Wieder so ein Tag

Der erste Satz des Tages: „Du musst sofort aufstehen, es ist schon Viertel vor sieben und ich muss heute früher zur Arbeit!“ Ein klares Zeichen, dass man sich sofort die Decke über den Kopf ziehen und den Rest des Tages im Dämmerschlaf verbringen sollte. Aber was tut man stattdessen? Man schlurft in die Küche, wo man sich zuerst einmal mit dem Teig zu schaffen macht, damit das Prinzchen frische Brötchen zum Krippengeburtstag bringen kann. Und dann gleich noch einmal Teig, denn man hat ja versprochen, dass es im Familienzentrum heute Kuchen zum Dessert gibt und der wird ja nicht von selbst, auch wenn jetzt eigentlich die Raubtierfütterung auf dem Programm steht. Heute also nur unter reduzierter mütterlicher Aufsicht, was natürlich einige der Raubtiere zum Spielen und Streiten verleitet. Nachdem die Raubtiere satt, sauber und auf dem Weg zur Schule sind, kommt der Haushalt dran, aber der hätte so viel Zuwendung nötig, dass ich es bei einem kurzen Brief an die Putzfrau belasse: „Musste heute früh backen, bitte entschuldige das Chaos.“ Danach ab unter die Dusche und dann mit Teig, Geburtstagsbrötchen und Springformen los zur Arbeit, wohin ich es gerade noch pünktlich schaffe, weil meine Mutter sich des Prinzchens, der unbedingt mit seinem neuen Laufrad in der Krippe aufkreuzen will, annimmt. 

Der Arbeitsmorgen ist auch nicht gerade beschaulich, aber immerhin etwas überschaubarer, weil ich hier nur einen Job zu erfüllen habe und nicht drei oder vier zur gleichen Zeit. Dennoch bin ich ganz schön geschafft, als ich nachmittags mit einer widerspenstigen Kinderschar – Einer weigert sich, die Schuhe anzuziehen, der andere scheint sich Petersilie in die Ohren gestopft zu haben, um keine mütterlichen Anweisungen hören zu müssen und der Dritte heult schon wieder, weil irgend etwas total unfair war –  zu Hause ankomme. Also sofort hinlegen und zwar alle, inklusive Mutter. Nach drei Minuten sind alle wieder auf den Füssen. Alle, ausser die Mutter, denn die schnarcht und würde nicht eines der Kinder irgendwann zu schreien anfangen, wir kämen viel zu spät zum Schwimmkurs. 

Wir kommen nicht viel zu spät, nur zu spät. Und dann stelle ich an der Kasse fest, dass das Portemonnaie zu Hause geblieben ist. Also schnell den Zoowärter, der noch keinen Eintritt bezahlen muss und der in dieser Saison unser einziger Schwimmschüler ist, in die Badehose zwängen, bei der Schwimmlehrerin abliefern und wieder zurück nach Hause düsen, wo das Portemonnaie unauffindbar ist. Also schnell eine herumstreunende Zwanzigernote auftreiben und wieder zurückrasen, damit der Zoowärter keine Angst kriegt und die anderen Kinder doch noch zu ihrem Badevergnügen kommen. Nach zwei Stunden auf der Treppe des Kinderbeckens – „Ja, Luise, du darfst noch dreimal vom Sprungbett springen, ja, du auch, FeuerwehrRitterRömerPirat. Halt, Prinzchen, nicht auf den nassen Fliesen herumrennen! Hilfe, der Zoowärter hat sich in einen gefährlichen Tyrannosaurus Rex verwandelt und will mich fressen!“ – bin ich komplett durchgefroren und ziemlich genervt, weil zuerst keiner aus dem Wasser will und sich dann alle in den Garderobenschränken verstecken. Mir scheint, so langsam werde ich heiser…

Zu Hause erwartet mich „Meiner“ mit der Nachricht, dass Karlsson vom Kinderorchester abgeholt werden muss und so sitze ich wenige Minuten später schon wieder im Auto. Diesmal immerhin ohne drei Streithähne auf den hinteren Sitzen. Und man lese und staune, ich komme sogar pünktlich an, um Karlsson in Empfang zu nehmen. Wenig später sitzen wir alle am Tisch und man wünschte sich, dass es jetzt allmählich ruhiger wird, bis man schliesslich den Abend bei Kerzenschein und einem netten Gespräch mit „Meinem“ ausklingen lassen kann. So etwas gibt es tatsächlich, aber doch nicht an einem solchen Tag. Und darum dauert es nicht lange, bis das ganze Haus wieder summt wie ein Bienenstock. Die Kinder räumen ihre Zimmer auf und können sich nicht entscheiden, ob sie sich nun kooperativ zeigen wollen oder nicht, „Meiner“ schneidet Kuchen für die Verkleideten, die im Minutentakt an der Türe klingeln und Süsses verlangen, damit wir kein Saures kriegen, aber von all dem bekomme ich nichts mehr mit, denn ich bin schon längst wieder abgerauscht, weil da noch eine Sitzung bevorsteht.

Wenn ich jetzt so auf den Tag zurückblicke, dann dünkt mich, es wäre eindeutig gemütlicher gewesen, wenn ich mir heute früh die Decke über den Kopf gezogen hätte. 

War das wirklich so?

Das Leben in der Grossfamilie bringt ans Licht, wer du wirklich bist. Bei mir zum Beispiel stellte sich heraus, dass das mit dem Perfektionismus wohl reines Wunschdenken war. Damals, als mein Leben noch überschaubar war – Mann, ein Kind, vier Zimmer und ein Halbtagsjob – war es ja noch einfach, so zu tun als ob. Die Küchenkombination stets perfekt poliert, so dass sogar meine Mutter neidisch wurde, die  ganze Putzerei an einem halben Tag pro Woche erledigt, der Schreibtisch im Büro perfekt aufgeräumt, die Stifte in Reih und Glied schön rechtwinklig zum Notizblock. Natürlich auch immer sauber angezogen, das Kind nie mit voller Windel unterwegs, der Wocheneinkauf wurde en famille erledigt. „Was meinst du, wollen wir diese Woche mal wieder Kürbis essen, oder hast du eher Lust auf Blaukraut?“ Perfekter habe ich meinen Alltag nie hingekriegt als damals.

Heute, wo alles so anders ist als damals, kommt mir das alles nicht vor, wie ein längst vergangener Abschnitt meines Lebens, sondern wie eine Szene aus einem Film, den ich mal gesehen habe und dessen Titel mir entfallen ist. Hatten wir tatsächlich mal ein Zimmer, das nur zum Teetrinken und Gäste bewirten gebraucht wurde? Ist es wahr, dass wir die Teedosen damals einfach so herumstehen lassen konnten, weil keiner den gesamten Inhalt auf den Teppich verteilte? Gab es wirklich mal eine Zeit in unserem Familienleben, als ich zu jeder Zeit unangemeldeten Besuch empfangen konnte, ohne verschämt darauf hinzuweisen, dass ich zwar eben erst aufgeräumt hätte, dass man davon aber bereits nichts mehr sehe? Und habe ich damals allen Ernstes geglaubt, ich sei eine Perfektionistin?

Nein, eine Perfektionistin bin ich nicht, soviel ist inzwischen klar geworden. Gut, solange keiner da ist, der mir ständig alles durcheinander bringt, gelingt es mir ganz gut, dafür zu sorgen, dass jedes Ding seinen Platz hat und ich bringe es gar fertig, meine Zeit sinnvoll einzuteilen. Ziehen aber die anderen nicht mit, oder schlimmer noch, zerstören die anderen laufend das, was ich verzweifelt aufzubauen versuche, dann kommt ans Licht, was ich wirklich bin: Ein Grossfamilienkind, das nie gelernt hat, Ordnung zu halten und das deshalb umso verzweifelter einen Halt in einem aufgesetzten Perfektionismus sucht, der aber nicht tief genug verankert ist, um auch die heftigsten Alltagsstürme zu überstehen. Was nun? Das Ganze mit einem „ich brauche eben mein kreatives Chaos, um glücklich zu sein“ abtun, oder weiterhin versuchen, wenigstens einen Ansatz von dem, was einmal war, in unseren Alltag hinüberzuretten? Der Entscheid ist noch offen und vielleicht fällt er auch erst dann, wenn bei uns zu Hause das Chromstahl wieder poliert ist, die Stifte wieder in Reih und Glied auf dem Schreibtisch liegen und die Teedosen wieder herumstehen dürfen, wo sie wollen, weil keiner mehr etwas auskippt. Obschon ich mir nicht so sicher bin, ob ich mir diesen Zustand zurückwünschen soll.

 

Jetzt bloss nichts vertauschen

Endlich sind auch meine Wahlzettel für die National-und Ständeratswahlen ausgefüllt. Wie das bei uns Hausfrauen so ist, erledige ich mehrere Dinge gleichzeitig und so kommt es, dass Einkaufs- und Wahlzettel parallel ausgefüllt werden. Auf den einen Zettel kommen Abfallsäcke, Katzensand, Fond de Teint und Streichhölzer, auf den anderen die Evangelischen und die Sozialdemokraten. Jetzt nur noch aufpassen, dass die zwei Zettel nicht vertauscht werden. Ich will ja keine Müllschlucker, Vertuscher und Brandstifter nach Bern wählen und dass ich die Evangelischen und die Sozialdemokraten im Regal bei der Migros finde, bezweifle ich doch sehr. 

Soweit reicht mein Glaube nicht

Es gibt viele Dinge in diesem Leben, die mich aggressiv werden lassen – die Plakatkampagnen der SVP, zum Beispiel, oder Gesprächsfetzen, wie ich sie neulich gehört habe: „Der Chinese, der hält seinen Yuan ja künstlich billig, der Spanier ist zu faul zum Arbeiten, der Schweizer muss jetzt wegen dem starken Franken seine Firmen schliessen und der fleissige Deutsche ist mal wieder der Dumme.“ Auch wenn mir jemand klagt, er sei nun schon seit drei Jahren auf Stellensuche, habe aber nie eine Chance gekriegt „aber ich sehe nicht ein, wozu ich diese Weiterbildung hätte machen sollen, ich bin doch jetzt auch schon sechsundzwanzig“ kann ich mich nur mit grosser Mühe zurückhalten. Und wenn man erst zu klagen anfängt, der Atomausstieg würde unseren hohen Lebensstandard gefährden…

Ja, das alles kann mein Blut ganz schön in Wallung bringen, nichts, aber auch wirklich gar nichts treibt mich jedoch derart in Rage, wie ein Wohnungsputz. Ich kann mir noch so sehr einreden, das alles sei gar nicht so schlimm und in wenigen Stunden erledigt, ich kann mir noch so viele Strategien ausdenken, wie ich diesmal die grosse Wut umgehen kann, kaum halte ich Putzlappen und Feger in der Hand, kocht in mir dieser unbändige Zorn hoch, der sich gegen alles richtet, das mir in die Quere kommt, sei es nun eine harmlose Stubenfliege oder ein noch harmloserer „Meiner“, der wissen will, ob er mal ganz schnell den Staubsauger haben kann, damit wir schneller fertig werden mit dieser elenden Putzerei. Mit sowas muss man mir in dem Moment nicht kommen, so berechtigt das auch Anliegen sein mag, denn mit Putzlappen in der Hand werde ich zur Furie, die sich selber nicht mehr ausstehen kann.

Da helfen weder die Klassische, noch die Anbetungsmusik, die ich zu meiner Besänftigung jeweils laufen lasse. Im Gegenteil, das macht alles nur noch schlimmer, vor allem die Anbetungsmusik, denn das passt ja mal wieder wunderbar zusammen: Giftige Bemerkungen auf der Zunge, ein hasserfüllter Blick auf den elenden Dreck und dazu fromme Musik. Ich kann mir jetzt schon lebhaft vorstellen, wie unsere Kinder dereinst stöhnen werden, wenn sie erwachsen sind. „Putztage waren einfach schrecklich. Die Mama fegte wie ein wild gewordener Bulle durch die Wohnung, motzte jeden an, der ihr in die Nähe kam und dazu hörte sie diese fromme Musik, die wie die Faust aufs Auge passte…“

Das Schlimmste an der Sache ist, dass ich nicht an eine Besserung glaube. Mein Glaube reicht weit – ich habe zum Beispiel die Hoffnung noch nicht aufgegeben, dass die gesamte Christenheit dereinst erkennen wird, dass (Fremden)Hass und Gewalt im Namen Gottes nicht passen zu „liebe deinen Nächsten“ und erst recht nicht zu „liebet eure Feinde und tut Gutes, denen die euch hassen.“ Dass ich aber eines Tages vor dem Putzeimer stehen und zu mir sagen werde „Ist doch alles halb so schlimm, bringen wir’s doch einfach hinter uns“, daran glaube ich immer weniger. Und so kommt es, dass ich mir während der Putzerei all diese Gedanken zur mangelnden Nächstenliebe auf dieser Welt mache und gleichzeitig mache ich meinen allerliebsten Nächsten das Leben schwer, bloss weil ich mich noch immer nicht damit abfinden kann, dass der Dreck weg muss.

Zurück an den Herd, aber schnell

Wildschweingulasch, Gâteau du Vully, Gelée aus den Scheinquitten, die so lange unbemerkt in unserem Garten wuchsen – sie hat mich wieder, die Kochleidenschaft. Es müssen nicht mal Dinge sein, die ich selber essen will, Hauptsache ich darf in den Töpfen rühren. Dass ich sie jemals verlieren könnte, diese Leidenschaft, das hätte ich nie erwartet. Natürlich, man hatte mich gewarnt, wie man mich vor so vielem warnte, als wir eine Familie gründeten. „Du wirst sehen, wenn die Kinder erst mal grösser sind, dann wird dir das Kochen um Hals raushängen. Immer nur noch Spaghetti, Milchreis und Fischstäbchen. Glaub mir, ich weiss, wovon ich rede.“

Und so kam es dann auch, irgendwie. Obschon die Kinder keine Schuld trifft an der vorübergehenden Misere. Die geben sich nämlich keineswegs zufrieden mit Spaghetti, Milchreis und Fischstäbchen. Oh ja, sie haben auch ihre Momente, in denen sie nicht wollen, was ich serviere, aber grundsätzlich sind sie Neuem gegenüber sehr aufgeschlossen und weder Exotischem noch Scharfem abgeneigt. Nein, das Problem lag bei mir. Mehr und mehr wurde mir die Kocherei zur lästigen Pflicht, die man eben auch noch irgendwann zwischen aufräumen, einkaufen, Kinder abholen, Büroarbeit und Windeln wechseln erledigen muss. Noch schlimmer war es mit dem Essen. Anstatt zu geniessen war da nur noch der Kampf, auch noch  etwas zwischen die Zähne zu bekommen, irgendwann zwischen dem Aufwischen des verschütteten Apfelsafts und dem Trennen der Streithähne, die mit den Gabeln aufeinander losgingen. Na ja, vielleicht lag’s eben doch auch ein wenig an den Kindern…

Jetzt aber ist die alte Leidenschaft wieder da, auch wenn es bei uns am Tisch noch längst nicht so gesittet zugeht, wie man sich dies als wahrer Geniesser wünschen mag. Ein paar Monate, während denen vorwiegend ein Au Pair am Herd stand, Tage, an denen „Meiner“ das Kochen übernimmt und dies so wunderbar, dass mir nur das Geniessen, nicht aber die Arbeit bleibt, einige Stresstage, an denen mehr als Brot, Käse und Obst nicht drinliegt und schon ist da wieder Raum für neue Ideen und für alte Rezepte, die schon so lange darauf warten, ausprobiert zu werden. Und dann ist da noch dieses Kochbuch, das ich zum Geburtstag bekommen habe mit all diesen köstlichen Herbstrezepten…

Ich will zurück an den Herd und zwar schnell! Aber nur an den Herd, der Rest des Haushalts kann mir weiterhin gestohlen bleiben.

Gleiche Geschenke für alle

Endlich haben wir sie erreicht, die Gleichberechtigung. Da stöbere ich heute Nachmittag nach einem ergänzenden Geburtstagsgeschenk für „Meinen“, entdecke, dass einer dieser Öko-Anbieter jetzt auch einen Katalog speziell für Männer hat und denke, dass ich dort vielleicht fündig werden könnte. Und siehe da, man findet alles, was der moderne Mann sich zum Geburtstag wünschen könnte: Saftpressen, Handmixer, Kaffeekocher und Römertöpfe. Endlich können wir uns rächen für all die Jahre, in denen uns die Männer mit praktischen Geschenken für den Haushalt beglückt haben. Wenn der erstaunte Gatte wissen möchte, wie wir auf die Idee gekommen sind, ihm ausgerechnet einen Handmixer zu schenken, dann können wir voller Stolz antworten: „Das habe ich aus einem Katalog, den sie eigens für Männer zusammengestellt haben. Sag‘ Schatz, freust du dich denn nicht? Schau doch mal wie praktisch. Damit wir dir jedes Soufflée gelingen…“

Nun, ich habe dann doch darauf verzichtet, „Meinem“ etwas aus diesem Katalog zu bestellen. Ausser diesem einen Ausrutscher mit dem Brotbackautomaten hat er mich nie mit praktischen Geschenken genervt und deshalb sehe ich keinen Grund, weshalb ich mich mit einem Handmixer oder einer Saftpresse rächen sollte. Wobei, vielleicht sieht er Haushaltgeräte gar nicht als Strafe an. Wenn ich mich recht erinnere, hat er sich vor drei Jahren riesig über die Nähmaschine gefreut.

Ob ich vielleicht doch…

Von wegen nicht weit vom Stamm

Seit heute Nachmittag hängt an unserer Küchentüre ein Zettel mit der schönen Überschrift „Ordnung muss sein… Ordnung im Überblick“. Darunter ist fein säuberlich aufgeführt, wie die vier kleinen Vendittis, die dazu bereits fähig sein sollten, dafür sorgen können, dass mehr Ordnung herrscht. Keine Kleider auf den Fussboden schmeissen, die Schuhe ins Regal räumen, die Jacke an den richtigen Haken hängen und den Wäschekorb im Zimmer regelmässig leeren. Und damit keiner seine Pflichten so schnell vergisst, hängt das Blatt auch in jedem Kinderzimmer. 

Wer nun hofft, „Meiner“ und ich seien auch endlich auf den Zug derjenigen aufgesprungen, die mehr Disziplin in der Erziehung fordern, den muss ich leider enttäuschen. Das Regelwerk ist nämlich nicht auf unserem Mist gewachsen, sondern auf demjenigen der Kinder, allen voran Karlsson. Nun ja, die Forderungen sind eigentlich nicht neu, die haben „Meiner“ und ich immer mal wieder gepredigt, aber dass man bei uns zu Hause jetzt an jeder Ecke eine „Zimmerordnung“ – wie Karlsson das nennt – findet, das ist uns schon eher fremd, neigen wir beide doch eher zu spontan, unkompliziert und aus dem Bauch heraus, ich ein bisschen mehr als „Meiner“.

Aber so ist das halt mit der Jugend von heute, die will immer das Gegenteil von dem, was die Eltern für erstrebenswert halten. Das ist für mich eigentlich soweit okay und solange ich nicht die Einzige bin, die dafür sorgen muss, habe ich auch nichts gegen eine gewisse Ordnung einzuwenden. Ich fürchte mich einzig vor den Auswüchsen, welche die Reglementierwut mit sich bringen könnte. Ich ahne bereits, dass ich demnächst auf meinem Schreibtisch einen Zettel mit dem Titel „Ordnung muss sein… auch im Büro“ finden werde. Darauf wird wohl zu lesen sein: „Keine losen Blätter herumliegen lassen. Stifte und Radiergummis in einem Behälter versorgen. Bearbeitete Unterlagen in einem Ordner ablegen. Ein sinnvolles Ablagesystem für Pendenzen einrichten. Alte Notizzettel gehören ins Altpapier.“ Oder so ähnlich. 

Sollte ich diesen Zettel tatsächlich demnächst unter all den sich türmenden Papieren auf meinem Schreibtisch vorfinden, dann verlange ich einen Mutterschaftstest…

Wer macht hier die Sauerei?

Heute waren wir ganz spontan bei Nachbars zum Mittagessen eingeladen. Nachbars sind sehr nette Menschen und wir haben die Zeit bei ihnen sehr genossen. Die Leute haben nur einen einzigen Fehler: Ihre Wohnung ist aufgeräumt. Damit könnte ich ja halbwegs leben, das Dumme ist nur, dass Nachbars nicht nur eine aufgeräumte Wohnung haben, sondern auch vier Kinder. Und damit gerate ich in Erklärungsnot. Es kommt ja öfters vor, dass wir bei Menschen mit aufgeräumtem Zuhause zu Besuch sind, aber wenn „Meiner“ dann über unser Chaos jammert, dann kann ich sein Gejammer schnell abstellen. „Die haben ja erst ein Kind und das krabbelt noch nicht mal“, kann ich zum Beispiel als Argument anführen. Oder: „Kein Wunder, dass es bei denen aufgeräumt ist. Die haben ja auch schon erwachsene Kinder und sie ist nicht berufstätig.“ Oder: „Die sind beide voll berufstätig und die Kinder sind den ganzen Tag in der Krippe. Die sind so selten zu Hause, dass gar niemand Unordnung machen kann.“ Was aber hätte ich heute sagen sollen? Nachbars haben nur ein Kind weniger als, die meisten ihrer Kinder sind so alt wie unsere, die Eltern sind beide ähnlich beschäftigt wie wir und doch stapeln sich bei ihnen keine ungelesenen Zeitungen und halbfertige Wäscheberge. Für einmal hatte ich rein gar nichts anzubringen zur Verteidigung unserer alltäglichen Unordnung, der wir uns übrigens sehr wohl entgegenstemmen, auch wenn man kaum etwas sieht von unseren Anstrengungen.

Nun, auch wenn ich meiner eigenen Unordnung überdrüssig bin, ich hätte mich wohl damit abfinden können, dass es bei Nachbars ordentlicher aussieht als bei uns. Klar, auch mir gefällt es besser, wenn sich nicht alles stapelt,  aber wir sind nun mal nicht alle gleich. Dass Dumme ist nur, dass „Meiner“ sich von den aufgeräumten Zimmern sogleich hat inspirieren lassen. Kaum waren wir zu Hause, begann er, das Bücherregal auszumisten, Möbel zu verschieben und Vorträge zu halten, wie einfach es doch wäre, ein bisschen mehr Ordnung zu halten, wir hätten das ja jetzt mit eigenen Augen gesehen. Die Kinder, die sonst selten mit „Meinem“ einig gehen, wenn das Thema Ordnung zur Sprache kommt, pflichteten ihm artig bei. Und somit ist klar, wer an all der Unordnung Schuld ist: Ausgerechnet ich, die ich noch immer die Hauptverantwortung für den Haushalt innehabe. Oder innehätte, wenn ich mich denn nach all den Jahren relativ erfolglosen Haushaltens noch dazu aufraffen könnte, einen neuen Anlauf in Sachen Ordentlichkeit zu nehmen. 

Ich habe eine Weile lang darüber nachgedacht, wie ich mit dem neu erwachten Ordnungsfanatismus meiner Familie umgehen soll. Muss ich mich einfach wieder mehr anstrengen? Oder soll ich vollends resignieren, weil der Kampf ohnehin aussichtslos ist? Ich bin dann zu dem folgenden Schluss gelangt: Sie dürfen liebend gern mehr Ordnung haben, wenn sie das so sehr wünschen. Ich stehe ihnen nicht im Weg, ich verlange nur, dass sie sich aktiver daran beteiligen. Denn so sehr sie nach mehr Ordnung schreien, den grössten Teil der Sauerei mache nicht ich, sondern sie. Und der Postbote, der jeden Tag so viel Papier ins Haus bringt.

Trifft (in hohem Mass teilweise nicht) zu

Jetzt muss ich doch noch einmal auf dieses unsägliche Laufbahnreglement zurückkommen, denn die Sache will mir einfach nicht aus dem Kopf. Mit diesem Laufbahnreglement will die Schule ja nicht nur die Leistungen der Schüler bewerten, man möchte auch das „Arbeits-, Lern und Sozialverhalten“ möglichst umfassend beurteilen. Da stellt sich die Lehrkraft unter dem Punkt „Gestaltet Arbeiten sorgfältig und zuverlässig“ zum Beispiel die Frage, ob sich das Kind um eine „exakte und ansprechende Darstellung bemüht“. Unter dem Punkt „Begegnet den Lehrpersonen respektvoll“ wird analysiert, ob das Kind mit Kritik umgehen kann, ob es anständig ist und „sich zu benehmen weiss“. Es gibt einen ganzen Katalog an weiteren Kriterien, welche bewertet werden sollen.

Aber wie bewertet man denn? Ähnlich wie in einer Marktforschungs-Umfrage, wie mir scheint. Die Lehrkraft kann nämlich ankreuzen: „Trifft in hohem Mass zu“, „Trifft zu“, „Trifft teilweise zu“ und „Trifft nicht zu“. Soweit so einfach. Was mich an der Sache aber beunruhigt ist, dass die Spalte „Trifft zu“ gelb unterlegt ist, denn, so hat es die Schulleitung erklärt, man wünscht sich, dass sich alle Kinder in möglichst allen Punkten in dieser Spalte befinden. Nun kann ich ja ein gewisses Verständnis dafür aufbringen, dass man nicht gerade erfreut ist darüber, wenn ein Schüler in allen Bereichen ein „Trifft nicht zu“ erreicht. Ist ja nicht gerade angenehm, einen Querschläger in der Klasse zu haben, der weder mit Mitschülern noch Lehrern klarkommt und der jeden Tag die Hausaufgaben vergisst.

Was aber ist so schlimm daran, wenn man mal sagen muss, dass eine Sache nur teilweise zutrifft? Ich meine, würde man mein Arbeits- und Sozialverhalten genauer unter die Lupe nehmen, man würde wohl öfters mal ein „Trifft teilweise zu“ ankreuzen. Hätte man zum Beispiel gestern beurteilen müssen, ob ich mich „durch Erwartungen / Anforderungen unter Druck setzen lasse“, man wäre ganz klar zum Schluss gekommen, dass dies sehr wohl zutrifft. Vor allem, wenn ich nachts um eins noch immer verbissen und den Tränen nahe an dieser Broschüre arbeite, die doch endlich in Druck gehen sollte. Würde man an einem ganz gewöhnlichen Tag untersuchen, ob ich anständig bin und mich zu benehmen weiss, man könnte bestätigen, dass dies durchaus zutrifft. Aber glaubt mir, das Urteil würde ganz anders ausfallen, wenn man mich zufällig an einem Hausfrauenfrusttag kombiniert mit quengeligen Kindern und PMS erlebte. An solchen Tagen ist ein „Trifft teilweise zu“ eine Glanzleistung, die nicht zu verachten ist. Unter Erwachsenen akzeptiert man, dass es im Leben gute und schlechte Tage gibt und solange einer nicht komplett ausfällig wird, drückt man schon mal ein Auge zu, auch wenn der Tonfall etwas gehässiger als gewöhnlich war. Warum aber erwartet man von den Kindern eine Ausgeglichenheit, die wir selber nicht hinkriegen? Haben die Kinder kein Recht auf „Trifft teilweise zu“-Tage? Oder gar auf „Trifft nicht zu“-Tage?

Ja, dann wäre da natürlich noch die Spalte „Trifft in hohem Mass zu“. Auch die ist offenbar unerwünscht. Zumindest verstehe ich das so, denn wäre sie erwünscht, wäre sie bestimmt auch gelb eingefärbt. Wenn ich ganz nett und gnädig gestimmt bin, erkläre ich mir dies damit, dass man Kinder und Eltern nicht zu sehr unter Druck setzen will. Vermutlich will man uns sagen, dass gut schon ausreichend ist und dass es nicht nötig ist, sich abzukämpfen, um es auf Stufe „sehr gut“ zu bringen. Wenn ich weniger gnädig gestimmt bin – und das kann durchaus vorkommen, wenn man mir beim Schulbesuch sagt, der FeuerwehrRitterRömerPirat hätte zwar eine geniale Zeichnung gemacht, hätte dafür aber viel zu viel Zeit gebraucht -, dann sehe ich darin eine andere Aussage: „Du darfst gut sein, ja, du musst sogar. Aber bitte sei nicht zu gut, denn damit bringst du unser Programm durcheinander und das ist anstrengend.“

Wenn ich meine Kinder so anschaue, an all die unzähligen Hochs und Tiefs unseres Zusammenlebens denke, mir überlege, mit welchen Stärken sie brillieren und mit welchen Schwächen sie an ihre Grenzen stossen, dann wird mir klar, dass sie keine „Trifft zu“-Kinder sind. Das Spektrum reicht von „Trifft in hohem Masse zu“ bis zu „trifft überhaupt nicht zu“ und zwar bei jedem Kind, an jedem Tag. Natürlich, so, wie ich sie kenne, werden sie sich ernsthaft darum bemühen, ins „Trifft zu“-Schema zu passen, sie nehmen die Schule ja ernst und das ist soweit okay. In meiner Erfahrung ist es aber so, dass sie vor lauter Anstrengung, in der Schule in die gelbe Spalte zu passen, zu Hause so ausgelaugt sind, dass sie in den Bereichen „Kann sich mühelos entspannen und fröhlich sein“ nur noch ein „Trifft teilweise zu“ erreichen würden. Und an ganz anstrengenden Schultagen müsste ich beim Bereich „Geniesst das Zusammenleben mit Eltern und Geschwistern und trägt zu einem friedlichen, hilfsbereiten Familienklima bei“ ein „Trifft nicht zu“ eintragen.

Ich schreibe „würde“ und „müsste“, weil wir bei uns in der Familie davon absehen eine „Verbindliche Regelung zur Beurteilung des Arbeits-, Lern- und Sozialverhaltens“ zu erarbeiten. Ziemlich unprofessoinell, ich weiss, aber deutlich lebensnaher, wenn ihr mich fragt.

Sinnkrise abgewendet

Unser Planungswerk schreitet munter voran. Legten wir vergangenen Sonntag bloss fest, was wann getan werden muss und wer zu welchem Zeitpunkt überhaupt nichts tun muss/darf, so sind wir heute einen Schritt weiter gegangen: Wir haben zumindest auf dem Papier die ärgsten Stressfallen eliminiert. Jetzt wissen wir also nicht bloss, an welchen Tagen die Kinder bei der Wäsche helfen müssen und wann und bei welchen Lehrerinnen der erste Elternabend der diesjährigen Saison stattfindet, wir haben jetzt auch festgelegt, an welchen Tagen „Meiner“ das Prinzchen in die Krippe bringt und an welchen Abenden das Mittagessen vorgekocht werden muss. Damit ich morgens nicht mehr wie eine Furie mit Kindergarten- und Kleinkind durchs Dorf hetzen muss und sich mittags nicht mehr sieben hungrige und genervte Vendittis gegenseitig die wohlverdiente Pause verderben. Wenn das so weitergeht mit uns – und wenn wir es hinkriegen, die Pläne vom Papier in den Alltag zu übertragen – dann werden wir am Ende noch eine ganz gewöhnliche Grossfamilie, die ohne viel Drama ihren Alltag meistert. 

Eigentlich bin ich ja ganz froh, wenn wir das Chaos zumindest ansatzweise in den Griff kriegen. Und doch kam heute Abend, als ich den Dampfnudelteig für morgen Mittag knetete, eine leise Angst in mir hoch. „Entwickelst du dich jetzt allmählich zu einer jener Hausfrauen, die einmal im Monat drei oder vier Gerichte in riesigen Mengen vorkochen und dann einfrieren, damit sie nicht mehr zu oft in der Küche stehen müssen?“, fragte ich mein müdes Selbst, das sich eigentlich viel lieber mit der Zeitung aufs Sofa verzogen hätte. „Kommt es tatsächlich noch so weit, dass du, die du so gerne kochst und noch lieber isst, deine Familie und dich selber mit dem immer gleichen Futter abspeist, nur damit dein Alltag etwas beschaulicher wird?“ Ich war auf dem besten Weg, mich in eine uferlose Sinnkrise zu stürzen, die wohl darin geendet hätte, dass ich den wahnwitzigen Entschluss gefasst hätte, wieder Vollzeithausfrau zu werden. Zum Glück fiel mir gerade noch rechtzeitig ein, dass hausgemachte Dampfnudeln wohl kaum in die Kategorie der „im Handumdrehen zubereitet“-Rezepte gehören und dass ich somit weiterhin von mir behaupten darf, zwar eine miserable Hausfrau, dafür aber immerhin eine leidenschaftliche Köchin zu sein.