Geschichtsklitterung

„Meiner“ und ich sind jetzt in dem Alter, wo man zurückschaut und findet, man hätte so ziemlich alles anders machen sollen, als man es gemacht hat. Nun ja, nicht ganz alles. Das mit „Meinem“ und mir und das mit den fünf Kindern das würden wir noch heute so machen und das ist ja wohl das Entscheidende. Aber das ganze Drumherum sehen wir heute ziemlich anders als damals. „Wenn ich noch einmal heiraten würde, dann würde ich einfach eine riesengrosse, unkomplizierte Fete mit vielen netten Leuten veranstalten und mich um all die Wünsche deiner Mutter und deiner Tante einen Dreck scheren“, sage ich dann zum Beispiel zu „Meinem“ und er findet, dass ich vollkommen Recht hätte. „Das würde ich genau so machen“, meint er „und anstatt viel Geld für das Fest auszugeben, würde ich heute ein paar Monate lang mit dir in der Weltgeschichte herumreisen.“ „Und zur Hochzeit würden wir uns nicht irgend welche Haushaltgegenstände wünschen, sondern Geld für die Reisere“, träume ich weiter. „Ja, und dann würden wir uns eine günstige Wohnung mieten, eine Ausbildung machen, die uns gefällt und dann, wenn wir Kinder hätten, beide Teilzeit arbeiten“, spinnt „Meiner“ den Faden weiter und plötzlich finden wir uns wieder in einem Traumleben, in dem zwar noch immer wir zwei und später auch unsere Kinder die Hauptrolle spielen, das aber so ganz anders aussieht, als es in Wirklichkeit war.  

Da sitzen wir zwei, übermüdet und abgekämpft und voller Ideen, wie man die Vergangenheit hätte gestalten sollen, damit die Gegenwart nicht ganz so anstrengend wäre, wie wir sie zuweilen empfinden. Ja, wir haben uns immer eine Grossfamilie gewünscht, aber hätten wir das Ganze nicht unkonventioneller, unkomplizierter, mehr auf unsere Persönlichkeiten zugeschnitten aufgleisen können? Wir malen uns aus, wie schön es gewesen wäre, wenn wir doch damals schon gewusst hätten, was wir heute, nach all den Ernüchterungen, die uns auf unserem Weg begegnet sind, wissen. Wir stellen in Gedanken unser ganzes damaliges Handeln auf den Kopf und vergessen dabei beinahe, dass in dem Kontext, in dem wir uns damals bewegten, Vieles von dem, was wir getan haben, ganz richtig und passend war.  

Manchmal seufzen wir tief und sagen uns, dass wir ganz furchtbar viel verpasst haben, weil wir damals, als wir noch keine Verantwortung für Kinder zu tragen hatten, das Leben so furchtbar ernst nahmen, dass wir gar nicht daran dachten, das Ganze etwas lockerer, spontaner und mit weniger Verpflichtungen anzugehen. Wenn wir schliesslich fertig geseufzt haben, dann sagen wir uns, dass es nur einen Ausweg aus unserem Dilemma gibt: Unser Leben als Familie geniessen und gleichzeitig dafür sorgen, dass im Familientrubel die Liebe nicht untergeht. Damit wir später dann, wenn die Kinder mal ausgeflogen sind, noch richtig viel Spass daran haben, miteinander das nachzuholen, was wir heute glauben, verpasst zu haben.

Vielleicht können wir ja noch einmal heiraten. Mit einer  riesengrossen, unkomplizierten Fete und vielen netten Leuten…

Vergleichen? Ich doch nicht!

Die anderen Mütter die gehen ja nur zum Orchesterkonzert ihrer Kinder, um zu vergleichen, wie weit ihr Nachwuchs im Gegensatz zu den anderen steht, die gleich lange, oder etwas kürzer, oder schon erheblich länger das gleiche Instrument spielen. Ich bin da natürlich ganz anders, denn ich habe ja nicht das Ziel, meine Kinder zu grossen Stars zu machen. Deshalb nehme ich das alles ganz gelassen, geniesse den Auftritt meines Sohnes und freue mich daran, dass er am Ende des Konzerts strahlt wie ein Maikäfer. Wie? Ihr nehmt mir das nicht ab? Aber klar doch, ich sitze wirklich nur da und höre zu, wie die Kinder ihre Stücke vortragen. Ich nehme voller Freude zur Kenntnis, dass Karlsson sich im Vibrato übt und dass der Junge, der ein paar Stühle weiter entfernt sitzt, das noch nicht so gut hinkriegt. Ich freue mich darüber, dass das hübsche kleine Mädchen ihr Stück so wunderbar vortragen kann und frage mich, wie lange Karlsson wohl üben müsste, bis er das ebenso gut hinkriegen würde wie sie. Ich leide mit dem Kind mit, das vor lauter Aufregung seinen Auftritt vergeigt und bin ganz dankbar dafür, dass Karlsson heute keine dieser Patzer unterlaufen, die den Kindern, die zu Hause alles fehlerfrei gespielt haben, jeweils so schwer zu schaffen machen. Ich staune, dass es Kinder gibt, die bereits ganz wunderbare Stücke vortragen können und frage mich, ob Karlsson das auch mal probieren sollte, weil er das vielleicht auch hinkriegen würde, wenn ich ihm die Noten besorgen würde. Ich denke an die vielen Kinder, die nie diese wunderbare Gelegenheit haben, mit anderen zusammen zu musizieren und fühle mich unglaublich grosszügig, dass wir unserem Sohn trotz unseres vollen Terminkalenders erlauben, im Orchester mitzuspielen.

Wie? Was meint ihr? Ich sei geradezu besessen vom Vergleichen? Aber nicht doch, ich geniesse doch nur die Musik und ääähm…. wäge ab… öööh, nein das klingt zu doof… wollte sagen, ich stelle nur fest, ääähm, ich vergl… nein, Mist, das tue ich ja eben nicht….. ich meine, ich nehme nur mit Bewunderung zur Kenntnis, dass es einige Kinder gibt, die besser musizieren als Karlsson und dass es andere gibt, die es noch nicht so gut hinkriegen wie er. Aber das hat doch nichts mit vergleichen zu tun, oder?

Pizza-Massage

Gewöhnlich antworte ich nicht mit einem Post auf einen Kommentar und schon gar nicht missbrauche ich Posts, um irgendwelche Tipps im Sinne von „Zehn lustige Methoden, Ihr Kind zum Lachen zu bringen“ zu verbreiten. Ihr kennt ja diese Listen in den Familienzeitschriften: Der Titel verspricht einen Haufen neue Ideen, die das Leben mit den Kindern bereichern sollen und spätestens bei Punkt drei merkst du, dass es sich entweder um Dinge handelt, die du schon seit Jahren täglich tust oder aber, dass dir der Autor etwas aufschwatzen will, was dir schon als Kind ganz fürchterlich auf die Nerven gegangen ist. Ganz ähnlich ist es übrigens mit Büchern mit Titeln wie „56 spannende Spiele für staubtrockene Sonntagnachmittage“ oder „Tausend Ideen gegen die Langeweile“ oder „Bastelideen aus dem Müllcontainer“. Okay, ich weiss, jemand hat sich grosse Mühe gegeben, diese Listen und Bücher zusammenzustellen, aber mir sagt das Zeug dennoch nichts.

Wenn ich also hier einen Post missbrauche, um über etwas aus unserem Familienleben zu erzählen, was ich eben erst vor einigen Tagen wieder entdeckt habe, dann nur deshalb, weil mir die Sache so viel Spass macht und nicht, weil ich euch vorschreiben will, wie ihr eure Kinder durchzukneten habt. Ums Kneten geht es nämlich zuerst mal bei der Pizza-Massage, die damit beginnt, dass man sich ein beliebiges Kind schnappt, das sich gerade in der Nähe des Sofas oder des Bettes aufhält, auf dem du gerade einen Mittagsschlaf abhalten willst, was die Kinder aber nicht respektieren und deswegen lärmend um das Bett oder das Sofa rasen…. ähm, wo war ich schon wieder? Ach ja, beim Kneten. Also, man schnappt sich das Kind, legt es bäuchlings vor sich hin, stellt sich vor, es wäre ein Pizzateig, den man zuerst mal so richtig durchkneten muss. Nach dem Kneten kommt das Auswallen und der Rest passiert von selbst, denn je nach Vorlieben des Kindes kommen Tomatensauce, Salami, Oliven, Pilze, Crevetten, Kapern oder was auch immer drauf und es spielt auch ganz und gar keine Rolle, wie die da drauf kommen, Hauptsache, das Kind krümmt sich vor lauter Lachen. Irgendwann wird das Ganze dann mit Atemluft gebacken und genüsslich verzehrt und dann kommt das nächste Kind, das einem keine Ruhe gönnen mag, dran.

Wenn man viel Glück hat, sind die Kinder danach so glücklich und müde, dass sie einen ausspannen lassen. Wenn man noch mehr Glück hat, revanchieren sich die Kinder, indem sie aus Mama eine Pizza machen, worauf Mama natürlich viel besser mittagsschlafen kann. Und nun möchte ich noch einmal darauf hinweisen, dass ich das Ganze nicht geschrieben habe, damit ihr endlich Ideen habt, was ihr mit euren Kindern anstellen sollt, denn ich bin mir ziemlich sicher, dass ihr alle eure eigenen Eltern-Kind-Sternstunden habt.

Ach ja, und um deine zweite Frage zu beantworten, Gedankenfest: Ich bin mir ziemlich sicher, dass das Prinzchen eines Tages auch davon erzählen wird, vermutlich sogar mit leuchtenden Augen. Aber ich fürchte, dass ich das nicht mehr miterleben werde, weil er dann im Altersheim sitzen wird. Er wird alle meine mütterlichen Fehltritte vergessen haben und seinen Urenkeln wehmütig von seiner guten Mutter erzählen, die ihren Kindern jeweils eine Pizza-Massage verpasst hat. Und dann wird er vielleicht noch anfügen, dass der Papa das noch viel besser gekonnt hat, weil der Papa ja ein Italiener war, ein Sohn von Gastarbeitern, die in der Schweiz ganz schwer untendurch mussten und die in den ersten Jahren im fremden Land nicht mal eine Dusche hatten, so ähnlich wie hier im Altersheim, wo er ja seine Dusche auch mit dem lästigen Nachbarn teilen muss…. Und irgendwann werden ihn die Urenkel unterbrechen und sagen: „Ach, Uropa, erzähl doch nicht immer dieselben Geschichten.“ Aber der Uropa wird nur selig lächeln und fragen: „Wisst ihr übrigens, wie meine Mama mich immer genannt hat? Prinzchen hat sie mich genannt. Ist das nicht schön?“

Aber vielleicht wird es auch ganz anders sein und ich mache hier einen Punkt, bevor ich noch ganz im Schmalz ertrinke.

Mama & Sohn

Okay, ich geb’s zu: Ja, ich habe heute früh die Türe geknallt. Mehrmals und ziemlich heftig. Ja, ich habe herumgebrüllt und zwar sehr laut. Und ja, ich bin ausgerastet wie schon lange nicht mehr, weil mich der FeuerwehrRitterRömerPirat mal wieder zur Weissglut getrieben hat mit seinem „Ich weigere mich, in den Kindergarten zu gehen und es ist mir vollkommen egal, dass du meinetwegen zu spät zur Arbeit kommst und dass sich die Kindergärtnerin Sorgen machen wird darüber, wo ich wohl so lange bleibe“. Ich versuche gar nicht erst, die unrühmliche Begebenheit zu verbergen, wo das Prinzchen doch ohnehin jedem, der es hören will, erzählt, dass Mama heute Morgen eine ganz böse Mama war. Also wozu leugnen, wo es sich ohnehin nicht verbergen lässt, dass ich hin und wieder genau das Gegenteil von der Mama bin, die ich eigentlich sein möchte? 

Zum Glück scheint der FeuerwehrRitterRömerPirat auch erkannt zu haben, dass er manchmal nicht der Sohn ist, den er sein möchte und so kam es, dass wir zwei Streithähne heute Nachmittag in trauter Zweisamkeit auf dem Sofa sassen und einander eine Pizza-Massage verpassten. Aber davon erzählt das Prinzchen natürlich niemandem…

 

Grosse Schwester

Prophezeit hat man ihr schon lange, dass sie eines Tages etwas ganz Besonderes sein würde für ihre vier Brüder, nur hatte sie sehr lange nichts davon bemerkt, unsere Luise. Klar, sie versuchte mit allen Mitteln, sie zu bemuttern, ihnen zu beweisen, dass sie immer ein offenes Ohr hat für sie, sie zu erziehen, auch wenn das nicht ihre Aufgabe ist. Hin und wieder war sie so frustriert darüber, dass ihre Annäherungsversuche nichts fruchteten, dass sie versuchte, ihren Brüdern ihre Zuneigung aufzuzwingen, was dann meist in Streit und Tränen endete. Eines Tages legte ich ihr nahe, ihren Brüdern einfach mal die kalte Schulter zu zeigen, dann würden sie schon erkennen, was sie verpassen. 

Ich weiss nicht, ob sie sich meinen Rat zu Herzen genommen hat, aber jetzt scheint ihr langes Werben endlich den ersehnten Erfolg zu bringen. Zuerst verlangte der Zoowärter immer öfter nach seiner grossen Schwester. Sie durfte ihn trösten, wenn Mama mal wieder keine Zeit hatte, sie durfte ihn abends in die absurdesten Verkleidungen stecken, sie umarmte er, der sonst körperlicher Zuneigung eher skeptisch gegenübersteht, freimütig und oft. Luise, die wunderbare grosse Schwester.

Eines Tages bemerkte das Prinzchen, der Luise immer mal wieder mit seiner Ablehnung verletzt hatte, dass der Zoowärter die einzige Schwester mehr und mehr in Beschlag nahm. Nun ist es so, dass das Prinzchen und der Zoowärter sich grundsätzlich nur für die Dinge interessieren, mit denen sich der andere gerade beschäftigt und so kam es, dass Luise auf einmal auch sehr attraktiv für das Prinzchen wurde. Auf einmal wollte er dabei sein, wenn Luise und der Zoowärter grosse Schwester und kleiner Bruder spielten, plötzlich findet es das Prinzchen grossartig, wenn Luise anstelle von Mama die Schlaflieder singt. Und heute nach dem frühzeitig abgebrochenen Mittagsschlaf, lag das Prinzchen endlich winselnd auf dem Küchenfussboden und verlangte nach Luise. Sie sollte ihm eine warme Milch machen, sie sollte ihn trösten, sie sollte mit ihm nach draussen spielen gehen. Weil Luise gerade anderweitig beschäftigt war, bot ich unserem Jüngsten an, den Luise-Ersatz zu machen, aber davon wollte er nichts wissen. Er jammerte weiter, bis die grosse Schwester endlich Zeit hatte für ihn. 

Ich bin so froh, dass unsere Tochter endlich die Art von grosser Schwester sein darf, die sie schon so lange sein wollte.

Berufswunsch: Kind

„Nur mal schnell zur Post und danach noch ein paar Joghurts einkaufen.“ Was so einfach tönt, wird mit dem Zoowärter und dem Prinzchen zu einem neunzigminütigen Abenteuerspaziergang mit Balancieren auf hohen Mauern, mit Schrecksekunden am Fussgängerstreifen, mit Diskussionen über die Frage, weshalb Rosen und Brombeerranken überhaupt Dornen haben und natürlich mit unzähligen „Nun kommt doch endlich! Der Papa wartet zu Hause“ und „Nein, Jungs, wir müssen hier durch und passt bitte auf, da vorne ist ein Auto.“ Stress pur also, aber wenn sich dabei der folgende Dialog über des Zoowärters berufliche Zukunft entspinnt, hat sich der Aufwand mehr als gelohnt:

Der Zoowärter findet am Wegrand einen Stecken. Anfangs ist es ein ganz gewöhnlicher Stecken, dann ein Wanderstab und schliesslich wird er zum Hirtenstab. „Den brauche ich dann später einmal, wenn ich für meine Schafe sorgen will“, erklärt mir der Zoowärter. „Dann willst du also später einmal Schafhirte werden?“, frage ich meinen Zweitjüngsten. Der Kleine bejaht, erinnert sich dann aber wieder an seinen Polizisten-Pyjama, den er heute bekommen hat- oder „übergschänkt“, wie das Prinzchen sagen würde. „Nein, ich will nicht Schafhirte werden“, sagt er nachdenklich. „Ich werde Polizist und dann kann ich den Stecken ja auch gebrauchen.“ Vor meinem inneren Auge ziehen Schreckensbilder auf  von Polizisten, die auf Demonstranten einknüppeln. Nicht, dass ich grundsätzlich etwas gegen Polizisten hätte, aber woran soll ich denn sonst denken, wenn mein Sohn mir erklärt, dass er als Polizist einmal seinen massiven Holzknüppel gebrauchen will? Während ich mir noch überlege, ob ich dem Zoowärter das mit der Karriere bei der Polizei ausreden soll, sagt er entschlossen: „Nein, ich glaube, ich will doch nicht Polizist werden. Ich will lieber für immer ein Kind bleiben.“

Hach, was bin ich stolz auf meinen Sohn! Lässt einfach so, an einem heissen Mittwochnachmittag mitten im Verkehrslärm und ohne gross zu überlegen einen Spruch raus, der das Herz einer jeden erwachsenen Romantikerin wärmt. Ein Satz für’s Bilderbuch, findet ihr nicht auch?

Und stellt euch nur vor, wie ich mich mit ihm dereinst im Altersheim werde brüsten können, wenn meine Freundinnen mit der glanzvollen Karriere ihrer Kinder prahlen. „Meine Tochter, die Bundesrätin, ist ja so unglaublich beschäftigt. Aber sie nimmt sich immer Zeit, mir eine Postkarte zu schicken, wenn sie sich mit dem Präsidenten der USA trifft“, wird die eine mit gespielter Bescheidenheit erzählen. „Tja, mein Sohn hat ja auch so schrecklich wenig Zeit für mich, seitdem er den Nobelpreis für Literatur verliehen bekommen hat. Seither hetzt er von einer Lesung zur anderen. Dafür wird er mir seinen nächsten Bestseller widmen“, wird eine andere erzählen. Ich werde schweigend daneben sitzen und gelassen zuhören, wie die Frauen sich gegenseitig zu übertrumpfen suchen. Irgendwann wird mich jemand fragen, was denn überhaupt aus meinem Zweitjüngsten geworden sei und dann werde ich voller Stolz verkünden können: „Mein Zweitjüngster, der hat schon als Vierjähriger gewusst, worauf es im Leben wirklich ankommt und deshalb hat er alles daran gesetzt, immer ein Kind zu bleiben.“

Und dann wird all den alten Damen die Spucke wegbleiben, weil mein Sohn schon so früh die Weichen für die wichtigste Karriere der Welt gestellt hat. Jetzt muss ich nur noch herausfinden, wie ich dafür sorgen kann, dass der Junge ob all der Versuchungen, viel Geld zu machen, sein Karriereziel nicht aus den Augen verliert.

Gelassener

Spätestens seit Josef mit dem bunten Mantel weiss es die ganze Welt: Die Jüngsten – oder im Falle von Josef die Zweitjüngsten – sind verwöhnte Bengel, die bei ihren Eltern mit allem durchkommen, während die Grossen zum Viehüten verknurrt werden. Die Grossen müssen schuften und werden beim kleinsten Vergehen zusammengestaucht, die Kleinen leisten sich einen Mist nach dem anderen aber die Eltern lächeln nur milde und sagen:“Ach, er ist doch noch so klein und weiss nicht, was er tut.“ Im schlimmsten Fall fügen sie noch verträumt an: „Erinnerst du dich, als unsere Älteste mal genau das Gleiche getan hat? War sie nicht unglaublich süss, wie sie da sass, von Kopf bis Fuss mit Honig verschmiert?“ Und die Älteste erinnert sich lebhaft an die Situation: Wie Mama sie gepackt und unter die Dusche gestellt hat und sie danach für eine halbe Stunde aufs Zimmer geschickt hat, damit sie über den Unfug nachdenken kann. Macht der Jüngste das Gleiche, zückt die Mama verzückt die Kamera, lässt das Bild vergrössern und hängt es an prominenter Stelle auf, damit jeder, der das Haus betritt, sehen kann, wie süss doch der Kleine ist. 

Als jüngstes von sieben Kindern gestehe ich es ja nur ungern, aber als Mutter muss ich dennoch sagen, dass etwas dran ist an der Sache mit der Bevorzugung der Jüngsten. Auch wenn ich zugleich anfügen muss, dass es nichts, aber auch gar nichts damit zu tun hat, dass man das Jüngste mehr liebt als die Älteren. Meiner Meinung nach gibt es drei Hauptgründe, weshalb Eltern nur milde lächeln, wenn der oder die Jüngste mal wieder für Trubel sorgt:

1. Sie können gar nicht mehr anders, als milde lächeln, weil alles andere zu anstrengend wäre. Woher soll man denn bloss noch die Energie zum Rumbrüllen nehmen, wo man doch in den vergangenen zehn Jahren kaum mehr eine ganze Nacht am Stück geschlafen hat? Und zudem haut einen die hundertdritte mit Kreidezeichnungen verzierte Wand nicht mehr sonderlich aus den Socken. Denn inzwischen hat man sich damit abgefunden, dass an dem Tag, an dem der Jüngste das elterliche Nest verlassen haben wird, ohnehin die Bagger auffahren werden, um die Ruinen, die nach der Kinderzeit noch übrig geblieben sind, wegzuräumen. 

2. Sie wissen, dass es nur noch schlimmer kommen wird. Ich bin ja eine vehemente Gegnerin der doofen Redewendung „Kleine Kinder, kleine Sorgen…“, denn ich bin mir sicher, dass für neugeborene Eltern das pausenlose Geschrei während der ersten drei Monate ebenso belastend sein kann wie später das pausenlose Diskutieren mit dem rebellischen Teenager. Was ich aber inzwischen weiss: Es ist einfacher, wegzuhören, wenn das Prinzchen eine halbe Stunde schreit, weil er findet, es hätte zu wenig Kakao in seinem Schoppen, als der achtjährigen Luise beizubringen, dass mein Nein noch immer gilt, auch wenn sie sich schon sehr erwachsen fühlt. Nervtötend ist beides, kräftezehrend auch, aber immerhin hat man das Drama mit dem Schoppen schon mehrmals durchgestanden, während man zum ersten Mal erlebt, dass die eigene Autorität ernsthaft in Frage gestellt wird. Deshalb kann man die Sache mit dem Schoppen eben gelassener nehmen. Und deshalb steht man weniger in Gefahr, mit übertriebener Härte zu reagieren.

Diese zwei Gründe spielen eine wichtige Rolle bei der angeblichen Bevorzugung der Jüngsten. Noch wichtiger aber ist meiner Ansicht nach Grund Nummer drei: Im besten Falle lernt man nämlich im Laufe der Jahre, dass Liebe mehr bringt als Strenge. In den ersten Jahren versucht man mit starren Regeln und harten Konsequenzen das Kind zu formen, doch mit der Zeit erkennt man, dass das Ziel meist schneller erreicht wird, wenn man sich auf Augenhöhe mit dem Kind begibt und versucht, die Welt mit den Augen des Kindes zu sehen und so gemeinsam einen Ausweg aus dem ganzen Schlamassel zu finden.

Bevor ihr mich nun als Supermama betrachtet, muss ich gestehen, dass ich noch längst nicht dort bin. Auch das Prinzchen hat immer mal wieder das zweifelhafte Vergnügen, eine äusserst genervte, laute Mama zu erleben, wenn sie auch nicht mehr ganz so konsequent ist wie früher, was durchaus auch mit Grund Nummer 1 zusammenhängt. Dennoch spüre ich, wie sich allmählich eine gewisse Gelassenheit einstellt, die wenig mit Gleichgültigkeit oder Abgestumpftheit zu tun hat, sondern die vielmehr in der im Laufe der Jahre gewachsenen Überzeugung wurzelt, dass es unsere Aufgabe ist, die Kinder dabei zu begleiten, zu werden, was sie tief in ihrem Inneren schon sind. Und das geht nicht mit Zwang, sondern nur mit Liebe. Und ich hoffe doch sehr, dass von dieser veränderten Sicht nicht nur die Jüngsten profitieren, sondern dass auch die Älteren spüren, dass Mama und Papa die Dinge nicht mehr ganz so verbissen sehen wie auch schon. 

Zoowärtertag

Heute war der erste Zoowärtertag. Zoowärtertag heisst, dass das Prinzchen den ganzen Tag in der Krippe verbringt und Karlsson, Luise und der FeuerwehrRitterRömerPirat Vormittag und  Nachmittag in der Schule oder im Kindergarten sind. Den Zoowärtertag haben wir eingerichtet, weil wir gemerkt haben, dass unser Zweitjüngster ziemlich gestresst ist. Drei grosse Geschwister, für die er immer nur der Kleine ist, ein kleiner Bruder, der in den Startlöchern  ist, ihn zu überholen, wenn er sich nicht ganz schnell auf die Socken macht. Nicht, dass der Zoowärter nicht schnell wäre, aber er zieht es nun mal vor, seine Tage mit Pooh, Robin Hood und Konsorten in einer bunten Fantasiewelt zu verbringen. Und weil ihn die Geschwister in seiner Fantasiewelt so oft stören, haben wir beschlossen, ihm einen Einzelkindtag zu schenken.

Heute also war der erste Zoowärtertag und dummerweise verbrachten er und ich diesen vorwiegend im Auto und in Möbelgeschäften, weil ich auf der Suche nach einem abschliessbaren Schrank für das Familienzentrum war. Weshalb man in unserer konsumbesessenen Welt nicht in den nächstbesten Möbelladen marschieren, sich einen abschliessbaren Schrank schnappen und  dann den Rest des sonnigen Frühlingstages geniessen kann, ist eine andere Geschichte, mit der ich euch nicht langweilen will. Es sei nur darauf hingewiesen, dass es in diesen Tagen sehr sehr schwierig ist, einen abschliessbaren Schrank aufzutreiben.

Trotz sehr frustrierender Schranksuche erhaschte ich heute einige faszinierende Einblicke in die Welt unseres Zweitjüngsten. Habt ihr zu Beispiel gewusst, dass es in Aarau gleich gegenüber des Kunsthauses einen Drachenstärkermacher gibt? Ein Drachenstärkermacher verwandelt schwächliche Drachen in gefährliche, starke Drachen. Das ist ein unglaublich gefährlicher Job, denn es kommt nicht selten vor, dass ein starker Drache, der noch stärker gemacht werden will, den Drachenstärkermacher angreift. Der Zoowärter jedenfalls möchte diesen Beruf nicht ausüben, wenn er mal gross ist, hat er mir gesagt.

Oder habt ihr gewusst, das Honig weiss wird, sobald er im Bauch von Winnie the Pooh landet? Das hat der Zoowärter heute herausgefunden, nachdem er sich mit seinem eigenen Geld einen kleinen Pooh-Sessel gekauft hatte. Weshalb Pooh so einen dicken Bauch habe, wollte er von mir wissen und als ich ihm sagte, Pooh hätte eben zu viel Honig geleckt, musste der Zoowärter natürlich sofort den Reissverschluss öffnen, um nachzusehen, ob da wirklich Honig drin ist. Und siehe da, es war tatsächlich Honig drin. Weisser, weicher Honig der nicht einmal klebt. Ist das nicht toll?

Obschon der Zoowärter ganz gut mitmachte bei unserer Einkaufstour, erlebte er natürlich auch die eine oder andere Enttäuschung. So konnte er nicht verstehen, weshalb er das Ritter-Hochbett nicht bekommen  konnte, obschon doch sein Bett zu Hause gar nicht mehr neu, sondern schon mindestens drei Monate alt ist. Er hatte auch grosse Mühe damit, dass die eine Verkäuferin uns „nicht hallo gesagt hat“. Als ich ihn darauf hinwies, dass sie uns aber „grüezi“ gesagt hätte, meinte er beleidigt: „Ja, aber sie hat uns nicht hallo gesagt.“ Und das ist natürlich wirklich eine Sauerei.

 

 

 

 

Demontiert

Zum letzten Mal habe ich heute zum Schraubenzieher gegriffen, um das Gitterbett, das nun ziemlich genau zehn Jahre lang ohne Unterbruch belegt war, zu demontieren. Klar, es war nicht das erste Mal, dass ich das Ding auseinander genommen habe, denn wir haben es ja hin und wieder vom einen ins andere Zimmer bringen müssen und da das Möbel ziemlich sperrig ist und durch keine Tür passt, mussten wir es eben jeweils zerlegen. Diesmal aber wird es nicht in einem anderen Zimmer wieder zusammengebaut, diesmal landet es in der Müllabfuhr. Einerseits bin ich ja ganz froh, das Ding endlich loszuwerden, denn es ist nicht nur sperrig, es ist auch hässlich. Und ziemlich kaputt obendrein. Also höchste Zeit, dem Prinzchen, der zuletzt darin geschlafen hatte, ein anständiges Bett zu bieten.

Andererseits aber wurde mir auch ziemlich schwer ums Herz, bedeutet doch dieser Abschied vom Gitterbett auch ein erster Schritt in Richtung Abschied von der Kleinkinderzeit, eine Zeit, die ich trotz aller Grenzerfahrungen sehr genossen habe. Während eine Schraube nach der anderen zu Boden fiel, das Bett immer wackliger dastand und schliesslich zusammenkrachte, kam diese unendliche, bittersüsse  Traurigkeit über mich. Bittersüss deshalb, weil diese Traurigkeit durchwoben ist mit unzähligen wunderbaren Erinnerungen an erste Schritte, hinreissend komische Versprecher, zahnloses Lächeln. Am Ende war das Bett kein Bett mehr, sondern nur noch ein Stapel alter, hässlicher Bretter. Und mir wurde klar, dass ich nicht nur ein altes Bett demontiert hatte, sondern auch meinen innigsten Wunsch, vielleicht eines Tages doch noch einmal ein kleines Menschlein in unserer Familie empfangen zu dürfen.

Als ob ich die Nerven dazu noch hätte…

Bad Mummy

Es ist die klassische Filmszene, wenn man ohne weit auszuholen darstellen will, dass Mama eine elende Egoistin, das Kind ein armer, vernachlässigter Tropf ist: Das Kind hat einen wichtigen Auftritt – zum Beispiel als Strohballen im Krippenspiel – und die Mama hat nichts Besseres zu tun, als schwarzbestrumpft und hochhackig in irgend einem Meeting zu sitzen. Vor lauter Angst, dass die Mama es auch diesmal nicht zum grossen Auftritt schaffen wird, ist das Kind den Tränen nahe, aber weil Mama in letzter Sekunde eine himmlische Stimme vernimmt, die ihr sagt, dass dies die einzige Gelegenheit ihres Lebens ist, ihr Kind als Strohballen verkleidet zu sehen, rennt sie aus dem Meeting, lässt Boss und böse Konkurrentin sitzen und schafft es gerade noch im letzten Augenblick, zu sehen, wie der Strohballen vom Esel – im Kostüm steckt das lästige Nachbarskind – verzehrt wird. Von dem Moment an ist Mama ein neuer Mensch und verspricht ihrem Kind, es nie mehr wegen eines Meetings warten zu lassen, sondern es in Zukunft zu jeder Sitzung mitzunehmen.

So ist das in Hollywood und ich selber musste leider schon sehr früh erkennen, dass die Geschichte in der Realität anders ausgeht. In meiner Realität war das so, dass meine Mama sich alle Mühe gab, rechtzeitig zum grossen Auftritt zu kommen, dass dann aber im letzen Moment ein Schaf durchbrannte oder die Konfitüre überkochte oder eine lästige Bekannte sich nicht abschütteln lassen wollte und dann war sie eben spät dran. Und dann geschah es eben, dass sie exakt in dem Moment, als ich das letzte Wort des auswendig gelernten Gedichts – „Dunkel war alles und Nacht, in der Erde tief die Zwiebel schlief, die Braune…“ – gesagt hatte, atemlos zur Tür hereinkam und nur noch das enttäuschte Gesicht ihrer Tochter sehen konnte. Fürchterlich, nicht wahr? Meine arme Mama muss sich schreckliche Vorwürfe gemacht haben.

Woher ich das weiss? Nun, inzwischen bin ich selber eine Mama und zwar eine, die nicht wegen entlaufener Schafe oder überkochender Konfitüre den Auftritt ihres Sohnes verpasst, sondern einfach nur deshalb, weil sie einen Termin zugesagt hat, ohne zu wissen, dass an genau diesem Abend Schülerkonzert sein würde. Gut, eigentlich wären die beiden Termine ja ganz glatt aneinander vorbeigegangen, denn das Konzert begann um sieben, der Termin war um acht. Aber wer schon mal bei einem Schülerkonzert gewesen ist, der weiss, dass allein der Applaus nach jeder Ansage – kann mir mal einer verraten, weshalb man nach einer Ansage applaudiert? – eine halbe Stunde füllt. Wenn also Mama eine knappe Stunde Zeit hat, Karlssons Auftritt aber auf Position 11 im Konzertprogramm steht, dann ist klar, dass es unmöglich ist, dass Mama dabei sein wird, wenn Karlsson spielt.

Menschen, die keine Kinder haben, mögen nun denken, es sei doch nicht so schlimm, einen Auftritt am Schülerkonzert zu verpassen. Sind ja nicht die Berliner Philharmoniker, die da auftreten. Nein, sind es nicht, aber es ist Karlsson, der mich gestern ganz aufgeregt daran erinnert hatte, heute sei dann „der grosse Abend“. Es ist Karlsson, der zum ersten Mal gemeinsam mit viel grösseren Schülern auftreten darf. Es ist Karlsson, der miterleben muss, dass seine Mama zwar noch den Auftritt des FeuerwehrRitterRömerPiraten mitbekommt, bei seinem aber schon längst wieder abgerauscht ist, weil sie dummerweise schon wieder beruflich eingespannt ist. Ich weiss, wie elend sich Karlsson fühlt. Genau so elend, wie ich mich damals gefühlt hatte, als meine Mama nicht dabei war, als ich das Gedicht von der Tulpenzwiebel aufsagte.

Was Karlsson jetzt noch nicht weiss, vielleicht aber später einmal wissen wird: Für die Mama oder den Papa ist so eine Situation genauso schlimm wie für das Kind. Denn Mamas und Papas wollen nichts lieber als dabei sein, wenn ihr Kind auf der Bühne steht. Weil sie wissen, wie wichtig so eine Sache für ihr Kind ist. Weil sie jeden Moment lang mit ihrem Kind mitfiebern wollen. Weil sie heulen könnten vor lauter Rührung, dass ihr kleines grosses Kind schon so viel kann. Und weil sie nach dem Auftritt aufrichtig sagen wollen: „Du warst der Beste!“ und nicht „Ich bin sicher, dass du der Beste warst, aber leider habe ich das nicht mehr mitgekriegt, weil ich schon wieder woanders war, als du endlich dran warst.“