Reisenotizen

Der Dänische Kondukteur kann mich zusammenstauchen, weil ich es versäumt habe, die Tickets schön brav in der von ihm gewünschten Reihenfolge zu ordnen. Ob unser Anschlusszug in Hamburg auf uns warten wird und wie viel Verspätung wir haben werden, kann er mir aber leider nicht sagen. Ist ja auch nicht weiter wichtig. Hauptsache, die Tickets sind schön geordnet.

Die sommerliche Völkerwanderung scheint einem Zweiwochen-Rhythmus zu folgen. Wer vor zwei Wochen auf dem gleichen Weg wie wir gereist ist, kommt heute auf dem gleichen Weg wie wir wieder zurück. Und sowas nennt sich „Individualreise“.

Interessant, einem Schweden und einem Kanadier dabei zuzuhören, wie sie das Wesen der Schweizer ergründen. In der Schweiz waren sie übrigens beide noch nie. Dennoch lagen sie gar nicht so sehr daneben mit ihren Ausführungen. Nur in der Interpretation „unserer“ Eigenschaften waren sie meiner Meinung nach etwas zu gnädig mit „uns“.

Die Deutsche Bahn hat also doch klimatisierte Wagen. Hätte auf der Hinreise den Glauben daran beinahe verloren.

Wenn sich einer auf unsere reservierten Plätze setzt, reagiere ich zu meinem eigenen Entsetzen ziemlich kleinkariert. Peinlich, wenn ich feststellen muss, dass das gar nicht unsere Plätze waren…

Egal, wie viel mehr wir nach Hause bringen, als wir mitgenommen haben, wir bringen es jedes Mal fertig, alles in die gleichen Koffer zu stopfen. Möchte bloss wissen, weshalb wir immer einen oder zwei Koffer ruinieren, wenn wir reisen.

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Kleine Pause

Seien wir doch ehrlich: Trotz aller unvergesslichen Erlebnisse stellen Familienferien die Nerven ganz schön auf die Probe. Oh ja, es ist wunderbar, unbeschwerte Tage mit deinen Liebsten zu verbringen, aber wenn plötzlich alle rund um die Uhr ein gemeinsames Programm haben sollten, wird alles irgendwie,… na ja, sagen wir… kompliziert.

Nach dem gemütlichen Abendessen am Meer noch kurz in den Wald, um ein paar Blaubeeren zu pflücken? „Ich esse nur gewaschene Blaubeeren! Noch nie etwas vom Fuchsbandwurm gehört?“ „Ohne Zeckenspray setze ich keinen Fuss in diesen Wald!“ „Ich möchte aber unbedingt auf den Hochsitz!“ „Und wann sehen wir endlich Elche?“ Es sind natürlich nicht nur die anderen, die sich so aufführen, auch ich trage meinen Teil zum Stimmengewirr bei: „Himmel, kann man denn nicht einmal ein paar Minuten ungestört in den Wald gehen und Beeren sammeln?“

So geht das pausenlos, egal, ob es ums Essen geht, um den Strand, ums Museum oder um den Feierabend. Familientheater ohne Unterbruch, zum Glück mit erstaunlich wenig Streit. Sonst müsste ich am Ende noch die Menschen verstehen, die ihrer Familie nach den Sommerferien den Rücken kehren.

Nun, ich habe keineswegs vor, meiner Familie den Rücken zu kehren, doch ein paar Stunden ohne sie weiss ich dennoch zu schätzen. Darum war ich ganz dankbar, dass ein kaputter Schuh – „Mit diesen kaputten Schuhen kann ich auf gar keinen Fall in den Wald!“ – mich heute Morgen dazu zwang, ins nächst gelegene Einkaufszentrum zu fahren. Ein paar Stunden lang nur ich, meine Gedanken, Georg Friedrich Händel – und Hunderte von Schweden, die sich die Zeit an einem gewitterhaften Sonntag offensichtlich am liebsten mit. Shopping vertreiben.

Na ja, immerhin kann ich getrost weghören, wenn die sich mit ihren Blagen darüber zanken, ob man bei Ikea isst, oder erst später zu Hause.

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Warum wir uns das antun

Jetzt ist er also da, der Moment, in dem man sich fragt, weshalb man sich das alles antut. Dem Haus-, Tier- und Gartensitter letzte Infos weitergeben, Gepäck schleppen, auf dem Bahnperron Brötchen belegen, Passagiere von unseren Sitzplätzen vertreiben, endlose Stunden mit leicht schmuddeligen jungen Erwachsenen, die hoffentlich im Laufe der Nacht nicht angeheitert werden, einen schlecht gekühlten Zugwaggon teilen, die Kinder in Schach halten, damit sie den Mitreisenden nicht auf die Nerven fallen, im Zugklo die Zähne putzen und dabei aufpassen, keiner die Zahnbürste aus lauter Gewohnheit unter den Wasserhahn hält…

Die Frage, ob sich der Aufwand lohnt, stellt man sich immer nur auf der Hinreise. Auf der Heimreise weiss man gewöhnlich, wie wertvoll es war, wegzugehen. Sogar dann, wenn nicht alles so schön wird, wie man es sich erträumt hat, wird man Jahre später noch von den Dingen reden, die man zusammen erlebt hat. Familienfeiern sind für uns die einzige Gelegenheit, mal nur unter uns zu sein, keine Pflichten, kein Alltagskram, keine Ablenkungen – einfach nur wir sieben mit all unseren Stärken und Macken. Dass das ein paar Nerven kostet, nehmen wir gerne in Kauf.

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Fast schon reisefertig

Nach drei Tagen Dauerlesen habe ich heute mal einen Moment lang von meiner Sommerlektüre aufgeblickt und mit Erstaunen festgestellt, dass wir morgen in die Ferien fahren. Irgendwie eigenartig, eben war doch noch Februar und wir überlegten uns, ob wir dieses Jahr überhaupt Ferien machen und wenn ja, wie lange und wo. Und jetzt plötzlich sollten wir bereit sein, damit wir morgen Abend den Zug nicht verpassen. Na dann, lese ich halt in Schweden weiter und erledige, was vor den Sommerferien so alles erledigt sein will:

  • Steuererklärung ausfüllen: Ja, ihr lieben Streber, ich weiss, dass die schon Ende März fällig gewesen wäre, aber da war gerade der Drucker kaputt und als wir endlich wieder einen Drucker hatten, konnte ich mein Handy nicht mehr finden, das mir Zugang zum Online-Banking verschafft hätte, wo ich einen Kontoauszug hätte finden müssen und dann musste auch noch ein Beleg von der Krankenkasse her, den sie dir ja heute auch nicht mehr ins Haus liefern. „Vor den Ferien muss die Steuererklärung vom Tisch“, sagte ich irgendwann resolut, denn sonst werfen sie uns am Ende noch vor, Ferien würden wir uns leisten, aber Steuern zahlen würden wir nicht und weil heute der letzte Tag vor den Ferien ist, habe ich mich eben durch die Papiere gequält. 
  • Katzenfutter anschleppen: Ich hoffe wirklich, die 100 Portionen Nassfutter und die 2 Kilo Trockenfutter reichen für die gefrässige Bande. Vielleicht hätte ich doch besser auf „Meinen“ gehört, der vorgeschlagen hatte, die Kätzchen noch vor den Ferien zu ihren neuen Besitzern umziehen zu lassen. Aber die neuen Besitzer sind wohl ohnehin alle noch alle in den Ferien….
  • Spielkarten basteln: Man wird es nicht für möglich halten, aber ich habe doch tatsächlich ein Kartenspiel für die Zugreise gebastelt. Die Kinder mussten mir nur etwa drei Jahre in den Ohren liegen, bis ich mich endlich dazu durchringen konnte. Nun ja, ich war schon mehrmals drauf und dran, die Sache in Angriff zu nehmen, aber dann fehlte mir wieder die Zeit und als ich endlich Zeit hatte, war der Drucker kaputt (Wie ihr seht, liebe Steuerbehörden, seid ihr nicht die Einzigen, die warten mussten). Jetzt also sind die „Hallo Karlsson“-Karten endlich fertig und hätte „Meiner“ sie nicht so furchtbar schief ausgeschnitten, wäre ich schon fast in Versuchung, auf meine Leistung stolz zu sein.
  • Schwiegermama meinen Garten gezeigt: „Konnte das nicht bis nach den Ferien warten?“, fragt ihr. Nein, konnte es nicht, denn bis Schwiegermama das nächste Mal zu Besuch kommt, befindet sich mein Garten schon längst im Winterschlaf. 
  • Mir den Kopf zerbrochen, ob ich dem Vermieter unseres Ferienhauses unsere Ankunftszeit auf schwedisch mitteilen soll, oder ob ich mich damit vollkommen lächerlich mache. 
  • Mit Karlsson Vorabendfernsehen geschaut: Fragt mich nicht, wie der junge Mann plötzlich auf die Idee kommt, fernsehen zu wollen, aber er wollte. Unbedingt. Weil er ja nie fernsehen darf. Und weil ich fest davon ausgehe, dass dieser Spleen nach zwei Wochen Schweden wieder vorbei sein wird, habe ich eben mitgeschaut. Der Junge weiss doch gar nicht, wie man den Fernseher bedient, wo er doch nie schauen darf…
  • „Meinem“ gesagt, wen er noch alles anrufen muss bevor wir verreisen, was wir auf gar keinen Fall zu Hause lassen dürfen, wo vor noch Ordnung machen sollten, was es noch einzukaufen gibt und welches Essen für die Hinreise vorgesehen ist. Ich hoffe mal, er hat verstanden und macht sich an die Arbeit. Irgend einer muss sich ja um diesen Kleinkram kümmern. 

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Kraftakt

Nach anderthalb anstrengenden Tagen neigt sich ein Mammut-Wohnungsputz seinem Ende zu. Gestern waren wir zuerst alle sieben dran, dann nur noch „Meiner“ mit den vier jüngeren Kindern, weil bei Karlsson Musik auf dem Programm stand und ich mich um meinen sterbenden Computer kümmern musste. Abends dann nur noch „Meiner“, der manchmal einfach nicht genug kriegen kann vom Putzen und heute schliesslich ich ganz alleine, weil ich bekanntlich besser putze, wenn ich nicht auch noch andere motivieren muss zu dem, wozu ich mich selber kaum aufraffen kann. Von oben bis unten haben wir geräumt, weggeschmissen, geputzt und poliert, mit grossem Einsatz und insgesamt sehr viele Stunden lang. Und damit wir nicht andauernd die Küche verdrecken, versorgte uns Mama Ikea mit verwerflicher Tiefkühlkost aus dem frisch geputzten Tiefkühler. 

Naive Menschen wie ich neigen zu dem Glauben, nach einem solchen Kraftakt, der übrigens mit erstaunlich wenig Zoff über die Bühne gegangen ist, sei endlich mal alles sauber und ordentlich, doch leider ist dem nicht so. Wir sind jetzt gerade mal so weit, dass wir mit der Feinarbeit beginnen könnten, um uns anschliessend den ewigen Baustellen Wandschränke, Keller und Schlupfestrich zuzuwenden. Ich fürchte, soweit wird es gar nicht erst kommen, erstens, weil wir jetzt ganz dringend eine Putzpause brauchen und zweitens, weil wir morgen bereits wieder voll und ganz mit der Schadensbegrenzung beschäftigt sein werden. Damit dieser „Na ja, so halbwegs ordentlich ist es schon bei Vendittis“-Zustand anhält, bis wir in die Ferien fahren. 

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Manchmal ist das Leben…

Gliederschmerzen, die so heftig sind, dass ich kaum die Teetasse halten mag, Luise, die mich stets dann aufweckt, wenn ich endlich am Wegdämmern wäre, Karlsson, der zum gefühlt hundertsten Mal mit Verve Mozarts „Türkischen Marsch“  – den ich gewöhnlich wirklich mag – in die Klaviertasten haut, elende Fliegen, die mir um den Kopf surren, ein Kätzchen, das auf der Jagd nach einer dieser Fliegen eine Tasse voller Tee auf meine Matratze kippt, ein Schädel, der dermassen brummt, dass ich nicht mal lesen mag, stechende Schmerzen beim Einatmen, ein Telefon, das stets dann klingelt, wenn es wieder jemand von meinem Nachttisch entfernt hat und dieser jemand sich ebenfalls so weit entfernt hat, dass ich ans Telefon gehen muss, die Aussicht auf einen sechzehnten Hochzeitstag im Bett anstatt beim romantischen Abendessen, ein „Kranke Mama im Haus“-Chaos, das sich fast unaufhörlich ausweitet… – Kurz: Ein Tag zum Vergessen.

Wäre da nicht Karlsson, der mit besorgter Miene zu mir sagt, vielleicht hätte ich die Besprechung von heute Morgen doch besser sausen gelassen. Das Prinzchen, der sich auch nach der zweiten Kronen-Lichtnelken-Lieferung nicht davon abhalten lässt, noch einmal fröhlich singend für mich in den Garten zu rennen, um doch noch die gewünschten Salbeiblätter zu finden. Dazwischen die rührende Beschreibung, wie gross die Schwalbenschwanzraupen bereits geworden sind. Ein ganzer Becher „Swiss Chilbi“-Glace, den ich mir ohne schlechtes Gewissen ganz alleine einverleiben darf, weil ich a) Halsschmerzen habe und Medizin brauche, b) heute noch kaum etwas gegessen habe und c) niemand aus meinem Becher essen darf, weil er sich sonst ansteckt. „Meiner“, der mir voller Stolz vorführt, wie elegant er morgen am Maienzug  – der zufällig auch unser Hochzeitstag ist – aussehen wird. Luise, die wieder gesund ist und fröhlich von ihren Erlebnissen in der Mädchengruppe, der sie sich neulich angeschlossen hat, plaudert. Der Zoowärter und der FeuerwehrRitterRömerPirat, die es für einmal fertig bringen, einen Krankheitstag auch wirklich schlafend im Bett und nicht zankend und streitend zu verbringen. Gesunde Kinder, die für einmal widerspruchslos helfen, das Chaos zu beseitigen. Die Zugtickets für die Schwedenreise, die „Meiner“ endlich am Bahnhof abgeholt hat. – Kurz: Ein Tag, der zwar zum Vergessen ist, der mir aber dennoch vor Augen führt, was für ein glücklicher Mensch ich doch bin. 

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Besser jetzt…

Besser jetzt, als in den Sommerferien. Und erst recht besser jetzt, als dann, wenn Karlsson in der Musikwoche ist oder Luise und der FeuerwehrRitterRömerPirat im Jungscharlager sind. Besser auch jetzt, wo keine Prüfungen mehr zu schreiben – und nachzuholen, wenn man sie verpasst – sind. Besser jetzt, wo das Jugendfest vorbei ist. Besser fast alle zusammen intensiv, als endlos, einer nach dem anderen. Besser hier, wo wir mit der Apotheke auf du und du sind, als in Schweden, wo du für jedes halbwegs wirksame Medikament zuerst zum Arzt gehen musst. Besser nicht am Geburtstag des FeuerwehrRitterRömerPiraten. Besser jetzt, wo es im Garten noch nicht viel zu ernten und in der Küche noch nicht viel zu verarbeiten gibt. Besser jetzt, wo „Meiner“ nicht mehr mit Terminen eingedeckt ist und deshalb auch zu anständigen Zeiten nach Hause kommt. Besser jetzt, wo kaum einer mehr etwas von einem will, in der Annahme, dass wir ohnehin schon auf dem Sprung in die Ferien sind.

Ich muss also zugeben, dass die Sommergrippe uns noch selten so rücksichtsvoll überfallen hat. Dennoch könnte sie mir gut und gerne gestohlen bleiben.

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Reichtum

Nach zahlreichen misslungenen Versuchen ist es mir endlich gelungen, unser Familienfotoarchiv auf dem Computer wieder zu öffnen und so verbrachten die Kinder und ich gestern viel Zeit damit, uns durch alte Fotos zu klicken.

Das Prinzchen begegnete dabei zum ersten Mal ganz bewusst seinem sehr viel kleineren Ich. Anhand der unzähligen „Jöööööö“-Rufe gehe ich davon aus, dass ihm dieses sehr viel kleinere Ich äusserst gut gefällt.

Dem Zoowärter ging es ganz ähnlich wie dem Prinzchen, er musste aber auch mit Entsetzen feststellen, dass ihn seine einzige Schwester während einiger Zeit für eine lebendige Puppe gehalten hatte.

Der FeuerwehrRitterRömerPirat, Luise und Karlsson kramten beim Betrachten der Bilder in ihren Erinnerungen und zum ersten Mal erzählten sie nicht nur, was ich selber auch miterlebt hatte, sondern auch das, was bei diesen Erlebnissen in ihren Köpfen vorgegangen war, was sie bei dieser oder jener Gelegenheit gedacht, gefühlt, befürchtet, …. hatten. 

Mich überkam bei alldem das Gefühl, eine unglaublich reiche Mutter zu sein. So viele Erlebnisse mit doch ziemlich vielen kostbaren kleinen Menschen. Einfach überwältigend. Ich wurde aber auch von Wehmut ergriffen. Nicht nur, weil diese kleinen Menschen so schnell gross geworden sind, sondern auch, weil ein Teil dieser wichtigen Jahre in meinem Leben geprägt gewesen waren durch eine tiefe Erschöpfung, die mich daran gehindert hat, diesen unendlichen Reichtum auch wirklich wahrzunehmen und zu geniessen. 

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Gespräch im Garten

„Äs gommt Rägen“, sagten meine Tomatenpflanzen heute zu mir, als ich kurz bei ihnen vorbeischaute, ehe der Jugendfestumzug begann.

„Erstens heisst das ‚Heute wird es regnen‘ und nicht ‚Äs gommt Rägen‘ und zweitens: Woher wollt ihr so genau wissen, dass es heute regnen wird? Diesen Sommer regnet es nie.“

„Erstens sagen wir ‚Äs gommt Rägen‘, weil du das immer so hinreissend lustig fandest, als Prinzchens bester Freund das so sagte und zweitens hast du gestern Abend das Fenster offen gelassen, als du die Wetterprognose geschaut hast und wir haben jedes Wort mitgehört. Der Wetterfrosch hat gesagt, es werde regnen und zwar heftig und darum möchten wir wissen, was du zu tun gedenkst, damit unsere empfindlichen Blättchen nicht nass werden.“

„Ach, ihr wollt doch nicht etwa glauben, was dieser Clown im Fernsehen sagt?“, entgegnete ich. „Der redet ja alle paar Tage eine mittelgrosse Sintflut herbei und am Ende bleibt es trocken wie immer. Ihr müsst froh sein, wenn ihr dieses Wochenende überhaupt nasse Würzelchen bekommt…“ „Was, wenn der Clown für einmal recht hat?“, unterbrachen die Pflanzen meinen Redeschwall.

„Ich hab‘ ja diese netten Röckchen aus Vlies, die ich euch überziehen kann…“, begann ich, doch die grösste der Tomatenstauden – ich glaube, es ist eine Saucey – unterbrach mich. „Du hast genau fünfzehn von diesen netten Röckchen, wir sind aber mindestens dreissig Pflanzen.“ „Unsere Kolleginnen auf dem Balkon nicht mitgezählt“, ergänzte die weisse Ochsenherz, die zwar partout nicht gross werden will, aber trotzdem immer das grosse Wort schwingt. Die weiss halt, dass sie etwas ganz Besonderes ist. 

„Nun beruhigt euch doch“, beschwichtigte ich die aufgebrachten Stauden. „Ich fahre jetzt gleich in die Landi und hole euch noch ein paar weitere Röckchen. Noch vor dem Jugendfestumzug, versprochen.“ „Okay, wir werden dann ja sehen“, meinte die Saucey mit leicht zynischem Unterton, doch ich hatte jetzt wirklich keine Zeit mehr, mich um sie zu kümmern, denn die Kinder mussten geputzt und gestriegelt werden. 

Am Nachmittag fielen dann tatsächlich ein paar Regentropfen, was mir eine willkommene Ausrede bot, die Kinder auf dem Rummelplatz einzusammeln und nach Hause zu gehen. Natürlich ging ich umgehend zu meinen Tomaten. Immerhin hatte ich ihnen ein Versprechen abgegeben. 

„Es regnet bereits“, sagte die Gelbe von Thun vorwurfsvoll, als ich mit meinem Vlies angerannt kam. „Es regnet nicht, es tröpfelt ein wenig. Wenn ich den Gartenschlauch mal etwas zu stark einstelle bekommen eure Blättchen mehr Wasser ab als bei diesem kleinen Regen“, entgegnete ich und machte mich daran, das Vlies zuzuschneiden. „Über diesen Gartenschlauch könnten wir uns auch mal unterhalten“, meinte das Baselbieter Röteli spitz. „Wo bist du überhaupt so lange geblieben?“ „Mutterpflichten“, antwortete ich knapp, denn ich war gerade dabei, ein widerspenstiges Stück Schnur zu bändigen. „Was für Mutterpflichten denn? Ich hab‘ gedacht, du wärest auf einem Fest gewesen“, fragte Black Seaman. „Kinder nach dem Umzug einsammeln, Schülerverpflegung abholen, versalzene Pommes Frites kaufen, Taschengeld austeilen, Begleitung auf dem Rummelplatz, Streit schlichten,… was man halt so macht auf einem Jugendfest“, erklärte ich. „Klingt nicht sehr festlich“, meinte Black Seaman, die anderen Pflanzen pflichteten ihm bei und für einmal an diesem Tag waren die Tomaten und ich uns einig. 

Die Einigkeit dauerte nicht lange, denn schon bald fing eine dieser gross gewachsenen Stauden – ich habe ihren Namen leider vergessen – an zu stänkern: „Kannst du mir nicht ein etwas grösseres Kleidchen überziehen? Du klemmst mir ja die Zweige ein.“ „Nun hab dich nicht so. Das Vlies muss für alle reichen“, gab ich zur Antwort. „Na, waren wir mal wieder knausrig?“, fragte das Baselbieter Röteli, das noch immer eingeschnappt war, weil es ein paar Regentropfen abbekommen hatte. „Knausrig? Fast 20 Franken habe ich ausgegeben, um euch vor einem Regen zu schützen, der vielleicht nicht mal kommt. Es hat bereits wieder aufgehört…“, sagte ich. 

„Es mag zwar für den Moment aufgehört haben“, sagte die Purpurkalebasse, „aber es wird wieder kommen.“ „Das will ich doch hoffen. Sonst hätte ich mich jetzt umsonst damit abgemüht, euch allen ein nettes kleines Röckchen überzuziehen, anstatt mich bei einem ausgiebigen Mittagsschlaf von den Feststrapazen auszuruhen“, erwiderte ich.

„Eines Tages wird diese Frau noch verfaulen“, hörte ich die Tigrella zu San Marzano sagen, als ich ins Haus ging, um den verpassten Mittagsschlaf nachzuholen. 

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Wenn ich freitags ungestört arbeiten will…

Luise: „Mama, kannst du schnell…?“

Ich: „Nein, Luise, du musst zu Papa gehen. Ich arbeite doch heute. Wenn Papa in der Schule ist, kannst du auch nicht einfach zu ihm gehen. Wenn ich arbeite, ist das genau gleich, auch wenn ich hier bin. Das habe ich dir jetzt doch schon hundertmal gesagt.“

Drei Minuten später

Karlsson: „Die Lehrerin hat heute gesagt…“

Ich: „Karlsson, ich arbeite…“

Karlsson: „…wir müssten jetzt doch keinen…“

Ich: „Kaaaarlsson, ich aaarbeite…“

Karlsson: „…Kuchen mitbringen, weil…“

Ich: „Ich hab‘ gesagt, ich arbeite!“

Karlsson: „…am Schluss ja doch die Mütter in der Küche stehen würden. Ich lass dich jetzt arbeiten.“

Zwanzig Minuten ungestörtes Arbeiten, dann…

Prinzchen: „Der Zoowärter hat…“

Zoowärter: „Aber das Prinzchen hat auch…“

Ich: „Ich will überhaupt gar nichts wissen von euren Streitereien. Geht zu Papa, der ist heute für euch da.“

Beide: „Aber er hat zuerst…“

Ich: „Und ich will nichts davon wissen. Ab, zu Papa!“

Etwas später…

Wieder das Prinzchen: „Papa will mir nichts zu essen geben.“

Ich: „Das kann ich mir nicht vorstellen…“

Prinzchen: „Doch, er sagt, ich muss zuerst meine Sachen wegräumen…“

Ich: „Dann mach das doch. Danach bekommst du sicher etwas.“

Prinzchen (schluchzend): „Aber ich hab‘ doch solchen Hunger…“

Ich (wütend, weil mein armes Kindchen hungern muss): „‚Meiner‘, jetzt gib doch diesem armen Kind etwas zu essen. Er kann doch nachher aufräumen. Und überhaupt: Wenn du nie zu den Kindern schaust, kann ich nicht arbeiten!“

Kurzer, aber heftiger Krach mit „Meinem“, dann wieder eine Zeit lang ungestörtes Arbeiten

FeuerwehrRitterRömerPirat: „Mama, darf ich…“

Ich: „Ich arbeite…“

FeuerwehrRitterRömerPirat: „Aber du hast gestern gesagt…“

Ich: „Kann sein, dass ich gesagt habe und dann darfst du auch. Aber sprich dich mit Papa ab, er ist heute zuständig.“

Zwanzig Störungen später

Ich (zu irgend einem unschuldigen Störenfried, der zufällig gerade in der Nähe steht): „Himmel, wann wollt ihr denn endlich begreifen, dass ich heute ganz und gar nicht ansprechbar bin für euch? Wozu habt ihr eigentlich einen Papa, der freitags zu Hause ist?“

Natürlich hat keiner begriffen, was los ist mit mir, aber da sie jetzt alle zum Jugendfest müssen, habe ich endlich Ruhe. Denke ich…

Prinzchens bester Freund: „Tamar, weisst du, wo das Prinzchen ist?“

Aus lauter Gewohnheit hätte ich beinahe gesagt: „Frag Papa“, doch dann erinnerte ich mich im letzten Moment daran, dass der Papa von Prinzchens bestem Freund nicht wissen kann, wo das Prinzchen ist, weil der nämlich noch weniger zuständig ist für meine Kinder als ich es heute theoretisch gewesen wäre.

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