hause kam „darf ich jetzt endlich mein Geschenk auspacken?“

Um den Geburtstagskuchenstress weiter zu mindern, plane ich deshalb demnächst ein familieninterne Meinungsumfrage zum Thema „Braucht es am Geburtstag überhaupt einen Geburtstagskuchen?“

IMG_8172

Ich könnte brüllen vor Lachen, wenn…

…ich dran denke, wie ich kurz vor der Matura glaubte, ich würde in meinem ganzen Leben nie mehr Hausaufgaben machen.

…ich mich erinnere, wie ich jeweils grossspurig erklärte, wenn wir mal Kinder hätten, würden „Meiner“ und ich abends, wenn einer von uns von der Arbeit nach Hause käme, erst einmal ein Viertelstündchen miteinander ein Tässchen Tee trinken und über den Tag plaudern, ehe wir uns ins familiäre Feierabendgetümmel stürzen.

…ich mir vor Augen führe, wie ich jeden Abend Karlssons Playmobil-Zoo in Ordnung brachte, damit auch ja jedes der kleinen Tierchen die Nacht in seinem Gehege verbringen würde. 

…man mir erzählt, wie ich in Vorkinderzeiten jeweils sofort zum Lappen griff, weil sich einer an meinem blitzblank geputzten Küchentrog die Hände gewaschen hatte. (Von meiner Überzeugung, ich würde diese Marotte durch die Familienjahre hindurch retten und bis ans Ende meiner Tage beibehalten, wollen wir erst gar nicht reden.)

…ich mir in Erinnerung rufe, wie ich Tag für Tag darauf wartete, endlich ruhig und ausgeglichen zu werden, bloss weil meine ruhigen und ausgeglichenen Verwandten beteuert hatten, ich würde dann schon auch ruhig und ausgeglichen werden, wenn ich erst mal Mutter sei.  

…mir in den Sinn kommt, dass ich nach meinem Austauschjahr in den USA überzeugt war, ich würde meiner Familie mal jeden Tag ein warmes Frühstück servieren, um einen gemütlichen Start in den Tag zu zelebrieren. 

…man mich dran erinnert, dass ich früher laut herausposaunte, ich würde mir meine Privatsphäre von niemandem rauben lassen, auch nicht von meinen Kindern. 

…ich an den Tag zurückdenke, an dem ich heulend, schniefend und stillend mit Karlsson auf dem Sofa sass und glaubte, ich hätte mich in eine Milchkuh verwandelt und mein Leben würde für die nächsten zwanzig Jahre so bleiben. 

…ich mich erinnere, wie „Meiner“ und ich jeweils sagten, wir würden nie, aber auch wirklich gar nie in Gegenwart unserer Kinder das Verhalten einer Lehrperson kritisieren. 

…ich mir überlege, wie lange ich felsenfest davon überzeugt war, unsere Kinder würden ohne Mama-Taxi über die Runden kommen müssen. (Na ja, wenn ich mir’s recht überlege, bin ich davon noch immer überzeugt, aber unsere Kinder sehen das leider anders.)

IMG_9488

Montagsgetümmel

Eigentlich erstaunlich, wie lange man im Zeitalter des Internets Mutter sein kann, ohne zu wissen, wie das Spiel mit den fetten Rabatten auf Spielzeug in der Vor-Vorweihnachtszeit läuft. Fast fünfzehn Jahre habe ich gebraucht, um endlich auch mal mitzuspielen. Schon als Karlsson noch ein Winzling war, kaufte ich Spielsachen vorzugsweise im Internet. Verantwortungsvolle Mütter tun das nicht, ich weiss, denn beim Bestellen im Internet riecht man die Giftstoffe nicht, mit denen Spielzeughersteller ihre Produkte gerne anreichern. Aber da unsere ansonsten ziemlich fantasiebegabten Kinder um die Weihnachtszeit jeweils ganz furchtbar langweilige Wünsche vorbringen – „Ich will die Lego-Schachtel mit der Nummer 12056823656546347657556770096567“ -, brauche ich mir darüber ja wohl keine Gedanken zu machen. Ein Legostein ist ein Legostein ist ein Legostein, egal hinter welcher Artikelnummer er sich verbirgt und bis jetzt habe ich noch keinen angetroffen, der verdächtig nach Giftstoffen gerochen hat. 

Weil aber der Webshop meines Vertrauens Prinzchens Geburtstagswunsch nicht im Sortiment hat und nicht zu erwarten ist, dass ich das Zeug vor Freitag anderswo mit 30% Rabatt bekomme, stürzte ich mich für einmal ins Getümmel. Jawohl, ein Getümmel war das, an einem gewöhnlichen Montagmorgen im Herbst. Heerscharen von Müttern tummelten sich in der Spielzeugabteilung, diskutierten in den schmalen Durchgängen über die Vorzüge von Playmobil gegenüber Lego, versperrten einander gegenseitig den Weg, fuhren die Ellbogen aus und räumten die Regale leer. Grosseltern verhandelten mit Enkelkindern über die akzeptable Grösse eines Zwischendurch-Geschenkes, das die elend lange Wartezeit zwischen dem Geschenkeinkauf im Oktober und der Bescherung im Dezember überbrücken soll. Dank Telefonschaltung ins Büro war auch der eine oder andere Vater am Grosseinkauf beteiligt. 

Wie um Himmels Willen soll in diesem Gewühl eine wie ich je an Prinzchens Traumschiff herankommen? Nach einigen erfolglosen Versuchen sah ich ein, dass man den Einkaufswagen besser aus der Sache raushält und irgendwann begriff ich auch, dass man es an einem solchen Ort ohne eine Prise Frechheit zu nichts bringt. Aber auch ohne Wagen und mit Frechheit gelang es mir nicht, Prinzchens Wunschliste abzuarbeiten. Dort, wo der von ihm heiss ersehnte Adventskalender hätte stehen sollen, gähnte nämlich eine riesige Lücke im Regal, im nächsten Laden, den ich auf dem Heimweg besuchte, sah es nicht anders aus. Erst im dritten Geschäft konnte ich auch diesen letzten Punkt abhaken und mich endlich wieder in meine friedlichen vier Wände zurückziehen, wo zwar auch Chaos herrschte, wo ich aber immerhin bis zur Heimkehr meiner Horde keinen Ellbogen mehr in die Seite gerammt bekam. 

Der heutige Morgen hat mich zwei Dinge gelehrt:

  1. In Zukunft kaufe ich wieder alle Spielsachen online, auch wenn dabei der fette Rabatt flöten geht.
  2. Solange Eltern und Grosseltern im Oktober die Regale leer fegen, hören die Geschäfte ganz bestimmt nicht damit auf, im Herbst schon einen auf Weihnachten zu machen. 

IMG_0417

Bettgeschichten

Als sie klein war, wollten wir ihr unbedingt dieses Bett kaufen. Es war schön und falls mal eine ihrer zahlreichen Freundinnen bei ihr übernachten wollte, könnte man einfach die zweite Hälfte ausziehen. Das Ding war zwar schrecklich teuer, aber wir dachten, sie würde darin schlafen können, bis sie eines Tages auszieht. Nicht nur unser Portemonnaie litt ganz schrecklich unter dem Kauf, auch „Meiner“ und die zwei Männer, die ihm beim Aufbau halfen, waren nach ein paar Stunden mit ihren Nerven am Ende. „Was soll’s? Das Bett wird ewig halten“, sagten wir und freuten uns, dass unsere Tochter sich darin so wohl fühlte.

Das Bett hielt nicht ewig. Was auch – aber nicht nur – am Fabrikat lag. Eines Abends nämlich war es im Kinderzimmer, in dem damals erst Karlsson und Luise schliefen, erstaunlich früh erstaunlich ruhig. „Ist es nicht himmlisch, wie schön die Zwei schlafen?“, sagte ich zu „Meinem“. Wir machten uns einen gemütlichen Abend und wollten schliesslich, bevor wir ins Bett gingen, noch schnell bei unseren zwei zuckersüssen Kinderlein vorbeischauen, um uns daran zu ergötzen, wie sie friedlich schlafend in ihren Betten lagen. Aber im Kinderzimmer waren keine zuckersüssen Kinderlein, sondern zwei freche Rotzbengel, die leise, ganz leise das wunderschöne Bett in seine Einzelteile zerlegten. Fragt mich bitte nicht, wie man es schafft, so leise ein Bett zu demolieren, ich weiss bis heute nicht, wie die das hingekriegt haben. Natürlich schraubten wir alles wieder ordentlich zusammen, aber so richtig halten wollte es nicht mehr. Zwar diente es noch ein oder zwei Jahre als Nachtlager für Luise – und einmal als Messlatte für einen Wettbewerb im Weitpinkeln, den Karlsson und sein gleichaltriger Cousin von Karlssons Hochbett aus veranstalteten -, doch irgendwann waren wir es leid, alle paar Tage zum Schraubenzieher zu greifen und Luise bekam ein neues Bett. Dieses hielt nun wirklich lange, leider war es aber eines Tages zu klein für unsere nicht mehr ganz so kleine Tochter und ausserdem gab es den Geist auf, als sie mal wieder in ein anderes Zimmer umziehen wollte. 

Es musste also ein neues Bett her und was sagte die gute Luise, als wir im Laden standen? „Ich will wieder dieses Bett.“ „Und ich will dieses Bett nicht mehr“, antwortete ich. „Aber ich will dieses Bett und kein anderes“, gab mein geliebtes Töchterlein zurück. „Und ich will alles andere, nur nicht dieses Bett“, lautete meine Antwort. Die weiteren Details erspare ich euch und ich werde auch nicht erzählen, wie wir es fertig gebracht haben, das Ungetüm in unser winziges Auto zu quetschen. Falls ihr aber heute im Möbelgeschäft eine sehr wütende Mama mit einer sehr wütenden Tochter gesehen habt, dann wisst ihr jetzt, wer das war. Am Ende bekam Luise ihren Willen, aber nur, weil die den Preis des Bettes inzwischen so gesenkt haben, dass mir irgendwann die Gegenargumente ausgingen. 

Ich hoffe, die haben in der Zwischenzeit nicht nur am Preis gearbeitet, sondern auch an der Aufbauanleitung und an der Widerstandsfähigkeit. Obwohl ich ja nicht damit rechne, dass es die gleichen Attacken über sich ergehen lassen muss wie sein Vorgänger. 

abbiamo un piatto pieno; prettyvenditti.jetzt

abbiamo un piatto pieno; prettyvenditti.jetzt

Dokumentiert

Das Prinzchen hat endlich herausgefunden, dass es vor seiner Geburt schon Menschen gab auf diesem Planeten, dass diese Menschen schon vor seiner Existenz so etwas wie ein Leben führten und dass er selbst, als er dann endlich dazu berufen ward, diese Menschen etwas fröhlicher zu stimmen, davon rein gar nichts mitbekommen hat, weil er noch zu klein war, um irgend etwas zu verstehen. Also will er jetzt wissen, wie das so war, als er noch nicht war, wie es kam, dass er zu werden begann und was für ein toller Hecht er war, als er zwar schon war, von sich und den Seinen aber noch nichts wusste. Furchtbar aufregend findet er das, furchtbar schön fände ich es, hätte ich in seinen Anfängen nicht den Fehler begangen, den ich als jüngstes Kind bei meinem Jüngsten nie hatte begehen wollen, nämlich zu wenig Buch zu führen über seine grandiosen Taten. Zugegeben, auch bei den grösseren Geschwistern wurden es immer weniger Worte, je mehr Kinder unsere vier Wände bevölkerten, aber wenigstens ist da noch was. Beim Prinzchen aber sind wohl alle Ultraschallbildchen – von denen er immerhin eine ganze Menge mehr hat als Karlsson – fein säuberlich in sein Buch geklebt, ausführliche Berichte über den ersten Windelinhalt und den letzten Löffel Babybrei hingegen sucht man vergeblich.

Fast hätte ich mich dazu hinreissen lassen, deswegen ein schlechtes Gewissen zu haben, als ich auf die Idee kam, in diesem Blog mal gezielt nach dem Stichwort „Prinzchen“ zu suchen. Und siehe da, auch Prinzchens Anfänge sind dokumentiert, einfach ein wenig anders als bei den Grossen. Ich müsste sie nur endlich mal ausdrucken und einkleben, dann wäre auch Prinzchens Buch bald voll. 

piatto pieno due; prettyvenditti.jetzt

piatto pieno due; prettyvenditti.jetzt

Geht doch auch so

2007, Karlsson ist ein Zweitklässler und zwar einer von der eher schüchternen Sorte. Ein neuer Schüler kommt in die Klasse, setzt sich neben unseren Ältesten, sagt: „Du Arschloch!“ und von da an geht es bergab. Beim Elterngespräch sprechen wir die Lehrerin auf das schlechte Klassenklima an, erzählen ihr, dass unser Sohn immer wieder über üble Hänseleien klagt. Sie werde die Sache im Unterricht thematisieren, verspricht sie, aber ändern tut sich nichts. Wie auch, wenn nur geredet wird?

2011, der FeuerwehrRitterRömerPirat ist ein Zweitklässler, auch eher schüchtern, hin und wieder auch mal rabiat. Ein Mitschüler, der ihm körperlich überlegen ist, macht ihm das Leben schwer und zwar so schlimm, dass mich andere Mütter darauf ansprechen. Beim Elterngespräch bringt der FeuerwehrRitterRömerPirat die Sache selber vor, er möchte, dass sich etwas ändert. Sie werde die Sache im Unterricht thematisieren, verspricht die Lehrerin, meint dann aber auch, das Schicksal habe es eben so gewollt, dass unser Sohn mit diesem Jungen zur Schule gehe, darum müsse er lernen, mit der Sache klarzukommen. Natürlich ändert sich nichts. Wie auch, wo doch unser Sohn selber Schuld ist, wenn er sein Schicksal nicht annehmen kann?

2015, das Prinzchen ist ein Erstklässler, nicht unbedingt schüchtern, aber ein Kind, das Konflikte lieber mit endlosen Diskussionen als mit den Fäusten austrägt. Ein paar Zweitklässler haben es auf unseren Sohn abgesehen, machen ihm seit der ersten Schulwoche das Leben schwer. Kurz vor den Herbstferien kommt er mit einem blauen Auge nach Hause. Ich schreibe der Lehrerin, weil die Sache ein Ausmass angenommen hat, das ich nicht mehr tolerieren kann. Die Klassenlehrerinnen würden sich während der Herbstferien treffen, um sich in der Angelegenheit zu beraten, antwortet sie. Seit Montag ist wieder Schule,  seit gestern hat das Prinzchen einen Plan, auf dem er jeden Tag mit Smileys eintragen kann, wie die Stimmung auf dem Pausenplatz war, ob es wieder zu Konflikten gekommen ist. Zeichnet er traurige Gesichter, wird eingegriffen. Ob sich die Situation dadurch ändert, wird sich weisen, aber immerhin erfährt das Kind, dass man nicht einfach wegschaut und es „seinem Schicksal“ überlässt. 

Das ich so etwas auf meine alten Muttertage noch erleben darf.

torre temporanea; prettyvenditti.jetzt

torre temporanea; prettyvenditti.jetzt

Adventskalender jetzt!!!

So verwerflich ich es auch finde, dass die Läden schon wieder voll sind mit dem ganzen Weihnachtskram, den Fehler, so zu tun, als ginge mich das alles nichts an, begehe ich nicht mehr. Zumindest nicht, solange ich noch Söhne habe, die lieber einen dieser langweiligen Fertig-Adventskalender bekommen, als einen, den Mama in liebevoller Kleinarbeit für sie bestückt. Zu oft schon haben sie wochen- und monatelang von so einem Ding geträumt und ich habe die Sache bis zum letzten Moment aufgeschoben, weil ich hoffte, ich könnte sie noch für Individualität anstelle von Massenware begeistern – und weil ich auf ein paar sensationelle Sonderangebote kurz vor dem 1. Advent spekulierte. Am Ende mussten sie sich dann tatsächlich widerwillig mit Individualität zufrieden geben, weil das Objekt der Träume bereits ausverkauft war. Richtig glücklich waren sie damit meistens nicht und die Stunden der erfolglosen Suche in überheizten Läden sind mir in schlechtester Erinnerung geblieben.

Als mir das Prinzchen heute die Ohren voll heulte, weil ich mich weigerte, ihm den langweiligsten aller langweiligen Fertig-Adventskalender zu kaufen, war ich gewarnt. „Wenn du diesmal wieder so blöd bist, die Sache aufzuschieben, bis alles ausverkauft ist, hört dieses Geheul bis zum 1. Advent nicht mehr auf“, sagte ich zu mir selber und beschloss, die Sache mit den Adventskalendern bis Ende Monat hinter mich zu bringen. Was mir ganz gelegen kommt, weil die ihre sensationellen Sonderangebote ohnehin jetzt machen und nicht Ende November. Falls mich einer bei den frühzeitigen Adventseinkäufen erwischt und blöde Witze macht, kann ich immer noch behaupten, das Prinzchen wünsche sich einen Adventskalender zum Geburtstag. Was ja irgendwie auch stimmt, wo er das Ding ja wenn möglich sofort haben will. 

IMG_7101

Blödes, infantiles Ich

Wir lernten uns kennen, als sie ein junges Ding war. Fast hätte ich „ein junges, dummes Ding“ geschrieben, aber sowas schreibt man nicht, wenn man ein Gutmensch ist und zu den Gutmenschen gehöre ich ganz zweifellos, das haben die aus der rechten Ecke im Gott sei Dank zu Ende gehenden Wahlkampf eins ums andere Mal klar gemacht. Aber zurück zu ihr. Sie war also jung und lebensunerfahren, als ich sie kennen lernte. Was nicht weiter schlimm gewesen wäre, hätte ihr nicht zugleich an dem gemangelt, was man gemeinhin Intelligenz nennt. Da sie nicht gerade hässlich war, ich aber zu jenem Zeitpunkt von fünf Schwangerschaften und zig durchwachten Nächten ziemlich mitgenommen aussah, fühlte sie sich mir haushoch überlegen, weshalb sie sich nicht genierte, mir gegenüber jede Sinnlosigkeit, die ihr gerade auf der Zunge lag, frei heraus zu äussern. Zum Beispiel: „Wollt ihr den FeuerwehrRitterRömerPiraten nicht in ein Heim geben? Der hat doch immer so schlimme Trotzanfälle.“ Oder: „Frauen, die Grösse 38 tragen haben voll versagt.“ Oder, als sie merkte, dass ich auch zu diesen Versagerinnen gehöre: „Also, bei dir ist das etwas anderes. Du darfst schon so aussehen, du hast ja ein paar Kinder geboren.“ Bei jeder Begegnung solche und ähnliche Bemerkungen, die mich zwar im Moment ärgerten, die ich aber nach einigem Grummeln in der Schublade „jung und unerfahren, irgendwann vielleicht nützlich für einen satirischen Text“ archivierte.  

Inzwischen ist sie etwas älter, nicht unbedingt viel weiser, aber auf bestem Wege, Mutter zu werden. Das bringt zwei Probleme mit sich. Erstens hat sie nun das Gefühl, sie sei in meiner Welt angekommen, weshalb sie keine Gelegenheit auslässt, um mit mir Gespräche zu führen, wie sie ihrer Meinung nach reifere Frauen miteinander führen. Also Wetter-, Haushalt- und Einkaufsgespräche. Zweitens – und das ist viel schlimmer – stelle ich fest, dass ich ihre Bemerkungen von früher doch nicht ganz verdaut habe, weshalb ich mich in Gedanken ähnlich infantil aufführe wie sie damals. So erfüllt es mich zum Beispiel mit einer beschämenden Genugtuung, dass sie zu jenen Schwangeren gehört, die wohl am Hintern und im Gesicht zunehmen, nicht aber am Bauch. „Na, wie war das nochmal mit Grösse 38?“, lästert mein infantiles Ich, wenn ich ihr begegne. Und dann fängt es an, sich auszumalen, wie sich ihr Nachwuchs eines nicht mehr allzu fernen Tages in seinem ersten Trotzanfall schreiend und tobend am Boden windet und wie es dann süffisant bemerkt, ob ein Kinderheim nicht vielleicht die beste Lösung wäre.

Blödes, infantiles Ich. Nimmt mir einfach die Illusion, dass ich inzwischen zu einem halbwegs vernünftigen Menschen herangereift bin. 

IMG_9468