Dranbleiben

Heute Abend sind der innere Schweinehund und die brave Hausfrau mal wieder tüchtig aneinander geraten:

Innerer Schweinehund: „Ich mach dann mal Feierabend für heute. Das bisschen Hausarbeit kann ruhig bis morgen liegen bleiben.“

Brave Hausfrau: „Nichts da! Das ist genau die Haltung, die dazu führt, dass die Geschirr- und Wäscheberge in den Himmel wachsen. Du bleibst jetzt hier und wir bringen die Sache hinter uns.“

Innerer Schweinehund: „Aber ich muss mich doch schonen…“

Brave Hausfrau: „Und du denkst natürlich, sich zu schonen bedeutet, alles liegen zu lassen, bis man einen ganzen Tag braucht, um das Zeug wieder wegzuschaffen?“

Innerer Schweinehund: „Na ja, so ähnlich. Ich würde natürlich nicht warten bis Samstag, aber morgen ist auch noch ein Tag. Und ich bin ja so schrecklich müde.“

Brave Hausfrau: „So what? Müde bin ich auch und schonen tut man sich am besten, indem man jeden Tag brav seine Pflicht tut. Kleine Schritte erhalten die Gesundheit…“

Innerer Schweinehund: „Willst du wohl endlich die Klappe halten? Wenn ich nur schon das Wort Pflicht höre wird mir übel. Ich leg‘ mich dann mal hin…“

Brave Hausfrau: „Genau das wirst du nicht tun. Wir gehen jetzt nach oben und hängen die nasse Wäsche auf. Dann noch den Geschirrspüler einräumen, den Tisch sauber machen und die Grünabfälle entsorgen. In zwanzig Minuten sind wir fertig.“

Innerer Schweinehund: „Und du glaubst wirklich, dass ich die zwanzig Minuten noch durchhalten kann? Ich bin seit sieben Uhr ohne Pause auf den Beinen…“

Brave Hausfrau: „Ich wäre schon seit halb sieben auf den Beinen, wenn du mich nicht mir Gewalt im Bett festgehalten hättest. Denk dir mal, was wir in dieser halben Stunde alles hätten schaffen können…“

Innerer Schweinehund (verdreht die Augen): „Oh ja, ich kann es mir lebhaft vorstellen. Dann würden meine Füsse noch etwas mehr weh tun und das Schädelbrummen wäre noch heftiger.“

Brave Hausfrau: „Schluss jetzt mit deinem Gejammer. Bringen wir die Sache hinter uns, dann gibt’s heute einen frühen Feierabend und wir kommen morgen früher aus den Federn.“

Innerer Schweinehund: „Aber wir können doch jetzt nicht arbeiten. Sollten wir nicht lieber mit ‚Meinem‘ plaudern? Jetzt, wo er wieder zu Hause ist, möchte er bestimmt nicht, dass wir schon wieder anschleichen…“

Brave Hausfrau: „Jetzt, wo er wieder zu Hause ist, sollten wir erst recht für Ordnung sorgen, sonst glaubt er noch, er müsse zum Besen greifen. Du ruinierst seine Gesundheit, wenn du dich weiter verweigerst.“

Innerer Schweinehund: „Okay, dann komme ich halt. Aber wundere dich nicht, wenn es morgen in der Zeitung heisst: ‚Innerer Schweinehund mit Moralkeule zu Tode geprügelt‘.“

So ist das nicht gemeint

Okay, lasst mich das kurz klarstellen: Wenn ich demnächst meinen Job an den Nagel hänge, ist das kein Zurück-an-den-Herd-Statement. Es ist auch keine Kapitulation im Sinne von „In der Schweiz kannst du dir als Mutter die Berufstätigkeit abschminken“. Es ist erst recht kein reumütiger Rückzug ins traute Heim, weil ich meine wahre Bestimmung erkannt hätte. Es ist einzig und alleine die nüchterne Erkenntnis, dass meine Kräfte nicht ausreichen für Grossfamilie, anspruchsvollen Job, diverse Schreib- und Korrekturaufträge, Ehrenamt und Haushalt. Klar, ich hätte noch etwas länger auf die Zähne beissen können, aber wem hätte ich damit einen Gefallen getan?

Nun scheinen aber verschiedene Leute sich in ihren Ansichten bestätigt zu fühlen, weil ich habe einsehen müssen, dass ich mein Fuder überladen habe. Sie verwechseln meine Motive mit ihren Überzeugungen und auf einmal sehe ich mich genötigt, klipp und klar zu sagen, dass ich die Dinge nicht so sehe wie sie und dass ich keineswegs gedenke, den Rest meiner Tage als zurückgezogenes Hausmütterchen zu verbringen.

Natürlich werde ich mich nicht sogleich ins nächste Abenteuer stürzen, aber ich bin mir ziemlich sicher, dass ich mich früher oder später wieder zu neuen Aufgaben herausfordern lassen werde. Wenn mich denn „Meiner“ gewähren lässt. Neulich soll er nämlich jemandem erzählt haben, er wolle eine Frau, die zu Hause sei und den Haushalt mache. Ich habe den starken Verdacht, dass die Person nicht gehört hat, was „Meiner“ wirklich gesagt hat, sondern nur das, was sie zum Thema von ihm hätte hören wollen.

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Die Freizeitlüge

Eigentlich müsste ich die Letzte sein, die auf den Irrglauben hereinfällt, arbeitsfreie Tage seinen freie Tage. Das mag vielleicht bei vereinzelten kinderlosen Menschen der Fall sein, wer aber Kinder hat, der sollte eigentlich wissen, dass Arbeitstage Freizeit sind und arbeitsfreie Tage Knochenarbeit.

Warum also konnte ich je auf diese vollkommen abwegige Idee kommen, ich könnte die Tage, an denen ich nicht ins Büro gehe, gemütlich mit Tee und Zeitung beginnen, um danach fröhlich einige Kleinigkeiten zu erledigen, bevor ich mich vollkommen entspannt und gut gelaunt an den Herd stellen würde, um ein vollwertiges Mittagessen zuzubereiten? Wie nur konnte ich mir einreden, nach dem Aufräumen der Küche würde genügend Zeit bleiben für eine Kaffeepause, Spiele mit den Kindern und ein wenig schreiben? Ich wusste doch, dass Familientage bei uns nie so aussehen. Warum also konnte ich mir je ausmalen, meine arbeitsfreien Tage würden so oder ähnlich ruhig ablaufen?

Ich habe doch oft genug erlebt, dass meine Tage zu Hause angefüllt sind mit aufwischen, telefonieren, aufräumen, Hausaufgabenhilfe, einkaufen, kochen, Streit schlichten, Geschirr spülen, Werbeanrufe abwimmeln, zuhören, Rechnungen bezahlen, Mails beantworten, Tiere füttern und zwei oder drei anderen Dingen. Darüber will ich mich auch gar nicht beklagen, denn auch wenn ich auf diverse Unannehmlichkeiten verzichten könnte, so sind solche Tage immerhin voller Abwechslung und Überraschungen.

Ärgerlich finde ich bloss, dass ich mir irgendwann im Laufe der Zeit angewöhnt habe, bei der Arbeit zu behaupten: „Morgen habe ich frei“, wenn ein arbeitsfreier Tag bevorsteht. Obschon ich weiss, dass das mit der Freizeit eine glatte Lüge ist, falle ich regelmässig auf meine eigene blöde Aussage herein und dann bin ich enttäuscht, wenn kaum einmal Zeit bleibt für eine ungestörte WC-Pause, geschweige denn für eine dampfende Tasse Tee und ein gutes Buch.

Das Problem ist also – wie so oft – nicht die Realität, sondern meine naive Vorstellung davon, wie die Realität sein sollte. Mir bleiben nur noch wenige Wochen, um diese Sicht der Dinge zu korrigieren, denn wenn ich bis zum – vorübergehenden – Ende meiner Berufstätigkeit meinen Irrglauben nicht abgelegt habe, erwartet mich zu Hause eine saftige Enttäuschung.

 

Auch ein blindes Huhn…

Eigentlich hätte ich ja Mandarinen-Joghurt machen wollen, weil mir gerade dieses unwiderstehliche Mandarinen-Purée in die Finger gekommen ist. Nun ist es eben Mandarinen-Frischkäse geworden, inklusive durchaus trinkbarer Mandarinen-Molke. Somit erkläre ich mich zur stolzen Erfinderin der halbwegs gesunden Alternative zu diesen unsäglichen Petit Suisses, Fruchtzwergen & Co.

Und bei dieser bahnbrechenden Erfindung ist nicht mal die Küche dreckig geworden…

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Wer braucht denn schon Hitzeferien?

Wenn der FeuerwehrRitterRömerPirat abends um halb acht fragt, ob er ins Bett gehen dürfe, das Prinzchen den lieben langen Tag in Gummistiefeln und Velohelm herumrennt, der Zoowärter nicht heult, wenn es keinen Blumenkohl mehr hat, Luise ein ganzes Kapitel der „Unendlichen Geschichte“ hört, ohne ein einziges Mal aufzuspringen, „Meiner“ auf dem Sofa einschläft, bevor die Wohnung blitzblank ist, Karlsson ohne Hausaufgaben von der Schule nach Hause kommt und ich dreimal am Herd stehe und darauf warte, bis das Wasser siedet, ohne zu bemerken, dass die Herdplatte ausgeschaltet ist, dann sind dies untrügliche Anzeichen, dass Hitzeferien angesagt wären. Nur macht man sowas heutzutage natürlich nicht mehr. Wo kämen wir denn hin, wenn wir uns von der Natur vorschreiben liessen, wann wir den Fuss vom Gaspedal nehmen sollen?

Schluss mit der Sklaventreiberei!

Mein neuer Mixer hat seinen Job geschmissen, noch bevor die Probezeit um war. „Im Arbeitsvertrag stand nichts davon, dass ich auch Erdnussbutter herstellen soll. Smoothies ja, Bohnenmus geht auch noch und mit einer Handvoll Mandeln muss man in meinem Job wohl oder übel klarkommen. Aber Erdnussbutter? Das ist pure Ausbeuterei, da mache ich nicht mit.“ Sprach’s, gab ein letztes stinkendes Rauchwölkchen von sich und tat keinen Wank mehr.

Die Mixer-Accessoires starrten mich entsetzt an. „Was soll nun aus uns werden?“, fragte der Milchschäumer konsterniert. „Ich war ein einziges Mal im Einsatz und jetzt streikt der Kerl. Wie soll ich je zu meiner Höchstform auflaufen, wenn da keiner mehr ist, der mir Schwung verleiht?“ „Du hast gut reden“, warf der Schneebesen ein. Täuschte ich mich, oder klang seine Stimme leicht verbittert? „Dich hat sie immerhin schon ausprobiert. Den Pürierstab und mich hat sie noch nicht mal gewaschen, weil sie uns noch gar nicht gebraucht hat.“ „Na, glaubst du denn, mich hätte sie vor Gebrauch gewaschen? Danach schon, aber vorher? Bestimmt nicht. Die hält sich doch nie an die Anweisungen, die in der Anleitung stehen.“ „Nun verliert euch nicht in Detaildiskussionen“, meldete sich die Reibe zu Wort. „Tatsache ist, dass wir alle noch keine Chance hatten, unser wahres Können zu beweisen und das nur, weil unser Motor ein Weichei ist. Das bisschen Erdnussbutter hätte ich mit links geschafft…“ „Was kann denn der Motor dafür, wenn in dieser Küche schlechte Arbeitsbedingungen herrschen? Es geht doch einfach nicht an, dass wir schon während der Probezeit so hart an unsere Grenzen getrieben werden. Sklaverei ist das, glaubt mir, das müssen wir der Gewerkschaft melden“, ereiferte sich der Pürierstab.

„Nun beruhigt euch doch“, schaltete ich mich ins Gespräch ein. „Es tut mir ja aufrichtig Leid, dass ich euch überfordert habe. In Zukunft müsst ihr keinen Erdnussbutter mehr herstellen, versprochen.“ „Zukunft? Welche Zukunft denn? Ohne Motor haben wir keine Zukunft mehr“, unterbrach mich der Schneebesen und diesmal war ich mir sicher, dass Verbitterung in seiner Stimme mitschwang. „Aber natürlich habt ihr eine Zukunft. Ich habe mich bereits mit der Stellenvermittlung in Verbindung gesetzt. Der Ersatzmotor ist kostet zwar mehr als ich für euch alle zusammen bezahlt habe, aber das seid ihr mir Wert. Ich werde euch doch nicht entlassen, bevor ihr richtig angefangen habt mit eurer Arbeit. Die Dame bei der Stellenvermittlung hat mir zwar genau dies empfohlen, aber wo kämen wir denn hin, wenn wir immer alles wegschmeissen würden…“

Die Mixer-Accesoires gaben einen kollektiven Seufzer der Erleichterung von sich und der Schneebesen meinte: „Vielleicht bist du doch nicht so übel, wie ich zuerst gedacht hatte. Aber ich verlange, dass du uns einen neuen Arbeitsvertrag ausstellst. Keine Erdnussbutter mehr, keine Einsätze nach elf Uhr abends und keine Bevorzugung von einzelnen Teammitgliedern. Ist das klar?“

Ich nickte brav, organisierte den Ersatzmotor und erblasste, als ich heute Morgen die Rechnung dafür im Briefkasten fand. Es hätte mich tatsächlich etwa gleich viel gekostet, wenn ich die fabrikneuen Überreste meiner Maschine entsorgt und eine neue fabrikneue Maschine gekauft hätte. Aber wie hätte ich es denn übers Herz bringen sollen, Schneebesen & Co. ungebraucht im Abfall verschwinden zu lassen?

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Schwarz

Zuweilen sind Eltern so naiv, zu glauben, sie hätten alles gesehen. Nach dem hundertsten Kaugummi an den Fusssohlen, der fünfhundertsten verschimmelten Kakaotasse im Kinderzimmer, dem tausendsten Paar Socken, das an irgend einem Ort, wo es ganz bestimmt nicht hingehört, vor sich hingammelt, schleicht sich eine gewisse Abgebrühtheit ein. Okay, das alles ist ärgerlich, aber es hilft ja doch nichts, sich darüber aufzuregen. Spätestens in zwanzig Jahren wird in diesem Haus keiner mehr für eklige Überraschungen sorgen. Also Schwamm drüber und zwar im wahrsten Sinne des Wortes.

In der Eintönigkeit der stets gleichen oder immerhin ähnlichen Abscheulichkeiten gibt es aber immer wieder herausragende Ereignisse, die dafür sorgen, dass wir mithalten können, wenn in geselliger Elternrunde über die abstossendsten Erfahrungen des Familienlebens berichtet wird. Da wäre zum Beispiel jene Geschichte mit den Exkrementen, welche der damals noch sehr kleine FeuerwehrRitterRömerPirat an die Wand schmierte. Oder die Banane, die fünf Wochen Sommerferien in der Kindergartentasche verbrachte. Oder der Fruchtfliegenschwarm von heute Morgen.

Fruchtfliegen und Sommer gehören ja so eindeutig zusammen wie Blitz und Donner und wir sind wohl nicht die einzigen, die in diesen Tagen einen aussichtslosen Kampf kämpfen. So aussichtslos, dass sogar „Meiner“ erblasst, wenn er den Schwarm sieht, ist der Kampf aber selten. Ich übertreibe nicht, wenn ich behaupte, dass man die Biester summen hörte, so viele umschwirrten ein unschuldig aussehendes Kästchen, welches weitab von Obstschalen, Speiseresten und Katzenfutter hängt. Rabenschwarz war das Möbel, so viele Fliegen waren da und als „Meiner“ mutig das Türchen öffnete, kam ein Schwarm biblischen Ausmasses herausgeflogen.

Der Grund für die ausserordentliche Fliegenplage? Es dauerte lange, bis wir ihn ausfindig machen konnten, denn zuerst sahen wir einfach nur schwarz, summendes, ekliges Schwarz. Anziehungspunkt für die Fliegen war ein Schälchen Kaffeesatz, welches irgend ein Kind – es war vermutlich mal wieder „der Andere“, dieser Mistkerl, der stets verschwindet, wenn eine seiner Schandtaten ans Licht kommt – im Kästchen deponiert und vergessen hatte. Ohne Gift war dieser Plage nicht mehr beizukommen, jetzt aber sind die Biester tot und wir haben eine weitere Abscheulichkeit in unserem Geschichten-Repertoire.

Rück meine Tomaten raus!

Es ist wirklich ganz nett, mit einem Mann verheiratet zu sein, der liebend gerne für Ordnung sorgt. Gebt ihm zwei Tage schulfrei und schon macht er sich hinter Küchenschränke, Bücherregale und die Vorratskammer. Dort, wo ich nur unüberwindbare Berge sehe, sieht er Herausforderungen, die ihn dazu anspornen, sein Bestes zu geben. Und so kann es geschehen, dass ich nach einem Freitag im Büro nach Hausse komme und mir erstaunt die Augen reibe. Ist das wirklich die Wohnung, die ich am Morgen verlassen habe, oder habe ich mich im Haus geirrt?

Nun ist das Leben aber leider so, dass keine Sache nur Vorteile mit sich bringt. Jedes Ding hat seine Schattenseiten, auch eine perfekt aufgeräumte Wohnung. In einer solchen kann es nämlich durchaus vorkommen, dass die getrockneten Tomaten für das Risotto, auf das man sich den ganzen Tag gefreut hat, nicht mehr auffindbar sind. Nun gut, man kann natürlich auch ohne getrocknete Tomaten ein köstliches Risotto zubereiten, aber wenn sich meine Geschmacksnerven stundenlang auf eine bestimmte Sache gefreut haben, dann kann ich ziemlich inflexibel werden.

Nun mag man sich fragen, weshalb ich „Meinen“ nicht einfach gefragt habe, wo denn die Tomaten seien, aber so einfach ist es nicht mit diesem guten Mann. Der schafft es zwar im Handumdrehen, das grösste Chaos zu beseitigen, aber das Handy mitnehmen, wenn er ausser Hause geht, das geht nicht. Also konnte ich keinen „Himmel nochmal, wo hast du bloss meine getrockneten Tomaten versteckt?“-Anruf tätigen und es blieb mir nichts anderes übrig, als mit knurrendem Magen auf meinen ordnungsliebenden Herrn Gemahl zu warten.

Der kam dann auch irgendwann nach Hause, nur löste dies mein Problem nicht. Er konnte sich nämlich beim besten Willen nicht mehr daran erinnern, wo er die Tomaten versorgt hat. Immerhin aber konnte er mir versichern, dass die Tomaten an ihrem perfekten Platz sein müssen, denn „Weisst du, wir haben jetzt ein System im Vorratsschrank. Hier ganz rechts haben wir Essig und Öl, dann kommt das Salzige, hier links das Süsse und oben die leeren Einmachgläser. Die Tomaten müssten sich also irgendwo in dieser Region befinden, ich weiss bloss nicht mehr wo.“

Wer ist diese Irre und was tut sie in meiner Küche?

Keine Ahnung, woher die plötzlich kommt, aber sie gebärdet sich, als wäre sie bei und zu Hause. Ja, schlimmer noch, sie kommt und stellt alles auf den Kopf, gerade so, als gäbe es bei uns etwas aufzuräumen. Anfangs schlich sie noch ziemlich unauffällig durch die Zimmer, beobachtete, rückte da und dort einen Gegenstand zurecht. Dann aber, am letzten Samstag, legte sie plötzlich los. Machte sich in der Vorratskammer zu schaffen, wo sie den Altglas-Behälter ausmistete, leere Einmachgläser aus den Regalen räumte, alles fein säuberlich ordnete und den Fussboden schrubbte, als gelte es einen Putzwettbewerb zu gewinnen. Dann verschwand sie wieder für ein paar Tage.

Heute Morgen aber stand sie wieder in meiner Küche, machte sich an den Schubladen zu schaffen, deutete stumm und mit vorwurfsvollem Blick auf die nicht ganz sauberen Fensterscheiben. Ich ignorierte sie so lange wie möglich, was aber nach dem Mittagessen nicht mehr ging. Ehe ich die Zeit fand, die Speisereste in den Kühlschrank zu stellen, schnappte sie sich drei Tiefkühlbehälter, Etiketten und Stift und fing an, die Reste fein säuberlich zu portionieren und zu datieren. Ich wollte sie fragen, was sie hier tue, aber sie marschierte an mir vorbei als existierte ich nicht. Zielstrebig ging sie auf den leeren Tiefkühler zu, schaltete ihn ein und verstaute das Essen darin. Danach ging sie zum Computer, gestaltete flugs eine Tabelle, in die sie fein säuberlich einschrieb, was sie eben in den Tiefkühler verstaut hatte und bis wann das bitte schön verbraucht werden solle. Die Tabelle kam an die Tür des Tiefkühlers, dann machte sie sich in stiller Wut an der schmutzigen Küchenkombination zu schaffen.

An diesem Punkt musste ich sie leider verlassen, denn der Wocheneinkauf wartete. Fast gelang es mir, sie ob des Warenangebots zu vergessen, doch plötzlich stand sie hinter mir und legte mir einen Backofenreiniger in den Einkaufswagen. Ganz klar, ihr nächstes Projekt ist mein nicht ganz sauberer Backofen, sie wird also noch eine Weile bei uns bleiben.

Ich frage mich bloss, woher sie kommt. Mir scheint, ich habe sie schon früher mal gesehen. Damals, als ich mit Karlsson schwanger war. Wenn ich mich recht erinnere, hat sie sich damals leidenschaftlich darum gekümmert, dass das Chromstahl in der Küche stets blitzblank war. Ach ja, sie hatte auch diesen Ordner, in dem sie Woche für Woche einschrieb, welches Kochrezept besonders gelungen war, wo sie etwas ändern würde und was nie mehr auf den Tisch kommen sollte. Sie war ziemlich effizient, aber auch leicht verbissen. Ich weiss also nicht so recht, ob ich mich über ihre Rückkehr freuen soll, oder ob eher Angst vor dem Putzfimmel angesagt wäre.

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Von wem hat er das bloss?

Gut, ich geb’s ja zu: Die Sauerei im Haus war so gross, dass die Kinder wohl geradezu erleichtert waren, dass wir sie heute dazu verknurrten, uns eine Stunde lang beim Aufräumen zu helfen. Was nach dieser Stunde noch nicht erledigt sei, würden wir Eltern dann selber machen, versprachen wir. Nein, wir wollten damit nicht unsere Kinder schonen, sondern unsere Nerven, denn gewöhnlich ist das ewige „Nun macht schon! Nur noch staubsaugen, Wäsche aufhängen, Altglas entsorgen, Spielsachen einräumen, Fenster putzen, Geschirr verräumen und Fussboden fegen, dann sind wir fast fertig…“ anstrengender als die Arbeit an sich. Darum die Zeitlimite.

Für einmal also verlief die Aufräumerei friedlich und ziemlich zackig. An gewissen Stellen konnte man nach einer Stunde bereits den Fussboden wieder sehen. Dann die grosse Überraschung: „Darf ich bitte noch ein wenig weitermachen?“, wollte Karlsson wissen, nachdem sich seine Geschwister im wahrsten Sinne des Wortes aus dem Staub gemacht hatten. Nun ja, ein solch einmaliges Angebot sollte man nicht ausschlagen und so erlaubten wir unserem Ältesten ausnahmsweise, etwas mehr Hausarbeit als vorgeschrieben zu erledigen. Und so legte sich Karlsson mit Möbelpolitur, Fensterputzmittel, Mopp und Putzeimer ins Zeug als ginge es darum, einen Pokal zu gewinnen.

Zwei Stunden später, als „Meiner“ und ich reif für eine Pause waren, stand Karlsson im Wohnzimmer, putzte Fenster und schnauzte Luise an, die es gewagt hatte, drei Schritte über den noch feuchten Fussboden zu gehen. In mir stieg eine leise Furcht auf, als ich diese Szene beobachtete. Ob die mir damals im Spital das falsche Baby mitgegeben haben? Ich meine, ich motze ja auch, wenn mir jemand Fussabdrücke auf dem frisch geputzten Fussboden macht, aber freiwillig Fenster putzen? Von mir hat er das bestimmt nicht.

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