Auch nur ein Mensch

Wir Christen zerbrechen uns ja gerne den Kopf darüber, was Gnade sei. Ob Menschen, die anders glauben als wir, sich auch so sehr mit diesem Thema auseinandersetzen, weiss ich nicht. Ich weiss aber, dass ich schon unzählige Predigten zu diesem Thema gehört habe und dass mir der Begriff dennoch immer ein wenig schleierhaft geblieben ist. Gestern Abend brachte ein einziger Satz zustande, was endlose Predigten bis jetzt bei mir nicht geschafft hatten: Ich erlebte, wie es sich anfühlt, wenn jemand gnädig ist.

Wie ihr wohl mitgekriegt habt, entsprach ich gestern noch weniger der perfekten Mutter, als ich es gewöhnlich tue. Ja, ich weiss, die perfekte Mutter gibt es nicht. Aber machen wir uns doch nichts vor: Wir versuchen dennoch insgeheim, die Erste zu sein, die es schafft. Ich schaffe es nicht. An gewöhnlichen Tagen nicht und gestern erst recht nicht. Abends, bevor die Kinder zu Bett gingen, rief ich sie deshalb noch einmal zusammen und gestand ihnen unter Tränen, wie Leid es mir tue, dass ich so eine böse, ungeduldige, schlecht gelaunte, brüllende, ungerechte Versagermama gewesen sei. Gut, ich kroch nicht mehr im Staube, wie ich es früher getan hätte, aber ich habe dennoch ganz offen und ehrlich darüber geredet, wie gerne ich dem Tag eine andere Wendung gegeben hätte, wie ich es aber einfach nicht geschafft hätte, das Steuer herumzureissen um uns alle wieder auf einen friedlicheren, liebevolleren Weg zu bringen. Anders als sonst hielt ich dabei den Kindern nicht vor, wie viel sie selber dazu beigetragen hatten, dass der Tag so schrecklich geworden war. Denn was nützt eine Entschuldigung, die zugleich dem anderen Schuld auflädt?

Für einmal hörten mir die Kinder brav zu. Nun gut, das Prinzchen hätte wohl nicht zugehört, sondern alles nachgeplappert, aber weil er schon schlief, schwieg er ausnahmsweise auch. Als ich mit meiner Rede am Ende war, schauten mich die vier Knöpfe treuherzig an und murmelten etwas von „wir haben ja auch ziemlich blöd getan“. Und dann sagte Luise diesen entscheidenden Satz, der alles besser machte: „Weisst du Mama“, sagte sie ernst „du bist auch nur ein Mensch.“ Ein banaler Satz? Nicht in diesem Moment, denn mit diesen wenigen, sonst oft so leeren Worten hatte Luise mir klar gemacht, dass sie damit leben kann, dass ich nicht perfekt bin, ja, mehr noch, dass sie gar nicht erwartet, dass ich alles richtig mache. Mit dieser einen klaren Aussage hatte Luise all mein Herumbrüllen, all meine Ungeduld und meine Unzufriedenheit in einen Abfallsack gestopft und den Sack zugebunden. Und durch ihr zustimmendes Nicken bestätigten mir Karlsson, der FeuerwehrRitterRömerPirat und der Zoowärter, dass sie das ganz genau gleich sahen wie ihre Schwester.

Ach ja, ganz durchschaut habe ich das grosse theologische Geheimnis dennoch nicht. Denn anstatt den Abfallsack, den mir meine Kinder so gnädig geschnürt hatten, im Müll zu entsorgen, nahm ich all den Mist später noch einmal hervor, schaute mir voller Abscheu jedes meiner Versagen noch einmal an und als „Meiner“ nach drei sehr langen Elterngesrprächen nach Hause kam, musste er sich den ganzen Müll auch noch einmal anschauen. Aber immerhin habe ich es danach fertig gebracht, zu mir selber zu sagen „Was soll’s? Du bist eben wirklich nur ein Mensch und morgen ist ein neuer Tag, an dem du es zwar nicht perfekt, aber immerhin besser machen kannst.“

Was übrigens auch keine grosse Kunst war, denn um heute eine bessere Mama als gestern zu sein, brauchte es nun wirklich nicht viel…

Akku leer

So gegen Weihnachten ist es meistens so, dass der Akku unserer Kinder leer ist. Nun gut, der Akku von uns Eltern ist auch leer, aber darüber will ich heute ausnahmsweise nicht jammern, auch wenn ich schon könnte, wenn ich wollte. Aber reden wir über den Akku unserer Kinder. Bei Karlsson merkt man es meistens daran, dass er vermehrt kränklich wird und irgendwann im Bett landet. Auch Luise möchte im Bett bleiben, allerdings nicht, weil sie krank wäre, sondern weil sie es draussen einfach zu kalt, zu ungemütlich und zu blöd findet. Dementsprechend schlecht ist ihre Laune, wenn die Energie langsam abnimmt. Der Zoowärter kommt morgens schon gar nicht mehr vor zehn Uhr aus dem Bett und einzig das Prinzchen tut so, als hätte die Energie nie ein Ende. Egal, ob Sommer oder Winter, Morgen oder Abend, warm oder kalt, der kleine Mensch hüpft durchs Leben, als gebe es nichts Schöneres und damit hat er wohl auch Recht.

Ja, und dann ist da noch der FeuerwehrRitterRömerPirat. Das Kind, das noch kaum mal krank war. Bis auf eine Mittelohrentzündung im zarten Alter von sechs Monaten, die er mit solch stoischer Ruhe über sich ergehen liess, dass ich sie erst bemerkte, als ihm der Eiter schon aus dem Ohr floss – ich hatte wohl zu kinderlosen Zeiten allzu laut verkündet, meinem Kind würde so etwas nie passieren – war das Kind meistens kerngesund. Wenn der FeuerwehrRitterRömerPirat müde ist, ist auch nicht störrischer als gewöhnlich. Wie sollte er auch, wo er doch auch an gewöhnlichen Tagen bocken kann wie kein Zweiter? Und schlafen tut er auch nicht viel mehr.

Nein, wenn der Akku des FeuerwehrRitterRömerPiraten sich leert, dann wird der heldenhafte Kämpfer plötzlich butterweich und zart. Dass es mal wieder soweit ist, hätte mir gestern Abend schon auffallen können. Da sassen wir alle wie gebannt vor dem Bildschirm und genossen das Happy Ending der Emma-Verfilmung. Je romantischer es wurde, umso näher rückte unser Dritter zu mir und schliesslich sass er auf meinem Schoss. „Findest du den Film nicht langweilig“, fragte ich mein Kind, das gewöhnlich für „Wickie und die starken Männer“ schwärmt. „Nein Mama“, sagte er verträumt. „Ich mag eben nicht nur wilde Sachen.“

Heute Morgen dann, als es eigentlich Zeit gewesen wäre, in den Kindergarten zu gehen, kam er wieder zu mir auf den Schoss gekrochen. Ich glaube, wenn er einen Weg gefunden hätte, wäre er zurück in meinen Bauch geschlüpft. Da sass er und machte keinerlei Anstalten, sich ausgehfertig zu machen. Gewöhnlich spiele ich ja Tag für Tag den Drachen und kommandiere das arme Kind aus dem Haus, weil das Gesetz das einfach so vorschreibt, ob es ihm nun passt oder nicht. Heute aber war mir klar, dass er gar nicht gehen konnte, nicht, weil er krank war oder weil ihm etwas im Kindergarten nicht passte, sondern einfach, weil sein Akku leer war. Und ich glaube, es war nicht nur der Energie-Akku, der am unteren Limit angelangt war, es war auch der Mama-liebt -mich-über-alles-Akku, der ganz dringend mal wieder geladen werden musste.

So liess ich ihn eben gewähren, meinen liebesbedürftigen, übermüdeten FeuerwehrRitterRömerPiraten. Wie wir so endlos lange bei Kerzenschein auf dem Sofa sassen, spürte ich, wie der Akku sich langsam wieder füllte. Und zwar nicht nur derjenige meines Sohnes.

Voll erwischt

Noch keine acht Jahre alt ist sie, unsere Luise, und schon hat es sie erwischt, dieses Fieber, an dem wir Romantikerinnen früher oder später erkranken. Ich musste ganze zweiundzwanzig Jahre alt werden, bevor ich vom Jane-Austen-Virus befallen wurde, aber wenn das Virus mal in der Familie ist, dann dauert es meist nicht lange, bis auch andere Familienmitglieder ansteckt. „Meiner“ war der Erste, was mich doch sehr erstaunte, können doch Männer, Romantiker hin oder her, gewöhnlich wenig mit Emma Woodhouse, Lizzie Bennet & Co. anfangen. Nun, „Meiner“ konnte und so ist es wohl kaum verwunderlich, dass Luise schon jetzt auf den Geschmack gekommen ist.

In den Ohren lag sie uns ja schon lange mit ihrem Wunsch, sie möchte doch endlich einmal die Verfilmung von „Emma“ sehen, doch nachdem unsere Nichten damals wenig begeistert gewesen waren von dem Film, wehrten wir ab, mit der Begründung, Luise würde sich bloss langweilen. Gestern aber liess sich unsere Tochter nicht mehr länger vertrösten und suchte bei YouTube nach Filmausschnitten. Natürlich wurde sie fündig und bald darauf sass sie schmachtend da, entrückt in eine andere Welt. In eine Welt, in der die Kleider schöner, die Männer galanter und die Liebe romantischer ist. Spätestens als Luise sehnsüchtig seufzte, als Mister Knightley und Emma sich hingebungsvoll küssten, wusste ich, dass es unsere Tochter ganz gewaltig erwischt hat. Man konnte die rosa Wölkchen, auf denen sie schwebte, förmlich sehen.

Das Ende des Trailers brachte Luise wieder auf den harten Boden der Tatschen zurück: „Ich glaube, ich werde nie einen Mann finden“, seufzte sie und ich wollte schon bemerken, dass es wohl heutzutage wirklich schwierig werden könnte, einen Gentleman wie Mister Knightley zu finden, als sie fortfuhr: „Mein Mann muss nämlich so schön sein wie Papa und so einen finde ich ganz bestimmt nicht.“ Karlsson, der daneben sass und nicht so recht wusste, ob er nun bei der romantischen Schwelgerei der beiden einzigen Frauen im Haus mitmachen sollte oder nicht, ermahnte seine Schwester: „Aber Luise, du weisst doch, dass es nicht nur auf die äussere Schönheit ankommt. Die innere Schönheit ist viel wichtiger.“ Luise überlegte einen Moment lang und sagte dann: „Aber Mama hat bei Papa auch auf die äussere Schönheit geschaut, als sie ihn geheiratet hat.“

Nun, ich meine, dass Luise sich noch ein wenig Zeit lassen soll mit der Frage nach dem Mann des Lebens, aber dass ich nun endlich weibliche Gesellschaft habe, wenn ich mir mal wieder einen Kostümfilm reinziehen will, freut mich natürlich ungemein. Denn auch wenn es schön ist, dass „Meiner“ meine Liebe zu Schnulzen teilt, so richtig schwelgen lässt sich eben nur mit anderen Frauen. Auch wenn diese Frau, mit der ich in Zukunft schwelgen werde, noch keine acht Jahre alt ist.

Verschmähte Liebe

Wer mich kennt, weiss, dass ich für die Kinder über fast jeden Schatten springe. Der FeuerwehrRitterRömerPirat wünscht sich eine jener unsäglichen Autorennbahnen mit Loopings zu Weihnachten? Natürlich kriegt er sie, auch wenn sowohl Mama als auch Papa von einer Welt ohne Autos träumen. Die Kinder möchten so furchtbar gerne einmal Toast Hawaii essen? Na dann, bereiten wir ihnen eben diese kulinarische Sünde zu. Wir können dann ja immer noch auf den Stockzähnen grinsen, wenn die Kinder erkennen müssen, dass aufgeweichtes Toastbrot mit Schinken, Käse, Ananas und Kirsche nicht der Gipfel aller Genüsse ist. Karlsson will deutsche Schlager und Ländlermusik hören? Nun, soll er doch, solange er es in einer einigermassen erträglichen Lautstärke tut. Und wenn er die Geschmacksverirrung danach durch das Hören von Bach, Mozart und Mani Matter ausgleicht, ist die Welt auch für uns wieder in Ordnung.

Sehr weit Anlauf nehmen musste ich allerdings, als ich neulich beim Wocheneinkauf über meinen Schatten sprang und je zwei Blut- und Leberwürste in den Einkaufswagen legte. Offen gestanden bin ich in meinem doch nicht mehr ganz kurzen Leben noch nie mit dieser Scheusslichkeit in Kontakt gekommen. Aber seitdem Karlsson für alles schwärmt, wovor Mama sich ekelt und seitdem der FeuerwehrRitterRömerPirat es seinem grossen Bruder gleichtun will, dämmerte mir, dass ich wohl nicht ewig meine Augen verschliessen könnte ob der blutrünstigen Schlemmerei, die da jeweils im Herbst getrieben wird. Von Menschen, die einem solchen Gelage schon beigewohnt haben, habe ich mir sagen lassen, dass die Sache ziemlich abstossend sein muss. Von aufspritzenden Säften berichtete man mir und von einem Gestank, der für Aussenstehende nicht eben appetitanregend sei. Und deshalb habe ich lange so getan, als wüsste ich nicht, wovon er redet, wenn Karlsson bat, ich möchte ihm doch einmal Blutwürste kaufen. Aber ich wusste, dass ich irgendwann würde nachgeben müssen und so lagen also die Würste letzen Donnerstag im Einkaufswagen und heute Mittag im heissen Wasser. Ich habe mal angenommen, dass man die Dinger in heissem Wasser gart, aber vielleicht war das vollkommen falsch. Ich weiss nämlich nicht, welches die korrekte Art ist, Blut- und Leberwürste geniessbar zu machen.

Ich weiss übrigens auch nicht, ob das Zeug tatsächlich spritzt, wenn man mit der Gabel dreinsticht, ich weiss nicht, ob das Zeug so eklig ist, wie es aussieht und schon gar nicht weiss ich, ob meine Söhne Blut- und Leberwürste nun mögen oder nicht. Alles was ich weiss, ist, dass die Würste so bestialisch gestunken haben, dass weder Karlsson, noch der FeuerwehrRitterRömerPirat noch der Zoowärter sie angerührt haben. Und so liegen sie da, unberührt und eklig, ein Zeichen meiner überschwenglichen Mutterliebe, die über jeden Schatten springt. Die Art von Mutterliebe, die beim heutigen Mittagessen so herzlos verschmäht wurde.

Worüber ich übrigens gar nicht so unglücklich bin. Man stelle sich mal vor, wie unser Speiseplan in Zukunft aussehen würde, wenn die Jungs die Würste geliebt hätten.

 

Da waren’s nur noch drei…

Drei Blinddärme, meine ich natürlich, die uns nächtens auf die Notfallsation treiben könnten, mit der bangen Frage im Kopf, ob der Kerl nun entzündet, bereits geplatzt oder völlig gesund ist. Zumindest bei zwei Kindern werden wir in Zukunft sagen können, dass es garantiert nicht der Blinddarm ist, der Kind und Eltern Bauchschmerzen bereitet. Luise ist den Ihren nämlich vergangene Nacht losgeworden. Jetzt liegt sie da und erholt sich, währenddem ich an ihrer Seite abwechslungsweise Handschuhe stricke, den Laden zu Hause via Fernsteuerung – auch unter dem Namen Handy bekannt – halbwegs unter Kontrolle zu halten versuche und die Welt an unserem neuesten Abenteuer teilhaben lasse.

Und ich muss gestehen: Auch wenn ich gerne auf das Drama verzichtet und Luise die Operation erspart hätte, es ist dennoch ganz schön, wieder einmal nur für ein einziges Kind da zu sein, es zu trösten, zu ermutigen und zu hätscheln. Und sich halb krank zu lachen über den Humor, den die unverwüstliche Luise gleich nach dem Aufwachen wieder entwickelt hat. Einfach köstlich, ihr dabei zuzusehen, wie sie mit gefährlichem Blitzen in den Augen und einem frechen Spruch auf den Lippen in ihrem Krankenbett auf und ab fährt.

Wenn ich zurückdenke an die ersten Stunden nach Karlssons Blinddarmoperation, dann wird mir klar, dass einiges anders ist als damals. Was nicht bloss daran liegt, dass Karlssons Blinddarm bereits seit zwei Tagen geplatzt war, bevor unser Erstgeborener endlich so richtig zu jammern begann, während Luises Blinddarm erst leicht entzündet war, als sie bereits weinte vor lauter Schmerz. Was übrigens nichts über den Umgang der beiden Kinder mit Schmerzen im Allgemeinen aussagt, denn oft ist Luise viel härterem Nehmen als Karlsson. Es liegt auch nicht nur daran, dass Karlsson damals von der Ambulanz im Hotel abgeholt werden musste, in dem wir die Ferien verbrachten, während Luise und ich gestern Abend viele Wartestunden hatten, in denen wir uns damit abfinden konnten, dass der Blinddarm weg muss. Und auch die Tatsache, dass ich damals schwanger und deswegen überempfindlich war, fällt nicht so sehr ins Gewicht.

Nein, der allergrößte Unterschied liegt darin, dass diesmal eben nicht alles neu und deswegen beängstigend war. Klar, auch in dieser Nacht brachte ich kein Auge zu, ehe meine geliebte Luise nicht wieder bei mir war. Und natürlich kamen auch diesmal Erinnerungen an Geschichten hoch, die man irgendwo gelesen hatte. Geschichten von Routineeingriffen, die in einem Drama endeten. Aber dank der Erfahrung, dass Karlsson damals eine weitaus schlimmere Blinddarmgeschichte unbeschadet überstanden hat, half mir, die düsteren Gedanken besser in Schach zu halten. Wir sind im Umgang mit dem Routineeingriff also einiges routinierter als auch schon. Auch wenn keine Geschichte gleich verläuft wie die andere, ruhiger ist man dennoch, wenn man zumindest ein bisschen weiß, worum es geht.

Den nächsten entzündeten Blinddarm werden wir dann wohl erkennen, bevor das Kind überhaupt Bauchschmerzen kriegt und den Übernächsten lassen wir präventiv entfernen, damit er gar nicht erst auf dumme Gedanken kommt.

Ach ja, und dankbar, dass das geliebte Kind wieder auf dem Wege der Besserung ist, bleibt man, egal, wie oft man schon größere und kleinere Dramen durchgestanden hat.

Zehn Jahre Mama Venditti

Bevor ich morgen auf zehn Jahre Karlsson zurückblicken werde, befasse ich mich heute mit der Mama, die ja auch morgen vor zehn Jahren das Licht der Welt erblickt hat. Ich befasse mich mit einer Mama, die damals sehr viele Dinge wusste, die sie heute nicht mehr weiss. Diese Mama wusste zum Beispiel, dass ihr kleiner, süsser Karlsson nie und nimmer im Elternbett schlafen würde. Kinder haben im Elternbett nichts verloren, darin waren „Ihrer“ und Mama Venditti sich einig. Der kleine Karlsson teilte übrigens die Meinung seiner Eltern und zeigte keinerlei Interesse an allzu viel elterlicher Nähe. Aber Karlsson bekam dann ja auch noch Geschwister, die das Dogma so sehr in Frage stellten, bis schliesslich weder Mama Venditti noch „Ihrer“ sich erinnern konnten, was denn so schlimm sein sollte daran, wenn hin und wieder mal ein kleines Menschlein ins Elternbett gekrochen kommt. Inzwischen sieht übrigens auch Karlsson die Dinge nicht mehr ganz so eng und so verbringt er die Nacht vor seinem zehnten Geburtstag im Elternbett, weil er sonst vor lauter Vorfreude nicht schlafen kann.

Mama Venditti wusste vor zehn Jahren aber auch noch andere Dinge, zum Beispiel, dass das Muttersein sie so sehr erfüllen würde, dass sie ihrem Beruf keine Träne nachweinen würde, obschon sie diesen innig geliebt hatte. Nun, es dauerte nicht allzu lange, bis Mama Venditti zu einer ziemlich unausgeglichenen, launischen Frau wurde, die sich nicht immer so an ihrem Dasein zu Hause erfreuen konnte, wie sie dies erwartet hätte. Leider aber dauerte es ziemlich lange, bis Mama Venditti begriff, woran es lag, dass sie so unausgeglichen und launisch war und deswegen machte sie sich a) den Alltag mit bitteren Selbstvorwürfen zur Qual und b) ihren lieben kleinen Kindern  das Leben mit einer Mama, die nicht wusste, wo das Problem lag, ziemlich schwer. Inzwischen hat Mama Venditti endlich herausgefunden, dass ihre Leidenschaft für ihre Kinder mehr zum Tragen kommt, wenn sie auch anderen Leidenschaften in ihrem Leben Raum gibt. Was nicht heissen soll, dass es die Kinder nun leichter haben mit dieser Mama, denn nun kommt es hin und wieder vor, dass diese diese anderen Leidenschaften mehr Raum einnehmen, als es Mama und Kindern genehm ist.

Dann war da noch die Sache mit dem Temperament. Mama Venditti hatte von ihrer Schwester und anderen Frauen immer wieder gehört, dass sie durch die Kinder viel ausgeglichener und ruhiger geworden seien. Mama Venditti, die schon als Kind mit ihrem hitzigen Temperament aufgefallen war, glaubte natürlich, dass bei ihr genau das Gleiche geschehen würde. Kaum würde sie ihr erstes Kind im Arm halten, würde sie die Ruhe selbst sein. Das glaubte sie ziemlich genau drei Wochen lang, dann flog erstmals mitten in der Nacht eine Schoppenflasche an die Wand, weil Mama Venditti das Weinen ihres entzückenden Kindes nicht mehr ertragen mochte. In den ersten Jahren fragte sich Mama Venditti noch, was bloss mit ihr falsch sei, dass sie einfach nicht ruhiger werden konnte, doch irgendwann begriff sie, dass die Kinder sie nicht zu einem vollkommen veränderten Menschen machen würden und dass sie lernen musste, ihr Temperament in solche Bahnen zu lenken, dass die Kinder nicht darunter leiden müssen. Inzwischen haben sich die Kinder daran gewöhnt, dass Mama Venditti hin und wieder in der Wut einen Teller auf den Fussboden schmeisst, sie wissen aber auch, dass diese Mama danach selber zum Besen greifen wird, um die Scherben aufzuwischen und dass diese Mama sich später auch für ihren Zornausbruch entschuldigen wird. Und vor allem wissen sie, dass diese Mama sehr viel Verständnis hat dafür, wenn ihnen auch mal eine Sicherung durchbrennt.

Ja, diese Mama Venditti wusste sehr viel, damals, vor zehn Jahren. Sie wusste, dass man auch sehr kleine Kinder mit einer gewissen Strenge erziehen muss, dass man einem Kind auf gar keinen Fall vor dem ersten Geburtstag Schokolade geben darf, dass Kinder am glücklichsten aufwachsen, wenn zwischen ihnen und ihren Geschwistern der perfekte Altersabstand liegt, dass man ein grosses Auto braucht, wenn man viele Kinder haben will und dergleichen mehr. Inzwischen ist viel passiert: Mama Venditti hat lernen müssen, dass rechthaberische Strenge nie zum erwünschten Ziel führt. Sie hat erleben dürfen, wie der FeuerwehrRitterRömerPirat im zarten Alter von sieben Monaten ein ganzes Stück Schokoladentorte verzehrt hat, ohne ernsthaften Schaden zu nehmen. Sie hat erfahren, dass es den „perfekten“ Altersabstand nicht gibt und dass es Paare auf dieser Welt gibt, denen die Kinder einfach so in den Schoss fallen, wann es den kleinen Menschlein und ihrem Schöpfer gerade passt. Und inzwischen weiss sie gar, dass eine grosse Familie auch ganz gut mit einem kleinen Auto auskommen kann.

Einiges aber hat die Mama Venditti, die vor zehn Jahren geboren wurde, nicht gewusst: Wie sehr diese Kinder, die ihr in den Schoss fielen, ihr Leben bereichern würden. Wie sehr sie diese Kinder ans Ende ihrer Kräfte treiben würden. Und vor allem, wie sehr  sie diese Kinder lieben würde. Jedes Einzelne mit seiner ureigenen Art.

Wenn nicht so, dann eben anders

Irgendwie scheint bei unseren Abenden zu zweit der Wurm drin zu sein. Da haben wir uns doch den ganzen Tag auf unseren Saunabesuch, den wir für heute Abend geplant hatten, und dann, nach dem Abendessen erfahren wir, dass Karlsson und Luise beide ihre Hausaufgaben sträflich vernachlässigt haben. Ausgerechnet heute können sie diese Hausaufgaben nicht ohne unsere Hilfe bewältigen, da sie Diktate zu üben haben. Und wer, außer „Meinem“oder mir kann ihnen den Text diktieren? Das Prinzchen vielleicht?

Nun, dann machen wir uns eben an die Arbeit, versuchen zwischen den Sätzen noch ein wenig Ordnung in die Küche zu bringen und den drei kleinen Jungs eine Gutenachtgeschichte zu erzählen. Irgendwann bemerkt das Au-Pair, dass wir es heute wohl nicht in die Sauna schaffen werden. Was ich so lange nicht wahr haben will, bis Luise zu schreien beginnt, weil das mit dem Diktat nicht so recht klappen will und „Meiner“ und ich uns in den Haaren liegen, weil jeder dem anderen die Schuld an der Misere in die Schuhe schiebt. Wahrlich ein romantischer Abend…

Was nun? Einen Streit vom Zaun reißen, damit es sich wenigstens gelohnt hat, zu Hause zu bleiben? Die Versuchung ist gross, doch dann schaffen wir es zu unserer eigenen Überraschung, uns am Riemen zu reißen und zu beschließen, dass wir die Waschküche aufräumen, um so Platz für die Sauna zu schaffen, die wir neulich geschenkt bekommen haben. Damit wir wenigstens in absehbarer Zukunft nicht mehr durch Diktate und anderen Kram von unseren entspannenden Wellness-Abenden abgehalten werden.

Nun ja, besonders romantisch war das nicht, dafür aber sehr staubig und effizient. Die Waschküche ist jetzt leer und wartet auf einen neuen Anstrich. Und dann, meine lieben Kinder, werden eure Eltern so oft und so lange in die Sauna gehen, wie ihnen beliebt.

Ach ja, man kann sich übrigens beim Aufräumen der Waschküche bestens unterhalten.


Ach, Prinzchen!

Musst du es denn wirklich so eilig haben mit gross werden? Eben noch warst du ein kleines, hilfloses Würmchen, das nichts konnte als schlafen, trinken, die Windel füllen und schreien und jetzt kurvst du schon gekonnt um die Möbel herum, beeindruckst uns mit erstaunlich langen Sätzen und bringst deine grossen Geschwister dazu, dir alles nachzumachen, was du ihnen vormachst. Einfach unglaublich, was so ein kleiner Mensch in nur zwei Jahren lernen kann.

Und das ist es, was mir so zu schaffen machst. Nein, natürlich nicht, dass du so viel gelernt hast. Darüber staune ich Tag für Tag. Aber dass du beim Grosswerden ein so rasantes Tempo an den Tag legen musst, dass du heute schon den zweiten Geburtstag gefeiert hast, wo du in meinen Augen doch immer noch ein Baby sein solltest, das fällt mir nicht so leicht, wie ich es erwartet hätte. Ist nämlich noch gar nicht so lange her, da hatte ich noch geseufzt: „Wenn er erst mal zwei wird, dann ist er aus dem Gröbsten raus.“ Und siehe da, du bist zwar aus dem Gröbsten raus, kannst sagen, wann du Hunger hast, kannst fragen, wo dein Nuggi ist, kannst dir selber „Happy Birthday“ singen und noch viel mehr. Aber seufze ich deswegen weniger? Oh nein, im Gegenteil, ich seufze mehr: „Ach, mein Baby, kannst du denn nicht ein klein wenig langsamer gross werden? Wie schön wäre es doch, wenn ich dich noch stillen dürfte!“

Ja, mein Prinzchen, so sentimental ist sie, deine Mama, aber damit wirst du wohl leben müsste. Das ist das Los der jüngsten Kinder. Aber gebührend gefeiert haben wir natürlich trotz der Sentimentalität. Wir haben dich mit Geschenken und Liebe überhäuft, bis es dir beinahe zu viel wurde. Wir haben dich besungen, bis du uns nur noch schräg angeschaut hast. Wir haben dich mit Kuchen und anderen Süssigkeiten gemästet, bis nichts mehr in dich hineinpasste. Und dein Papa und ich haben eins ums andere Mal zueinander gesagt: „Ist es nicht wunderbar, dass er zu uns gehört?“ Und stell dir vor, deine grossen Geschwister haben uns jedes Mal begeistert zugestimmt. Denk daran, falls sie dir in nicht allzu ferner Zukunft vorwerfen werden, du seist eine kleine Nervensäge. Denn das ist der Nachteil, wenn man zwei wird: Man verliert den Babybonus und wird allmählich zum lästigen kleinen Bruder.

Willst du nicht doch noch ein wenig warten mit Grosswerden? Also ich hätte bestimmt nichts dagegen, wenn du noch etwas länger klein bleibst…

Wesentliches

Wenn du einen Freitag lang mit Jonglieren beschäftigt warst, manchmal nicht mehr gewusst hast, wie du es schaffen sollst, alle Bälle gleichzeitig in der Luft zu halten, wenn du zwischen Wickeltisch, Sitzungszimmer, Kochherd und Computer hin und her gerannt bist und abends um sechs noch schnell Muffins gebacken hast, dann fragst du dich, ob du nun wirklich zu diesem Elternabend gehen sollst. Der sechste Spielgruppen-Elternabend deines Lebens. Kann der denn so wichtig sein, dass du und „Deiner“ die Wohnung im Chaos verlassen, die Arbeit unerledigt liegen lassen, das Au-Pair mit fünf aufgedrehten Vendittis alleine lassen müsst?

Wenn du eine Stunde später im schummrig beleuchteten Raum auf dem winzigen Stuhl sitzt, auf dem es sich gewöhnlich der Zoowärter bequem macht, wenn du in die Welt eintauchst, die bis jetzt jedem deiner Kinder so viel bedeutet hat, wenn du hörst, wie andere Eltern von ihren Kindern schwärmen und du dir selber Gedanken machst, was den Zoowärter denn so unglaublich liebenswert macht, wenn die Spielgruppenleiterin dir ins Bewusstsein ruft, wie die Welt in den Augen deines kleinen Sohnes aussieht, dann weisst du, dass dieser Elternabend das bedeutungsvollste Ereignis dieses langen Tages war. Wenn du die Bilder siehst, auf denen dein kleines Kind voller Stolz mit Freunden diesen riesigen Bambusstecken durch den Garten trägt, wie es mit voller Konzentration einen Klumpen Knete verarbeitet, wie es  eintaucht in diese Kindertraumwelt, dann wird dir einmal mehr bewusst, was für ein Geschenk es ist, Mama dieses Kindes zu sein.

Wenn du, nachdem du mit „Deinem“ noch kurz die Freiheit des kinderfreien Abends genossen hast, zu Hause am Computer sitzt, dann ist es wieder sonnenklar, was du im Alltag so schnell vergisst: Ein Familienzentrum zu gründen ist wichtig. Ein Buch zu schreiben ist wunderbar. Einen Haushalt zu führen ist herausfordernd. Freundschaften zu pflegen ist bereichernd. In der Gemeinde mitzumachen ist erfüllend. Den Kindern und „Deinem“ zu zeigen, dass du sie liebst, ihnen das Gefühl zu geben, dass sie einmalig sind und sie ernst zu nehmen, das ist alles zugleich: Wichtig, wunderbar, herausfordernd, bereichernd, erfüllend und noch so viel mehr.

Wärest du zu Hause geblieben und hättest den Elternabend sausen lassen, wer hätte dich dann darauf aufmerksam gemacht, worauf es wirklich ankommt im Alltag?

Seien wir doch ehrlich…

„Hätte ich das jetzt wirklich schreiben sollen?“, fragte ich mich, nachdem ich den Post über diesen völlig missratenen Dienstag veröffentlicht hatte. Soll ich meine Leser wirklich wissen lassen, dass ‚Meiner‘ trotz all seiner Qualitäten fähig ist, mich zu enttäuschen? Dass er nicht fehlerfrei ist, auch wenn man dies hin und wieder glauben könnte, wenn man mich von ihm schwärmen hört? Wo ich es doch nicht ausstehen kann, wenn (Ehe)partner übereinander herziehen, anstatt miteinander die Unstimmigkeiten auf den Tisch zu bringen und zu lösen.

Fast hätte ich den Text deswegen abgeändert, doch dann beschloss ich, ihn bleiben zu lassen, wie er ist. Denn welchen Wert hat es, wenn ich nur darüber berichte, wie gut „Meiner“ und ich harmonieren, es aber verschweige, dass bei uns hin und wieder die Fetzen fliegen, dass wir durchaus dazu fähig sind, einander zu enttäuschen? Nein, ich werde nicht in aller Öffentlichkeit über „Meinen“ herziehen, denn was ich an ihm auszusetzen habe, sage ich ihm lieber direkt. Aber würde ich nicht ein völlig verlogenes Bild von unserer Ehe malen, wenn ich alles, was das kitschige Gemälde der perfekten Beziehung stören könnte, ausklammern würde? Wie glaubwürdig wäre mein Geschreibsel, wenn ich alle Mängel überpinseln würde?

Wobei ich anfügen muss, dass die perfekte Beziehung in meinen Augen nicht frei ist von Konflikten, Enttäuschungen und sinnlosem Zanken über Alltägliches. Die perfekte Beziehung – so es diese denn gäbe – zeichnet sich in meinen Augen dadurch aus, dass sie mit den Konflikten, den Enttäuschungen, dem sinnlosen Gezanke und was die Ehe sonst noch mit sich bringt, umzugehen weiss. Dass sie Unangenehmes nicht unter den Teppich kehrt. Und vor allem, dass sie sich durch all dies die Liebe nicht nehmen lässt.

Nicht einfach, ich weiss. Zuweilen auch sehr mühsam und aufreibend. Aber seien wir doch ehrlich: Ich kann von „Meinem“ nicht verlangen, dass er mich trotz all meiner Mängel liebt, wenn ich ihm nicht die gleiche Grosszügigkeit entgegenbringe.