Prinzchens Grosseinkauf

Ein sehr überdrehtes Prinzchen und eine sehr übermüdete Mama gehen am Donnerstagabend eine knappe Stunde vor Ladenschluss einkaufen. Hauptziel dieses Einkaufs: Das Prinzchen so richtig müde zu machen, damit der Feierabend endlich kommen kann. Weitere Ziele: Den ziemlich leeren Kühlschrank wieder auffüllen, Koffeinnachschub besorgen, den einen oder anderen kleinen Frustkauf tätigen, weil das Leben gerade so anstrengend ist. Nun ja, das zumindest sind die Ziele aus mütterlicher Sicht, diejenigen des Prinzchens sehen etwas anders aus: Möglichst alles, was Mama sonst nie kauft, in den Einkaufswagen schmuggeln, dabei alles ohne Mamas Hilfe schaffen und so ganz nebenbei noch all die „Ach, ist der Kleine aber süss“-Kommentare  ernten, die es so kurz vor Feierabend noch zu holen gibt. Dreimal raten, wer seine Ziele zuerst erreicht hat…

Man muss aber auch sagen, dass das Prinzchen alles gegeben hat und seinen Sieg voll und ganz verdient hat. Das soll ihm zuerst mal einer nachmachen, wie er wagemutig vom Einkaufswagen auf den Rand des Kühlers kletterte und mich dabei konstant beschwatzte, bis ich ihm seufzend erlaubte, die Vanille- und Schokoladencrème, zu der er sich so hartnäckig hochgekämpft hatte, in den Wagen zu legen. Seine Parodie auf sämtliche einkaufenden Mamas war schon nahezu bühnenreif. Da stand der Dreikäsehoch vor dem Wurstregal und brummte: „Wurst haben wir auch keine mehr. Dann nehmen wir doch die und dann noch die…“ Ich weiss nicht, wann wir zuletzt so viel Wurst gekauft haben, aber kann man denn einem, der mit so viel Eifer bei der Sache ist, die Wurst verbieten? Und dann erst sein Versuch, aus der ganzen Spielwarenauslage das perfekte Geschenk für jeden herauszupicken: „Das hier wünsche ich mir und das auch und das auch und das auch, nein, das nicht, das wünscht sich bestimmt Luise, aber das wünsche ich mir und das und das und das wünscht sich der Zoowärter und ich natürlich auch und der FeuerwehrRitterRömerPirat auch und das wünsche ich mir und das auch noch und das ist für Karlsson und das für mich und das auch für mich und das auch noch…“ Damit zauberte er auch noch der griesgrämigsten, abgekämpftesten und ungeduldigsten Hausfrau, die an diesem trüben Donnerstagabend ihren Einkauf so schnell als möglich hinter sich bringen wollte, ein Lächeln ins Gesicht. Also auch seiner eigenen Mutter…

 

Wie ausgewechselt

Eben noch hast du dich heiser gebrüllt, weil keiner auf dich hören wollte. Du hast erfolglos mit Dessertenzug gedroht, hast dir den Mund fusselig geredet, um ihnen beizubringen, dass es so nicht weitergehen kann, weil sie dir sonst noch den letzten Nerv ausreissen. Du hast geklagt, geseufzt, nach Ursachen geforscht und manchmal, wenn sie sich ganz quer stellten, warst du den Tränen nahe. Wann ist sie endlich vorbei, diese elende Vorweihnachtszeit, die aus deinen sonst so umgänglichen Kindern quengelnde, ungehorsame kleine Monster macht, die dich in den Wahnsinn treiben?

Und dann, wenn du glaubst, es könne nicht mehr schlimmer kommen, sind sie plötzlich wie ausgewechselt. Du willst wie üblich den Dritten zur Eile antreiben, damit er nicht zu spät zur Schule kommt, aber da steht er schon vor dir, geputzt und gestriegelt, bereit zu gehen und rechtzeitig anzukommen. Du kommst mittags von der Arbeit nach Hause und stellst erstaunt fest, dass der Älteste den Tisch gedeckt hat und allen schon Saft eingeschenkt hat. Keiner hat sich mit Joghurt und Bananen den Appetit verdorben, weil er nicht warten konnte, bis Mama und Papa da sind und nach dem Essen helfen alle widerspruchslos, den Tisch abzuräumen. Abends, als die Wäsche dran ist, noch einmal das gleiche Bild: Alle helfen brav mit, als hätte noch nie eine Diskussion um die Frage „Warum müssen ausgerechnet wir bei der Wäsche helfen? Wir haben sie ja nicht gewaschen“ gegeben. Ja, und dann kommt es doch noch zu einem kleinen Krach, weil deine Tochter den Tisch ganz alleine decken und dekorieren will, was der grosse Bruder nicht einfach so hinnehmen will. Das geht doch nicht, dass jemand die ganze Arbeit an sich reisst. Abends, als bereits um Viertel nach neun himmlische Ruhe herrscht, reibst du dir verwundert die Augen und du fragst dich, ob da jemand heimlich deine widerspenstigen Kinder gegen diese wunderbar netten Geschöpfe aus dem Erziehungsratgeber ausgetauscht hat.

Du fragst dich natürlich auch, ob du selbst vielleicht etwas zu diesem Wandel beigetragen hast. „Hoffentlich habe ich sie mit meinem ewigen Genörgel der letzten Tage nicht eingeschüchtert“, sagst du zu dir selbst. Nun, in einem Punkt kannst du dich beruhigen. Die Mär von „Santa Claus bringt dir keine Weihnachtsgeschenke, wenn du nicht spurst“ kennen deine Kinder nicht. Weihnachtsgeschenke dürfen nicht an Bedingungen geknüpft werden, denn derjenige, der an Weihnachten gefeiert wird, liebt auch bedingungslos. Ein Dessert kann man schon mal verweigern, aber ein Weihnachtsgeschenk? An der Angst, dass sie an Weihnachten leer ausgehen könnten, kann es also nicht liegen, dass die Kinder wie verwandelt sind. Aber was ist es dann? Die Vorfreude? Das gute Gefühl, dass schon bald ganz viele Träume wahr werden? Oder liegt es nur daran, dass der Mond wieder abnimmt?

Du kannst dir den Kopf zerbrechen, soviel du willst, die Antwort wirst du kaum finden und schon gar nicht den Schalter, mit dem du deine Kinder von „Ich stelle mich aus Prinzip quer“ auf „Ich bin ein kooperatives Wesen, das sich aktiv dafür einsetzt, dass in der Familie alles rund läuft“ umschalten kannst. Am besten hörst du so schnell wie möglich auf mit dem Grübeln und freust dich stattdessen an dem völlig unerwarteten Frieden. Die anderen Tage werden auch wieder kommen und dann darfst du dich getrost fragen, was du jetzt schon wieder falsch gemacht hast.

Der Zeit voraus

Okay, in unserer Wohnung herrscht wie immer das pure Chaos, die Weihnachtsguetzli sind noch immer nicht gebacken und auch die Sommerkleider sind noch längst nicht weggeräumt, aber zumindest in einer Sache habe ich in diesem Jahr die Nase vorn: Die Weihnachtsgeschenke für unsere Kinder sind eingepackt. Gewöhnlich erledige ich dies irgendwann zwischen Tannenbaumschmücken und dem Rühren der Morchelsauce am Weihnachtstag und ich stelle mir die Frage, ob sich das überhaupt noch lohnt, wo das Papier ohnehin in einer halben Stunde zerfetzt wird. In diesem Jahr aber warten alle Geschenke perfekt verpackt auf ihren grossen Tag.

Selbstverständlich gibt es einen guten Grund dafür, denn gewöhnlich renne ich dem Leben hinterher und versuche verzweifelt, es an seinem Rockzipfel zu erwischen. Vorsprung auf die Pflichten des Alltags kommt äußerst selten vor, wie man an unserem Haushalt auf den ersten Blick erkennt. Dass die Geschenke bereits verpackt sind, war reine Notwehr. Das Prinzchen und der Zoowärter spürten nämlich jedes einzelne Geschenklein auf und was nicht weihnächtlich verpackt war, wurde zum Inventar des Spielzimmers erklärt und zum Spielen eingesetzt. Also blieb mir nichts anderes übrig, als alles so schnell wie möglich zu verpacken und damit auch für einen Dreijährigen unmissverständlich als Weihnachtsgeschenk zu deklarieren. Wenn es mir jetzt noch gelingt, die Katzen von dem verlockend raschelnden Papier fern zu halten, dann kann ich zumindest mal in einem Bereich so tun, als wäre ich bestens auf das Fest der Feste vorbereitet.

Es braucht ja keiner zu wissen, dass die Geschenke für Gotten und Göttis noch nicht mal angefangen sind…

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Hach, wie besinnlich

In diesen Tagen reagiere ich mal wieder besonders empfindlich auf tiefe Seufzer und „ach, diese Vorweihnachtszeit ist einfach furchtbar stressig“-Bemerkungen. Zumindest, wenn sie von Kinderlosen kommen. Ja, ich weiss, die Vorweihnachtszeit ist für die meisten Menschen ziemlich hektisch, aber für uns Kinderreichen ist sie mehr als das. Sie ist das, was für den Buchhalter der Jahresabschluss, für das Warenhaus der Sommerausverkauf, für den Magenbrotverkäufer die Herbstmesse und die Verkäuferin am Schwimmbadkiosk der erste Hitzetag nach drei Wochen Regen ist. Und zwar alles miteinander. Hochsaison für gestresste Eltern, sozusagen.

Ich rede hier nicht in erster Linie von den unzähligen Geschenken, die es zu kaufen, zu verstecken und einzupacken gilt. Auch nicht von der Vorweihnachtsbäckerei, die den Kindern genau so lange Spass macht, bis es ans Aufräumen geht. Auch das Geschenkebasteln für Gotte, Götti, Grossmama, Grosspapa, Lehrerin und Lieblingstante ist hier nicht das Thema. Und für einmal will ich auch nicht klagen über die verschiedenen mehr oder weniger romantischen Veranstaltungen – im Wald bei Wind und Regen, vor der Kirche bei klirrender Kälte, in einem überheizten Wohnzimmer bei Kerzenschein -, zu denen wir Eltern in der Vorweihnachtszeit gerne eingeladen werden. Das sind ja eigentlich die schönen Seiten dieser besonderen Zeit und wenn auch nicht immer alles als besonders gelungen bezeichnet werden kann, so verleiht es doch diesen Tagen das ganz besondere Etwas, ohne das es nie so richtig Weihnachten werden könnte.

Nein, was uns in diesen Tagen so sehr zu schaffen macht, ist der Alltag, dem es schnurzegal ist, ob es noch ein halbes Jahr dauert bis Weihnachten oder nur noch zwei Wochen. So widrig die Widrigkeiten des Alltags während des Jahres auch sein mögen, sie sind nie so widrig wie dann, wenn man eigentlich allmählich besinnlich werden möchte. Wenn der FeuerwehrRitterRömerPirat am sechsten August das Gipspulver für seine Fossilien, die er giessen will, im Treppenhaus  verschüttet und danach im ganzen Haus Spuren verteilt, dann ist es ein Ärgernis. Geschieht das Malheur aber am siebten Dezember, dann möchte man laut heulen. Denn eigentlich hätte man so gerne eine Kerze angezündet, einen Tee aufgesetzt und mit den Kindern über den Sinn von Weihnachten philosophiert. Bekommen die Kinder an einem gewöhnlichen Dienstag zu viele Hausaufgaben, quittiert man dies mit einem Seufzer. Müssen sie aber am Nikolaustag lange über den Büchern brüten, möchte man sich die Haare raufen und laut schreien. Stattdessen treibt man die Kinder zur Eile an. „Nun mach schon vorwärts, in einer halben Stunde kommt der Samichlaus!“ Hach, wie romantisch!  Versinkt das Haus an einem gewöhnlichen Sonntag im Chaos, findet man das zwar lästig, aber man kann so halbwegs damit leben. Wenn da aber eine, zwei, drei oder gar vier Adventskerzen ihr sanftes Licht verbreiten sollten, sieht das Ganze einfach nur noch schrecklich aus und man kann gar nicht mehr anders, als der Unordnung zu Leibe zu rücken, alleine schon, um die Brandgefahr zu verringern denn Kerzen und Chaos passen nicht nur optisch so gar nicht zusammen. 

Nun macht der Alltag natürlich auch bei Menschen, die keine Kinder haben, keinen weiten Bogen um die Vorweihnachtszeit. Auch wer keine Kinder hat, ringt oftmals verzweifelt um ein paar stille Momente. Aber sie müssen nicht zuerst all die Erdnussschalen, die sich nach dem Samichlausbesuch im ganzen Haus verteilen, vom Sofa klauben, bevor sie sich zu einem gemütlichen Tässchen Tee hinsetzen. Und darum ertrage ich auch die Seufzer und „ach, diese Vorweihnachtszeit ist einfach furchtbar stressig“-Bemerkungen so schlecht. Vor allem, wenn ich gerade auf einer Erdnussschale sitze. Oder Gips vom Fussboden aufwische.

 

Nur ein Viertelstündchen

„Nur ein Viertelstündchen“, seufzte ich, als ich mich heute nach dem allmorgendlichen „Nun zieht euch doch endlich die Schuhe an und macht, dass ihr rechtzeitig zur Schule kommt“-Ritual aufs Sofa legte. Aus dem Viertelstündchen wurden zwei, dann drei und schliesslich, als die Kirchturmuhr elf schlug, musste ich mit Schrecken feststellen, dass ich den ganzen Vormittag verschlafen hatte, währenddem das Prinzchen friedlich an meiner Seite spielte. „Mist, so etwas darf doch einfach nicht vorkommen“, meldete sich sogleich mein Gewissen zu Wort. „Dein armer Herr Gemahl rackert sich in der Schule ab, deine Kinder brüten über Rechenaufgaben, im Küchentrog stapelt sich das Frühstücksgeschirr und was tust du? Du pennst, als hättest du nichts Besseres zu tun.“ Zerknirscht wollte ich vom Sofa aufspringen und mich sogleich in der Küche zu schaffen machen, da meldete sich eine andere Stimme zu Wort: „Hör mal, mein gutes altes Gewissen“, sagte die Stimme, „ich bin von der Gewerkschaft und ich muss dir leider sagen, dass das, was die gute Frau heute Morgen getan hat, schon längst überfällig war. Endlich macht sie sich daran, die Überstunden abzubauen, die sie in den vergangenen Jahren angehäuft hat.“ „Welche Überstunden denn?“, fragte ich verdutzt und mein Gewissen lachte höhnisch: „Überstunden? Wir sind doch hier nicht in einem Betrieb. Die Frau hat Kinder gewollt, sie hat sich dazu bereit erklärt, einen Haushalt zu führen, also ist das, was sie hier zu tun hat, nichts weiter als ihre heilige Pflicht, ihre Berufung sozusagen. Wo kämen wir denn hin, wenn all die Mütter nun auch noch anfangen würden mit dem Geschwätz von fairen Arbeitsbedingungen, dreizehntem Monatslohn und Kompensation von Überstunden?“ „Nun, ich würde sagen, wir kämen ein ganzes Stück weiter. Überleg dir doch mal, wie oft so eine Mutter anstelle der vorgesehenen acht Stunden am Tag geschlagene sechzehn Stunden im Einsatz ist, oft gänzlich ohne Pause und selbstverständlich ohne Lohn. Es ist also höchste Zeit, dass wir die Kompensation der Überstunden in Angriff nehmen, sonst streikt die gute Frau eines Tages und was machen wir dann?“ „Ha! Als ob sie nicht schon längst streiken würde!“, ereiferte sich mein Gewissen. „Eben erst war sie im Ländli, den Sonntagnachmittag hat sie auch schon verpennt und glaub mir, wenn sie nicht ins Schwimmbad gefahren wäre mit den Kindern, sie hätte auch gestern Nachmittag nichts Anständiges zustande gebracht. Wenn diese Frau sich nicht endlich wieder aufrafft, dann laufen hier die Dinge noch ganz aus dem Ruder.“ 

Ob diesem Gekeife wurde ich allmählich wieder wach genug, um die zwei zum Schweigen zu bringen. „Hört mal“, sagte ich, „ihr habt ja beide ein Stück weit Recht. Klar muss ich mich wieder etwas mehr am Riemen reissen, denn immerhin bin ich noch Teilzeit-Hausfrau und kann nicht einfach den ganzen Kram auf ‚Meinen‘ und die Putzfrau abwälzen. Aber ich wage zu behaupten, dass nach all den durchwachten Nächten ein paar zusätzliche Stunden Schlaf noch nicht als Todsünde gelten.“ Und zu mir selber sagte ich: „Zm Glück hast du viele Kinder. Bei Kind Nummer eins hättest du es noch nie und nimmer fertiggebracht, einfach so einen Vormittag zu verschlafen, egal wie kurz die Nacht zuvor war. Jetzt hingegen kannst du das nicht bloss, du musst es. Zumindest hin und wieder…“

 

Aufatmen

Es ist ein ganz und gar neues Gefühl, das seit einiger Zeit über mich kommt, wenn alle Rechnungen beglichen sind. Nicht mehr diese Ohnmacht, weil wieder mal bloss ein kleiner Rest bleibt, mit dem man irgendwie über die Runden kommen sollte. Nicht mehr diese Angst, dass die Krankenkasse wohl wieder zu spät die Kosten für die Arztbesuche zurückerstatten wird. Nicht mehr dieser Frust, weil man schon wieder von dem wenigen Ersparten, das da noch ist, etwas abzwacken muss. 

Oh nein, wir schwimmen nicht plötzlich im Geld, zumindest nicht für Schweizer Verhältnisse, wenn man mit Menschen andernorts vergleicht, natürlich schon. Aber wo es vorhin immer eng war, bleibt plötzlich genug, um auch mal etwas auf die Seite zu legen. Nicht viel, aber immerhin etwas. Noch schöner aber ist, dass man nicht mehr jeden Spendenbrief seufzend zur Seite legen muss, sondern dass man immerhin da und dort einen kleinen Beitrag leisten kann, damit es nicht nur uns, sondern auch anderen etwas besser geht. 

Nun gut, unsere ewige Angst, dass das Geld nicht reichen könnte, sind wir natürlich noch nicht losgeworden. Zu lange haben wir mit ihr leben müssen und wer eine (grosse) Familie zu versorgen hat, wird wohl nie ganz frei sein davon.  Aber so allmählich kommt da auch ein wohliges Gefühl von Dankbarkeit auf. Denn seien wir doch ehrlich: dass wir keinen Mangel leiden, haben wir nicht nur uns selbst zu verdanken.

(Nicht ganz)alles beim Alten

So eine Auszeit, wie ich sie mir vergangenes Wochenende habe gönnen dürfen, ist ja schnell wieder vergessen. Kaum fällt die Wohnungstür hinter dir ins Schloss, bist du nicht nur  umringt von deinen Lieben, die dich vermisst haben, sondern auch von all dem Kram, den der Alltag jeweils liegen lässt. Spätestens eine halbe Stunde später hältst du zum ersten Mal wieder einen Putzlappen in der Hand und wenn du am nächsten Morgen die Kinder weckst, ist es, als wärest du nie weg gewesen; sie motzen dich an wie eh und je, weil du dazu gezwungen bist, sie aus dem Schlaf zu reissen. 

Es gibt Mütter, die auf Auszeiten verzichten, weil der Stress des Heimkommens grösser ist als der Genuss der Entspannung. Auch ich habe am Montagmittag geseufzt, als ich mich gehetzt wie eh und je  zum Essen hinsetzte. „Ich weiss schon nicht mehr, wo mir der Kopf steht und dabei war mir während der Tage im Ländli so einiges klarer geworden“, klagte ich. „Ich hatte mir doch so sehr vorgenommen, ein wenig Ruhe in den Alltag einfliessen zu lassen. Aber mir scheint, ich bin nicht lernfähig.“

Doch dann ertappte ich mich am Dienstag dabei, wie ich auf eine Anfrage etwas sagte, was ich sonst kaum über die Lippen bringe, nämlich die vier Buchstaben N-E-I-N. Nicht zu einem Kind, dem ich die Süssigkeiten verweigern musste, auch nicht zu „Meinem“, der mich zu einem gemütlichen Filmabend überreden wollte, sondern zu einer Anfrage, die einmal mehr dazu geführt hätte, dass ich irgendwie zwischen Kind, Haushalt,  Ehe und Arbeit noch eine Verpflichtung hineingewürgt hätte. Ein unglaublich gutes Gefühl. So gut, dass ich es heute gleich noch einmal ausprobierte. Es klappte, das Nein wurde akzeptiert, der Tag verlief deutlich ruhiger als wenn ich ja gesagt hätte. Er verlief nicht vollkommen beschaulich, natürlich nicht. Ist ja gar nicht möglich bei uns. Aber er verlief immerhin so beschaulich, dass ich mir heute Abend ohne schlechtes Gewissen und ohne „Mist, das hätte ich auch noch erledigen sollen“, die Borgias reinziehen konnte. 

Ich bin natürlich nicht so vermessen, vollmundig zu behaupten, ich hätte meine Lektion gelernt und ab jetzt werde alles anders. Dafür kenne ich mich viel zu gut. Aber ein kleines bisschen stolz bin ich schon auf die zwei N-E-I-N, die mir da über die Lippen gekommen sind. 

Senior citizen’s darling

Schon in meiner Kindheit fing es an: Je älter die Sonntagsschullehrerin, umso überzeugter war sie davon, dass ich braver war als die anderen. Weil ich freiwillig einen Rock trug, die Bibelverse leicht auswendig lernte und nicht den Mut aufbrachte, mitzumachen, wenn die anderen Schabernack trieben. Schon damals hätte ich am liebsten laut protestiert. „Ich bin nicht so brav, wie Sie meinen“, hätte ich gerne gesagt. „Neulich habe ich in der Wut gar eine Türe eingetreten.“ Aber wer hätte mir denn geglaubt? Ich war doch so nett.

Später wieder dasselbe. Je konservativer die alten Leute, umso begeisterter waren sie von mir. Weil ich den Mund weit aufmachte beim Singen und weil ich gerne Geblümtes trage. „Du bist immer so nett“, sagten sie mir, „so anders als die anderen jungen Leuten.“ „Ich bin gar nicht so anders“, pflegte ich zu widersprechen. „Fragt mal meine Mutter, die kann euch erzählen, wie anders ich bin. Keine in der Familie knallt die Türe so heftig wie ich, keine gibt so schnoddrige Antworten.“ Aber natürlich glaubten sie mir nicht, ich war ja so nett.

An diesem Wochenende im Ländli wieder das gleiche Lied: Ich bin ja so fleissig, so bodenständig, so anders als die anderen Mütter heutzutage, die ihre Zeit mit Kaffeetrinken und Maniküre vergeuden. Ha, von wegen! Erstens sind die „anderen Mütter heutzutage“ nie und nimmer so bequem, wie ältere Leute gerne behaupten und zweitens bin ich die Erste, die sich einen Latte Macchiato schnappt, wenn sich die Gelegenheit dazu bietet. Und so bodenständig und fleissig, wie die Senioren es gerne hätten, bin ich auch nicht. Ja, klar, ich koche mit Leidenschaft Quittengelee ein, aber wenn die wüssten, wann ich das letze Mal ein Bügeleisen in der Hand hielt und wie oft unser Bett am Morgen ungemacht bleibt, sie würden wohl nicht mehr so freundlich sein zu mir. Obendrein wähle ich links, bin für die Abschaffung der Armee und für die schweizweite Einführung von schulergänzender Kinderbetreuung, wenn auch mit der Einschränkung, dass die Eltern selber wählen dürfen, ob sie davon Gebrauch machen wollen oder nicht. Aber all das nimmt man mir nicht ab, ich bin ja so nett.

Zuweilen habe ich es ganz gehörig satt, von älteren Leuten immer nur für die grosse Ausnahme unter den vielen „missratenen jungen  Frauen“ gehalten zu werden, denn ich weiss nur zu gut, dass ich es nicht bin. Neben meiner netten Seite, die ich durchaus auch habe, gibt es da noch meine Launenhaftigkeit, mein aufbrausendes Temperament und meinen Hang zum Chaos. Alles nicht besonders vorbildlich, aber eben auch Teil meiner Persönlichkeit. Dazu stehe ich, denn ich halte nichts davon, den Leuten etwas vorzumachen. Früher oder später kommt ohnehin alles ans Licht, spätestens dann, wenn die Kinder beim Psychiater landen und klagen „Unsere Mutter hat immer…“. 

Warum bloss glauben mir die alten Leute nicht? Vielleicht sollte ich mich mal so aufführen wie zu Hause, dann würden sie mir glauben. Wobei man es im Ländli wohl nicht allzu gerne sähe, wenn ich in der Wut einen Teller gegen die Wand schmeisse.

 

To do

– Den Schlüssel der Vorratskammer verstecken, damit die Kinder nicht mehr hinter die Schokolade gehen.
– Ein Schlüsselversteck finden, das zwar kindersicher ist, aber nicht so sicher, dass „Meiner“ und ich den Schlüssel nicht mehr finden können.
– Mehr Ruhe ins Familienleben bringen.
– Endlich einen Kurs im Neinsagen besuchen.
– Dem Prinzchen die Windeln abgewöhnen.
– Leberpastete für Karlssons Geburtstag zubereiten.
– Diese fiese Erkältung auskurieren und zwar wenn möglich in den nächsten zehn Stunden.
– Eine Sammlung anlegen für alle Absurditäten des Lebens, über die erst in zehn Jahren gebloggt werden darf, wenn die Leute, die sich im Text wieder erkennen würden, schon längst vergessen haben, dass sie mir je begegnet sind.
– Herausfinden, ob ich das, was ich will, wirklich will, oder ob ich nur glaube, es wollen zu müssen, weil andere wollen, dass ich will.
– Endlich mit dem Entspannungstraining anfangen, damit ich am Freitag fit bin für den Entspannungsmarathon: 72 Stunden im Ländli, ganz für mich alleine. Eine echte Herausforderung.
– Die Küchenkombination gründlich putzen.
– Adventskalender vorbereiten.
– Dem Zoowärter beibringen, dass das elterliche Budget für Weihnachtswünsche beschränkt ist.
– Ein Ausrede überlegen, weshalb ich auch diesen Winter keine Skiferien machen will und wir das Geld lieber für eine Reise im Sommer sparen wollen.
– Die letzten Blumenzwiebeln setzen und endlich diese Kürbislaternen entsorgen.
– Schlafen und zwar sofort! Auch wenn das Prinzchen, das vor einer Stunde wieder aufgewacht ist, gerade einen Kreativitätsschub hat und mir Autos, Garagen und Kanonen malen will. Und das alles in rosarot.

Es tut sich was

Dass ich das auf meine alten Tage als Mutter von Vorschulkindern noch erleben darf: Die Migros führt in ausgewählten Filialen Familienkassen ein, also Kassen, die breit genug sind für Kinderwägen und – was noch viel wichtiger ist – bei denen auf all die Süssigkeiten verzichtet wird, die jeden Einkauf mit Kind zur Tortur werden lassen. Nun gut, die ausgewählten Filialen liegen nicht in meinem Futter-Jagdrevier, aber man denkt offenbar bereits darüber nach, den Versuch auf weitere Regionen auszuweiten. Wenn das so weitergeht, besteht Hoffnung, dass ich dereinst mit meinem ersten Enkelkind völlig stressfrei werde einkaufen können. Was eigentlich nicht ganz fair ist, denn ist es nicht das Privileg aller Grossmütter, den Enkeln all den Mist zu kaufen, den sie ihren Kindern nie und nimmer gekauft hätten?