Morgenstimmung

So sehr ich es auch immer wieder versuche, der frühe Morgen wird dennoch nie meine Lieblingszeit. Nun gut, es lohnte sich, es mit sanftem Erwachen zu Geigenklängen zu versuchen. Dazu den Duft von frisch geröstetem Toast und eine dampfende Tasse Tee. Alles, was es dann noch brauchte, wäre eine druckfrische Zeitung voller interessanter Artikel und ich bin fast sicher, dass ich so gegen neun frisch und gut gelaunt aus dem Bett hüpfen würde. Solange daraus nichts wird, werde ich wohl weiterhin mit Überlebensstrategien auskommen müssen. Zum Beispiel…

… Mir Mitten im Anziehstress eine ganze Kanne Earl Grey für mich alleine erschleichen
Nichts leichter als das: „Kinder, wer möchte eine Tasse Tee?“ in die Runde fragen, Earl Grey aufbrühen, nur ganz leicht süssen, servieren und dann nur noch den ersten Schluck abwarten. Spätestens nach dem dritten „Ih, Mama, der Tee ist ja überhaupt nicht süss“ gehört die ganze Kanne mir und weil der Inhalt bereits auf Tassen verteilt ist, hat der Tee genau die richtige Trinktemperatur.

… Für Ruhe sorgen ohne herumzubrüllen
Auch das wäre nicht schwierig, nur denke ich zu selten daran und brülle darum doch immer wieder herum. Dabei wäre es der einfachste Trick überhaupt: iPad an, Lautstärke regeln und dann den Zauber des guten alten Johann Sebastian wirken lassen. Fragt mich nicht, wie der das macht, aber der vermag sogar die Verächter barocker Musik innert Augenblicken zu beruhigen.

… Gehirn-Blogging
Egal, ob das Prinzchen den Kakao verschüttet, Luise wegen eines Flecks auf dem Lieblingspulli beinahe den Verstand verliert oder „Meiner“ mich frühmorgens damit überrascht, dass er früher zur Arbeit geht und ich darum alleine für fünf – momentan gar sechs – widerwillige Frühaufsteher sorgen muss. Wenn ich das ganze Zeug im Kopf verblogge, lässt sich noch die misslichste Morgenstimmung irgendwie ertragen. Ihr könnt euch nicht vorstellen, wie inspirierend das Morgenchaos ist. Wie, ihr wollt wissen, weshalb mein Blog nicht überquillt vor lauter Morgenkatastrophen? Nun ja, die Sätze verflüchtigen sich jeweils wieder, wenn sich das nächste Desaster anbahnt.

…Flucht nach oben
Das Dümmste wäre, wenn ich alle frischen Unterhosen, Socken und T-Shirts gleichzeitig oben vom Wäscheständer holte, anstatt alle paar Minuten die Gelegenheit zur Flucht nach oben ergriffe. Immer wieder fehlt einem Kind irgend etwas. Natürlich wäre es pädagogisch sinnvoller, die Kinder selber nach oben zu schicken, aber nirgendwo lassen sich tiefe Seufzer, Schimpftiraden und Stossgebete so gut loswerden wie auf den vielen Treppenstufen, die zum Wäscheständer führen.

… Mich taub stellen
Diese äusserst asoziale Strategie kommt nur in Notfällen und leider auch nur an Tagen, an denen „Meiner“ die Frühsicht voll übernehmen kann zur Anwendung. Dafür ist sie am einfachsten durchzuführen: Decke über den Kopf, so tun, als ginge mich das ganze Geschrei nichts an und dann so schnell als möglich wieder einschlafen, damit ich nicht lügen muss, wenn ich später schlaftrunken aus dem Bett wanke und frage: „Wie, schon so spät? Wo sind denn alle?“

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So liegen die Dinge

Auf dem Salontisch liegt „Melnitz“. Seit Wochen schon aufgeschlagen auf der gleichen Seite wartet der Schinken darauf, bis ich endlich Zeit finde, ihm die Aufmerksamkeit zuteil werden zu lassen, die er verdient hat.

Auf dem Küchentisch liegt das angefangene Vorderteil einer Strickarbeit, die irgendwann zu Luises Strickkleid werden soll. Das Rückenteil ist zwar bereits geschafft, aber das hilft auch nichts, wenn das Vorderteil langsamer wächst als Luise.

Vor der Wohnungstüre liegt ein Berg von Winterjacken, der Besuchern den Eindruck vermittelt, Vendittis liessen sich nun voll und ganz gehen. In Wirklichkeit hat sich nur der neue Kleiderständer gehen lassen, aber das glaubt natürlich keiner, der je gesehen hat, zu welchem Chaos wir fähig sind.

In der Küche liegt ein Kistchen voller Bitterorangen, die darauf warten, endlich zu Marmelade verarbeitet zu werden. Währenddem sie immer kleiner und unscheinbarer werden, wächst mein Frust ins Unermessliche, weil ich mich beim Kauf so sehr darauf gefreut hatte, wieder hausgemachte Bitterorangen-Marmelade auf den Toast zu schmieren.

Auf dem Bürotisch liegt die Steuererklärung, die ich dieses Jahr unbedingt vor dem Abgabetermin einreichen will. Einfach, um mir selbst zu beweisen, dass ich das kann, wenn ich nur richtig will.

Auf meinem Gewissen lastet der Gedanke, dass noch immer nicht alle Kinder ihre versprochene Bestechung – also, ich meine natürlich Belohnung – für für ihr Wohlverhalten bekommen haben.

Auf der Festplatte meines Laptops liegen zwei Manuskripte, die ganz dringend weiterbearbeitet werden wollen. 

Ums Haus herum liegt Schnee, den ich unbedingt wegschaufeln sollte, damit sich nicht doch noch irgendwann einer ein Bein bricht.

Tag für Tag bleibt liegen, was ich müsste oder zumindest möchte, denn Morgen für Morgen klopft das Leben an meine Tür und stellt mich vor Herausforderungen, mit denen ich nicht im Traum gerechnet hatte. Wie naiv war ich doch gewesen, zu glauben, mein Leben werde etwas geordneter und überschaubarer, wenn ich nicht mehr ausser Hause arbeite. Wie dumm von mir, zu erwarten, ich könnte irgendwann wieder damit zurückfahren, mich rund um die Uhr nach den Bedürfnissen meiner Mitmenschen zu richten, nachdem ich genau dies habe lernen müssen, als ich Mutter wurde.

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Mama Venditti, ärgere dich nicht

Etwas habe ich also doch gelernt in den vergangenen Jahren. Nicht besonders viel, ich geb’s ja zu, aber immerhin die eine Sache, nämlich die, damit leben zu können, wenn ich nicht bekomme, worauf ich mich gefreut habe. Okay, es gelingt mir nicht immer und mit grossen Enttäuschungen werde ich ebenso schlecht fertig wie die meisten Menschen auf diesem Planeten. Aber damit, dass mir meine hart erkämpften Inseln im Alltag immer wieder von kleinen und grossen Invasoren streitig gemacht werden, komme ich inzwischen ganz gut klar. 

Im ersten Moment ärgere ich mich vielleicht darüber, wenn mir mal wieder der Schaum vom Kaffee gelöffelt wird, auf den ich mich den ganzen Vormittag wie ein Kind gefreut habe, aber dann versuche ich eben, mich daran zu freuen, dass ein kleiner Mensch auf meinem Schoss sitzen und Kaffeeschaum löffeln will. Ich bin enttäuscht, wenn wieder einmal Menschen mein Tagesprogramm bestimmen, die in meinem Leben eigentlich überhaupt nichts zu bestimmen hätten, aber dann suche ich eben nach den Rosinen, die mir der Tag vielleicht trotzdem  bieten könnte und meist werde ich fündig. Besonders schwer fällt es mir jeweils, wenn jemand die raren Momente, die ich für mich ganz alleine vorgesehen hatte, für sich in Anspruch nimmt. Gelingt es mir jedoch, den Ärger loszulassen, werden daraus doch noch ganz wertvolle Momente.

Ich verstehe nicht warum, aber oft muss ich erkennen, dass die Zeit, von der ich geglaubt hatte, sie gehörte mir, eben doch nicht mir gehört und je weniger ich mit diesem Umstand hadere, umso einfacher fällt es mir, das Gute im Unerwarteten zu erkennen. Wie gesagt, es fällt mir längst nicht immer leicht, aber noch schwerer würde es mir fallen, mich immer und immer wieder darüber zu ärgern, dass ich nur in den seltensten Fällen diejenige bin, die bestimmt, wie meine Tage ablaufen. 

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Grenzkonflikt

Acht Kinder streiten sich darum, wer ein Küchlein mit Hütchen haben darf und wer auf das Hütchen verzichten muss. 

Elf Kinder schwirren durchs Haus und auch immer mal wieder mit Bitten und Wünschen um mich herum.

Zwei Frauen warten geduldig auf den Kaffee, den ich ihnen versprochen habe.

Ein Anrufer aus Deutschland will wissen, ob wir mit Absicht zwei Ferienhäuser in Schweden gemietet haben, oder ob es nur eines hätte sein sollen. 

Ein Lieferant steht an der Haustüre und wartet darauf, bis ich Zeit habe, ihm zu zeigen, wo der Heizkessel ist, in den er die Pellets einfüllen soll.

Der „andere“ hat mal wieder Popcorn und Wasser auf dem Fussboden verteilt und sich dann aus dem Staub gemacht.

„Meiner“ möchte mir jetzt auf der Stelle mitteilen, dass ich bei der Tagesplanung ziemlich versagt habe.

Eine dringend benötigte Stricknadel ist unauffindbar. Der dringend benötigte Kaffeelöffel ebenfalls. 

Textfetzen schwirren durch meinen Kopf und ich habe weder Zeit, sie niederzuschreiben, noch Notizen zu machen, damit sie nicht vergessen gehen.

Der Spülkasten hat einen Flick weg.

Die Frau von der Versicherung möchte „Meinen“ sprechen.

Zwei Jungs machen im Garten ein Feuer, obschon ich es verboten habe. Woher hätte ich wissen sollen, dass „Meiner“ es bereits erlaubt hat?

Nachdem er in den vergangenen Tagen bereits durch eine miserable Arbeitshaltung aufgefallen war, macht der Besen nun vollends schlapp.

Sturm und Kinder sorgen dafür, dass stets ein frisches Lüftchen durch die Wohnung weht.

Zwei Mädchen langweilen sich.

Ein Junge wird ausgeschlossen.

„Meiner“ möchte mit mir darüber lachen, dass die Dame am Bahnschalter doch tatsächlich geglaubt hat, wir würden uns durch drei Zugwaggons von unseren Kindern trennen lassen, wenn wir im Sommer in die Ferien fahren. Leider wird seine Erzählung so oft unterbrochen, dass wir am Ende nicht lachen sondern „Ruhe jetzt!“ brüllen. 

Ich ärgere mich abends über meine Anpassungsfähigkeit. Menschen, die brav alles planen und immer schön klare Grenzen ziehen werden bestimmt nie von so vielen Seiten gleichzeitig in Anspruch genommen.

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Meine liebe Familie Hamchiti

Ziemlich genau ein Jahr ist es her, seitdem Sie uns freundlicherweise Ihre alte Telefonnummer überlassen haben. Ich weiss nicht, weshalb Sie diese Nummer unbedingt loswerden wollten, ist sie doch ziemlich einprägsam. Rückblickend weiss ich aber, dass ich die Swisscom auf Knien angefleht hätte, uns eine andere Nummer zu geben, hätte ich damals schon gewusst, welch telefonisches Erbe wir uns damit einhandeln.

Wissen Sie eigentlich, wie oft ich in diesem Jahr höchster Verletzungsgefahr von der obersten Etage in die unterste zum Telefon gerast bin, nur um einmal mehr zu erklären, dass ich leider auch nicht weiss, wo Mustafa sich derzeit gerade aufhält, dass ich mich aber ganz bestimmt wieder melden werde, wenn ich seinen Aufenthaltsort ausfindig gemacht habe? Vielleicht hätten Sie ja endlich die Güte, mir mitzuteilen, wo dieser Mustafa steckt, dann breche ich mir mein Bein wenigstens für einen guten Zweck, wenn ich das nächste Mal zum Telefon stürze. 

Ist Ihnen eigentlich klar, dass ich inzwischen Ihre vollständige Telefon-Shopping-Odyssee lückenlos aufzeichnen könnte, hätte ich mir je die Mühe genommen, bei jedem Anruf Notizen zu machen? Ich kann Ihnen aber schon mal sagen, dass es im Zusammenhang mit der Waschmaschine, die Sie bei Ackermann bestellt haben, noch Fragen gibt. Habe ich heute Morgen erfahren und nett, wie ich nun mal sein kann, mache ich Sie bereits jetzt darauf aufmerksam. Könnte ja noch eine Weile dauern, bis die Dame von Ackermann Ihre richtige Telefonnummer ausfindig gemacht hat. Ach, und übrigens: Allzu freundlich hat sie nicht geklungen, die Dame von Ackermann.

Haben Sie eigentlich noch nie bemerkt, dass Ihre Kontakte stets zu den ungelegensten Zeiten anrufen? Morgens um zehn vor acht, wenn die Kinder zur Schule müssten, mittags um zwanzig nach zwölf, wenn das Mittagessen auf dem Tisch dampft, nachmittags um halb fünf, wenn ohnehin schon alles drunter und drüber geht, abends um neun, wenn endlich Ruhe einkehren sollte oder Sonntagnachmittags, wenn das Telefon grundsätzlich schweigen sollte. Sind Sie sich sicher, dass Menschen, die eine derart schlechte Kinderstube genossen haben, ein guter Umgang für Sie sind?

Schliesslich möchte ich Sie darauf aufmerksam machen, dass es für mich ziemlich erniedrigend ist, wenn keiner je nach mir fragt. Es ist schon deprimierend genug, dass Luise inzwischen mehr Anrufe bekommt als ihre Mama, da brauche ich nicht auch noch den stetigen Beweis, dass in meinem eigenen Haus Frau Hamchiti gefragter ist als Frau Venditti. 

Für eine Sache aber bin ich Ihnen von Herzen dankbar, liebe Familie Hamchiti: Dank der vielen Anrufe, die wir für Sie entgegennehmen, sind Karlsson und Luise inzwischen derart gewieft im Abwimmeln von unliebsamen Anrufern, dass sie ganz bestimmt nie einen unüberlegten Kauf am Telefon tätigen werden. 

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Ich will sie aber behalten!

In letzter Zeit macht er immer wieder diese Andeutungen. „Momentan schaffen wir das noch nicht alleine, aber wenn es dann ein wenig ruhiger ist, sollten wir es auch ohne Hilfe hinkriegen“, sagt er zu meiner Schwester. „Die Kinder sind ja jetzt schon so gross. Da können sie ruhig etwas mehr anpacken“, bemerkt er, wenn alle ausnahmsweise mal getan haben, was sie sollten. „Zweimal pro Woche alle zusammen eine Stunde und hier glänzt wieder alles“, versichert er mir, wenn ich ihm erkläre, dass die Hausarbeit nicht automatisch abnimmt, bloss weil die Kinder grösser sind.

Solches kann ich natürlich nicht unwidersprochen stehen lassen. „Siehst du denn nicht, dass der Dreck nicht weniger wird, auch wenn ich jetzt wieder mehr zu Hause bin und die ganze Zeit mit Besen und Lappen herumrenne?“, halte ich ihm vor. „Du willst doch, dass ich mich in kinderfreien Stunden voll aufs Schreiben konzentrieren kann und das kann ich nun mal nicht, wenn ich immer nur aufräumen muss“, schmolle ich. „Einmal pro Woche ist wirklich kein Luxus“, rechtfertige ich mich, wenn er findet, andere könnten es doch auch ohne.

Genau in diesem letzten Punkt irrt er ganz gewaltig, mein lieber „Meiner“. Fast bei allen, die ich kenne, putzt inzwischen mindestens einmal pro Woche eine Putzfrau. Auch bei jenen, die damals noch die Nase rümpften, als „Meiner“ und ich zum Schluss kamen, dass wir es ohne nicht schaffen. Es war nämlich so, dass ich an den Tagen, an denen der grosse Wohnungsputz anstand, unausstehlich war, weil die Kinder meine Arbeit laufend zunichte machten. Irgendwann dämmerte mir, dass alles viel einfacher wird, wenn einmal die Woche alles gründlich gemacht wird, damit ich den Rest der Woche Schadensbegrenzung betreiben kann. Glaubt mir, seither bin ich eine viel nettere Mama, sogar an meinen schlechtesten Tagen.

Mag schon sein, dass man das Geld auch für andere Dinge ausgeben könnte. Mag auch sein, dass ich es inzwischen besser hinkriegen würde als auch schon, weil keiner mehr im Krabbelalter ist. Mag sogar sein, dass es mir Spass machen würde, mit dem Staubsauger durch die Wohnung zu flitzen, weil mir dann immer die besten Texte einfallen. Dennoch denke ich nicht im Traum daran, es in den kommenden Jahren ohne Putzfrau zu versuchen. Nicht nur, weil ich finde, dass wir die Unterstützung noch ganz gut gebrauchen können, sondern auch, weil die Frau uns allen schon längst ans Herz gewachsen ist. Auch „Meinem“ und daran werde ich ihn erinnern, wenn er mal wieder behauptet, wir müssten nur etwas mehr wollen, dann könnten wir es auch ohne schaffen.

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Ich hab‘ jetzt wieder Zeit…

… den Menüplan nicht nur zu erstellen, sondern auch tatsächlich zu kochen, was ich geplant habe, anstatt jeden Tag um fünf vor zwölf entnervt zu rufen: „Dann gibt’s halt schon wieder Pasta Pomodoro!“ Und wenn ich für das geplante Menü neunzig Minuten am Herd stehe, obschon im Rezept dreissig Minuten angegeben waren, dann kann ich mit Hundeblick und leisem Vorwurf in der Stimme klagen: „Für euch habe ich mich so lange abgerackert und jetzt wollt ihr nur Brot essen…Na ja, immerhin ist das Brot auch selbst gebacken.“

… die Zeitung und insbesondere die Diskussionen um das richtige Familienmodell genau durchzulesen. Weil ich die Vor- und Nachteile der verschiedenen Varianten aus dem eigenen Leben kenne, fühle ich mich dazu berechtigt, mich über jede einzelne einseitige Aussage von frisch gebackenen SVP-Müttern zur ausserfamiliären, innerfamiliären und überfamiliären Kinderbetreuung aufzuregen. Eigentlich müsste ich in die Familienpolitik einsteigen, aber dann müsste ich mich mit frisch gebackenen SVP-Müttern, die trotz ihrer Liebe zum Kind am politischen Mandat festhalten, herumschlagen und das wäre noch anstrengender, als mich mit dem Prinzchen darüber zu streiten, ob eine Hausfrau, die sich ein – ärztlich verordnetes -Mittagsschläfchen gönnt, als faul zu bezeichnen sei.

… den Vorratsschrank zu überwachen und darum weiss ich jetzt mit absoluter Sicherheit, wer der Schokoladendieb ist, bzw. wer die Schokoladendiebe sind. Der schlimmste Langfinger ist „Ich war’s ganz bestimmt nicht, Mama, ich schwör’s dir“, der zweitschlimmste ist „Ich esse ganz bestimmt nie etwas zwischen den Mahlzeiten, ich kann mir auch nicht erklären, warum die Hose schon wieder zu eng ist“ und der drittschlimmste ist „Ich mag gar keine Schokolade, also war ich es ganz bestimmt nicht“. Interessanterweise ist „Meiner“, den ich für den Schlimmsten gehalten hatte, kaum je beim Stehlen zu erwischen. Der kauft sich die Schokolade unterwegs uns lässt das leere Papier dann im Auto liegen.

… mich nicht nur darüber aufzuregen, dass die Französischlehrerin die Noten jedes einzelnen Schülers der Klasse vorliest, sondern auch in Erwägung zu ziehen, mit ihr das Gespräch zu suchen und zwar nicht, weil Luise zu den Schlechtesten gehört, sondern weil sie es so unglaublich unfair findet, dass die mit den meisten Fehlern vor allen blossgestellt werden. Ich würde mit meinem Gespräch also meinen kleinen Beitrag zu mehr Gerechtigkeit auf der Welt leisten, wenn ich die Lehrerin darauf aufmerksam machte, dass ihr Verhalten pädagogisch ziemlich fragwürdig ist.

… Arzttermine, Besuche, Karlssons Prüfungsdaten und schulfreie Nachmittage in mehrere Kalender einzutragen. Ja, ich kann mir inzwischen sogar einen Reminder schicken lassen, wann ich mit Kochen anfangen muss, damit die Zeit für das ausgewählte Rezept reicht. Blöd ist nur, dass meine Mutter jetzt den gleichen Reminder auf ihrem Gerät bekommt. Sie war einigermassen erstaunt, als sie um halb elf die Nachricht bekam, in einer halben Stunde müsse sie Maisbällchen mit Curry zubereiten. Aber ich habe ja Zeit, noch ein wenig am System zu feilen.

… neue Luftschlösser entstehen zu lassen, aber wenn ich dann spüre, wie ermüdend schon das Wenige ist, das ich im Moment leiste, dann denke ich, dass es noch eine ganze Weile dauern wird, ehe ich wieder mit etwas anderem als Luft bauen baue.

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Schlaflos im Ländli

Schon zum zweiten Mal seit meiner Ankunft im „Ländli“ wälze ich mich schlaflos in meinem Bett, hundemüde und doch unfähig, ein Auge zuzutun. Nichts hilft, nicht mal der Grosseinkauf für Weihnachten, den ich nachts um zwei im Internet tätige, damit „Meiner“ am 22. nicht mit fünf Kindern durch die Migros hetzen muss. Ich gehe in mich, forsche nach dem Grund für meine Schlaflosigkeit.

Ist es das Heimweh? Nein, denn auch wenn ich meine Liebsten vermisse, bin ich doch ziemlich zuversichtlich, dass ich in vier Tagen wieder von ihnen umarmt, bestürmt, ausgequetscht und unterhalten werde. Ich glaube doch nicht an den Weltuntergang…

Ist es der Kummer über Vergangenes, vielleicht gar Groll? Nein, alles erfolgreich verdrängt, aufgeschoben auf den Moment, in dem ich dazu bereit sein werde, das Gute mit mir zu nehmen und das Schlechte hinter mir zu lassen.

Sind es Zukunftsängste? Auch nicht, denn meine Zukunft sieht deutlich rosiger aus als vor einigen Monaten noch.

Dann ist es vielleicht die Vorfreude auf das, was sich am Horizont immer klarer abzeichnet? Sicher nicht, ich weiss ja, dass ich zuerst mal gründlich ausschlafen muss, ehe ich die Dinge richtig anpacken kann.

Habe ich mich in den vergangenen Tagen zu wenig verausgabt? Immerhin bin ich seit meiner Ankunft hier oben noch nicht ein einziges Mal ans Ende meiner Kräfte gekommen? Nein, das kann es auch nicht sein. Die Müdigkeit der letzten Monate steckt zu tief in meinen Knochen.

Habe ich vielleicht etwas Schlimmes am Fernsehen gesehen? Von wegen, ohne „Meinen“, der mich dazu verführt, zumindest strickend neben ihm zu sitzen, wenn er sich „The Mentalist“ oder „Borgen“ reinzieht, komme ich gar nicht auf die Idee, den Kasten einzuschalten.

Ach so, vielleicht muss ich einfach die gefährliche Bahnfahrt nach Basel und zurück verarbeiten? Auch Fehlanzeige. Entgegen den Befürchtungen meines Tischnachbarn musste ich nicht mal abends um zehn um mein Leben bangen und die einzige Sorge, die mich plagte war, ob ich um halb elf überhaupt noch ins Haus komme.

Nachts um drei dämmert mir endlich, woran es liegt, dass ich den Schlaf nicht finde: Es ist einfach viel zu heiss zum Schlafen, ich vermisse die angenehme Kühle unseres schlecht isolierten Schlafzimmers. Wohl wissend, dass dies ein ziemlich schlechtes Bild abgäbe, wenn zu dieser Stunde einer mit einer Wärmebild-Kamera ums „Ländli“ schliche, reisse ich das Fenster auf und finde endlich die ersehnte Ruhe. Beim Einschlafen wundere ich mich noch, weshalb ich nicht schon früher darauf gekommen bin. Meine Kinder habe ich ja auch immer von unnötiger Kleidung befreit, wenn sie trotz vollem Bäuchlein, sauberer Windel, Schmerzfreiheit und zig Schlafliedern den Schlaf nicht fanden. Anstatt in mich zu gehen, hätte ich für einmal besser etwas an den äusseren Umständen geändert.

Und hier noch einmal in aller Deutlichkeit mein Ratschlag für alle von Schlaflosigkeit geplagten Kleinkind-Eltern: Zieht um Himmels Willen dem armen Kindchen die Socken aus! Bei dieser Wärme kann doch kein Mensch schlafen.

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Calm down!

Der Termindruck, der mich in den vergangenen Monaten dazu getrieben hatte, wie ein aufgescheuchtes Huhn durchs Leben zu hetzen, ist fast von einem Tag auf den anderen von mir abgefallen. Das heisst aber noch lange nicht, dass sich die Verhaltensweisen, die ich mir in dieser Zeit angeeignet habe, einfach so abschütteln lassen.

Da stand am letzen Donnerstag der Wocheneinkauf auf dem Programm und ich hatte alle Zeit der Welt, ihn in Ruhe zu erledigen. Was aber tat ich? Ich kurvte durch den Laden, als ob er in zehn Minuten schliessen und nie wieder öffnen würde. Ich hetzte von Regal zu Regal, packte meinen Wagen voll und musste unzählige Male wieder umkehren, weil ich mit meinen Gedanken schon längst drei Gänge weiter war. Erst, als ich vollkommen geschafft zu Hause ankam und erkannte, dass an diesem Tag ausser der Kinder, die irgendwann essen wollten, niemand mehr etwas von mir erwartete, wurde mir bewusst, dass ich auf das ganze Gehetze hätte verzichten können.

Ob ich am Herd stehe, eine Kolumne schreibe, mit den Kindern Hausaufgaben mache oder Handschuhe stricke, immer wieder ertappe ich mich dabei, wie ich mich dazu antreibe, mehr Arbeit in weniger Zeit zu pressen. Schnell, schnell, sonst reicht’s nicht bis zum nächsten Termin. Aber da ist kaum je ein Termin und darum hätte ich die Sache getrost langsamer angehen dürfen. Langsamer und mit sehr viel mehr Freude.

Darum muss ich jetzt ganz dringend etwas tun, nämlich zwei oder drei Gänge runterschalten, denn die ruhigeren Zeiten werden nicht ewig dauern.

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Eingescannt

Natürlich musste ich die Sache mit dem Self-Scanning sogleich ausprobieren, als ich erfuhr, dass jetzt auch mein Detailhändler das System anbietet. Als leidenschaftliche Futtersammlerin muss ich mitreden können, wenn beim nächsten Kaffeeklatsch die Rede auf den Einkauf mit dem Handscanner kommt. Nicht, dass ich oft mit Frauen zusammenkomme, die über nichts anderes als Einkauf, Trockenwerden und Putzmittel reden, aber man sollte zumindest vorbereitet sein. Jetzt also könnte ich mitreden, wenn ich denn müsste, also tue ich es.

Self-Scanning beim Zwischendurch-Einkauf, das geht. Ist zwar langweilig, aber es erinnert mich an meinen Studentenjob an der Kasse, als ich die Chef-Verkäuferin beeindruckte, weil ich fast so schnell scannte wie die Profis. Einer meiner grössten beruflichen Erfolge…

Self-Scanning und Wocheneinkauf geht zwar auch, wird aber schon deutlich schwieriger. Wie soll man sinnvoll einpacken können – Schweres und Hartes unten, Leichtes und Weiches oben -, wenn alles sogleich in die Einkaufstaschen wandert, zuerst die Kakis und erst viel später die Milchflaschen? Aber eben, es geht. Zumindest, wenn man den Verstand nicht vollends ausschaltet, was man beim Einkauf ohnehin nie tun sollte, sonst weiss man zu Hause nicht mehr, weshalb man auf die hirnverbrannte Idee gekommen ist, Trüffelöl zu kaufen, wo doch ausser Karlsson keiner von uns Trüffel mag.

Self-Scanning und FeuerwehrRitterRömerPirat ist geradezu erholsam. Vor lauter scannen vergisst der Junge, Süssigkeiten und Spielsachen zu betteln. Vielleicht spürt er auch einfach, dass betteln jetzt noch zweckloser ist als gewöhnlich. Wenn man zwischendurch mal kurz nachschauen kann, wie viel Geld man am Ende ausgeben wird, wird das Neinsagen so viel einfacher.

Was aber auf gar keinen Fall geht: Self-Scanning und Prinzchen. Mal löscht er mir die eben eingescannten Artikel, dann wieder setzt er mir fröhlich ein paar zusätzliche Raclette-Käse auf die Rechnung, weil es so viel Spass macht, die Plus-Taste zu drücken. Hin und wieder fällt das Gerät zu Boden, weil er es nicht mehr aus den Händen geben will und beim Bezahlen kommt das Geschrei, weil wir nicht bei der Kinderkasse mit dem Treppchen anstehen, sondern bei einer dieser kühl wirkenden Bezahlstationen.

Mag sein, dass ich hie und da wieder zum Scanner greifen werde, aber solange die Bezahlstation nicht mehr zu mir sagt als „Akzeptieren Sie die allgemeinen Geschäftsbedingungen“ und „Geben Sie Ihren PIN-Code bitte verdeckt ein“, wird sich das System bei mir nicht durchsetzen. Ein Grosseinkauf ohne Schwatz mit der Kassiererin ist nichts für mich.