Ihr dürft mich getrost eine Memme schimpfen..

… aber nachdem ich mir in meiner Kindheit einen ganzen Tag lang das schreckliche Geräusch anhören musste, das zwei Katzen verursachen, wenn sie unter einem Küchenschrank eine Ratte zerkauen, ….

… nachdem mir eines Morgens die grosse Schwester schreckensbleich erzählte, ihr sei in den frühen Morgenstunden eine Ratte über das Gesicht gerannt,…

… nachdem die grässliche Ratte, die mein grosser Bruder sich als Haustier angeschafft hatte, den Nachbarjungen in den Finger gebissen hatte und ich dafür geradestehen musste, obschon ich ihm gesagt hatte, er solle nicht so doof sein, den Finger durch das Gitter zu stecken,…

… nachdem ich viele Jahre nach meinen Auszug aus dem Elternhaus erfahren musste, dass man beim Umbau zwischen den Bodenbrettern mumifizierte Ratten gefunden hatte, die wohl damals, als ich ein Kind war, noch frisch und fröhlich im Haus herumgerannt waren,…

… nach all dem kann ich nicht anders, als laut zu kreischen, wenn das Ding, das über den Balkon huscht, kein Spatz, sondern eine wohlgenährte Ratte ist. 

Es wird euch wohl kaum verwundern, dass ich aufgrund meiner Erfahrungen fürchtete, das Au Pair werde sogleich mit Sack und Pack losziehen und sich eine neue Bleibe suchen. Wo ich doch genau dies tun würde, wenn ich könnte. Dass sie dann voller Entzücken dabei zusah, wie das Vieh sich an unseren Grünabfällen gütlich tat, konnte ich nicht nachvollziehen, aber es beruhigte mich sehr. Möchte ich doch nur sehr ungern, dass sie von uns weggeht, wo wir uns so prächtig miteinander verstehen. 

Vielleicht findet ihr es ziemlich übertrieben von mir, dass ich heute nicht nur keinen Fuss mehr auf den Balkon setzte, sondern mich auch bis zum Abend weigerte, das Haus zu verlassen. Und vermutlich denkt ihr, ich sei ein ziemlich humorloser Mensch, weil ich er überhaupt nicht lustig fand, dass Karlsson und der FeuerwehrRitterRömerPirat behaupteten, sie hätten die Ratte ins Haus huschen sehen und sie befinde sich jetzt im Schlafzimmer. Möglicherweise findet ihr es auch ungerecht, dass ich ein wenig sauer bin auf „Meinen“, der nach Feierabend nicht unverzüglich die Grünabfälle entsorgt hat, um die Ratte in Zukunft vom Balkon fern zu halten. Aber ihr müsst mich schon auch verstehen: Nachdem der Mann vor zwei Tagen so heldenhaft unsere Vorräte befreit hat, erwarte ich natürlich weitere grosse Taten von ihm. Vermutlich findet ihr es auch vollkommen übertrieben, dass ich heute Abend nicht gerne zu Bett gehe, weil ich mich vor Rattenträumen fürchte. 

Es ist nun mal so: Ich habe heute meinem Kindheitstrauma in die Augen sehen müssen. Und auch wenn ich zugeben muss, dass diese Augen ganz hübsch sind, vom Schwanz her gesehen ist das Vieh so abstossend, dass ich auf seinen Anblick – und auch auf seine (un)heimlichen Besuche – ganz gerne verzichten würde.

Vandalen

Okay, als Mutter von fünf Kinder bin ich mir ja einiges an Zerstörungswut gewöhnt. Eingeschlagene Fensterscheiben, einarmige Playmobil-Figuren, enthauptete Barbies, Rutschautos, die auf den Felgen fahren, Bilderbücher mit zerfetzten Seiten, zerkratzte CDs…  Alles nichts Neues. Aber wie ein Zweijähriger und ein Vierjähriger es zustande bringen, mit brachialer Gewalt einem Klavier fünf Tasten auszureissen – und ich meine damit wirklich ausreissen – dafür fehlt mir die Vorstellungskraft. Offen gestanden fehlt mir dafür auch das Verständnis und Karlsson, der eben erst mit Klavierspielen angefangen hat, ebenso.

Wo wir schon beim Vandalismus sind, muss ich euch aber auch gestehen, dass ich es doch tatsächlich geschafft habe, Kinderwagen Nummer 7, den ich eigentlich noch für meine Enkelkinder hätte brauchen wollen, zu überfahren. Ja, ihr habt richtig gelesen, ich habe das Ding tatsächlich mit unserem allerliebsten himmelblauen Auto überfahren und einige Meter mitgeschleppt, bevor ich realisierte, dass es nicht an der angezogenen Handbremse liegen konnte, dass das Auto einfach nicht vom Fleck kommen wollte. Die Sache ist ebenso ärgerlich wie die Sache mit dem Klavier, aber immerhin gibt es einen Grund dafür: Hausfrauenstress. Und wenn das kein Grund ist für Vandalismus – beabsichtigten und unbeabsichtigten – was denn sonst? 

Heldenhaft

Die heutigen Männer bekommen ja nur noch sehr selten die Gelegenheit, ihren Heldenmut zu beweisen. Umso grösser ist dann die Bewunderung, wenn sie sich mal wieder mit ganze Kraft für das Wohl ihrer Familie einsetzen können. „Meiner“ hatte heute eine solche Sternstunde: Ein paar Versuche mit verschiedenen Schlüsseln, ein wenig Nachdenken und zum Schluss noch einige Hammerschläge und schon waren Kakao, lactosefreie Milch, Honig & Co. wieder frei.Was ich in zwei Stunden Würgen und Hantieren nicht zustande gebracht hatte, schaffte er innerhalb von fünf Minuten. Dann durfte er mit stolzgeschwellter Brust verkünden, dass die Vorratskammer wieder zugänglich ist und die Familie lag ihm zu Füssen. So einfach ist es, den Heldenstatus zu erlangen.

Zumindest in einer Familie, in der alle so leidenschaftlich gerne essen, dass eine verschlossene Vorratskammer Auslöser eines gigantischen Familienkrachs sein kann.

Honigbutter

Manchmal findet auch ein blindes Huhn ein Körnchen und so kommt es, dass ich an einem Tag, an dem so ziemlich alles schief ging, was schief gehen kann, doch immerhin die bahnbrechende Entdeckung gemacht habe, wie man Honigbutter macht. Das schafft man, indem man gleichzeitig mit fünf Kindern Ostereier färbt, zwischendurch mal kurz das Rezept für das Abendessen durchliest, die Küche aufräumt, Eiweiss steif schlägt und dabei ganz vergisst, dass die Küchenmaschine derweil fröhlich Halbrahm und Honig rührt, bis das Ganze kein Honigmousse, sondern eben Honigbutter ist. Nun ja, zumindest auf etwas kann ich stolz sein, wenn ich mich heute Abend hundemüde ins Bett lege…

Alles dabei?

Wenn man für eine Woche mit Kind und Au Pair verreist, dann erfordert dies minutiöse Planung. Mir scheint, diesmal haben wir auch wirklich gar nichts vergessen, so dass wir heute Nachmittag ganz unbeschwert verreisen können. Hier ein kurzer Überblick über alles, was wir in die Wege geleitet haben, damit einem entspannten Familienurlaub nichts mehr im Wege steht:

– Karlsson mit einer tüchtigen Portion Noroviren ausgestattet, die den Jungen zwar noch nicht ins Bett gezwungen haben, die aber schon mal einen Anflug von Übelkeit als Vorbote geschickt haben. Nachdem in der vergangenen Woche das Au Pair, Luise, der FeuerwehrRitterRöerPirat und „Meiner“ ihre Virenportion in vollen Zügen genossen haben, habe ich eine gewisse Ahnung, wie  das bei Karlsson morgen aussehen könnte.

– Dem Prinzchen haben wir in den  vergangenen Tagen ein äusserst chaotisches Schlafverhalten angewöhnt – Mittagsschlaf um halb neun Uhr morgens und um halb sechs abends, Nachtruhe irgendwann zwischen elf und zwölf, aufstehen gegen fünf Uhr morgens – weil wir nichts spannender finden, als unausgeschlafen mit einem genervten Kleinkind zu verreisen.

– „Meinen“ für gestern Abend und heute den ganzen Tag in einen Emaillier-Kurs angemeldet, weil es einfach viel mehr Spass macht, alleine die Koffer zu packen, die Wohnung aufzuräumen und danach alleine mit fünf aufgedrehten Kindern im Zug durch die Schweiz zu fahren. Glaubt mir, es war gar nicht so einfach, einen Kurs zu finden, der exakt an diesem Wochenende stattfindet, aber ich habe wirklich alle Hebel in Bewegung gesetzt, um ihm genau diesen Kurs zu schenken und nicht etwa einen an einem Wochenende, wo wir alle gar nichts davon gehabt hätten. So aber kann ich den ganzen Spass für mich alleine haben und „Meiner“, der arme Kerl, muss ganz alleine im vollbepackten Auto nachreisen. Das Au Pair ist noch ärmer dran. Sie darf erst  am Dienstag nachreisen. Ja, ich weiss, ich bin eine Egoistin, aber man gönnt sich ja sonst nichts.

– Wo ich schon auf dem Ego-Trip bin, habe ich gleich noch einen draufgesetzt: Seit einer Woche hege und pflege ich meine Halsschmerzen, die nun endlich doch den Anschein machen, als wollten sie sich zu einer Angina oder zumindest zu einer heftigen Erkältung mit  Gliederschmerzen auswachsen. Ja, ich weiss, es ist gemein, dass ich die anderen mit billigen Noroviren abspeise, während ich mir selber das beste Stück gönne, aber wenn man auf dem Ego-Trip ist, kann man nicht auf alle Rücksicht nehmen.

– Ein bereits  zweimal verschobener Arzttermin mit Luise, der sich nicht mehr weiter verschieben liess und der deshalb dafür sorgen wird, dass entweder „Meiner“ oder ich mit unserer Tochter einen Tag früher abreisen dürfen.

Ihr seht also, dem perfekten Urlaub steht nichts mehr im Wege. Nur eines stört mich: Die Wohnung sieht im Prospekt zu sauber, zu gross und zu  luxuriös aus und auch die Gegend scheint mir mit Museen, Schlössern, Seen und satten Frühlingswiesen etwas gar zu idyllisch zu sein. Aber man kann nicht alles haben.

Wiedermal Dienstag

Kann mir mal jemand sagen, wie man all dies und noch viel mehr in einen ganz gewöhnlichen Dienstag pressen kann:

– Einen sehr schlecht gelaunten Zoowärter davon überzeugen, dass es in der Spielgruppe schön ist und dass er deswegen rechtzeitig dort sein muss.

– Dem Zoowärter das Nuschi aus Mund und Nasenlöchern entwinden, damit man das Ding mal wieder kochen kann, weil so viele Bakterien ganz bestimmt nicht gesund sein können.

– Eine geschlagene Stunde mit Luise in Trimbach herumirren, ohne die Psychomotorik-Therapeutin zu finden, dazu abwechselnd auf mühsame Autofahrer schimpfen, sich bei Luise entschuldigen, sich rechtfertigen, weshalb man sich dennoch kein Navi anschaffen will und sich selbst mit Vorwürfen eindecken, weil man die mieseste Versagermama auf dem Planeten  ist. Liebe Trimbacher, bitte nehmt es mir nicht übel, aber so schnell komme ich nicht wieder zu euch.

– Den Zoowärter zu spät von der Spielgruppe abholen und dabei den zwei Frauen, die das Pech haben,  dir über den Weg zu laufen, den Kopf voll jammern, weil das Leben im Schwarzen Loch mal wieder nahezu unerträglich ist.

– Dem Au Pair zeigen, wie man Pesto macht, herausfinden, was „Bärlauch“ auf Englisch heisst und gleichzeitig das Geheul des Zoowärters ausblenden, der noch immer beleidigt ist, dass sein Nuschi gekocht worden ist.

– Karlsson dazu überreden, dass er zum Mittagstisch geht, auch wenn sein bester Freund heute nicht dort isst.

– Erde aufwischen, Milch aufwischen, Nudeln aufwischen, Wasser aufwischen, noch einmal Erde und dann auch noch Sand.

– Zwei Kinder baden und danach, wenn die zwei das Bad verlassen haben, sechs leere  Shampooflaschen aus der Badewanne fischen.

– 65 Minuten Mittagsschlaf  halten, dabei verpennen, dass der FeuerwehrRitterRömerPirat zu seinem Freund geht und erst wieder richtig wach werden, als Luise an der Tür klingelt. Weshalb sie geklingelt hat? Weil sie vor der Haustüre noch kurz ihren Magen hat entleeren müssen und jetzt zu schwach ist, alleine die Treppe hochzukommen. Ach ja, aufwischen musste man das Ganze natürlich auch noch.

– Mit Kindern und Au Pair in der Vorfreude auf die Ferien im Greyerzerland schwelgen. Nur noch viermal schlafen…

– Büchernachschub bestellen, weil Karlsson nichts mehr zum Lesen hat.

– Ohne Hörschaden aushalten, dass Karlsson und Luise gleichzeitig am Küchentisch musizieren. Er auf der Geige Vivaldis Konzert in G-Dur, sie auf der Querflöte „Hafer und Korn“  oder so ähnlich. Und im Hintergrund summt der Zoowärter mit.

– Ein epochaler  Streit mit Karlsson, der darin endet, dass er ein Glas zerschmettert und ich trotz Halsschmerzen versuche, herumzubrüllen und mich damit vollkommen lächerlich mache. Als Nebeneffekt kommt das Prinzchen, das schon selig geschlafen hatte, quietschfidel aus dem Bett und verlängert den fröhlichen Kindertag um zwei Stunden.

– Ein Vollbad zum Feierabend.

– Keine Minute am Arbeitsplatz verbringen und nur dreimal telefonieren. Ein neuer Rekord auf meinem Weg der besseren Trennung von Privat- und Berufsleben.

– Nur einmal die Online-News checken, um zu lesen, wie viel verseuchtes Wasser wieder geflossen ist. Auch dies ein neuer Rekord, der allerdings damit zusammenhängen könnte, dass Fukushima in den Medien bereits wieder Geschichte ist und man deshalb kaum mehr Neues liest.

– Drei Minuten lang den Frühling geniessen. Immerhin hat die Zeit gereicht, um festzustellen, dass die Tulpen zu blühen beginnen und dass trotz Bienensterben die eine oder andere Biene sich zu unseren Pfirsichbäumchen verirrt.

Lasst mich auch mitreden!

Es war wieder mal typisch. Am Eingang zur Migros stand eine nette Dame, welche die Kunden nach der Kasse abfing, um von ihnen die Meinung über das Sortiment, die Einrichtung des Ladens und die Freundlichkeit des Personals zu erfahren. Es war kurz vor Feierabend und die meisten Kunden wollten nur eins: So rasch als möglich nach Hause gehen und deswegen erteilten sie alle der netten Dame eine Absage. Während ich dabei zusah, wie die Dame verzweifelt nach Opfern suchte, sah ich meine Chancen steigen, dass man endlich einmal mich befragen würde. Nun mögt ihr euch vielleicht an den Kopf fassen und euch fragen, ob ich denn nun vollends durchgeknallt sei. Und das bin ich ja vermutlich auch, denn ich gehöre zu dieser verschwinden kleinen Minderheit in der westlichen Welt, die gerne Fragebogen ausfüllt. Hach, wie ich es liebe, meine Kreuzchen setzen zu dürfen! Wie ich es geniesse, wenn ich endlich mal das zu Papier bringen darf, ob ich mit der Vielfalt des Bio-Angebots zufrieden bin, ob der Laden den Bedürfnissen von Familien gerecht wird, ob ich den Käse lieber abgepackt oder im Offenverkauf kaufen möchte. Ja, so bin ich tatsächlich. Zu den Dingen, die mir wichtig sind, möchte ich gerne meine Meinung sagen und da mir gutes und gesundes Essen heilig ist, habe ich auch zu ziemlich jeder Frage, die den Einkauf betrifft, eine Meinung, die ich den Verantwortlichen gerne mitteilen möchte.

Natürlich ist das nicht das einzige Thema, das mich interessiert. Ich würde mich auch liebend gerne dazu äussern, welcher Partei ich bei den Wahlen im Herbst meine Stimme geben werde, ob ich für oder gegen eine Einheitskrankenkasse bin und ob ich wünsche, dass die Schweiz sofort aus der Atomenergie aussteigt. Diese Umfragen werden gemacht, ich weiss es ganz genau. Wie sonst könnte man dann in der Zeitung schreiben, dass soundsoviele Prozent der Schweizer Bevölkerung der Meinung sind, dass man die Einfuhr von ausländischen Kartoffeln per sofort verbieten soll? Und jedes Mal, wenn ich so ein Umfrageergebnis sehe, frage ich mich, weshalb die mich nicht gefragt haben. Weil ich doch so gerne Fragebogen ausfülle. Und weil ich den Verantwortlichen so gerne den einen oder anderen Tritt gegen das Schienbein verpassen möchte.

Nicht, dass ich nie die Gelegenheit hätte, bei Umfragen mitzumachen. Im Gegenteil, in meiner Mailbox landet fast jede Woche ein Fragebogen. Aber was will man dort von mir wissen? „Welches der genannten Waschmittel duftet Ihrer Meinung nach am frischesten?“ oder „Wie zufrieden sind Sie mit dem Grauton, den Ihre Bank für den neuen Werbeprospekt gewählt hat?“ oder „Welche Vorsorgeeinrichtung hat Ihrer Meinung nach den überzeugendsten Internetauftritt?“ Lauter solchen Mist fragen die mich, aber zu den entscheidenden Fragen des Lebens fragen sie immer die anderen und dann muss ich mich wieder darüber aufregen, dass die Mehrheit der Befragten so anders denkt als ich. Gut, wenn ich hätte mitmachen dürfen, sähe das Resultat wohl nicht viel anders aus, weil ich ja nur eine von vielen Befragten wäre, aber immerhin hätte ich dann das Gefühl, dass ich mich darum bemüht habe, eine andere Meinung zu vertreten. Aber wenn man mich nicht mal mitreden lässt…

Heute aber beim Einkauf war ich mir ziemlich sicher, dass ich für einmal mitreden dürfte. Damit die verzweifelte Dame, die kein Opfer finden konnte, auch bestimmt auf mich zukommen würde, machte ich ein besonders freundliches Gesicht und liess mir sehr viel Zeit beim Einpacken. Gut, allzu schnell ging es ohnehin nicht vorwärts, da der Zoowärter versuchte, mir zu helfen, was die ganze Packerei erheblich verlangsamte. Doch während wir beide am Einpacken waren, geschah das Unvorstellbare: Die Dame mit den Fragebogen konnte sich auf einmal der Opfer nicht mehr erwehren und als ich mich zum Gehen wandte, sassen da vier Kundinnen am Tisch, die alle eifrig ihre Fragebogen ausfüllten und für mich war kein Platz mehr. Einmal mehr durften alle anderen ihren Spass haben, nur ich durfte wieder keine Kreuzchen auf den Fragebogen setzen, um meine Meinung kundzutun. Dabei rede ich doch so gerne mit.

Noch irgendwelche Fragen, weshalb ich fast jeden Tag blogge?

 

Verleumdung

Morgen hat Luise Geburtstag und deshalb fuhr ich gestern Nachmittag mit dem Zoowärter und dem Prinzchen in die Stadt, um die Geschenke zu besorgen. Danach, so dachte ich, würde ich mit den beiden Kleinen noch in die Ikea fahren, um dem Prinzchen ein neues Bett zu kaufen. Nachdem ich aber das Prinzchen zum dritten Mal innert drei Minuten unter einem Regal hervorziehen musste, unter das er sich verkrochen hatte, beschloss ich, dass der kleine Strolch auch noch eine Woche länger im Gitterbett schlafen kann. Nach Coop, Migros und Manor war ich mit meinen Nerven derart am Ende, dass Ikea einfach zu viel gewesen wäre. Folglich kamen wir deutlich früher, aber nicht minder erschöpft, wieder zu Hause an.

„Meiner“ war ziemlich erstaunt, uns so bald schon wieder zu sehen und fragte den Zoowärter, wo wir denn gewesen seien. „Bei Aldi und Ikea“, gab der kleine Verleumder zur Antwort und zeigte das Getränkefläschchen, das ich ihm gekauft hatte. „Das hier hat mir Mama bei Aldi gekauft.“ „Und, habt ihr jemanden getroffen?“, wollte „Meiner“ wissen. „Nein, keiner hat uns hallo gesagt“, antwortete der Zoowärter beleidigt. Ihr wisst ja, wie das mit den Gerüchten ist. Einmal draussen, lassen sie sich nicht mehr einfangen und so konnte ich dementieren, so viel ich wollte, die Mär verbreitete sich dennoch in sich in Windeseile und heute Morgen, als Luise das Prinzchen fragte, wo wir denn ihre Geschenke gekauft hätten, meinte er ohne zu zögern: „Aldi und Kikea“.

Morgen werden die zwei dann wohl in der Krippe erzählen, sie hätten das Wochenende bei Aldi und Ikea verbracht und übermorgen, wenn ich einkaufen gehe, wird man mich in der Migros nicht mehr grüssen, weil ich angeblich ins Lager der Verräter gewechselt habe.* Dabei ist an der Sache wirklich nichts dran, ich kann sogar die Quittungen vorlegen, um es euch zu beweisen. Dumm ist nur, dass uns gestern, als wir in der Stadt waren, tatsächlich keiner hallo gesagt hat und darum habe ich keine Zeugen, die meine Aussage bestätigen könnten. Nun gut, der Zoowärter und das Prinzchen könnten natürlich schon bezeugen, wo wir tatsächlich gewesen sind, aber mir scheint, dass die momentan lieber die Mama verleumden, als die Wahrheit zu sagen.

* Deutsche Leser mögen sich vielleicht fragen, warum ein Einkauf bei Aldi als Verrat gilt. Dazu muss man wissen, dass man bis vor wenigen Jahren in der Schweiz entweder Migros- oder Coop-Kunde war, so, wie man reformiert oder katholisch ist. Seit dem Markteintritt von Aldi und Lidl ist ein wahrer Glaubenskrieg entbrannt und die Menschen müssen sich ganz neu zu dem Geschäft ihrer Wahl bekennen. Ich, zum Beispiel, bin eine glühende Anhängerin der Migros und habe bis vor wenigen Jahren Coop gemieden, wann immer ich konnte. Der Migros bin ich treu geblieben, aber seitdem Aldi und Lidl hier sind, finde ich Coop nicht mehr ganz so schlimm, weshalb ich notfalls auch mal dort einkaufe. Gut, ich kämpfe jedes Mal mit meinem schlechten Gewissen, wenn ich mal wieder im falschen Laden war, aber vielleicht bewege ich mich so ganz allmählich in Richtung Einkaufs-Oekumene.

Mayonnaise-Tag

Schon der erste Satz heute Morgen hätte mich vorwarnen müssen: „Der FeuerwehrRitterRömerPirat hat gekotzt und ich kann es nicht aufwischen, weil ich selber gleich kotzen muss“, sagte „Meiner“, als er morgens um sieben kreidebleich ins Schlafzimmer kam, wo ich noch selig schlummerte. Nun sagt bitte nicht, das sei typisch Mann. Bei uns ist es nämlich gewöhnlich umgekehrt. Während er ohne mit der Wimper zu zucken Erbrochenes aufwischt, würge ich jedes Mal, wenn ich gezwungen bin, die Sache selber zu erledigen. Wenn also er nicht konnte, war klar, dass heute ein besonders schlechter Tag werden würde.

Optimistisch, wie ich nun mal bin, liess ich mir die Laune darob noch nicht verderben. Nun ja, offen gestanden ist meine Laune momentan ohnehin ziemlich schlecht, also konnte sie sich auch durch einen Magen-Darm-Käfer nicht erheblich verschlechtern. Ich ging also nach oben, um die Lage zu inspizieren. Was ich sah, war nicht gerade ermutigend. Wie das Bett des FeuerwehrRitterRömerPiraten aussah, brauche ich euch nicht zu beschreiben. Ihr wisst ja, wie sowas aussieht. Im Zimmer nebenan fand ich das Übliche vor: Eine morgenmuffelige Luise, die aber immerhin gesund war. Der Zoowärter sah zwar halbwegs gesund aus, klagte aber über Bauchschmerzen. Also nicht fit für die Spielgruppe. Dass auch Karlsson heute zu Hause bleiben würde, war mir sofort klar, als er mich mit fieberglänzenden Augen traurig ansah und meinte, ihm sie hundeelend. Das Prinzchen wirkte zwar fit, aber zu Hause bleiben würde er ohnehin, denn er geht ja noch nicht zur Schule.

Wieder unten machte ich eine kurze Bestandesaufnahme: Eine gesunde Tochter, drei kranke oder halbkranke Söhne, ein quirliges Prinzchen, ein kranker Ehemann und eine ziemlich schlecht gelaunte und nur halbwegs gesunde Mama. Das konnte ja heiter werden. Nachdem alle fürs Erste versorgt waren, hatte ich meine erste grosse Hürde zu überwinden, nämlich „Meinen“ davon zu überzeugen, dass er so nicht in die Schule gehen konnte. „Aber ich habe kein Material vorbereitet. Ich kann doch nicht zu Hause bleiben“, wehrte sich der pflichtbewusste Herr Lehrer. Ich liess ihn wissen, dass seine Kollegen allesamt bestens ausgebildete Fachpersonen sind, die genau wissen, was zu tun ist, wenn ein Teammitglied krank ist. Ausserdem erinnerte ich ihn daran, dass die Eltern seiner Schüler wohl nicht besonders erfreut sein würden, wenn er den Magen-Darm-Käfer an sämtliche Kinder weitergeben würde. Schliesslich griff er dann doch zum Telefon, meldete sich in der Schule ab, zog sich auf das Sofa zurück und dämmerte weg. Gut, einer war versorgt. Blieben noch fünf.

Fragt mich nicht, wie ich zu diesem Punkt kam, aber irgendwann, nachdem Luise in die Schule gegangen war, ich alle anderen mit dem Nötigsten versorgt und mich selber für die Arbeit bereit gemacht hatte, platze mir der Kragen und ich brüllte laut vernehmlich:“ Ich schaff das alles nicht!“ Aber wenn man Mama ist, schafft man fast alles, auch wenn man längst nicht mehr daran glaubt. Man schafft es, doch noch pünktlich zur Arbeit zu kommen. Man reisst sich zusammen, wenn bei der Arbeit so viel läuft, dass man gar nicht erst dazu kommt, die Arbeit zu erledigen, die man eigentlich für den Vormittag geplant hatte. Man beisst auf die Zähne, wenn man keine Zeit fürs Mittagessen hat. Man erledigt dies und jenes und plant, was man abends, wenn alle Patienten im Bett sein werden, noch nachholen wird. Gute zwei Stunden später als geplant kommt man nach Hause, wo man zuerst mal das ganze Chaos beseitigt und schaut, dass jeder das Nötigste bekommt. Als Mama weiss man, wie man sich zusammenreisst.

Schwach werden darf man erst, wenn alles, was dringend getan werden muss, getan ist. Dann erst ist Zeit für das, was einen an solchen Tagen wieder aufstellt: Ein Essen, dass man nur im Verborgenen essen darf, weil man den Kindern sonst ein schlechtes Vorbild abgibt, nämlich Pasta, Mayonnaise und viel Käse. Und der Gesundheit zuliebe zum Dessert noch ein paar Rosinen. Mit Schokolade überzogen, versteht sich.

Kaufrausch

Samstagvormittag ist für „Meinen“ und die Kinder Brockenstubenzeit. Wann immer sie es sich einrichten können, ziehen sie los, um eine Brockenstube nach der anderen abzuklappern. Bevor ich nun weiter erzähle, muss ich noch kurz erklären, was eine Brockenstube ist. Denn unser ehemaliges Au Pair, das ja bekanntlich aus Deutschland stammt, hat uns gesagt, dass es so etwas in Deutschland nicht gibt. Also, eine Brockenstube ist ein Ort, an dem alles verkauft wird, was die Leute nicht mehr brauchen und dennoch nicht wegwerfen wollen: Alte Möbel, Kleider, Bücher, Schallplatten, Spielsachen, Küchenutensilien, Schmuck, Fahrräder, Geschirr, Blumenvasen, Rasierapparate,… einfach alles, was zu schade ist, um wegzuwerfen. Dinge, die neu genug sind, damit man sie noch brauchen kann aber noch nicht alt genug, um zu den Antiquitäten gezählt zu werden. In der Brocki, wie wir das auch nennen, nehmen sie fast alles und verkaufen es dann zu Spottpreisen.

Eigentlich eine gute Sache, nur für mich aus zwei Gründen nicht der Ort meiner Träume. Erstens büsse ich als Asthmatikerin jeden Ausflug ins Reich des alten Krimskrams mit einem heftigen Anfall und zweitens bin ich das jüngste von sieben Kindern und als solches habe ich mit so viel altem Kram gespielt, dass für mich beim Shoppen die versiegelte Verpackung, das Styropor, die Gebrauchsanweisung und all die unsäglichen Folien, Drähte und Schrauben, die das Zeug in der Verpackung halten sollen, fast wichtiger sind als der Gegenstand, den ich erstanden habe. Die Brocki ist also nichts für mich und deshalb bleibe ich zu Hause, wenn die anderen stöbern gehen.

Heute hatte auch der Zoowärter keine Lust, mitzugehen und so blieb ich mit ihm und dem Prinzchen – der in seinem Wahn, jedes Regal auszuräumen, nicht Brocki-tauglich ist – zu Hause. Nach einer Stunde kamen die anderen zurück, schwer beladen mit bemalten Schälchen, einem Buttergeschirr, luftigen Foulards und zwei Afrikanischen Holzspeeren.  Als der Zoowärter die Speere sah, heulte er los. So unfair, dass seine Brüder so etwas Schönes bekommen und er nicht. Als er erfuhr, dass es in der Brocki noch einen dritten Speer hat, wurde das Geheul lauter. Der Zoowärter wollte diesen Speer und zwar jetzt, sofort. Aber jetzt, sofort wollte „Meiner“ nicht noch einmal in die Brocki fahren, also musste ich in den sauren Apfel beissen. Denn in der Brocki, so muss man wissen, muss man sofort zugreifen, da man nie sicher sein kann, ob nicht ein anderer Kunde einem das begehrte Stück wegschnappt.

Also fuhren wir los, der Zoowärter, Luise und ich. Die Kinder begeistert, ich nur widerwillig. Damit wir so bald als möglich wieder aus dem staubigen Loch entfliehen könnten, schickte ich Luise los, um den dritten und letzten Speer zu holen. Währenddem ich auf sie wartete, schaute ich mich um und was erblickte ich da, inmitten des ganzen Krams? Den Tischgrill für mexikanisches Essen, den ich schon oft sehnsüchtig im Katalog angeschaut hatte, ihn aber nie gekauft hatte, weil er mir einfach zu teuer war. Ich schaute mir das Ding näher an, sah, dass es wohl noch nie gebraucht worden war und dass es für gerade mal 29 Franken zu haben war. Was sollte ich bloss tun? Mein Stolz sagte mir, dass ich unmöglich in der Brocki einkaufen könne, wo ich doch seit Jahren verkünde, dass das nichts für mich sei. Wäre es nicht schrecklich peinlich, wenn ich „Meinem“ gestehen müsste, dass ich schwach geworden war? Auf der anderen Seite war das Ding ja tatsächlich noch neu, auch wenn die versiegelte Verpackung, das Styropor, die Gebrauchsanweisung und all die unsäglichen Folien, Drähte und Schrauben, die das Zeug in der Verpackung halten sollen fehlten. So eine Gelegenheit konnte ich mir einfach nicht entgehen lassen. Schliesslich obsiegte mein Wunsch, das Gerät zu besitzen und ich schnappte es mir.

Und dann gab es kein Halten mehr. Ich holte mir einen Einkaufswagen, der schon bald mit Gratinformen, einer handbemalten Kuchenplatte und  einer fast neuen Eismaschine für nur 9 Franken beladen war. So langsam wurden die Kinder ungeduldig, aber ich wollte „nur noch mal schnell dort hinten in der Ecke beim Geschirr nachsehen“ und dann noch dort drüben bei „diesen wunderschönen alten Spielsachen“ und dann „vielleicht noch kurz bei den Lampen aber dann gehen wir bestimmt nach Hause“. Wo ich schon mal da war, musste ich mich doch umsehen. Man wusste ja nie, ob ich nicht noch auf die eine oder andere Trouvaille stossen würde.

Nun, es blieb bei den Dingen, die im Wagen lagen, denn irgendwann machten der Zoowärter und meine Bronchien nicht mehr mit. Auf dem Heimweg überlegte ich mir krampfhaft, mit welcher Ausrede ich mich zu Hause für meinen Kaufrausch rechtfertigen sollte. Was aber gar nicht nötig war, weil „Meiner“, der bei seinem Besuch weder den Tischgrill noch die Eismaschine gesehen hatte, beinahe erblasste vor Neid, dass ausgerechnet ich mit einer solchen Ausbeute nach Hause kam.